6,99 €
Als Knd erlebt sie bei ihren Besuchen in West-Berlin nach dem zweiten Weltkrieg die Konsumgesellschaft; ein kaum vorstellbarer Kontrast gegenüber ihres entbehrungsreichenn Lebens in der damaligen DDR. Flüchtet immer wieder in Traumwelten, um den gewaltigen Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland zu verarbeiten. Beschreibt eindrucksvoll, wie sie mit sieben Jahren den Tod kennenlernt. Freimütig lässt sie uns in ihre kleine Kinderseele schauen und erzählt auch von spaßigen und anderen Erlebnissen als junge Frau.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 50
Veröffentlichungsjahr: 2025
„Ohne Berlin mag ich nicht mehr sein. Könnte sein, dass mich die Stadt nie wieder los wird.“
Nico Hoffmann
Filmproduzent
Prolog
1949: Schieberfahrt
1949: Mein Schlaraffenland
1950: Alleinfahrt
1951: Oma Ida – Eistorte
1957: Geheimnis – Kniefall
1972: Moni, Gunther – Hitparade
1977: Wir erobern das Nachtleben
1987: Vier Damen – Vier Tage
Epilog
Kurzvita
Ich war zwei Jahre alt, als 1946 meine Familie, von Pölitz/Westpommern, meinem Geburtsort, nach Greifswald/Mecklenburg zwangsumgesiedelt wurde. Fortan galten wir als Vertriebene und mussten uns ein neues Leben aufbauen.
Meine zwei Geschwister und ich verbrachten unsere Kindheit mit vielen Entbehrungen in katastrophalen Wohnverhältnissen. Für mich, die „Große“, bedeutete es, jeder Tag war mit Verantwortung und Pflicht ausgefüllt, so dass für Spielen weder Raum noch Zeit blieben und ich mich häufig in Träumereien flüchtete.
In dieser entbehrungsreichen Zeit bescherten mir unterschiedliche Fahrten nach Westberlin einzigartige, märchenhafte und abenteuerliche Erlebnisse, welche mein junges Leben verschönerten und mich in eine Traumwelt flüchten ließen. Außerdem machte ich während der Berlin-Besuche gleichfalls traurige, schmerzliche und beschämende Erfahrungen, mit denen ich lernen musste, zurechtzukommen.
Als Erwachsene zog es mich ebenfalls etliche Male nach Berlin, so dass auch diese Besuche mit einzigartigen bedeutungsvollen Erfahrungen mein Leben bereicherten.
Mit den Fahrten im Zeitraum von 1949 bis 1987 ist Berlin für mich ein Ort geworden, an dem ich lebensprägende Erfahrungen machte, ohne dort wirklich gelebt zu haben, sondern stets die Stadt nur für kurze Zeit besuchte.
In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten viele Menschen aus dem Osten Deutschlands durch sogenannte Schieberfahrten nach West-Berlin ihre Lebenssituation zu verbessern.
Ab 1948 war Berlin zwar geteilt, in West und Ost, trotzdem pendelten vor dem Mauerbau 63.000 Ostberliner nach West-Berlin, um zu arbeiten, und 10.000 Westberliner in den Ostteil der Stadt. Im Juni desselben Jahres begann die totale Blockade, sie dauerte 322 Tage. Die Amerikaner richteten eine Luftbrücke ein und versorgten die Westberliner mit allen notwendigen Lebensmitteln per Flugzeug. Im Mai 1949 wurde die Blockade aufgehoben und der normale Transport über den Landweg wieder zugelassen. Grund der totalen Blockade war die Einführung der D-Mark. Berlin war nach wie vor besetzt, im Westen von Franzosen, Engländern und Amerikanern, im Osten von Russen, aber unter bestimmten Bedingungen waren die Zugänge in beide Teile noch möglich.
Meine Mutter gehörte auch zu den Menschen, die Schieberfahrten des Öfteren riskierten und die Bestimmungen bewusst überschritten, was zu drastischen Straf-Maßnahmen führen konnte. 200 Zigaretten oder 250 g Tabak, 1Liter Spirituosen, 250g Kaffee, 100g Tee und 200g Schokolade durften von West nach Ost mitgeführt werden. Ganz besonders gerne kauften die „Schieber-Leute“ Perlonstrümpfe; denn sie stellten ein sehr begehrtes Objekt da, weil man sie im Osten kaum bekam, oder einen zu hohen Preis bezahlen musste. Natürlich durfte eine kleine Menge des Eigenbedarfs nicht überschritten werden. Jeder hoffte auf sein Glück nicht erwischt zu werden und wendete kleine Tricks an. Ein Teil des Gepäcks platzierten die Grenzgänger gesondert oder überließen es anderen, schon kontrollierten Personen.
Mutter nahm mich gerne auf jene Unternehmungen mit, um ihnen einen harmlosen Eindruck zu verleihen. Im Sommer 1949, ich war noch fünf Jahre alt, machten wir wieder so eine Schieberfahrt, auf die ich mich besonders freute.
Wir besuchten dann für eine Nacht Verwandte, die in Lichterfelde-West in einer großräumigen Villa mit riesigem Garten wohnten. Dort zu sein, erlebte ich immer als einen Ausflug in eine Welt ohne Grenzen. Die Villa besaß viele Zimmer, mehrere Bäder, einen Wintergarten und prallgefüllte Vorratskammern. Besonders liebte ich den Garten mit allerlei bunten Blumen, grünem Rasen und dicken, stattlichen Bäumen.
Mein Zuhause dagegen konnte das alles nicht aufweisen. Wir lebten in zwei Zimmern mit vier Personen hoch oben auf einem Dachboden. Dort lagerte die Hauseigentümerin Getreide, so dass wir jede Nacht gegen Ratten kämpften. Mein Bruder und ich schliefen in einem Bett mit einer Katze am Kopfende, die uns vor den Allesfressern beschützen sollte. Unser einziger Schrank besaß schon keine Rückwand mehr und auch sonst vertilgten sie alles, was sie erreichten, - und sie erreichten eine Menge. Für die Nacht stellte Mutter eine riesige Fuchsfalle auf, und am Morgen hielt sie einen Sack vor die Fallentür, die ich immer öffnen durfte. Voller Spannung beobachtete ich, dass alle Biester aus dem Käfig liefen, manchmal half ich mit einem kleinen Stock nach. Anschließend ertränkte Mutter die bösen Nager in einem großen Eimer mit Wasser. Dieses holten eine andere Familie und wir aus einem rostigen Wasserkran in der Ecke des Dachbodens. Diesem Elend für kurze Zeit entfliehen zu können, löste sicherlich auch meine Freude an Schieberfahrten aus.
Folge dessen verbrachte ich etliche Stunden im bunten Garten der Villa, spielte und phantasierte vor mich hin. Währenddessen erledigte Mutter ihre Einkäufe und kam mit übergewichtigem Gepäck zurück. Die Waren verteilte sie in verschiedene Taschen, auch ich bekam etwas in meine Kindertasche. Zwar kannte ich nie genau den Inhalt, war mir aber sehr wohl bewusst, dass ich ganz besonders auf sie aufpassen musste.
Auf der Rückfahrt sahen wir den Kontrolleuren mit extremer Spannung entgegen, denn alle „Schieberleute“ hatten mehr Ware als erlaubt im Gepäck. In unserem Zugabteil saßen außer uns noch ein Herr und drei Damen. Eine der Damen hatte mir freundlicherweise ihren Fensterplatz überlassen. Sofort klemmte ich mein Täschchen zwischen mir und der Zugwand. Interessiert bestaunte ich das emsige Treiben auf dem Bahnhof. Nachdem wir die erste Station hinter uns hatten, klangen schon vom Nachbarabteil die strengen Worte: „Gepäckkontrolle.“ Ich schaute trotzdem noch andächtig aus dem Fenster. Dann kam auch für uns der gefürchtete Moment. Die Schiebetür öffnete sich, zwei Beamte traten ein und wieder erschallte unerbittlich:
