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Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. »Kurz gesagt: Er macht mich wahnsinnig!« Ellen Wildhagen schob sich mit einer gewissen Angriffslust ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte in den Mund, neidisch beobachtet von ihrer besten Freundin und Vertrauten seit Jahrzehnten, Gabriele Meyerbeer. Ellen konnte essen, was sie wollte, nichts setzte an bei ihr, sie war so rank und schlank wie eh und je. Und sie war immer noch, dachte Gabriele, eine schöne Frau. Ein zartes, gut geschnittenes Gesicht, das von dunklen Augen beherrscht und von Haaren eingerahmt wurde, die allmählich einen schönen Grauton bekamen. Und was auch immer sie anzog: Sie sah elegant aus, selbst in Jeans. Missmutig betrachtete Gabriele den trockenen Sandkuchen, den sie sich genehmigt hatte. Schwarzwälder Kirschtorte hätte sie für ihr Leben gern wieder einmal gegessen, aber wenn sie nicht aufpasste, war bald die nächste Kleidergröße fällig, das wollte sie nicht riskieren. Sie war schon als Teenager pummelig gewesen, zu ihrem größten Leidwesen. Gemildert worden war das Leid freilich durch das überaus rege Interesse des männlichen Geschlechts an ihr, weil sie schon früh weibliche Kurven bekommen und außerdem ein hübsches Gesicht hatte. »Lass ihn sein Leben leben«, sagte sie milde. »Er ist erwachsen, und nach allem, was ich weiß, geht es ihm gut, also lass ihn in Frieden.« Ellen blickte auf, ihr Blick war empört. »Er ist mein Sohn, schon vergessen? Und er versauert in seiner Junggesellenbude, schreibt seine blöden Romane und denkt nicht einmal daran, auch mal vor die Tür zu gehen. Zwei Freunde hat er, genau zwei, mit denen er sich regelmäßig trifft, aber die sind auch nicht viel besser als er. Und von einer Freundin war schon seit längerem nicht mehr die Rede.« »Soweit du weißt«, bemerkte Gabriele und biss zum ersten Mal von ihrem Sandkuchen ab, ein winziges Stück.
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Seitenzahl: 116
Veröffentlichungsjahr: 2021
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»Kurz gesagt: Er macht mich wahnsinnig!«
Ellen Wildhagen schob sich mit einer gewissen Angriffslust ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte in den Mund, neidisch beobachtet von ihrer besten Freundin und Vertrauten seit Jahrzehnten, Gabriele Meyerbeer. Ellen konnte essen, was sie wollte, nichts setzte an bei ihr, sie war so rank und schlank wie eh und je. Und sie war immer noch, dachte Gabriele, eine schöne Frau. Ein zartes, gut geschnittenes Gesicht, das von dunklen Augen beherrscht und von Haaren eingerahmt wurde, die allmählich einen schönen Grauton bekamen. Und was auch immer sie anzog: Sie sah elegant aus, selbst in Jeans.
Missmutig betrachtete Gabriele den trockenen Sandkuchen, den sie sich genehmigt hatte. Schwarzwälder Kirschtorte hätte sie für ihr Leben gern wieder einmal gegessen, aber wenn sie nicht aufpasste, war bald die nächste Kleidergröße fällig, das wollte sie nicht riskieren. Sie war schon als Teenager pummelig gewesen, zu ihrem größten Leidwesen. Gemildert worden war das Leid freilich durch das überaus rege Interesse des männlichen Geschlechts an ihr, weil sie schon früh weibliche Kurven bekommen und außerdem ein hübsches Gesicht hatte.
»Lass ihn sein Leben leben«, sagte sie milde. »Er ist erwachsen, und nach allem, was ich weiß, geht es ihm gut, also lass ihn in Frieden.«
Ellen blickte auf, ihr Blick war empört. »Er ist mein Sohn, schon vergessen? Und er versauert in seiner Junggesellenbude, schreibt seine blöden Romane und denkt nicht einmal daran, auch mal vor die Tür zu gehen. Zwei Freunde hat er, genau zwei, mit denen er sich regelmäßig trifft, aber die sind auch nicht viel besser als er. Und von einer Freundin war schon seit längerem nicht mehr die Rede.«
»Soweit du weißt«, bemerkte Gabriele und biss zum ersten Mal von ihrem Sandkuchen ab, ein winziges Stück. Er schmeckte wie befürchtet, trocken und irgendwie … ja, sandig. Sie schielte zur Theke, wo noch eine ganze unberührte Schwarzwälder Kirschtorte stand.
»Herrje, Gabi!«, sagte Ellen ungeduldig. »Nun bestell dir schon ein Stück Torte, damit ich nicht länger das Gefühl haben musst, dass du dich gleich auf meinen Teller stürzt! Dieser Sandkuchen, oder wie er heißt, sieht furchtbar aus. Dass du den überhaupt bestellt hast!«
»Demnächst brauche ich Kleidergröße 50, wenn ich so weitermache.« Gabrieles hübsches rundes Gesicht mit den schönen blauen Augen sah unglücklich aus.
Ellen hörte auf zu essen. »Na, und? Dir ginge es besser, wenn du dir nicht ständig einreden würdest, dass du abnehmen musst. Musst du nicht. Du bist rund, aber nicht fett, und du bist gesund. Du isst ja nicht ständig unvernünftig, du machst sogar Gymnastik, du bewegst dich gern an der frischen Luft. Warum willst du da auf ein Stück Torte verzichten, das du so gern essen würdest?«
Gabriele gab ihren Widerstand auf und gab der Kellnerin ein Zeichen. Es dauerte keine drei Minuten, bis das Stück Torte vor ihr auf dem Tisch stand. Sie betrachtete es andächtig, bevor sie sehr langsam ihre Gabel hineinstieß, ein Stück abteilte und es sich in den Mund schob. Vor Entzücken schloss sie die Augen. Der Geschmack war einfach unvergleichlich!
»Na also«, sagte Ellen zufrieden. »Um auf unser Gespräch zurückzukommen: Jakob würde mir vielleicht nicht erzählen, wenn er eine Freundin hätte, aber ich würde es trotzdem merken, weil er sich dann nämlich verändert. Ich habe es in der Vergangenheit jedes Mal gemerkt.« Sie unterbrach sich kurz, dachte nach. »Also, die beiden Male, meine ich, wo er eine Freundin hatte.«
»Vielleicht hatte er mehr – und du überschätzt deine mütterlichen Fähigkeiten, deinen Sohn zur durchschauen.«
»Willst du mich beleidigen? Ich sage dir doch: Er verändert sich. Das kann man überhaupt nicht übersehen.«
»Na schön«, erwiderte Gabriele, die sich auf keinen Fall streiten wollte, nun, da sie ein Stück ihrer Lieblingstorte vor sich stehen hatte, dessen Genuss durch nichts gestört werden durfte. »Da du aber seit mindestens zwei Jahren sagst, dass Jakob dich verrückt macht mit seiner Art zu leben und da er sich mit Ende Zwanzig vermutlich auch nicht mehr grundlegend ändern wird, gibt es ja nur eine Möglichkeit: Du musst dich ändern. Oder jedenfalls deinen Blick auf Jakob. Oder wie lange willst du noch mit dem Gefühl herumlaufen, dass er dich verrückt macht – und mir davon erzählen?«
Ellen warf ihr einen gekränkten Blick zu. »Ich rede ja nicht dauernd davon!«
»Das habe ich auch nicht behauptet, aber du kommst zumindest ziemlich häufig auf dieses Thema zu sprechen.«
»Weil ich mich die ganze Zeit geweigert habe, die Hoffnung aufzugeben, dass er sich doch noch ändert, Gabi! Aber meine kleinen Tricks haben alle nichts geholfen. Ich habe schon versucht, ihn mit netten jungen Frauen in Kontakt zu bringen, ohne dass er es merkt, aber …«
»Aber er hat es gemerkt und war sauer«, beendete Gabriele den Satz ihrer Freundin.
»Ja«, sagte Ellen. »Wenn ich vorschlage, dass wir mal eine Wanderung machen könnten, lehnt er gleich ab, immer mit dem Argument, dass er noch einen Roman fertigschreiben muss. Früher habe ich ihn wenigstens mit einer Bergtour ab und zu noch aus dem Haus locken können, aber das ist auch vorbei. Ich kann doch aber nicht tatenlos zusehen, wie mein Sohn sich immer mehr von der Welt zurückzieht! Er wird ein Sonderling werden und im Alter ein schrecklich einsamer Mann sein, der nicht einmal mehr seine Mutter hat, die sich um ihn sorgt. Allein diese Vorstellung bereitet mir schlaflose Nächte. Wenn du wüsstest, wie oft ich mich frage, was Markus und ich falsch gemacht haben! Ich meine, wir waren immer gern in Gesellschaft, hatten einen großen Freundeskreis, haben schöne Feste gefeiert. Und dann bekommen wir einen Sohn, der auch als Einsiedler irgendwo leben könnte.«
»Jetzt übertreibst du aber doch ein bisschen«, fand Gabriele.
»Nein, tue ich nicht.« Ellen hatte ihr Stück Torte verputzt und spülte mit einem großen Schluck Milchkaffee nach. »Ehrlich, Gabi, ich sage das nicht nur so dahin: Ich mache mir allmählich ernsthaft Sorgen um Jakob. Er ist auch immer so blass, weil er nie rauskommt, und ich fürchte, mit der Zeit wird er wunderlich. Erinnerst du dich an meinen einen Opa? Der war auch so. Vielleicht schlägt Jakob ihm nach.«
»Dein Opa hatte im Krieg schreckliche Dinge erlebt, davon ist er ein bisschen wunderlich geworden. Das kannst du nicht vergleichen. Und ich glaube auch nicht, dass Jakob ihm nachschlägt, nur weil er sich anders verhält als die meisten jungen Männer heutzutage. Wenn ich ihn mal sehe, finde ich ihn immer sehr nett und unterhaltsam. Er hat diesen etwas schrägen Humor von Markus geerbt.«
Ellens Gesicht hellte sich auf. »Das stimmt«, sagte sie. »Wenn er sich ein bisschen Mühe gibt und gute Laune hat, kann er sehr unterhaltsam sein, dann sind auch immer alle Leute ganz hingerissen von ihm.« Sie stockte. »Na ja, ist schon lange her, dass jemand hingerissen von ihm war, denn ich kriege ihn ja nirgends mehr hin.«
»Zu deinem Geburtstag kommt er aber jedes Jahr.«
»Das schon, aber er gibt mir auch immer deutlich zu verstehen, dass das ein großes Opfer für ihn ist.«
Gabriele hatte noch nicht einmal die Hälfte ihrer Torte gegessen, sie wollte den Genuss so lange wie möglich ausdehnen. Es rührte Ellen, ihr dabei zuzusehen. Es war aber auch wirklich ungerecht, dass sie essen konnte, was sie wollte, ohne zuzunehmen, während Gabi, wie sie immer behauptete, schon vom Anblick einer Torte ein Kilo zunahm. Sie hätte ihrer Freundin diesen Kummer gerne abgenommen.
»Wenn er einen Hund hätte«, sagte Gabriele versonnen, während sie behutsam ein weiteres kleines Stückchen Torte mit ihrer Gabel abteilte, »müsste er bei jedem Wetter vor die Tür, da hätte er überhaupt keine Wahl.«
»Aus diesem Grund würde er sich natürlich niemals einen Hund anschaffen, das kannst du dir doch denken.«
»Das ist mir klar«, erwiderte Gabriele im selben Tonfall wie zuvor, »aber wenn er einen Hund geschenkt bekäme, sähe die Sache natürlich anders aus. Und vergiss nicht: Beim Hunde-Ausführen lernen sich viele Leute kennen, geradezu zwangsläufig. Ein Hund würde also gleich zwei Probleme lösen: Jakob käme regelmäßig an die frische Luft – und unter Leute. Wobei ich jetzt natürlich vor allem an Frauen denke. Frauen mit Hunden.«
Ellen starrte ihre Freundin mit offenem Mund an. »Willst du mir damit sagen, ich soll ihm einen Hund schenken?«
»Ich habe nur laut gedacht«, erwiderte Gabriele unschuldig. »Er hat doch bald Geburtstag, oder?«
Ellen fehlten die Worte, was selten vorkam. Sie trank einen weiteren Schluck Milchkaffee und dann noch einen.
Gabriele aß weiter kleine Häppchen ihrer Torte und beobachtete ihre Freundin mit stillem Vergnügen. Dass sie das noch erleben durfte: Die selbstsichere, meinungsstarke, durchsetzungsfähige Ellen wusste nicht, was sie sagen sollte!
Es dauerte mehrere Minuten, bis Ellen sich wieder gefangen hatte. »Du bist genial«, sagte sie. »Auf diese Idee wäre ich niemals gekommen. Wo kriege ich einen Hund her?«
»Tierhandlung, Züchter, privat oder Tierheim«, antwortete Gabriele.
»Züchter auf gar keinen Fall, wenn ich mir Jakob mit einem Hund vorstelle, dann kann es nur eine astreine Promenadenmischung sein. Tierhandlung oder privat – ja, vielleicht. Tierheim würde mir am besten gefallen, da tut man gleichzeitig noch ein gutes Werk, aber natürlich darf es kein Hund sein, der eine größere Macke hat – also Leute beißt oder was weiß ich. Gabi, du musst mitkommen, du verstehst von Hunden mehr als ich, ihr hattet immerhin Hunde zuhause.«
»Bobby«, sagte Gabriele mit verklärtem Gesicht, »Bobby war der liebste von allen, der ist mir überallhin nachgelaufen. Meine Geschwister haben mich deshalb gehasst, weil Bobby immer nur zu mir wollte.«
»Wann hast du Zeit? Ich will mir erst ansehen, was für Hunde die im Tierheim haben, schließlich muss ich einen finden, von dem ich denke, dass Jakob bereit ist, sich auf ihn einzulassen. Er wird ihn sofort zurückgeben wollen, das ist dir klar?«
»Die Möglichkeit besteht«, gab Gabriele zu, »er wird natürlich sagen, dass ein Hund ihn bei der Arbeit stört, weil er immer zu den unpassendsten Zeiten nach draußen muss oder will. Also muss es ein besonderer Hund sein, dem er nicht widerstehen kann. So einer mit einem Blick, bei dem dir sofort das Herz weich wird.«
»Aber Jakobs Herz wird nicht so schnell weich«, bemerkte Ellen trocken. »Jedenfalls nicht so schnell wie deins.«
»Du bist ja dabei, wir werden uns schon auf einen Hund einigen können«, meinte Gabriele diplomatisch. »Ich kann morgen Nachmittag, da habe ich frei.«
Gabriele war Floristin aus Leidenschaft, sie hatte ihr eigenes Geschäft mit drei Angestellten, und noch immer war sie es, die die schönsten Sträuße band, die man sich vorstellen konnte. Den Einkauf überließ sie mittlerweile ihrer Stellvertreterin, sie fand, dass sie nun, mit achtundfünfzig, allmählich das Recht hatte, kürzer zu treten. Sie war schon lange Witwe, viel länger als Ellen, deren Mann vor drei Jahren gestorben war, während Gabrieles Mann schon mit Mitte dreißig tödlich verunglückt war. Ellen hatte nur den einen Sohn, Gabriele jedoch hatte ihre drei Kinder, die alle nicht in München lebten, allein aufziehen müssen. Das war nicht immer leicht gewesen, denn das Blumengeschäft war zeitweise schleppend gelaufen, weshalb sie sehr sparsam hatte wirtschaften müssen, damit es ihren Kindern an nichts fehlte.
Ellen war Buchhalterin in einer großen Firma, sie hatte Gabriele seinerzeit in finanziellen Dingen beraten – und das hatte die Freundschaft der beiden Frauen weiter vertieft. Sie fuhren auch zusammen in Urlaub, und beide gingen gelegentlich mit einem Mann aus, aber es blieb bei unverbindlichen Treffen.
»Gut, ich kann auf jeden Fall etwas früher gehen«, sagte Ellen. »Ich habe wieder mal etliche Überstunden angehäuft.«
»Ich habe übrigens noch eine Neuigkeit zu verkünden.« Gabrieles Stimme klang zögernd.
Sofort kniff Ellen die Augen zusammen. »Etwas Unangenehmes?«
»Für mich nicht, aber …« Gabriele biss sich auf die Lippen. »Ich werde Oma. Tom und seine Frau bekommen ihr erstes Baby.«
»Oh«, machte Ellen und musste einmal kurz schlucken. Sie wünschte sich so sehr, Oma zu werden, aber mittlerweile zweifelte sie daran, dass es dazu jemals kommen würde.
Was Gabriele natürlich wusste. Sie griff über den Tisch hinweg nach Ellens Hand. »Tut mir leid«, sagte sie.
»Sei nicht albern, Gabi!« Ellen funkelte ihre Freundin an. »Wieso sollte es dir leidtun? Du freust dich doch! Und ich freue mich für dich.«
»Ja, aber du selbst …«
»Das ist eine andere Geschichte. Deshalb kann ich mich doch trotzdem für dich freuen!«
Gabriele schob sich mit einem kleinen Seufzer das letzte Stück Torte in den Mund und zögerte das Hinunterschlucken noch ein bisschen hinaus. Dann sagte sie: »Ich freue mich wie verrückt, das stimmt. Aber noch mehr würde ich mich freuen, wenn du auch Grund zur Freude hättest. Falls der Plan mit dem Hund klappt …«
Ellen hob eine Hand. »Abwarten«, sagte sie. »In diesen Dingen bin ich abergläubisch, ich freue mich erst, wenn es klappt, nicht schon vorher.«
Sie zahlten und verließen das Café. »Ich bringe dich noch nach Hause«, sagte Ellen.
»Ich dich auch«, sagte Gabriele.
Es war ihr täglicher Witz. Sie wohnten in benachbarten Häusern – schon seit Jahrzehnten. Eine Viertelstunde später verabschiedeten sie sich.
»Bis morgen dann«, sagte Gabriele. »Das wird ein richtiges kleines Abenteuer!«
»Hoffentlich eins mit gutem Ausgang«, brummte Ellen, die bereits auf die Haustür zusteuerte.
Wenn sie ehrlich war: Sie glaubte nicht daran.
*
Als Jakob Wildhagen vom Einkaufen zurückkehrte – eine lästige Pflicht, die er nur einmal pro Woche erledigte – stand vor dem Haus, in dem er wohnte, eine junge Frau, in deren dunklem Haar sich blaue Strähnen befanden. Sie betrachtete eine Art bemaltes Bettlaken, das quer über mehrere Fenster gespannt war. Er sah sie nur von hinten, denn sie drehte sich nicht um, sondern studierte sehr intensiv das Bettlaken.
Jakob mit seinem schwer beladenen Fahrrad blieb hinter ihr stehen und betrachtete das Laken ebenfalls. »Willkommen bei den Haselmäusen«, stand dort. Um die Schrift herum waren Tiere gemalt, die man bei gutem Willen als Haselmäuse erkennen konnte – und dazu noch Blumen, andere Tiere, Bäume und jede Menge Kinder.
»Was soll das denn?«, platzte es aus ihm heraus.
