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Ein halbes Jahr vor ihrem Tod im Jahr 2004 berichtet Christine Coulin, genannt 'Ima', in einem mehrtägigen Interview mit ihrem Schwiegersohn und ihrer Enkelin von ihren frühen Lebensjahren und der Kriegszeit. Anschaulich und lebendig erzählt sie von der politischen Hellsichtigkeit ihres Vaters, der Odyssee ihrer Hochzeit, weil der Bräutigam dem Nazi-Beamten nicht arisch genug war, und wie sie am Ende des Krieges mit viel Glück hochschwanger zu Fuß in ihre schwäbische Heimat zurückkehrte. Die Transkription hält sich treu an die im Laufe des Interviews zunehmend durchbrechende schwäbische Mundart. Zahlreiche Fotos bebildern diese packende Familiengeschichte.
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Seitenzahl: 215
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Du siehst immer nur einen Teil von dir und du kannst nie ganz sehen. Und du hörst so, wie du dich hörst, aber der andere hört sich mit seinen Ohren und auch wieder anders.
Ima, 2004
Zustandekommen des Interviews
Anstelle eines Vorworts
Biografische Eckdaten Christine Coulin
Stammbaum Familienzweig Ima
1. VORFAHREN, HERKUNFT UND KINDHEIT
Die Urgroßmutter
Kennenlernen der Großeltern
Werdegang des Vaters Ludwig Schmidt
Ansbach
Nürnberg
Umzug nach Tübingen
Sexuelle Aufklärung zwischen den Kriegen
Rund um die Stiftskirche
Schulzeit in Tübingen
Das modische Fräulein Fuchs
Der Verehrer
Das Pflichtjahr
2. LIEBE UND POLITIK ZUR NAZIZEIT
Politisches Bewusstsein in der Familie Schmidt
Glaube und Widerstand
Ima trifft Ita – das Kennenlernen
Leipzig
Das zerbombte Stuttgart
3 KRIEG, EHE UND FLUCHT
Tata auf den Spuren seiner Familie
Landung der Amerikaner – Ita in Italien
Heirat mit Hindernissen
Leben in Korneuburg
Wien
Imas Flucht
Die Heimkehr
Flucht Ita
Die französische Besatzung
Karl Julius am Ende des Krieges
4. NACHKRIEGSZEIT
Geburt Hannes
Die Versöhnung
Zeit nach dem Krieg
Stuttgart, Geburt Ludwig und Ita in Amerika
Vaihingen
Eine Geschichte aus der Familie Fuchs
Ergänzungen und Berichtigungen
Das Interview von Paula und Axel Deubner mit Ima fand im Frühjahr 2004 statt. Axel hatte 2003 an Imas 80. Geburtstag den Eindruck gewonnen, dass seine Schwiegermutter bald sterben könnte und deshalb forciert, dass sie mit ihm und Paula, ihrer Enkeltochter, das lange geplante Interview durchführt. Die Beweggründe waren zum einen, ihre Erinnerungen lebendig zu halten, und zum anderen, über die Zeit während des Krieges und die Nachkriegsjähre mehr zu erfahren. Dazu waren sie drei Tage auf der Schwäbischen Alb in der ‚Familienscheune‘, in der Ima lebte. Was man dem gedruckten Text nicht ohne Weiteres entnehmen kann, ist die melodische Stimme, mit der Ima ihre Zuhörer fast wie bei einer Beschwörung in Bann ziehen konnte. Deshalb findet sich am Ende des Buches ein Link zu einem Hörbeispiel im Internet. Ima starb am 11. November 2004.
Tata – Klaus Coulin – Claudius Coulin, auch Ita
Tata ist das siebenbürgische ‚Papa‘ und Ita das siebenbürgische ‚Opa‘
Rede Maio Deubner-Coulin zu Imas 80. Geburtstag am 11. Juli 2003
Du wolltest aus Paritätsgründen eine Rede von mir, die will ich dir jetzt halten. Ich werde nichts Anderes tun, als aus deinem Riesenfundus an dramatischen Geschichten zu schöpfen und aus den Geschichten, die wir mit dir erleben konnten. Ich werde es jetzt nicht so machen, wie ihr es noch am Telefon gelernt habt. Ich fasse mich kurz. Ach ja, das Telefon! Dem Überlieferten treu hast du lange an einem wandhängenden Telefonapparat sozusagen gehangen, bis deine Gesundheit dir ein Tischgerät aufzwang. Jetzt hast du auch den Kabelsalat.
Ich hab mich immer über dein spezielles Verhältnis zur Technik gewundert, aber als du vor 80 Jahren in Ansbach zur Welt kamst, gab es das alles noch nicht so einfach. In den Laden deiner Oma kam ja noch eine leibhaftige Prinzessin zum Einkaufen, im Auto mit Chauffeur. Das wird ein tolles Gefährt gewesen sein.
Nachts um halb zwei wurdest du geboren, in einem kleinen, bedrohten Zwischenfrieden. Deine Eltern waren ein, für damalige Zeiten, spät berufenes Ehepaar. Der Krieg und die lausigen Zeiten waren schuld daran. Auguste Christine Dorothea nannten sie dich, Rufnamen Christel, verkleinert zu Tienele oder Tinchen, und Karle, dein Bruder nannte dich Juschtl. Es war für uns Kinder nicht leicht zu verstehen, warum dein Nennname nicht Christel war, sondern Juschtl, aber irgendwann haben wir es doch begriffen.
Dein Vater Ludwig Schmidt war ein strenger, aber nicht gänzlich humorloser Mann, fromm und kirchentreu, und deine Mutter, Christine Rosine Schmidt, geborene Fuchs, stand ihm darin in nichts nach. Allerdings hat Vater Ludwig schon mal sein ganzes Gehalt für die kirchliche Jugendarbeit ausgegeben und daraufhin Frau und Kinder nach Tübingen geschickt, ansonsten hätten sie darben müssen. Wie Männer halt so sind, wenn sie großen Ideen treu ergeben sind. „Was schert mich Weib, was schert mich Kind, laß sie betteln gehen, wenn sie hungrig sind“ (Zitat aus Die Grenadiere von Heinrich Heine). Zur Ergänzung muss man wohl hinzufügen, dass wir uns damals in Zeiten befanden, in denen das Gehalt auf dem Leiterwagen nach Hause gefahren wurde. Das war trotzdem eine frühes Trauma, nicht Vater Ludwig sorgte für Nahrung, sondern Christine Fuchs Witwe mit ihrem Stoffladen und ihren Gütles.
Einen kleinen Webfehler hatte Christine Coulin, damals Schmidt: Sie war kein Junge. Und Vater Ludwig hätte nun mal gern nach dem ersten Kind Beate einen Knaben gehabt. Aber so schnell hat Gott diesen Wunsch nicht erhört. Erst kam noch eine Liesel, dann der Umzug nach Tübingen. Dieser fand statt, weil deine Mutter den Laden weiterführen musste, denn deine Großmutter war am Ende ihrer Kräfte. In Tübingen werden deine Brüder geboren, Karl Julius, Klaus und Heimo. Beate, Christine und Liesel wurden von Elis und Friedel gequält, die als Babysitter fungierten; das waren deine Pflegestiefschwestern. Und sie waren eine ständige Quelle des Unfriedens. Petzen eben, wie Kinder halt so sind in dem Alter, und Kinder waren es nun mal.
Du wiederum durftest dann in Tübingen den Karle quälen, allerdings unfreiwillig. Er ist dir beim Aufpassen, du warst sieben Jahre alt, zwischen die Füße geraten. Dafür gab es Schläge von Vater Ludwig, der gläubig, wie er war, die Rute nicht schonte. Schläge, die du trotzig schweigend hingenommen hast, wie alle anderen davor und danach. „Die Fraid mach i meinem Vadder et, dass i heul“ hast du dir jedes Mal gedacht. Dein Vater berief sich auf die Bibel bei seinen Erziehungsmethoden, aber er berief sich auch auf die Bibel, als er der Hitlerei trotzte und von euch dasselbe verlangte.
Euer zu strafendes Sündenregister war lang: Es war verboten, die ausgehängten Bilder am Tübinger Filmtheater anzusehen, es war verboten, bei der Kirschernte von diesen zu essen, war verboten bei den häuslichen Verrichtungen säumig zu sein, ich vermute, dass es verboten war, sich dreckig zu machen, in der Nase zu bohren und sonntags nicht zur Kirche zu gehen. Und ganz bestimmt war jede Anwandlung pubertärer Stimmungen verboten. Aber ihr machtet schöne Ausflüge auf die Alb und kirchliche Freizeiten und das hast du bei uns auch gefordert und gefördert, schön war das.
10 Jahre warst du alt, als trotz der Warnungen deines Vaters (er war einer der Wenigen, die das Machwerk „Mein Kampf“ gelesen hatten), trotz des Unwillens deiner Mutter und deiner Großmutter, Hitler die Macht ergriff und damit euer Leben zeichnete. Mit 10 Jahren kommt man gerade an die weiterführende Schule. Du durftest auf die Wildermuthschule in Tübingen und wurdest und bliebst eine Außenseiterin, weil du nicht im BDM warst und deine Eltern nicht in der Partei waren. Zur Strafe musstest du mit den wenigen jüdischen Schülerinnen, die noch auf der Schule verblieben waren, zum weltanschaulichen Unterricht – Runenschrift lernen, „Mein Kampf“ lesen und anderen Krampf, Rassenlehre und dergleichen. Du wusstest besser Bescheid als die Nazis. Du hast dich mit dem Witz gerächt: „Zwischen drei ond fünfe kommt dr Vierer (Führer) und alle waren ganz aufgeregt – ‚Au wo, au wo??‘“ Deinen Vater hätte es fast ins KZ gebracht; die Außenstelle war auf dem Heuberg bei Tübingen. Da gab es noch die Redensart: „Bass uff, was de saggsch, sonschd kommsch uffn Heuberg, damit d’schneller braun wirsch.“
Ihr wart in der Bekennenden Kirche. Deine Mutter bekam trotzdem gegen ihren Willen das Mutterkreuz, das sie wütend in eine Schublade mit Krimskrams pfefferte. Ihr habt unzählige Theologiestudenten durchgefüttert. An eurem Esstisch war so wenig Platz mit euch und den Gästen, dass ihr nur mit eng angelegten Ellebogen essen konntet, und es gab nur wenig, damit es für alle reichte. Die Gänse, Kaninchen und Lämmer, die man dir in allen erdenklichen Zubereitungsarten vorsetzte, hast du verschmäht, weil man erst die süßen Tiere hätschelte und dann verspeiste. Das hat dir nicht gefallen. Ein weiteres Trauma. Nie mehr hast du Fleisch von diesen Tieren auf den Tisch des Hauses gebracht, leider. Dabei kannst du ganz gut kochen.
Es gab allerdings auch Tage, da schmeckte dein Essen nicht. „Eich ghert Zong gschabt!“, hast du dann geschnaubt! („Euch gehört die Zunge geschabt.“) Als Zulage gab es aber immer unendliche Geschichten von dir über die weitläufige Verwandtschaft und über dein Leben. Deine große Leidenschaft war und ist – neben dem Erzählen – das Nähen und das Klavierspiel. Mit beidem konntest du dich den Unbillen der Welt entziehen. Auch die Querflöte war dein Instrument – wer bei Euch zuhause übte, musste nicht helfen. Für deine Puppen hast du zunächst im Hinterhaus auf der Stiege genäht. Da konnten sie dich nicht finden. Das Nähen konntest du später gut brauchen, um immer nach der Mode gekleidet zu sein. Und wenig drauf deine Kinder genauso einzukleiden. Auch die Enkel profitierten von deiner Kunst und noch jetzt kleidest du ihre Puppen ein.
Nach deiner Verlobung mit Klaus Coulin durftest du in Leipzig Musik studieren, beim großen David. Der widmete dir sogar ein Lied. Verkürzt wurde dieses Studium durch den Arbeitsdienst in den letzten Kriegsjahren. Auch die Bombardierung wirkte sich nicht günstig aus. Im unbeheizten Zimmer mit dem Köfferchen unter dem Bett hast du trotzdem unverdrossen weitergemacht. Gesang hast du ebenfalls studiert. Davor musstest du allerdings noch einige Stationen durchleiden. Da wäre das Pflichtjahr, in dem du hart rangenommen wurdest, die Gänse hassen gelernt hast und zum Putzen ein inniges Verhältnis aufgezwungen bekamst. Deine Mutter kam dahinter, dass es dir schlecht ging, und hat dich wieder mit nach Hause genommen.
Die Handelsschule hast du nach der mittleren Reife absolviert, weil du mit deiner freundlichen Art in den Laden solltest. Und dann war noch die Warte- und Probezeit bis zu eurer Hochzeit. Den Klaus Coulin hatte dein Vater schon von Weitem gerochen, ihr wart beide unabhängig voneinander zu einer Hochzeit deiner Freundin mit einem Siebenbürger eingeladen. Vater Ludwig wollte dich nicht gehen lassen. „Da lernst du nur so einen blöden jungen Mann kennen, und den heiratest du dann“, war seine Begründung. O Väter! Diese Prophezeiungen! Im Grunde war Klaus ein Immigrant. Er sprach komisch, fand die Strenge deines Vaters unmöglich und zeigte das auch. Er, der verwöhnte Sohn aus einem bürgerlichen Elternhaus, und du, wohlerzogen, wie es sich gehört. Das fand dein Vater nicht gut. Dennoch – Klaus kam, sah und siegte. Er war so verliebt und gut gelaunt, dass du dachtest, der ist immer so, mit dem wird das Leben schön. Und außerdem versprach dieser fremde Jüngling ein abenteuerreiches Leben, und das Abenteuer liebst du heute noch. Du bist auch jetzt zu mancherlei Unsinn verführbar und verführst selbst. Eine eingefleischte Anarchistin wie du wagt immer noch ein Tänzchen, obwohl du beide Hüften operiert hast. Für die Zeit nach dem Krieg versprach Klaus ein Leben im Schloss in Ungarn mit Dienstboten. Da konntet ihr noch nicht absehen, wie gründlich die Hiflerei den Karren an die Wand gefahren hatte, und wie gravierend die Folgen für eure Familie sein würde.
Von dir selbst hast du berichtet, dass du bis dahin immer fröhlich gewesen seist. In deiner Lebensbeschreibung sind wir jetzt etwa beim 20. Lebensjahr angelangt, aber deine Innenansicht ist damals und heute auch noch etwa beim 9. Lebensjahr fixiert. Bestimmt warst du nicht immer fröhlich. Man sollte das Wörtchen „immer“ nicht ernst nehmen. Würde man es durch „gern“ ersetzen, träfe es eher zu. Ich erinnere mich jedenfalls auch an durchwachsene Zeiten. Du konntest sehr böse werden, und wo deinem Mann schon mal die Hand heftig ausrutschte, hast du wie dein Vater die Rute bei uns Kindern nicht geschont. Allerdings war deine Rute der Griff vom Teppichklopfer mit der Metallhülse am Ende.
Zurück zur Hochzeit. Vater Ludwig war dagegen sehr und prophezeite wieder mal richtig: „Der Mann ist nicht gut für dich, der wird mit anderen Frauen rummachen!“ Dabei war Klaus so brav, kann ja sein, dass die Frauen mit ihm rumgemacht haben. Was war der Vater Ludwig auch so dagegen. Da musstest du ja schon aus purem Trotz heiraten und du hast doch eine kluge Entscheidung getroffen! Du und ein biederer Schwabe, das wär nimmermehr gutgegangen. Du hättest dich zu Tode gelangweilt. Bei eurem ersten gemeinsamen Spaziergang – also am Anfang – stand natürlich ein Kuss. Worauf du dir den Mund abgewischt hast und meintest: „Das Geschleck mag i ned.“ Worauf Klaus wusste: Die ist noch totale Jungfrau. Wow. Nix wie ran, meine Prinzessin! Diese Spaziergänge fanden mit Aufpasser statt – die Brüder Karle und Klaus Schmidt, die Klaus Coulin sehr schnell lieb gewannen und immer weniger aufpassten. Dann gab es, wie gesagt, Verlobung, Studium musicale in Leipzig, dramatische Briefe von Mutter Christine Schmidt an Tochter Christine, zu Klaus Coulin, zu Beate und durcheinander und zu Herrn Ludwig Schmidt. Der im kalten Zorn verkündete: „Wenn du diesen Mann heiratest, bist du meine Tochter nicht mehr!“ Die Hochzeit nach deiner Volljährigkeit fand mit Klaus in Hammer am See statt. Auch gegen den Willen des Führers. Die blonden Frauen sollten blonde Kinder gebären für die neue Herrenrasse und Klaus war definitiv nicht blond. Von Hammer am See ging es dann nach Wien und von da wieder nach Leipzig. Klaus musste nach Italien, Hannes war da schon unterwegs und weil die Russen im Anmarsch waren, floh Christine nach Tübingen. Wo ihr Vater ihr die Hand zum Gruß verweigerte. Er hatte sie ja verstoßen. Wo er doch hätte froh sein können, dass sie noch am Leben und sichtlich in anderen Umständen war, je nun, die Flucht war so ungewöhnlich, wie so Fluchten eben sind. Sie wurde zudem noch erschwert durch zwei Koffer und einen Rucksack und den Hannes im Bauch. Da sieht man mal, was man mit Trotz leisten kann, die große Kämpferin, die sogar den Krebs besiegt hat. Mit Gottvertrauen und den Gebeten der Großmutter, die „kleine Oma“ genannt wird, als der Hannes geboren wird.
Die kleine Oma ist die Lieblingsoma von dir. Sie hat dir, als du klein warst, Gsälzbrot mit Butter gemacht. Erst Gsälz (Marmelade), dann Butterstückchen, und beides reichlich. Diese Oma nimmt dich jetzt auf, und dann den Hannes und den Klaus, als der im Zusammenbruch aus Korneuburg desertiert. Als der Hannes erst mal da ist, gibt es die Versöhnung mit deinem Vater und sogar Klaus Coulin wird in Ehren aufgenommen. Zum Glück für uns Kinder gab es keine ordentlichen Kondome in der Nachkriegszeit. So kommt bald die Maio, dann die Christel und du musst mit den Musikstunden aufhören, weil du, hungrig und übermüdet, keine Kraft mehr hast.
Wir befanden uns jetzt in den schlimmsten Hungerzeiten nach dem Krieg. Tübingen war französische Besatzungszone. Die Franzosen waren selbst ein ausgepowertes Volk und hatten nichts zum Verteilen. Auch das wird ein Trauma für dich, die Angst, zu wenig zum Essen zu haben. Und jedes Mal, wenn während des Kalten Krieges wieder mal eine Weltkrise fällig ist, schickst du mich Zucker kaufen, weil es Krieg gibt. Wir hatten Glück. Es gab dann doch keinen mehr, und du lebst jetzt schon bald 60 Jahre im Frieden. Und in der Küche bist du eine leidenschaftliche Gsälzköchin (Marmelade) geworden. Wehe man will Brot essen in der Nähe der Küche; essen darf man das Gsälz erst, wenn es 2 Jahre alt ist und vergraut. Die letzten Gsälzreste aus Hohenheim haben Axel und ich entsorgt. Du kochst Unmengen Apfelsaft, dick und sämig, aus den Äpfeln, die wir von Tübingen bekommen. Und Weihnachten gibt es Gutsle (Süßigkeiten), von denen wir ausgiebig vor Weihnachten naschen.
Kaum ist der Krieg und die Hungersnot vorbei, köchelt der Familienkrieg hoch. Er entbrennt mit alttestamentarischer Wucht ums Erbe, wobei die gute Oma Christine, Frau von Ludwig, und derselbe nicht ganz ohne Sünde sind. Aber so was kommt in den besten Familien vor, gerade da!
Es gibt einen Umzug nach Stuttgart und so fern der Heimat lernst du deinen Mann erst mal richtig kennen. Davor lebte Klaus nämlich hauptsächlich in Stuttgart und kam selten nach Tübingen. Das geht in allen guten Ehen so und ist weiter nicht tragisch, heutzutage wartet man ja noch ein bisschen mit dem Heiraten und Kinderkriegen. Ihr aber habt schon drei. Zur Versöhnung gibt es ein viertes, den Ludwig. Dein Körper, durch Geburten und Hunger geschwächt, spielt nicht mehr mit, obwohl das die erste Klinikgeburt ist. Deine Geschwister helfen dir. Bruder Klaus, Schwester Liesel und Bruder Karle sind mir als Babysitter in starker Erinnerung. Obendrein wurde Ludwig geboren, als dein Mann für ein Jahr in Amerika war, und als er zurückkam, hatte er eine schwere Diabetes.
Ich erinnere mich an verschiedene Hausmädchen. Eine klaut dir deine BHs, Schande über ihr Haupt. Eine war lieb, eine war dreist und dann kam Frau Knall, die blieb dir relativ lange erhalten. Nach der Amerikareise ging Klaus als Wolkenkratzer zum Faschingsball. Überhaupt seid ihr öfters ausgegangen. Schön gekleidet und geschminkt hast du dich von uns verabschiedet und Hannes und mir aufgetragen, gut auf unsere Geschwister aufzupassen. Du gingst in den Chor, hast Musik gemacht und uns vorgesungen: „Warum, warum, wa-warum, warum hat denn die Kokosnuss noch immer keinen Reißverschluss ...“
Ich erinnere mich auch an Honigbrote, auf die du mit Honig unsere Namen malst, und an Kommando Bimberle und Alle Vögel fliegen hoch nach dem Essen. Und dann kommt Vaihingen und die Geburt von Sami, Karle zog für eine Weile in Vaihingen unters Dach und deine Nähmaschine ratterte fast täglich. Du hast dich gequält mit Dr. Kuosas Diät, Reistagen und Hollywoodkuren und in der Zwischenzeit genüsslich geschlemmt, du bekamst ein Klavier, ein Cembalo, Hannes lernte Geige und Maio Cello (damit wir Quartett spielen können). Und ewig rattert die Nähmaschine, Hausmädchen kommen und gehen. Dein Mann und du haben ständig Einladungen. Auf manchen wird musiziert und gelegentlich hast du kleine Auftritte mit der Querflöte. Endlich gibt es auch eine elektrische Nähmaschine, einen Kühlschrank, einen elektrischen Blocker (Bohnermaschine) und – last but not least – ganz spät eine Waschmaschine. Zwei Jahre vor der Waschmaschine kam noch die Butzi. Aus Paritätsgründen. Es steht jetzt 3:3. Dafür, dass du eigentlich gar nicht heiraten wolltest, hast du ganz schön viele Kinder gekriegt. Eines so gut gelungen wie das andere, lauter Individualisten.
Und du führst uns mit deinem Klaus deinen Schwiegereltern in Rumänien vor. Eine Reise, von der wir beinahe nicht zurückgekommen wären. Verlorene Pässe, Autounfall und Mauerbau ergaben eine Gemengelage, die uns fast eine Zukunft in Rumänien beschert hätte. Unser Familienleben wurde ab und zu unterbrochen, von einer Kur oder einem Schwangerschaftsklinikaufenthalt, wo du dann schmerzlich gefehlt hast. Aber du kamst immer wieder zurück. Schwierig war für uns deine schnelle Auffassungsgabe und hohe Intelligenz. Es war dir völlig schleierhaft, dem Klaus übrigens auch, warum wir keine besseren Schulnoten hatten. Und immer hast du Musik gemacht, Gäste empfangen, irgendeinen Geburtstag, eine Taufe oder eine Konfirmation ausgerichtet. Du hast uns alle, wie die Katz die Jungen, nach Hohenheim geschleppt, als der Tata dort Amtsvorstand wurde. Und nach dieser Kraftanstrengung warst du mal wieder vollends kaputt. Oh, du hast dich wieder berappelt. Unkraut verdirbt nicht, und du bist eine trotzige Kämpferin. Für uns Heranwachsende gab es wunderschöne Feste und Austauschschüler und -studenten.
Aber du hast doch Halt gesucht, du wärst gern Feministin gewesen. Das war leider schlecht machbar mit Mann und sechs Kindern. Du hast die Weberei erlernt an der Fachschule in Sindelfingen. Eine große Meisterin wurdest du auf jeden Fall in allen Textilien. Du hast Spitzen okkuliert und geklöppelt. Du hast gewebt, genäht, gestrickt, gehäkelt, Nadelspitzen gemacht und an der Webschule meinten sie, dein Gesellenstück sei eigentlich ein Meisterstück.
Du hast eigene Wege gesucht und deine Kinder flogen dir davon, was nur natürlich war. Dein kranker Mann konnte dir die Unterstützung nicht geben, die du gebraucht hättest, du hast es mit den fernöstlichen Weisheiten versucht. Japan, dessen Zen-Buddhismus du unter Anleitung der fragwürdigen DZOrtschy praktiziert hast, hat auch den Vorteil, weit weg zu sein. Ich persönlich habe mich mit China gerächt. Im Nachhinein kann ich mich schippelig lachen über Gespräche, in denen du mich von Yoga und Za-Zen überzeugen wolltest, und ich dich vom großen Vorsitzenden Mao. Du hast eine Welt gefunden, in der du weitgehend auf unsere Teilnahme verzichten musstest. Wir schlagen uns so durch, ein jedes Kind auf seine Weise.
Nach einer aufregenden Ehe hast du dich mit deinem Mann wieder versöhnt und ihn begleitet, bis er starb. 1992 hast du ihm im Kreis deiner Familie das letzte Geleit gegeben, der Abschied ist dir schwergefallen, auch wenn es eine schwere Aufgabe war, mit ihm verheiratet zu sein. Da hat euch schon manchmal die unterschiedliche Art, Liebe und Zuneigung zu zeigen und zu ersehnen, im Weg gestanden. Deine war eher vom recht spröden Tübinger Elternhaus geprägt. Seine von großherzigem Charme. Du kannst ganz gut über deine Schatten springen. Je älter du wirst, desto besser gelingt dir das. Du hast dich auch mit deiner Schwester Beate wieder versöhnt. Auch wenn dir dein Trotz noch geblieben ist. Der Trotz, dem die DKP in Hohenheim ihre einzige Stimme verdankte. Der dich noch kurz vorm Tod deines Mannes in die Wahlkabine trieb, weil der partout CDU wählen wollte. Du musstest dann SPD wählen, damit es sich aufhebt. Überhaupt war es schön, euch beim Kabbeln und gegenseitigen Ärgern zuzusehen. Und wenn du protestiert hast, sagte dir der Klaus: „Du bist die Schönste und Beste und die Frau meiner Träume.“ Du bist inzwischen Urgroßmutter, deine Kinder sind fast alle im Oma- und Opaalter, du kannst also noch öfter Urgroßmutter werden! Wir sind viele, 18 Enkel und 1 Urenkel umgeben dich heute. Damit liegen wir weit über dem Durchschnitt. Die 36 haben wir leider nicht geschafft, aber jetzt sind die Enkel dran. Die schaffen das locker, du kannst ganz zufrieden auf dein Leben zurückblicken und so in den nächsten Tag gehen, wie du es gern hast – fröhlich.
12.7.1923
Geboren um 1:30 Uhr in der Katharinenstraße 18 in Ansbach als zweites Kind von sechs des Ludwig W. Schmidt und der Christine Schmidt (geb. Fuchs).
1926
Umzug nach Nürnberg
1929
Umzug nach Tübingen
1938
Schule bis zur Mittleren Reife, Konfirmation
1938-39
Sogenanntes Pflichtjahr in Trautberg bei Castell (Mainfranken): Erziehungsheim für schwererziehbare Kinder der evangelischen bayerischen Landeskirche
1940
Handelsgehilfenprüfung in Calw an privater Handelsschule (renommiert, da auch Sprachen, Werbung, moderne Buchführung etc. unterrichtet wurden). Plan des Vaters, ihr Handel mit Kunstgewerbe zu überlassen: Handgedrechseltes, Schmuck u. dgl.
1940-42
Hilfe im Laden zuhause (Buchhaltung und Beratung)
1942
Ita hat sein Diplom als Architekt
Okt. 1942
Begegnung mit Ita bei der Hochzeit von Georg Scherg (Siebenbürger)
18.2.1943
Goebbels erklärt den „Totalen Krieg“
1.7.1943
Ita tritt in die Wehrmacht ein
1943-44
Musikstudium bei Prof. David in Leipzig an der Musikhochschule
Frühjahr 1944
Die Hochschule wird geschlossen
18.10.1944
Standesamtliche Heirat, am 23.10. kirchliche Heirat in Hammer am See bei Reichenberg. Anwesend: Martins Verlobte Beate, „Haseri“ Elisabeth, Georg Scherg
ab 1944
Leben in Korneuburg
April 1945
Ostersonntag: Flucht nach Tübingen
Aug. 1945
Ita kommt nach Tübingen
Sept. 1945
Hannes wird geboren
Juli 1947
Maio wird geboren
Okt. 1948
Christine wird geboren
1949
Umzug nach Heslach
1950
Ita in Amerika
Okt. 1950
Ludwig wird geboren
1953
Umzug nach Vaihingen
Sept. 1955
Sami wird geboren
März 1959
Butzi wird geboren
1963
Umzug nach Hohenheim
1973
Umzug auf die Alb nach Gächingen
Nov. 1992
Tod Ita
Stammbaum Familienzweig Ima
Ima:
Von Vaters Seite weiß ich also auch noch Aussprüche von der Urgroßmutter, und die hieß Eleonore Friederike. Und das war also ungewöhnlich, dass eine Frau, ein Mädchen, „Eleonore“ heißt. Friederike, ja, das war die Schwester von Friedrich dem Großen, die so hieß, das war in Adelskreisen üblich. Meine Urgroßmutter hatte eine Freundin, die war vom niederen Adel und hieß eben so, Eleonore. Und meine Ur-Urgroßmutter, von Mutters Seite väterlicherseits, die hat dann meiner Urgroßmutter diesen Namen gegeben, sie hieß dann nach dieser Freundin ihrer Mutter. Sie hatte Mutterwitz: Wenn sie niesen musste, meine (Ur-)Großmutter, und keiner sagte „Gesundheit!“, dann sagte sie: „G’sundheit! Dank schön. Olles muss ma selber sogn.“
Ima:
In der Gegend dort war es üblich, dass man erst geheiratet hat, wenn man den Hof gekriegt hat, wenn die Alten den Hof abgetreten haben, ins Ausgeding gingen.
Axel:
Wohin gingen?
Ima:
Ausgeding – sie bekamen ein kleineres Häuslein, das Altenteil. Und dann konnte man also erst heiraten. Dann war es meistens so, dass also bei der Hochzeit ein ganzer Schwanz Kinder hinterher lief, die alle noch ledig geboren waren und nicht verheiratet. Meine Großmutter hatte dasselbe Schicksal. Sie war verlobt mit einem reichen Bauernsohn, aber die Eltern gaben den Hof nicht ab, weil sie nicht aus einem so reichen Hof kam, wie sie wollten. Und die hatte dann schon zwei Kinder von dem, aber die Alten haben den Hof nicht abgegeben, und so konnte sie nicht heiraten. Denn ohne Hof – von was ernährt man sich? Das war also nicht möglich. Da saß sie also da, mit zwei Kindern, und hat da also ihren Andreas Schmidt geheiratet ...
Axel:
Den Bauern hat sie dann nicht geheiratet?
Ima:
Nein, weil er den Hof nicht bekommen hätte.
Axel:
Aha. Und der hat dann jemand anderes geheiratet? Eine, die reicher war?
Ima:
