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Beschreibung

Für einen utopischen Realismus: Wie Zukunft gedacht und gemacht wird Wir genießen heute einen zivilisatorischen Standard in Sachen Freiheit, Sicherheit, Gesundheit und Wohlstand, der historisch unvergleichlich ist. Aber der materielle Stoffwechsel, auf dem dieser Fortschritt beruht, ist im 21. Jahrhundert nicht fortsetzbar, da er für alles und alle – das Erdsystem, das Klima, die Menschen – zu zerstörerisch ist. Jörg Metelmann und Harald Welzer versammeln Beiträge aus unterschiedlichen Disziplinen, die allesamt verdeutlichen: Ein Pfadwechsel in Politik und Alltag ist gefragt!

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Seitenzahl: 224

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Jörg Metelmann | Harald Welzer (Hg.)

Imagineering

Wie Zukunft gemacht wird

 

Über dieses Buch

 

 

Wir genießen heute einen zivilisatorischen Standard in Sachen Freiheit, Sicherheit, Gesundheit und Wohlstand, der historisch unvergleichlich ist. Aber der materielle Stoffwechsel, auf dem dieser Fortschritt beruht, ist im 21.Jahrhundert nicht fortsetzbar, da er für alles und alle -das Erdsystem, das Klima, die Menschen- zu zerstörerisch ist. Ein Pfadwechsel in Politik und Alltag ist gefragt!

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Jörg Metelmann ist Kultur- und Medienwissenschaftler. Er arbeitet seit 2007 an der Universität St.Gallen (Schweiz), wo er 2014 habilitiert und 2015 zum Ständigen Dozenten und Titularprofessor ernannt wurde. Nach interdisziplinären Forschungsprojekten zu den Themen Medienreligion, Public Value Management, Melodram und Moderne sowie integrativer Wirtschaftsausbildung widmet er sich aktuell den kulturellen Grundlagen der Großen Transformation (www.transformatik.de). Letzte Publikationen: Der Kreativitätskomplex (Hg., mit Timon Beyes, 2018), Transformative Management Education (mit Ulrike Landfester, 2019).

 

Harald Welzer, geboren 1958, ist Direktor von Futurzwei- Stiftung Zukunftsfähigkeit und Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg. Daneben lehrt er an der Universität St.Gallen. In den Fischer Verlagen sind von ihm erschienen: Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis (zus. mit S.Moller und K.Tschuggnall, 2002), Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden (2005), Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben (zus. mit Sönke Neitzel, 2011), der FUTURZWEI-Zukunftsalmanach 2017/18 (2016), Selbst denken (2013), Autonomie. Eine Verteidigung (zus. mit Michael Pauen, 2015), Die smarte Diktatur. Ein Angriff auf unsere Freiheit (2016), Wir sind die Mehrheit. Für eine offene Gesellschaft (2017) und zuletzt Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen. Seine Bücher sind in 21 Ländern erschienen.

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Entwürfe für eine Welt mit Zukunft

Herausgegeben von Harald Welzer und Klaus Wiegandt

 

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2020S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: Andreas Heilmann und Gundula Hissmann, Hamburg

Coverabbildung: Herr Clair Bötschi – www.herrclair.de – 2018

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-491288-2

 

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Hinweise des Verlags

 

 

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Inhalt

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Vorwort von Harald Welzer & Klaus Wiegandt: Entwürfe für eine Welt mit Zukunft

Jörg Metelmann & Harald Welzer: Imagineering. Eine Poetologie der Transformation

Imagineering

Vorsicht, Pseudo-Zukünfte!

Was machst du? (Methode)

Für wen machst du das? (Zielgruppe)

Welche Zukunft steckt in deinem Programm? (Wissensordnung)

Was sind deine Werte? (Kriterien)

Imagineur-Werden

Literatur

I. ›Zukunft machen‹ denken

Jörg Metelmann: Grüne Wiesen mit Klee. Transformatik oder: »Bessere Erkenntnis« durch ästhetische Bildung

Einleitung: Mein metropa-Europa

I. »Eine kleine Reise ins Land der besseren Erkenntnis« mit Paul Klee

II. Transformatik als ästhetische Bildung des Wandels: Dies, Ich, Wir

III. Perspektiven

Literatur

Abbildungsnachweise:

Björn Müller: Unternehmungstum. Lebendige Praxis sozialer Innovation

Unternehmertum & Unterlassungstum

Das moderne Fortschrittsdilemma

Unternehmungstum als »Lebendiges Gestalten«

Epilog

Literatur

Harald Welzer: Zukunft kann man nicht erforschen. Nur machen. Eine kleine Geschichte von FUTURZWEI

II. Zukunft machen

Julian Grah, Nicole Hasenkamp, Vera Herzmann & Andreas Schwendener: Die 80/20-Zukunft. Die konkrete Utopie einer neu gedachten Solidarität

Unser Vorschlag

Drei Hebel für die 80/20-Finanzierung

Ein Experiment macht den Anfang – wir starten morgen!

Literatur

Realities:united: Fazit. Eine großtechnologische Abschiedsperformance

Isabella Verena Ilchmann & Ivan Hanselmann: Algae localae. Die Schweizer Antwort auf die große Proteinfrage – ein Zukunftsdialog

Literatur

Johannes Priewich & Karoline Walter: Künstlerische Ressourcen

Jonas Görgen & Thomas Telios: »Erase and Rewind«. Zur Änderungsnotwendigkeit finanzialisierter Vernunft

Analyse: Ökonomisches– Politisches– Soziales– Ideologisches

»Was tun?« Lösungsvorschläge aus der Krisenpermanenz

Literatur

Günther Bachmann: Entgegen aller Erwartung. Wie eine Idee die Gegenwart auf den Kopf stellt und was daraus werden kann

Die Rio-Hoffnung

Der Fluch der Vergeblichkeit

Die Vorzeichen stehen schlecht

Paula Caballero wendet das Blatt

Gegen die Binnenlogik des Gewohnten

Imagineering führt zu Planabweichung

Die Autorinnen und Autoren

Entwürfe für eine Welt mit Zukunft

Das 19. und 20. Jahrhundert waren die Epoche der expansiven Moderne. Immer weitere Teile der Welt folgten dem industriegesellschaftlichen und wachstumswirtschaftlichen Pfad, ihre Bewohnerinnen und Bewohner erlebten materiellen und vor allem auch immateriellen Fortschritt: Die Gesellschaften demokratisierten sich, wurden freiheitliche Rechtsstaaten, Arbeitsschutzrechte, Bildungs-, Gesundheits- und Sozialversorgung wurden erkämpft. Im 21. Jahrhundert, da die Globalisierung fast den ganzen Planeten in den wachstumswirtschaftlichen Sog gezogen, aber dabei keineswegs überall Freiheit, Demokratie und Recht etabliert hat, stehen wir vor der Herausforderung, den erreichten zivilisatorischen Standard zu sichern, denn dieser gerät immer mehr unter den Druck von Umweltzerstörung, Ressourcenkonkurrenz, Klimaerwärmung – um nur einige der gravierendsten Probleme zu nennen. Wie sieht eine moderne Gesellschaft aus, die nicht mehr dem Prinzip der immerwährenden Expansion folgt, sondern gutes Leben mit nur einem Fünftel des heutigen Verbrauchs an Material und Energie sichert? Das weiß im Augenblick niemand; einen Masterplan für eine solche Moderne gibt es nicht. Wir brauchen daher Zukunftsbilder, die die Lebensqualität in einer nachhaltigen Moderne vorstellbar machen und mit den Entwürfen einer anderen Mobilität, einer anderen Ernährungskultur, eines anderen Bauens und Wohnens die Veränderung der gegenwärtigen Praxis attraktiv und nicht abschreckend erscheinen lassen.

Deshalb haben wir für die Buchreihe »Entwürfe für eine Welt mit Zukunft« Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gebeten, konkrete Utopien künftiger Wirtschafts- und Lebenspraktiken zu skizzieren. Konkrete Utopien, das heißt: Szenarien künftiger Wirklichkeiten, die auf der Basis heute vorliegender technischer und sozialer Möglichkeiten herstellbar sind. Erst vor dem Hintergrund solcher Zukunftsbilder lässt sich abwägen, welche Entwicklungsschritte heute sinnvoll sind, um sich in Richtung einer wünschenswerten Zukunft aufzumachen. Anders gesagt: Ohne Zukunftsbilder lässt sich weder eine gestaltende Politik denken noch die Rolle, die die Zivilgesellschaft für eine solche Politik spielt. Wenn Politik und Zivilgesellschaft wie Kaninchen vor der Schlange ausschließlich auf die Bewahrung eines fragiler werdenden Status quo fixiert sind, verlieren sie die Fähigkeit, sich auf ein anderes Ziel zuzubewegen. Sie verbleiben in der schieren Gegenwart, was in einer sich verändernden Welt eine tödliche Haltung ist.

Nach 18 Bänden der ebenfalls im Fischer Taschenbuch Verlag erschienenen Vorgängerreihe, die unter großer öffentlicher Resonanz eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme des naturalen Status quo der Erde in den einzelnen Dimensionen von den Ozeanen bis zur Bevölkerungsentwicklung vorgelegt hat, wenden wir nun also den Blick von der Gegenwart in die Zukunft – in der Hoffnung, konkrete Perspektiven für die Gestaltungsmöglichkeiten einer nachhaltigen modernen Gesellschaft aufzuzeigen, Perspektiven, die der Politik wie den Bürgerinnen und Bürgern Mut machen, ihre Handlungsspielräume zu nutzen und Wege zum guten Leben einzuschlagen.

 

Harald Welzer & Klaus Wiegandt

Jörg Metelmann & Harald Welzer

Imagineering

Eine Poetologie der Transformation

Ich sehe eine goldene Zukunft und noch viel mehr.

Das Paradies

Vorsicht, Pseudo-Zukünfte!

Wenn das Jahr 2020 eine alte Lehre aktualisiert hat, dann diese: Mitunter passiert Unerwartetes. Diese Lehre ist allerdings weniger trivial, als sie auf den ersten Blick scheint, denn alles, worauf sich unser Denken und Tun, alle Wirtschaft und alle Politik normalerweise richtet, ist das Erwartete und also Erwartbare. Alle paar Jahrzehnte kommt dann ein Supergau, ein gigantischer Terroranschlag, ein Finanzcrash oder ein Virus um die Ecke und teilt auf je eigene Weise mit, dass die Erwartung falsch war. Genau aus diesem Grund müssen wir lernen, die Zukunft als einen Möglichkeitsraum zu betrachten, der weit mehr enthält, als wir sehen – positive Potenziale genauso wie negative. Der Möglichkeitsraum ist freilich mit den begrenzten Methoden und Sehstärken der Gegenwart nicht komplett auszumessen. In diesem Sinn ist er ein poetischer Raum, und wenn wir Methoden gebrauchen, die »Zukunft machen«, dann sind das Poetiken als Produktionsanweisungen und ein Nachdenken über diese verschiedenen Poetiken entsprechend eine Poetologie. Wir nennen sie Imagineering und betrachten mit den Beiträgen in diesem Sammelband verschiedene Poetiken der Transformation (Teil 1) und ausgewählte Produkte einer Vorstellungskraft, die Zukunft praktisch macht (Teil 2).

 

Zoomen wir aber zunächst einen Moment heraus aus dem »rasenden Stillstand« (Paul Virilio), der heute »absolute Gegenwart« (Marcus Quent) heißt, diese global-echtzeitige, zugleich klebrig-zäh unveränderlich scheinende und situativ dauererregte Push-Nachrichten-Welt mit Quartalshorizont (maximal). Fühlt sie sich inhaltlich für Leute älteren Semesters immer ein wenig an wie eine Madeleine aus den 1980er Jahren – Angst vor Umweltzerstörung, Angst vor Überwachungsstaat, Angst vor Krieg und neuem Wettrüsten, Tschernobyl –, so ist die komplexe Gegenwart für uns und diesen Sammelband vor allem insofern interessant, als sich mit allen Themengebieten von Coronavirus über Migration und Klima bis zu Digitalisierung, Globalisierung und Populismus bestimmte Erwartungen an die Zukunft verbinden, Annahmen über mögliche Verläufe, Geschichten über den Wandel, die zu einem nicht unwesentlichen Teil zu der Angst, der Hysterie und der Handlungsunfähigkeit beitragen.

Ein Ende der Volksparteien sorgt für wachsende Instabilität des Politikbetriebs – siehe den Handschlag von Erfurt –, was wiederum die vergangene Zukunft der Weimarer Republik in Erinnerung ruft und als mögliches Szenario des kommenden Jahrzehnts in den Denkraum holt. Gleiches gilt für das Nachdenken über die Pläne gewaltbereiter rechter Vereinigungen aus der Mitte der Gesellschaft und die immer wieder auftauchenden Verbindungen zwischen Neonazis, AfD, Polizei und Verfassungsschutz, was (zumal genährt durch mediale Babylon-Berlin-Visionen) eine Zukunft vor dem inneren Auge entwirft, in der es besser sein könnte, sich nicht zu empören und streiten, weil statt deinem Freund und Helfer ein Kumpane aus dem Netzwerk am Tatort auftaucht.

Damit paaren sich im Kopfkino Überlegungen zu einer Zukunft der Migration (»Es kommen sicherlich noch mehr«), die den Status quo einer blockierten und unsolidarisch gespalteten EU nicht nur mit dem populistischen Klima verbinden, sondern auch mit Szenarien zur Zukunft der automatisierten Arbeit, dem grundlegenden Strukturwandel 4.0 und der möglichen Umverteilung über Spielformen von Grundeinkommen oder Einmal-Erbschaften (Piketty 2020). Dies führt in Summe schnell zu einem Filmriss, weil es im aktuellen »Konsolidierungsstaat« (Streeck 2013, S. 141ff.) schlechterdings unmöglich scheint, gegen neo-liberale Deregulierungslobby und Too big to fail-Gewissheiten der multi-nationalen Player nachhaltig für die Menschen zu arbeiten – was dem öffentlichen Diskurs letztlich sein Herz, nämlich die »öffentliche Sache« nimmt, in der zum Beispiel auch neu festzulegen wäre, was »Heimat«, »Dazugehören«, »Freizügigkeit« und »Mobilität« nicht nur, aber besonders in Coronazeiten eigentlich heißen sollen – denn alle wollten ja bislang immer unterwegs sein können.

Der springende Punkt ist: Alle diese Zukünfte – die hier unsystematisch referierten eher skeptisch-pessimistischen wie auch die optimistischeren einer »goldenen Zukunft« als »New Green Deal« (Naomi Klein) – sind epistemologisch, also von ihrer Wissensform her betrachtet, verkürzte oder Pseudo-Zukünfte, weil sie der grundsätzlichen Offenheit der Zukunft nicht gerecht werden und auch grundsätzlich nicht gerecht werden können: Sie stellen »der Vielschichtigkeit und Ambivalenz von Zukunft bzw. den Vorstellungen von ihr eindimensionale Verkürzungen gegenüber. Verkürzungen, die vergessen, dass Zukunft zwar Wegmarken abstecken hilft, aber eben auch offen bleiben könnte« (Metzger 2018). Zukunft als »Zeit-Raum«, in dem etwas passieren oder als geschehend vorgestellt werden kann, ist erst für den modernen Menschen zu einem Bestandteil seiner allgemeinen Handlungsfähigkeit geworden (Hölscher 1999). Und es ist dem homo oeconomicus als Realfiktion mit Berufsethos nicht nur gelungen, die Vernunft der Welt in ein »stahlhartes Gehäuse« (Weber 2006, 180) zu verwandeln, sondern auch die Zukunft durch Spekulation zu einem BIP-relevanten Wertschöpfungsfaktor zu machen (Tooze 2018).

Doch zeigt gerade der enorm gewachsene Finanzkapitalismus im Zeichen der großen Krise 2008/09 genauso wie die Coronakrise 2020: Planbar ist die Zukunft letztlich nicht. Aber ohne Zukunftsvorstellungen und Zukunftsbilder kreisen Gesellschaften und ihre Politiken unausweichlich nur um den kleinen Punkt der Gegenwart und bekommen gerade darum Probleme, weil ohne Zukunftshorizont kaum zu sagen ist, wozu jene Maßnahme und dieses Gesetz erlassen wird. Politik übernimmt rein restaurative Funktionen, wenn ihr der Zukunftshorizont – welches Land, welche Gesellschaft wollen wir sein? – abhandengekommen ist. Wie bei jenen, die im Angesicht der Sturmflut den porösen Deich händisch abzudichten versuchen, operiert man zwar aktionistisch, aber sichtbar schon auf verlorenem Posten. Wie also geht es hinterm Horizont weiter?

Imagineering ist in unserem Verständnis theoretisches Zooming-Out, das die schon verkürzten Zukünfte und ihre jeweiligen Methoden zeigt und diskutiert. Dabei sind uns vier Fragen resp. Aspekte wichtig, die sich zu einer Hälfte schon aus dem Konzept des »Imagineering« und der Geschichte seines Begriffs selbst herleiten und zur anderen Hälfte unsere politischen Forderungen an die Poetologie darstellen. Dies sind:

Was machst du? (Methode)

Für wen machst du das? (Zielgruppe)

Welche Zukunft steckt in deinem Programm? (Wissensordnung)

Was sind deine Werte? (Kriterien)

Wir schließen diese Einleitung mit einigen Anmerkungen zu Fragen der Haltung, die ebenso wichtig ist wie die Methode: »Imagineur-Werden«.

Was machst du? (Methode)

Imagineering, das klingt gut, irgendwie innovativ (Ist das von dir?) und ein wenig, heutzutage immer wichtig, nach Start-up-Freshness: was sich für junge Leute mit Mut in Zeiten, in denen sich alles ändert, ändern muss. Leider ist der Begriff nicht von uns, sondern stammt aus dem US-amerikanischen Firmen-Innovationskontext der 1940er Jahre, als die Aluminium herstellende Firma ALCOA mit dem Spruch »The Place They Do Imagineering« für eine effiziente Materialnutzung in Kriegszeiten warb; ein weiterer früher Gebrauch ist von einem gewissen Richard F. Sailer überliefert, der in einem Artikel für das National Carbon Company Management Magazine 1957 schrieb: »BRAINSTORMING IS IMAGination enginEERING« (Wikipedia »Imagineering«). Populär wurde der Begriff aber erst durch den legendären Erfinder der Mickey Mouse, Walt Elias Disney, der damit im Fernsehen die Besonderheit seines ersten Disney-Themenparks im kalifornischen Anaheim bewarb, wie Louis J. Prosperi in »The Imagineering Pyramid« ausführt und eine Art Hausdefinition aufstellt:

»Walt Disney defined Imagineering as the blending of creative imagination and technical know-how. I like this definition for two reasons. First, it adds the word ›creative‹ to highlight the importance of creativity in Imagineering. Second, ›technical know-how‹ is a broader term than engineering and encompasses technical and scientific expertise as well as creative and artistic expertise, and is a better reflection of the varied range of disciplines practiced by Disney Imagineers.« (Prosperi 2016, S. 4)

Der Begriff ist also geschichtlich hergeleitet, definiert und sogar seit 1989 von Walt Disney Inc. markenrechtlich geschützt – und trotzdem oder gerade deshalb möchten wir ihn noch einmal aufnehmen, entwenden und umwenden, um ihn zum einen von seinem pragmatischen Unterhaltungskontext zu distanzieren und zum anderen von seinem Nutzerprimat zu trennen (unter Punkt zwei). Wir wollen ihn aus den Themenparks hijacken, weil er uns zu wertvoll scheint für ein Leben als Urlaubsanimation oder Werkzeugkistenteil, und ihn in die Praktiken der Transformation der westlichen Gesellschaften als deren Poetologie wieder einführen, also als Nachdenken über Wandel und als Versuch des Wandels selbst.

Unsere Begriffspiraterie ist dabei selbst schon ein poetologischer Akt, denn sie reflektiert die Ordnung und Gebrauchsweise von einem unserer größten Vermögen, der Fähigkeit, einfach mal weg und in anderen Welten zu sein: im Träumen, auch am Tag, im Phantasieren, im Dichten, im Wahrnehmen. Insofern ist die Rede davon, wir hätten keinen »Planet B«, eine Bankrotterklärung – Planet A ist ja in seinen Möglichkeiten längst noch nicht auserzählt. Solche Rede ist mehr Ausdruck einer Gesellschaftskrise als einer Klimakrise. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Wir hätten beliebig viele Ausgestaltungen des Planeten A zu unserer Verfügung, nur hat das TINA-Stakkato der letzten Jahrzehnte – There Is No Alternative in Sachen Bankenkrise, Migrationspolitik, Steuersenkung etc. – unser Bewusstsein davon eingeschränkt, um nicht zu sagen: vollends kolonialisiert. Wir, die Mittelschichtsbewohner[1] des globalen Nordens können uns einfach nicht mehr vorstellen, wie das gehen soll, ohne Eigenheim, Zweitwagen und Dritturlaub. Auch das machte die Notwendigkeiten der Coronakrise so irritierend und nachgerade irreal: Jetzt gelten alle Ansprüche plötzlich nicht mehr? Und sogar die Wirtschaft muss sich den epidemiologischen Notwendigkeiten unterordnen? Plötzlich, und ohne jede Debatte, vollzog sich, was Karl Polanyi schon 1944 als zentrale Antwort auf die »Great Transformation« hin zu einer Marktgesellschaft identifiziert hatte,[2] nämlich die Wiedereinbettung der Marktökonomie in die Gesellschaft mittels einer (zweiten) »Großen Transformation« (WBGU 2011). Natürlich ist einstweilen unklar, wie die Sache weitergeht, aber deutlich ist heute doch mehr denn je, dass die zweite »große Transformation« im Wesen kein Politikprogramm, sondern eine Gesellschaftspoetik sein muss: eine Anleitung für den Versuch, als Zusammenlebende mehr ineinander und in der Natur zu sehen als verwertbare Ressourcen.

Für die Frage nach der Methode liegt der entscheidende Akzent auf der Kreativität und ihrer Technik, wie das im obigen Seiler-Zitat zum »Brainstorming« und in der Disney-Definition der »creative und artistic expertise« aufscheint. Im Modus einer doppelten Rationalisierung sollen durch Kreativitätstechniken »Ideenfindungs- und Problemlösungsprozesse sowohl rationaler (also nachvollziehbarer) als auch rationeller (also effizienter) gemacht werden«, wobei ein utilitaristisches Verständnis von Kreativität vorherrscht, in dem noch in der immateriellen Arbeit die »tayloristische Effizienz- und Standardisierungslogik industrieller Produktionsprozesse« nachhallt (Mareis 2018, S. 157). Das »Engineering« in »Imagineering« bedeutet also nicht nur generelle Machbarkeit, Praktikabilität und Umsetzungskalkül, wie es in dem wohl um 1980 für das Themenpark-Highlight »Epcot Ride Horizons« formulierten Satz »If you can dream it, you can do it« zum Ausdruck kommt (was natürlich jeder Erfahrung zu jeder Zeit des Menschseins völlig zuwiderläuft). Sondern es unterwirft auch den Umgang mit Phantasien, Träumen, Tagträumen, Ideen und Assoziationen einer vereinnahmenden Ökonomisierung, die zentral ist für das »Kreativitätsdispositiv«, wie es sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Antwort auf den Affektmangel der zweiten Moderne ausbildet (Reckwitz 2012, S. 139/317). Das war mit einer Poetik im transformierenden Sinn nie gemeint; Kreativität ist, wie der Künstler Dieter Frölich zu sagen pflegte, nur etwas für Friseure.

Wenn man über Methoden nachdenkt, die zu einem Wandel der Gesellschaft im Sinne einer »Großen Transformation« führen können sollen, dann ist der reflexive Akt notwendig, sich zu fragen, ob das Vorgehen selbst nicht zutiefst imprägniert ist von den Kerneigenschaften des zu überwindenden Systems. »Imagineering« in seiner US-amerikanischen Bedeutungsgeschichte steht paradigmatisch für dieses Problem, das letztlich auch dazu führt, dass alle Träume gleichgemacht werden, alle Geschichten immer gleich erzählt und die Andersheit, im obigen Zukünfte-Sinn: die Offenheit, letztlich gestrichen wird auf Kosten der Konsumierbarkeit (Schaffer 1996). Imagineering in unserem Sinn soll hingegen dazu anregen, über das jeweilige Tun im Träumen und kollektiven Rumspinnen nachzudenken, also das »Engineering« reflexiv und nicht technisch zu verstehen. Dieser Blickwechsel scheint besonders wichtig bei einer der aktuell meistverbreiteten und beliebtesten Innovationstechniken, dem Design Thinking.

Für wen machst du das? (Zielgruppe)

Einer unserer Ausgangspunkte im gemeinsam unterrichteten Master-Kurs an der Universität St.Gallen im Frühjahr 2018, mit dem auch diese Buchidee aufkam, war folgende Frage: Was ist das eigentlich für eine Spannung, die das Spinnen und Träumen von anderen Welten mit der effizienzgetriebenen Praxis einer akzelerierten globalen Wirtschaft verbindet? Oder anders formuliert: Schaffen wir es in unserem einwöchigen Seminar-Zukunftslabor, das Wünschbare und das Machbare zusammenzubringen – und wie sieht das dann genau aus? Besonders die Suche nach dem Wünschbaren entpuppte sich dabei manchmal nicht als per se schwierig, sondern als umwegig, weil das ›wirklich‹ Wünschbare oftmals merkwürdig zugestellt erschien von sozialen Opportunismen, Kostenerwägungen und vor allem technischen Möglichkeiten, die bald verfügbar sein dürften. Das war natürlich einerseits in einer gut analysierten Wunschmaschinenökonomie nicht wirklich anders zu erwarten, andererseits erstaunten die Vorschläge dann doch, wenn sie in Richtung pure Elon-Musk-Apologie oder neofaschistische Nachhaltigkeitsdiktatur tendierten: Wie viel autonomes Individuum steckt eigentlich in einer höchst individualisierten Zeit? Wie viel Soziales in der Welt ubiquitärer sozialer Medien? Wie viel Wert hat der Mensch als Human Capital?

Neben vielen grundsätzlichen Fragen wurde eines noch einmal klar: Unsere Studierenden, wir, die kompetitiven 24/7-Weltwirtschaftswachstumsgesellschaften leben in einer pragmatischen Zeit, die sich mit dem »Engineering« wesentlich leichter tut als mit dem »Imagine«.

Warum aber ist das so? Wie konnte das passieren? Sind nicht alternative Ideen, Lebensentwürfe und Handlungsweisen seit fast fünfzig Jahren die nahezu einzige ordre de jour von allen vernünftigen Menschen mit dem Herzen am rechten Fleck? Schon 1972 erschien bekanntlich der »Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit« mit dem recht deutlichen, fast imperativischen Titel »Die Grenzen des Wachstums«. In den Tagen im Frühjahr 2020, in denen wir diese Einleitung schreiben, kollabierten in ersten Corona-Ahnungen die Börsen bereits angesichts der Erwartung, dass sich das Wirtschaftswachstum halbieren könnte, nota bene: nicht die Wirtschaftsleistung als solche, sondern das prognostizierte Wachstum der Wirtschaftsleistung. Wir wissen inzwischen, wie die Sache ausging. Aber der Fetisch Wachstum ist bei nahezu allen Ideen zur Veränderung der Welt zum irgendwie Besseren der sprichwörtliche elephant in the room, denn wie soll das bitte schön gehen, ohne Wachstum, ohne neue Arbeitsplätze, ohne Steuereinnahmen, ohne Umverteilung in die sozialen Bereiche? – Gegenfrage: Was würden wir uns denn wünschen, wie und wohin es gehen könnte?

Man muss bei der Suche nach Gründen für die grassierende Alternativlosigkeit im Denken sicherlich nicht so weit gehen wie der Ex-Brigate-Rosse-Terrorist und spätberufene Autor Renato Curcio und von einem »virtuellen Reich« Internet sprechen, das die Phantasie und ihre Produktion kolonialisiert und zu geistiger Versklavung geführt habe (Curcio 2017, S. 15ff.). Das alte binäre Lagerdenken aus den 1970er Jahren scheint heute, in einer fluiden Welt, in der ein kommunistisches Land der Champion der kapitalistischen Warenwelt ist, die Beschreibungen eher zu verschleiern, als die Klarsicht zu erhöhen. Plausibler, weil komplexer dürfte die Annahme sein, dass sich die alternativen Ideen und Energien in das polit-ökonomische System selbst verlagert haben. Das ist die These eines sichtlich frustrierten David Graeber, der sich in »The Utopia of Rules« wunderte, warum die Versprechungen, um 2000 werde man mit fliegenden Autos leben, in Kühlschränken eingelöst wurden, die den Füllstand der Milchflaschen vermelden. Seine Erklärung: Vor allem durch die Umwidmung von Forschungsgeldern hat sich seit den 1970ern eine Bewegung von der »poetischen« zur »bürokratischen« Technologie vollzogen, die heute zwar hyperintelligente Drohnen zur Serienreife gebracht hat, aber keine Roboter, die die unmenschliche Arbeit in Bauxit-Minen machen könnten (Graeber 2015, S. 120). Am Ende bleibt aber selbst Graeber noch ein wenig im Lagerdenken hängen, wenn er spekuliert, dass die Umwidmung der Forschungsgelder in den militärisch-industriellen Komplex sowohl den Sieg gegen die UDSSR als auch die totale Unterwerfung und Kontrolle der amerikanischen Bevölkerung zum Ziel hatte (ebd., S. 128).

Also vielleicht nicht auf dem Höhenkamm der Weltgeschichte oder dem Schicksalspfad ganzer Staaten und Gesellschaften, sondern in den kleinteiligen Mikropraktiken des betrieblichen und organisationalen Alltags hat sich dieser Wandel vollzogen, der das Andere in die Verwertungslogik gebracht hat. Folgt man Andreas Reckwitz in seiner Deutung zur Entstehung des »Kreativitätsdispositivs«, so ist es Individuen und Institutionen heutzutage unmöglich, nicht kreativ sein zu wollen (Reckwitz 2012, S. 9) – für Gesellschaften gilt das aber nur bedingt (Metelmann 2018, S. 108). So könnte sich das Nebeneinander von einem skandalösen Verharren in der »nachhaltigen Nicht-Nachhaltigkeit« (Blühdorn et al. 2020) der neoliberalen Konsumwelt und den Millionen von Innovationstrainings, Ko-Creation-Workshops und MakerSpaces für mehr Leistung, bessere Produkte und authentischere Kommunikation erklären. Es gibt tausend Alternativen außer der einen.

Dieser Widerspruch konkretisiert sich in einer in Unternehmen und an Universitäten sehr populären Technik des Wandels, dem Design Thinking. In ihrem Kern geht es dieser Teamtechnik darum, »Innovationen und Marktopportunitäten […] in der Schnittmenge von technologischer Machbarkeit, wirtschaftlicher Tragfähigkeit und Erwünschtheit des Nutzers [entstehen zu lassen]«, wie es eine Einführung zusammenfasst (Lewrick 2018, S. 13). Um dieses Ziel zu erreichen, sollte man ein heterogenes Team zusammenstellen (am besten interdisziplinär) und einen mehrphasigen Prozess durchlaufen, der von hoher Sensibilität für den wirklichen Nutzer-Wunsch und einem iterativen Schnell-scheitern-und-besser-Machen geprägt ist. Ein anschauliches Beispiel dafür kursierte schon um 2000 in den globalen Kreativ- und Beraterkreisen in Form eines Videos der legendären Innovations- und Design-Agentur IDEO, in welchem der Einkaufswagen des 21. Jahrhunderts in einem Tag erdacht und als Prototyp auch gebaut wird (abc News 1999).

In diesen Techniken, es gibt natürlich einige hier nicht zu referierende Spielarten von Design-Thinking-Ansätzen (vgl. Lewrick 2018, Nijs 2019),[3] steckt viel bemerkenswertes Change-Potenzial, menschliche Smartness und auch ein Höchstmaß an kapitalistischer Selbst-Adaptionsfähigkeit an den neuen Geist des mehr partizipativen, authentischeren Wirtschaftens (Seitz 2017).[4] Vor allem aber stellt sich aus unserer Sicht die Frage, wie geeignet diese kreative Methode für den gesellschaftlichen Wandel sein kann, wenn sie stets mit der Nutzer-Perspektive beginnt. Man kann sich die mehr oder weniger harmonische Allokation von Nutzerpräferenzen zumindest im Marktmodell ja noch einigermaßen zurechtmodellieren, wenn aber die Gesellschaft originär kein Markt ist (auch wenn sie dies im 20. Jahrhundert und besonders in den letzten 40 Jahren zunehmend geworden ist), dann lässt sich mit dem Design Thinking Mindset für die zweite »Große Transformation« nicht so viel anfangen – auch wenn sehr kluge Vertreter behaupten, man müsse die Iterationen nur oft genug mit verschiedensten Stakeholdern wiederholen, dann führe das in Summe doch zum Ganzen, der Gesellschaft.

Es gibt aber einen qualitativen Unterschied zwischen individuellen Nutzenkalkülen und den Regeln, Prinzipien und Umgangsformen, die ein funktionierendes demokratisch-rechtsstaatliches Gemeinwesen ausmachen. Ja, es lebt sogar, wie man in Abwandlung des berühmten Böckenförde-Paradoxes formulieren könnte, von Voraussetzungen, die es selbst nicht schaffen kann – und damit sind keine moralisch ausgerichteten Diskussionen um das Gemeinwohl und wer es bestimmt gemeint (Flick 2018), sondern zivilisatorische Grundparameter wie Menschenwürde, Autonomie und Freiheit, Frieden, Rechtsstaat, ökologisch-soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Die Herausforderung besteht darin, ein gelingendes Leben für viele als gelebte Praxis dieser Grundwerte zu imaginieren. Und der Mut besteht darin zu realisieren, dass die Nutzenoptimierung einzelner Gruppen diesem gelingenden Leben der Vielen im Wege stehen kann – weswegen es keine qualitative Änderung bringt, in immer neuen Wiederholungen die immergleichen Partikularnutzen aufzuhübschen: Wir müssen das öffentliche Wir in die Gleichung holen, mit der wir die Zukunft kalkulieren, und das hat eine methodische Konsequenz!

Welche Zukunft steckt in deinem Programm? (Wissensordnung)

Obwohl die alte Karl-Valentin-Einsicht, dass auch die Zukunft früher besser war, natürlich immer noch oder heute ganz besonders gilt, ist es für eine Reflexion auf die gesellschaftlichen Wandlungsprozesse wichtig, aus der stereotypen Klassifizierung in »gute« Zukunft und »schlechte« Zukunft herauszutreten. Natürlich ist es menschlich, sich zunächst zu fragen, ob das jetzt eher bergauf und bergab gehen wird, als gleichsam emotive Erstheuristik ist das okay. Doch ist es entscheidender, sich über das Wie des Zustandekommens der Zukunftsvision Gedanken zu machen: Wie ist das Bild entstanden, wie wurde das Morgen antizipiert?

Das Wissen um verschiedene Arten von Zukünften und die Fähigkeit, diese zu erkennen und angemessen zu arbeiten, ist in den letzten Jahren vor allem von der Futures-Literacy-Bewegung um Riel Miller gefördert worden (Miller 2018). Im Zentrum steht die (erlernbare) Fähigkeit, kompetent mit den Annahmen umgehen zu können, die der jeweiligen Zukunftsschau Struktur, Form und Inhalt geben – ganz analog zur strukturierenden Verteilung von knappen Ressourcen in einer Volkswirtschaft (Bergheim 2019). Es können grundsätzlich drei Produktionsweisen von Zukunft unterschieden werden: Prognose, Vorausschau und Antizipation.

»Auf Basis von Informationen aus der Vergangenheit werden zukünftige Entwicklungen vorhergesagt. Trends werden unter der Annahme weitgehender Stabilität und Kontinuität des Umfelds fortgeschrieben. […] Oft werden auf Basis bekannter Risiken auch mehrere alternative Prognosen erstellt.

Der zweite Zugang zur Zukunft ist die Vorausschau