Im Wellengang - Ruth Rechsteiner-Willi - E-Book

Im Wellengang E-Book

Ruth Rechsteiner-Willi

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Beschreibung

In der Schweiz, Europa und fast überall auf der Welt wird der Alltag vom Corona-Virus geprägt. In Wellen steigt die Anzahl der Infizierten und sinkt wieder. In diesem Wellengang leben wir. Einmal voller Hoffnung, wenn die Ansteckungswelle abflaut, dann wieder mit der harten Realität von hohen Fallzahlen konfrontiert. Das Leben wird eingeschränkt in fast allen Belangen. Kulturelle und sportliche Anlässe werden abgesagt. Grossanlässe sowieso. Das gesellschaftliche Leben ist auf Sparflamme. Zerstreuungsmöglichkeiten gibt es fast keine. Was macht das mit uns? Wie kommen wir zurecht mit diesen Einschränkungen? Wir werden aufs Wesentliche zurückgeworfen: Sich nicht anstecken, gesund bleiben. Was ist darüber hinaus möglich? Entdecken wir vielleicht neue Lebensinhalte? Fragen wir nach dem Wesentlichen? Mehr Zeit und Ruhe bietet dafür die Möglichkeit. In den kurzen Texten in diesem Büchlein mache ich mir darüber Gedanken.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 78

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Die erste Welle

Bleiben Sie zu Hause

Quarantäne und Nebenwege

Freiheit in der Beschränkung

Trauer und Abschied in Zeiten von Corona

Verfügbarkeit – verfügbar

Spaziergang von Bruggen in die Stadt

Die Erde erholt sich von den Menschen

Weisheit oder Geduld

Welche Gefahr ist grösser für unseren Planeten?

Durchhalten – oder loslassen?

Veränderung? – verändern!

Ins Weite

Ist die lange Weile vorbei?

Neue Normalität und Eigenverantwortung

Die zweite Welle

„La situation est grave!“

Jeder Fall ein Mensch

Sind wir mutig?

Corona ist eine Übung in Rücksichtnahme und Geduld

Das Schöne im Kleinen

Die Schweiz in Atemnot

Unglaubliche Zahlen

Historische Tage

Unbeschwerte Leichtigkeit

Abgesagt! – aber der Christbaum ist da!

Das schönste Lächeln der Welt

Die Welt hält den Atem an

Im Wellengang der Pandemie

Die erste Welle

Bleiben Sie zu Hause

Das war nicht nur ein Wunsch, sondern eine klare Aufforderung. Zu Hause bleiben ist für alle, die sich dort wohl fühlen, kaum ein Problem. Der Grund für diese Aufforderung schon eher. Plötzlich waren die über Fünfundsechzigjährigen nicht einfach pensioniert oder älter, nein, sie gehörten zur Risikogruppe, den besonders Gefährdeten, denen das Virus besonders arg zusetzen könnte.

Zu Hause bleiben kann eine Einschränkung der persönlichen Freiheit sein oder Freiraum eröffnen für das, wozu mit ausgefüllter Agenda wenig Zeit bleibt. So ist es mir ergangen. Zeit – viel Zeit stand zur Verfügung. Zeit, die zu füllen ich frei war wie ich sie gestalten wollte. Und weil das Schreiben zu meinem Leben gehört, formten sich Worte und Texte fast von selbst. Persönliche Gedanken – Gedanken ohne Grenzen, ins Weite gedacht. Über das eigene Erleben, aber auch Gedanken, die sich mit dem Leben anderer, mit der Gesellschaft in Corona-Zeiten auseinandersetzten.

So war die Aufforderung „Bleiben Sie zu Hause“ kaum eine Einschränkung, sondern bot einen neuen Raum für das Schreiben. Es wurde eine persönliche Auseinandersetzung mit der Corona-Pandemie. Persönliche Gedanken können ankommen, herausfordern, auch ärgern. Ich will sie mit Ihnen teilen.

Ruth Rechsteiner

Quarantäne und Nebenwege

Geweckt wurde ich vom Gesang der Amsel. Ihre Melodienfolgen sind noch abwechslungsreicher als am Abend vorher. Ich lausche entzückt. Dieser kleine Vogel ist musikalisch und freut sich über die eigenen Gesänge, vermutlich. Ich weiss, dass seine Gesänge nicht einfach der Freude dienen; er markiert sein Territorium. Aber an diesem Morgen lasse ich keine nüchternen Gedanken zu. Ich lausche und freue mich, lasse mich überraschen von dem, was Neues aus dieser Kehle kommt. Die Kehle. Das Wort holt mich in die Realität. In der Kehle fühlen sich Viren besonders wohl, verbreiten sich bei guten Voraussetzungen völlig ungehemmt. Noch will ich mich diesen Gedanken nicht überlassen. Ich freue mich über das sanfte Frühlingslicht, in das mein Zimmer immer mehr getaucht wird. Ich liege und lausche. Lasse die Welt mit ihrer unsichtbaren Bedrohung draussen.

Wir spazieren auf Nebenwegen, wo wir garantiert niemandem begegnen werden. Nebenwege, ganz wörtlich ist das zu nehmen. Wir verlassen die gewohnten Wege, suchen neue und finden Wunder am Weg. Blumen, deren Namen wir nicht kennen, fotografieren wir, um sie zu Hause zu bestimmen. Dem Fluss entlang auf Wiesennebenwegen begegnen wir einem Teppich von wilden Tulpen. Begleitet werden wir vom sanften Plätschern des Flusses.

Und stehe dann doch auf. Erste Turnübungen sind ein Muss. Wer weiss, wie lange der Corona-Rückzug dauert, darum die Gelenke bewegen, Arme und Beine in Schwung bringen, den Nacken nicht vergessen, der unter der Corona-Anspannung steif werden könnte. Im Internet nachschauen welche Übungen auch noch sinnvoll wären, damit es nicht langweilig wird. Zeit ist für alles vorhanden. Viel Zeit. Zu viel Zeit? Alles mit Bedacht angehen. Das Frühstück schmeckt köstlich. Die Nachbarin hat frisches Brot gebracht. Noch lassen wir die Zeitung links liegen. Wir sind in einem Ferienmodus, sprechen nicht von Quarantäne. Dabei sind wir buchstäblich interniert, wir Alten. Und finden es auch noch gut, denn dieser Rückzug allein schützt uns vor Corona.

Einsame Spaziergänge auf Nebenwegen. Kein Mensch ist unterwegs – nur wir. Insekten schwirren um unsere Köpfe und beglücken uns, denn auch sie sind selten geworden. Wir freuen uns über den gaukelnden Flug zweier Zitronenfalter und bücken uns über Schlüsselblumen und Duftveilchen, atmen den betörenden Duft ein. Wir machen uns auf den Heimweg, denn schon bald werden die Wege nicht mehr einsam sein.

Nun doch die Zeitung. Wir sind erschüttert über die Zustände in Italien, im Tessin und in andern Kantonen. Wir sind voll Dankbarkeit und Bewunderung für Ärzte und Pflegepersonal, die Tag und Nacht Menschenleben zu retten versuchen. Dieser Einsatz weit über das menschliche Mass hinaus, zeugt von Solidarität, Menschenliebe. Wie oft haben wir über Individualismus und Egoismus geschimpft. Jetzt kommen andere Seiten zum Vorschein. Nicht nur Ärzte und Pflegepersonal leisten Grossartiges, auch die Hilfsbereitschaft für besonders Betroffene ist eindrücklich. Ganz selbstverständlich übernimmt die Nachbarin den Einkauf, denkt mit, ruft an, ob wir noch dies oder jenes brauchen könnten.

Es ist Freitag – und am Freitag ist Schreibwerkstatt in der Kartause. Der Gedanke erfüllt mich mit Wehmut. Ich denke mich in die gemütliche Schreibstube, sehe „meine“ Schreibenden, wie sie ihre Köpfe über den Tisch senken und schreiben, einfach schreiben. Ich stelle mir vor, wie sie ihre Texte vorlesen und weiss um den Tiefgang ihrer Geschichten. Ich höre sie in Gedanken. Aber ich kann sie abrufen. Ich kenne die Stimmen. Ich weiss, wie die einzelnen schreiben. Sie kommen mir nahe in Gedanken. So träume ich mich in die Kartause, verweile im schönen Raum, schaue aus dem Fenster, staune über das Grün, die ersten Blumen im Gras. Der Frühling ist da, auch in der Kartause, trotz Corona, und schreiben kann man überall. Schreiben hilft, das Unbegreifliche zu verstehen. Schreiben holt uns aus düsteren Gedanken. Niedergeschrieben verlieren sie ein Stück ihres Schreckens. Schreiben hilft das Unverständliche zu verstehen. So fühle ich mich verbunden mit „meinen“ Schreiberlingen, auch wenn wir nicht zusammen in der Schreibstube sitzen.

Und wir spazieren wieder auf Nebenwegen. Begegnen keinem Menschen, dafür dem Drachen. Ob ich mich von ihm zu einer Kindergeschichte inspirieren lasse? Zeit habe ich ja – sehr viel Zeit. Wieviel Zeit wissen wir noch nicht. Werden wir einen Monat oder gar drei Monate zurückgezogen leben, virusbedingt? Nicht zu viel über Künftiges nachdenken. Leben jetzt, von Tag zu Tag – und schreiben.

Kein Flugzeug ist zu hören, der Himmel makellos ohne Kondensstreifen, keine Züge fahren und die Menschen sind still. Und wieder die Amsel, sie weiss nichts von Corona und zwischen all den Schreckensszenarien lese ich von Delfinen, gesichtet im Hafen von Venedig. Die Natur bekommt eine Verschnaufpause. Und auch das ist eine gute Nachricht. Was Klimaaktivisten und –aktivistinnen nicht geschafft haben, das Bewusstsein über den erschreckenden Klimawandel in den Köpfen zu verankern, schafft ein Virus, ein unsichtbares Monster, das die Welt lahmlegt. Die Welt der Wirtschaft und des sozialen Lebens – nicht aber die Welt der Natur. Sie ist stärker.

Auf unseren Nebenwegen-Spaziergängen drehen sich die Gespräche auch über mögliche Chancen der erschreckenden Situation. Werden wir die Zeichen der Corona-Zäsur ernst nehmen? Werden wir wahrnehmen, dass ein ungebremstes Wachstum unseren Lebensraum – und damit die Lebensqualität von uns allen – zerstört?

Werden wir lernen von der auferlegten Entschleunigung, dass Leben nicht bedeutet, möglichst schnell durch die Tage zu jetten, sondern wieder die Qualität von Achtsamkeit und Ruhe schätzen lernen?

20. März 2020

Freiheit in der Beschränkung

Nach dem trüben Sonntag scheint mir das Frühlingslicht an diesem Montag besonders hell und zugleich sanft. Es scheint durch die Zweige unseres Ahorns, der sich mit grünen Spitzen schmückt. Noch verschlafen stehe ich am Fenster, begrüsse dunkelviolette Veilchen und leuchtend gelbe Osterglocken und zwischen allen Blumen vergnügt sich ein Rotbrüstchen-Paar. Der Distelfink beansprucht das ganze Vogelhaus für sich. Wir lassen es noch am Quittenbaum, jetzt da nochmals Kälte kommt. Ich schaue und staune – und das für eine ganze Weile, denn meine Agenda ist leer. Ich darf mir Zeit lassen zum Staunen.

Und mir kommt die alleinerziehende Kurdin mit ihren drei schulpflichtigen Kindern in den Sinn. Die Dreizimmerwohnung ist eng, der Balkon winzig. In einem Blumenkistchen hat sie Kresse und Radieschen gesät. Der Jüngste will spielen, die Älteste macht Aufgaben und die mittlere Tochter hilft der Mutter beim Aufräumen. Zu nahe beisammen sind alle, darum lässt es sich nicht vermeiden, dass bald ein Konflikt ausbricht.

Ich bin nun ganz wach, geniesse das Frühstück. Es fehlt uns an nichts, weil Gabi gut für uns sorgt. Fast von selbst gelangen unsere Lebensmittel vor die Wohnungstüre. Wir haben Zeit. Auch für die Zeitungslektüre. Was früher eine vergnügte Verlängerung des Frühstücksrituals war, lässt uns heute immer wieder besorgt innehalten, einander vorlesen. Die Fallzahlen in Italien und im Tessin nehmen erschreckend zu. Viele Tote – und jetzt wurden die ersten Fälle in Syrien und in den Flüchtlingslagern festgestellt. Dort gibt es keine Seife, geschweige denn Desinfektionsmittel und Distanz halten ist unmöglich. Wir fühlen uns ohnmächtig.

Auf dem gewohnten einsamen Spaziergang entlang unseres Flusses können wir diese Ohnmachtsgefühle für eine Weile vergessen. Sie werden früh genug wieder auftauchen. Doch dieses Frühlingsfest der Natur lässt einfach keine düsteren Gedanken zu! Alles drängt dem Leben zu. Die Knospen der Kirschbäume dick und kaum zu halten. Buschwindröschen und Schlüsselblumen haben ihren grossen Auftritt und die Luft ist von einer seltenen Klarheit. Für einmal sind die Geräusche der Zivilisation verstummt, nur das Plätschern des Wassers, der Ruf