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Es war einmal ein sechsjähriger Junge mit schwarzer Haut, der wurde von seinen Eltern für dreiundzwanzig Euro verkauft. Eine fremde Frau nahm Toumani mit in die große Stadt. Dort traf er Alissa, die sein Schicksal teilte, und bekam einen Plastikohrring als Pfand. Toumani wurde verkauft an einen grausamen Mann, dem er fortan dienen musste. Er lernte rohe Gewalt kennen und Willkür und kam beinahe ums Leben. Gerettet aus höchster Gefahr von einem Jungen mit Namen Iman verlor Toumani ein Bein – und gewann einen Freund auf Leben und Tod: Doch Iman trug schwer am eigenen Schicksal. Nicht schwarz, nicht weiß, von der Mutter verstoßen, ging sein Blick in die Ferne. Er kannte nur eine Hoffnung: die Flucht. Bis eines Nachts Alissa ihn ansah und festhielt, obwohl sie zu Toumani gehörte … Dieser aufwühlende Roman kreist um das Leben dreier junger Menschen in Afrika. Voller Sehnsucht nach Halt erfahren sie Freundschaft und Liebe, Hass und Verrat. Was klingt wie ein grausames Märchen, ist bitter und wahr. Assani-Razaki zeigt unvergesslich, was Menschen dazu bewegen kann, alles hinter sich zu lassen und ihr Leben einem Boot zu überantworten, mit Kurs auf Europa.
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Seitenzahl: 436
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Ryad Assani-Razaki
aus dem Französischen von Sonja Finck
Verlag Klaus Wagenbach Berlin
Die kanadische Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel La main d’Iman bei Éditions de l’Hexagone in Montréal.
Die Übersetzung aus dem Französischen wurde mit Mitteln des Auswärtigen Amtes unterstützt durch litprom – Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V.
E-Book-Ausgabe 2014
© Ryad Assani-Razaki
© 2011 Éditions de l’Hexagone
This edition published by arrangement with L’autre agence, Paris, France.
All rights reserved.
© 2014 für die deutsche Ausgabe:
Verlag Klaus Wagenbach, Emser Straße 40/41, 10719 Berlin
Alle Rechte vorbehalten.
Jede Vervielfältigung und Verwertung der Texte, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für das Herstellen und Verbreiten von Kopien auf Papier, Datenträgern oder im Internet sowie Übersetzungen.
ISBN 978 3 8031 4146 0
Auch in gedruckter Form erhältlich: 978 3 8031 3254 3
Hier/Ic
I
Isla
M
Iridiu
M
Zerstört/Infléch
I
Eisberg/Iceber
G
Unrein/Impu
R
Ballast/Impediment
A
Undankbar/Ingra
T
Unendlich/Infin
I
Indig
O
Illusio
N
Dem Schloss meiner Mutter,dem Ruhm meines Vaters,dem Beispiel meines Bruders.
Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, berichtete, dass der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, sagte: »Wahrlich, der Glaube (Iman) wird immer wieder nach Al-Madina zurückfinden, wie eine Schlange, die immer wieder zu ihrem Loch zurückfindet.«
Hadith 1876 von al-Buchârî und 210 von Muslim
Toumani
Alles begann mit zwei Händen und einem Tausch. Ich war damals ungefähr sechs Jahre alt. Es ist meine erste Erinnerung: Eine Hand, die meines Vaters, eine schwarze, schwielige, von der Feldarbeit staubige Hand, streckt sich einer anderen Hand entgegen, einer zarten, zierlichen, manikürten Hand, und diese Hand hält den größten Geldbetrag, den ich je gesehen hatte. 15.000 FCFA, 23 Euro, und mein Schicksal war besiegelt. Ich erinnere mich noch genau an das Gesicht meines Vaters, an die schwarze, von der Sonne gegerbte Haut, straff wie die einer Trommel. An sein Grinsen. Das Bild seiner gelben Zähne unter der hochgezogenen Oberlippe hat sich mir eingebrannt. Ich frage mich, was er in jenem Moment dachte. Was empfindet man, wenn man den eigenen Sohn verkauft? Leider sollte ich eine Antwort auf diese Frage bekommen, wenn auch erst Jahre später, als ich selbst den Menschen verriet, den ich am meisten liebte. Viele Jahre lang war ich wütend auf meinen Vater, nicht so sehr wegen dem, was er getan hatte, denn das konnte ich mir erklären, sondern wegen dieses Gesichtsausdrucks. Weder zufrieden noch traurig. Das Gesicht meines Vaters war zu einer Maske erstarrt, und mein Leben lang sollte ich versuchen, diese Maske zu deuten. Ich kann einfach nicht glauben, dass es Gleichgültigkeit war. Denn dann hätte mein Leben keinen Sinn, und ein Kind oder eine Kuh zu verkaufen wäre dasselbe. Ein reines Geschäft. Freude konnte es auch nicht sein, denn was soll man von einem Vater halten, der sich freut, wenn er sein Kind verkauft? Ein Drittel meiner Persönlichkeit stammt von meinem Vater, ein weiteres Drittel von meiner Mutter, und das letzte besteht aus meinen eigenen Erfahrungen. Ich will unbedingt glauben, dass ein ebenso großer Teil von mir unglücklich war, als ich später den Menschen verriet, den ich am meisten liebte. Was ist mit Traurigkeit? Keine Ahnung, ob ich mir wünsche, dass mein Vater an jenem Tag traurig war, denn das würde bedeuten, dass er glaubte, mich ins Unglück zu schicken, und es trotzdem tat. Was kann einen Mann dazu bringen, sein eigen Fleisch und Blut zu verkaufen? Not? Das bezweifle ich. Ich habe gelernt, dass man für Menschen, die man liebt, jede Not erträgt, dass man bis zuletzt für sie kämpft. Das hat mir Iman beigebracht.
Was auch immer mein Vater für einen Grund hatte, ich kostete 15.000 FCFA an einem Regentag. Sehr viel später würde ich so viel in einem Monat verdienen, und ich zitterte jedes Mal am ganzen Leib, wenn mein Chef mir am Monatsende die zerknitterten Scheine in die Hand drückte. Die Scheine, die mich kauften, waren neu. Sie waren steif und glänzend. Sie waren schön. Später erfuhr ich, dass die Frau, die mich kaufte und die mir befahl, sie Tante Caro zu nennen, bei der Bank vorbeigegangen war, bevor sie die Reise von der Hauptstadt in mein Dorf im Norden des Landes angetreten hatte. Sie unternahm diese Reise regelmäßig, mindestens einmal im Monat. Das war ihre Arbeit. Sie kaufte Kinder von ihren Eltern und verkaufte sie an den Höchstbietenden weiter. Ihre Kunden, bei denen die Kinder arbeiteten, zahlten Tante Caro monatlich eine feste Summe, und von diesem Geld kaufte sie noch mehr Kinder. Im Gegenzug durften die Kinder ihr Glück in der großen Stadt versuchen, und fünfzehn oder zwanzig Jahre später ernteten die Eltern die Früchte ihrer Investition: Das Kind, ihr ganzer Stolz, hatte eine Erziehung in der Stadt genossen, es war selbstständig und vor allem zivilisiert. Wenn alles gut lief. Ich habe mich oft gefragt, wie Tante Caro auf die Idee gekommen war, ihren Lebensunterhalt mit dem An- und Verkauf von Kindern zu verdienen. Eine Weile glaubte ich, das läge daran, dass sie selbst keine Kinder hatte, aber irgendwann kam ich zu dem Schluss, dass es leichter ist, wenn es die Kinder anderer Leute sind.
Ich kann mich nicht daran erinnern, wo meine Mutter an jenem Tag war. Vielleicht hatte mein Vater sie unter einem Vorwand weggeschickt, während er das Geschäft abwickelte. Aber sie wusste Bescheid, denn sie hatte mir ein paar Kleider zusammengepackt. Gleich nach unserer Ankunft in der Stadt warf Tante Caro meine Sachen weg und kaufte mir neue, um die letzten Erinnerungen an meine Mutter auszulöschen. Sie fragte, ob ich mich über meine neuen Kleider freuen würde. Doch der wahre Grund für ihre Großzügigkeit war, dass sie mich in der neuen Verpackung besser verkaufen konnte. Trotzdem war sie kein schlechter Mensch. Ich würde ihr später nicht mehr oft begegnen, und ich würde nie wieder so viele Stunden am Stück mit ihr verbringen wie auf dem Weg von meinem Dorf in die Hauptstadt. Nachdem ich mich zum letzten Mal in meinem Leben von meinem Vater verabschiedet hatte, rannte ich im Regen zu Tante Caros Peugeot 504, kletterte auf die Rückbank und setzte mich neben einen fremden Mann. Tante Caro stieg vorne neben dem Fahrer ein, und das Auto fuhr los. Obwohl ich zum ersten Mal in einem Auto saß, erinnere ich mich kaum noch an die Fahrt. Der Wagen, die verregnete Landschaft aus rotem Staub, der Mann neben mir, der Fahrer, das alles ist verblasst. Nur an eins erinnere ich mich genau: an Tante Caros Handgelenk zwischen den beiden Vordersitzen und an ihre Armreifen. Sie waren wunderschön. Tante Caros Hände waren unglaublich anmutig. Nie habe ich sie etwas anderes als Geldscheine anfassen sehen.
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