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Philip, ein Waisenjunge aus Solome, entdeckt eine Kraft, die er nie für real gehalten hat. Zusammen mit Emanuel reist er in die Stadt der Lichtmagier, um seine Magie zu trainieren. Doch der Schwarze Magier treibt sein eigenes Spiel mit den Lichtmagiern. Philip wird bald erkennen, dass ihm eine größere Aufgabe bevorsteht.
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Seitenzahl: 485
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Für das Leben auf der Straße gibt es klare Regeln.
Erstens: Überlebe. Egal, was ich dafür tun muss. Mein Wohlbefinden kommt an vorderster Stelle.
Zweitens: Hab keine Angst. Es gibt niemanden, der verängstigter ist als ich. Obwohl ich schon sechzehn Jahre alt bin, habe ich Panik vor allem. Sei es eine Spinne zwischen dem Holzbalken, eine Ratte am Wegesrand oder ein knarzendes Geräusch bei Nacht.
Drittens: Gehe Ärger aus dem Weg. Was gar nicht so einfach ist, wenn man ein Waisenkind ist, das aus dem Waisenhaus floh. Ich halte mich nur mit Diebesgut über Wasser und schlafe in einer einsturzgefährdeten Ruine. Zu stehlen ist nicht nur Schwerstarbeit, es ist darüber hinaus verflucht heikel. In meiner Heimat Solome wimmelt es nur so von Wachleuten. Sie sind dazu angehalten, Flüchtlinge wie mich, einzusacken und ans Waisenhaus zu übergeben. Aber ich denke gar nicht daran, wieder dorthin zurückzukehren. Das führt zur nächsten Regel.
Viertens: Halte dich vom Waisenhaus fern. Einmal geflohen, weißt du nie, was sie mit dir machen, wenn du zurückgehst. Das Leben dort ist grausam. Kinder werden geschlagen, wenn sie ihre Aufgaben nicht erledigen. Uns ist es untersagt zu spielen, zu lesen oder zu singen. Dafür sollen wir verschiedene Arbeiten leisten: Nähen, stopfen, stricken, bügeln, waschen, polieren. Die Arbeit war hart und ging von früh morgens bis spät in die Nacht hinein. Ich habe zusammen mit anderen Kindern lange Zeit den Garten des Waisenhauses gepflegt, Unkraut gejätet und Blumen gepflanzt, um den Schein eines guten Hauses zu wahren. Dafür gab es einmal täglich eine Mahlzeit. Doch verrichteten wir unsere Arbeit nicht zur vollsten Zufriedenheit der Aufsichten, kassierten wir Schläge, Hausarrest oder bekamen kein Essen. Am Ende des Tages blieb keine Kraft mehr übrig, um fröhlich zu sein. Ich stürzte ins Bett, nur um wenige Stunde später wieder aufgejagt zu werden, um da weiterzumachen, wo ich aufhörte. Wer hätte unsere Aufseher davon abhalten sollen? Wir alle waren ohne Familie, es gab niemanden, der uns beschützte oder am Tagesende in seine liebenden Arme schloss. Wir hatten nur uns. Ich habe diesen Ort gehasst. Und deshalb bin ich dort ausgebüchst.
Aber davon abgesehen ist Solome eine wunderbare Stadt. Klein und beschaulich, umgeben von hohen Mauern, die mich von den saftigen Wiesen und grünen Wäldern trennt. Es wäre ein Leichtes, hinauszuspazieren und meiner Heimat den Rücken zukehren. Und schon sind wir wieder beim Thema Angst. Nichts würde mich dazu bringen, Solome zu verlassen und außerhalb der Mauern auf eine Hexe oder ein Monster zu treffen. Es wird erzählt, dass Hexen Kinder fressen und in den Wäldern Gestalten hausen, denen man lieber nicht über den Weg laufen möchte. Eigentlich erwartet mich nur der Tod und dennoch träume ich seit einiger Zeit davon, Solome hinter mir zu lassen. In diesen Träumen erscheint ein geheimnisvoller Mann, gehüllt in einen grünen Umhang. Sein langer Stock gleitet über den Boden, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Ein blauer Schimmer umhüllt ihn wie ein Nebel und lässt ihn fast übernatürlich erscheinen. Der Traum ist kurz, doch seine Wiederholung in letzter Zeit ist unheimlich. Ist es ein Zeichen, oder war es nur mein unruhiger Geist?
Kapitel 1 : Der Fremde
Kapitel 2 : Dunkle Magie
Kapitel 3 : Ausweg
Kapitel 4 : ?
Kapitel 5 : Der letzte Tag
Kapitel 6 : Lichtmagie
Kapitel 7 : Ganz allein in der Fremde
Kapitel 8 : Der Fall
Kapitel 9 : Lumina
Kapitel 10 : Herr von Vontaine
Kapitel 11 : William Ayton
Kapitel 12 : Das Urteil lautet ...
Kapitel 13 : Feuer und Wasser
Kapitel 14 : Unentdeckte Mächte
Kapitel 15 : Eine finstere Überraschung
Kapitel 16 : Drei gegen einen
Kapitel 17 : Zweifel
Kapitel 18 : Vertraue niemals deinem Feind
Kapitel 19 : Wenn James nur wüsste
Kapitel 20 : Die Wahrheit kommt immer ans Licht
Kapitel 21 : Die Angst bleibt
Kapitel 22 : Schützen, was schützenswert ist
Kapitel 23 : Was er nun begreift
Kapitel 24 : Grausamkeit im Herzen
Kapitel 25 : Loyalität und Lügen
Kapitel 26 : Das ist nicht fair
Kapitel 27 : Opfer aus Hoffnung
Kapitel 28 : Eine rettende Hand
Kapitel 29 : Hals über Kopf
Kapitel 30 : Hexenmagie
Kapitel 31 : Tag und Nacht
Kapitel 32 : Der Weiße Magier
Kapitel 33 : Das ist noch lange nicht das Ende
Epilog
Danksagung
Die Wachen haben ihre Augen überall – heute scheinen es mehr zu sein als je zuvor. Ein unbehagliches Gefühl schnürt mir die Kehle zu, aber ich weiß, was zu tun ist, um nicht aufzufallen. Langsam schlendere ich über den Markt, die Stimmen der Händler und das geschäftige Treiben um mich herum machen es mir schwer, mich zu konzentrieren. An einem Stand bleibe ich stehen, die Farben des frischen Obstes leuchten verlockend vor mir. Kaufen kommt für mich nicht in Frage. Selbst die kleinen Beträge, die ich mir hier und da gestohlen habe, sind nicht genug. Mein Magen knurrt laut und ich halte meinem Bauch. Der verführerische Duft der reifen Früchte zieht mich an, und obwohl ich weiß, dass ich es nicht sollte, kann ich nicht anders, als nach ihnen zu greifen. Das Risiko, entdeckt zu werden, ist groß, aber die Versuchung ist größer. Ich spüre, wie eine Wache aufmerksam wird. Ich sehe mich um, als wäre ich auf der Suche nach meiner Mutter und rufe sie einige Male. Dass das nur eine Farce ist, bemerken die Wachen zunächst nicht, aber einer der beiden Aufseher deutet auf mich und mein schäbiges Aussehen. Zerrissene Kleidung und ein schmutziges Gesicht zeugen nicht von einem wohlbehüteten Kind. Geliebte und geborgene Kinder tragen saubere und genähte Kleidung. Ich hingegen trage ein übergroßes Leinenhemd, das ich letzten Winter von einer Wäscheleine gestohlen habe. In Kombination mit der schmutzigen braunen Hose mit Löchern an den Knien und Franzen am Saum, ist nicht zu übersehen, dass ich ein Kind der Straße bin.
Die Wachen tauschen nur einen Blick, nicken und kommen augenblicklich auf mich zu. Oh oh - das ist nicht gut! Ich greife in den Obststand hinein und stopfe das, was mir zuerst unter die Finger kommt, in meine Taschen. Sofort nehme ich die Beine in die Hand. Die beiden Flurhüter stürzen mir prompt nach.
»Haltet ihn! Schnappt den Dieb!«, johlt es hinter mir. Ich drehe mich nicht um, sondern laufe um mein Leben. Auf der Suche nach einem passenden Versteck quetsche ich mich durch Gassen und Gänge der verschachtelten Stadt, und laufe dabei immer dichter zur Stadtmauer hin.
Ich hetze die Wachmänner durch Solome, doch sie jagen gnadenlos hinter mir her. Meine Lungen schmerzen und die Beine tun mir weh. Die Wachen von letzter Woche haben wesentlich früher das Handtuch geschmissen. Panisch laufe ich in eine enge Gasse zwischen zwei furchtbar hohen Hauswänden hindurch, werde jedoch von der meterhohen Stadtmauer ausgebremst, die meine Flucht augenblicklich beenden sollte. Jetzt muss ich wohl aufgeben. Den Wachen völlig ausgeliefert, presse ich mich ängstlich mit dem Rücken an die Mauer und muss dabei zusehen, wie die zwei Männer sich durch die Gasse quetschen, um an mich heranzukommen. Im Momentbreche ich Regel Nummer zwei. Keine Angst haben? Wieso habe ich mir ausgerechnet diese Regel ausgedacht? Die Angst bestimmt seit Jahren über mich und mein Handeln. Der Gedanke, von den Flurhütern erwischt zu werden, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Wenn sie mich fassen, breche ich die vierte Regel – und das würde nicht nur mein Schicksal besiegeln, sondern könnte auch das Ende für alles sein, was ich je gekannt habe. Ich habe gehört, die Gefängniszellen sind kalt und nass. Nein! Ich will weder eingesperrt, noch zurück ins Waisenhaus gebracht werden. Nicht zu diesem schrecklichen Ort!
Ich drehe mich zur Mauer und betrachte die Steine. Es muss einen Weg hier heraus geben! »Dort! Er kann nicht weg, hol ihn dir!«, brüllt der eine zum anderen. Mein Herz pocht wie wild gegen meine Rippen. Jetzt gehen mir die Möglichkeiten aus.
Ich greife nach einem hervorstehenden Stein in der Mauer und finde Halt. Mit einem festen Griff bohre ich meinen Fuß in eine Vertiefung und spüre, wie sich die rauen Kanten gegen meine Haut drücken. Langsam arbeite ich mich nach oben, die wackeligen Steine unter mir halten mein Fliegengewicht locker aus. Bis zum letzten Schritt zwinge ich mich, nicht nach unten zu sehen. Keine Ahnung, ob mir die Männer nachklettern. Oben angekommen, wage ich einen Blick nach unten und ein triumphierendes Grinsen breitet sich auf meinem Gesicht aus. Die beiden muskelbepackten Wachen kämpfen mit dem brüchigen Felsen, ihre kraftvollen Arme scheitern daran, Halt zu finden. Sie brechen die Steine heraus und rutschen wieder ab. Bevor sie sich mein Gesicht einprägen können, laufe ich flink entlang der Mauer, mein Herz flattert vor Aufregung. Vor mir breitet sich die Landschaft aus: saftige grüne Wiesen, die fruchtbaren Felder der Bauern – ein Anblick, der gleichzeitig beruhigend und berauschend ist.
Doch dann zieht etwas Dunkles meine Aufmerksamkeit an, das aus dem Wald schlüpft. Ein älterer Herr mit einem langen Gehstock nähert sich mit entschlossenen Schritten. Er humpelt nicht und läuft auch nicht komisch. Ein Wanderer vielleicht? Als ich näher hinsehe, erkenne ich den dunkelgrünen Umhang, der ihn einhüllt. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Er kommt direkt auf Solomes Pforten zu, die zu jeder Zeit offenstehen. Er wird in einigen Minuten hier sein, dann kann ich mir den Wanderer genauer ansehen.
Als sich die Gelegenheit bietet und die Luft rein ist, schlüpfe ich hinab und tauche in ein anderes Viertel von Solome ein. Hier stehen nur noch verlassene, verfallene Häuser, die von der Zeit gezeichnet sind. Die meisten Bewohner sind längst in die Innenstadt geflohen, dem Markt und dem Brunnen näher, während diese Gegend immer mehr verwildert. Ein Glück für mich – für uns. Denn ich bin nicht allein hier.
Entschlossen, meinem Freund einen kurzen Zwischenbesuch abzustatten, mache ich mich auf den Weg zu einem heruntergekommenen Häuschen, dessen Wände durch Wind und Wetter stark mitgenommen sind. Mehrere Holzbalken des Obergeschosses sind bereits ins Erdgeschoss gestürzt, und der Eingang ist ein schmaler Spalt, durch den ich mich quälen muss. Als ich hindurchschlüpfe, lande ich in dem einzigen Raum, der noch bewohnbar ist. Hier haben wir unser kleines Reich eingerichtet.
Auf dem staubigen Boden sitzt ein kleiner Junge, kaum älter als neun Jahre, und schaut mich mit einem schelmischen Grinsen an.
»Philip!«, flüstert er, die Stimme vor Freude bebend. Im nächsten Moment springt er auf und schlingt die Arme um mich. Seine Eltern hatten ihm den Namen Edward gegeben, bevor sie eines Nachts spurlos die Stadt verließen – und nie zurückkehrten. Damals war ich sieben Jahre alt, als er vor den Toren des Waisenhauses auftauchte. In weiße Tücher gewickelt, lag er in einem kleinen Korb, wie ein verlorenes Geschenk an die Welt. Niemand wusste, ob seine Eltern ihn selbst dort abgelegt hatten oder jemand anderes. Aber von da an wuchs er mit mir im Heim auf, bis er, nur ein Jahr nach mir, die Flucht ergriff. Weil er mich vermisst hatte, wie er behauptete. Edward war zweifellos einer der Jüngsten, die jemals den Mut aufbrachten, das Waisenhaus hinter sich zu lassen.
»Hey, Edward. Ich hab dir einen Apfel mitgebracht, wie versprochen.« Mit einer schnellen Bewegung greife ich in meine Tasche und hole den glänzenden, roten Apfel hervor. Edward lächelt breit, seine Augen leuchten vor Freude, als er ihn gierig in seine Hände schließt und genussvoll hineinbeißt. Das saftige Knacken des Apfels erfüllt die Luft, und für einen Moment scheint sich die Welt um uns nur um diesen Apfel zu drehen. Für mich bleibt nur die andere Tasche – und das, was darin steckt.
»Gab’s Ärger? Du warst lange fort« bemerkt Edward, indes er weiter an seinem Apfel knabbert. Seine Stimme klingt besorgt. Und dazu hat er jedes Recht. Immerhin habe ich Regel Nummer drei gebrochen: Gehe Ärger aus dem Weg.Ich erzähle ihm von der Verfolgungsjagd mit den Wachen.Seine Augen weiten sich, funkelnd vor Aufregung, während ich jedes Detail ausschmücke. Er saugt die Geschichte auf, als wäre es die spannendste Erzählung der Welt, und beißt beinah in den Apfelgrips. Ed hält inne und begutachtet mich kritisch.
»Hast du auch etwas für dich?« Ich nicke stolz und klopfe auf die andere Tasche.
Ich ziehe das Diebesgut hervor und seufze. Eine Birne. Natürlich. Ich hasse Birnen.
Edward lacht lauthals auf. »Keine Sorge, zu dieser Zeit schmecken sie ein bisschen anders als sonst. Außerdem sieht sie noch unreif aus. Probier es erst, bevor du dich dazu entscheidest, gar nichts zu essen.« Edward mag klein sein, aber er versteht mich. Seine Anwesenheit ist segensreich, auch wenn er manchmal schwer zu ertragen ist – besonders, wenn seine düsteren Gedanken die Überhand gewinnen. Dann jammert er, dass wir sterben, erfrieren oder geschnappt und zurückgeschickt werden. Jeden Tag ein neues Ende der Welt in seinen Augen. Doch die meiste Zeit ist er entspannt, und diese Momente schätze ich sehr.
Ich habe ihm einst versprochen, auf ihn aufzupassen, und das werde ich auch. Egal, wie oft er sich beschwert. Edward hat noch viel zu lernen, bevor er alleine losziehen kann. Bis dahin stehe ich an seiner Seite – als sein Beschützer, sein Lehrer und manchmal nur als sein Freund.
Nachdem unser kurzer Plausch beendet ist, kehrt meine Erinnerung an den mysteriösen Wanderer zurück. Der Mann im grünen Gewand müsste inzwischen die Stadt erreicht haben. Neugier treibt mich an, so verlasse ich den Unterschlupf und schleiche stets wachsam durch die Gassen. Mein Ziel: der Marktplatz, das pulsierende Herz der Stadt. Doch als ich ankomme, versperrt mir eine aufgeregte Menschenmenge den Weg. Die Leute drängen sich dicht aneinander, wie Motten, die ins Licht fliegen.
Ich bin zu klein, um etwas zu sehen, also mache ich das Einzige, was mir bleibt: Ich kugle mich ein und krabble auf allen Vieren durch die Beine der Menschen hindurch. In der zweiten Reihe richte ich mich auf und sehe endlich, was die Aufmerksamkeit aller auf sich zieht: der Wanderer. Er steht reglos da. Seine Kapuze verdeckt das Gesicht noch immer, doch sein schwarzer Stock mit den silbernen Ornamenten ragt aus dem Mantel hervor – genau wie in meinen Träumen.
Eine Wache tritt an ihn heran. Ihre Stimme ist scharf. »Was wollt Ihr hier? Fremde sind hier nicht willkommen!«
Der Wanderer bleibt ungerührt. »Ich bitte um eine Audienz mit Eurem Stadtherrn. Nur mit ihm möchte ich sprechen.« Seine tiefe Stimme hallt wie ein fernes Donnern und jagt mir eine Gänsehaut über den Rücken.
Die Menge weicht zurück, zwischen ihnen bildet sich eine Gasse. Der Stadtherr, Graf Theodor von Solome, schreitet hindurch, mit hoch erhobenem Kopf und einem selbstgefälligen Lächeln. Er ist noch nicht lange Oberhaupt der Stadt, hat für sich jedoch in der kurzen Zeit für weitaus mehr Respekt gesorgt als der vorherige Stadtherr. Die Bürger verbeugen sich, die Mädchen machen einen Knicks. Ein Lächeln umschmeichelt die Mundwinkel, des anmutigen Grafen. Doch aus dem Zusammenspiel zwischen seiner blassen Haut und den dunklen Locken, die ihm bis zur Schulter reichen, wirkt das Lächeln selbstgefällig. Er genießt den Moment, bevor er sich dem Fremden widmet.
»Willkommen in Solome, werter Herr. Was führt Euch her?« Der Graf spricht mit einer aufgesetzten Freundlichkeit, aber seine Augen blitzen misstrauisch auf.
»Ein Sturm zieht auf, die Vögel fliegen tief«, antwortet der Wanderer mit einer leichten Verbeugung. »Ich bitte um Schutz, bis sich das Wetter bessert.« Der Graf zögert kurz, dann schnipst er mit den Fingern, und ein dicker Wirt tritt vor.
»Bringt den Wanderer in Euer Wirtshaus.« Der Wirt nickt eifrig und führt den Fremden fort. Als die Menge sich auflöst, dreht sich der Wanderer zu mir um. Für einen Moment trifft sein Blick meinen, und mein Herz setzt aus. Schnell wende ich mich ab und mache mich aus dem Staub.
Auf dem Rückweg schnappe ich mir einen Fisch von einem unbesetzten Marktstand – ein kleiner Trost für mein klopfendes Herz. Dieses Mal verfolgt mich niemand, also bringe ich den Fisch zu Edward. Als der Abend hereinbricht, entzündet er ein kleines Feuer, um den Fisch zu braten, während meine Gedanken noch immer um den Fremden kreisen. Der Stock, die Ornamente… wer ist dieser Mann?
»Starr nicht ins Feuer«, warnt mich Edward, der mich aus meinen Gedanken reißt. »Das bringt Pech.« Ich blinzele und nehme das Stück Fisch, das er mir reicht. Er murmelt etwas vor sich her, was mit Gräten zu tun hat, aber meine Gedanken schweifen wieder ab. Irgendwann schlafe ich neben dem kleinen Feuer ein.
In der Früh weckt mich Edward mit einem leisen Flüstern.
»Jemand schleicht draußen herum«, sagt er nervös. »Schon eine Weile.« Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen und stehe auf, schleppe mich müde hinaus in die kühle Dämmerung. Tatsächlich, da ist jemand – eine dunkle Gestalt, die im Schatten der Nacht mit etwas herumfuchtelt. Plötzlich blitzt es in einem tiefen Rotton auf, und ein lauter Knall erschüttert die Stille. Mein Herz rast. Vor meinen Augen geht das Dach des Hauses eines Bewohners in Flammen auf. Im Nu stürmt eine Frau im Schlafhemd hinaus, die Wache, die den Wanderer so unfreundlich empfangen hatte.
Die Stadt erwacht in Panik. Die Glocken im Kirchturm werden geläutet und Menschen strömen aus ihren Häusern, schöpfen eimerweise Wasser und versuchen, das Feuer zu löschen – vergeblich. Die Flammen fressen sich unaufhaltsam durch das Haus. Ich renne los, hole Eimer, doch als ich zurückkehre, sehe ich ihn: den Wanderer im grünen Gewand. Er steht abseits des Geschehens und erhebt seinen Stab in den Himmel. Ein hellblauer Blitz schießt in die Wolken. Es donnert, und unerwarteterweise beginnt es zu regnen – ein heftiger, alles durchdringender Regen, der das Feuer erstickt.
Ich bin starr vor Schock. Hat er nun das Feuer gelegt? Versucht er, es zu löschen? Oder beides? In dem Moment lasse ich die Eimer fallen, und der Wanderer dreht sich um, seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Mein Blick haftet auf ihm, aber bevor ich etwas sagen kann, verschwindet er in den Gassen.
Zurück am Brandherd tuscheln die Leute. Wie es denn sein könne, dass so plötzlich Feuer ausbricht und dann unerwarteter Regen einsetzt. ›Magie‹, höre ich sie flüstern, ›der Fremde‹ wispern einige andere. Sie ahnen nichts von dem, was ich weiß. Niemand wird einem sechzehnjährigen Waisenkind glauben. Doch ich kenne die Wahrheit – und sie brennt heißer als jedes Feuer.
Das Feuer hinterlässt eine einzige Spur der Verwüstung. Obwohl der Regen zumindest verhinderte, dass die Flammen auch auf andere Dächer und Fassaden überspringt, konnte jener die Behausung nicht retten. Ich bin völlig außer mir! Bislang waren Magie und Hexerei nur düstere Schauermärchen für mich, flüsternde Geschichten zwischen Händlern und neugierigen Käufern. Aber jetzt habe ich es mit eigenen Augen gesehen – echte Zauberer, wahre Magie! Aber mir ist klar, dass hinter dieser Magie eine üble Absicht steckte.
Je intensiver ich mir den Kopf über das Gesehene zerbreche, desto größer werden meine Selbstzweifel. Vielleicht war es bloß eine Einbildung. Habe ich wirklich gesehen, wie ein Mann einen Blitz mit den bloßen Händen auf das Dach schleuderte? War es nicht doch nur ein gewöhnlicher Blitzschlag? Nein, unmöglich. Der Blitz kam von unten, von einer Person. Ich habe ihn gesehen! Edward hat ihn bemerkt, und meine Neugier trieb mich ihm nach. Das war keine Einbildung. Doch wer steckt hinter diesemAngriff? Wer hat es auf das Haus und die Stadtwache abgesehen? War es dieser Fremde in Grün? Das Gefühl, dass er der Schlüssel zu all dem ist, lässt mich nicht los. Zumal mir meine Träume immer wieder diese Person offenbarten. An ihm ist irgendetwas faul.
Grübelnd mache ich mich auf den Weg zurück in unser Versteck. Mein Kopf ist voller Fragen, und eine dunkle Vorahnung begleitet jeden meiner Schritte. Edward ist beschäftigt, alle Löcher in der Decke zu stopfen. Als ich hereinkomme, bedenkt er mich mit einem aufmunternden Grinsen. Ich widme ihm ein fades Lächeln, bemühe mich jedoch darum, mir nicht anmerken zu lassen, wie tief der Schock darüber sitzt, was ich zu Gesicht bekam. Ich bin mir sicher, dass sich mein Freund nicht täuschen lässt, trotzdem hält er sich zurück.
»Du bist nass«, ist alles, was er anmerkt. Verträumt schaue ich an mir hinab und bemerke erst jetzt, dass er recht hat. Ich bin bis auf die Unterhose durchnässt und mir ist kalt. Edward kichert und wendet sich wieder seiner Arbeit zu. Ich hingegen streife mir die tropfende Kleidung vom Leib und tausche sie gegen trockene. Diese ist zwar nicht unbedingt in einer besseren Verfassung, aber zumindest wird mir wieder warm. Zur Unterstützung heize ich einen kleinen Ofen an, der den Einsturz der Dachbalken überstanden hat. Ich knie mich vor die Tür, schlage zwei Steine aneinander und entzünde beim ersten Aufeinanderschlagen einen Funken, der das Papierknäuel im Ofeninneren entzündet. Sofort entflammt das Papier und ich bedecke es mit einer Kohle. Das sollte uns die nächsten Stunden warm halten und vor einer Erkältung bewahren.
Ich starre in die Flammen und überlege, ob ich Edward etwas von meinen Entdeckungen erzählen sollte. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie er reagieren wird. Hexerei ist hier ein Reizthema, und die Meinungen könnten nicht gegensätzlicher sein: Einige Menschen glauben nicht daran, andere verbreiten das Wissen um ihre Existenz, aber wollen Hexen und Magier am liebsten vernichtet sehen. Welche Gründe es dafür gibt, lässt sich mir nicht erschließen. Angst und Eifersucht könnten eine Rolle spielen, oder aber der Machtverlust der Menschen, wenn sie wissen, dass etwas über ihnen stehen könnte. Aber das sind nur Spekulationen. Und obwohl Edward der einzige Mensch ist, dem ich vertraue, habe ich Angst vor dem, was passiert, wenn ich ihm die Wahrheit sage. Was, wenn er mich von nun an für verrückt hält?
»Alles okay bei dir?«, holt mich seine Stimme aus meinen düsteren Gedanken zurück. Ich merke, dass ich unentwegt an die Wand gestarrt habe, und blinzle die Tränen vom Starren davon.
»Ja, alles gut«, lüge ich und erzähle ihm schnell von dem brennenden Dach, das durch den Regen gelöscht wurde. Das war nicht meine beste Ablenkung, aber irgendwie scheint es zu funktionieren.
»Ist der Frau etwas geschehen?«, fragt er. Ich schüttle eifrig den Kopf und erzähle ihm, was passiert ist – ohne die Details über Magie, Blitze oder seltsame Umhänge. Das erspare ich ihm.
Später am Tag machen wir uns auf den Weg zum Markt, die Sonne brennt heiß auf unsere Gesichter. Ich verliere einen flüchtigen Blick auf das zerstörte Haus der Wache. Es ist ein Bild des Elends. Wer weiß, wo die Familie jetzt unterkommen wird. Das Haus ist nicht mehr bewohnbar. Häuser fallen hier oft in sich zusammen, und der Graf hat Wichtigeres zu tun, als sich um jeden Schaden zu kümmern.
Mein Blick wandert über den Markt und bleibt am Obststand hängen. Da steht er: der Fremde im grünen Umhang, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, der Stock fest in der Hand. Er kauft ein, als würde er für eine ganze Familie sorgen, mehr als Edward und ich in einer Woche essen könnten. Merkwürdig. Er zahlt mit einem vollen Lederbeutel Münzen. Wanderer haben doch normalerweise nicht so viel Geld. Oder zaubert er sich welches?
Bevor er mich bemerkt, wende ich mich ab und stolpere zu Edward, um ihm beim Tragen des Wassereimers zu helfen. Ich ignoriere sein fragendes Gesicht und nehme ihm den Eimer ab. Immer wieder sehe ich den Fremden vor meinem inneren Auge, wie er mit einem blauen Blitz den Regen herbeirief. Was würde ich dafür geben, solche Kräfte zu haben!
Auf meine Frage hin, ob wir noch ein wenig die Sonne genießen wollen, verneint mein kleiner Freund. Es ist ihm lieber, sich zu verstecken. Die Angst, wieder ins Waisenhaus zurückzukehren, ist viel zu groß, um die Gefahr einzugehen, aufgeschnappt zu werden. Solome ist zwar groß, aber nicht groß genug, um als einzelne Person in der Masse unterzugehen. Obwohl ich eigentlich derjenige bin, der sich vor allem und jedem fürchtet, entscheide ich mich dazu, unseren Unterschlupf noch einmal zu verlassen – ohne Ed.
Ich schleiche mich geschwind durch die Straßen, drehe mich immer wieder um die eigene Achse, um sicherzugehen, dass ich keine Aufmerksamkeit auf mich ziehe. Ohne Vorwarnung stoße ich mit jemandem zusammen, als ich mit dem Rücken voran weiterlaufe.
»Verzeiht«, murmle ich, gerade dabei weiterzugehen. Wenn ich in eine Wache gepurzelt bin, wird das furchtbare Konsequenzen nach sich ziehen. Jene würde mich am Genick packen und mich nach meinen Eltern fragen. Und wenn sie dann herausfindet, dass ich gar keine habe, sondern ein Straßenkind bin, dann–
»Du schon wieder«, fährt mich eine trockene, aber bedrohlich klingende Stimme an. Ich gewinne einen Schritt Abstand und begutachte den fremden Wanderer, der seine Kapuze abnimmt. Seine schulterlangen, blonden Haare schimmern im Sonnenlicht, und seine stechend blauen Augen lassen mich frösteln, obwohl die Sonne heiß auf meiner Haut brennt. Seine Stimme klingt väterlich und seine Gesichtszüge weichen auf, wie er mich begutachtet.
»Verzeiht vielmals, Herr«, stammele ich, bemüht, gewählt zu sprechen, obwohl sich Edward und ich einem anderen Jargon bedienen. Wie oft hatten die Aufseher im Waisenhaus eingetrichtert, uns ordentlich zu artikulieren. Wir verstanden nur nicht, wieso. Schließlich brachte uns eine gute Aussprache und eine gewählte Wortwahl auch nicht hinaus. Aber jetzt könnte es mich aus der Bredouille bringen. Als der fremde Mann mir die Schulter tätschelt, atme ich lautlos auf.
Er mustert mich einen Moment und reicht mir dann einen abgedeckten Korb.
»Für dich und deinen Freund. Ihr braucht etwas zu essen. Und was du heute gesehen hast… vergiss es. Das war nicht für deine Augen bestimmt.« Sein Tonfall ist ruhig, doch der erhobene Finger an seinen Lippen spricht Bände: Stillschweigen. Ein Wort von mir und er könnte Ärger mit dem Stadtherrn bekommen. Der letzte Besucher, der dem Grafen einige Kunststücke offenbarte, wurde wegen Hexerei angeklagt und von einem Inquisitor hingerichtet. Das ist noch nicht lange her.
»Verratet mir Euren Namen. Bitte.« Der Fremde will sich umdrehen, doch hält inne, um mir diese Frage zu beantworten. Er sieht mich eindringlich an und versucht, damit zu bewirken, dass ich es nicht mehr wissen will. Aber ich bleibe standhaft und wiederhole meine Bitte.
»Emanuel de Vontaine«, antwortet er kurz und knapp. Er setzt sich die Kapuze wieder auf und zieht sie sich ins Gesicht. Wäre die Kutte nicht leuchtend grün, könnte er auch als Henker durchgehen. »Vergiss nicht, Philip«, raunt er über die Schulter hinweg, als er sich bereits umdrehte. »Kein Wort zu irgendwem!« Ich bleibe wie erstarrt stehen, unfähig, mich zu rühren. Woher, um alles in der Welt, kennt er meinen Namen? Die einzigen Begriffe, die mir hier an den Kopf geworfen werden, beschränken sich auf ›Schelm‹, ›Bengel‹, ›Tor‹ und gelegentlich auch auf ›Lausbub‹. Keiner dieser Begriffe lässt auf meinen Namen deuten. Ich sehe ihm nach, bis er im Wirtshaus verschwindet, in dem er ein Zimmer bezieht.
Ich verharre eine gefühlte Ewigkeit in den Gassen Solomes. In Gedanken versunken trete ich kleine Steine von mir weg und denke scharf nach. Was will Herr de Vontaine in dieser Stadt? Ich meine, wir können von Glück sprechen, dass er hier ist. Dieser Angriff hätte ganz Solome niederbrennen können und wir wären alle obdachlos gewesen. Wieso hat er das getan? Erst das Dach mit diesem dunkelroten Blitz entzündet und einige Momente später jenes mit einem blauen Strahl gelöscht? Da stimmt etwas nicht. In mich gekehrt, denke ich über die letzte Nacht nach und suche Gemeinsamkeiten zwischen Angriff und Rettung. Während sich die Situation in meinem Kopf von vorne abspielt, bemerke ich, dass die Staturen der beiden einige Unterschiede aufwiesen. Der Angreifer war viel schmaler als de Vontaine und trug einen dunklen Umhang. Ich bezweifle, dass sich der Wanderer extra umzog, um zu Hilfe zu eilen. Die Magie des Angreifers war auch anders. Dunkelrot und so heiß wie das Feuer, das entfacht wurde. De Vontaines Kraft hingegen war eiskalt und blau, wie der Regen selbst. Es muss sich eindeutig um zwei verschiedene Wesen handeln. Wesen, von denen ich glaubte, sie gäbe es nur als Geschichten in den weiten Wäldern von Solome ... und nicht mitten in einer Stadt.
Ich setze an, um nach Hause zu gehen, immerhin habe ich mich schon viel zu lange draußen aufgehalten. Mittlerweile ist es dunkel geworden. Zu gefährlich für ein Waisenkind,um jetzt noch herumzuirren.
»Ist dies neues Diebesgut, du nichtsnutziger Tor?«, brüllt eine Wache, als sie mich in der Straße davonspazieren sieht. Ich schüttle mit dem Kopf und trete mal wieder die Flucht an. An den Korb habe ich gar nicht mehr gedacht und noch dazu habe ich mich nicht einmal bei unserem Gast bedankt.
Zum Glück lässt sich die Wache mühelos abhängen. So kehre ich außer Atem zurück in das Versteck und stelle meinem kleinen Mitbewohner den Korb vor die Nase. Er fragt gar nicht, sondern steckt sofort seinen Kopf unter das Tuch.
»Wow! Wo hast du diese Leckereien her?«, fragt er, ohne es wirklich wissen zu wollen. Anstatt ihn zu belügen, sage ich nichts. Endlich zieht er das Tuch weg und ich kann einen Blick auf den Inhalt werfen. Obst, Gemüse, Fisch und ein paar Süßigkeiten füllen das Baskengeflecht. Natürlich macht sich Ed gleich über Letzteres her. Ich kann mich kaum daran erinnern, wann wir das letzte Bonbon bekamen. Mit einem roten Lolli im Mund macht er sich daran, einen Fisch auf einen Stock zu spießen. Das Abendessen grillt über einer Feuerstelle vor sich her, dann teilen wir das Mahl, so wie jeden Tag. Ich kann mir ein Leben ohne ihn gar nicht mehr vorstellen. Wir sind wie Pech und Schwefel: Er erledigt alles, damit wir ein halbwegs schönes Leben in dieser Bruchbude haben, ich stehle dafür täglich unsere Mahlzeiten. Diese Zeit wird irgendwann vorbei sein. Spätestens, wenn ich alt genug bin, und mir Arbeit suchen kann. Dann werden wir beide in ein schönes Haus ziehen und endlich unseren Frieden finden.
So jedenfalls der Plan.
Als Edward eingeschlafen ist, liege ich immer noch wach und starre das Dach über mir an. Das Feuer neben mir ist schon fast erloschen, nur noch die Glut schimmert zwischen Asche und schwarzem Holz. Diese Ereignisse rauben mir den Schlaf, den ich dringend brauche. Ich könnte mir die Füße vertreten, dann schlafe ich bestimmt besser. Entgegen meiner Vernunft, stehe ich auf und gehe in Richtung Markt. Der Mond scheint hell über der Stadt, kein Licht dringt aus den Häusern hervor. Alles wirkt verlassen und geisterhaft, aus dem Wirtshaus jedoch höre ich Stimmen und Gelächter, Musik und klappernde Krüge. Die Bevölkerung hat jeden Abend etwas zu feiern, obwohl es nie einen triftigen Grund dafür gibt.
Die Wachleute kauern an ihren Posten und geben leise Töne von sich. Ihr Schnarchen wiegt mich in Sicherheit, sodass ich ohne Angst an ihnen vorbeigehen kann. Mein Weg führt mich direkt zum Wachturm, der an der Stadtmauer angebracht ist. Durch diese komme ich sicher auf die Mauer und wieder hinunter. Der Posten ist unbesetzt und auch sonst ist kein Wachmann zu sehen. Ich nutze die Gunst der Stunde und stehle mich über die Wendeltreppe im Turm hinauf zur Stadtmauer. Der Mond lässt die Wiese erleuchten und den kleinen Fluss, der an Solome vorbeizieht, glitzern. Einzig der Wald wirkt nun noch bedrohlicher als bei Tag. Die dichten Zweige der Laub- und Nadelbäume lassen keinen Lichtstrahl hindurch. Ich habe einst einen Händler sagen hören, dass dieser Wald auch Finsterwald genannt wird. Nur durch diesen Waldhindurch kommt man am schnellsten nach Mino, einem Umschlagplatz der Warenhändler. Obwohl es ein gefährliches Unterfangen darstellt, mit gepackten Taschen den Finsterwald zu passieren, da es angeblich vor Räubern nur so wimmelt, spart man unheimlich viel Zeit. Um den Wald herumzureisen, würde mindestens fünf Tage in Anspruch nehmen. Nun ja, das hat jedenfalls der Händler erzählt. Ob das stimmt, werde ich irgendwann erfahren. Ich stand tatsächlich schon einmal kurz davor, Solome hinter mir zu lassen. Der erste Schritt war beinahe getan. Doch dann kam Edward und hielt meine Hose mit seinen kleinen Händen fest. Da war er vier Jahre alt und sah mich mit seinen großen Augen an. Daraufhin habe ich beschlossen, mich um ihn zu kümmern, bis er groß genug ist, dass ich ihn allein lassen kann. Schon damals war meine Angst vor diesem Wald, Räubern, Hexen und anderen Wesen da draußen viel zu groß, als dass ich es je wahrhaftig in Erwägung zog, davonzulaufen. Wo sollte ich auch hin? Überall wird man nur den Jungen in mir sehen und mich fortschicken. Wenn ich erwachsen bin, wird mir das nicht mehr passieren und ich wäre endlich frei. Und mir stünde es offen, nach meinen Eltern zu suchen.
Ich greife in meine Tasche und hole einen kleinen Lederbeutel heraus. Darin verstecke ich ein paar wenige Goldmünzen und einen Talisman. Eine faustgroße Münze, mit einer seltsam geformten Prägung. Je nachdem, wie ich die Münze drehe, ist es eine Sonne, auf der gegenüberliegenden Seite ein Mond. Der Talisman steckte mir in der Tasche, als ich im Waisenhaus abgegeben wurde. Als einziges Mitbringsel durfte ich den Glücksbringer behalten. Jedes Mal, wenn ich ihn mir ansehe, wünschte ich mir, ich müsste mir keine Gedanken über den Verbleib meiner Mutter oder meines Vaters machen. Wünschte mir inständig, dass sie bei mir wären. Bloß durch diese Münze fühle ich mich ihnen nah. Und mir sind ihre Beweggründe völlig egal, ich möchte sie nur ein einziges Mal umarmen dürfen. Ich hoffe sehr, dass es dafür noch nicht zu spät ist, wenn ich den Mut gefasst habe, von hier fortzugehen.
Ein markerschütternder Knall reißt mich aus den Gedanken. Erschrocken drehe ich mich um und entdecke eine schwarze Rauchwolke, die in sekundenschnelle über einem Stadtteil emporsteigt. Rote Flammen zügeln dazwischen hervor und versetzen mich in Alarmbereitschaft. Es brennt! Schon wieder! Und ... oh nein! Dort steht unsere Ruine!
»Edward!«, rufe ich voller Sorge und hechte über die Stadtmauer in die Richtung unseres Verstecks. Mein Herz schlägt bis zum Hals. Der dichte, stickige Rauch legt sich wie eine bleierne Decke über die Straßen, meine Augen brennen, Tränen verschleiern meine Sicht. Der beißende Qualm verschleiert meinen Blick, als ich von der Mauer hinabklettere und zu unserem Hausgelange. Doch plötzlich — da, inmitten des Chaos, erscheint der Mann im schwarzen Umhang. Er dreht sich langsam zu mir um, und mit einem Ruck richtet er einen schwarzen Stab direkt auf mich. Ist das real? Oder spielt mir der Qualm bereits Streiche? Mein Kopf schwirrt, mein Atem wirdknapp, und ein heiseres Husten zwingt mich in die Knie. Luft! Ich brauche Luft. Doch als ich wieder nach oben blicke, ist der Mann verschwunden, als hätte er sich in Rauch aufgelöst. Panik lodert in mir auf, doch ich weiß, ich muss zu Edward. Ich muss sicherstellen, dass es ihm gut geht.
Mit wackeligen Beinen zwinge ich mich auf die Füße und haste weiter, immer schneller, die Angst im Nacken. Jeder Schritt bringt mich näher an unser Versteck und flaut meine Panik etwas ab. Es ist nicht unsere Ruine, die in Flammen aufgeht. Endlich erreiche ich unser Refugium, und da – Edward! Sein Kopf taucht aus dem Loch auf, durch das wir immer ins Freie gelangen. Verwirrung und Sorge spiegeln sich in seinen Augen.
»Was passiert hier?«, fragt er besorgt. Ohne zu zögern, ziehe ich ihn heraus und bringe ihn in Sicherheit, weg vom beißenden Rauch, weg von der Gefahr. Endlich höre ich die Glocken, die das Volk aufscheuchen und zum Wasserholen animieren. An den Leuten vorbei, bringen wir uns in Sicherheit. Meine Augen tasten die Helfenden ab. Wo ist Emanuel de Vontaine? Warum tut er nichts, so wie beim letztenMal?
Unser Weg führt uns in ein Geheimversteck an der Stadtmauer. Alle paar Fuß sind kleine Steinhäuser angebracht, die als Posten für Wachen bestimmt sind. Dieser hier ist nie besetzt und die Holztür lässt sich sogar abschließen. Innen ist es eng, hier hat normalerweise nur eine Person platz, um eine kurze Verschnaufpause zu machen. Bis auf ein kleines Loch zum Hinausspähen und einer steinernen Bank gibt es hier nichts. Der Dienstposten, unbequem und kalt, ist nicht dafür gedacht, ein Nickerchen zu halten. Trotzdem quetschen wir und zu zweit auf die Bank, die von den Wänden eingeschlossen ist. Um Edward warm zu halten, lege ich mich zuerst auf den kalten Stein. Wobei es aus Platzmangel eher ein Sitzen wird. Edward klettert auf mich und legt sich zwischen meine Beine, sein Kopf ruht auf meinem Bauch. Ich schlage die Arme über seinen Rücken und im Nu flacht seine Atmung ab und er schläft ein. Ich sehe durch das Loch und erspähe das Land vor Solome. Der Finsterwald wirkt in Licht der aufgehenden Morgensonne viel freundlicher, aber der Rauch, der die Bäume erreicht hat, mindert dies ungemein. Es fällt mir zunehmend schwerer, die Augen offen zu halten. Ich verbrachte erneut eine Nacht ohne eine Minute Schlaf. Daher ist es mir, als würde ich träumen, als ich einen blonden Schopf im grünen Gewand zwischen den Stämmen heraustreten sehe. Ohne Zweifel handelt sich dabei um Emanuel, der plötzlich innehält und nach seinem Stab greift. Er streckt diesen gen Himmel und jener erleuchtet im selbigen Blauton, wie die Nacht zuvor. Alsbald höre ich sanfte Tröpfchen auf das Ziegeldach der kleinen Nische aufprallen, bis ein gehöriger Sturzregen einsetzt. Der Wanderer zieht seine Kapuze über den Kopf und eilt zurück in Richtung Stadt. Mehr kann ich durch das kleine Loch nicht erkennen.
Das ist der Beweis schlechthin! Hier sind zwei verschiedene Kräfte am Werk. Jemand versucht, Solome dem Erdboden gleichzumachen. Jede dieser Schandtaten wird ihm in die Schuhe geschoben, dem Fremden. Aber ich weiß es besser. Und bin der Einzige, der ihm helfen könnte. Ich denke, er sollte das wissen. Aufgeregt schäle ich mich unter Edwards Körper aus dem mickrigenSteinhaus und schließe die Tür, sodass mein kleiner Freund unbemerkt bleibt. Im strömenden Regen bewege ich mich zum Haupttor der Stadt. Ich hoffe, Herrn de Vontaine einholen zu können. Als ich jedoch am Tor ankomme, ist er nicht zu sehen. Habe ich ihn verpasst? Ich spähe um die Ecke und sehe, wie er in einem gemütlichen Spaziergang zurückkommt. Er bleibt stehen, als er mich bemerkt.
»Philip«, wispert er, gerade so laut, dass ich es hören kann.
»Ich muss unbedingt mit Euch reden!«, verlange ich. Er beschleunigt seinen Spaziergang und kommt direkt auf mich zu. Prompt packt er mich am Schlafittchen und zieht mich mit sich mit. Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht, als er mich in die Ställe der Dienstboten hineinzerrt und an der Schulter ins Stroh drückt. Augenblicklich finde ich mich sitzend neben einem schlafenden Esel wieder.
»Du spionierst mir doch nicht etwa nach?«, fragt mich der Herr, der die Kapuze zurückschlägt und den nassen Mantel von seinen Schultern zerrt. Er hängt ihn über ein Brett, dass die Tiere voneinander trennt. Danach hockt er sich zu mir ins Stroh. Er lehnt sich gegen die Wand und seufzt.
»Ich ... was? Nein!« Mir schlottern die Knie, aber kalt ist mir nicht.
»Dann muss ich dich erneut darum bitten, den Mund zu halten?« Schamesröte dringt in meine Wangen und es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis ich die passenden Worte aus meinem Mundbekomme.
»Ich werde nichts sagen, da könnt Ihr Euch auf mich verlassen.« Er nickt nur und wendet seinen Blick ab. »Ich wüsste nur zu gern, warum all diese schrecklichen Dinge geschehen, seitdem Ihr hier seid.« De Vontaine blinzelt und richtet seine Aufmerksamkeit wieder mir zu. Seine Lippen beben, als würde er jeden Moment explodieren. Eilig spreche ich weiter: »Also, ich meine, warum treibt hier jemand sein Unwesen und macht Euch die Mühe, Solome zu helfen? Ich weiß, dass Ihr nichts damit zu tun habt. Ein in schwarz gekleideter Mann schleicht durch die Straßen, fuchtelt mit seinem Stock umher und dann gibt es diesen dunkelroten Blitz, der sein Ziel wortwörtlich in Rauch aufgehen lässt. Ich habe nicht nur Euch gesehen, sondern immer ihn. Was geht hier vor? Die Geschehnisse können Euch belasten!« Die Augen des Wanderers werden groß.
»Hat dieser Mann dich entdeckt?«, will er wissen. Ich bin schon dabei den Kopf zu schütteln, aber dann fällt mir ein, dass er mich heute sehr wohl entdeckte. Dass er mit seinem Stock direkt auf mich zeigte, verheimliche ich. »Hör zu, bleib immer in deinem Unterschlupf. Mindestens so lange, bis die Sonne aufgeht. Hüte dich davor, diesem Geschöpf noch einmal unter die Augen zu treten. Verstanden?« Mein Gesprächspartner scheint wütend zu sein. Auf mich? Ich kann doch gar nichts dafür. Dennoch nicke ich nervös und drücke mir die erkalteten Finger. Unbehagen macht sich in meiner Magengrube breit.
Er scheint dies zu spüren und fährt fort: »Der Mann, den du diese furchtbaren Dinge hast wirken sehen, ist ein Dunkler Magier. Dunkle Magier haben keine friedvollen Absichten. Sie kennen nur Zerstörung und wie sie sich selbst daran bereichern. Ihre Magie ist getrübt und nicht zu unterschätzen. Wenn sich ihnen etwas, oder jemand«, er schaut mir dabei tief in die Augen, »entgegenstellt, zögern sie nicht, dies aus der Welt zu schaffen.«
»Welche Ziele verfolgt er denn?«, falle ich ihm ins Wort. Immerhin sollte es eine plausible Erklärung geben.
»Gab es in der Vergangenheit nie irgendwelche Eigenarten? Die Leute im Wirtshaus erzählten mir, er sei noch nicht lang Stadtherr. Ist in der Zeit noch nie etwas seltsames geschehen?« Ich starre zu Boden und strenge meine grauen Zellen an. Da gab es tatsächlich schon Situationen, die uns nicht regelkonform vorkamen. Nicht zuletzt der Besuch des Inquisitors. Zitternd erzähle ich von den letzten Ereignissen, über die ich mir bisher nie Gedanken gemacht hatte.
»Als der Graf hier ankam, angeblich beordert vom ehemaligen Stadtherrn, ließ er jeden vortreten und sich vorstellen. Aber da haben wir die Biege gemacht, ähm, ich meine, wir haben nicht an der Volkszählung teilgenommen.« De Vontaine lacht kurz und tätschelt mir die Schulter.
»Sprich, wie du möchtest. Du hast vor mir keine Haltung zu bewahren. Was ist weiter geschehen?«
»Später hingen überall Gesuche mit einem Lohnversprechen an den Hauswänden. Im Namen vom Grafen sollten ihm alle Hexen und Magier vorgestellt werden. Jeder, der ein solches Wesen verriet, wurde entlohnt. Ich weiß noch, dass sich die meisten darüber lustig machten, weil kaum jemand an solche Gestalten glaubt. Als wiederum aber die Plakate verschwanden, tauchten vermehrt Wachen und seltsame Leute auf, die dem Stadtherrn dienten. Seither velassen sie früh morgens das Haus und kehren erst spät in der Nacht dahin zurück. Sie sind allein und ohne Familie. Die seltsamen Wetterphänomene gibt es allerdings erst, seitdem Ihr hier seid.« Mit den letzten Worten schaue ich wieder auf und mache sein Gesicht aus. Es ist erbleicht, sein Blick ist wie erstarrt. Es dauert eine Weile, bis Leben in seine Augen zurückkehrt und er ein künstliches Lächeln aufsetzt.
»Danke, mein Junge.« Der Mann steht auf und zieht sich den Mantel wieder über. Erst jetzt bemerke ich, dass er seinen Stab nicht für eine Sekunde aus der Hand gab.
»Wartet!« Ich springe auf und stelle mich zwischen ihn und den Ausgang. »Wenn er ein Dunkler Magier ist, was seid Ihr dann? Und was tut Ihr hier?« Ein Glucksen entfährt seiner Kehle.
»Was tut’s. Ich bin ein Lichtmagier, Philip. Ich war auf der Suche und erhoffte mir hier ein Ergebnis. Scheinbar bin ich auf einem guten Weg. Nur dank dir. Pass auf dich auf und mach keine Dummheiten.« Der Magier zieht die Kapuze über den Kopf und verlässt die Stallungen. Und mich, der mit offenen Mund vor der Tür steht und gar nicht merkt, dass er schon wieder nass wird.
Ich wate durch den Regen und kehre zurück zum verlassenen Dienstposten, wo Edward noch gemütlich schlummert. Ich wecke ihn sanft und überrede ihn dazu, in unseren Unterschlupf zurückzukehren. Je näher wir aber unserem Versteck kommen, desto mehr Menschen sammeln sich um das Geschehnis. Die Flammen haben eines der Häuser getroffen, das von einem der seltsamen Leute bewohnt wird, die so selten in Solome unterwegs sind. Somit wurde auch niemand verletzt. Edward bahnt sich durch die Menge und ich versuche, ihm zu folgen. Dabei höre ich die Gespräche mit, die einige Bewohner führen: »Sagt, ist es denn nicht höchst wundersam …«, und dann das: »Meiner Meinung nach haben diese Geschehnisse etwas mit diesem Fremden zu tun …« Ich höre mehrere Dinge, die darauf aufbauen, dass alles anfing, nachdem de Vontaine in die Stadt kam.
»Glaubst du an die Gerüchte, Philip?« Edward sieht sich im Haus um, kontrolliert, ob durch den Rauch etwas beschädigt wurde. Mit der Frage zieht er mich schlagartig aus den Gedanken.
»Welche Gerüchte?« Ich tue so, als würde ich von all dem nichts wissen.
»Die, dass der Fremde an dem allen schuld sein soll. Glaubst du das?« Das ist eine gute Frage. Ich kann sie ihm nicht beantworten.
»Ich glaube nicht daran«, erwidere ich ihm entschlossen. »Und du?«
»Möglich ist es. Es hat begonnn, als er herkam. Kannst du ausschließen, dass nicht er beim ersten Mal durch die Gassen geschlichen ist? Ich werde dieses Gefühl nicht los, dass du mehr weißt, als du zugeben magst. Seitdem du nach draußen gegangen bist, um nachzuschauen, wer sich dort herumtreibt, bist du ständig weg. Ich glaube, du weißt, wer hinter der Brandstiftung steckt.« Ich werde rot, als Edward das sagt. Obwohl er noch so jung ist, ist er garantiert nicht einfältig. Aber was sage ich ihm jetzt? »Also? Ist er es?«
»Um ehrlich zu sein, habe ich nicht den geringsten Schimmer. Ich wünschte, ich wüsste es. Ich habe niemanden sehen können.« Es ist das erste Mal, dass ich meinen Freund anlüge. Es versetzt mir einen Stich im Herzen, weil ich genau weiß, dass diese Lüge Konsequenzen nach sich ziehen wird. Somit breche ich wenigstens nicht das Versprechen, dass ich dem Lichtmagier gab. Magier. Wie seltsam töricht das klingt. Wieso sollte Ed mir das glauben, wenn ich es selbst nicht tue? De Vontaine unterschlägt mir eindeutig Wissen. Wonach suchte er hier überhaupt und was mutmaßt er, gefunden zu haben? Und was in aller Welt habe ich damit zu schaffen? Edward lässt sich nicht so schnell abspeisen. Er wird wieder fragen, unabsehbar, wann. Und genau diese Energie werde ich auf mich übertragen und nehme mir vor, den Magier morgen zu besuchen.
Kurz nachdem mein kleiner Schützling eingeschlafen ist, gähne ich erschöpft und strecke mich, um mich ebenfalls niederzulegen. Der Tag war wieder einmal voller Spannung und Abenteuer, doch ein unbehagliches Gefühl schleicht sich in mir ein – als stünde das Schlimmste noch bevor.
***
Mit trockenem Mund und einem brennenden Durst erwache ich aus einem wirren Traum. Meine Glieder schwer vor Erschöpfung, richte ich mich auf und schleppe mich zum Wassereimer,der auf der anderen Seite des Raums steht. Während ich mir die Augen reibe und gähne, stoße ich plötzlich mit Edward zusammen.
»Wir haben kein Wasser mehr«, murmelt er verschlafen, seine Augen noch halb geschlossen.
»Zieh dich an, wir holen welches«, weise ich ihn an, während ich mir ebenfalls die Kleidung überstreife. Die Sonne beginnt, das Haus zu erwärmen, und draußen höre ich das lebhafte Treiben der Menschen – sie unterhalten sich laut, vermutlich beim Einkaufen. Es könnte bereits später Vormittag sein. Edward steht bereit mit dem Eimer beim Ausgang und wirft mir einen fragenden Blick zu. Ich nicke, und wir treten zusammen hinaus, nur um von der grellen Sonne geblendet zu werden. Mit zusammengekniffenen Augen bahnen wir uns den Weg durch die geschäftigen Straßen zum Brunnen. Müssten wir für das Wasser bezahlen, wären unsere Ressourcen schleunigsten erschöpft. Zumindest die meinen. Wasser lässt sich schlecht stibitzen, wenn es zuvor geschöpft werden muss. Edward halte ich vom Stehlen fern. Er kümmert sich um den Eimer, während ich mich umschaue. In der Ferne erregt etwas Helles meine Aufmerksamkeit – ein Aufblitzen, das mir durch Mark und Bein fährt. Eine Goldmünze? Wie gebannt nähere ich mich dem Glitzern. Ich habe bisher nie eine Person um ihr Geld gebracht. Aber wenn sich eine Gelegenheit wie diese, bietet, muss ich zuschlagen. Irgendwann brauchen wir Medizin, die uns ein Apotheker extra herstellt. Jener würde gern dafür bezahlt werden und nicht beraubt.
Ich habe die Münze erreicht und hebe sie auf, lasse sie gleich in meiner Hose verschwinden. Damit es keiner bemerkt, bewege ich mich locker weiter. Dabei drehe ich mich ein paar Mal um die eigene Achse. Von außen mag es wie ein Tanz aussehen, aber ich beobachte nur meine Umgebung, dass mich ja keiner dabei gesehen hat, wie ich das Geldstück entwendet habe. Als ich mich ein letztes Mal herumdrehe, laufe ich direkt in einen Mann. Ich war mir dessen nicht bewusst, wie schnell ich unterwegs war, als ich an ihm abpralle und zu Boden stürze. Der Mann streckt mir prompt seine Hand entgegen und hilft mir auf.
»Bittet um Verzeihung, Herr. Ich habe Euch nicht gesehen«, stammle ich und sehe ihn nach meiner Entschuldigung an. De Vontaine!
»Keine Augen unter der Stirn, wie? Das ist ja nichts Neues.« Da ist wieder diese gutgelaunte Stimme, als stünde er nicht im Visieraller Leute.
»Ich möchte Euch gegenüber nicht unhöflich sein … Aber gestattet mir diese Frage.« Der Lichtmagier nickt und schaut mir in die Augen. Er erwartet eine andere Frage als die, die ich ihm stelle. »Stellt Ihr mir nach?« Er wirkt kurz etwas verblüfft, doch dann lacht er lauthals, als hätte ich ihm einen Witz erzählt.
»Du bist ein seltsamer junger Mann«, bemerkt er schroff, ohne die Frage zu beantworten. Sein Gesichtsausdruck erklärt aber alles. Ich kontere mutig.
»Seltsam genug, um Euch zu glauben. Und schwachsinnig obendrein, dies vor Euch preiszugeben. Obwohl Ihr mir nicht alles erzählt habt. Welche Suche hat Euch wirklich hierhergeführt und warum hat es der Dunkle Magier offensichtlich auf Euch abgesehen?« De Vontaine reißt genau in diesem Moment die Augen auf.
»Ruhe!«, zischt er mich an. Ich habe ganz vergessen, dass das in falsche Ohren geraten kann. Er zupft kurz an meinem Ärmel, ein stummes Zeichen, dass ich ihm folgen soll. Ich werfe einen schnellen Blick über die Schulter zum Brunnen – doch Edward ist verschwunden. Ich zwinge meine Gedanken zurück auf das Hier und Jetzt und eile hinter dem Wanderer her. Nur ein Zipfel seines grünen Umhangs blitzt zwischen den Menschenmassen auf, bevor er vollständig im Getümmel verschwindet. Ich kämpfe mich durch die Menge, dränge mich an den Leuten vorbei und versuche, den Abstand zu ihm nicht zu groß werden zu lassen. Es ist schwer, denn mit meiner mickrigen Statur verliere ich ihn immer wieder aus den Augen.
Es dauert nicht lange, bis ich sein Ziel erkenne: Das Wirtshaus, in dem er ein Zimmer bezieht. Der Mann schlüpft durch den Eingang, ohne sich umzusehen, und ich folge ihm, mein Herz pocht vor Aufregung. Kaum habe ich die Schwelle übertreten, führt er mich an der Treppe neben der Tür vorbei. Ich habe keine Gelegenheit, einen Blick ins Innere des Wirtshauses zu werfen – dafür ist die Zeit zu knapp, und de Vontaine zu schnell. Er hastet die Treppe hinauf, und ich tue mein Bestes, ihm dicht auf den Fersen zu bleiben. Oben im Flur wendet er sich nach hinten, verschwindet fast schon am Ende des Gangs. Ich hetze hinterher, meine Neugier wächst mit jedem Schritt. Schließlich bleibt er vor einer Tür stehen, öffnet sie und wirft mir einen eindringlichen Blick zu. Ohne zu zögern, trete ich in das Zimmer ein.
Es ist düster, die Fenster sind mit schweren, schwarzen Tüchern verhängt. Die Kargheit des Raumes lässt darauf schließen, dass er nicht vorhat, lange zu bleiben. Ein unbehagliches Gefühl breitet sich in mir aus, während sich die Tür hinter mir leise schließt. Der Mann schreitet zu den Fenstern und schlägt die Vorhänge zurück. Somit flutet gleißendes Sonnenlicht den Raum und lässt diesen weniger gruselig wirken. Das Zimmer ist so winzig, es gleicht eher einer Abstellkammer. Und ich bin mir sicher, dass er auch nicht in das viel zu klein geratene Bett passt. Mein Blick schweift weiter durch das Zimmer. Seinen Stock hat er an die Wand gelehnt. Im Sonnenlicht tanzen die Ornamente wie kleine Sterne auf dem Stab. Magisch. Mir ist vorher gar nicht aufgefallen, dass der Stab so aufwändig verziert ist.
»Was ist los?«, fragt er in einem wenig vornehmen Jargon.
»Herr de Vontaine, Ihr habt mir noch längst nicht alles erzählt. Wenn ich meinen Mund halten soll, verlange ich eine Erklärung. Wonach sucht Ihr hier?« Überrascht vom Anflug des Mutes, verstecke die zitternden Hände. Er streicht sich mit Daumen und Zeigefinger über den Bart, starrt einen Moment Löcher in die Luft, und bittet mich dann, mich zu setzen.
»Ich wurde entsandt, um das Treiben des Dunklen Magiers zu prüfen. Durch deine Schilderungen ist mir bewusst geworden, dass er im Auftrag seines Herrn handelt. Des Schwarzen Magiers.« Bei Erwähnung dieses Begriffs gefriert das Blut in meinen Adern. »Jener ist auf der Suche nach Etwas und im Begriff, es auch zu finden und zu vernichten. Ich bin hergekommen, um ebendas zu verhindern. Der Schwarze Magier agiert im Hintergrund. Er verfolgt ein Ziel und für mich gilt es, dies zu sabotieren. Denn es läuft darauf hinaus, dass er sämtliche magischen Wesen unterjochen und über sie herrschen will. Als mächtigster Magier unserer Zeit wäre er unantastbar und wir nur noch Marionetten seiner Gier nach Autorität. In unsere Welt gehört ein Gleichgewicht zwischen Dunkler Macht und der unseren, der Lichtmagie. Es gibt eine Person, die dieses Gleichgewicht wahren kann, und genau nach dieser Person lässt er suchen. Das ist der wahre Grund, weshalb all die seltsamen Ereignisse eure Stadt heimsuchten. Theodor von Solome ist ein Dunkler Magier, im Auftrag des Schwarzen Magiers, um sämtliche, unter Menschen lebende, magische Kreaturen auszurotten. Damit ihm bei der Erfüllung seiner Pläne niemand in die Quere kommt.« Ich erschrecke. Unser Stadtherr soll ein Magier sein? Und dazu noch einer der fiesen Sorte?
»Soll das etwa heißen, dass der Graf die Behausung von Magiern in Brand gesetzt hat?« De Vontaine nickt.
»Hexen, Magier oder Zauberer.«
»Wo liegt der Unterschied?« Meine Neugier vertieft das Gespräch in Hemisphären, in welchen mein Verstand aussetzen sollte. Und dennoch fühle ich mich nicht übers Ohr gehauen, sondern glaube dem Lichtmagier jedes Wort.
»Magier, so wie ich und der Graf, können sich der Elementarmagie bedienen. Basierend auf der Lehre der fünf Elemente, beziehen wir unsere Energie aus der Natur. Uns ist es möglich, die Kontrolle über Baumwurzeln zu erlangen, oder aus der Luft ein Feuer zu entfachen. Jedem Magier ist es möglich, eines der fünf Elemente zu wirken, manchen sogar zwei oder drei. Niemals alle fünf. Zauberer schöpfen aus der Quelle der Energie Kraft. Sie sammeln das ein, was wir Magier ohne Zwischenstadium benutzen. Zauberer speichern das Qi der Elemente in einem Medium ab, um es später benutzen zu können, bis ihre Quelle aufgebraucht ist. Es bedarf eines gewissen Talents, eine solche Energie aus der Natur zu extrahieren und zu benutzen. Zu den Zauberern gehören meist jene, die in ihrer Blutlinie bereits Magier vorweisen können, ihnen selbst bleibt das Wirken der Elementarmagie mit ihren eigenen Händen jedoch verwehrt. Tja und Hexen ... Hexen sind von einem ganz anderen Kaliber. Ihnen würde ich an deiner statt nicht in die Quere kommen. Sie können sich zwar keiner Elementarmagie bedienen, dafür jedoch Macht aus der Quelle beziehen und damit arbeiten. Mit dieser Kraft können sie wirklich nützliche, aber auch ungemein furchtbare Dinge tun.«
»Wozu das Ganze?« Mein Kopf ist schon fast am Explodieren, so wirr hört sich das an. Dennoch bleibt die Frage offen, warum er nichts dagegen tut, wenn er doch weiß, dass der Graf ein falsches Spiel spielt. De Vontaine versteht, dass ich auf die Beweggründe des Schwarzen Magiers anspiele.
»Das, wonach der Schwarze Magier sucht, ist hier in Solome. Und ich befürchte, auch ich habe das Objekt seiner Begierde entdeckt. Um dies zu beschützen, muss ich mich dem Dunklen Magier stellen und ihm den Garaus machen. Oder er mir, wir werden sehen.« Ein Schmunzeln durchbricht den mit Spannung erfüllten Raum. Doch bevor ich den Mund auftun und ihn fragen kann, was es mit den fünf Elementen auf sich hat, sieht er zu seinem Stab. Ich folge seinem Blick. Auf einmal erleuchteten die Ornamente am Stab hell wie die Sonne. Erschrocken sehe ich wieder zu de Vontaine, dessen Augen in derselben Farbe leuchten. »Trotz der Gefahr werde ich alles daransetzen, um ihn aufzuhalten. Er darf die Menschen nicht miteinbeziehen. Koste es mein Leben.«
Mittlerweile ist die Dämmerung eingebrochen. Um nicht schon wieder eine schlaflose Nacht zu erfahren, verabschiede ich mich höflich von Emanuel. Beim Gehen hat er mir angeboten, ihn beim Vornamen zu nennen, de Vontaine würde ihn alt klingen lassen. Stirnrunzelnd gehe ich die Treppenstufen hinab. Das Gesprochene liegt wie ein Stein in meinem Magen. Und als ich vor der Tür des Wirtshauses stehe, fällt mir etwas Wichtiges ein: Ich hatte ihn nicht gefragt, woher er meinen Namen kennt.
Ich lege mir die Hände an die Oberarme, weil ich anfange zu frieren. Dabei sehe ich in den Himmel und lächle wegen der funkelnden Pünktchen und stelle fest, dass wir Vollmondnacht haben. Nie war das Wetter so wechselhaft wie in den letzten Tagen.
Mit schnellen Schritten passiere ich den Marktplatz und steuere auf unsere Bleibe zu. Aber was zum ...? Eine in schwarz bekleidete Person steht davor und erhebt genau in diesem Moment seinen Stab. Nein! Edward! Ich renne los und springe gegen den Magier, sodass er ins Stolpern gerät. Dann quäle ich mich durch den quer stehenden Balken hindurch und suche Edward. Im Haus finde ich ihn nicht. Er antwortet auch nicht auf meine kläglichen Rufe.
»Du suchst den Jungen?« Erschrocken drehe ich mich zum Sprechenden herum und sehe ihn an. Durch die Dunkelheit wirkt er wie ein schwarzer Schatten und hat die Kapuze ins Gesicht gezogen, sodass ich sein Gesicht nicht sehen kann. Dabei kann er mit dem Versteckspiel nun aufhören. »Sei beruhigt, er ist nicht hier.« Dabei erhebt er seinen Stab und zielt damit auf mich. Mist! Ein schwarzroter Strahl kommt auf mich zu. Besonnen ducke ich mich unter ihm weg und versuche zu fliehen. Hat er es etwa auf mich abgesehen? Hinter mir erhebt sich eine hohe Flamme an der Holzwand des Hauses. Ich bleibe sofort stehen und bestaune die hohen Flammen mit einer gewissen Ehrfurcht. Dann kriecht die nackte Panik in mir hoch.
»Komm schon her, du einfältiger Lausejunge!«, ruft der Mann, der niemand Geringeres ist, als Theodor von Solome. Ich richte mich auf und renne zur anderen Seite des Raumes, direkt zum Ausgang. Aber erlässt mich nicht, denn er feuert erneut einen Blitz in meine Richtung. »Wohin des Weges?«, fragt er mich. Das Feuer erhellt den Raum. Er kommt auf mich zu und engt mich ein, drängt mich in die Ecke des Hauses. Als er nah genug vor mir steht, grinst er und greift mit seiner Hand nach der Kapuze. Elegant zieht er diese herunter. Ich bin wenig überrascht.
»Warum zerstört Ihr Eure ganze Stadt? Wozu?« Er lacht leicht.
