Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Maurice und Ricardo sind zwei Brüder, die so verschieden sind, wie Feuer und Wasser. Dabei ist der durch sein Vater sexistisch geprägte Ricardo derjenige der stets Dummheiten macht und keine Gelegenheit auslässt, um die Frauen ins Bett zu bekommen. Ich könnte mir vorstellen, dass es viele Leserinnen gibt, die Ricardo zwar nicht mögen, aber dennoch gern über seine Fehlschläge lachen. Maurice die andere Seite dieser Handlung, ist ein sensibler Junge, der sich mit Musik und Literatur beschäftigt. Dieser Teil der Geschichte ist sehr gefühlsbetont und dramatisch. Neben Sexismus greife ich in diesem Buch auch die Themen, Leistungsdruck und Armut auf.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 177
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Kapitel 1: Die beiden Brüder Ricardo und Maurice
Kapitel 2: Maurices Brotrevolution
Kapitel 3: Enttäuschte Liebe für Betty
Kapitel 4: Jahre des Glücks
Kapitel 5: Dunkle Veränderungen
Kapitel 6: Safia: Maurices erste große Liebe
Kapitel 7: Eine schöne Zeit mit Safia
Kapitel 8: Eine Zeit voller Entbehrungen
Ricardo ist 1976 Ende Mai, in Bonn geboren und heißt eigentlich Richard-Andre Fischer. Im Kindergarten nannten ihn die anderen Kinder anfangs noch Rick und dann später Rico. In der Grundschule wandelte sich schließlich sein Name aus Rico in Ricardo. So zwiespältig sein Sternzeichen Zwilling war, so war auch sein Verhalten in jeglicher Hinsicht von der einen auf die andere Sekunde, von überfreundlich bis zu arrogant unfreundlich umschwänkend. Wenn Ricardo etwas von jemandem wollte, wie dann in seinem späteren Leben bei den Frauen oder wenn er etwas zu seinem Vorteil ausnutzen wollte, dann konnte Ricardo sehr freundlich, wenn nicht sogar überfreundlich und sehr spendabel sein. Doch wenn der normale Alltag bei Ricardo einherging, war er sehr unfreundlich und grüßte weder Freunde noch seine engsten Verwandten auf der Straße oder im Treppenhaus des Gebäudes, in dem er mit seiner Familie wohnte.
Ricardos Aussehen war eher im unteren Durchschnitt zu betrachten. Schon als Kind und später dann als Erwachsener war Ricardo eher etwas übergewichtig. Seine Körpergröße betrug auch im späten Jugendalter nur einen Meter und vierundsechzig. Er hatte weiß-rot-blonde dünne Haare und sehr helle Augenbrauen. Als Kind war sein Gesicht rundlich dick mit aufgeblähten Wangen, die mit zahlreichen Sommersprossen übersät waren.
Wenn ihm seine Tanten alle zwei Wochen besuchten, zwicken sie Ricardo immer in die dick aufgeblähten Wangen und sagten zu ihm:
»Da ist ja Richard unser kleiner dicker Stinker-Mops.«, denn Ricardo hielt nicht besonders viel von Körperpflege und badete oder wusch sich lediglich widerwillig einmal wöchentlich. Besonders belastend war für Ricardo die Zahnpflege, die er auch nur wöchentlich auf Drängen seiner Mutter ausführte. Wenn Ricardo als Kind mal lächelte, waren seine Zähne mit einem dicken gelben Belag überdeckt, sodass man die Zahnzwischenräume nicht mehr sehen konnte. Ricardos Kleidung war eher zweckmäßig als ästhetisch ansprechend. Seine Jeans sahen so abgenutzt und speckig aus, dass man sich zeitweise darin hätte spiegeln können. Außer zu seinem Vater hatte Ricardo bis zu seinem elften Lebensjahr noch zu keiner anderen Person innige Kontakte oder Interessen an Freundschaften oder Bindungen weder in der Familie, noch zu außerfamiliären Personen.
Ricardos Eltern heirateten kurz vor seiner Geburt, mehr aus gesellschaftlichem Ansehen als aus Zuneigung zueinander. Die große Vierraumwohnung, in die Ricardos Eltern nach der Vermählung zogen, befand sich in dem Mehrfamilienhaus, in der Nähe des Bonner-Hauptbahnhofs, in der Meckenheimer Allee. Dieses Mehrfamilienhaus gehörte den beiden Zwillingsschwestern von Ricardos Mutter Ines Fischer. Beide Schwestern waren acht Jahre älter als Ines und arbeiteten beide in der Pharmaindustrie. Weil sie nie geheiratet haben, entschieden sie sich Anfang der siebziger Jahre das Mehrfamilienhaus zu erwerben. Weil die beiden Schwestern von Ines glaubten, dass sie mehr Lebenserfahrung als Ines besäßen, bevormundeten sie ständig Ines wegen ihrer Lebenssituation mit Jürgen und dann später wegen Ricardos Fehlverhalten.
Ricardos Mutter Ines war in der Ehe sehr kurzsichtig und wollte die Fehler ihres Mannes Jürgen anfangs noch nicht wahrhaben und versuchte alles, um ihre Ehe mit Jürgen aufrecht zu erhalten. Ines hatte auch Angst davor, sie würde bei ihrer Familie als Versagerin dastehen, wenn sie die Ehe beenden würde. Vom Aussehen her war Ines mit ihren langen dunklen Haaren und ihrer schmalen Figur, sehr attraktiv.
Weder die ehemaligen Schulfreundinnen von Ines, noch ihre Schwestern, konnten ihre Entscheidung mit Jürgen zusammen zu sein, verstehen. Ines war sehr lebenslustig und deswegen studierte sie auch Musik und arbeitete nach Ricardos Geburt Vollzeit in einer Musikschule. Aus diesem Grund fand man in der Wohnung zahlreiche Musikinstrumente. Zusätzlich sammelte Ines auch diverse orientalische und antike Instrumente, auf denen sie zuvor noch nie gespielt hatte.
Ricardos Vater Jürgen war nicht derjenige, der gern für längere Zeit einer Tätigkeit nachging. Weil er seine Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechaniker nicht fertig absolvierte, arbeitete Jürgen immer nur für einen geringen Zeitraum in einem Aushilfsjob im KFZ Bereich.
Jürgen vertrat auch die Meinung, dass die Frau für die Hausarbeit und die Kindererziehung verantwortlich ist und das Sagen in einer Beziehung der Mann haben sollte. Wenn Jürgen nachmittags nach Hause kam, erwartete er von Ines, dass das Essen bereits auf dem Tisch stand und die Hausarbeit gemacht war. Oftmals kam Jürgen nicht sofort nach der Arbeit nach Hause und entschloss sich lieber mit seinen Arbeitskollegen in einer Bar etwas trinken zu gehen, um mit anderen Frauen flirten zu können. Wenn Jürgen die Gelegenheit bekam und sich eine Frau für ihn interessierte, behauptete er einfach, dass er noch auf der Such nach der Richtigen ist und gab den Frauen das Gefühl, dass er es mit ihnen ernst meinen würde. Nach ein paar bedeutungslosen Nächten für Jürgen, suchte er dann schließlich nach Ausflüchten, um die Affären wieder beenden zu können. Insgesamt waren Ricardos Eltern sechs Jahre verheiratet, bis sich Ines erst über Jürgens Fehlverhalten bewusst wurde und sich beide dann schließlich für die Trennung entschieden. Ricardos Vater zog daraufhin in eine Wohnung nach Duisburg und seine Mutter blieb in dem Haus ihrer beiden Schwestern wohnen. In dem letzten Ehejahr wurde Ines kurz vor der Trennung im Jahre 1982 erneut schwanger. In diesem Jahr bekam Ricardo einen jüngeren Bruder, der sich in jeglicher Hinsicht von ihm unterschied.
Für Ricardo war sein Vater das größte Vorbild, das es gab. Obwohl Jürgen nach der Trennung eigentlich wenig Interesse an seinen beiden Kindern zeigte, wollte Ricardo so oft wie möglich bei seinem Vater Jürgen sein. Ricardos Vater war davon nicht sehr begeistert, ständig Ricardo bei sich haben zu müssen, weil er sich lieber mit anderen Frauen treffen wollte. Wenn Jürgen von Ricardo einen Anruf bekam und Ricardo ihn fragte, wann Jürgen mal wieder Zeit hätte, sagte Jürgen nur kurz: »Morgen oder übermorgen ginge es. Ich sage aber vorher deiner Mutter noch Bescheid, um welche Zeit du genau kommen kannst.« Leider rief Jürgen nur selten zurück oder er hatte immer die selben Ausreden parat. Dennoch war sein Vater Jürgen der große Held in Ricardos Leben. Mit viel Hartnäckigkeit gelang es aber Ricardo, alle zwei Wochen ein Treffen mit seinem Vater zu vereinbaren. Über die Frauen vertrat Ricardo die selbe Meinung wie sein Vater und gab seiner Mutter in erster Linie die Schuld für die Trennung. Denn Ricardo glaubte immer daran, wenn sie sich etwas mehr bemüht hätte, dass sein Vater Jürgen dann auch nicht weggegangen wäre.
Von Kindheit an, war und ist Ricardo ein Misogyn gewesen. Denn er vertrat die selbe Meinung wie sein Vater, dass die Frauen nur für die Hausarbeit und den Geschlechtsverkehr geschaffen wurden sind. Schon als kleiner Junge behandelte Ricardo die Mädchen, mit denen er in der Schule war, aufdringlich und äußerst grob. Von Ricardos siebten bis zu seinem elften Lebensjahr, als er noch auf die Grundschule ging, kam es ständig zu Auseinandersetzungen zwischen Ricardo und seinen Mitschülerinnen. Diese Situation wurde noch zusätzlich durch ein sehr feministisch eingestelltes und dominantes Mädchen aus Ricardos Klasse verstärkt. Die junge Dame hieß Anne Herbst und war einen Kopf größer als Ricardo. Sie war von der ersten bis zur achten Klasse mit Ricardo gemeinsam in der selben Schule. Anne war sehr selbstbewusst und obendrein noch Klassenbeste. Wer sich jetzt Anne als eine Art von Streberin vorstellt, der hat sich geirrt, denn Anne war sportlich und mit ihrem Kleidungsstil, ihren langen dunkelblonden Haaren und ihren dunkelblauen Augen, immer up to date und genau diese Art von Mädchen, die einen starken Kontrast zu Ricardos Meinung darstellte. Wie Hund und Katze wollten sich beide bis zur Mittelstufe am besten für immer auslöschen.
Schon in der ersten Klasse gingen die Streitigkeiten der beiden los. Wenn Ricardo in den Pausen von der Toilette kam, ging er dann zu den Mädchen und fasste ihnen über das Gesicht und sagte: »Riech mal an meinen Händen! Ich habe mir die Hände nicht gewaschen.« Während die anderen Mädchen nur laut los schrien: »Ii, hau ab du Sau.«, bekam Ricardo von der taffen Anne eine kräftige Schelle verpasst. Allerdings hielt das Ricardo nicht davon ab, auch weiterhin Anne zu ärgern. Doch Anne war Ricardo nicht nur geistig, sondern auch körperlich weitaus überlegen, denn sie interessierte sich außerschulisch für Kampfsportarten und trainierte zweimal wöchentlich.
Später dann in der dritten und vierten Klasse, versuchte Ricardo die junge feministische Anne mit provokativen Aussagen zu ärgern. Wenn es im Unterricht um die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft ging, sprang Ricardo jedes Mal ruckartig auf, stand wie ein Soldat vor seiner Bank und schrie laut los: »Die Frau hat keine Rechte und muss das machen, was der Mann ihr sagt!« Mit solchen Aussagen entfachte Ricardo bei Anne blanke Wut und es kam ständig zu lauten Diskussionen.
Auch auf anderen Ebenen fand Ricardo bei den Mädchen Schwächen um sie niedermachen zu können. In der dritten Klasse kamen dann noch zwei neue Schülerinnen dazu. Die eine neue Schülerin kam aus Köln und hieß Sabine. Sabine hatte ein sehr unscheinbares Aussehen und trug eine Zahnspange. Die andere neue Schülerin kam aus Stuttgart und hieß Nadine und war sehr übergewichtig. Eine Woche später bat die Klassenlehrerin, Frau Schulz, die Schüler im Deutschunterricht Zweier-Gruppen zu bilden. Als Frau Schulz Ricardo darum bat, mit Sabine zusammenzuarbeiten, schrie er wie am Spieß laut los und sagte: »Was, mit der hässlichen Kuh will ich nicht zusammenarbeiten!« Frau Schulz erwiderte: »Richard, was ist denn das für eine Ausdrucksweise. So etwas dulde ich nicht in meinem Unterricht! Sie heißt Sabine. Entweder entschuldigst du dich auf der Stelle bei ihr oder du sitzt die nächsten zwei Wochen nach!« Daraufhin schrie Ricardo los: »Nein, ich arbeite nicht mit ihr zusammen!« Frau Schulz packte Ricardo am Oberarm und brachte ihn in das Rektorzimmer, wo er dann von seiner Mutter abgeholt wurde.
Eine Woche später in der großen Pause, als Nadine zu der Gruppe ging, in der auch Ricardo stand, sagte Ricardo zu Nadine: »Hau ab du fette Sau!« Daraufhin fing Nadine laut an zu weinen und rannte rein. In dem Moment mischte sich schließlich Anne ein und sagte zu Ricardo: »Sie hat dir doch nichts getan, du Arsch! Weißt du was du bist, ein hässlicher Misogyn.« Daraufhin sagte Ricardo wütend zu Anne: »Was mischt du dich jetzt ein. Halt dich daraus oder ich haue dir aufs Maul.« Daraufhin verpasste Anne Ricardo eine Schelle und Ricardo zog ihr kräftig am Zopf. Nachdem dann Anne Ricardo einen Tritt in die Weichteile verpasste, ging er wie ein nasser Sack zu Boden. Schließlich kam der Rektor hinzu, der das Geschehen beobachtet hatte und nahm Ricardo mit in das Rektorzimmer, wo er dann solange verblieb, bis ihn seine Mutter wieder abholte.
Für den Unterricht interessierte sich Ricardo so gut wie gar nicht. Meistens lag er nur gelangweilt mit dem Kopf auf der Schulbank herum. Auch seine Hausaufgaben machte Ricardo nur unregelmäßig und nur auf Drängen seiner Mutter. Er schaffte es aber seine Noten im unteren Durchschnitt zu halten und konnte mit elf Jahren auf eine Realschule wechseln.
Am ersten Schultag auf der Realschule, lief Ricardo noch orientierungslos durch den fremden Hof seiner neuen Schule, als ihm ein Gesicht bekannt vorkam. Anne seine große Rivalin kam ebenfalls auf die selbe Realschule wie Ricardo. Noch sehr von Anne angewidert und mit bösen Gedanken über sie in seinem Kopf, ging Ricardo aber dann an ihr schweigend vorbei. Anne war aber dieses Mal nicht in der selben Klasse wie Ricardo und somit kam es zu einem Abflauen der Streitigkeiten zwischen den beiden.
In Ricardos neuer Klasse der Realschule, lernte er dann auch seine zwei zukünftigen besten Freunde kennen mit denen Ricardo die kommenden Jahre verbrachte und die sein Verhalten noch mehr untermauerten.
Der eine Schulfreund aus seiner Klasse hieß Nick und war ein Junge aus der untersten Gesellschaftsschicht, denn sein Vater saß wegen mehrfachen Raubes und Körperverletzung im Gefängnis und seine Mutter war eine Alkoholikerin, die mit der Situation ihres Mannes und der Erziehung ihrer drei Söhne überfordert war. Gemeinsam mit seinen zwei anderen Brüdern lebte Nick mit seiner Mutter in einer kleinen Dreiraumwohnung in einem heruntergekommenen Mehrfamilienhaus am Stadtrand von Bonn. Wenn man das Gebäude von außen sah, konnte man sich nur schwer vorstellen, dass dort noch Menschen wohnen würden. Aber es war so, in diesem Haus wohnten mehrere Großfamilien am Existenzminimum.
Die Wohnung, in der Nick mit seiner Mutter und seinen zwei anderen Brüdern wohnte, befand sich im dritten Stock des Gebäudes und man musste den langen Weg durch den Hausflur gehen. Schon beim Betreten des Hausflurs, konnte man einen unangenehmen Geruch nach feuchten Wänden wahrnehmen. Betrat man dann schließlich die Wohnung, wandelte sich der Geruch in so beißend um, dass man dort nur mit den Händen vor der Nase ausharren konnte, denn die beiden jüngsten Söhne, die noch bei ihrer Mutter zu Hause wohnten, besaßen mehrere Haustiere, die mehr oder weniger auf sich selbst gestellt waren.
Der älteste Bruder von Nick war vier Jahre älter als Nick und hieß Daniel. Er war nur an den wichtigsten Feiertagen bei seiner Mutter zu Hause. Daniel ist schon seit Jahren auf der schiefen Bahn gelandet. Wegen mehrfachen Raubes und Einbruchs, entschied sich seine Mutter dann auf Drängen des Jugendamtes, Daniel dauerhaft in ein Heim unterzubringen.
Der jüngste Bruder von Nick war sechs Jahre jünger als Nick und hieß Marcel. Schließlich musste sich Marcel mit Nick das selbe Zimmer am Ende des Flures teilen. Marcel war sehr Tierlieb und hatte deswegen eine Vielzahl von Haustieren. Zwei Hunde, einen Käfig mit fünf Kaninchen und drei Katzen waren dort zu finden. Obwohl Marcel die Tiere sehr mochte, kümmerte er sich aber nur selten um sie. So kam es häufig vor, dass Marcel nicht immer mit den Hunden regelmäßig raus ging. Die Kaninchen fütterte Marcel zwar, aber nur so, dass er das Futter von oben durch die Gitterstäbe schüttete. Die Reinigung des großen Käfigs erledigte Marcel nur einmal alle sechs bis acht Wochen. Marcel war aber der Einzige von den drei Söhnen, der nicht in Heimen untergebracht werden musste. Was zum einen daran lag, dass sich seine Mutter, als Marcel acht Jahre alt war, von seinem Vater endgültig trennte, weil er sowieso nur ganz selten präsent war und die meiste Arbeit an ihr hängenblieb. Somit war Marcel nicht so lange die Gewalt des Vaters wie seine Brüder Nick und Daniel, ausgesetzt. Auch die Vorbildwirkung des Vaters, hallte bei Marcel nicht so intensiv nach, wie bei seinen beiden älteren Brüdern, Daniel und Nick. Im frühen Jugendalter verachtete Marcel sogar die Fehlverhaltensweisen seiner beiden Brüder.
Nick, das mittlere Kind von dreien, war immer mehr dabei, in die Fußstapfen seines älteren Bruders Daniel zu treten. Als Nick noch jünger war, besaß er drei Schlangen. Doch wegen seinen häufigen Heimaufenthalten entschied sich Nick dann, die Schlangen eines Morgens im Park freizulassen, weil er nur noch selten bei seiner Mutter zu Hause sein konnte. In der Schule redete Nick oft davon, dass er mal viele Schlangen besaß, die er dann frei ließ. Aus diesem Grund nannten ihn dann die anderen Schüler einfach nur noch Schlange und nicht mehr Nick.
Der andere Schulfreund von Ricardo hieß Kai und hatte den Frauen gegenüber das selbe machohafte Verhalten wie Ricardo. Dieses war aber bei ihm nicht ganz so stark ausgeprägt, weil Kai zum einen noch zwei Schwestern hatte, mit denen er sich gut verstand und sein Vater Frauen gegenüber sehr loyal war. Zum anderen tolerierte Kais Vater solch ein Verhalten nicht in seinem Haus. Aus diesen Gründen konnte Kai sein machohaftes Verhalten nur in der neuen Gruppe mit Schlange und Ricardo ausleben. Kai war auch derjenige, der versuchte, Ricardo etwas zu bremsen, wenn Ricardos Verhalten ihm selbst nicht bewusst war. Kais Eltern, die sehr wohlhabend waren, missfiel allerdings der Umgang ihres Sohnes mit Schlange und Ricardo. Aus diesem Grund verbaten Kais Eltern später auch Kai den Umgang mit diesen Jungs, weshalb Schlange und Ricardo später dann auch nicht mehr in das Haus der Eltern von Kai durften. Allerdings trafen sie sich trotzdem heimlich nach der Schule.
Bis zur achten Klasse, also bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr ging Ricardos Schulalltag mit schlechten Noten, vielen Verweisen und sogar Polizeianzeigen wegen Sachbeschädigung einher. Doch ab Ricardos vierzehnten Lebensjahr, trat dann nunmehr sein sechs Jahre jüngere Bruder Maurice zunehmend in sein Leben. Mit voranschreitender Zeit, wurden die beiden nicht nur Rivalen, sondern lebten mehr und mehr im ständigen Streit miteinander.
Maurice ist 1982 Ende Juni, in Bonn geboren und sechs Jahre jünger als sein Bruder Ricardo. Sein Aussehen unterschied sich in mehreren Merkmalen von seinem Bruder Ricardo. Maurices Körpergröße war eher im durchschnittlichen Bereich und somit war er im späten Jugendalter sogar einen Kopf größer als sein Bruder Ricardo. Weil sich Maurice ständig mit irgendetwas beschäftigte oder wie dann später in seiner Schulzeit, las oder lernte, und somit Mahlzeiten versäumte, war er auch nie übergewichtig. Maurice hatte dunkelbraune Haare und grüne Augen.
Im Gegensatz zu seinem Bruder Ricardo, hatte Maurice zu seiner Mutter innigeren Kontakt. Während Ricardo noch Jahre wegen der Scheidung seiner Eltern seiner Mutter grollte, war Maurice froh, nicht ständig seinen emotionslosen Vater sehen zu müssen. Durch Maurices enge Bindung zu seiner Mutter konnte auch das musikalische Interesse in ihm geweckt werden.
Ricardo dagegen war nicht davon begeistert, wenn ihm seine Mutter abends vor dem Schlafengehen noch etwas vorsingen wollte. Ricardo steckte sich daraufhin immer die Finger in die Ohren und schrie laut los: »Oh nein, Mama lass mich in Ruhe! Ich will nichts hören!« Aber im Gegensatz zu Ricardo, fragte Maurice sogar jeden Abend seine Mutter, ob sie ihm etwas vor dem Schlafengehen vorsingen kann. Ab Maurices fünften Lebensjahr wollte er unbedingt auch wie seine Mutter ein Instrument spielen können.
Seit Maurices sechsten Lebensjahr versuchte er fast täglich zusammen mit seiner Mutter stundenlang auf der Gitarre zu spielen. Weil Maurice aber nicht wie die meisten Kinder schon nach einigen Wochen das Interesse wieder am Spielen verlor und es ihm ernst zu sein schien, entschloss sich dann seine Mutter, Maurice am darauffolgenden Weihnachten, eine eigene Gitarre zu schenken, auf der er dann täglich spielte. Maurice spielte aber überwiegend nur melancholische Stücke. Als Maurice einmal wieder für längere Zeit zusammen mit seiner Mutter probte, fragte sie Maurice: »Warum spielst du immer so traurige Symphonien und nicht mal etwas aufheiterndes, lustiges?« Daraufhin sagte Maurice: »Weißt du Mama, wenn ich etwas peppiges spielen wollte, dann hätte ich E-Gitarre gespielt! Aber ich spiele aus dem Grund meistens nur traurige Stücke, weil ich bei den melancholischen Stücken in meinen Gedanken immer den Regen fallen hören kann und deswegen spiele ich auch meistens nur solche Songs. Denn bei den anderen Stücken entsteht einfach kein Bild in meinem Kopf. Und wenn ich nichts sehe, dann kann ich auch nichts spielen.«
Auch zu seinen zwei Tanten, die im selben Haus wohnten und wöchentlich zu Besuch kamen, hatte Maurice eine weitaus bessere Beziehung als sein Bruder Ricardo. Bei den Besuchen seiner Tanten, ging Ricardo entweder gleich in sein Zimmer und kam erst dann wieder raus, wenn sie weg waren oder später, rief Ricardo sogar schon vorm Hineintreten seiner Tanten in die Wohnung laut los: »Oh nein, jetzt kommen die Hyänen schon wieder zu Besuch.« Von solchen Aussagen waren die beiden Schwestern von seiner Mutter nicht begeistert und sagten dann immer zu ihr: »Also so einen ungezogenen Jungen haben wir ja noch nie erlebt. Wenn du nicht härter durchgreifst, landet der noch mal im Gefängnis. Der wird ja immer unverschämter.« Zwar fand Maurice die Bevormundung der Tanten gegenüber seiner Mutter auch nicht so gut, dennoch versuchte er so freundlich wie möglich zu ihnen zu sein. Schon bevor Ricardo wieder mit unangemessenen Aussagen für Empörung sorgen konnte, ging Maurice erst mal auf die Tanten zu und sagte: »Hallo.«, zu ihnen.
In der Grundschule unterschied sich Maurice nicht viel von seinen anderen Mitschülern. Er arbeitete im Unterricht normal mit und hatte Noten im Zweierbereich. Im Gegensatz zu seinem Bruder Ricardo, behandelte Maurice die Mädchen seiner Klasse etwas zu behutsam und distanziert und wirkte aber dadurch sehr schüchtern. Schon ab den ersten Schultag lernte Maurice seinen zukünftigen besten Freund Marcel kennen. Marcel war der sechs Jahre jüngere Bruder aus der Problemfamilie von Ricardos Freund Schlange.
Wegen der Aufregung vor der Schule und der Angst vor dem ganzen Neuen, was nun auf Maurice zukommen würde, brachte ihm seine Mutter schließlich den ersten Tag noch bis ins Klassenzimmer, wo Maurice sich dann auf die erste Schulbank setzte. Seine Mutter verabschiedete sich schließlich von Maurice mit einem Kuss auf die Wange, als der Klassenraum noch relativ leer war. Nach ungefähr zwanzig Minuten kam dann schließlich Marcel in den Raum und setzte sich auf den noch leeren Platz neben Maurice. Weil beide die selbe Brille trugen, hatten sie auch gleich etwas gemeinsam. Maurice bekam drei Wochen vor der Schuleinführung eine Brille von seinem Augenarzt verschrieben, um in der Schule bei längeren Leseaufgaben schärfer sehen zu können. Nachdem mehrere Monate vergangen waren und Maurice sich zunehmender mit Marcel anfreundete, lud Marcel schließlich dann auch Maurice eines Tages zum Spielen bei sich zu Hause ein. Besonders freute sich Maurice auf die Haustiere, von denen Marcel ständig erzählte. Denn auch Maurice träumte schon immer mal von einem Hund, mit dem er viel draußen spielen könnte.
