Im Schatten des Todes - Wilhelm Walloth - E-Book

Im Schatten des Todes E-Book

Wilhelm Walloth

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Beschreibung

Die beiden Köpfe überraschten ihn. Emmas Gesicht trug jenen dämonischen Ausdruck einer gewissen ›wilden‹ Schönheit, der an südfranzösische Leidenschaftlichkeit und Geist erinnerte; Luisens Gesicht drückte deutsche Gemütstiefe aus; eine sanfte, beinahe krankhafte Schwärmerei flehte aus diesen sinnenden Augen den Beschauer um Nachsicht an . . .

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Seitenzahl: 419

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Im Schatten des Todes

Roman

idb

1909

ISBN 9783963757211

1.

»Wie dem nun auch sei, Tatsache ist, du hast die Dame besucht. Ich verbiete dir hiermit den Umgang mit dieser – Emma Dorn«, sagte der Gymnasialdirektor Adolf Körn zu seinem 19jährigen Sohn Karl in seinem strengsten Schultyrannenton. »Ich weiß zwar, du wirst doch hingehen, – aber ich verbiete dir den Umgang mit der Schriftstellerin Emma Dorn.«

Wie ein tragischer Schauspieler deklamierte er in seiner grandiosen Manier, der kleine zierliche Mann, und schritt im Zimmer einher, genau wie er es in der Schulstube tat, wenn ein »großer Fall« seine Beredsamkeit weckte. Er spielte vornehm mit der linken Hand an seiner goldnen auf weißer Weste ruhenden Uhrkette, während die Rechte nachlässig-graziös seinen Worten tiefere Wucht zu geben bemüht war. Man sah ihm an, wie er in seiner eignen professoralen Würde schwamm, wie er seine eigne Größe kostete. Sein Anzug war ganz modern. Er ging jedes Jahr auf vier Wochen nach Paris, angeblich, um seine Aussprache zu verbessern. Seine Feinde sagten: er verbessere diese Sprachtalente dort oft in sehr »besserungsbedürftigen« Lokalen. Jedenfalls kleidete er sich sehr elegant: helle Hose, weiße Weste, schwarzer Rock. Sein ganzes Wesen machte den Eindruck des Jugendlichen, er suchte Schillerschen Idealismus zu vereinigen mit französischer Verve! Seine Züge waren immer noch hübsch, und ein lebhaftes schwarzes Auge deutete auf Temperament.

Karl saß mit trotzig aufeinandergepreßten Lippen, düsteren Blicken und gerunzelter Stirn vor dem Vater und lauschte missmutig auf dessen literarisch-moralische Abhandlung, die ein wahres Wunderwerk war in jener Kunst: mit möglichst viel hochtrabenden Redensarten, möglichst wenig zu sagen. Immer kehrten die Lieblingsphrasen des Direktors wieder: wie dem nun auch sei – Tatsache ist die – es ist nicht in Abrede zu stellen u. s. w. Es machte den Eindruck, als ob der kleine, zierliche Mann um so mehr durch die Wucht seiner Beredsamkeit imponieren wollte, je weniger er durch sein Äußeres imponieren konnte.

»Aber warum soll ich denn Fräulein Emma Dorn nicht besuchen?« fragte Karl, dessen 20jährige Gesichtszüge schon einen gewissen unjugendlichen, professoralen Ausdruck trugen. »Sie ist eine bekannte Schriftstellerin, – ich lerne viel bei ihr, sie kann mich guten Verlegern empfehlen . . .«.

»Eben das will man nicht!« deklamierte der Direktor. Das Wörtchen ›man‹ wendete er so häufig an, daß er in der Schule den Spitznamen der ›man‹ erhalten hatte. »Man weiß, was junge Leute dort lernen; sie ist eines jener emanzipierten Frauenzimmer, die sittenverderbend wirken . . .«

»Ich muß das doch in Abrede stellen«, fuhr Karl auf. »Fräulein Dorn hat nie meine Sitten verdorben.«

»Sie könnte es aber. Wie dem nun auch sei, – sie schreibt für das hiesige Vorstadtblatt Theaterkritiken, das Blatt ist sozialistisch angehaucht! Sie schwelgt in diesem schändlichen Naturalismus; man haßt das Ideale in der Kunst . . .«

»Das ist nicht wahr«, platzte der Sohn heraus. »Sie hat überhaupt kein bestimmtes literarisches Programm; für sie gibt es nur gute und schlechte Kunstwerke.«

»Wie dem nun auch sei, – es paßt mir nicht, daß du zu ihr gehst. Man spricht in der ganzen Vorstadt zu viel von der Dame . . . . von ihrem Lebenswandel: man soll rauchen, man soll sogar schon Männerkleider getragen haben! man lebt da mit einer Freundin zusammen, man soll auch dem Trunk ergeben sein.«

»Unsinn! Vorstadtgeklatsch! Das Fräulein Luise, das bei ihr wohnt, ist Klavierlehrerin; sehr anständig, sehr gebildet, – wenn auch arm. Hier . . . hier . . . ist übrigens das Bild der beiden Damen«, setzte Karl mit jugendlichem Verteidigungseifer hinzu, eine Kabinetsphotographie aus der inneren Rocktasche hastig hervorsuchend. »Ist der Ausdruck eines 4 dieser Köpfe etwa unmoralisch? satanisch? lasterhaft?«

»Was?« rief der Direktor streng, »man besitzt sogar die Photographie der Damen?«

»Ja«, verteidigte der Jüngling mit naivem Übereifer seine Heldinnen, »man besitzt die Photographie . . .«

Dies ›man‹, das dem Sohn unwillkürlich entschlüpft war, trug ihm zunächst einen missbilligenden väterlichen Blick ein. Doch griff der gestrenge Pädagog nichts desto weniger neugierig nach dem Bild. Die beiden Köpfe überraschten ihn. Emmas Gesicht trug jenen dämonischen Ausdruck einer gewissen ›wilden‹ Schönheit, der an südfranzösische Leidenschaftlichkeit und Geist erinnerte; Luisens Gesicht drückte deutsche Gemütstiefe aus; eine sanfte, beinahe krankhafte Schwärmerei flehte aus diesen sinnenden Augen den Beschauer um Nachsicht an. Der staatlich geprüfte Erzieher behielt indes seine Beobachtungen und Gefühle, die jene Bilder in ihm erweckten, bei sich. Er legt die Photographie stillschweigend auf seinen Schreibpult, was soviel sagen wollte, als: sie ist einstweilen konfisziert.

»Da hat mir«, sagte er, »mein verehrter Kollege, dein Lehrer, Dr. Simmer, den neuesten Roman dieser Emma Dorn gebracht . . . wie heißt er gleich?« er suchte unter den auf dem Pult liegenden Papieren.

»Finstre Dämonen«, half Karl seinem Gedächtnis nach.

»Ja«, fuhr Körn fort, »Finstre Dämonen. Das soll ein höchst unmoralisches Buch sein. Mit einem Weib, das solche Bücher schreibt, verkehrst du nicht.«

»Hast du denn das Buch gelesen?« erlaubte sich Karl zu fragen und erhielt zur Antwort: »Noch nicht.«

»Du wirsts aber lesen?«

»Man wird es lesen und davon wird meine weitere Entscheidung abhängen. Dr. Simmer war entrüstet.«

»Ach«, fuhr Karl auf, »der ist über alles gleich entrüstet, was nicht in seinen Kram paßt.«

»Von deinem Lehrer sprichst du nicht per: ›der‹!« tadelte der Direktor. »Indes, drücke dich auch sonst gewählter aus; ›Kram paßt‹! das ist kein Ausdruck. Das beiläufig. Kurz, wie dem nun auch sei, – man spricht in unsrer Vorstadt von den seltsamen Manieren der Dame. Ich weiß ja, daß du heimlich schriftstellerst, – du hast ja bereits in der Zeitschrift »Freiland« allerlei veröffentlicht, was mir gar nicht übel gefallen hat. Ich lege dir, so lange du deine Arbeiten in der Klasse zur Zufriedenheit deiner Lehrer ablieferst, nichts in den Weg. Meinetwegen mach Verse. Aber der Umgang mit dieser Dame . . .« Er wollte weiterreden, als das Dienstmädchen auf einem versilberten Teller die Morgenpost brachte. Es war auch ein Brief für Karl dabei, den der Direktor schweigend seinem Sohn überreichte. Der Sohn wollte sich auf sein Zimmer begeben.

»Lies ihn hier«, herrschte der Vater.

»Hier?«

»Ja. Lies ihn mir vor.«

»Verzeih, Papa, das . . .«

»Ich wills! Ich habe das Recht als dein Erzieher, zu wissen, mit wem du Briefe wechselst.«

»Du hast noch nie verlangt, daß ich dir Briefe vorlege.«

»So verlange ichs jetzt.«

»Ich bin aber doch alt genug . . .«

»Du bist noch nicht 21 Jahre. Also – bitte – lies!«

Karl erbrach hastig den Brief, las und entfärbte sich. Seinem Vater war das Zittern nicht entgangen, das den Körper seines Sohnes überschauerte. Misstrauisch beobachtete er über den Rand der Zeitung hinwegblickend, das Gebaren seines Kindes.

»Was hast du?« fragte er.

»Nichts . . .«

»Ich merke doch, daß du bleich wirst und zitterst.«

Karl sah verstört durchs Fenster auf den S . . . platz hinunter.

»Nun«, mahnte der Direktor ironisch, »ich darf mich doch, – besonders, wenn sie einen solchen Eindruck hervorruft! – nach der Korrespondenz meines Filius erkundigen?«

»Ach, eine literarische Streitsache!« lehnte dieser, mit sich kämpfend, ab und wollte gehen.

»Du bleibst! ich will Genaueres wissen . . .«

»Ich – ich«, stammelte Karl betreten, »hab für das Blatt »Die literarische Wacht« Kritiken geschrieben.«

»Das weiß man.«

»Nun, da hab ich die Gedichte eines hiesigen Schriftstellers – Alfred Märzler – etwas stark vermöbelt.«

»Drücke dich doch gewählter aus! Vermöbelt? was ist das für ein Ausdruck?«

»Der Kraftausdruck für herunterreißen.«

»Du hast also die Gedichte scharf kritisiert?«

»Ja, unter dem Pseudonym Paolo Reddi.«

»Hattest du ein Recht hierzu?«

»Die Gedichte dieses Märzler sind miserabel.«

»Nun? und? was schreibt man dir?«

Karl bekam einen hochroten Kopf.

»Laß mich sehen!« befahl der Vater.

Karl zögerte.

»Er . . . der Märzler hat sich an die Redaktion der »Litterarischen Wacht« gewendet und will wissen, wer unter diesem Paolo Reddi verborgen ist.«

»Weshalb?«

»Er . . .« stammelte Karl. Dann rief er ganz laut: »Er will mich verklagen.«

Der Direktor schnellte vom Sitz empor.

»Dich . . . ver . . . klagen?«

Dann riß er dem Sohn die Papiere aus der Hand. Der Redakteur teilte dem jungen Kritiker mit, er glaube kaum, daß dem erzürnten Dichter seine richtige Adresse dauernd verborgen werden könne. Der Brief Märzlers lag bei. Darin hieß es:

Die Kritik meiner Herbstblätter ist in einem derartig rohen Ton abgefaßt, daß ich die Sache meinem Rechtsanwalt übergeben habe und Sie sich auf eine Beleidigungsanklage gefaßt machen müssen.

Dr. Georg Simmer.

»Dr. Simmer?« rief der Direktor, dem das Blut in die Stirn schoß, »Dr. Simmer? dein Religionslehrer?«

»Ich wußt nicht«, verteidigte sich der Jüngling hastig, »daß unter diesem Märzler – Dr. Simmer verborgen ist.«

»Du hast also«, schrie Körn wütend, »die Gedichte deines Lehrers angegriffen! Und zwar jedenfalls in einer Weise angegriffen, die eine Beleidigungsklage rechtfertigt?«

»Konnt ich wissen«, rief, am ganzen Körper zitternd, der junge Mann, »daß mein Religionslehrer so schlechte Verse in die Welt setzt?«

Der Direktor schritt wie ein gefangner Löwe im Zimmer einher, pustend, schnaubend, wobei er aber stets die äußere Eleganz wahrte und immer nachlässig mit der goldnen Uhrkette spielte.

»Schöne Geschichte, das!« polterte er grimmig vor sich hin. »Wahrlich, nette Verwicklung! Dr. Simmer weiß noch gar nicht, daß sein eigner Schüler, mein Filius! ihn beleidigt . . . öffentlich an den Pranger gestellt . . .! Wahrhaftig, du baust vortrefflich an deinem Lebensglück. Was soll aus dir mal werden? Ein Journalist? Ein Federlump? Ein verhungerter Dachstubenpoet? Denn das sag ich dir: Ich mische mich nicht in diese Sache . . . mit keinem Wort! Du hast dir die Suppe eingebrockt; tunke nur sie selbst aus! Fällt mir nicht ein, für dich die Kastanien aus dem Feuer zu holen! schon aus Prinzip nicht! Der Sohn des Direktors muß noch weit strenger und parteiloser behandelt werden, als ein anderer Schüler. Von mir erfährt Dr. Simmer gar nichts. Er soll dich nur verklagen. Dann aber . . . fliegst du sofort aus der Schule, sofort! Ha ha! ein halbes Jahr vor Maturitas – aus dem Gymnasium; – sehr gut! Dann schmier an einer Zeitung – Leitartikel! Dr. Simmer wird und soll dich verklagen. Ich bitte ihn sogar darum; ja, ich bitte ihn darum, hörst du? Denke nur nicht, ich lege mich als Direktor ins Mittel. O nein! keineswegs! Und jetzt . . . hole mir die Kritik. Hast du sie noch?«

»Ja . . .«

»Also, bring sie . . .«

Karl verließ mit sehr niedergeschlagenem Ausdruck auf dem vorzeitig gealterten, wenn auch zarten Gesicht, das Studierzimmer und begab sich auf sein kleines, nach dem Hof hinaus gelegenes Zimmerchen. Dort saß er einige Zeit an dem beim Fenster stehenden Tisch, der mit Büchern und Heften bedeckt war und starrte mit seinem neuropathischen Blick hinaus auf den kleinen Hausgarten, dessen Bäume bereits, vom Herbstwind geschüttelt, ihre Blätter verloren. Durch den gelbroten Blättervorhang herüber glänzten die breiten Fenster der Erhardtschen Druckerei. Hinter den Scheiben hantierten die Setzer vor den Setzkästen, grünlich verschwommen schimmerten Gesichter, Arme, Hände durch das Glas. Links an der äußeren Hauswand puffte und paffte ein Dampfrohr; ewig hing dort eine weiße Dampfwolke wie ein großer Wattbündel, den der Wind beständig in Fetzen um die Hausecke riß. Karl versenkte sich in den Anblick der sonderbar gestalteten Dampfschleier . . . . . Unbestimmte, nicht zu Ende gedachte Gedanken rief der Anblick dieser immer vom Wind zersausten Wolke [S10] in ihm wach . . . Doch, das kann jeder denken, sagte er sich, das ist nichts für dein Tagebuch. – Jeder Schulmeister wird diese Rauchwolke mit dem Menschenleben vergleichen . . . sogar Dr. Georg Simmer . . . Ja so! ich soll ja die »Literarische Wacht« suchen! . . . Welches Mißgeschick! sann er weiter; ich zerreiße die Geistesprodukte meines Lehrers! Warum schreibt er solchen Blödsinn? Er kramte unter den Heften und zog schließlich eine gelb eingebundne Broschüre hervor. Nebenan lag auch sein geliebtes Tagebuch.

Doch war jetzt keine Zeit mehr, darin zu blättern. Die Schulstunden riefen. Rasch packte er seine Bücher zusammen, im Innersten fest entschlossen, dem Gebot des Vaters zu trotzen und gleich nach Schulschluß Fräulein Emma Dorn aufzusuchen. »Du wirst zwar doch hingehen, ich verbiete dirs aber!« Daß aber der Vater Ernst machen würde mit seiner Drohung, ihn aus der Schule zu weisen, wenn eine Anklage erfolgte, das wußte er. Der Vater zeigte ihm ja stets nur den Pädagogen, nie den Vater!

Nun ging er nach dem Wohnzimmer – als er so mit den Büchern unterm Arm erhobenen Haupts über den Flur schritt, sah er aus wie ein Professor en miniature. Geistiger Hochmut, der jedoch durch Schwärmerei veredelt wurde, sprach aus diesen jugendlichen Greisenzügen. Eigentümlicher Weise bildete sich bei ihm unterm Kinn hervor ein leichter Bartflaum, der seinem Gesicht nun erst recht den Charakter des Frühreifen verlieh.

Der Direktor hatte indessen in sehr übler Laune [S11] sich zum Ausgehen zurecht gemacht. Diese schlechte Laune verstärkte sich, als er seine Frau Katharina im rotgeblümten Hauskleid am Schreibtisch sitzen sah.

»Der Kaffee«, sagte er, »war heute wieder miserabel.«

»Sag das dem Dienstmädchen«, gab die starkknochige Frau ohne aufzusehen zurück, »und stör mich nicht.«

»In aller Frühe schon vorm Pult!« schimpfte er weiter. »Natürlich, da muß die Haushaltung zu Grund gehen. Wie oft hab ich dir schon gesagt, daß bei deinen Götheforschungen absolut nichts herauskommt.«

»Das kannst du noch so oft sagen, als du willst.«

»Das ist krankhaft bei dir. Dr. Müller sagt das auch. Du hast ja gar nicht die nötige Vorbildung, um solche Forschungen zu treiben.«

Die Frau Direktor fuhr mit wutverzerrtem Gesicht empor.

»Natürlich«, versetzte sie giftig, »nur die Herren Gelehrten dürfen sich wissenschaftlich beschäftigen. Alle anderen Menschen sind Dummköpfe.«

»Das behaupt ich nicht«, gab er immer gereizter zurück. »Ich kenne aber doch deinen Bildungsgang und weiß, daß du absolut unfähig bist, wissenschaftliche Forschungen anzustellen. Deine Schreibereien verschlingen viel Geld, alle Augenblicke mußt du bald nach Wetzlar, bald nach Weimar reisen, mußt bald die Kirchenschwelle photographieren, über die Göthe mal geschritten, bald jene wurmstichige Bettlage besichtigen, in der er mal eine Nacht geschlafen 12 haben soll. Und was bringt das alles für einen Nutzen? Du stellst im besten Fall ein paar gänzlich unwichtige Kleinigkeiten fest, die zum Verständnis der Götheschen Geistesgröße ganz ohne Belang sind.«

»Das ist nicht wahr!« verteidigte sie ihren allerdings ans Pathologische grenzenden Forschungseifer. »Es handelt sich um eine sehr wichtige Frage. Ich bin dem echten, wahren Mädchen auf der Spur, das Göthe beim »Gretchen« zum Modell gedient hat.«

»Das weiß man ja längst«, wendete er resigniert ein.

»Nichts weiß man«, rief sie mit glühenden Wangen. »Alle tappen im Finstern, – ich allein bin dem echten Modell auf der Spur gekommen. Ich sag dir: es gibt eine Umwälzung, eine völlige Umgestaltung in der Beurteilung Göthes . . .«

Er seufzte verzweiflungsvoll auf. »Meinetwegen«, jammerte er. »Mit Karl ists auch nicht mehr auszuhalten. Da hat er seinen eignen Lehrer, den Dr. Simmer, öffentlich angegriffen, diesen eiteln, ehrgeizigen Theologen.«

Sie erkundigte sich. Er teilte ihr den Sachverhalt mit und schloß: »Ich rühr keinen Finger in der Sache. Er mag ihn verklagen! Dann fliegt er aus der Schule, – sein Schriftstellern verbiet ich ihm! – und dir die deinige auch. Ist das eine Haushaltung? Wann bekomm ich mal was Vernünftiges zu essen? Und nie zur rechten Zeit! Und dabei sparst du am unrechten Ort: das Brot wird schimmlig, die Butter ranzig, die Wurst wird aufgehoben, bis kein Hund sie mehr frißt. Und was ist denn das?« setzte er zornig hinzu, sich nach der linken Stubenecke wendend, in der zwei dicke in Zeitungspapier gehüllte Pakete standen. Er riß die Zeitungshülle hinweg, – harmlose Regenschirme blickten ihm entgegen und seine Frau beeilte sich, ihn mit siegesgewisser Miene aufzuklären: »Ja, Regenschirme, die ich sehr billig bei Tietz gekauft . . .«

»Ja«, schrie Körn wütend, »wie viel sind denn das? Eins, zwei, drei, vier . . . zwei Dutzend? vierundzwanzig Regenschirme?!«

Mit größter Seelenruhe und großem Stolz auf ihre ökonomischen Talente setzte ihm Katharina auseinander, daß dies ein sehr vorteilhafter Gelegenheitskauf sei. Die Regenschirme werden immer teurer; in M . . . regne es stets . . . der Herbst sei im Anzug . . . nun sei die Familie gleich fürs ganze Leben mit Regenschirmen versorgt.

»Vierundzwanzig Regenschirme?!« tobte der Direktor, bleich vor Wut . . . . »Bist du verrückt? So wirfst du das Geld zum Fenster hinaus? 24 Regenschirme! Das soll Dr. Müller hören, – ob das noch vernünftig ist! 24 Regenschirme auf einmal!«

Katharina schrieb ruhig weiter. Ihr Gatte stürzte ins Schlafzimmer, riß seinen Überzieher vom Nagel und kam, den Cylinder auf dem Kopf (er ging stets im Cylinder), elegant wie ein Pariser Stutzer, wieder ins Wohnzimmer. Die gute Gelegenheit, seine Eloquenz leuchten zu lassen, ließ er sich nicht entgehen, immer wieder fiel er über die 24 Regenschirme her.

»Jetzt hör mal endlich auf«, unterbrach Katharina seinen klassischen Redestrom. »Schau durchs Fenster, – es regnet. Nimm dir nur gleich einen 14 neuen von den 24 Schirmen, dein alter ist fadenscheinig.«

Den Direktor brachte diese Ruhe vollends auf. »Laß dein Geschreibsel!« schrie er. »Marsch in die Küche! Man will was Ordentliches zu essen – wenn heute das Mittagessen wieder erst um 2 Uhr fertig ist, eß ich im Wirtshaus.«

»Mein Gott«, verteidigte sich die Götheforscherin, »lebst du denn um zu essen? Wenn der Mensch nur was im Magen hat . . .«

»Ich will was Ordentliches im Magen haben oder gar nichts!« tobte der große Pädagoge.

»Dann lieber gar nichts. Du bist zu materiell, du bist kein Geistmensch . . .«

»Lieber will ich einer von deinen 24 Regenschirmen sein als dies Leben länger aushalten!«

»Du hast es so lange ausgehalten, bist alt dabei geworden und gesund geblieben.«

»Wie dem nun auch sei, – Tatsache ist: man will Ordnung in seinem Haushalt! Neulich hast du ebenso einen pathologischen Streich verübt –: zwei Dutzend Gummischuhe angeschafft. Vor drei Monaten warens tausend Zündholzpakete. Wo soll das hinaus?«

»Und«, rief Frau Katharina, »da sagt der Mann, ich verstehe nichts von Haushaltung! Er weiß gar nicht, welche Perle er an mir besitzt?«

»O, du kostbare Perle!« höhnte der Direktor, sich vor seiner Frau mit burlesker Grazie verbeugend, »wenn du mir nur nie gestohlen wirst! Ich verdanke dir ja so herrliche Stunden! Du wirst auch 15 noch einmal eine berühmte Frau werden und meinen Namen verewigen.«

»Jedenfalls«, versetzte sie kühl, »hast du mehr Aussicht durch mich berühmt zu werden, als ich durch dich! Was hab ich, als ich Braut war, für Hoffnungen auf dich gesetzt. In der ganzen Vorstadt A . . . . hießest du nur das Wunderkind; dein Vater, der Schulrat, glaubte, du würdest ein wahrer Himmelstürmer . . . . Weißt du noch, wie du mir dein Drama »Die Hohenstaufen« überreichtest? Du selbst warst am entzücktesten davon. Du rühmtest den Adel der Sprache! Die Kritik nannte es: ein echtes Oberlehrer-Drama, ohne Handlung, ohne Charakteristik, mit schwulstigen Phrasen aufgedonnert. Ich glaubte damals als Siebzehnjährige einen großen Poeten in dir zu lieben; aber aus dem großen Poeten ward nur ein kleiner Schultyrann.«

»Und nun glaubst du«, verteidigte er sich, innerlich kochend, »du müßtest meine literarische Ehre retten? Wenn ich auch kein großer Poet geworden bin,– man ist ein Pädagoge geworden, den die Regierung hochschätzt . . .«

»Ein großer Pädagog«, höhnte sie, »der seine eigenen Kinder nicht zu erziehen versteht.«

»Wenn sie der Mutter nachschlagen«, gab er ihren Hieb zurück, »kann sie der Teufel erziehen. Deine Kinder sinds leider, in jeder Beziehung.«

»Ich bin stolz auf solche Kinder«, widersprach sie. »Weißt du, was unser Karl gestern in sein Tagebuch geschrieben hat?«

»Nun?«

16 »Eine geniale Bemerkung!«

»Will ich gar nicht wissen!«

»Die Schullehrer«, sagte sie scharf, »sind es meistens deshalb geworden, weil sie Etwas zu sagen haben, was für die Erwachsnen zu dumm, für die Kinder zu gescheit ist.«

Der Direktor mußte unwillkürlich lächeln. Dieser Ausdruck seines Sohnes versöhnte ihn wieder ein wenig mit dessen Eigenart. Er war ja im Grund stolz auf die Talente dieses Kindes, – aber er wollte sich ums Himmels willen nicht merken lassen, daß er seinen Karl liebte, ja bewunderte. Er zeigte ihm stets die strenge Magistermiene, die ihm der Sohn mit einer noch kälteren Maske erwiderte.

»Karl«, sagte er streng, »könnte auch was Besseres in sein Tagebuch schreiben. Unsinn! Was will man damit sagen? Der unreife Schlingel soll erst was lernen. Er ist gerade so abnorm wie du.«

»Diese Abnormität«, erwiderte sie, »laß ich auf mir sitzen. Bei Karl hat sie sich in Genialität verwandelt. Du wirst noch staunend zu deinem Sohn emporblicken.«

»Wo bleibt er denn nur mit seiner verwünschten Kritik?« rief er. In diesem Augenblick trat Karl, zum Gang ins Gymnasium gerüstet, ins Zimmer und überreichte dem Vater das gelbe Heft. Der Direktor überflog die Kritik.

»Sehr bissig!« sagte er dann entsetzt. »Sie strotzt von beleidigenden Ausdrücken – dieser Zionswächter – dieser David, der nach seiner Bathseba schmachtet – frömmelndes Gekrähe eines 17 brünstig aufgeblähten Hahns – möcht ihm die Tugendmaske vom Heuchlergesicht reißen . . . Wie kommst du auf solche Wendungen?!«

»Die Gedichte Märzlers«, entschuldigte sich Karl, »sind ›geistlicher‹ Art . . .«

»Was berechtigt dich Wendungen zu gebrauchen wie die: er schielt durch seine fromme Maske mit dem linken Auge nach einem Orden, mit dem rechten nach Beförderung und legt sich dabei mit hochmütiger Geberde die Falten seines Priestertalars zurecht . . . er kann sich beruhigen, sein Streben wird höheren Orts belohnt werden . . .«

»Ich habe dir hier sein Werk mitgebracht«, sagte Karl. »Lies die Sachen durch, ob ich nicht recht habe.«

Körn nahm das Bändchen in Empfang.

»Aus dieser Kritik«, tadelte der Vater, »spricht übrigens ein ganz anarchistischer Geist . . .«

»Ich bin auch Anarchist in gewissem Sinne«, versetzte der Sohn trotzig.

»Unsinn!« fuhr ihn der Direktor an. »Du bist gar nichts. Du hast in der Schule zu arbeiten, weiter nichts. – Und hier . . . hast du dir auch Ausfälle gegen Militär, Staat und Kirche erlaubt?! Karl, Karl, du bist ein Verlorener! Ich werde meine Hände von dir ziehen. Diese Anklage kommt mir gerade recht, ich sage mich von dir los! . . . Da siehst du nun deine Kinder!« Die letzte Phrase galt seiner Frau.

»Wenn du nur nicht immer von meinen Kindern sprechen wolltest!« fuhr sie auf. »Als wenn du ganz unbeteiligt gewesen wärst! Was Karl anlangt, so 18 laß ihn doch austoben. Welcher Jüngling war nicht mal eine Zeit lang Anarchist? Das kommt nur vom Zwang des Gymnasiums, von der väterlichen Strenge.«

»Bei mir, liebe Mama«, wendete Karl ein, »entspringt der Anarchismus aus tieferen Quellen. Meine Überzeugung lautet: nur die Gesetzlosigkeit ist das oberste Gesetz, weil der Mensch sich selbst ein Gesetz . . .«

»Ach, lieber Karl«, beruhigte ihn die Mutter, »du hast zu viel Nietzsche gelesen.«

Sofort griff der Direktor dies Wort auf. »Das ists«, donnerte er. »Dieser gottverfluchte Nietzsche verwirrt den jungen Leuten die Köpfe. Dieser wahnsinnige Halbphilosoph, den man polizeilich verbieten sollte, macht die unreife Welt wahnsinnig. Du liest mir keine Zeile mehr von diesem Umwerter aller Werte! Es bleibt dabei: wenn Dr. Simmer auf einer Anklage besteht, fliegst du aus dem Gymnasium. Dann kannst du sehen, wohin du mit deinem Anarchismus kommst . . . Und jetzt fängt der auch noch an!« schimpfte er, mit bösem Blick nach der Salontüre, aus der soeben Klavierspiel ertönte. »Ich bin der reinste Irrenhauswärter. Eduard ist gerade so verrückt wie ihr beide; aus dem wird auch nichts. Meint, er sei ein musikalisches Genie! Sein Genie steckt nur in seinen langen Haaren. Das sind nun deine Kinder!« fuhr er wieder seine Frau an, die wiederum nicht verfehlte, ihm dies »deine« vorzuwerfen. Er fuhr fort: »Ich bezahle nur noch ein halbes Jahr seine Studien. Warum brach er mitten in der Juristerei ab, der Phantast! Und du, Karl, wirst gefälligst alle Hebel in Bewegung setzen, daß 19 keine Anklage kommt. Ich kümmere mich gar nicht um die Sache!«

Mit diesen Worten eilte er aus dem Zimmer.

Nun trat Eduard herein. Der Bruder Karls war ein langaufgeschossener Mensch mit blonden Schmachtlocken, die ihm über die Schultern herabhingen. Er trug stets ein bleiches ›fürnehmes‹ Dulderantlitz zur Schau und hatte wegen seines pathetisch idealen Benehmens im Vorstadtviertel den Spitznamen »Der Gott« erhalten. Die ganze Nachbarschaft war außer sich darüber, daß er am Klavier stundenlang ewig dieselben Stellen wiederholte. Unter allen seinen Briefen stand: Eduard Körn, Sänger, Schriftsteller und Komponist. Er schrieb nämlich auch zuweilen Kritiken. Nun schüttelte er sein löwenmähniges Künstlerhaupt und fragte mit einem Pathos, als wolle er im fünften Akt der Tragödie aufs Schaffot wandeln: »Was hat er wieder, er, der den großen Richard Wagner nicht versteht?«

»Kinder«, wendete sich die starkknochige Mutter an ihre beiden Sprößlinge, »laßt ihn! er versteht uns nicht, diese pedantische Schulmeisterseele. Wartet die Stunde ab, in der die Welt uns anerkennend zu Füßen liegt, dann erst wird er sich bekehren und einsehen, – was er heute schon sehen sollte . . .« Ja, ja, dachte sie weiter, dann sind es meine Kinder, die er mir immer vorwirft . . .

Eduard blickte mit majestätischem Augenaufschlag zur Decke.

»Meine sechs Vertonungen von Nietzsches Liedern sind beendet«, sagte er. »Du hast mir versprochen, 20 Mama, daß ich sie auf deine Kosten herausgeben darf?«

»Gern, gern, mein Sohn«, sagte sie achtungsvoll. »Meinen letzten Heller wende ich daran, dir zum verdienten Erfolg zu verhelfen.«

»Die Lieder sind mir gelungen«, fuhr der ›Gott‹, sich selbst anbetend, fort. »Zwar dem Papa gefallen sie nicht; doch das ist gerade die beste Kritik, – der Arme steht noch bei Mozart . . .«

Er hatte die letzten Worte mit unnachahmlich mitleidiger Verachtung ausgesprochen. Die Frau Direktor setzte hinzu: »Er hat sich mit seinem besten Freund überworfen, weil der Beethoven über Mozart stellte . . .«

»Und dabei weiß ich«, warf Karl ärgerlich dazwischen, »daß er im Grund viele Stellen aus dem Lohengrin, sobald ich sie spiele, sehr gern hört. Es ist der reinste Widerspruchsgeist von ihm.«

»Ja, Kinder«, bestätigte die Mutter, »er besitzt einen gewissen germanischen Starrsinn und – Neid! Bismarck sagt einmal, der Neid sei das deutsche Nationallaster! Der Vater, der in der Jugend »Das Wunderkind« hieß, ärgert sich im Stillen darüber, daß er kein Wundermann, sondern ein ziemlich gewöhnlicher Sterblicher geworden. Nun läßt er seinen schulmeisterlichen Zorn an jedem aus, der mehr Talent hat als er.«

»Das ist richtig«, fiel Karl ein. »An allem nörgelt er herum. Sein Haß auf Fräulein Emma Dorn ist auch – Neid!«

»Ganz gewiß!« rief Frau Katharina. »Kann man 21 denn mit ihm irgend ein Kunstwerk, eine Theatervorstellung sehen, eine Musik hören, ohne daß er darüber schimpft? Nur seine alten Griechen sind unfehlbar. Dabei kämpft er in der Politik für Freiheit, – im eignen Haus ist er Tyrann. Kinder, ihr wißt nicht, was ich mit dem Mann schon ausgestanden hab. Unsre Ehe . . .! nun ich will vor euch nicht klagen, – ihr sehts ja leider selbst.«

Karl trat zu der beinahe in Tränen Ausbrechenden hin und sagte mit naivem Schmerzausbruch: »Du glaubst gar nicht, Mama, wie mirs das Leben verbittert, daß ihr gar nicht miteinander auskommt.«

Katharina umarmte ihn. »Mein armes Kind«, schluchzte sie, »ich kenne dein tiefes Gemüt, das hast du von mir. Gott! du hast ja recht. Es muß da eine Änderung geben, so kanns nicht weitergehen. Ich bin ja nicht schuld an diesen ewigen Zerwürfnissen!«

»Erlaub, Mama«, ließ Karl zaghaft einfließen; »ich meine . . . verzeih . . .«

Sie sah ihn erstaunt an und fragte: »Wie?«

»Ich meine«, fuhr er leise fort, »es könnt mancher Zwist vermieden werden, wenn . . . . du ihm ein wenig entgegenkämst . . . in der Haushaltung . . .?«

Ihre Miene verdüsterte sich. »Ja, was ist denn?« fragte sie; »entbehrt er denn etwas? entbehrst du etwas? Bin ich nicht sparsam? praktisch? pünktlich?«

»Nun ja, nun ja«, beeilte sich der Sohn die Beleidigte zu besänftigen. »Du bist ja eine so geistig hochstehende Frau, – deine Götheforschungen werden dich gewiß einst noch berühmt machen . . .«

22 Ihre Züge verklärten sich. »Er tadelt meine Anschaffungen«, rechtfertigte sie sich. »Sie kommen aber dem Haushalt zugut; wir sind jetzt auf dreißig Jahre mit Regenschirmen versorgt, auf zwölf Jahre mit Gummischuhen, auf zehn Jahre mit Zündhölzchen. O, ich bin ein ökonomisches Genie . . . etwa nicht?«

Die beiden Söhne sagten weder ja noch nein. Der Schriftsteller, Sänger und Komponist schüttelte seine blonden Schmachtlocken und zog sich mit fürnehmer Leidensmiene an den Flügel zurück, auf dem er »neue« Akkorde suchte, der geniale Gymnasiast, der vor dem Maturitätsexamen stand, folgte seinem Vater ins Gymnasium und die Frau Direktor begrub ihre rötlich angehauchte Habichtsnase in die Hefte ihrer Götheforschungen, während das unbeaufsichtigte Dienstmädchen in der Küche nach Gutdünken schaltete, d. h. einen ungenießbaren ›Fraß‹ zusammenpantschte.

2.

Der Direktor benutzte, wie immer, die elektrische Trambahn, wußte aber zwischen sich und den übrigen Fahrgästen durch sein würdevolles Benehmen eine solch hohe geistige Scheidewand zu errichten, daß keiner es wagte ihn anzureden. Er konnte es nie vergessen, daß er einst ›Das Wunderkind‹ gewesen war. Traf er einen Bekannten, so überschüttete er ihn mit einem Schwall wohlgesetzter Redensarten, in der Meinung, daß der Hörer die Quantität für die Qualität nehmend, ihn für einen eminent geistreichen Kopf halten müsse. Gewaltsam schlug er sich 23 jetzt die Erinnerung an sein trauriges Familienleben aus dem Sinn und grübelte, während ihn das Rasseln des Wagens umdröhnte, darüber nach, welches Aufsatzthema er seinen Primanern stellen sollte, – ein Thema, das er dann später selbst bearbeiten könnte, denn in seiner Prima waren gute Köpfe, deren Gedanken ihm schon manche Anregung gegeben hatten.

Doch ehe er etwas gefunden, geriet seine professorale Größe dadurch sehr ins Gedränge, daß sich dicht vor ihn hin ein außerordentlich dickes Gemüseweib aufpflanzte, in deren hoch vor ihm aufgebauschter Kleiderwölbung sein Gesicht fast verschwand. Aufstehen konnte er nicht. Nur gut, daß ihn kein Schüler in seiner üblen Lage sah, die er endlich mit philosophischer Resignation ertrug.

Dann beschäftigten ihn einige Erziehungsprobleme. Sein Sohn hatte ihm vorgestern bei Tisch gesagt: »Da preist man uns ewig die alten Griechen! wenn wir uns aber mal deren Leben ernstlich zum Vorbild nehmen würden, wollt ich sehen, wie wir aus dem Gymnasium flögen!« Wie konnte man die Sitten der Alten in eine höhere Verbindung bringen mit dem Leben unserer Zeit? Halt . . . das war ja ein famoses Aufsatzthema!

Doch hatte er keine Zeit, diesen Gedanken weiter zu verfolgen. Die Trambahn hielt; mit elegantem Sprung stieg er aus – er war stolz auf seine jugendliche Rüstigkeit – und trat durch das eiserne Gittertor in den großen Hof, in dem der Sandsteinprachtbau der Geisteskaserne (wie sein Karl das Gymnasium nannte) sich hinter grünen Bäumen 24 erhob. Jetzt gelangte er durch den breiten Korridor in sein hübsches Direktorzimmer.

Hier fühlte er sich als Herrscher, hier störte ihn keine kleinliche Familienrücksicht, hier erlosch die keifende Stimme Katharinas, der Fisch war in seinem Element. ›Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!‹ Nachdem er in seiner elegant-würdevollen Weise Hut und Mantel abgelegt, trat er in das anstoßende Lehrerzimmer, in dem bereits die meisten Lehrer sich versammelt hatten.

Alle grüßten den vom Kultusminister hoch geschätzten Pädagogen sehr achtungsvoll; einige mit kriechender, süßlicher Liebenswürdigkeit, andere wußten sogleich allerlei Schmeicheleien über sein Aussehen geschickt anzubringen.

Besonders der sehr stämmig gebaute protestantische Theologe Dr. Georg Simmer, heimlicher »Märzler«, ein ungemein korrekter Streber, verstand es, dem Direktor mit wahrhaft christlicher Selbstverleugnung den Hof zu machen, was den sonst doch scharfsichtigen Vorgesetzten indes durchaus nicht etwa abstieß. Wie der Kater, wenn er gestreichelt wird, behaglich schnurrt, nahm der Direktor die oft sehr plumpen Lobeserhebungen mit dankbarem Grinsen in Empfang. Dem Theologen gegenüber fühlte er sich nun in einiger Verlegenheit. Da er merkte, daß der Herr bis jetzt noch nicht wußte, wer ihn in so beleidigender Weise angegriffen, schwieg er über diese Sache. Dr. Simmer besaß absolut kein Talent, die Schüler an sich zu fesseln; im Gegenteil, es ging eine herzlose Kälte von seinen grünlich 25 schielenden Augen auf die Zöglinge über. Seine Strafen waren hart; von christlicher Nächstenliebe war im Wesen dieses Zionswächters nichts zu bemerken. Seinen Religionsunterricht hätte man einen seelenlosen Geschichtsunterricht nennen können. Man erkannte an den ungeschlachten Bewegungen seiner plumpen Glieder den Metzgersohn vom Land. Seine starren, maskenhaft bleichen Gesichtszüge flößten den feinfühligeren Knaben Grauen ein, weckten die Spottlust der derberen.

Gar nicht leiden konnte diesen süßlich-schwerfälligen Mann Gottes der Physiker Külper. Auch am Unterricht hatte der dicke, kleine Mathematiker gar keine Freude; er hätte sich am liebsten ganz in seine Höhle, die Wissenschaft, zurückgezogen. Er sah ungefähr aus wie ein italienischer Baß-Buffo, hatte auch ähnliche groteske Manieren und humoristische Aussprüche. Seine Schüler lernten nicht viel bei ihm. Mit den Talentvollen stand er in behaglich-heiterem Verhältnis, die Faulen ließ er ruhig gewähren und nannte sie mit burlesker Verachtung: seinen Sumpf. Er ging den anderen Herren ängstlich aus dem Weg, sogar mit dem Direktor verkehrte er nur, wenn es unumgänglich nötig war. Prächtig anzusehen war der dicke Herr, wenn ihn, den ausgesprochenen Freigeist, eine feierliche Gelegenheit, etwa das Abendmahl bei der Konfirmation, in seinen engen Frack und in die Kirche trieb. Die älteren Schüler merkten ihm dann seinen inneren Ärger über die Zeremonie an, den er vergeblich unter einer gottergebenen Miene zu verbergen suchte.

26 Dann war hier der Kantor Mangsilber, der Singlehren. Er war Vorstand eines Gesangvereins, für den er mehrere Oratorien im alten Mendelsohn-Styl komponiert hatte. Er trug eine Perrücke, die ihm bei Musikaufführungen, wenn er leidenschaftlich den Taktstock schwang, auf die linke Gesichtshälfte herunterrutschte, haßte alle moderne Musik und hielt sich für ein verkanntes Genie. In seinen Manieren ahmte er den Sebastian Bach nach, gab sich schlicht, derb, strenggläubig.

Endlich war noch der Lehrer Dr. Pennig da, ein ungemein dünner, langer Herr, mit einem verrunzelten, trocknen, faltenreichen Magistergesicht und begabt mit einer so scharfen Fistelstimme, daß seine Schüler behaupteten, man könne sich mit ihr rasieren. Seine Schüler nannten ihn nur den »Mehr oder weniger«, weil diese Phrase in allen seinen Sätzen ewig wiederkehrte. Seine Stunden wären für seine Zöglinge sehr langweilig gewesen, wenn er es nicht verstanden hätte, durch unfreiwillige Komik sie ein wenig anziehender zu gestalten.

Dies waren die Herren Lehrer, die nun, spärlich und leise plaudernd, in unlustiger Morgenstimmung umeinanderstanden, bis es Zeit war, den Unterricht zu beginnen und ein Wink des Direktors sie auf die versammelte Jugend losließ, einen jeden in seine Klasse.

Lebhafter ging es zu, als in der ersten Unterrichtspause die Lehrer wieder in ihrem Zimmer beisammen waren.

Der Theologe hatte ein Zeitungsblatt aus der 27 Tasche gezogen und las daraus die Kritik über die jüngste Aufführung des Hamlet im Hoftheater vor.

»Ist das nicht köstlich?« bemerkte er dazu. »Dieser Blaustrumpf Emma Dorn orakelt da über die tiefsinnigste Dichtung und setzt dabei die Komma ganz falsch!«

»Ja«, gab ihm der Direktor recht, »dieses Frauenzimmer verderbt den Geschmack. Wie kann ein nicht akademisch gebildeter Mensch überhaupt über Hamlet schreiben! Sie hat ja gar nicht die gesamte Hamletlitteratur durchstudiert; das wäre doch das Wichtigste. Statt die berühmten Autoritäten anzuführen, wagt sie es, eigene Gedanken zum Besten zu geben; bedenken Sie, meine Herren, eigene Ideen über einen Gegenstand, den unsre Wissenschaft völlig erschöpft hat.«

»Gewiß, Herr Direktor«, bestätigte der Theologe, »Sie haben vollkommen recht! Und dieser abscheuliche, geistreichelnde Feuilletonstyl! Das soll Grazie sein, – man merkt aber, daß ihr Geist weder durch Latein, noch durch Griechisch die gehörige Dressur erhalten hat.«

Schon vor einigen Minuten war lebhaft und frisch der ganz modern empfindende Dr. Wilhelm Köhler eingetreten. Er las alles Neue, stand mit seinen Ansichten ganz auf naturwissenschaftlichem Boden und war ziemlich unbeliebt bei seinen Kollegen. Da er aber ein ansehnliches Vermögen besaß, wagte man nicht ihn direkt anzugreifen; er hätte ja sonst, ohne sich lange zu besinnen, seinen Abschied genommen. Der lebhafte junge Mann, der die letzten 28 Worte des Theologen gehört hatte, wagte es, den »Blaustrumpf« sogleich mit Ostentation in Schutz zu nehmen.

»Eine ganz neue Idee!« sagte er begeistert. »Sie packt das Problem von einer ganz neuen Seite. Sie hat vielleicht recht –: Hamlet gehört in die ›Psychopathia sexualis‹.« Nun entwickelte er den Ideengang ihres Artikels mit so viel Feuer, daß er dadurch allgemeines Kopfschütteln erregte. Das war ja eine ganz naturalistische Weltanschauung; er sprach sogar dem Menschen den freien Willen ab! und vor acht Tagen hatte doch der Herr Kultusminister in einer langen Rede (während eines psychologischen Kongresses) betont, daß er erwarte, die Herren Professoren würden die Freiheit des Willens nicht antasten.

»Dieses Frauenzimmer«, brach der Direktor das eisige Schweigen, »soll soeben einen höchst unmoralischen Roman veröffentlicht haben. »Finstre Dämonen«. Ich werde den Roman lesen. Verhält es sich wirklich so, – dann sollte man das Buch dem Staatsanwalt überantworten.«

»Das werde ich auch tun«, versetzte der Theologe streng.

»Ich gebe Ihnen vollkommen recht«, beglückwünschte ihn Körn zu seiner Initiative; wir haben die Pflicht, nicht nur den guten Geschmack, auch die guten Sitten zu retten.«

Dr. Wilhelm Köhlers offene Züge verfinsterten sich, er strich sich nervös über seinen schwarzen Spitzbart und meinte: »Ich möchte nicht den 29 Angeber spielen. Übrigens ist das Buch nicht so schlimm . . .«

Der Direktor brach diesen ihm peinlichen Gegenstand ab und fragte einige der Herren nach den Leistungen seines Sohnes. Man lobte, ja bewunderte ihn allgemein. Dr. Köhler war der Einzige, der dem Vater die Wahrheit ins Gesicht zu sagen wagte.

»Ihr Sohn, Herr Direktor«, meinte er, »ist vielleicht ein Genie, – aber ein krankhaftes. Ein Treibhausgewächs. Er weiß jetzt schon mehr als wir alle hier von Philosophie und andern Fächern. Sein Buch über Nietzsche strotzt von wunderlichen Gedanken, die er in eine seltsame, farbenschimmernde Sprache kleidet. Geben Sie acht, Herr Direktor, aus solchen frühreifen Talenten wird meistens nichts. Oft gehen sie im Leben bald völlig zu Grund.«

Alle waren erstaunt über den Freimut des jungen Philologen. Der Direktor drückte ihm indessen die Hand.

»Sie sind vielleicht tiefer in das Seelenleben meines Kindes eingedrungen, als ich. Meinen Sie nicht, ich müsse recht streng gegen ihn sein?«

Dr. Köhler zuckte die Achseln. »Bei einem so ungewöhnlichen Fall versagt jede pädagogische Regel. Ich wage da wirklich nicht eine Meinung zu äußern.«

»Nun«, fuhr der Direktor fort, »ich versuchs zunächst mit Strenge.«

»Bei der Reizbarkeit seines Gemüts könnte Strenge unter Umständen gefährlich werden«, warf Dr. Köhler hin. »Vielleicht wäre echte Milde, Weichheit und Liebe eher am Platz.«

30 »Dadurch«, meinte der Vater, »wird seine Großmannsucht, sein geistiger Hochmut noch gesteigert.«

»Allerdings, diese Gefahr liegt nahe.«

»Ich muß ihm andeuten, daß er noch garnichts ist. Ich werde ihm sogar das poetische Produzieren verbieten.«

Die Herren gaben ihn vollkommen recht. Später als das allgemeine Gespräch sich in Sonderunterhaltungen aufgelöst hatte, zog der Direktor, nach einigem Besinnen, den Dr. Simmer in eine Fensternische.

»Lieber Herr Doctor«, begann er, bald blaß, bald rot werdend, »ich habe ein paar Worte . . . . ich muß . . . muß Ihnen eine Aufklärung geben . . .«

»Eine Aufklärung?« sagte der Theologe, während über seine kalten Züge ein süßliches Lächeln glitt, mit dem er, in Folge eines Augenfehlers, nach einer ganz anderen Richtung zu sehen schien.

»Ja«, stammelte der Direktor; »es wird mir schwer von dieser Sache zu reden . . .«

»Das sehe ich Ihnen an.«

»Nun . . . wie dem nun auch sei . . . Tatsache ist: Sie haben einen Band geistliche Lyrik herausgegeben?«

»Wie? Woher wissen Sie . . .«

»Leugnen Sie?« scherzte der Direktor.

»Ich bin auf der Tat ertappt!« lachte der Theologe.

»Nun . . . wie dem nun auch sei . . . man gratuliert Ihnen zu Ihrer poetischen Ader.«

»Ja«, gestand der Mann Gottes, mit mildem Lächeln und stillem Augenaufschlag, »ich habe meine 31 Seele zuweilen in frommen Liedern zu Gott erhoben. Ich denke man sieht nun höheren Orts, was ich als Bildner der Jugend zu leisten vermag. Denn wohl nie hat ein Sänger so leidenschaftlich den modernen Unglauben, den Geist des Umsturzes angeklagt.«

»Sehr löblich«, stammelte der Direktor. »Man wird höheren Orts gewiß mit hoher Achtung auf Sie blicken und eine solche Lehrkraft zu schätzen wissen. Indes . . . die Kritik! die böse Kritik!«

»Sie erinnern mich mit Recht an die Kritik«, fiel ihm Dr. Simmer entrüstet ins Wort. »Der gemeine Ton der Kritik in Deutschland verdient unsre tiefste Verachtung. Auch mich hat man in den Kot gezogen, auch mein hohes Streben hat man als Speichelleckerei oder Liebedienerei oder Heuchelei lächerlich zu machen gesucht.«

»Ich weiß«, entfuhrs dem beklommnen Körn.

»Sie wissen?«

»Leider . . .«

»Sie haben jenen schändlichen Angriff in der ›Litterarischen Wacht‹ gelesen?«

»Leider!«

»Ich habe auch bereits Strafantrag gestellt.«

»Schon?«

»Meinen Sie, ich könne solche pöbelhafte Beleidigungen auf mir sitzen lassen?«

»Nein, nein! es ist nicht in Abrede zu stellen, – der Artikel strotzt von Roheiten.«

»Man brandmarkt mich geradezu als trottelhaften Heuchler! Ist solch ein Ton erhört?«

32 »Sie sind völlig im Recht«, stotterte der Direktor, dessen Kopf blutrot anlief, »völlig! Verklagen Sie den Menschen. Kennen Sie den Kritiker?«

»Nein; er nennt sich Paolo Reddi – oder Reddig . . .«

»Es tut mir leid, es sagen zu müssen . . . ich bin unglücklich, tief unglücklich . . . bedauern Sie mich . . . es ist mein ungeratner Karl.«

Dr. Simmer prallte zurück. »Wie? Paolo Reddig ist . . . Ihr Sohn?«

»Ich bin tief betrübt, dies eingestehen zu müssen und ich bitte Sie – Strafantrag zu stellen. Er soll diesen Denkzettel davontragen. Man hat mit ihm darüber gesprochen. Sie tun mir geradezu einen Gefallen, wenn Sie ihn verklagen.«

Dr. Simmer kämpfte heftig mit sich selbst. Seine an sich schon harte Miene nahm einen fanatisch-starren Ausdruck an. »Ich bin allerdings«, stammelte er betreten, »so tief in meiner Ehre verletzt . . ., daß ich in der Tat . . . nicht weiß . . .«

Der Direktor schüttelte dem Gekränkten die Hand. »Bleiben Sie bei Ihrer Klage«, sagte er, gewissermaßen den zweiten Brutus spielend, »mein ungeratner Sohn soll seine unverschämte Anmaßung büßen! Ich habe im gesagt: »Du mußt aus der Schule; noch vorm Examen. Also – bleiben Sie bei Ihrer Klage.«

Er drückte dem Beleidigten noch einmal die Hand und eilte davon, nach seiner Klasse. Die Glocke hatte bereits das Zeichen zum Wiederbeginn des Unterrichts gegeben.

33 »Ich werde mir die Sache überlegen, Herr Direktor!« rief ihm der Theologe nach.

»Überlegen Sie nichts!« gab Körn zurück, »handeln Sie, Herr Doktor.«

Während dieser Gespräche im Lehrerzimmer, hatte Karl Körn im großen Schulhof gestanden und träumerisch den immer gelber sich färbenden Wipfel der Linde betrachtet, die sich als traurige Einsiedlerin mitten in der kahlen Sandwüste dieses Hofs erhob. Dem sensibeln Menschen hauchten die Schauer des nahenden Herbstes durch die Seele.

Er stand gerade in jenem Alter, in dem der Sinn für die Lyrik – Uhland, Lenau, Mörike – dem jugendlichen Deutschen zur Religion wird, in dem Alter, in dem ein fallendes Blatt uns Tränen entlockt, der feuchte, kühle Herbstwind uns erzählt von den Gräbern der Lieben, deren dürre Kränze er des letzten Blätterschmucks beraubt.

»Tote, ihr auch müßt entbehren, Was euch Liebe möcht gewähren!«

hatte er selbst gesungen.

Karl war eine eigenartige Natur. Er war als Kind von äußerst zarter ätherischer Gestalt, bleich, mit Träumeraugen, nervös zuckend. Schon von frühester Jugend an lebte in ihm ein heftiger Drang, Gott zu ergründen. Kein Mensch wußte, daß er sich, wenn er als Zwölfjähriger einsam durch die Waldungen wandelte, die Probleme, die der Religionslehrer in der Stunde aufgeworfen, auf seine Art zurecht zu legen suchte. Zunächst grübelte er darüber nach, ob Gott wohl in der Welt sitze oder 34 sie von außen lenke, und kam zu dem Resultat, daß die Welt gewissermaßen Gottes Kleid sei. Kein Mensch ahnte seine jugendlichen Kämpfe. Nur seine alte, jetzt verstorbene Großmutter hatte eine dunkle Ahnung von des Knaben tiefem Gemüt. Er erinnerte sich, daß sie ihn einst, als etwa Zehnjährigen an ihr Krankenbett hatte rufen lassen. Er wäre gern mit den Kameraden draußen herumgetollt, doch der armen Kranken zu lieb, hielt er es im halbdunkeln Zimmer aus. Sie wollte nichts, als ihn betrachten, seine Hand halten, wenn er neben dem Bett auf dem Stuhl saß. Ihn griff diese weihevolle Bewunderung einer schwer Leidenden heftig an, ohne daß er sich zu erklären vermochte warum? Sie sprach so sanft und innig zu ihm: »Sieh Karlchen, du bist nicht wie andre Menschen, du bist ein Ausnahmegeschöpf, du wirst im Leben sehr unglücklich werden. Dein Gemüt, dein Geist ist zu fein für diese rohe Welt. Liebe nur immer die Natur, versenk dich in ihre Geheimnisse, sie spricht zu dir, sie gibt dir Trost und Mut. Du hast zu viel Phantasie, du wirst ewig ein großes Kind bleiben. Die Menschen werden dich nicht verstehen, dich gar hassen; aber laß dichs nicht kümmern und geh ruhig deinen Weg weiter. Weißt du noch, wie du als fünfjähriges Kind gern durch alle Zimmer gestürzt bist und riefst: ich kann fliegen, ich kann fliegen? Du fühltest damals schon an dem inneren Aufstreben deiner Seele, daß dein Reich nicht von dieser Welt war!« Dann starb die alte Großmutter, das einzige Wesen, das er geliebt und hinter dessen 35 Leichenwagen er in Schmerz aufgelöst einherwandelte, während der Schnee vom grauen Himmel in leichten Flöckchen wirbelte. Später grübelte er weiter nach über das Wesen Gottes. Auf seinem jetzigen Standpunkt sagte er sich: Gott ist die Leidenschaft! Er erblickte Gott stets in den Empfindungen, die ihn augenblicklich durchströmten . . . Das waren schon seit Monaten jugendliche Herzensangelegenheiten! Er liebte Emma Dorn mit der ganzen Kraft seiner bald zwanzigjährigen Seele und diese Leidenschaft verwob er nun mit der Naturbetrachtung. Die Natur trat ihm, infolge seines leidenschaftlichen Begehrens, menschlich näher. Sie redete deutlicher zu ihm als früher; er erblickte das Gesicht Gottes durch ihre schöne Maske, er ahnte durch ihr prächtiges Kostüm die Körperformen des Ewigen.

So versank er auch jetzt in jenes behagliche Herbstfrösteln, das die Phantasie so lebhaft anregt.

Da war nun die alte Linde, die er vom Schulfenster aus schon seit acht Jahren beobachtet. Er kannte sie, wenn im Hochsommer der Mittagsonnenbrand ihre vergoldeten Zweige ermattet niederzudrücken schien; er hatte mit ihr gelitten, wenn der Herbstwind ihr das Blätterkleid stahl, und sie bewundert, wenn der Winter sie zu einem phantastischen Silberkrystall umzuwandeln suchte. Im Augenblick empfand er das intensive Goldgelb mehrerer Blätter, das sich so prachtvoll abhob vom zarten Blau des Himmels. Wahrlich, sagte er zu sich, die gelbe Farbe darf ich künftig nicht mehr verachten; welch feine Nüancen: braungelb, blaugelb, grüngelb, 36 rotgelb, – herrlich, wie dazu das tiefe Blau des Hintergrunds stimmt.

Während er diese Betrachtungen anstellte, umtoste ihn das Spiel von einigen hundert Knaben und Jünglingen. Der Schulhof glich, da es geregnet hatte, einem zerstampften Morast. Lautes Lachen, Geschrei ringsum, umeinanderwirbelnde Gesichter, ein buntes Gewoge von Kleidern und Köpfen. Vorm schwarzen Gittertor rollten die blauen Trambahnwagen vorbei. Dort draußen hastete die böse, geldgierige Welt nach Erfolg; hier sollte die noch unverdorbne Jugend mit Idealen genährt werden. Wie wenige aber von diesen Jünglingen, die hier am Busen der Wissenschaften sogen, mochten sich in das schmutzige Weltgetriebe noch ein paar Ideale hinüber retten? Die meisten, dachte er, werden öde Vergnügungsmenschen oder Streber.

Nun kam Konrad Stern auf ihn zu mit seinem Lieblingsgruß: Gut'n Tag! Diverse Schnäpse!« Das war eine seiner stehenden Redensarten, die er alle Halbjahr wechselte. »Du«, erzählte der kleine, dicke Konrad, der Sohn eines Subalternbeamten, »hör nur, was gestern in der Obersekunda passiert ist. Kommt der Dr. Simmer ins Klassenzimmer, hatte offenbar wieder sein ewiges Nervenkopfweh, . . . nu – kommt also rein und ruft in die lärmende Klass: ›Ich bitt euch, seid doch ein wenig stiller!‹ Dann deutet er auf seinen Kopf und fährt fort: ›Ihr wißt ja, wo mirs fehlt . . .‹ Ist das nicht köstlich!? Diverse Schnäpse!«

Karl lachte: »Ihr wißt ja, wo mirs fehlt? Nu 37 gut, das wirs endlich wissen; wir werdens nicht vergessen. Es fehlt ihm übrigens noch wo anders«, setzte er boshaft hinzu und deutete aufs Herz: »Hier! – Weißt du, was mir passiert ist?« sagte er dann ernsthaft.

»Was denn?«

»Ich hab, ohne es zu wissen, den Dr. Simmer in der ›Litterarischen Wacht‹ angegriffen und – beleidigt.«

»Was?« schrie Konrad, »wieso?«

Karl erzählte seinem Intimus die Sache ausführlicher. Konrad fand den Spaß köstlich, rief gleich ein paar Kameraden herbei, erzählte laut den Vorfall und bewirkte dadurch, daß sich die Kunde von dem bevorstehenden Prozeß bald im ganzen Schulhof unter den älteren Schülern verbreitete.

»Mir ist die Sache nicht so spaßhaft«, sagte Karl mit melancholischem Lächeln, »was fang ich an, wenn mich mein Vater aus der Schul wirft?«

Der bleiche, dicke Konrad sah seinem Freund begeistert in das jugendliche Professorengesicht und erwiderte mit tragischem Pathos: »Diverse Schnäpse! – wir gründen eine Zeitschrift.«

»So?« lachte der Sohn des Direktors mit überlegenem Sarkasmus; »und wo das Geld hernehmen?«

»Dumm, daß das Geld so ne einfältige Rolle in der Welt spielt«, meinte Stern finster.

»Wir können unmöglich solang warten«, versetzte Karl, »bis der sozialistische Zukunftsstaat das Geld abschafft.«

38 »Wer weiß«, fiel ihm Konrad erregt ins Wort, »s kann jeden Augenblick n Krach gebend

»Ach Unsinn!«

»Sprich nicht so wegwerfend! Es gährt im Volk! Noch ein paar neue Steuern oder so was dergleichen – und wir haben die Revolution.«

»Ich seh dich schon mit der roten Mütze und »Diversen Schnäpsen« auf der Barrikade stehen«, spottete Körn. »Nein! so schnell geht das nicht und mit Gewalt erreicht man dauernde Erfolge im Staatsleben auch nicht. So was kommt langsam; auf geistigem Gebiet.«

»Ich bin für Blut und Feuer!« schrie der Dicke. Karl schmunzelte, als Konrad fortfuhr seine bluttriefende zukünftige Heldenschaft auszumalen. »Diesem Philisterpack kann man nur durch Mord und Brand imponieren! Diverse Schnäpse! Sollst sehen, wie sich da unsre Schultyrannen verkriechen. Wir sollten schon im Kleinen anfangen –: einfach n paar Schulmeister durchprügeln; oder sie auf Spaziergängen ins Wasser schmeißen; oder wenn so ein Unbeliebter in die Klasse tritt, ihm sämtliche Bücher an den Kopf bombardieren.«

Ein vorüberstürmender, von anderen verfolgter Tertianer hatte dem heftig gestikulierenden Revolutionär aufs linke Hühnerauge getreten, so daß er nun vor Schmerz, »Diverse Schnäpse!« schreiend, auf dem rechten Fuß herumtanzte, aber doch nicht wagte, den sehr kräftigen Tertianer, der ihn herausfordernd auslachte, anzugreifen.

»Siehst du?« spöttelte Karl. »So gehts euch 39 Anarchisten; die andern sind euch doch noch zu mächtig. Ich bin ja auch für Freiheit, ja Gesetzlosigkeit«, setzte er weise hinzu; »aber da muß erst das Menschengeschlecht dazu herangebildet werden! Vielleicht trag ich einmal dazu bei«, meinte er ernsthaft, fuhr dann aber wieder resigniert fort: »Nein, wenn mich mein Alter aus der Schul wirft, muß ich Journalist werden.«

»Und ich werd Schauspieler!« rief Konrad.

»Ach du!« spottete Körn; »mit deiner Nase – Schauspieler?«

»Die Nase ist doch in der Mimik nicht die Hauptsache!«

»Und deiner blechernen Stimme? Deiner fetten Kurzatmigkeit? Eher könnt ich auf die Bühne.«

Jetzt kam der kleine Benjamin Rosental, der Sohn des reichen Bankiers, der von Karls bevorstehendem Schicksal gehört, klopfte ihm mit Gönnermiene auf die Schulter und sagte: »Wenn du kommst in Not, lieber Karl, komm nur zu mir.«

Karl bat ihn sogleich um drei Mark; da war Benjamin sehr betreten; er wollte ihm zwar das Geld geben, verlangte aber 10 Pfennig Zinsen.

»Du Wucherer!« schalt ihn Körn. »Dir werd ich je wieder an deinen Aufsätzen helfen!«

»Wart nur«, drohte Benjamin, »ich werd deinem Alten sagen, daß du beim Buchhändler Kolb 500 Mark Schulden hast.«

Die schrille Schulglocke machte dem bedenklich werdenden Gespräch ein Ende. Der Tumult im Schulhof ließ sofort nach, in den Gängen des großen 40 Hauses rauschten dumpfe Schritte, bis dieses Rauschen in den ehrwürdigen Hallen immer leiser in geheimnisvollem Gemurmel erstarb. Hie und da schmetterte noch eine Türe zu, – dann folgte auf die vorhergehende laute Heiterkeit ein tiefer durch die düstern Räume schwebender Ernst. Die Säle hatten sich mit erwartungsvollen Jünglingsgesichtern gefüllt. Manches junge Herz begann im Gefühl der versäumten Lernpflichten ängstlich zu klopfen. Die Herren Lehrer traten mit vorbildlich würdevollen Gesichtern in ihre Klassen, – der staatliche Riesentrichter der Weisheit tat abermals seinen Mund auf.