Im Tal der Hoffnung - Silke Ziegler - E-Book

Im Tal der Hoffnung E-Book

Silke Ziegler

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Beschreibung

Sechs tote Frauen, eine hat überlebt. Warum? Eine grausame Verbrechensserie erschüttert das südfranzösische Montpellier: Jahr für Jahr wird eine Studentin entführt, missbraucht und getötet. Als Adèle Nélard verschwindet, wendet sich ihr Vater an Raphaël Dumont. Der charmante Ex-Polizist genießt einen hervorragenden Ruf als Privatdetektiv und sieht nur einen Weg, sich dem Täter zu nähern: Er muss Coralie Beladier fi nden und sie überzeugen, ihm zu helfen. Denn sie ist das einzige Opfer, das der Entführer hat laufen lassen. Und dafür muss es einen Grund geben … Die perfekte Mischung aus packendem Krimi und romantischer Liebesgeschichte!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 561




Silke Ziegler

Im Tal der Hoffnung

Ein Südfrankreich-Krimi

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ISBN 978-3-89425-481-0

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© 2019 by GRAFIT im Emons Verlag GmbH

Cäcilienstraße 48, D-50667 Köln

Internet: http://www.grafit.de

E-Mail: [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/photosimysia

eBook-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

eISBN 978-3-89425-753-8

Silke Ziegler, Jahrgang 1975, lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Weinheim an der Bergstraße. Die gelernte Finanzassistentin arbeitet nach Anstellungen in diversen Kreditinstituten inzwischen an der Universität Heidelberg.

Die Reisen, die Silke Ziegler mit ihrer Familie unternimmt, inspirieren sie immer wieder zu neuen Geschichten.

www.autorin-silke-ziegler.de

Für meine Leser

Prolog

Das Monster kam. Während sie dem Hall der Schritte auf dem Betonboden draußen im Flur lauschte, die sich langsam näherten, zog sie ihre Knie enger an den Körper. Es war wieder so weit. Sie fasste sich in ihr verfilztes Haar und zog daran, bis ihre Kopfhaut schmerzte. Einhundertneunundzwanzig verfluchte Tage. Dreitausendsechsundneunzig Stunden. Einhundertfünfundachtzigtausendsiebenhundertsechzig Minuten. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie diese Tortur noch durchhalten konnte. Sie wusste nur, dass sie nicht aufgeben würde. Niemals. Sie wollte leben. Um jeden Preis.

Was sie in den letzten Monaten getan hatte, würde sie auf ewig verfolgen. Doch es gab keine Alternative. Andernfalls würde das Monster sie umbringen, ohne mit der Wimper zu zucken. So viel wusste sie mittlerweile.

Die Schritte kamen näher. Ihr blieben nur noch wenige Sekunden. Sie atmete tief durch, während sie sich von der harten Pritsche erhob, die seit über vier Monaten ihr Nachtlager darstellte. Der kalte Boden unter ihren Füßen ließ sie zusammenzucken. Angespannt presste sie ihre Lippen aufeinander. Sie war stärker als das Monster, würde sich nicht von ihm brechen lassen. Zögernd stellte sie sich vor die Wand, mit dem Gesicht zur nackten Backsteinmauer. Keine zwei Sekunden später erlosch die Glühbirne an der Decke. Alles wie immer, dachte sie mit pochendem Herzen, während sie wartete.

Der Schlüssel im Schloss kratzte, bevor die schwere Stahltür geöffnet wurde. Sie konnte es riechen, seinen Atem hören, als es hinter sie trat. Aufgeregt schloss sie ihre Augen. Sie musste sich unbedingt beruhigen. Wenn das Monster bemerkte, in welcher Verfassung sie sich befand, konnte das böse für sie enden. Sie presste ihre Lider fester zusammen und zwang sich, an den Mann zu denken, der während ihres Martyriums zu ihrem Rettungsanker geworden war. Sie musste sich zusammenreißen. Dringend. Während die Hände des Monsters über ihr Gesicht wanderten, betete sie inständig, dass ihr Körper sie nicht verraten würde. Als es ihr die Stoffbinde über die Augen legte, verlor sie fast das Gleichgewicht. Doch sie konnte sich noch fangen und stützte sich vorsichtig an der Mauer ab.

»Nervös?«

Hastig schüttelte sie den Kopf. Mit zitternden Händen zog sie ihre Bluse über den Kopf, bevor sie Hose und Slip abstreifte. Dankbar für die Finsternis, die sie umgab, wartete sie, bis das Monster sie an der Hand fasste und zu der Matratze führte, die in der gegenüberliegenden Ecke lag. Sie war bequemer als die Pritsche, durfte aber nur in seiner Anwesenheit benutzt werden.

Als sie mit ihren Zehen gegen den weichen Gegenstand stieß, setzte sie sich und ließ ihren Oberkörper zurücksinken wie schon etliche Male zuvor – und wie etliche weitere Male, davon war sie mittlerweile überzeugt. War es möglich, dass sie in ihrem Gefängnis alt werden musste? Dass sie nie wieder das Tageslicht zu Gesicht bekäme? Dass sie niemals gerettet würde? Nein, mit diesen Gedanken durfte sie sich jetzt nicht befassen. Sie musste sich konzentrieren, musste sich so verhalten, wie das Monster es von ihr erwartete. Wieder rief sie sich den Mann ins Gedächtnis, der sie die nächsten Minuten überleben lassen würde.

Als ihr Verstand wieder klar war, traute sie sich kaum, Luft zu holen. Sie fühlte sich leer und ausgelaugt. Wie hatte es so weit kommen können? Panik stieg in ihr auf.

Das Monster lag minutenlang auf ihr, ohne etwas zu sagen. Als es nach einer gefühlten Ewigkeit seinen Kopf hob, erwartete sie, bestraft zu werden. Doch stattdessen spürte sie seine Hand auf ihrer Wange. Die Augenbinde war leicht verrutscht, doch sie konnte trotzdem nichts erkennen. Sollte sie etwas sagen? Ihm ihr Verhalten erklären? Angestrengt überlegte sie.

Das Monster zog seine Hand weg. Im nächsten Moment schmiegte sich seine Wange gegen ihre – sie war tränenüberströmt. Was hatte das zu bedeuten? Sie hatte keine Ahnung, was gerade geschehen war. Noch während sie darüber nachdachte, wie es mit ihnen weitergehen konnte, erhob es sich.

Dann sagte es die drei Worte, auf die sie seit einhundertneunundzwanzig gottverfluchten Tagen wartete. Seit dreitausendsechsundneunzig Stunden. Seit einhundertfünfundachtzigtausendsiebenhundertsechzig Minuten.

1

Acht Jahre späterMittwoch, 29. Mai 2019Montpellier

Adèle war genervt. Lustlos nippte sie an ihrem Pastis und ließ den Blick über die Menschenmenge schweifen. Was tat sie hier bloß? Wieder verfluchte sie ihren Vater und Jean. Es war kurz vor Mitternacht. Sie lauschte dem Lied von Zaz, die gerade alles besang, was sie mochte und was sie ablehnte. Vielleicht sollte Adèle ebenfalls einen Song darüber schreiben, was sie von ihrem Leben erwartete. Sie schüttelte den Kopf. Vielleicht genügte es auch, den Leuten in ihrem Umfeld mitzuteilen, dass sie nicht länger ihre Marionette sein würde. Natürlich, ihr Vater, der renommierte Psychologe, wünschte sich für sein einziges Kind eine ähnlich erfolgreiche Laufbahn, wie er sie beschritten hatte. Er wollte eine Tochter, die in seine Fußstapfen trat. Eine Nachfolgerin, die sein Werk eines Tages fortführen konnte. Und Jean? Mit ihm war Adèle seit zwei Jahren zusammen. Sollte ihr Freund sie mittlerweile nicht gut genug kennen, um zu bemerken, dass sie in einer Sackgasse steckte? Dass das Studium sie nicht weiterbrachte?

Frustriert stellte Adèle das Glas auf einem der Stehtische ab. Wäre es nach ihr gegangen, säße sie jetzt mit Jean in einem der unzähligen kleinen Cafés Montpelliers und genösse den warmen Frühlingsabend. Dann würde sie mit dem Mann ihrer Träume Zukunftspläne schmieden und ihre Visionen in den buntesten Farben ausmalen.

Wo blieb er nur? Seufzend drehte Adèle sich um und beobachtete ihre Kommilitonen, die sich köstlich zu amüsieren schienen. Jean hatte sie dazu gedrängt, die Feierlichkeiten zu Ehren von Professeur Thobeaux’ sechzigstem Geburtstag zu besuchen. Hätte ihr Vater keinen Gastvortrag zum Thema ›Die französische Gesellschaft im Wertewandel‹ in Perpignan halten müssen, hätte er sie mit großer Wahrscheinlichkeit begleitet.

Adèle kam sich vor wie eine Zuschauerin ihres eigenen Lebens. Wie hatte sie sich nur in eine solche Situation manövrieren lassen? Gefangen in einem Studiengang, der sie weder zu begeistern vermochte noch ihr das Gefühl vermittelte, ihre wahre Berufung gefunden zu haben.

»Sie wirken so nachdenklich«, erklang Marcel Fontigniers Stimme hinter ihr.

Adèle drehte sich überrascht um.

»Nicht Ihre Musik?« Er lächelte.

Der junge Dozent war nur wenige Jahre älter als sie. In diesem Semester besuchte Adèle zum ersten Mal eines seiner Seminare, ›Frühkindliche Erziehung und deren Auswirkungen‹.

Sie schüttelte schwach den Kopf. »Ist nicht mein Tag heute.«

Sein Blick wurde eindringlicher. »Das kenne ich. Aber keine Sorge, morgen sieht die Welt wieder anders aus.«

Floskeln, nichtssagende Sprüche. Adèle verabscheute Small Talk. Höflich verzog sie die Lippen und hielt erneut nach ihrem Freund Ausschau. Der Dozent machte jedoch keine Anstalten zu verschwinden. Ihr kam ein Gedanke. »Wann wussten Sie, dass Sie Ihre Karriere der Psychologie widmen würden?«

Fontignier sah sie überrascht an. Seine Mundwinkel zuckten. »Zweifeln Sie?«

»Sieht man mir das an?«

Er schüttelte den Kopf. »Eine so tiefschürfende Frage an einem Abend wie diesem ist ungewöhnlich.«

Adèle nickte. »Ich habe das Gefühl …« Sie suchte nach den richtigen Worten. »Manchmal meine ich, ersticken zu müssen. Ich fühle mich gefangen in meinem eigenen Leben.«

Sein Gesichtsausdruck wurde ernst. »Das klingt nicht besonders gut.«

»Es fühlt sich auch nicht gut an«, erwiderte sie zögernd. »Ganz und gar nicht.«

Fontignier nickte nachdenklich. »Möchten Sie nächste Woche in meine Sprechstunde kommen, Mademoiselle Nélard? Sie erzählen mir ausführlicher von Ihren Bedenken und wir überlegen gemeinsam, wie Ihre Zukunft aussehen könnte. Ein solches Gespräch scheint mir hier schwierig.« Er deutete auf das Gedränge.

Sie zögerte. »Unterläge unsere Unterhaltung der Schweigepflicht?«

Fontignier runzelte seine Stirn. »Sie meinen wie bei Ärzten oder Anwälten?«

Adèle nickte.

»Eine offizielle Schweigepflicht gibt es nicht, aber was wir unter vier Augen besprächen, würde selbstverständlich niemand erfahren. Es sei denn, Sie erzählten es jemandem.«

»Es tut mir leid, chérie.« Jean legte seinen Arm um Adèles Schultern. Er nickte dem Dozenten leicht zu. »Aber ich sehe, du bist nicht allein.«

Fontignier lächelte schwach. »Überlegen Sie es sich, Mademoiselle Nélard. Schreiben Sie mir einfach eine Mail, falls Sie in die Sprechstunde kommen möchten. Bonne soirée.« Der Wissenschaftler nickte ihnen nochmals zu, bevor er in der Menge verschwand.

»Willst du schon wegen deiner Hausarbeit mit ihm sprechen?«

»Darum geht es nicht«, entgegnete sie gedehnt.

»Sondern?«

»Ich glaube, Psychologie ist nicht das Richtige für mich.«

Jean musterte sie prüfend. »Wie meinst du das?«

»Merkst du denn nicht, dass ich nicht glücklich bin?«, blaffte sie frustriert.

»Ich verstehe nicht ganz …«

»Ja«, unterbrach Adèle ihn verärgert. »Genau das ist das Problem. Du verstehst mich nicht. Und Papa versteht mich auch nicht.« Sie wandte ihr Gesicht ab.

»Was ist denn auf einmal los?« Jean wollte nach ihrem Arm fassen, doch sie entzog sich seiner Hand. Statt ihm zu antworten, schüttelte Adèle nur den Kopf. »Ich kann das nicht mehr.« Sie atmete tief durch. »Ich muss endlich beginnen, mein eigenes Leben zu leben.«

»Aber …« Jean klang verunsichert. »Du lebst doch dein eigenes Leben. Wir leben unser Leben. Denk doch an unseren Traum. Eine gemeinsame Praxis irgendwo …«

»Das ist nicht mein Traum, Jean«, fiel sie ihm ernst ins Wort. »Wahrscheinlich war es das noch nie.«

Reglos stand ihr Freund mit hängenden Schultern vor ihr.

»Du verstehst mich nicht«, wiederholte sie bitter. »Ich möchte keine Psychologin werden.«

»Aber warum nicht?«

»Weil es mich nicht interessiert. Weil es mir keinen Spaß macht.«

»Auf einmal?« Er wirkte völlig verwirrt.

Adèle seufzte. »Nein, nicht auf einmal. Diese Unzufriedenheit brodelt schon länger in mir, aber ich wollte es wohl selbst nicht wahrhaben.«

»Dein Vater wird aus allen Wolken fallen.«

Adèle wurde wütend. »Das ist alles, was dir dazu einfällt? Mein Vater führt auch sein eigenes Leben. Ein Leben, das er sich ausgesucht hat.«

»Er wird sehr enttäuscht sein.«

Sie schüttelte ihren Kopf. »Ich fasse es nicht. Du verstehst mich wirklich nicht. Sollte ich nicht selbst entscheiden, was ich mit meiner Zukunft anfangen möchte?«

»Doch, aber ich dachte, das hier …«, Jean deutete auf die Studierenden um sie herum, »… sei genau das, was du tun möchtest.«

Adèle zuckte mit den Achseln. »Dann hast du dich getäuscht. Ich werde nächste Woche mit Fontignier sprechen. Aber ich denke, mein Entschluss steht fest: Ich breche das Studium ab.«

Seine Miene nahm einen ungläubigen Ausdruck an. »Das ist nicht dein Ernst, Adèle.«

»Doch. Ich muss endlich herausfinden, was ich machen möchte. Ich, verstehst du? Ohne Rücksicht darauf, was mein Vater für mich geplant hat oder was du von mir erwartest.«

»Ich habe dich nie gedrängt, dieses Studium aufzunehmen.« Er klang verletzt.

»Ich weiß. Und die Entscheidung hat auch nichts mit dir zu tun, mit uns. Es geht hier einzig und allein um mich. Darum, was ich möchte. Um meine Zukunftsträume, meine Wünsche.«

Jean nickte schwach, blieb jedoch stumm.

»Bitte sei mir nicht böse, aber ich glaube, ich gehe jetzt nach Hause.«

Er seufzte resigniert und griff nach ihrer Hand. »Ich bringe dich noch ein Stück.«

»Nein«, sie schüttelte ihren Kopf. »Ich möchte jetzt wirklich allein sein.«

Seine Schultern sackten weiter herab.

Adèle legte ihre Hand an seine Wange und bemühte sich um ein Lächeln. »Ich melde mich morgen bei dir. Versprochen.« Sie sah ihrem Freund an, dass er nicht wusste, wie er sich verhalten sollte. Vorsichtig beugte sie sich vor und küsste ihn leicht.

Während Jean sie weiter anblickte, fuhr er sich mit einem Finger über die Lippen. »Chérie …«

»Bitte«, sie hob ihre Brauen. »Lass uns morgen reden.«

Jean ergriff erneut ihre Hand und drückte sie kurz.

Ohne ein weiteres Wort drehte Adèle sich um und verließ den Saal.

Vor der Eingangstür standen Studentengrüppchen und unterhielten sich lautstark. Nein, sie gehörte nicht hierher. Dieses Fach berührte sie einfach nicht. Adéle wusste, dass es nicht leicht werden würde, einen neuen Weg einzuschlagen, aber sie war noch jung. Ihr stand die Welt offen.

Nach der stickigen Luft im Institutsgebäude genoss Adèle die schwache Brise, die ihre Haut streichelte. Während sie über den Campus schlenderte, wurde die Musik leiser, die Stimmen verstummten. Das Klappern ihrer Absätze hallte auf dem Asphalt wider. Die Nacht war dunkel, der Mond stand nur als schmale Sichel am Himmel.

Adèle überkam ein ungutes Gefühl. Sie beschleunigte ihre Schritte. Warum hatte sie sich nicht von Jean zur Haltestelle bringen lassen? Verstohlen blickte sie über ihre Schulter. Die Straße war menschenleer. Ein Knoten bildete sich in ihrem Bauch. War da jemand hinter ihr? Adèle blieb stehen und lauschte in die Dunkelheit. Nichts.

Sie befand sich in einer engen Seitengasse. Von der belebteren Parallelstraße drangen Motorengeräusche zu ihr herüber. Sie sollte die Richtung ändern. Irgendwo in der Nähe bellte ein Hund. Ihr ungutes Gefühl verstärkte sich. Adèles Herz pochte wild. Sie tastete nach ihrer Tasche. Sollte sie Jean anrufen? Um ihm was zu sagen? Dass sie sich gerade aufführte wie ein kleines Mädchen? Dass sie unter Verfolgungswahn litt? Sie befahl sich stumm, sich endlich zu beruhigen. Doch es nützte nichts. Ihre Hände zitterten. Ihre Kehle wurde trocken. Wieder drehte sie sich um.

Sie erkannte den Verfolger nur schemenhaft. Adèle riss ihre Arme hoch und ging in Abwehrposition, doch ihr Angreifer war stärker. Adèle wurde gepackt und hochgehoben. Bevor sie ihren Mund zu einem Hilfeschrei öffnen konnte, spürte sie etwas Weiches auf ihrem Gesicht. Der beißende Geruch raubte ihr den Atem. Sie strampelte wie verrückt und wollte sich losreißen. Doch es war zu spät. Adèles Gedanken verschwammen. Ihr Blickfeld verdunkelte sich. Ihr Körper erschlaffte.

2

Donnerstag, 30. Mai 2019

Raphaël Dumont trommelte genervt mit den Fingern auf das Lenkrad. Die Warterei war zermürbend. Glücklicherweise hatte er unweit des Hoteleingangs einen schattigen Parkplatz gefunden. Stundenlang in einem fünfzehn Jahre alten Transporter, der das Wort Klimaanlage nicht einmal ansatzweise buchstabieren konnte, in der Hitze zu brüten, hätte Raphaëls Laune noch weiter verschlechtert. Er seufzte. An Tagen wie diesen fragte er sich, warum er den sicheren Job bei der Police Nationale von Montpellier an den Nagel gehängt hatte, um sein eigener Chef zu werden.

Er blickte durch die Windschutzscheibe. Das intensive Blau des Himmels hätte einem Gemälde von van Gogh entsprungen sein können. Die Sonne tauchte die helle Fassade des vierstöckigen Hotels in gleißendes Licht. Raphaël kontrollierte die Uhr. Kurz vor eins. Bisher war die Mittagspause am Donnerstag immer Jacques Farrons bevorzugte Zeit für das Schäferstündchen mit seiner Sekretärin gewesen. Vielleicht war Marine Lupuel krank? Oder sie hatte Urlaub?

Raphaël legte den Kopf gegen die Nackenstütze. Nein, so hatte er sich seinen Job als Privatermittler nicht vorgestellt. Er konnte sich nicht einmal mehr erinnern, der wievielte Auftrag dieser Art Farrons angebliche Untreue war.

Rosalie Farron war eine attraktive Frau Ende fünfzig. Vor drei Monaten war sie an dem Punkt angelangt, an dem sie die Eskapaden ihres Mannes nicht länger tatenlos hatte hinnehmen wollen. Raphaël schüttelte den Kopf. Seine Ehe mit Thérèse hatte zwar nur wenige Jahre gehalten, doch er wäre niemals auf die Idee gekommen, seine Frau zu betrügen. Er hätte sich niederträchtig gefühlt. Außerdem hätte Thérèse ihm seine Lügen auf hundert Meter Entfernung angesehen. Nein, er war mit Sicherheit nicht fürs Fremdgehen gemacht. Wenn er mit einer Frau nicht glücklich war, betrog er sie nicht, sondern trennte sich von ihr. Konsequent und ehrlich war er schon immer gewesen. Manchmal zu ehrlich, dachte er wehmütig, während seine Kinder vor seinem inneren Auge erschienen. Thérèse und er hatten sich getrennt, als Laurent und Fabienne acht und sechs Jahre alt waren. Eine unglückliche Ehe nur aufgrund der gemeinsamen Kinder aufrechtzuerhalten, wäre Raphaël heuchlerisch und unrecht vorgekommen. Da Thérèse nach der Trennung in Montpellier geblieben war, sah Raphaël die beiden regelmäßig und fühlte sich nicht als reiner Wochenendvater, wie es so vielen anderen Männern in seiner Situation erging.

Die Wedel der Palmen, die sich über die weitläufige Rasenfläche gegenüber dem Hotel verteilten, bewegten sich keinen Millimeter. Es war windstill. Die Sonne brannte unerbittlich auf den Asphalt. Wo blieb Farron? Raphaël wartete seit einer geschlagenen Stunde auf den mutmaßlichen Ehebrecher und dessen Gespielin. Während er beobachtete, wie eine gelb-rot-grüne Straßenbahn vor dem Hotel vorbeifuhr, klingelte sein Handy. »Laetitia?«

»Was macht Jacques?«

Raphaël lachte. »Entweder hat er das Schäferstündchen in sein Büro verlegt oder dem Guten ist heute nicht nach Matratzensport.«

Seine dreizehn Jahre jüngere Cousine stöhnte auf. »Er ist noch nicht aufgetaucht? Ich dachte, ich hätte gründlich recherchiert. Wir brauchen diese Fotos!«

Laetitia Gralard war die Tochter der Schwester seiner Mutter und studierte Informatik. Ihre Internetnachforschungen, die keine Hürden zu kennen schienen, hatten Raphaël in den letzten Jahren mehrfach mit entscheidenden Hinweisen geholfen. Auch das Buchungssystem des Hotels, das er gerade ins Visier nahm, war nicht vor Laetitia sicher gewesen.

»Ich warte seit über einer Stunde. Aber Farron wird schon noch kommen.«

»Thérèse hat angerufen.«

Raphaël verdrehte seine Augen. »Hier hat sie es auch schon mehrfach versucht. Aber ich arbeite.«

»Bei mir gehst du doch auch ans Telefon.«

»Das ist etwas anderes. Du bist meine Mitarbeiterin, dein Anruf ist geschäftlich.«

»›Geschäftlich‹«, höhnte die junge Frau. »Thérèse meinte, es sei dringend. Du sollst dich schnellstmöglich bei ihr melden.«

Raphaël runzelte die Stirn. »Worum geht es? Hat sie etwas gesagt?«

Laetitia verneinte. »Wahrscheinlich möchte sie darüber direkt mit ihrem Ex-Mann sprechen und nicht mit dessen Angestellter.« Das letzte Wort betonte sie überdeutlich.

»Ich rufe sie später an«, erklärte Raphaël abwesend, als ein schwarzer Wagen, wie Farron einen fuhr, um die Ecke bog.

»Außerdem haben zwei weitere Ehefrauen angefragt, ob du ihre Partner überprüfen kannst.«

Raphaël stöhnte auf. »Nimmt das denn gar kein Ende mehr?«

Laetitia lachte. »Na, hör mal, du hast einen bedeutenden Politiker zu Fall gebracht.«

Der Absturz Frédéric Navalliers war beispiellos in der neueren französischen Politikgeschichte gewesen. Seine Frau hatte dank der Informationen, die Raphaël ihr besorgt hatte, sämtliche Fehltritte ihres bis dato hochgeschätzten Gatten ausführlich in der Presse offengelegt. Da Raphaëls Name mehrfach im Zusammenhang mit den darauffolgenden Ermittlungen genannt worden war, konnte er sich seitdem vor Aufträgen betrogener Ehefrauen kaum noch retten.

Der schwarze Wagen parkte drei Lücken hinter Raphaël. Die Türen wurden geöffnet.

»Laetitia, ich muss Schluss machen, wir sprechen später«, zischte Raphaël ins Handy, während er den grau melierten älteren Herren und seine junge blonde Begleitung nicht aus den Augen ließ.

»Ah, Jacques hat sich zurückgemeldet.«

Raphaël konnte das Grinsen in der Stimme seiner Cousine hören.

»Ich muss noch zur Uni. Könnte sein, dass wir uns nicht mehr sehen.«

Er beendete das Gespräch und beobachtete nachdenklich, wie Farron und die Frau das Hotel betraten. Raphaël blickte erneut auf die Uhr. Wie lange würde es dauern, bis die beiden im Hotelzimmer ankamen? Würde es Champagner geben? Oder einen Weißwein? Zerrten sie sich vielleicht schon in dem Augenblick die Klamotten vom Leib, in dem die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel? Raphaël konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken, als sein Kopfkino ansprang. Er würde ihnen zehn Minuten geben. Farron hatte sicher kein Interesse daran, länger als nötig seinem Arbeitsplatz fernzubleiben.

Sah so seine Zukunft aus? Im Auto vor Hotels zu warten, bis er die Zielperson in flagranti erwischte? Natürlich hatte Untreue einen schalen Beigeschmack, aber es ging hier nicht um kriminelle Machenschaften. Hatte Raphaël den Polizistenjob nicht eigentlich an den Nagel gehängt, weil ihm zu oft während der Ermittlungen die Hände gebunden gewesen waren? Weil er den Opfern schneller und unbürokratischer zumindest ein klein wenig Gerechtigkeit hatte zukommen lassen wollen? Andererseits waren die Ehebruchaufträge sehr lukrativ. Raphaël hatte in den letzten Monaten mit seinen Observierungen mehr verdient als in den vergangenen zwei Jahren. Sein Bankberater würde die Übernahme weiterer Aufträge betrogener Ehefrauen mit Sicherheit begrüßen. Sein Ermittlerherz dagegen …

Raphaël stieg aus dem Wagen. Die Mittagshitze schlug ihm wie eine Wand entgegen. Der Asphalt über dem Boulevard de l’Aéroport flimmerte. Raphaël hastete zum Hoteleingang. Die helle Empfangshalle war klimatisiert. Nachdem er seinen Blick über die deckenhohen Säulen, den beigefarbenen Marmorboden mit den dunkelroten Einlassungen und die hohen Blumenkübel mit den Palmen hatte schweifen lassen, trat Raphaël an den leeren Tresen. Im nächsten Augenblick kam eine Mitarbeiterin aus einer der Türen hinter der Theke.

»Bonjour, Monsieur. Wie kann ich Ihnen helfen?«

Raphaël setzte sein charmantestes Lächeln auf, stützte die Ellenbogen auf der kalten Marmortheke ab und verzog entschuldigend sein Gesicht. »Bonjour, Madame. Ich habe ein kleines Problem. Monsieur Farron hat gerade ein …«, er senkte seine Stimme, »… wichtiges Treffen, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Die Frau sah ihn mit verständnislosem Gesichtsausdruck an. »Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht ganz folgen.«

Raphaël druckste herum. »Alors, er ist mit seiner Herzensdame hier und … ich habe den Ring.« Er nickte schwach.

Die Angestellte runzelte die Stirn.

»Verstehen Sie?«

»Ehrlich gesagt nicht.«

Raphaël zeigte nach oben. »Ich müsste Monsieur Farron kurz stören, um ihm den Ring zu bringen, den er der zukünftigen Madame Farron übergeben möchte.«

»Ich weiß nicht …«

»Nur kurz«, warf er lächelnd ein. »Ich gehe hoch, klopfe, gebe ihm den Ring und bin gleich wieder weg.«

»Diskretion wird in unserem Haus großgeschrieben. Vielleicht sollte ich ihn erst mal anrufen …«

»Das weiß ich. Monsieur Farron hat sich schon mehrfach äußerst wohlwollend über Ihr Hotel geäußert. Sicher ist er Ihnen aber sehr dankbar, wenn Sie in diesem Fall ein Auge zudrücken. Wir wollen doch das junge Glück nicht unnötig stören. Wie gesagt, ich klopfe kurz, gebe den Ring ab und bin auch schon wieder weg.«

Sie atmete tief durch. »D’accord.«

»Merci, Madame. Ich schulde Ihnen etwas.« Eilig drehte Raphaël sich um und steuerte den Fahrstuhl an.

»Wissen Sie denn die Raumnummer?«, rief ihm die Mitarbeiterin hinterher.

Er nickte. »Die hat er mir mitgeteilt.«

Zwei Minuten später trat Raphaël vor die dunkle Holztür zu Farrons Zimmer. Obwohl diese Momente ihm eine gewisse Genugtuung bereiteten, war ihm klar, dass er im Begriff war, eine weitere Ehe zu zerstören. Und einer Frau die Augen über ihren Mann zu öffnen.

Er klopfte. Hinter der Tür war es einige Sekunden mucksmäuschenstill, bevor Schritte zu hören waren. Dann stand Jacques Farron, nur mit einem Bademantel bekleidet, vor ihm.

»Ja? Wer sind Sie?«

Raphaël schob ihn sanft beiseite und trat in den Raum. »Ich muss kurz etwas überprüfen.« Er zückte seine Kamera und fotografierte die sichtlich erschrockene Blondine, die sich die Tagesdecke vor ihren nackten Körper zog. Raphaël drehte sich um und schoss ein weiteres Bild von Farron, bevor er sich wieder der Tür zuwandte. »Das war’s schon.«

»Sind Sie verrückt geworden? Wer sind Sie überhaupt und was soll das hier?« Farrons Gesicht lief rot an.

Raphaël lächelte süffisant. »Mein Name ist Raphaël Dumont und ich soll Ihnen einen schönen Gruß von Ihrer Frau ausrichten. Zitat: ›Wenn sich dieser Drecksack noch einmal in meinem Haus blicken lässt, werden die Fotos an sämtliche Mandanten verschickt, die er betreut.‹«

»Was?« Farron schnappte nach Luft. Seine Begleiterin begann, leise zu weinen.

Als er schon im Flur stand, drehte Raphaël sich ein letztes Mal um. »Ach ja, schönen Tag noch und entschuldigen Sie bitte die Störung. Machen Sie einfach weiter, wo Sie gerade aufgehört haben.«

3

In der Nähe von Anduze, Cevennen

Coralie trat in den Türrahmen und blickte sich suchend um. Da ihre Eselstute Loulou seit wenigen Tagen Probleme mit einer Kolik hatte, traute sich Coralie nicht, länger am Stück zu arbeiten. Sie verließ das Haus und steuerte auf den Unterstand zu, der den beiden Eseldamen auch als Nachtlager diente. »Loulou? Cheyenne?« Wo waren die zwei? Der Holzverschlag war leer, die Stuten nirgends zu sehen. Als Coralie das Haus umrundete, entdeckte sie die beiden grasend zwischen den Ziegen. Erleichtert seufzte sie. »Loulou«, wiederholte sie den Namen ihres Sorgenkindes und näherte sich dem Tier langsam. Die hellgraue Stute hob den Kopf und blähte ihre Nüstern. Coralie fuhr ihr sanft über die rechte Flanke. »Wenn der Appetit zurückgekehrt ist, scheint es dir besser zu gehen.«

Die Tierärztin hatte schon angedeutet, dass die Kolik nur durch eine leichte Magenverstimmung hervorgerufen worden war. Trotzdem hatte Coralie die letzten zwei Nächte vor Sorge um die Eselin kaum ein Auge zugemacht. Sie ließ ihre Hand über das struppige Fell gleiten.

Vor vier Jahren hatte Coralie Cheyenne und Loulou vor dem sicheren Tod gerettet, als der Vorbesitzer keine Verwendung mehr für die beiden älteren Damen hatte. Kurzerhand entschied Coralie, die Eselinnen bei sich aufzunehmen. Ihr Grundstück war groß genug für zwei weitere Bewohner und Coralie liebte die Artenvielfalt ihrer Tiere. Das Zusammenleben der Ziegen und Esel hatte von Beginn an problemlos geklappt.

Die Stute senkte wieder den Kopf und zupfte ein weiteres Grasbüschel ab. Zufrieden verfolgte Coralie minutenlang jede Bewegung des Tieres. Loulou schien es tatsächlich besser zu gehen. Die Ärztin wollte gegen Abend noch mal vorbeikommen, doch Coralie hatte keine Bedenken, dass auch sie dem Esel dessen Genesung bescheinigen würde.

Der azurblaue Himmel war von unzähligen dünnen Schleierwolken überzogen, die sich in Zeitlupe über die Hügel zu bewegen schienen. Coralie kniff die Augen zusammen, da die Sonne sie blendete. Sie liebte diesen Ort, der mittlerweile seit sieben Jahren ihre Heimat war. Weitab jeglicher Zivilisation, ganz allein mit der Natur und den Tieren. Der würzige Geruch von Thymian und Rosmarin mischte sich mit dem zarten Duft der Rosenstöcke, die Coralie neben der Terrasse gepflanzt hatte. Der Lavendel konnte sich noch nicht entscheiden, ob ihm das raue Klima in den Ausläufern der Cevennen genehm war. Coralie hatte ihn erst vor wenigen Wochen eingetopft. Die Zeit würde zeigen, ob er sich als widerstandsfähig genug erwies. Es war ein Experiment. Der Versuch, einen Hauch von Vergangenheit zurückzuholen. Allerdings war sich Coralie nicht sicher, ob es ihr tatsächlich guttäte, in Erinnerungen zu schwelgen, selbst wenn es sich nur um den Duft von Lavendel handelte. Als sie die Jungpflanzen auf dem Markt von Anduze entdeckt hatte, war sie einem inneren Impuls gefolgt und hatte der Verkäuferin alle zehn Töpfe abgekauft. Nun, es würde sich zeigen, ob der Lavendel hier eine neue Heimat finden konnte.

Als sie ihren Kopf hob, erkannte sie am Horizont einen Alpensegler, der über den Felsen kreiste, die das Grundstück zur Rechten befriedeten. Der Vogel ließ sich vom Aufwind tragen, bewegte die Flügel nur minimal. Ein Leben in der Einsamkeit, das war es, was Coralie vor langer Zeit gesucht hatte, was sie brauchte, um funktionieren zu können. Sie wollte an keinem anderen Ort der Welt sein. Sie liebte die friedvolle Stille der Natur, das beruhigende Zwitschern der Vögel, das Fehlen jeglicher Zeichen menschlicher Einmischung in dieser ursprünglichen und unveränderten Umgebung. Allein schon ein Ausflug nach Anduze, dem nur wenige Kilometer von Coralies Zuhause entfernt liegenden Ort, kam ihr wie der Aufbruch in eine völlig andere Welt vor. Eine Rückkehr in eine dichter besiedelte Region war für sie undenkbar.

Nein, sie war glücklich. Glücklich mit ihrer Arbeit, die ihr die größtmögliche Flexibilität und Anonymität gewährleistete, die Coralie sich nur wünschen konnte. Glücklich mit der selbst gewählten Einsamkeit, die ihr den inneren Frieden zumindest teilweise hatte zurückgeben können. Glücklich mit dem Leben, das sie im Einklang mit der Natur und ihren Tieren führte. Die Freiheit, sich keinen Regeln unterwerfen zu müssen, den Tag gestalten zu können, wie Coralie der Sinn stand, bedeutete puren Luxus. Sie würde nie wieder zurückkehren. Sie brauchte niemanden und niemand brauchte sie. Für Coralie war die Art, wie sie lebte, das, worauf es ankam. Materielle Güter bedeuteten ihr schon sehr lange nichts mehr. Ihr Wohlbefinden hing von anderen Faktoren ab, die nach ihrem Albtraum überlebenswichtig geworden waren.

Sie seufzte, während sie zum Haus zurückkehrte. Der helle Putz wurde von den Sonnenstrahlen angeleuchtet. Der kleine Balkon im oberen Stock warf lange Schatten auf die Eingangstür. Coralie hatte Monate damit verbracht, das verfallene Häuschen herzurichten. Handwerker aus Anduze hatten die Arbeiten erledigt, deren Ausführung Coralies Fähigkeiten überstiegen hatten. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Der Platz im Haus war zwar überschaubar, aber für eine Person mehr als ausreichend. Und dank ihrer gut laufenden Aufträge war sie mittlerweile schuldenfrei und hatte ihren Eltern jeden Euro zurückgezahlt, den diese ihr für die Renovierungsarbeiten vorgestreckt hatten.

Coralie betrat das Wohnzimmer und setzte sich an den ausladenden Schreibtisch, der direkt vor der breiten Fensterfront stand, die zur Rückseite des Gebäudes ausgerichtet war. Während der Laptop hochfuhr, überlegte sie, was sie noch alles erledigen musste. Als freischaffende Übersetzerin war es unabdinglich, die anstehenden Arbeiten zu priorisieren und der Reihe nach abzuarbeiten.

Als die Nachrichtenseite, mit der Coralie sich auf dem Laufenden hielt, auf dem Bildschirm erschien, überflog sie kurz die Überschriften – und erstarrte.

Einundzwanzigjährige Psychologiestudentin nach Campusparty in Montpellier spurlos verschwunden. Während sich ihre Kehle zuschnürte, saugte Coralie jedes einzelne Wort des Artikels auf, doch die Informationen waren spärlich. Die Ermittlungen der Police Nationale erstreckten sich ›in alle Richtungen‹. Zorn wallte in Coralie auf. Die Entführung zeigte in eine einzige Richtung. Und selbst nach Jahren war die Polizei nicht in der Lage, der Situation Herr zu werden. Wie viele Studentinnen mussten noch sterben? Wie viele Frauen mussten durchleben, was Coralie widerfahren war? Warum gelang es den Beamten nicht endlich, diesen Wahnsinnigen zu stoppen? Ihr Herz raste. Wie lange sollte dieser Albtraum noch anhalten?

Als ihr Handy in der Stille zu vibrieren begann, zuckte Coralie erschrocken zusammen. »Maman.«

»Bonjour, Coralie«, begrüßte ihre Mutter sie mit sorgenvoller Stimme. »Hast du schon …?«

Sie stöhnte leise auf. »Ich habe es gerade gelesen.«

»Warum kommst du nicht für ein paar Tage zu uns?«

»Maman, du weißt doch genau, dass ich die Tiere habe. Es geht mir gut. Wirklich.«

Ihre Mutter schluchzte auf. »Es gefällt mir nicht, dass du allein in den Bergen sitzt.«

»Ich bin nicht allein«, versuchte Coralie, sie zu beruhigen. »Ich habe doch Loulou und Cheyenne, Sita und Gizmo …«

»Ach, Coralie, das sind Tiere«, erklärte ihre Mutter ungehalten.

»Ja, Maman«, bestätigte Coralie leise. Und sie sind mir allemal lieber als Menschen, setzte sie stumm hinzu.

»Dieses Mädchen … und die armen Eltern. Ich darf mir gar nicht ausmalen, welche Ängste die Familie aussteht. Wenn ich nur daran denke, als du …«

»Es reicht! Die Polizei wird nach ihr suchen und …«, Coralie stockte, »… sie hoffentlich finden.«

Als ihre Mutter erneut beginnen wollte, die Entführung ihrer Tochter zu thematisieren, wimmelte Coralie sie behutsam mit dem Hinweis auf die Arbeit ab, die sich bei ihr stapelte.

Nachdem sie aufgelegt hatte, lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück und verharrte einen Augenblick. Sita und Gizmo erschienen auf dem Monitor. Der Anblick der beiden Ziegen zauberte Coralie ein schwaches Lächeln auf die Lippen. Den Schrecken ihrer Vergangenheit konnten die Tiere jedoch nicht mildern. Jeder einzelne Moment ihres Albtraums war unwiderruflich in ihrem Gedächtnis eingebrannt. Wenn auch vergraben in den hintersten Ecken ihrer Gehirnwindungen, unschädlich gemacht durch unzählige schöne Erfahrungen, die Coralie im Laufe der Jahre hier in den Cevennen gesammelt hatte und die sich wie ein schwerer Deckel über die Erinnerungen an die schlimmste Zeit ihres Lebens gelegt hatten.

Entschlossenheit breitete sich in Coralie aus. Dieser Deckel würde geschlossen bleiben bis in alle Ewigkeit. Ein einziges Mal hatte sie ihn gelüftet. Noch einmal würden die weggesperrten Erlebnisse nur herausgeholt, wenn Coralie ihm endlich gegenüberstände: dem Mann, der ihr die Würde und den Stolz genommen hatte. Der ihr Leben zerstört hatte. Der sie zerstört hatte.

4

Montpellier

»Bonjour, Monsieur Nélard. Ich bin Capitaine Gosaillon von der Police Nationale in Montpellier. Das ist mein Kollege Officier Bernard. Wir sind wegen Ihrer Tochter hier.« Étienne blickte den attraktiven Endfünfziger auffordernd an.

Romain Nélard kniff die Augen zusammen. »Ihre Kollegen waren doch vorhin schon da. Warum suchen Sie nicht endlich nach Adèle?«

Étienne fing Stéphanes warnenden Blick auf. Er räusperte sich. »Ich bin der leitende Ermittler in dieser Angelegenheit, Monsieur. Daher würde ich gern noch einmal persönlich mit Ihnen sprechen. Dürfen wir hereinkommen?« Er zeigte in die weitläufige Eingangshalle der Villa.

Nélard zögerte einen Moment, bevor er zur Seite trat. »Folgen Sie mir bitte.«

Étienne wechselte erneut einen Blick mit seinem Partner und zog die Brauen hoch. Der Empfangsbereich war so groß wie Étiennes halbe Wohnung. Im hellen Marmor spiegelten sich die in die Decke eingelassenen Leuchten. Obwohl Étienne keinerlei Kunstverstand besaß, vermutete er, dass es sich bei den zahlreichen Gemälden an den Wänden um Originale handelte. Docteur Romain Nélard war einer der renommiertesten Psychologen des Landes. Er hatte zahlreiche Bücher veröffentlicht und wurde regelmäßig zu Vorträgen überall in Frankreich eingeladen. Nebenher betrieb er eine Privatpraxis, in der jedoch lediglich die oberen Zehntausend, wenn überhaupt, einen Termin bekamen. Étienne meinte, sich zu erinnern, dass sich die Kosten für eine Beratungsstunde bei Nélard auf einen hohen dreistelligen Betrag beliefen.

Während sie den Eingangsbereich durchquerten, hallten ihre Schritte wider.

»Das ist meine Gattin«, merkte Nélard an, während er das Wohnzimmer betrat. Eine blonde, zierliche Frau saß auf einem grauen Sofa und hielt sich ein Taschentuch vor ihr Gesicht. Als die drei Männer näher kamen, erhob sie sich schwerfällig. Erneut stellte Étienne Stéphane und sich vor.

»Möchten Sie etwas trinken?« Myriam Nélard sah die beiden Beamten abwartend an.

Étienne verneinte dankend. Während sie sich setzten, ließ er seinen Blick durch den Raum wandern. Auch hier schmückten riesige Gemälde die weißen Wände. In der rechten Ecke befand sich ein gemauerter Kamin, auf dessen Sims Fotos der Familie standen. Die breite Fensterfront gab einen Blick auf den Garten frei. Neben der Tür stand ein schwarz glänzendes Klavier.

»Bitte erzählen Sie uns noch einmal genau, was gestern geschehen ist und warum Sie davon ausgehen, dass Adèle etwas zugestoßen ist.« Étienne zückte seinen Notizblock und blickte von Myriam zu Romain Nélard. Adèles Mutter senkte ihren Kopf.

»Schließlich ist sie nicht die erste Psychologiestudentin, die spurlos verschwunden ist«, murmelte Nélard, bevor er sich zu besinnen schien. »Adèle wollte gestern Abend auf die Geburtstagsfeier ihres Professors gehen.«

»Was heißt ›wollte‹?«, hakte Stéphane ein. »Hat sie sich umentschieden?«

Bevor Nélard antworten konnte, hob seine Frau ihre rechte Hand. »Adèle und Jean sind auf der Feier gewesen. Er hat sie gegen neunzehn Uhr hier abgeholt. Ich habe ganz kurz mit ihm gesprochen. Aber Adèle erzählte mir gestern Nachmittag, sie habe keine große Lust auf das Fest. Irgendwie wirkte sie bedrückt.«

»Wer ist Jean?« Étienne musterte die blonde Frau. Nervös knetete sie ihre Finger.

»Jean Mérollier ist Adèles Freund. Er studiert ebenfalls am Psychologischen Institut hier in Montpellier.«

»Ist er im gleichen Alter wie Ihre Tochter?« Étienne notierte sich den Namen.

Myriam Nélard schüttelte den Kopf. »Er ist zwei Jahre älter.«

»Also dreiundzwanzig?«, rechnete Stéphane vor.

Sie nickte.

»Sie sagten, Adèle sei bedrückt gewesen. Haben Sie nicht nachgehakt?«

Myriam Nélard kaute auf ihrer Unterlippe, bevor sie antwortete: »Ich bin ihre Mutter. Selbstverständlich habe ich Adèle gefragt, aber sie hat nicht mit der Sprache rausrücken wollen.«

Étienne überlegte. »Kann es sein, dass sie allein sein wollte und deshalb nicht nach Hause gekommen ist?«

Romain Nélard sprang auf. »Adèle ist nicht abgehauen. Sie weiß genau, dass sie mit uns reden kann, wenn sie Probleme hat. Unsere Tochter vertraut uns. Tun Sie endlich Ihre Arbeit und suchen nach ihr! Und verschonen Sie uns mit Ihren wilden Verdächtigungen.«

»›Wilde Verdächtigungen‹? Monsieur, wie wir unsere Ermittlungen führen, überlassen Sie doch bitte uns. Und bei allem Respekt, Ihre Tochter ist einundzwanzig. Wenn sie sich dazu entschließt, ein paar Tage woanders zu übernachten, vielleicht bei einer Freundin unterzukommen, liegt kein Straftatbestand vor. Ihre Tochter ist volljährig und kann selbst entscheiden, wo und mit wem sie ihre Zeit verbringen möchte. Dass wir ohne aktuellen Hinweis auf ein Verbrechen bereits ermitteln, ist einzig der Tatsache geschuldet, dass sie Psychologiestudentin ist und der vage Verdacht im Raum steht, dass sie zu einem weiteren Opfer des Serientäters geworden sein könnte.«

»Sie geht nicht an ihr Telefon«, warf Myriam Nélard leise ein.

»Ist sie schon einmal unangekündigt über Nacht weggeblieben?« Stéphane sah zu Étienne.

Die Eltern schüttelten gleichzeitig ihre Köpfe.

»Wo waren Sie gestern Abend, Monsieur?«, wandte sich Étienne an den Psychologen.

Der rümpfte die Nase. »Bin ich jetzt verdächtig? Ich habe in Perpignan einen Vortrag gehalten. Kurz nach zwei Uhr heute früh bin ich nach Hause gekommen.«

Myriam Nélard nickte stumm, als wolle sie die Aussage ihres Mannes bestätigen.

»Und heute Morgen haben Sie festgestellt, dass Adèle nicht daheim geschlafen hat«, fasste Étienne zusammen.

Wieder nickte ihre Mutter. »Das Bett war unberührt.«

Étienne schlug mit seinem Kugelschreiber auf den Notizblock und dachte nach. »Wir brauchen die Kontaktdaten von Adèles Freund, um seine Aussage zu überprüfen. Existiert ein Stundenplan, der uns verrät, wann sie welche Veranstaltungen hat?«

»Der müsste oben in ihrem Zimmer liegen«, erwiderte Nélard knapp.

»Was ist mit ihrem Handy oder Laptop?«

»Ihre Handtasche hatte sie dabei«, erklärte die Mutter, während sie sich erneut das Taschentuch vor ihr Gesicht hielt. »Wahrscheinlich war da ihr Handy drin. Zumindest befindet es sich nicht oben. Der Laptop liegt auf dem Bett.«

»Hatte Adèle in letzter Zeit Besuch?«, hakte Étienne nach.

Myriam Nélard verzog ihr Gesicht. »Außer Jean …« Sie brach ab, bevor sie den Kopf schüttelte. »Nein, ich glaube nicht.«

Étienne erhob sich und bedeutete Stéphane, es ihm gleichzutun. »Madame, würden Sie uns bitte Adèles Zimmer zeigen?«

Die Frau blickte unsicher zu ihrem Gatten, der keine Anstalten machte, sich zu bewegen, bevor sie nickte und ebenfalls aufstand.

Andächtig folgten die beiden Polizisten Adèles Mutter die breite Steintreppe ins obere Stockwerk der Villa hinauf, wo sich eine großzügige offene Galerie befand.

»Hier, bitte.« Myriam Nélard öffnete eine Tür zu ihrer Rechten und zeigte in den Raum hinein. »Das ist Adèles Schlafzimmer, direkt daneben befindet sich ihr Arbeitsbereich.«

Étienne zog unmerklich die Brauen hoch, während er erneut an die beengten Verhältnisse dachte, die in seiner eigenen Wohnung herrschten. Er betrat den Raum nach seinem Mitarbeiter.

Ein großes Doppelbett befand sich direkt unter dem Fenster, das Richtung Garten zeigte. Auf der grünen Decke lag der Laptop, wie von Adèles Mutter beschrieben. Étienne wandte sich an die Frau. »Den müssen wir mitnehmen.«

Resigniert hob sie ihre Hand und nickte.

Nachdenklich ließ Étienne seinen Blick über die Wände schweifen. Urkunden von diversen Sportveranstaltungen wechselten sich mit Fotos ab, die zum Großteil Adèle mit einem dunkelhaarigen jungen Mann zeigten.

»Das ist Jean«, ertönte Myriam Nélards Stimme.

Er nickte. Adèle und Jean am Strand, auf der Place de la Comédie, gemeinsam mit Freunden beim Grillen. Momentaufnahmen eines gewöhnlichen Studentenlebens, nichts Auffälliges. Wobei Adèles Elternhaus alles andere als gewöhnlich war, dachte der Beamte und rief sich die Unterredung mit seinem Vorgesetzten ins Gedächtnis. Romain Nélard hatte sofort nach der Entdeckung, dass Adèle die Nacht nicht zu Hause verbracht hatte und telefonisch nicht erreichbar war, seine Beziehungen ins Innenministerium spielen lassen. Andernfalls wäre in diesem frühen Stadium von Adèles Verschwinden noch überhaupt nichts unternommen worden, um die junge Frau zu finden.

Stéphane hatte bereits den angrenzenden Raum betreten und inspizierte den Schreibtisch. Étienne folgte seinem Kollegen. Die beiden Zimmer hatten in Summe etwa die Ausmaße des Wohnzimmers, das sich direkt unter Adèles Reich befand. Eine behütete Kindheit und Jugend, in der es keine finanziellen Einschränkungen gab, resümierte der Beamte nüchtern, während er die hochwertigen Holzmöbel betrachtete. Gegenüber vom Schreibtisch stand eine breite Ledercouch. An der Wand hing ein großer Flachbildfernseher.

»Sicher wirkt diese Umgebung auf Sie sehr privilegiert«, erklang die Stimme von Adèles Mutter, die neben Étienne trat.

»Das tut sie in der Tat, Madame.«

»Adèle ist kein verwöhntes Püppchen. Ich möchte nicht, dass Sie einen falschen Eindruck von ihr gewinnen.«

Étienne nickte. Myriam Nélard tat ihm leid.

»Sie ist sehr stark, müssen Sie wissen«, flüsterte sie, bevor sie zur Tür sah. »Adèle hat es nicht immer leicht mit ihrem Vater. Er ist sehr …«

»… bestimmend?« Étienne sah sie abwartend an.

»Fürsorglich«, verbesserte sie ihn. »Adèle ist sein Ein und Alles.«

»Das sollte jedes Kind für seine Eltern sein.«

»Sie haben recht, aber Romain … Er möchte nur das Beste für Adèle.«

»Auch das haben wohl alle Eltern gemein.« Étienne lächelte.

»Das Studium war seine Idee.« Etwas in Myriam Nélards Stimme ließ ihn aufhorchen.

»Aber sicher war es auch der Wunsch ihrer Tochter?«

»Mehr oder weniger«, hauchte sie.

Étienne speicherte diese Bemerkung in seinem Hinterkopf ab, bevor er sich an den Zeitschriften zu schaffen machte, die auf dem kleinen Couchtisch verstreut lagen.

»Was machen Sie hier eigentlich?«, ertönte in diesem Moment Romain Nélards Stimme hinter ihnen. »Sie wissen doch ganz genau, was mit Adèle geschehen ist, also vergeuden Sie hier keine unnötige Zeit!«

5

Adèle blinzelte benommen. Ihre Umgebung war dunkel, doch von irgendwoher fiel ein kaum wahrnehmbarer Lichtstrahl in den Raum. Unsicher fasste sie sich an ihre rechte Schläfe. Ihr Kopf dröhnte. Wo war sie? Und was war geschehen? Als sie ihren Oberkörper vorsichtig aufrichten wollte, verstärkte sich schlagartig das Hämmern in ihrem Schädel. Stöhnend ließ sie sich zurücksinken.

Adèle schloss für einige Sekunden die Augen und versuchte, Herr über ihre benebelten Sinne zu werden. Konzentrier dich, ermahnte sie sich. Was war passiert? Behutsam legte sie eine Hand auf ihre Stirn, während sie an die Decke starrte. Ihre Gedanken wollten nicht klarer werden.

Als Adèle ihren Kopf zur Seite drehte und sich umblickte, wurde sie von Panik ergriffen. Das hier war nicht ihr Zuhause. »Hallo?« Der Klang ihrer eigenen Stimme ließ sie zusammenzucken. Adèle räusperte sich und setzte lauter an. »Hallo? Ist da jemand?«

Keine Antwort. Erschöpft schloss sie die Augen und versuchte nachzudenken. Warum konnte sie sich nicht erinnern? Das Letzte, was ihr einfiel, war die Geburtstagsfeier von Professeur Thobeaux. Sie hatte mit Fontignier gesprochen. Hatte er sie nicht in seine Sprechstunde eingeladen? Ja, er hatte ihr angeboten, über ihre Bedenken zu reden. Und Jean? Adèle verstärkte ihre Bemühungen, die Erinnerungen zurückzuholen. Er war nicht begeistert gewesen von ihrem Plan, hatte ihren Vater erwähnt. Was war dann passiert? Sie hatte keine Lust mehr auf Feiern gehabt, wollte nach Hause. Jean hatte ihr angeboten, sie zu begleiten, doch sie hatte abgelehnt.

Wieder fasste sie sich an ihre Stirn. »Verdammt«, stieß sie wütend hervor, während sie krampfhaft versuchte, das eindringlicher werdende Dröhnen ihres Kopfes zu ignorieren. Mit einer abrupten Bewegung setzte sie sich auf. Der Schmerz raubte ihr fast den Atem.

Adèle stützte die Ellenbogen auf ihre Oberschenkel und verharrte einen Moment. Als das Hämmern hinter ihrer Stirn etwas nachließ, versuchte sie sich ein weiteres Mal an der Rekonstruktion der Ereignisse. Sie war zur Haltestelle gelaufen. Und dann? Adèle konnte sich trotz aller Anstrengung nicht daran erinnern, in den Bus eingestiegen zu sein. Siedend heiß fiel ihr die dunkle Straße ein. Und dieser ekelhafte Gestank. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Eine Gestalt war plötzlich hinter ihr aufgetaucht. Adèle erinnerte sich bruchstückhaft daran, dass sie versucht hatte, sich zur Wehr zu setzen. Anscheinend erfolglos. Danach war alles schwarz.

War sie entführt worden? Wegen Lösegeld? Der Gedanke beruhigte sie ein wenig. Ihre Eltern waren wohlhabend. Wenn es dem Entführer darum ging, Geld für sie zu erpressen, hätte dieser Albtraum bald ein Ende. Ihre Eltern würden bezahlen und Adèle käme frei. Sie hob ihren Kopf und blickte zu der Matratze, die in der rechten Ecke des Raumes lag. Mit der Hand fuhr sie über den Stoff der Pritsche, auf der sie saß. Wo befand sie sich?

Adèle stand auf und durchquerte den Raum. Zu ihrer Linken war eine Stahltür in der Mauer eingelassen. Sie drückte die Klinke herunter. Abgeschlossen. Natürlich, was hatte sie erwartet?

Vorsichtig tastete sie den Türrahmen ab, doch sie konnte keine Unregelmäßigkeit feststellen. Adèle versuchte, die Maße des Raumes abzuschätzen. Fünfzehn Quadratmeter, größer war ihr Gefängnis nicht. Der schwache Lichtstrahl fiel durch ein zweiflügeliges Fenster gegenüber der Tür. Adèle ließ ihre Hand über den Holzrahmen fahren. Nichts. Die Griffe fehlten, wahrscheinlich hatte der Entführer sie abmontiert. Von außen waren Holzbretter angebracht. Durch einen etwa einen Zentimeter breiten Spalt zwischen zwei ungleichmäßig geformten Latten fiel Tageslicht in Adèles Gefängnis. Sie beugte sich vor und spähte nach draußen.

Vor dem Haus befand sich eine gekieste Fläche, die an eine Wiese grenzte. Wo war sie? Um was für ein Gebäude handelte es sich bei ihrem Gefängnis? Adèle war sich ziemlich sicher, dass sie sich außerhalb von Montpellier aufhielt. Ein baufälliges Gebäude mit einem Grundstück in diesen Dimensionen gab es in der Großstadt wohl kaum. Sie versuchte, systematisch zu denken. Entführt worden war sie am späten Mittwochabend. Wenn sie davon ausging, dass sie einige Stunden betäubt gewesen war, war heute Donnerstag. Der Intensität des Tageslichts nach zu urteilen, handelte es sich um sehr späten Vormittag bis frühen Nachmittag. Sie trat einen Schritt zurück und verharrte. Was sollte sie jetzt tun? Und wie war der Entführer überhaupt auf sie gekommen? Hatte er sie schon länger im Visier gehabt? Hatte er sie womöglich wochenlang observiert, um den passenden Zeitpunkt abzuwarten? Zumindest war Adèle nichts aufgefallen.

Als sie zur Pritsche zurückkehrte, bemerkte sie den Eimer, der in einer Ecke stand. Daneben lag eine Rolle Toilettenpapier. Adèle umrundete das Feldbett und entdeckte zwei Flaschen Wasser. Was hatte der Entführer mit ihr vor? Rechnete er damit, sie länger festhalten zu müssen? Hatten seine Forderungen schon ihre Eltern erreicht? Würden diese die Polizei einschalten?

Adèle legte den Kopf in den Nacken und ließ ihren Blick über die Decke schweifen. Trotz des geringen Lichts waren deutlich Risse und Farbabblätterungen zu erkennen. Das Haus schien sehr alt zu sein. Der ganze Raum wirkte heruntergekommen und verwahrlost.

Adèle musste sich jedes Detail einprägen. Wenn der Entführer sie nach der Lösegeldübergabe zu ihren Eltern zurückbrachte, konnte jeder Hinweis entscheidend sein, um dieses Gebäude wiederzufinden. Sie atmete tief durch und setzte sich auf das Feldbett. Dass er sie nicht umgebracht hatte, war ein gutes Zeichen. Er brauchte sie noch. Wenn es hier tatsächlich um eine Lösegeldforderung ging, würde er ein Lebenszeichen von ihr benötigen. Lief das nicht so? Ohne Lebenszeichen keine Lösegeldübergabe. Das musste dem Entführer klar sein.

Vielleicht schaffte Adèle es sogar, ihren Eltern eine verschlüsselte Botschaft zu senden. Würde er sie mit ihnen telefonieren lassen? Zu gefährlich, verwarf sie den Gedanken sofort. Ein Handy könnte geortet werden. Vielleicht würde der Angreifer sie filmen, mit der Tageszeitung von heute. Oder ein Foto von ihr machen. Wie könnte sie ihren Eltern einen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort geben?

Gar nicht, musste sie sich eingestehen. Sie wusste schließlich selbst nicht, wo sie sich befand. Sie konnte überall sein. Wie lange war sie bewusstlos gewesen? Sicher mehr als acht Stunden. Verzweiflung überkam sie. Acht Stunden! In acht Stunden konnte der Entführer theoretisch das Land mit ihr verlassen haben. Vielleicht befand sie sich gar nicht mehr in Frankreich. Vielleicht war sie in der Schweiz, irgendwo in den Bergen. Oder in Spanien, auf irgendeiner verfallenen Finca im Hinterland.

»Merde!«, brüllte sie unbeherrscht. Wie konnte sie herausfinden, wo sie war? Sie musste sich beruhigen, unbedingt einen klaren Kopf bewahren. Panik und Verzweiflung brachten sie jetzt am allerwenigsten weiter. Sicher würde der Entführer demnächst auftauchen. Wenn sie sich wie ein verschrecktes Huhn aufführte, konnte das ihr Todesurteil bedeuten. Kriminelle drehten schnell durch, wenn etwas nicht so lief wie geplant. Jean nahm sie regelmäßig auf den Arm wegen ihrer Vorliebe für Spannungsliteratur und Fernsehkrimis, doch vielleicht konnten ihre dadurch erworbenen Kenntnisse jetzt hilfreich sein. Denke wie ein Entführer, beschwor Adèle sich.

Ruckartig erhob sie sich und trat erneut an den Spalt am Fenster. Nein, was sie sehen konnte, gab keinen Hinweis darauf, ob sie sich noch in Frankreich befand. Während sie auf die saftig grünen Grashalme starrte, die sich leicht bogen, machte sich Resignation in ihr breit. Sie war zum Nichtstun verdammt. Sie musste abwarten, bis sich der Entführer endlich zeigte. Vielleicht konnte sie mit ihm reden. Vielleicht traf er sich sogar in diesem Moment schon mit ihrem Vater und nahm das Lösegeld für sie in Empfang. Dann könnte sie in wenigen Stunden wieder zu Hause bei ihren Eltern sein. An diesen Gedanken klammerte Adèle sich, während sie wartete.

6

Montpellier

Raphaël fluchte, während er beobachtete, wie der Fahrer des wenige Meter vor ihm in zweiter Reihe parkenden Transporters gemächlich begann, die Ladefläche zu leeren. Er hatte noch einiges an Büroarbeit zu erledigen. Laetitia hatte gerade angerufen und ihm mitgeteilt, dass sie sein sporadisch vermietetes Apartment, wie von dem momentanen Feriengast gewünscht, gereinigt hatte. Da sie zu einer Vorlesung wollte, hatte sie ihm eine Liste der zu erledigenden Anrufe erstellt, die er dringend abarbeiten musste.

»Das darf doch nicht wahr sein«, presste Raphaël zwischen seinen Zähnen hervor. Hastig ließ er die Fensterscheibe weiter hinunter, doch die Hitze stand auf der Straße. Kein Windhauch war zu spüren.

Raphaël wischte sich den Schweiß von der Stirn. Genervt stellte er das Radio lauter, als die Nachrichten begannen. »Die einundzwanzigjährige Studentin Adèle N. wurde gestern Abend kurz vor Mitternacht zum letzten Mal auf einer Festlichkeit des Psychologischen Instituts Montpellier gesehen. Nach Gesprächen mit der Familie der jungen Frau geht die Police Nationale mittlerweile von einem Gewaltverbrechen aus. Seit 2010 sind bereits sieben weitere Studentinnen entführt worden. Sechs wurden Wochen später ermordet aufgefunden. Der Täter ist bis heute auf freiem Fuß. Momentan ermitteln die Beamten in alle Richtungen. Sollten Sie Hinweise zum Verschwinden von Adèle N. haben, wenden Sie sich bitte an die nächstgelegene Polizeidienststelle.«

Schon wieder eine verschwundene Frau. Er hatte die bisherige Berichterstattung nur oberflächlich mitbekommen, doch die Morde hatten natürlich für großen Wirbel in Montpellier und Umgebung gesorgt. Soweit Raphaël bekannt war, tappte die Police Nationale nach wie vor im Dunkeln. Es gab keine Hinweise darauf, wo die Studentinnen bis zu ihrem Tod gefangen gehalten worden waren. Dass eine der Frauen überlebt hatte, war ihm jedoch neu.

Raphaël verfolgte kopfschüttelnd, wie der Fahrer des Transporters sich auf die Ladefläche hievte und einige Stahlstangen schulterte, bevor seine Gedanken wieder abschweiften. Er musste sich dringend überlegen, wie er weitere Aufträge an Land ziehen konnte. Seine analytischen Qualitäten waren bei den Untreue-Aufträgen wenig bis überhaupt nicht gefragt. Und die Eintönigkeit ließ Raphaëls Unzufriedenheit wachsen.

Sein Handy klingelte. »Bonjour, Thérèse.«

»Raphaël, warum rufst du nicht zurück? Ich habe mehrfach versucht, dich zu erreichen.«

Der Privatdetektiv schloss die Augen und zählte stumm bis zehn. »Ich muss arbeiten«, erwiderte er in bemüht ruhigem Tonfall.

»Und ich nicht, oder was?«

»Hör zu, ich sitze nicht in irgendeinem klimatisierten Büro und kann jederzeit ans Telefon gehen. Ich bin im Einsatz.«

Sie lachte auf. »›Im Einsatz‹. Schon vergessen? Du bist kein Polizist mehr.«

»Was willst du?« Mittlerweile lief ihm der Schweiß den Rücken herunter. Er hatte keine Lust auf völlig überflüssige Diskussionen.

»Ich muss nach Paris.«

Raphaël stutzte. »Warum das denn?«

»Morgen beginnt ein großer Kongress und ich habe kurzfristig die Möglichkeit bekommen, daran teilzunehmen.«

»Und das hast du erst heute erfahren?«

»Ein Kollege fällt krankheitsbedingt aus«, erklärte seine Ex-Frau bestimmt.

»Was ist mit den Kindern?«

»Deshalb habe ich ja versucht, dich anzurufen.« Sie klang ungeduldig.

»Was meinst du?«

»Raphaël, du bist ihr Vater. Ich möchte, dass du Fabienne und Laurent später abholst.«

»Wie bitte?«

»Ich möchte, dass du deine Kinder … unsere Kinder nach der Schule bei mir abholst.«

»Das geht nicht«, erwiderte er gereizt. »Ich muss arbeiten. Ich habe Aufträge zu erledigen.«

Wieder lachte Thérèse. »Ich arbeite auch. Und jetzt muss ich für eine Woche nach Paris …«

»Eine Woche?« Raphaël konnte es nicht glauben. »Das geht nicht. Wie stellst du dir das vor?«

»Soweit ich mich erinnere, wolltest du die beiden genauso sehr wie ich«, begann sie in belehrendem Tonfall.

»Darum geht es nicht«, sagte er genervt. »Aber …«

»Nichts ›aber‹«, unterbrach Thérèse ihn ruhig. »Ich habe meinen Alltag so organisiert, dass ich sowohl unseren Kindern als auch meinem Job gerecht werde. Nichts anderes erwarte ich für lediglich sieben Tage von dir.«

Raphaël fasste sich an die Nasenwurzel. »Hör zu, Thérèse, ich nehme die beiden, wann immer es geht. Damit entlaste ich dich und kann viel Zeit mit ihnen verbringen. Aber rund um die Uhr für mehrere Tage …« Er brach ab, als seine Kinder vor seinem inneren Auge auftauchten. Die zwei waren das Wichtigste in seinem Leben. Laurent war vierzehn, Fabienne zwölf. Sie waren keine Kleinkinder mehr. Sicher konnten sie auch mal ein paar Stunden allein bleiben. Und Platz genug herrschte in dem Haus, das er ursprünglich mit seiner Familie bewohnt hatte. Nach der Trennung von seiner Ex-Frau hatte Raphaël sich entschieden, die erst kurz zuvor gekaufte Immobilie zu behalten. Eine Etage hatte er als separate Wohnung abgetrennt, die er vermietete. Sein Büro befand sich im Keller des Gebäudes. Wenn er Besprechungstermine wahrnahm, konnte er also ein Auge auf die Kinder haben. Außerdem arbeitete auch Laetitia stundenweise dort. Und seine Mutter würde sich sicher freuen, Zeit mit ihren Enkeln zu verbringen.

»D’accord«, erklärte er daher. »Sie können ein paar Tage bei mir wohnen.«

»Sehr schön.« Thérèse klang zufrieden. »Wir sagen es ihnen gemeinsam, wenn du sie abholst. Sicher freuen sie sich.«

»Sie wissen noch nichts?« Erleichtert registrierte Raphaël, wie der Fahrer des Transporters in die Kabine kletterte und kurz darauf den Motor anließ.

»Der Anruf kam, als sie schon in der Schule waren.«

»Gut. Bis später.« Raphaël beendete das Gespräch und fuhr an. Noch hatte er keine Ahnung, wie er den Alltag mit Laurent und Fabienne organisieren sollte. Aber er war sein eigener Chef. Es sollte möglich sein, seine Termine während der Unterrichtszeiten der Kinder zu erledigen. Da sie an den Wochenenden öfter bei ihm übernachteten, hatte jedes von ihnen sein eigenes Zimmer. Ja, dachte Raphaël zuversichtlich, es dürfte kein Hexenwerk sein, den Alltag so zu strukturieren, dass er sich um die beiden kümmern konnte.

»Fabienne, Laurent, kommt mal her. Ihr habt Besuch.«

Im hinteren Teil der Wohnung wurden Türen geöffnet und wieder zugeschlagen, während Raphaël ins Wohnzimmer trat.

»Papa!«

Er musste schmunzeln, als seine zwölfjährige Tochter mit ausgebreiteten Armen auf ihn zustürmte. Während er ihren zierlichen Körper eng umschlungen hielt, schloss er kurz die Augen. Wieder einmal wurde ihm bewusst, wie sehr ihm seine Kinder fehlten, seit er nicht mehr mit ihnen zusammenlebte.

»Salut, Papa.« Laurent trat mit hängenden Schultern vor ihn.

»Na, Großer?« Raphaël löste einen Arm von Fabienne und strich seinem Sohn liebevoll über das Haar.

»Papa und ich müssen etwas mit euch besprechen«, meldete sich Thérèse aus dem Hintergrund.

Die Kinder setzten sich links und rechts von Raphaël auf das Sofa, während seine Ex-Frau auf dem Sessel Platz nahm.

»Mann, ihr macht es aber spannend«, maulte Laurent und zog eine Grimasse. »Was ist denn passiert?«

»Nichts«, erwiderte Raphaël sofort. »Gar nichts.« Er warf Thérèse einen beschwörenden Block zu.

Sie räusperte sich. »Ich habe heute Morgen einen Anruf bekommen. Mein Kollege, der morgen auf einen Kongress nach Paris wollte, ist erkrankt. Jetzt habe ich die Möglichkeit, an seiner Stelle hinzufahren.«

»Nach Paris?« Fabienne klang entsetzt. »Morgen? Aber wir haben doch Schule.«

Thérèse nickte. »An dieser Stelle kommt euer Vater ins Spiel. Da er keine festen Arbeitszeiten hat, dachten wir, ihr könntet solange zu ihm ziehen.«

Laurent runzelte die Stirn. Raphaël entgegnete nichts auf die Ausführungen seiner Ex-Frau, auch wenn er sich gerade wie ein Nichtsnutz vorkam, der in den Tag hineinlebte. Es war ein Grundproblem ihrer Ehe gewesen, dass Thérèse seine Arbeit als Polizist nie wirklich akzeptiert hatte. Als er gekündigt hatte, um sich selbstständig zu machen, waren ihre Sticheleien immer massiver geworden. Thérèse wollte einen Akademiker, jemanden, mit dem sie als Anwältin auf Augenhöhe kommunizieren konnte. Raphaël dagegen machte sich nichts aus Dienstgraden und Titeln. Er wollte einen Job, der ihm Spaß machte, der ihm das Gefühl gab, etwas Sinnvolles zu tun. Menschen zu verteidigen, die höchstwahrscheinlich im Gefängnis besser aufgehoben wären, entbehrte für ihn jeder Sinnhaftigkeit.

Trotzdem war Raphaël immer stolz auf Thérèse gewesen. Sie war zwei Jahre jünger als er und hatte die letzten Semester ihres mit Bravour abgeschlossenen Jurastudiums mit zwei kleinen Kindern absolviert. Bei Laurents Geburt war Thérèse zweiundzwanzig gewesen, Raphaël vierundzwanzig. Seine Ex-Frau und er kannten sich seit ihrer Schulzeit. Jung Eltern zu werden, war immer ihr großer Traum gewesen. Als dieser in Erfüllung ging, merkten beide aber recht schnell, dass es viel Verständnis und Organisationstalent benötigte, wenn beide Eltern voll arbeiten wollten. Noch heute sah Raphaël ihrer beider Unreife als Hauptgrund für das Scheitern ihrer Ehe. Thérèse hatte das Gefühl gehabt, etwas zu verpassen, nicht wirklich gelebt zu haben. Mit kleinen Kindern waren viele Unternehmungen nicht möglich. Auch wenn Raphaëls Mutter immer wieder als Babysitter zur Verfügung stand, war Thérèses Unzufriedenheit täglich gewachsen. Der Konflikt um Raphaëls berufliche Entscheidung hatte ihrer Ehe den Rest gegeben.

»Eine Woche?« Laurents Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

»Raphaël.« Seine Ex-Frau sah ihn flehend an.

»Wie sollen wir zur Schule kommen?«, warf Fabienne ein. »Wir sind von Papas Haus ja ewig unterwegs.«

›Papas Haus‹, dachte Raphaël bitter. Die Kinder konnten sich nicht daran erinnern, dort gelebt zu haben.

»Ich fahre euch«, antwortete er hastig.

»Und wie kommen wir zurück?« Sein Sohn sah ihn skeptisch an.

»Ich hole euch auch wieder ab«, erwiderte Raphaël resigniert, während er an den Berufsverkehr dachte, der ihn jeden Morgen und jeden Nachmittag erwarten würde.

»Cool«, befand Fabienne und schmiegte sich an ihn.

»Eine Woche ist ganz schön lang«, maulte Laurent weiter. »Meine Kumpels wohnen alle hier.«

Raphaël bemühte sich darum, ruhig zu bleiben. »Sicher triffst du dich nicht jeden Tag mit ihnen, oder? Du musst ja auch mal etwas für die Schule tun. Und falls ihr euch irgendwo hier treffen wollt, könnte ihr das direkt nach dem Unterricht tun.«

Laurent schien immer noch wenig überzeugt. »Eigentlich würde ich lieber hierbleiben. Ein, zwei Tage bei dir sind okay, aber eine ganze Woche …«

»Der Kongress ist wichtig für mich«, ermahnte ihn seine Mutter. »Sonst beschwert ihr euch immer, dass ihr Papa zu wenig seht.«

Raphaël blickte sie überrascht an. Das war ihm neu.

»Jetzt könnt ihr mehrere Tage am Stück mit ihm verbringen.«

Fabienne umklammerte Raphaëls Arm. »Ich freue mich, bei dir zu wohnen.« Mit großen Augen sah sie ihn an.

Sein Herz setzte einen Schlag lang aus, während er das wunderschöne Gesicht seiner Tochter betrachtete. »Ich freue mich auch«, erwiderte er lächelnd. Die Skepsis, die Thérèses Anruf vorhin in ihm geweckt hatte, wich der Vorfreude, endlich wieder einmal wie ein normaler Vater Zeit mit seinen Kindern verbringen zu können, nicht nur für ein paar Stunden oder eine Übernachtung, sondern wie eine herkömmliche Familie. War es nicht genau das, was er schon so lange vermisste?

Wehmütig musterte er seine Ex-Frau. Thérèse war bildhübsch. Die großen grünen Augen, die Laurent geerbt hatte, das dunkle, seidig schimmernde Haar. Warum nur hatten sie es nicht geschafft? Als sie seinem Blick begegnete, lächelte er schwach. Ihre Miene wurde weicher. Auch wenn sie ihren Alltag nicht mehr miteinander teilten, durch die Kinder würden sie ewig verbunden bleiben. Thérèse war keine schlechte Mutter. Sie war auch keine schlechte Ehefrau gewesen. Im Laufe der Jahre hatten sich einfach ihrer beider Prioritäten verschoben, ihre Einstellung zum Leben, ihre Wünsche und Träume.

»Das nervt echt«, brachte sich Laurent wieder in Erinnerung, der den Blickwechsel zwischen seinen Eltern nicht bemerkt hatte.

»Wir sprechen von sieben Tagen, nicht von sieben Jahren«, versuchte seine Mutter ein weiteres Mal, beruhigend auf ihn einzuwirken.

»Was soll ich denn bei Papa die ganze Zeit machen?«

»Was machst du denn hier die ganze Zeit?«, wollte Raphaël ungerührt wissen.

Laurent zögerte. »Zocken zum Beispiel.«

»Nimm die Spielkonsole mit, zocken kannst du bei mir auch. Einen Stromanschluss habe ich nämlich.« Raphaël grinste.

Genervt verzog Laurent sein Gesicht.

»Also, ich finde es toll, dass wir so lange bei Papa schlafen.«

Dankbar blickte Raphaël seine Tochter an.

»Packt jetzt bitte eure Sachen.« Thérèse erhob sich. »Ich helfe euch.«

Immer noch maulend, stand Laurent auf, während Fabienne Raphaël einen Kuss auf die Wange drückte, bevor sie sich von ihm löste.

Nachdem die Kinder und Thérèse das Wohnzimmer verlassen hatten, betrachtete Raphaël nachdenklich die Fotos, die an der Wand neben dem Fernseher hingen. Laurent und Fabienne als Babys, Thérèse mit den beiden am Strand. Auf einem war auch er mit den Kindern zu sehen, vor einem Vogelgehege. Er nahm sich vor, seinen Sprösslingen ein paar schöne Tage zu bereiten. Thérèse hatte recht. Er war sein eigener Chef, hatte keine starren Arbeitszeiten. Warum also sollte er seine Termine nicht nach dem Alltag seiner Kinder richten?

Sein Handy klingelte. »Dumont.«

»Bonjour, Monsieur, mein Name ist Romain Nélard. Meine Frau und ich suchen einen Privatermittler, der uns hilft, unsere Tochter zu finden.«

Raphaël zog seine Brauen hoch. Romain Nélard. Wo hatte er den Namen schon mal gehört? »Das heißt, Sie kennen ihren momentanen Aufenthaltsort nicht? Wie alt ist sie denn?«

»Einundzwanzig.«

Raphaël überlegte. Nélards Tochter war volljährig. Wenn sie nicht gefunden werden wollte, würde es schwierig werden, sie aufzuspüren. Schwierig, aber nicht unmöglich. Eine Herausforderung nach all den Ehebruchgeschichten. »Seit wann wissen Sie nicht, wo Ihre Tochter sich aufhält?«