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Alle Wünsche erfüllt – und jetzt?
Daphne ist 31 Jahre alt und hat eigentlich keinen Grund zu klagen. Ein toller Job, der Sommerurlaub mit Betty steht vor der Tür, und es sieht ganz so aus, als hätte sie nach unzähligen Flops in Richard endlich den Richtigen gefunden. Alles ist so, wie sie es sich immer gewünscht hat. Doch während die Vorbereitungen laufen und sich die Reisegruppe beständig vergrößert, beginnt Daphne zu zweifeln. Wenn sie wirklich alles hat, was sie immer wollte, warum fühlt es sich dann nicht so an? Und so startet die Reise im gelben VW-Bus gen Süden. An Bord: drei Freundinnen, viel Männerballast und eine Hochzeitstorte …
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Seitenzahl: 512
Veröffentlichungsjahr: 2013
Das Buch
»Das ist eben irgendwann nicht mehr so wie mit sechzehn. Verknallt sein und so, das ist babyeierleicht. Aber irgendwann geht es in Sachen Liebe ans Eingemachte. Und dann kommen so Fragen auf den Tisch wie ›Verbringen wir unser Leben miteinander, bis wir in der Erde verrotten, oder was?‹ oder ›Kriegen wir jetzt Kinder oder gleich oder nie und wie viele überhaupt?‹. Mehr Druck, weniger Illusionen. Und Schwuppdiwupp ist der Glitzerlack ab. Dann läuft es auch mal scheiße, aber das ist eben Liebe für Erwachsene. Rohe Liebe, die harte Tour.«
Die Autorin
Katarina Fischer wurde 1982 in Hamburg geboren. Nach einigen lehrreichen Jahren in London lebt sie seit 2006 wieder in ihrer Heimatstadt und arbeitet als Buchautorin und freie Fotoredakteurin für verschiedene Magazine. Mehr Infos in dem Blog katarinafischer.blogspot.de und auf ihrer Katarina Fischer-page bei Facebook.
Lieferbare Titel
Liebe geht anders
Jetzt ist bald und nichts ist los
KATARINA FISCHER
Roman
WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN
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Originalausgabe 03/2013
Copyright © 2013 by Katarina Fischer
Copyright © 2013 by Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.
Copyright © des Musiktitels ALRIGHT:
Musik und Text:
Gareth Coombes / Daniel Goffey / Michael Quinn
© 1995 by EMI Music Publishing Ltd.,
Rechte für Deutschland, Österreich, Schweiz:
EMI Music Publishing Germany GmbH
Redaktion: Susann Rehlein
Umschlaggestaltung: Eisele Grafik-Design, München,
unter Verwendung von Abbildungen
© iStockphoto / serggn und © iStockphoto / jut 13
Satz: C. Schaber Datentechnik, Wels
ISBN: 978-3-641-08664-0V002
www.heyne.de
Für Maike
Rise and shine, sister
We are young, we run green, keep our teeth nice and clean,
see our friends, see the sights, feel alright.
We wake up, we go out, smoke a fag, put it out,
see our friends, see the sights, feel alright.
SUPERGRASS
Der Teil mit der Torte
LUCYS MIXTAPE
Dean Martin – That’s Amore
Meine Mutter war eine schöne Braut, wenn auch nicht im herkömmlichen Sinn. Sie trug kein bodenlanges weißes Kleid mit einer Schleppe, die hinter sich eine kleine Schneise der Sauberkeit auf dem staubigen Boden hinterließ (und somit ohnehin nichts weiter war als ein Symbol für die künftigen häuslichen Pflichten). Sie trug keinen Schleier, kein Diadem, keinen Blumenkranz, ihre Wangen glühten nicht vor Aufregung. Stattdessen kräuselten sich, wenn die Sonne, die an diesem Tag im August zur Feier des Tages endlich einmal schien, ihr Gesicht streifte, die Falten um ihre Augen. Ihre Hände, auf denen sie schon zwei kleine Altersflecken mit Make-up hatte kaschieren müssen, fummelten an der breiten Krempe ihres Huts, bis er mehr Schatten warf. Sie hatte ihn passend zu ihrem schlichten blassgrünen Hochzeitskostüm gekauft. Meine Mutter war am Tag ihrer zweiten Hochzeit neunundfünfzig Jahre alt.
»Warum heiratest du nicht in Weiß?«, fragte ich sie vor der Trauung.
»In Weiß? Jetzt wirst du aber albern.« Sie schnalzte ungehalten mit der Zunge. »In meinem Alter …«
»Musst du ja nicht. Grün ist auch schön. Grün ist die Hoffnung …«
Sie unterbrach mich, indem sie eine wegwerfende Bewegung mit der Hand machte. »Kind, darum geht es nicht. Wenn dir nur noch die Hoffnung bleibt, dann ist alles zu spät, merk dir das. Man sollte immer so hohe Erwartungen wie möglich haben.«
Ich nickte und dachte: Sie muss es ja wissen. Lebenserfahrung hatte sie schließlich genug. Ehe-Erfahrung auch. Vor fünfunddreißig Jahren hatte sie meinen Vater geheiratet, vor einundzwanzig Jahren war die Scheidung eingereicht worden. Eigentlich hatte sie nicht vorgehabt, »diesen Zirkus« noch einmal mitzumachen. Aber wenn man irgendwann zufällig doch noch einmal den Richtigen trifft, wäre es dann nicht dumm, sich zu verweigern?
Ich hatte mit den Schultern gezuckt, als sie mich das fragte, obwohl ich eine Antwort parat hatte. Weil man nie wissen kann, deswegen. Aber welchen Sinn hätte dieser Satz zwei Wochen vor der Hochzeit gemacht, wenn die Torte bereits bestellt, der Hotelgarten für die Feier gemietet und die Verwandtschaft aus Amerika so gut wie auf dem Weg zum Flughafen war? Abgesehen davon hatte ich wirklich keine Bedenken, was ihren Zukünftigen betraf. Selbst wenn ich tief in mich hineinhorchte und versuchte, welche zu generieren: Joe war und blieb ein feiner Kerl. Charmant, freundlich, Amerikaner, Archäologe. Ein Robert Redford zum Anfassen, der meine Mutter auf Händen trug. Alles an ihm war ganz wunderbar. Und wenn er sich nicht wie in einem dieser schlechten Thriller, die in den Neunzigern immer auf RTL liefen, innerhalb des ersten Ehejahres als sadistischer Psychopath entpuppte, konnte man wahrscheinlich davon ausgehen, dass meine Mutter das große Los gezogen hatte. Besser spät als nie. Hurra.
Und dieses Hurra war keineswegs ironisch gemeint. Im Gegenteil, es kam von ganzem Herzen. Ich freute mich wirklich für sie. Obwohl es für mich als einunddreißigjährige Frau schon eine seltsame Situation war, Gast auf der Hochzeit meiner eigenen Mutter zu sein, der ZWEITEN, und selbst noch nicht einen einzigen klitzekleinen Antrag erhalten zu haben. Nicht einmal mit vier auf dem Spielplatz. In einem Alter, in dem so etwas ja gern mal passiert, weil Vierjährige weder Skrupel kennen, noch das Wort Konsequenzen fehlerfrei aussprechen können. Eigentlich die besten Voraussetzungen. Aber ich hatte trotzdem kein Glück gehabt. Was für mich irgendwie typisch war.
»You’re a bit late, huh? Two – nil.« Barry, Joes schwitzender, halbglatziger Cousin – die linke Hand zur Faust geballt und an der rechten zwei Finger abgespreizt – zeigte den vorläufigen Endstand im nicht existenten Wettstreit zwischen meiner Mutter und mir um die meisten Eheschließungen an. Barry trug einen blauen Anzug, und wenn er lachte, wabbelte sein Körper darunter. Er wabbelte auch, wenn Barry sich über seine glänzende Stirn wischte. Oder ausatmete. Er wabbelte eigentlich immer. Ähnlichkeiten mit dem Bräutigam waren keine vorhanden. Weder Äußerlich, noch verfügte Barry über den Charme des Mannes an Mutters Seite.
Trotzdem versuchte ich, freundlich zu bleiben. Die neue Verwandtschaft – da musste man nachsichtig sein, sich erst einmal in Ruhe beschnuppern. Wobei ich, was Barry betraf, beschlossen hatte, den Schnupperteil lieber zu überspringen. Aber ein aufgesetztes Lachen, das war drin. »Barry, you are … you are really … truly … ähm … funny.« Zumindest wenn man nicht allzu hohe Ansprüche hatte. Ich räusperte mich.
»That’s cousin Barry for you, little lady.«
»Lovely. Thanks.«
»And I’m telling you: You better get in there fast.« Ein hilfsbereites Zwinkern. »Nobody likes leftovers. Am I right, pumpkin?« Er kniff seine Frau, die neben ihm stand und tatsächlich ein bisschen so aussah wie ein Kürbis (die Proportionen, die Hautfarbe), in ihren Hüftspeck.
Sie kicherte, leerte ihr Sektglas und nickte eifrig. Alles gleichzeitig. »Absolutely!«
Dabei wirkte sie auf mich keineswegs wie eine Frau, die sich ohne guten Grund eine schöne Portion Reste entgehen lassen würde. Eher im Gegenteil.
Ich lachte gezwungen und versuchte dann, ganz unverfänglich das Thema zu wechseln. »So … did you enjoy the ceremony … äh …« Sie war mir zu Beginn des Empfangs vorgestellt worden, aber jetzt kam ich einfach nicht auf ihren Namen. Pat? Hieß sie Pat? »Pat?«
»Shelly«, korrigierte sie mich pikiert.
»Oh … sorry. I have no idea how I could forget that …«
Es war mir wirklich unangenehm, aber all diese Menschen, die ich noch nie vorher gesehen hatte und vor denen ich als Brauttochter eine gute Figur machen musste, überforderten mich. Smalltalk war einfach nicht meine Stärke und mein Namensgedächtnis eine einzige Katastrophe. Ich war ja schon froh, dass ich meinen eigenen nicht ständig vergaß.
»I’m really sorry, Shelly«, entschuldigte ich mich noch einmal und schaute betreten zur Seite, nur um dort, kaum eine Armlänge von mir entfernt, Richard zu entdecken, der sich mit suchendem Blick durch die Menge der Hochzeitsgäste schob. Meine Rettung. Hektisch griff ich nach dem Ärmel seines geliehenen Jacketts und zog daran, als hinge mein Leben davon ab. Er blieb stehen, betrachtete irritiert die Finger, die sich an seinem Arm festkrallten, erkannte, dass es sich dabei um meine handelte, und war darüber offensichtlich äußerst erfreut.
»Daphne! Da bist du ja!«
»Ja! Da bin ich ja! Und du bist auch da! Noch besser … Kennst du schon Barry und Shelly?« Ich sah ihn eindringlich an und hoffte, dass er verstand, was ich damit ausdrücken wollte. Nämlich dass es in Wahrheit kein Vergnügen war, Barry und Shelly zu kennen. Dass ich sie selbst am liebsten nicht hätte kennenlernen müssen. Und für den Fall, dass diese versteckte Botschaft bei Richard nicht eindeutig genug angekommen war, verdeutlichte ich meine verzweifelte Lage, indem ich kaum hörbar »Bring mich hier bitte weg!« irgendwo in der Nähe seines rechten Ohres zischelte. Das war ausreichend.
»Das muss ich auch«, flüsterte er zurück, und legte mir beruhigend eine Hand auf die Taille, »ich hab dich schon überall gesucht. Du wirst hinter den Kulissen gebraucht.«
»Verstehe.« Ich zwinkerte ihm verschwörerisch zu.
Richard flüsterte nicht mehr. »Nein, wirklich. Es gibt da einen kleinen Notfall …«
»Notfall?«
»Oder eher eine Situation …«
Jetzt war ich alarmiert. »Was denn bitte für eine Situation?«
Barry und Shelly hatten bis zu diesem Punkt brav darauf gewartet, Richard vorgestellt zu werden. Jetzt allerdings hielt es Barry einfach nicht mehr aus und ließ seine Hand äußerst dynamisch auf Richard zuschnellen, der nicht anders konnte, als zuzugreifen. »Barry Thomson. Great to meet you. And this is my wife, Shelly.« Sie schüttelte kokett kichernd die frei gewordene Hand, während ihr Mann ihr stolz die Schulter tätschelte und Richard mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtete. »And you are …?«
»Richard.« Er lächelte höflich und erklärte, mein Freund zu sein – »I’m Daphne’s boyfriend« –, woraufhin Barry sich umgehend bei mir für den Reste-Spruch entschuldigte, der mich mit großer Sicherheit härter getroffen hätte, wäre ich wirklich Single gewesen, aber die Diskussion ersparte ich mir lieber. Stattdessen trat ich nervös von einem Fuß auf den anderen, weil ich mir Sorgen wegen dieser ominösen Situation machte.
Richard äußerte sein Bedauern darüber, mich kurz entführen zu müssen. Brauttochterpflichten. Also nicht er, sondern ich, haha. Er bekam noch einen Klaps auf die Schulter und den Segen von Barry mit auf den Weg, dann zog er mich endlich hinter sich her durch das Gewühl des Sektempfangs, weit weg von Cousin Barry und seiner Kürbisfrau. Mein Held. In mehrfacher Hinsicht.
Wäre Richard nicht vor drei Jahren in mein Leben gestolpert und hätte er mich nicht nach einem Jahr voller Hin und Her schließlich doch davon überzeugt, dass wir ein gutes Paar abgaben, hätte mich allein die Tatsache, dass ich die Tochter der Braut war, davor bewahrt, das Hochzeitsdinner am Singletisch einnehmen zu müssen. Dort hätte ich dann neben dem spätpubertierendem Sohn der besten Freundin meiner Mutter gesessen, gegenüber von Lionel, Joes Neffen, der gerade mitten im Informatikstudium steckte und dessen Haut und Haare so blass waren, als wäre er kein Mensch, sondern eines von diesen Insekten, die in absoluter Dunkelheit leben. Und auch die anderen einsamen Herzen boten einen eher traurigen Anblick. Es war fast so, als wäre der Singletisch einzig und allein eingerichtet worden, um den glücklichen Paaren unter den Gästen den deprimierenden Anblick der Übriggebliebenen zu ersparen, damit sie bloß nichts an die düsteren Zeiten erinnerte, die sie selbst hatten überstehen müssen, bevor die Liebe in ihr Leben trat.
Wie sich diese düsteren Zeiten angefühlt hatten, wusste ich nur zu gut. Ich hatte den größten Teil meines Lebens als Single verbracht und hatte diesen Zustand immer unbedingt schnellstmöglich beenden wollen. So unbedingt, dass ich zwangsläufig wieder und wieder an »die Falschen« geraten war. Nie für lang, was aber nicht daran lag, dass ich irgendwann meinen Fehler selbst bemerkt hätte, sondern daran, dass die meisten von ihnen schon nach wenigen Monaten mit mir Schluss machten. Oder nach wenigen Wochen. Oder auch mal Tagen. Das hätte mir zu denken geben können. Wenn ich nicht immer zu beschäftigt damit gewesen wäre, mich wegen jedem dieser unpassenden Exfreunde dem schlimmsten Liebeskummer meines Lebens hinzugeben. Die traurige Bilanz: Die Summe der Monate und Jahre, in denen ich heulend auf dem Sofa lag, während mein Herz in Fetzen hing, übersteigt die Summe der Dauer all meiner »Beziehungen« bei Weitem. Ich habe das mal nachgerechnet. Eine Analyse des griechischen Staatshaushalts hätte nicht deprimierender ausfallen können. Aber, tröstete ich mich, hinterher ist man immer schlauer. Derartig bescheuert werde ich mich in Zukunft nicht mehr verhalten.
Und das hatte ich auch nicht.
Seit drei Jahren existierten in meinem Leben weder unpassende Männer noch Quartalsliebeskummer, nach dem man die Uhr stellen konnte. Ich würde an dieser Stelle gern behaupten, das läge daran, dass ich wirklich schlauer geworden war und meine Lektion endlich gelernt hatte. Die Wahrheit aber war, dass ich das alles Richard zu verdanken hatte. Seinetwegen befand ich mich jetzt in diesem Zustand, von dem ich geglaubt hatte, dass ich ihn niemals erreichen würde. Und ich spreche nicht davon, schwerelos durchs All zu schweben. Ich meine: ich befand mich zum ersten Mal in meinem Leben in einer Langzeitbeziehung.
Ich weiß nicht genau, was ich mir darunter all die Jahre vorgestellt hatte, aber jetzt, da ich diese ominöse Stufe in einer Beziehung erreicht hatte, in der man nicht mehr besonders viel Mühe auf die Auswahl der Unterwäsche verwendete und vor dem Schlafengehen öfter ein Buch las, als sich durch die Laken zu wühlen, war ich etwas ernüchtert. Gleichzeitig war ich mir aber auch darüber im Klaren, dass ich selbst diejenige war, die lieber ein Buch las. Und dass das mit der Unterwäsche allein meine Sache war, weil Richard, solange ich ihn kannte, immer nur diese bequemen Boxershorts trug und ich es äußerst befremdlich gefunden hätte, ihn plötzlich im Herrentanga zu sehen. Genauer gesagt wäre das nicht nur befremdlich. Es wäre verstörend.
Und letztendlich ging es ja auch nicht um das, was man drunter trug, sondern um das, was die Beziehung ausmachte (und wenn das Unterhosen waren, dann herzliches Beileid). In Richards und meinem Fall war das vor allem die Tatsache, dass wir immer eine schöne Zeit miteinander hatten. Egal, ob wir bei seiner Tante Doris in der Kneipe für den weiteren Abend vorglühten, einen romantischen Herbstspaziergang im Jenischpark machten oder bei IKEA seit zwei Stunden in der Kassenschlange warteten: Wir hatten immer Spaß. Richard wusste genau, wie er meinen Nacken kraulen musste, damit ich vor Gänsehaut zerfloss. Und ich wusste, wie ich ihn zum Lachen bringen konnte, selbst wenn er den schlimmsten Tag seines Lebens hinter sich hatte, nämlich indem ich ihm »I Wanna Riot« von Rancid vorsang und dazu tanzte – wer es nie probiert hat, weiß nicht, was das bedeutet.
Es herrschte Friede, Freude, Eierkuchen. Aber dann waren wir vor anderthalb Jahren zusammengezogen. Und alles wurde anders.
Denn ungefähr zur gleichen Zeit beförderten sie Richard innerhalb der kleinen Plattenfirma, für die er arbeitete. Dafür bekam er zwanzig Euro mehr Gehalt im Monat und war doppelt so viel unterwegs wie vorher. Wir sahen uns immer seltener, und das, obwohl wir uns jetzt eine Wohnung teilten, und wenn wir uns zufällig mal in der Küche oder im Schlafzimmer trafen, war Richard müde, sehr, sehr müde. Ich versuchte noch ein paarmal den alten Trick, aber nein, Rancid hatte ihren Zauber verloren. Und weil Richard neuerdings selbst für Nackenkraulen zu müde war, konnte mich umgekehrt auch kein Nackenkraulen mit der Tatsache versöhnen, dass sich mit der Langzeitbeziehung noch etwas anderes Neues in mein Leben geschlichen hatte, mit dem ich absolut nicht gerechnet hatte: Alltagsfrust.
Richard hatte zwar keine Zeit, sich um den Abwasch zu kümmern, aber genug Zeit, dreckige Teller und Tassen zu produzieren, die ich dann abwaschen durfte. Ich kümmerte mich um seine Wäsche, erledigte die Einkäufe und war von dieser Hausfrauenzwangsverpflichtung derartig genervt, dass ich irgendwann absichtlich vergaß, den Joghurt zu kaufen, den er so gern aß. Falls er meine kleine Revolte bemerkt hatte, war er zu gestresst, um sie anzusprechen. Ich bekam keine Reaktion, nicht einmal eine klitzekleine, und schlief vor dem Fernseher ein, während ich mal wieder freitagabends darauf wartete, dass er von der Arbeit nach Hause kam und wir ausgehen und unsere Freunde treffen konnten.
Wie eine komische Hautveränderung betrachtete ich die Situation erst mit Sorge, dann ängstlich, und schließlich kotzte mich das alles bloß noch an. Allein abwaschen statt gemeinsam kochen, Serienmarathon mit mir selbst, statt romantischer Kinobesuche zu zweit, und vor dem Einschlafen las ich jetzt Bücher, statt mich an meinen Freund zu schmiegen. Und mit den Renovierungsarbeiten in unserem gemeinsamen Zuhause ging es auch nicht voran. Jetzt hatte ich also meinen Traummann, der witzig war, lieb, schlau und obendrein auch noch schön (Bingo!) – und dann war er nie da. Und wenn er da war, schlief er.
Mein Ärger darüber verwandelte unsere Beziehung in ein Minenfeld. Richards schlechtes Gewissen tat sein Übriges. Wir befanden uns plötzlich in einer Schieflage, mit der jeder auf seine Weise umging. Richard versuchte, das Problem zu ignorieren. Ich ging bei jeder noch so kleinen Gelegenheit in die Luft. So war es jetzt. Und das war schlimm.
Oft genug stellte ich mir die Frage, wie lange ich das alles noch mitmachen wollte. Die Antwort war: Eigentlich hab ich jetzt schon keine Lust mehr. Dabei wünschte ich mir nichts mehr, als dass auf irgendeine wunderbare Art alles wieder in Ordnung kam, so wurde wie früher. Denn bei all den Nerven, die mich diese Beziehung in letzter Zeit kostete, war ich mir einer Sache zu hundert Prozent sicher: Ich liebte Richard. Und ich wollte mit ihm zusammen sein.
Darauf kam es doch schließlich an. Das war das, was zählte, was mir Kraft und Hoffnung gab. Und wenn ich mich an dieser Hoffnung festhielt, würde alles wieder gut werden. Vielleicht. Mit Glück. Besser schnell auf Holz geklopft.
»Daphne? Was machst du da?«
Ich hielt in der Bewegung inne – meine Faust schwebte wenige Zentimeter über der Tischplatte, neben der ich stand – und sah meinen Freund ertappt an. »Ich klopfe auf Holz?«
»Warum?«
Schulterzucken. »Kann ja nicht schaden?«
Richard schüttelte den Kopf, griff nach meinem Handgelenk und zog mich durch die Schwingtür, die in den Servicebereich führte. Hochzeits-Backstage sozusagen. Hier hatten nur Eingeweihte Zutritt: Brauttöchter, ihre Freunde und Kellner in weißen Hemden, die Tabletts mit Sektflöten balancierten. Soweit ich die Situation überblicken konnte, lief alles nach Plan. Hinten in der Küche klapperte Geschirr, Fett zischte, und etwas abseits stand sie und wartete auf ihren großen Auftritt: die vierstöckige Hochzeitstorte, verziert mit kleinen Zuckerröschen, Sahneschnörkeln und den Abdrücken kleiner Hände in der Marzipandecke auf dem unteren Ring dieses Traums in Pistazie.
»O Gott! Bitte sag, dass das keine …« Handabdrücke? Die hatte meine Mutter nicht bestellt, ganz sicher nicht. Sie schätzte keine Handabdrücke auf ihrer Hochzeitstorte. Wenn ich aber geglaubt hatte, dass es sich dabei schon um das größte Problem handelte, wurde ich umgehend eines Besseren belehrt. Denn viel schwerer wog die Tatsache, dass auf der Rückseite desselben Tortenstockwerks ein tennisballgroßes Stück herausgebrochen war. Hier war etwas Unvorhergesehenes passiert. Etwas, das die Laune der Braut nicht nur trüben, sondern ruinieren würde. Zischend zog ich die Luft durch die Zähne. »Scheiße …«
»Es tut mir wirklich leid, Schätzelein. Aber ich möchte betonen: Es ist nur eine Torte.« Ich bemerkte Betty erst jetzt, weil sie versteckt in der Nische neben der Tür gehockt hatte, zwischen ihren Knien ihr zweijähriger Sohn Max, der sich wand und wehrte, während sie ihm die klebrigen Hände mit einem Taschentuch sauber machte. Sie trug ein buntes, bodenlanges Sommerkleid und hatte ihre Dreads zu einem kunstvollen Gebilde auf dem Kopf aufgetürmt und mit Blumen geschmückt. Max hatte sie zur Feier des Tages ein hellblaues Hemd angezogen, das jetzt deutliche Flecken von grünem Marzipan und Cremefüllung aufwies.
»Nur eine Torte?« Ich spürte die Panik in mir hochsteigen. »Erzähl das mal meiner Mutter!« Sie hatte Wochen damit zugebracht, sich für ein Dekor zu entscheiden, für die Farbe des Marzipans (wie der Hut passend zu ihrem Kleid), die Größe der Zuckerblümchen, die Anzahl der Stockwerke (vier!), und wie genau das kleine Brautpaar auf der Spitze der Torte aussehen sollte. Wie viele Gedanken in dieses Backwerk investiert worden waren, davon konnte sich ein Außenstehender keine Vorstellung machen. Und ganz sicher wusste ein umtriebiger Zweijähriger nichts davon.
»Und jetzt?«, fragte Richard. Ein Mann eben. Lösungsorientiert.
Betty erhob sich und gesellte sich zu uns an den Tatort. »Wenn man sie richtig dreht, fällt es vielleicht niemandem auf.«
Ich sah sie fassungslos an. »Du glaubst nicht wirklich, dass das klappt, oder? Nicht wirklich.«
»Das wissen wir erst, wenn wir es probieren.«
»Wir werden es aber nicht probieren. Nicht bevor ich mich nicht ins Ausland abgesetzt und mir eine neue Identität zugelegt habe.«
»Serviette drüberlegen?« Bereit zum Einsatz, wedelte Richard mit einem hellgrünen Stück Zellulose.
Ich schüttelte den Kopf. »Das wird aus so vielen verschiedenen Gründen nicht funktionieren, dass es sich gar nicht lohnt, sie aufzuzählen.«
»Und wenn ich die Serviette erst in Form schneide?«
Ich verstand einfach nicht, wie Richard jetzt Witze machen konnte. Eine zermatschte Hochzeitstorte. Das war Super-GAU Nummer 3. Gleich nach »Vor dem Altar stehen gelassen« und »Brautkleid zu klein / kaputt / mit Rotwein bekleckert«. All das war nicht passiert. Es war bis hierher einfach alles zu gut gelaufen. Ich hätte dem Frieden nicht trauen dürfen. »Wir müssen den Schaden kaschieren.«
»Sag ich doch.« Die Serviette wurde mir erneut vor die Nase gehalten. Max kicherte vergnügt.
»Nein, nicht so!« Langsam kam ich wirklich ins Schwitzen. Die Braut würde ausrasten.
»Wie wäre es denn«, Betty tippte sich nachdenklich mit dem Zeigefinger an die Unterlippe, »wenn wir die Torte verschwinden lassen?«
»Brillante Idee«, antwortete ich trocken. »Das wird meiner Mutter sicher nicht auffallen.«
»Na, ich mein doch nicht das ganze Ding, Schätzelein. Nur den unteren Teil. Den mit der Lücke …«
Ich war skeptisch. »Sie hat eine vierstöckige Torte bestellt, das weiß sie ganz genau. Sie wird es merken. Besonders heute, da sind ihre Sinne extrem geschärft. Ihr könnt das nicht wissen, ihr musstet sie nicht die letzten sechs Wochen ertragen. Aber ich weiß es. Sie ist eine Hochzeitsmaschine, ein Monster …« Ich merkte, dass ich Gefahr lief zu hyperventilieren. Ich versuchte, mich zu beruhigen, die amüsierten Gesichter meiner sogenannten Freunde zu ignorieren, mich aufs Wesentliche zu konzentrieren. »Wenn das untere Stockwerk fehlt, rastet sie aus, dann kann ich für nichts mehr garantieren.«
»Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert.« Betty zuckte mit den Schultern. »Du hast ja auch keine bessere Idee.«
Ich fand, dass das Wort »Versuch« zu harmlos klang. Wenn dieser Plan misslang, würde es keine weiteren Versuche geben. Dann würde sich die pistaziengrüne Braut in den unglaublichen Hulk verwandeln und uns allen die Köpfe abreißen. Uns drei Erwachsenen zumindest, das Kind würde sie vermutlich verschonen. Allerdings war es leider so, ich hatte tatsächlich keine bessere Idee, wie dieses Problem zu lösen war. Außer der Beschaffung einer neuen Torte vielleicht, aber die würden wir so schnell nicht auftreiben können. Erschöpft strich ich mir eine Haarsträhne aus der Stirn und gab mich geschlagen. »Okay. Dann machen wir es so.«
»Und wohin damit?« Richard hatte bereits das Jackett ausgezogen und war dabei, die Ärmel seines Hemds hochzukrempeln. Ein Mann eben. Bereit zu tun, was getan werden musste.
»Ich bin mit Mos Auto da«, erklärte Betty. »Wir können die Torte erst mal im Kofferraum lagern.«
»Und dann?« Die Frage bezog sich sowohl auf die Torte als auch auf den Moment, in dem meiner Mutter auffallen würde, dass ein Stockwerk fehlte. Vielleicht sollte ich stümperhaft einen orientalischen Fächertanz aufführen, um sie abzulenken. Wie in einem alten Agentenfilm.
»Und dann?« Mit einem leisen Ächzen hob Betty Max vom Boden hoch und setzte ihn sich auf die Hüfte. »Essen wir das Biest auf. Oder verteilen es an bedürftige Menschen. Da draußen gibt es so viele Leute, die nichts zu essen haben, und wir stehen hier mit einer vierstöckigen Marzipantorte. Das ist doch der Gipfel der Dekadenz. Voll peinlich.«
Sie schaffte es wirklich, dass ich mich schämte, sie hatte dieses Talent.
»Und wie machen wir’s nun?«, fragte Richard.
Irgendwie. Mit Biegen und Brechen.
Joe hielt eine wirklich charmante Rede und währenddessen ununterbrochen die Hand meiner Mutter, was ich übertrieben und reizend zugleich fand. Das Essen war köstlich, ein Drei-Gänge-Menü, eigentlich vier Gänge, wobei der vierte und letzte das Dessert sein würde, die Torte. Ängstlich behielt ich die Schwingtür zum Küchenbereich im Auge, durch die das gute Stück zum großen Finale hereingebracht werden würde. Alle Gäste hatten Wunderkerzen neben ihren Tellern, die sie entzünden sollten, wenn das Meisterwerk aus Zucker und Sahne in den Festsaal geschoben wurde. Ich stellte mir das entgeisterte Gesicht meiner Mutter im flackernden Schein der kleinen Feuerwerke vor. Es würde schrecklich werden.
Hektisch schob ich mir noch ein Stück von dem butterzarten Rinderfilet in den Mund, meine Henkersmahlzeit. Sie würde mich enterben. Schlimmer: Sie würde mich an den Singletisch verbannen.
»Musst du mal, oder was?«, fragte Betty von der Seite. Sie durfte, wie Richard auch, mit mir am Familientisch sitzen. Sie auch einzuladen, war ein netter Zug von meiner Mutter gewesen.
»Nein, wieso?«, flüsterte ich. Keine Ahnung, warum ich flüsterte. Weil wir Komplizen waren. Deswegen wahrscheinlich.
»Weil du auf deinem Stuhl herumrutschst, als ob du es nicht mehr lange halten kannst.«
»Ich bin nervös.«
»Wegen der Torte?«
»Natürlich wegen der Torte«, antwortete ich leicht gereizt. Was sollte denn bitte sonst das Problem sein? Dass die Prinzessbohnen nicht alle auf gleiche Länge geschnitten waren? Wobei … Wie ging es meiner Mutter wohl damit?
»Entspann dich, Schätzelein. Alles unter Kontrolle.« Betty nickte an mir vorbei zu Richard hin, der links von mir und über Eck neben meiner Mutter saß. »Dein Freund regelt das schon.«
Ich warf ihm einen verstohlenen Blick zu und registrierte, dass er das Weißweinglas der Braut großzügig befüllte. »Ihr macht sie betrunken? Habt ihr sie noch alle?!« Dieses Mal flüsterte ich aus gutem Grund.
»Wir machen sie nicht betrunken, wir helfen ihr nur dabei, ein bisschen Spaß an der Sache zu haben. Du hast doch selbst gesagt, ihre Sinne sind extrem geschärft … Wie soll sie denn so die Party genießen?« Ich wollte etwas erwidern, aber Betty fuhr mir über den offenen Mund. »Das ist schließlich ihre zweite Hochzeit. Da kann sie die Dinge ruhig mal ein bisschen lockerer angehen. Außerdem ist der Wein im Preis für das alles hier inbegriffen, wusstest du das?«
»Ja«, antwortete ich tonlos. »Ich hab das alles hier organisiert, wie du weißt.«
Sie genehmigte sich einen großzügigen Schluck aus ihrem Glas – »Einfach fantastisch!« – und ich mir dann auch. Bei dieser Veranstaltung handelte es sich schließlich um eine Hochzeit und keine Verkehrskontrolle.
Betty schluckte und unterdrückte ein Rülpsen. »Ich hatte übrigens gerade einen großartigen Einfall.«
»Noch einen?«
»Freut mich, dass du inzwischen, was das Tortenstück betrifft, mit mir auf einer Linie bist.«
»Das war kein Stück, das war ein Stockwerk. Und das war sarkastisch gemeint.«
»Sarkasmus ist schlecht für den Täng, Schätzelein.« Sie wischte ganz nebenbei ihrem Sohn die Bratensoße aus dem Gesicht und fuhr unbeirrt fort. »So eine Torte ist der ideale Proviant für unsere Reise. Sobald ich zu Hause bin, zerteil ich das Ding und frier die Portionen ein. Dann sind wir komplett unabhängig von diesen überteuerten Autobahnraststätten.«
»Wir werden so fett sein, dass uns unsere Bikinis nicht mehr passen.«
»Herrlich, nicht? Wie wir dann fett und nackt in der Sonne brutzeln werden. Wie zwei Bratwürste.«
Es gab unterschiedliche Gründe dafür, warum weder Betty noch ich in den letzten zwei Jahren in den Urlaub gefahren waren. In Bettys Fall lag es an ihrem Kind. In meinem war zu einem kleinen Teil mein Job schuld, zum größten Teil aber war der Grund, dass es für meinen Freund offensichtlich unmöglich war, sich für eine oder zwei Wochen aus den Fängen seiner Arbeit zu befreien und mit mir zu verreisen. Da ich das aber unbedingt wollte, mit Richard gemeinsam Urlaub machen, blieb ich, genau wie Betty, in Hamburg, wo die letzten beiden und auch der laufende Sommer allerhöchstens die Bezeichnung »schlechter Witz« verdient hatten, und wir beide aufgrund des ständigen Vitamin-D-Mangels ernsthaft befürchten mussten, entweder eine schlimme Knochenkrankheit oder eine handfeste Depression zu entwickeln. Sonne, Strand und der Soundtrack von Wellenrauschen waren das, was unsere verregneten Ichs brauchten. Also beschlossen wir das Naheliegende: Wir würden Urlaub machen. Gemeinsam. Seltsam, dass keine von uns schon früher auf die Idee gekommen war. Immerhin waren wir jetzt schon seit zwölf Jahren Freundinnen und hatten ansonsten so ziemlich alles miteinander erlebt. Von alkoholgeschwängerten Kieznächten an den Kickertischen oder Tresen dieser Stadt, an denen Betty bediente und ich konsumierte, über Höhen und Tiefen in unser beider Liebesleben bis hin zur Geburt von Max vor zwei Jahren – Betty und ich kannten einander in so gut wie jeder Lebenslage. Aber gemeinsam das Land verlassen hatten wir noch nie.
Aber lieber spät als nie, lautet das Motto, und jetzt waren wir beide voller Vorfreude und davon überzeugt, dass dieser gemeinsame Urlaub die beste Idee aller Zeiten war. Nach Monaten pausenlosen Schuftens als Geschäftsführerin in Schimanskis Antiquitätenladen hatte ich mir endlich ein paar Wochen freischaufeln können und mich, auch wenn es mir schwerfiel, von dem Gedanken eines romantischen Pärchenurlaubs mit meinem Freund verabschiedet. Betty war ohnehin zum Zwecke der Vater-Sohn-Beziehungs-Vertiefung verpflichtet, Max mit seinem Vater Mo und den Großeltern für einen Monat in die Sommerfrische an die Nordsee zu entlassen. Sie fürchtete den Trennungsschmerz und war froh, die Wochen nicht zu Hause verbringen zu müssen, wo sie zweifellos die meiste Zeit in Max’ Zimmer gesessen und heulend mit seiner Duplo-Eisenbahn gespielt hätte. Noch vor drei Jahren war eine sturmfreie Bude für sie kein Grund zum Weinen gewesen, aber die Zeiten änderten sich. Wir wurden älter. Manche von uns wurden Mütter, manche fetter … Irgendwie war es für mich dieses Mal nicht so einfach wie sonst gewesen, einen schönen, schmeichelhaften Bikini für diese Reise zu finden. Und jetzt, da ich endlich einen gefunden und gekauft hatte, hatte ich nicht vor, nur um Beweismittel verschwinden zu lassen, so viel Torte in mich hineinzustopfen, bis mir diese mühsam ausgewählten Quadratzentimeter Stoff nicht mehr passten.
Der Urlaub selbst stand unter der Überschrift: Der Weg ist das Ziel. Wir wollten ganz entspannt reisen, uns nicht nach Flugplänen richten und Hotels suchen müssen. Wir waren im Alltag schon genug im Stress. Dem wollten wir entfliehen. Und wenn es eine Person gab, die wusste, wie man komplett stressfrei durchs Leben kam, dann war es Sky, seines Zeichens Freigeist, Erbe eines Schwammimperiums, Freund und ehemaliger Mitbewohner von Richard, jetzt unser Vermieter und stolzer Besitzer eines postgelb leuchtenden VW-Busses, mit dem er die Welt bereiste. Um Erleuchtung zu finden. Und um mehrere Wochen am Stück mit Gleichgesinnten an einem schönen Strand abzuhängen, zu kiffen und zu philosophieren. War das dann schon die Erleuchtung? Nicht einmal Sky wusste es so genau. Sicher aber war, dass Stress in keiner Weise Teil seines Lebensstils war. Und da er ein guter Freund war und ohnehin der Meinung, dass Betty und ich uns mal ein bisschen lockermachen sollten, sagte er sofort Ja, als ich ihn bat, uns seinen Bus für ein paar Wochen zu leihen.
»Wir wollen auch gar nicht so weit weg. Und nur drei Wochen.«
»Daphne, fahrt so weit ihr wollt und bleibt so lang wie nötig. Hauptsache, du kommst ohne diesen verbissenen Gesichtsausdruck zurück.«
»Verbissener Gesichtsausdruck?«
»Sag bloß, das ist dir noch nicht aufgefallen. Die ganze Verbitterung einer geschiedenen Vierzigjährigen, wie eine Leuchtreklame. Bäm!«
Dabei war ich gar nicht vierzig. Oder geschieden. Wie gesagt, ich hatte es bisher ja nicht einmal geschafft zu heiraten. Möglichst unauffällig, aber doch leicht panisch, hatte ich mein Gesicht befühlt und versucht, mich in der Scheibe des Küchenfensters zu spiegeln. »Das kann nicht sein. Ich bin Anfang dreißig!«
»Nur eine Zahl.« Sky legte mir tröstend einen Arm um die Schulter. »Manche von uns holt das Alter weit vor ihrer Zeit ein. Wenn man nicht geschmeidig bleibt, kann das schnell passieren.«
»Das ist das Niederschmetterndste, was ich seit Langem gehört habe.«
Er nickte mitleidig und schlürfte an seinem Yogi Tee. »Hast du eigentlich so eine Beißschiene?«
»Eine was?«
»Ich wette, du knirschst nachts mit den Zähnen …«
Klar hatte ich in letzter Zeit vermehrt im Schlaf mit den Zähnen geknirscht, schließlich schlug ich mich mehr schlecht als recht mit der Heiligen Dreifaltigkeit der Extrembelastungen herum: Führungsposition, Alltagsfrust, Hochzeit. Und auch wenn es nicht meine eigene Hochzeit war … Ich steckte so tief in der Organisation drin, dass es mir irgendwann so vorkam, als wäre sie es. Das ging sogar so weit, dass ich in der Nacht vor dem großen Tag nicht einschlafen konnte, weil ich mir plötzlich nicht mehr sicher war, ob Joe mein Kleid gefallen würde. Und weil ich mich fragte, was ich tun sollte, falls der Ring nicht passte, die amerikanische Verwandtschaft sich nicht wohlfühlte, oder falls der Bräutigam nicht »Ja« sagte. Sondern »Nein«. In meinem Kopf herrschte ein einziges großes Chaos aus Katastrophen-Szenarien. Und ich fragte mich, ob meine in Hochzeitsdingen viel erfahrenere Mutter sich auch so verrückt machte.
»Hübsches Kleid«, rief Richard mir hinterher, als ich in der knielangen hellblauen Kreation irgendeines Italieners am Morgen der Trauung an der Küche vorbeistürmte, die Haare noch nass und sieben Minuten hinterm Zeitplan. Das war vor zehn Stunden gewesen. Mir kam es vor, als wären inzwischen zwei Tage vergangen.
Er hatte es aufmunternd gemeint, das wusste ich, aber dafür hatte ich keinen Sinn. »Keine Zeit!«, motzte ich ihn über die Schulter an, und wich nur knapp den Farbeimern aus, die entlang der Wand gestapelt standen und darauf warteten, wieder in den Gestaltungsprozess unserer Wohnung eingebunden zu werden. Seit vier Monaten wohlgemerkt. Und knapp, das war Anlass genug, um meine ganze extreme Anspannung zu einem Strahl extrem schlechter Energie zu bündeln und diesen in Richtung meines Freundes zu entladen: »Warum stehen die Scheißfarbeimer immer noch in dem Scheißflur? Wenn ich jetzt auch nur den kleinsten beschissenen Farbfleck auf meinem Kleid hab, dann weiß ich nicht, was ich tu, Richard, dann raste ich aus. Das war arschteuer!«
Wie gesagt, in letzter Zeit ging ich bei jeder Kleinigkeit in die Luft.
Richard, dessen wahrscheinlich beste Eigenschaft es war, sich von meinen Wutausbrüchen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, erschien in der Küchentür, die Krawatte noch immer nicht gebunden, das Haar nach wie vor zerzaust, und sagte mit seiner sanften Daphne-Flüsterer-Stimme: »Ich mach’s gleich morgen, Baby, okay? Du siehst toll aus.«
Leider war Richards so ziemlich schlechteste Eigenschaft, dass er sich von meinen Wutausbrüchen nicht aus der Ruhe bringen ließ. Wenn ich wirklich wütend war, machte mich das noch wütender. Und an diesem Morgen vor der Hochzeit meiner Mutter wusste ich einfach nicht mehr, wohin. Also trat ich gegen einen Farbeimer.
»Ist das eigentlich Farbe auf deinem Kleid?«, fragte Betty und zeigte auf das Grüppchen kleiner grauer Kleckse in der Nähe des Saums. Die Farbe gehörte eigentlich an die Küchenwand.
Richard warf mir einen Blick zu.
»Ja. Ist es.« Ich wischte ein paar Krümel von dem leeren Tischtuch vor mir. Gleich war das Dessert dran. »Ist hochgespritzt.«
»Hochgespritzt?« Betty zog die Augenbrauen hoch. »Aber wie …«
»Frag nicht.«
Sie kam ohnehin nicht mehr dazu, weil Joe sich in just diesem Moment von seinem Platz erhob und für Ruhe unter den fast hundert Gästen sorgte, indem er sich räusperte und mit seiner Kuchengabel gegen ein Glas schlug. Die Geräuschkulisse aus Gesprächen und Besteckklappern ebbte ab, der Bräutigam legte seine Utensilien beiseite und eine stolze Hand auf die Schulter seiner kichernden Braut. Der Wein schien zu wirken.
»Liebe Gäste«, verkündete Joe, »Ladies and Gentlemen! Und nun das große Finale, der Höhepunkt dieses unvergesslichen Dinners.« Sein amerikanischer Akzent ließ die kleine Ansprache klingen wie die Eröffnung eines Boxkampfes. Er machte eine ausladende Bewegung zur Servicetür, was den Eindruck noch verstärkte. Es fehlten lediglich die Nummerngirls. Oder zumindest der Gong zur ersten Runde. »We proudly present: the cake!«
Die Schwingtür öffnete sich, und unter Ahs und Ohs von allen Seiten schoben zwei Kellner die Torte in den Saal. Wunderkerzen wurden planmäßig entzündet, und ein kleiner Applaus brandete auf, als Joe meine Mutter galant zum Aufstehen aufforderte und sie zu dem Meisterwerk aus Marzipan und Buttercreme führte. Es war filmreif. Perfekt. So perfekt, dass ich mir wünschte, auch irgendwann einen Amerikaner zu heiraten mit angeborenem Sinn für Inszenierung. Ich klatschte mir die Hände wund und schob den Gedanken beiseite, ich hatte ja Richard. Der war auch nicht schlecht. Auch wenn er unpassenderweise just in diesem Moment lieber sein Weinglas in einem Zug leerte und sich großzügig nachschenkte, anstatt wie alle anderen hingerissen und gerührt zu sein. Er bemerkte meinen Blick und zwinkerte mir zu, als wäre nichts. Nein, Richard war kein Amerikaner. Und wenn er einer gewesen wäre, dann eine deutlich andere Kategorie als Robert-Redford-Joe. Ich seufzte leise.
Max wand sich auf Bettys Schoß, streckte einen kleinen, feuchten Zeigefinger Richtung Torte aus und schrie wiederholt »Da! Dadadadada!«. Ich hatte schon Angst, dass er uns damit alle verraten würde, aber meine Mutter und Joe schnitten glücklich und gemeinsam die trotz allem enorme Torte an, und wenn ihnen eine Unregelmäßigkeit aufgefallen war, so ließen sie sich ihre Irritation zumindest nicht anmerken. Ein Kellner kam ihnen zu Hilfe, schnitt und verteilte Tortenstücke auf Teller, die sich die Gäste bei dem Brautpaar abholten und bei dieser Gelegenheit mal wieder Komplimente und Glückwünsche loswurden. Als hätte es davon an diesem Tag nicht bereits genug für ein Leben gegeben.
Ich drückte mich so lange wie möglich davor, mir mein Stück vom Kuchen abzuholen. Wenn man es genau nahm, hatte ich ja bereits mehr bekommen, als mir zustand. Aber meine Mutter entdeckte mich im Gewimmel, rief meinen Namen und winkte mich zu sich. Und gegen den Willen der Braut kann und darf sich niemand wehren.
»Daphne!« Sie nahm mich in die Arme und drückte mir einen Kuss mit Weißwein-Aroma auf die Wange. »Mein Kind!«
»Ja, das bin ich. Dein Kind.« Ich lachte nervös und versuchte, in ihrem oder Joes Gesicht zu lesen, ob sie bezüglich der Torte etwas bemerkt hatten. Aber Joe war gerade damit beschäftigt, einer sehr blonden Frau mit sehr glattem Gesicht zuzuhören, die mit affektierter, sich überschlagender Stimme aufzählte, was an diesem Tag alles »amazing« gewesen war. Und meine Mutter hatte offensichtlich Schwierigkeiten damit, geradeaus zu gucken. Nichtsdestotrotz erkannte sie Richard, der sich zu mir gesellt hatte.
»Richard!« Sie umarmte und küsste auch ihn. »Mein Schwiegersohn!«
Richard lachte.
Ich nicht. Ich war stocksteif. »Na, nicht ganz, erst müsste man ja heir…«
Meine Mutter legte jedem von uns eine Hand auf die Wange und drückte unsere Köpfe aneinander. Sie hatte den melancholischen Tonfall einer Angetrunkenen. »Lasst mich nicht zu lange warten, hört ihr? Ich kann es kaum erwarten, meine Daphne als Braut zu sehen.«
»Exactly!«, schaltete sich Joe ein, der die Blondine inzwischen losgeworden war. »When are you going to propose, buddy?«
Ich zwang mich mit Mühe zu einem Lächeln. Irgendwie kam es mir nicht richtig vor, übers Heiraten zu reden, wenn die Dinge zwischen mir und Richard gerade alles andere als rund liefen. Wovon weder meine Mutter noch Joe wussten, aber trotzdem … Und dann zog mich Richard plötzlich an sich, drückte mir demonstrativ einen Kuss auf den Mund und machte meine entrückt dreinblickende Mutter sehr glücklich, als er Joe einen Klaps auf die bald schwiegerväterliche Schulter gab und sagte: »Soon. Soon enough.«
Der Teil, in dem aus zwei drei werden
BETTYS MIXTAPE
The Specials – You’re Wondering Now
Ich lag im Bett und brütete. Es war fast fünf Uhr morgens. Mein Kopf dröhnte vom Alkohol und der lauten Musik, von meinen Pflichten als Hochzeitsplanerin und wahrscheinlich auch, weil der Stress nachließ, nachdem alles, was schiefgegangen war, von meiner Mutter entweder nicht bemerkt oder ignoriert worden war. Wie ihr allerdings hatte entgehen können, dass ein ganzes Stockwerk Torte gefehlt hatte, wollte mir einfach nicht in den Kopf. Ein ganzes Stockwerk!
Ich brachte die Plastikbeißschiene mithilfe meiner Zunge in Position, konzentrierte mich auf die Leiter und die halb abgerissene Tapete in der Ecke neben dem Fenster und versuchte, jegliche Gedanken an Torte fürs Erste weit von mir zu schieben. Weit, weit weg.
»Sie haben nichts gemerkt. Gar nichts.« Richard ließ sich mit Schwung neben mir ins Bett fallen. Sein Atem roch trotz Zähneputzen nach Alkohol. »Eine ganze Etage fehlt, und keiner sagt etwas. Besser hätte es nicht laufen …«
»Können wir über was anderes reden?«, fuhr ich ihm über den Mund. Das war hart und tat mir im selben Moment leid. »Oder vielleicht gar nicht reden?«, fügte ich etwas sanfter hinzu. »Ich bin müde. Ich hab Kopfschmerzen.«
Richard schaltete das Licht aus und atmete im Halbdunkel hörbar aus. »Du hast oft Kopfschmerzen in letzter Zeit. Geh doch mal zum Arzt.«
Vielleicht war es nur eine Feststellung. Ziemlich sicher war es das. Aber in meinen Ohren, in meinem übellaunigen Kopf, klang es wie ein Vorwurf. Mal ganz abgesehen davon, dass ich es hasste, wenn jemand dachte, mir sagen zu müssen, was ich zu tun hatte, vor allem wenn dieser Jemand Richard war: Wann hatte er denn mal etwas getan, worum ich ihn gebeten hatte. Gebeten. Mit »bitte« und allem. Nicht der unverschämte Imperativ, den er benutzte.
Ich nahm das Stück Plastik wieder aus meinem Mund, damit ich besser reden konnte. »Die Leiter steht da auch schon seit Wochen.«
»Ja«, antwortete er knapp. Das Thema kannte er. Darauf hatte er so wenig Lust wie ich.
»Wann machen wir das fertig?«
»Wenn ich dazu komme.«
»Und wann wird das sein?«
Ich hörte und merkte, wie er sich umdrehte. Von mir weg. »Morgen?«
»Morgen.« Ich lachte bitter. »Du stehst doch nie im Leben vor drei auf. Und dann hast du einen Kater.«
»Du doch auch, Daphne.«
»Aber ich versetze dich nicht ständig wegen irgendwelcher ›spontanen‹ Termine, weil ich eigentlich gar keinen Bock darauf habe, die Wohnung fertig zu machen.« Ich hielt den Atem an und wartete, wie er auf diese Unterstellung reagieren würde.
Er nahm sich seine Zeit, und als er antwortete, tat er das in einem erstaunlich ruhigen, aber auch merklich genervten Tonfall. »Ich bin unseretwegen aus New York zurückgekommen und hab dich gebeten, bei mir einzuziehen. Natürlich hab ich darauf Bock, die Wohnung mit dir zu renovieren. Aber mein Job ist eben sehr … arbeitsintensiv.« Ich prustete. Er seufzte. »Dafür sehen wir uns jetzt öfter als damals, als ich noch in Amerika gelebt habe.«
»Kaum«, giftete ich, den Blick an die Zimmerdecke geheftet. »Und ich lebe auf einer Baustelle. Vielen Dank auch.«
Richard seufzte. »Wenn es dich so nervt, dann renovier doch allein.«
»Nein!« Wutschnaubend setzte ich mich im Bett auf. »Das ist unsere Wohnung, und die renovieren wir zusammen. Ich meine, wenn du nicht einmal dafür Zeit findest …« Achtung, der finale Schlag: »… dann ist ja wohl klar, was dir unsere Beziehung bedeutet. Gar nichts nämlich.«
Das hatte ich so eigentlich nicht sagen wollen. Das hatte ich nicht einmal so gemeint. Ich hatte den Satz im Kopf gebildet und mir selbst befohlen: Was auch immer du jetzt sagst, das sagst du nicht. Aber der Imperativ, wie gesagt, funktionierte bei mir einfach nicht. Leider. Denn jetzt lagen wir hier und stritten uns wegen Kleinigkeiten. Um fünf Uhr früh. Im grauen Morgenlicht. Streiten war das Erste, was wir am neuen Tag taten, die letzte Handlung vor dem Einschlafen. Grundloses Aufeinandereinhacken. Und ich hatte angefangen. Die Entschuldigung lag mir auf der Zunge. Aber mein Kopf tat so weh.
»Ich hab Kopfschmerzen«, sagte ich und sank zurück ins Bett. Der Tonfall stimmte. Aber die Worte waren die falschen. ›Es tut mir leid‹, hatte ich eigentlich sagen wollen.
»Ich weiß.«
Wir lagen schweigend nebeneinander, während es im Zimmer heller wurde. Ich machte im Kopf mehrere Anläufe, mich zu entschuldigen, aber immer, wenn ich die erlösenden Worte endlich aussprechen wollte, war etwas im Weg, ich wartete zu lang und sagte schließlich nichts. Ich war kurz davor »I Wanna Riot« zu singen, aber auch das ließ ich bleiben. Und je länger wir schwiegen, desto schwerer wurde es, auch nur einen Ton rauszubringen. Irgendwann begann Richard gleichmäßig und tief zu atmen. Jetzt oder nie.
»Richard?«
»Hm?«
»Ich wollte nur sagen, dass es mir …«
Das Handy begann neben meinem Kopf zu vibrieren und in einer Lautstärke zu klingeln, die mich erst einmal in eine Schockstarre verfallen ließ, bevor ich panisch den Annahmeknopf drückte. Richard drehte sich neben mir mit einem mürrischen Stöhnen zur Seite.
»Ja?«, flüsterte ich ins Telefon. Obwohl Flüstern natürlich überflüssig war, alle Anwesenden waren schließlich wach.
»Daphne?« Hannes’ Stimme am anderen Ende der Leitung klang weinerlich. »Entschuldige, dass ich jetzt noch anrufe. Oder schon. Noch oder schon. Also, jedenfalls ist jetzt keine gute Zeit, das weiß ich auch.«
»Ist was passiert?«
»Ja.« Im Hintergrund hörte ich das lallende Gegröle von Betrunkenen. Dasselbe Gegröle drang von der Straße herauf in unser Schlafzimmer. »Ich steh vor deinem Haus.«
»Das ist mir auch gerade aufgefallen.«
»Ich weiß nicht, wo ich hinsoll. Kann ich bei euch auf dem Sofa schlafen?«
Ich dachte an den Tapeziertisch und die eingetrockneten Kleisterpinsel und -eimer im Wohnzimmer. Aber das würde einen Mann in Not nicht stören. Ich fragte Richard, ob es okay wäre, wenn Hannes bei uns übernachtete. Die Antwort, ein verschlafenes »Hm«, hätte alles heißen können, aber ich interpretierte es als »Ja«.
»Klar. Komm hoch.« Ich stieg aus dem Bett, und mir wurde kurz schwarz vor Augen. »Warte, ich mach dir auf, dann musst du nicht klingeln.« Das hätte meinem Kopf den Rest gegeben.
Die Vögel zwitscherten im Hinterhof vor dem Küchenfenster, der Wasserkocher brodelte und schaltete sich mit einem Klicken von selbst ab. Ich machte Tee für Hannes und mich. Er hätte lieber Kaffee gehabt, aber ich besaß keine Kaffeemaschine, und Richard hatte zwar versprochen, eine von diesen kleinen Espressokannen mitzubringen, war aber, wie es mit so vielen anderen Dingen (den Staubsaugerbeuteln, der Lampe im Flur …) der Fall war, noch nicht dazu gekommen. Ich stellte meinem Überraschungsgast einen dampfenden Becher vor die Nase, und er begann freudlos, den Teebeutel ein- und auszutunken.
»Danke.«
»Bitte.« Ich setzte mich auf die Küchenbank beim Fenster und zog meine Füße unter den Po. Obwohl Sommer war, fror ich ein wenig. Typisch Altbau, da war es meistens fußkalt. Sagte meine Mutter: fußkalt. Wer dachte sich nur solche Wörter aus?
Hannes schniefte und wischte sich über die Nase.
»Also: Was ist los?« Es war ja nicht so, als wäre Hannes obdachlos. Er hatte eine Wohnung, in der er mit seiner Freundin Lucy lebte, die auch meine Freundin war, seit wir Kolleginnen bei Markwardt & Söhne, der dümmsten Werbeagentur der Welt, gewesen waren. Manchmal war sie mit ihrer Naivität, ihrer Anhänglichkeit und ihrer überbordenden Begeisterung für alles Niedliche und Rosafarbene schwer zu ertragen. In der letzten Zeit hatte ich mich prophylaktisch von ihr ferngehalten, weil ein weiterer dieser Prinzessin-Lillifee-Filme in den Kinos angelaufen war und sie mich damals überredet hatte, mit ihr (und der fünfjährigen Tochter einer Bekannten) den ersten Teil anzusehen. Es waren die schlimmsten anderthalb Stunden gewesen, die ich je in einem Kinosaal zugebracht hatte. Ich fühlte mich, als würden kleine pinkfarbene Glitzertierchen mein Gehirn auffressen. Unser Alibikind war übrigens derselben Meinung. Lucy aber war hingerissen. So war sie eben.
Und das Wunderbare war: Hannes liebte sie trotzdem. Vielleicht konnte er sie und ihren Spleen von uns allen einfach am besten verstehen. Schließlich war er ja derjenige mit dieser Ork-Sammlung, für die er des Öfteren schon belächelt worden war. Hannes und Lucy waren vereint in Liebe und Seltsamkeit, zwei ganz spezielle Menschen – der lange Dünne und die kleine Dicke –, wie füreinander gemacht.
»Lucy hat mich rausgeschmissen.«
Oder auch nicht.
»Oh!« Ich saß da mit offenem Mund, zu viele Fragen in meinem müden Kopf, um auch nur ein Wort herauszubringen. Hätte Hannes nicht einfach seinen Schlüssel verlieren können? »Oh«, wiederholte ich.
»Ja«, sagte er.
Und das war alles, was er sagte. Die Details musste ich dann wohl durch kluges Nachfragen herausfinden. Ich seufzte und dachte, wie viel leichter und befriedigender es wäre, eine Frau zu sein, wenn man im Kommunikationssektor wenigstens ab und zu mal etwas Unterstützung von männlicher Seite bekommen könnte. »Okay, sie hat dich rausgeschmissen. Dann ist sie sauer auf dich, weil du irgendetwas Schlimmes gemacht hast?«
»Sonst würde ich ja wohl kaum seit Stunden durch St. Pauli laufen und nicht wissen, wo ich schlafen soll«, antwortete er schroff, merkte, dass ich das nicht verdient hatte, und rieb sich die müden Augen. »Es tut mir echt leid, dich so zu überfallen. Aber ich konnte sonst nirgendwohin.«
Ich legte meine Hand in einer, wie ich fand, beruhigenden Geste auf seine. »Das ist total in Ordnung. Dafür sind Freunde ja da.«
Er nickte müde. »Weißt du, was mich an dieser Sache fast am allermeisten nervt?«
»Dass du deine Orks zurücklassen musstest?«
Hannes redete einfach weiter, als hätte er meinen schlechten Witz nicht gehört. »Wenn sie irgendeinen Scheiß gebaut hätte und wir uns ihretwegen getrennt hätten, hätte trotzdem ich gehen müssen.« Er schüttelte ernüchtert den Kopf. »Es ist nie die Frau, die nachts über den Kiez irrt und nicht weiß, wohin.« Ich schob die Unterlippe vor und kommentierte das nicht weiter. »Dabei geht es mir doch auch total beschissen. Ist ja nicht so, als hätte ich gerade die Zeit meines Lebens.«
»Klar.« Ich wagte einen erneuten Versuch, der Sache auf den Grund zu gehen. »Aber was genau ist denn passiert?«
Hannes zog den Teebeutel aus der Tasse, hielt Ausschau nach einem Ort, an den er ihn tun konnte, fand nichts in der Nähe und ließ ihn frustriert wieder in die Tasse plumpsen. Dann vergrub er seinen Kopf in den Händen. »Ich hab es nicht mehr ausgehalten.«
»Was hast du nicht mehr ausgehalten?«
»Sie!« Er sah mich so aufgebracht an, dass ich unwillkürlich ein bisschen vor ihm zurückwich. Zu meiner Erleichterung entspannte sich sein Gesicht aber einen Moment später und zeigte wieder denselben jammervollen Ausdruck, mit dem es schon ausgestattet gewesen war, als Hannes durch meine Wohnungstür gekommen war. Die pure Tristesse.
Ich ließ ein paar Sekunden vergehen, um sicher zu sein, dass sich Hannes’ Gemütslage stabilisiert hatte. »Hä?«
Er seufzte. »Versteh mich nicht falsch: Ich liebe sie. Sehr. Wirklich.« Er sah aus, als würde er gleich weinen. »Aber es gibt ein paar Dinge in unserer Beziehung, die mich wahnsinnig machen. Ständig will sie wissen, was ich mache, wo ich bin und mit wem. Sie nennt mich Bärchen. Vor Zeugen!« Das stimmte, aber daran hatten wir uns inzwischen eigentlich alle gewöhnt. Ich lachte nur noch ungefähr jedes dritte Mal, wenn ich es hörte. »In der Wohnung gibt es keine Wand mehr, an der nicht ihre Malen-nach-Zahlen-Bilder hängen«, fuhr Hannes fort, nur um gleich wieder eine dramatische Pause einzulegen, die die Schwere des nächsten Vergehens unterstreichen sollte. »Sie kommt ins Badezimmer, wenn ich auf dem Klo sitze!«
»Okay, ich kann mir vorstellen, dass …«
»Und ständig, mehrmals täglich, redet sie vom Heiraten. Vom Heiraten und Kinderkriegen. Und je länger das so geht, desto dringender will ich weg. Ich kann das nicht … für den Rest meines Lebens. Sie ist wunderbar, sie ist süß und gut und treu. Aber sie ist schlimmer als meine Mutter!« Er schüttelte den Kopf, als wollte er den Wahnsinn loswerden. »Der einzige Unterschied zwischen Lucy und meiner Mutter ist, dass meine Mutter mich nicht heiraten will.«
Ich sah ihn irritiert an. Er hob abwehrend die Hände. »Nein, also, nicht, dass ich mir wünschen würde, dass meine Mutter mich heiraten will, ich meine, das wäre überaus seltsam. Und falsch. Und … Ach, du weißt doch, was ich meine …«
»Ich denke schon«, sagte ich. Aber bis jetzt hatte Hannes keinen Grund genannt, weshalb Lucy ihn verlassen haben könnte. Eher hatte ich den Eindruck, dass Hannes ernsthaft mit dem Gedanken gespielt hatte, die Beziehung zu beenden, doch sie war ihm zuvorgekommen. Warum? Ich nahm einen Schluck Tee. »Vielleicht renkt sich ja alles wieder ein? Morgen sieht die Welt sicher ganz anders aus.« Jetzt klang ich wie meine eigene Mutter. Wir Frauen wurden alle irgendwann Mütter. Selbst wenn wir keine Kinder bekamen. »Du kannst ja noch einmal mit ihr reden. Ich bin mir sicher, sie will sich von dir eigentlich genauso wenig trennen wie du dich von ihr.«
Hannes schüttelte langsam den Kopf. »Sie will nicht mit mir reden.«
Ich lachte. »Quatsch. Lucy will immer reden.«
»Nein. Nicht mehr. Nicht mit mir. Es gibt da noch was anderes.« Jetzt endlich nahm Hannes den Teebeutel und trug ihn zum Mülleimer. Wahrscheinlich weil er das, was er zu sagen hatte, sowieso lieber mit dem Rücken zu mir sagte. »Ich hab ihr gesagt, dass ich das nicht mehr mitmache, diese Zwangsjackennummer, wenn unsere Beziehung ansonsten gar keine ist. Wir haben ja nicht einmal Sex. Als ich das gesagt habe, ist sie wütend geworden. Ich glaube, sie war noch nie so wütend …«
Ich winkte beschwichtigend ab. »Das war bestimmt nur eine Überreaktion. Niemand hört gern von seinem Partner, dass man zu selten …«
»Nicht selten, Daphne. Nie.« Hannes drehte sich zu mir um und sah mich ernst an. »Lucy und ich haben noch nie miteinander geschlafen. Ich warte jetzt fast schon drei Jahre. Das macht man aus Liebe, oder? Aber irgendwann … Du musst das verstehen … Ich hab genug. Sie will, dass wir erst heiraten. Ich kann sie doch nicht deswegen heiraten! Ich will gar nicht heiraten. Und sie sagt, ich meine es nicht ernst mit ihr. Dass ich sie die ganze Zeit nur belogen habe. Und dass ich nicht wiederkommen soll. Nach all der Zeit, die ich immer für sie da war – kannst du dir das vorstellen? Wie sich das anfühlt? Wie es mir damit geht?« Hannes setzte sich wieder an den Tisch und vergrub seinen Kopf in seinen Händen. »Wie kann sie so etwas sagen? Ich liebe sie doch.«
»Tja.« Ich schluckte und wusste nicht, was ich sagen sollte, probierte es aber trotzdem. »Das ist ja …« Ein dicker Hund? Ein starkes Stück? Unfassbare Enthüllungen. Um sechs Uhr früh.
Wahrscheinlich war es keine gute Idee, nach vierundzwanzig Stunden ohne Schlaf und mit Restalkohol im Blut auf eine Leiter zu steigen und die Küche zu streichen, aber nachdem ich Hannes mit Schlafsack und Kissen bestückt und ins Wohnzimmer verfrachtet hatte, war an Schlaf nicht mehr zu denken gewesen. War es für mich ohnehin nie, wenn die Sonne schon schien und die Vöglein sangen, und jetzt war ich außerdem auch noch aufgewühlt von dem, was Hannes mir erzählt hatte. Also beschloss ich, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und mich sowohl auf bewährte Art und Weise ein bisschen abzureagieren als auch ganz nebenbei die Renovierungsmaßnahmen in der Wohnung voranzutreiben. Für die große Wand in der Küche hatte ich die graue Farbe, die ich auch schon auf meinem Hochzeitskleid zur Schau getragen hatte, besorgt. Ich wollte damit eine quadratische Fläche malen, die die Längsseite des Esstischs umrahmen sollte, und als Richard um halb zwölf in die Küche kam, hatte ich den Bereich bereits unter Vermeidung jeglicher rechter Winkel abgeklebt und vorgestrichen. Wie gesagt: So etwas tat man besser nicht in meinem Zustand.
Er blieb im Türrahmen stehen und kratzte sich am Kopf. »Hast du gar nicht geschlafen?«
»Ich konnte nicht.«
»Ist Hannes da?«
»Im Wohnzimmer.« Ich kletterte von der Leiter und betrachtete die Wand mit ein bisschen Abstand. »Irgendwie schief.«
»Ich kann das später ausbessern.« Richard schlurfte zum Kühlschrank, nahm den Orangensaft heraus und trank direkt aus der Flasche.
Ich hätte es gut gefunden, wenn er ein Glas genommen hätte, aber ich hatte keine Lust auf Diskussionen. Alles, was ich wollte, war Harmonie. Harmonie und eine Schmerztablette. Ich stellte mich neben ihn und wartete, bis er seinen Arm um meine Taille legte, wie er das immer machte. Andocken. Dann lehnte ich meinen Kopf an seine Schulter. »Es tut mir leid, dass ich heute Morgen so blöd war. Ich weiß auch nicht, was los ist. Irgendwie …« Irgendwie konnte ich dieses »Irgendwie« auch nicht näher erklären. Denn eigentlich war alles gut. Ich hatte einen guten Job, tolle Freunde und mit dem besten aller Männer, die mir in den letzten Jahren unter die Augen gekommen waren, eine Beziehung, die das Potenzial hatte, etwas Großes zu werden, zu sein und zu bleiben – wenn wir hier und dort ein bisschen daran arbeiteten. Wenn Richard ab und zu auch mal vor zehn Uhr abends nach Hause kam. Und damit anfing, Gläser zu benutzen. Wenn er mir endlich wieder zuhörte, wenn ich mit ihm sprach und sich so wichtige Dinge merkte, wie dass wir am Sonntag bei meiner Mutter zum Essen eingeladen waren. Und dann auch mitkam. Und ich nicht allein gehen musste, weil er verpflichtet war, mit irgendwelchen Möchtegern-Rockstars Bier zu trinken. Wenn sein »tut mir leid« in diesen Fällen etwas ehrlicher und etwas weniger erleichtert klang. Wenn endlich diese verdammte Tapete an der Wohnzimmerwand klebte und diese Lampe im Flur hing, damit ich nachts auf dem Weg zum Klo nicht ständig Gefahr lief, mir beim Fallen über die Farbeimer das Genick zu brechen. Wenn er endlich zwei Wochen seiner Zeit dafür opferte, in denen wir nebeneinander an irgendeinem Strand dieser Welt in der Sonne herumlagen … Ich hätte die Reihe endlos fortführen können. Womit klar war: Hier ging es um unerfüllte Wünsche. Meine Wünsche. Die gute Nachricht war: Wurden diese Wünsche irgendwann endlich erfüllt, konnte ich einen Haken dahinter machen, und alles war gut. Die schlechte: Ich fühlte mich ein bisschen wie das Kind auf dem Spielplatz, das immer Bestimmer sein will und heulend zu Mutti rennt, wenn es seinen Willen nicht bekommt. Das Problem: Niemand mag dieses Kind, nicht einmal Mutti.
Mein Freund stellte die Flasche auf dem Kühlschrank ab und strich mir über den Kopf. »Es ist gut, dass du nächste Woche in den Urlaub fährst.«
»Weil du dann deine Ruhe vor mir hast?«
»Nein. Weil ich glaube, dass du ein bisschen Entspannung bitter nötig hast.« Ein liebevoller Blick und ein Kuss auf die Stirn. »Schade, dass ich nicht freinehmen kann, sonst würde ich mitkommen.«
»Ja, schade«, sagte ich so neutral wie möglich, um zu vermeiden, dass es wegen dieses explosiven Themas wieder zu einem Streit kam, »aber so ist es jetzt nun einmal.«
»Ich kann ja in der Zeit die Wohnung weiter renovieren«, bot Richard an.
»Ha!«
»Du glaubst mir nicht?« Er verschränkte in gespielter Empörung die Arme vor der Brust. »Meine Liebe: ein Mann, ein Wort. Das ist der Ehrenkodex, nach dem ich lebe.«
»Soso.« Ich klappte die Leiter zusammen und legte den Deckel auf den Farbeimer. »Tja, also wenn das so ist, dann lasse ich mich überraschen. Und falls du Hilfe brauchst, frag Hannes. Der schuldet uns was.«
»Weil?«
»Weil ich ihm erlaubt habe, bis auf Weiteres bei uns zu wohnen. Lucy hat ihn rausgeworfen, und jetzt hat er kein Zuhause mehr.«
»Sie hat ihn rausgeworfen?« Richard sah ehrlich betroffen aus. »Armer Kerl. Das ist der Haken am Zusammenziehen. Definitiv.«
»Na wunderbar.« Das war genau das, was ich nicht hören wollte.
»Daphne. Der einzige Haken. Abgesehen davon hat das alles hier nur Vorteile. Zum Beispiel könntest du dich jetzt hinlegen und ein bisschen schlafen. Und später weck ich dich mit einem köstlichen Abendessen. Wir haben …« Er öffnete die Kühlschranktür noch einmal und schloss sie wieder mit einem schiefen Grinsen. »… nichts im Haus.«
»Du wolltest einkaufen.«
»Ich hol uns was vom Chinesen.«
»Nicht nötig.« Ich warf einen Blick auf die Uhr. »Ich bin eh mit Betty in der Kleinen Pause verabredet. Und vorher muss ich noch telefonieren. Und duschen.«
»Na gut.«
Ich nickte, wischte meine Hände an den Hosenbeinen ab und war schon halb aus der Küche raus.
»Daphne?«, rief Richard mir hinterher.
»Ja?« Ich blieb im Türrahmen stehen.
»Ich liebe dich.« Er zuckte mit der Schulter. »Nur so.«
Und das war schön, das konnte man nicht anders beschreiben. »Okay«, sagte ich und musste lächeln. »Ich dich auch.«
»Schätzelein, du siehst echt beschissen aus.«
»Danke. Und du bist fett.« Ich setzte mich Betty gegenüber an unseren Stammtisch in der Kleinen Pause.
Sie hatte Max’ Karre neben sich und einen Teller mit Currywurst und Pommes vor sich stehen. »Bin ich nicht.«
»Nein. Nicht immer.« Eigentlich nie. Betty war alles andere als fett, allerhöchstens nach eigener Aussage, wenn sie einen schlechten Tag hatte.
