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Bei zehn Trekking-Touren in Nepal lässt Gisela Bormann uns teilhaben an ihren Erfolgen mit großen Glücksmomenten, sowie Scheitern gesetzter Ziele, die trotzdem immer für sie mit positiven Ergebnis enden. Sie berichtet von der gigantischen Bergkulisse im Himalaya und lässt dabei die Ehrfurcht vor unserer wunderbaren Natur nie außer Acht. Sie beschäftigt sich mit Menschen, hilft wo sie kann und lernt dabei, wie man mit kleinen Taten große Dinge bewegen kann.
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Seitenzahl: 385
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Himalaya
Einmal ist nicht genug
Trekking in Nepal
„Es ist nicht der Berg, den wir bezwingen – wir bezwingen uns selbst.“
(Miguel de Cervantes)
Prolog
1996 Rolwaling
2000 Dhaulagiri Umrundung
2003 Rolwaling mit Trashi Laptsa
2005 Island Peak, Everest Base Camp
2007 Mera Peak
2009 Island Peak und der Süden
2010 Langtang abgebrochen
2012 Langtang
2013 Mera Peak
2015 Annapurna Umrundung
Epilog
Danke
Auch ich war ein bewegender Punkt hoch
oben auf den zackigen Bergkanten,
herunterschauend auf den See, an dem ich ein
Jahr zuvor gelegen hatte.
„Kind, musst Du das in Deinem Alter noch machen?" Diese Frage stellte meine Mutter aus ängstlicher Besorgnis, obwohl ich mich schon im stolzen Alter von zweiundfünfzig Jahren befand und selbst Mutter zweier erwachsener Kinder war. Kein Alter kann Mütter davon abhalten, sich um ihre Kinder zu sorgen, das konnte ich auch bestätigen. Aber was war nun der Grund, weshalb sich meine Mutter so ängstigte?
Alles fing mit einer schweißtreibenden Wanderung auf Korsika an, als ich am kristallklaren Bergsee lag, um mich ein wenig auszuruhen. Ein zarter Wind strich leise über mein Gesicht, und die Sonne erzeugte ein Flimmern in der Luft. Mit zusammengekniffenen Augen schaute ich zu den hohen, bizarren Bergen, die jenen idyllischen Ort wie ein Ring umschlossen. An diesem Platz fühlte ich mich wohl; ewig hätte ich so dösend liegen können, doch unvermutet erregten bewegende Punkte hoch oben auf den zackigen Bergkanten meine Aufmerksamkeit. Was waren das für Punkte? Ich stellte mich aufrecht, legte meine Hand schützend über die Augen und versuchte mit meinem Blick die getrübte Luft zu durchdringen; es gelang mir nicht. Aufgeregt bat ich meinen Mann Bernd um Hilfe. „Ist doch klar", sagte er: „dort oben klettern Menschen". Stark beeindruckt von der Leistung erwachte in mir der Wunsch: Das möchte ich auch können.
In Gesprächen mit Korsika-Kennern erfuhren wir: Es gibt einen Weg – genannt GR 20 – der die Insel von Norden nach Süden durchzieht, zirka 170 Kilometer lang und außerdem mit reichlich Höhenmetern versehen ist.
Wieder zu Hause angekommen, besorgte ich mir sofort das Buch: Bergwelt Korsika – Führer für Wanderer und Bergsteiger. Voller Spannung vertiefte ich mich in die Lektüre und konnte nicht von ihr lassen. In kürzester Zeit verschlang ich Seite um Seite und brachte auch Bernd dazu, das Buch zu lesen. Er war genauso begeistert wie ich. Wir beschlossen, uns im nächsten Urlaub auf das Abenteuer Korsika-Trekking einzulassen.
Für uns Greenhorns hieß es nun, viele neue Dinge zu bedenken und einiges zu probieren. Rucksack-Tragen war bis dato nicht unser Ding; schon gar nicht mit einem Gewicht von fünfzehn Kilogramm, da auch Zelt, Schlafsack und Isomatte dazu gehörten, ebenso Verpflegung für einige Tage, denn es gab nicht jeden Tag eine Einkaufsmöglichkeit. Zu jener Zeit waren noch alle Unterkünfte Selbstversorger-Hütten, wo auch gezeltet wurde. Mit diesem Wissen wollten wir ein Aufbau-Konditions-Training starten.
Prima Absicht, nur wie setzten wir sie um? Wir kannten niemanden, der uns auf diesem Gebiet beraten konnte, also puzzelten wir uns ein eigenes Programm zusammen. Unsere Idee war, zirka drei bis vier Mal die Woche mit Rucksack durch die Taunuswälder zu marschieren. Wir fingen mit leichtem Gepäck an, steigerten die Kilos mit Kochbüchern in meinem Rucksack, Bernd packte deutsche Gesetzbücher in den seinen. Dies brachte mich auf eine sonderbare Idee: „Stell Dir vor, uns würde jetzt etwas passieren und wir müssten von einem Ta-Tü-Ta-Ta abgeholt werden; was, glaubst Du, wo man uns hinbringen würde? Ich denke, nach Köppern, Krankenanstalt für psychisch Kranke. Denn welcher normale Mensch wandert mit Koch – und Gesetzesbüchern durch den Taunus?“ Über diese Vorstellung mussten wir herzhaft lachen.
Gleichzeitig übten wir das Auf- und Abbauen unseres Zeltes unter erschwerten Bedingungen, nämlich überall, wo ein bisschen Gras wuchs. So manches Mal schmunzelten darüber Spaziergänger beim Vorbeigehen. Nichtsdestotrotz, wir zogen unser Ding durch und machten im Jahr darauf das Korsika-Trekking; was allerdings einiges mehr abverlangte als das Taunus-Training. Wir waren des Öfteren groggy, sammelten aber auch viele Erfahrungen mit innerer Ruhe, Gelassenheit, sowie vielen-vielen glücklichen Momenten.
Nun war auch ich ein „bewegender Punkt“ hoch oben auf den zackigen Bergkanten, herunterschauend auf den See, wo ich ein Jahr zuvor gelegen hatte. Dieser Moment löste in mir ein Meer von Gefühlen aus. Für längere Zeit hielt mich mein inneres Chaos gefangen; erst mit Tränen der Ergriffenheit und Erleichterung kehrte ich auf den Boden der Tatsachen zurück: jetzt konnte ich ebenfalls Berge erklimmen.
Dies war der Anfang unserer Leidenschaft für die Welt des Berg-Trekkings und Gipfelbesteigungen, die wir, mein Mann Bernd und ich, nun seit jenem Sommer 1991 mit Spaß und Abenteuerlust praktizieren. Faulenzer-Urlaub kam überhaupt nicht mehr in Frage. Jahr für Jahr erklommen wir Berggipfel in den Alpen, eroberten Weitwanderwege in Italien, Spanien sowie in Frankreich und steigerten währenddessen unsere Fitness und unser Verlangen nach anspruchsvolleren Touren.
So entschlossen wir uns im Oktober 1996 zum nächsten Abenteuer: Nepal-Trekking im Himalaya. Die Welt der höchsten Berge mit kunstvollen weiß-blauen Eisspitzen, kraftvoller farbwechselnder Landschaft, stark geprägter Religion im Alltag und vor allem seinen liebenswerten, hilfsbereiten Menschen hatte uns sofort in ihren Bann gezogen, so dass wir bis 2015 zehn Trekking-Touren in Nepal bewältigt haben. Inzwischen war ich einundsiebzig Jahre alt – und noch immer hatte mich Mutters Frage nicht von Touren in den Bergen abgehalten.
Die „Bergliebe“ fing an. Korsika 1991
Flug
01. Tag
Eine unruhige Nacht. Leider! Immer wieder wachte ich auf. Und immer wieder versuchte ich, zurückzufinden in den Schlaf. Unser Abflug nach Nepal stand bevor. Nun wollten mein Mann und ich eine Bergtrekking-Tour unternehmen. Und wir Anfänger waren verrückt genug, den Himalaya als Ziel zu wählen!
Am Frankfurter Flughafen trafen wir sechs Mitreisende. Drei weitere würden uns in Kathmandu erwarten. Wir Frankfurter Passagiere brachten eine Kleiderspende mit, deren Transportkosten die Lufthansa übernahm. Der Flug führte über Pakistan nach Nepal. In Karachi landeten wir für einen Tankstopp. Niemand durfte das Flugzeug verlassen. Die Klimaanlage blieb ausgeschaltet, und während wir warteten, tranken wir Wasser, Wasser, Wasser. Elf Stunden Flug vergingen (man glaubt es kaum!) wie im Flug. Ich hörte Musik, schaute einen Film und strickte Socken. Letzteres wäre heute undenkbar – sofort würde ich als strickende Terroristin überwältigt und abgeführt. Gegen 03 Uhr nachts servierten die Stewardessen das Frühstück. Gähnend stellten wir unsere Uhren um. Vier Stunden und fünfundvierzig Minuten waren hinzuzufügen, womit wir schweren Herzens auf weiteren Schlaf verzichteten. Doch vor der Landung versöhnte uns der Anblick eines glutroten Horizonts und die Annapurna-Berggruppe zeigte ihre weißen Gipfel, begleitet vom Chor der Ah und Oh rufenden Fluggäste.
Landung in Kathmandu
02. Tag
Der Flieger landete pünktlich um 08 Uhr Ortszeit. Es war sonnig, leicht bewölkt, schwül. Die Abfertigung des Gepäcks verlief schleppend. Lange mussten wir auf unsere Koffer warten. Einige Nepalesen stritten sich, wer die Gepäckstücke tragen durfte.
Dann fuhren wir zum Hotel. Der Weg führte zunächst über den Outer Ring, dann weiter in Richtung Zentrum. Wegen großer Schlaglöcher in den kleinen Gassen kam der Bus nur langsam voran. Unsere ersten Eindrücke, die wir durch die staubigen Fenster gewannen: Schmutz, Elend, kaputte Straßen, unfertige Häuser. Im Gegensatz dazu wirkte das Hotel sehr gepflegt. Der Anblick eines Swimmingpools versprach Abkühlung. Wie dicht die Gegensätze und die unterschiedlichen Lebenswelten doch beieinander lagen! Ein wenig zögerten wir, bis wir die Einladung, uns abzukühlen, dankbar annahmen.
Am Nachmittag machten wir einen Ausflug. Mit dem Kleinbus fuhr man uns zu der bekannten buddhistisch-hinduistischen Tempelanlage Svayanmbhunath, auch Tempel der Affen genannt. Svayanmbhunath gehört zu den ältesten Heiligtümern der Welt. Über dreihundert Stufen führen den Hügel empor, der von sehr vielen frei herum hüpfenden Affen belagert wird. Der fromme Pilger umschreitet im Uhrzeigersinn nach rechts den Stupa und wird versucht sein, die rundherum in einer Galerie aufgestellten Gebetsmühlen durch Drehung in Bewegung zu setzen – eine gymnastische Übung. Natürlich sind auch hier um den Stupa einige buddhistische Klöster und viele kleine Souvenirgeschäfte.
Wir hatten klare Sicht, schauten über das Häusermeer der Hauptstadt Nepals und erkannten gleichfalls in der Ferne die weißen Gipfel des Himalaya. Religion und Brauchtum sind in Nepal allgegenwärtig. Sie prägen den Alltag der Einheimischen in hohem Maße und bilden einen Ausgleich zum harten und kargen Leben in der Gebirgswelt. Die Religion bestimmt den Rhythmus des Tages und des Jahres, so dass sie sich in den verschiedenen Formen der rituellen Handlungen und Feste zeigt. Ungewohnt, manchmal sogar bedrückend, kann das auf Menschen wirken, die in der westlichen Welt verwurzelt sind. Der Hinduismus und der Buddhismus sind die zwei großen Religionssäulen des Landes. Mit einem Gang durch Thamel, dem Mekka aller Nepal Touristen, endete unser erster Tag. In diesem Stadtteil gibt es Souvenir-Shops, Bars, Cafés, Restaurants und Hotels. Es ist hektisch, laut und chaotisch.
Abends schrieb ich ein paar Ansichtskarten, denn Freunde in der Heimat warteten auf einen Gruß aus der Ferne. Nach sechsunddreißig Stunden ohne Schlaf sank ich todmüde ins Bett.
Nach Barhabise
03.Tag
Frühstück. Was für ein Durcheinander zu Beginn des dritten Tages! Das Hotelpersonal wirkte emsig, war aber völlig planlos. Um 07:30 Uhr ging es dann los. Wir verließen Kathmandu auf einer gut ausgebauten Chaussee, die bis nach Lhasa, Tibets Hauptstadt führt. Allerdings war es mit dem glatten Straßenbelag bald vorbei. Sandwege mit riesigen Schlaglöchern folgten. Wir wurden durchgeschüttelt – eine wahre Schleuderpartie, die wir glücklicherweise unbeschadet überstanden.
Nach achtzig Kilometern Fahrt erreichten wir auf 1.880 Metern Höhe den Ort Barhabise. Dort erwartete man uns schon. Unsere zehnköpfige Trekking-Gruppe wurde von einem deutschen Reiseleiter und vierunddreißig Nepalesen begleitet: Ein Sirdar (Leiter) namens Sherpa Mingma Nuru, drei Sherpas, die englisch sprachen und sich um uns kümmerten, ein Bhanse (Koch) mit zwei Küchenhilfen, außerdem siebenundzwanzig Träger. Wie sich bald herausstellen sollte, trug jeder von ihnen (und es befanden sich sogar zwei Frauen darunter) bis zu fünfzig Kilogramm Gepäck!
Die recht kleinen, schlanken, ja fast mageren Menschen griffen sich zwei Rucksäcke schnürten sie zusammen und hievten die Last auf ihre Rücken. Leichtfüßig zogen sie los.
Sherpas sind eine ethnische Volksgruppe, die ursprünglich aus dem tibetischen Hochland stammt: Sehr bekannt ist Sherpa Tenzing Norgay. Er begleitete im Jahr 1953 Sir Edmund Hillary bei der Erstbesteigung des Mount Everest und wurde damit zum wohl populärsten Vertreter seiner Volksgruppe. Seitdem werden die Sherpas oft mit Trägern im Himalaya gleichgesetzt, was jedoch nicht ganz der Realität entspricht: die Träger (sogenannte Porter), die im Einsatz sind, entstammen nicht unbedingt dem Sherpa-Volk.
„Los geht’s – meine ersten Trekking-Schritte in Nepal!“. Bei diesem Gedanken war ich ganz aufgeregt. Über 1.000 Meter Steigung lagen vor uns. Mithalten, unbedingt mithalten wollte ich, obwohl ich die zweitälteste unter allen Teilnehmenden war. Der Weg stellte sich als gut begehbar heraus. Zügig kamen wir voran. Im Laufe des Tages legten wir eine kleine Trinkpause ein, als einzige Rast, die wir uns gönnten. Es zeigte sich, dass ich sehr wohl mithalten konnte. Kurz vorm Tagesziel begann es zu regnen.
Nach Ankunft im Dorf Khartali umringte mich eine Kinderschar. Mit meinem Buch „Kauderwelsch nepalesisch“ weckte ich ihr Interesse. Sie freuten sich, wie ich mich anstrengte beim Sprechen richtige Betonungen zu finden. Wir lachten. Einige Mutige präsentierten ihr Können: „What’s your name? Where are you from? How old are you?”
Nach dreißig Minuten verschwanden sie in alle Himmelsrichtungen. Ich war überrascht, denn keines der Kinder hatte gebettelt. Diese Vorstellung erwies sich als Klischee. Und damit lag die erste Etappe hinter uns. Es ging mir gut, und ohne Regen ging es mir noch besser. Gegen 22 Uhr schlüpften wir in unsere Schlafsäcke.
Regen und Blutegel
04. Tag
Zu Beginn des vierten Tages wurden wir wie immer mit heißem Tee geweckt, den die Sherpas jeweils am Zelt servierten. Anschließend reichten sie Waschschüsseln mit warmem Wasser. Diese Zuwendungen empfand ich als besonderen Luxus. Beim Essen saßen wir auf Klapphockern an einem langen Tisch mit Blümchendecke. Zum Frühstück gab es ein Ei. An jedem Tag würde es nun ein Ei geben.
Es regnete. Wir waren nicht gerade begeistert. Aber das Laufen fiel uns leichter als am Tag zuvor, denn ohne Sonne ermüdet man nicht so schnell.
Blutegel plagten uns. Jeder machte ihre blutige Bekanntschaft. Auch mein Mann Bernd kämpfte gegen die schnellen Kriecher. Seine Strümpfe und Schuhe färbten sich rot. Mich erwischten die Biester an den Handgelenken. Es blutete heftig und wollte und wollte nicht aufhören; keine schöne Erfahrung.
Schwankende Hängebrücken, auf die wir trafen, stellten sich als kleine Abenteuer heraus. Wie gut, dass ich nicht unter Höhenangst leide. Manche von uns konnten sich nur mühsam vorantasten, mit kleinen vorsichtigen Schritten und klopfenden Herzen, bis endlich die andere Seite erreicht war.
Gegen 15 Uhr waren alle bis auf die Unterwäsche durchnässt vom Regen. Niemand hatte trockene Sachen zum Wechseln im Tagesrucksack. Früher als geplant bauten die Sherpas das Lager auf, was leider wegen der schlechten Wetterbedingungen über anderthalb Stunden dauerte. Wir waren froh, so bald wie möglich in die Schlafsäcke zu kriechen. Wind kam auf. Na, das bedeutete hoffentlich besseres Wetter.
Wieder Regen
05. Tag
Leider brachte der neue Morgen kein Aufklaren mit sich. Der Regen dauerte an. Nicht verzagen, es kann nur besser werden! In 2.500 Metern Höhe durchwanderten wir den Urwald. Bäume, Steine, Sträucher, alles war dicht bewachsen mit grünem Moos. An den Bäumen hingen fadenähnliche Flechten, die dichte lange Vorhänge bildeten. Gespenstisch kam es mir vor und weckte meine Fantasie: Zwerge, Feen und Kobolde würden durch dieses Gebiet geistern.
Für einen Kurzstopp entflohen wir dem Regen, und machten in einer Berggaststätte Pause. Eine offenes Feuer spendete wohlige Wärme, allerdings wurden wir eingeräuchert, weil das nasse Holz kräftig qualmte. Wir tranken zwölf Becher Tee und bezahlten 36 Rupien (80 Pfennig).
Nach unserer kleinen Pause durchquerten wir eine weite Hochebene und gelangten in ein breites Tal. Dort trübten tiefhängende Regenwolken als graue Überreste des letzten Monsuns die Sicht. Immer wieder überschritten wir Hängeund Steinbrücken. Es war keine schwierige Etappe, aber der Dauerregen und die Blutegel setzten uns weiterhin zu. Weil Strecke vom Vortag aufzuholen war, kamen wir auf ein Tagespensum von achteinhalb Laufstunden. Für mein Empfinden war es zu lang. Viel zu lang. Abends sehnte ich mich nach trockener Kleidung und nach Befreiung von den Blutegeln. Gegen 22 Uhr legte ich mich schlafen. Halsschmerzen meldeten sich. Auch das noch.
Sonne macht glücklich
06.Tag
Um 06 Uhr wurden wir von den Sherpas geweckt. Endlich Sonne! Sie strahlte hinter den Bergen hervor, und wir strahlten dankbar zurück. Auch das tägliche Frühstücksei trug zu meiner Freude bei. Es gab tatsächlich einen Träger, der nichts anderes zu tun hatte, als in einem Doka (ein landesüblicher geflochtener Tragekorb) zweihundert Eier zu tragen. Neben dem „Eierträger“ gab es einen weiteren Träger, den wir „Tischläufer“ nannten, weil er die lange Tischplatte transportierte. Sherpa Ongdi tauften wir „Roadrunner“: immer wieder fiel er in einen schnellen Laufschritt und musste gebremst werden, damit die Gruppe mitkam.
Bevor wir aufbrachen, besuchten wir Bigu Gompa, ein Nonnenkloster des Kargyupa-Ordens. Sechzig Nonnen und ein Lama lebten dort. Ein Lama ist etwas „Höheres“, zu dem man aufschaut, und er hat die Stellung eines Lehrers.
Bernd und ich bekamen Kaffee. Auch wurde uns Buttertee angeboten, den wir freundlich ablehnten, denn noch waren wir dem fettigen, salzigen Tee skeptisch gegenüber. Besonders freuten sich die Nonnen über das Näh- und Schreibmaterial, das sich unter den Geschenken befand. Mehrmals täglich riefen zwei Nonnen zum Gebet, indem sie große Muscheln als Blasinstrumente benutzten.
Ein Rinpoche war gerade zu Besuch. „Rinpoche“ bedeutet „kostbares Juwel“ und ist der Titel aller hohen Wiedergeburten. Er ist das spirituelle Oberhaupt eines Klosters oder einer ganzen Reihe von Klöstern. Er nahm unsere mitgebrachten Geschenke entgegen und gab mir seinen Segen.
Um den Hals legten uns die Nonnen einen Khata, auch Gebets- oder Begrüßungsschal genannt. Es ist ein Gebetsschal mit langer Tradition, der sowohl im privaten Leben als auch in der Religion eine wichtige Rolle spielt. Die typische Geste besteht darin: Gästen bei Besuchen – Ankommen und Verabschieden – einen Khata, um den Hals zu legen und damit gute Wünsche und Schutz mit auf den Weg zu geben.
Die Sonne schien nach dem Klosterbesuch. Vielleicht würde unser Besuch und die Begegnung mit dem Rinpoche dazu beitragen, den Wetter-Gott weiterhin freundlich zu stimmen? Man muss nur daran glauben.
Zwischen Terrassenfeldern und kleinen Dörfern wanderten wir 800 Meter abwärts ins Flusstal des Amma-Khola. Die Strecke gestaltete sich recht abwechslungsreich. Auf langen, wackligen Brücken aus Stahl überwanden wir brausende Flüsse; über Felsen, Baumstämme oder Bambusstäbe ging es über Bäche. Die Mittagspause nutzten wir, um in einem Bach zu baden. Der Weg führte über abgeerntete Terrassen-Reisfelder, die mit Steinfassungen stets in unterschiedlichen Etagen angelegt werden. Alle Kraft musste ich einsetzen, um meine Beine zu bewegen. Diese Steigung brachte mich an die Grenzen meiner Belastbarkeit. Von nun an besaß ich einen Angstgegner unter den Geländeformen.
Als wir um 16:30 Uhr das Ziel erreichten, war ich erleichtert und heilfroh, die Strapazen hinter mir zu haben. Unser Camp lag inmitten einer fruchtbaren, bunten Landschaft. Wir hockten vor den Zelten, schlürften Tee, genossen den grandiosen Ausblick und plauderten über die Tagestour.
Kinder, Kinder
07.
Tag
Ein schöner, sonniger Morgen. Freie Sicht auf die ersten Siebentausender! Meine Halsschmerzen waren verflogen, auch die Beinmuskulatur hatte sich erholt. Wir marschierten abwärts zum Fluss Bhote Kosi, dann ging es weiter in einem Bachbett durch ein Stück Urwald. Die Füße rutschten auf dem glitschigen Untergrund. Einmal landete ich krachend auf dem Po. Glück gehabt: außer nasser Kleidung und blauen Flecken, die sich am Abend zeigten, ging die Sache gut aus. Ich lief mit der Vorhut, die flott voraus trabte. Nur ab und zu blieb ich kurz stehen und schnaufte durch, ansonsten konnte ich durchaus mithalten.
Mittagspause machten wir auf einem Schulhof in 2.000 Metern Höhe. Anfangs bestaunten uns die Kinder in respektvollem Abstand. Nach und nach rückten sie näher, so dass ich mich wieder inmitten einer großen Gruppe befand. Auch diese Kinder freuten sich, ihre Englischkenntnisse zu demonstrieren.
Der Rest der Tagestour glich einem Spaziergang. Wir marschierten auf einem breiten Weg, wo man zu zweit nebeneinander laufen konnte, was recht selten vorkam. Unser nächstes Ziel, wiederum ein Schulgelände, erreichten wir kurz nach 15 Uhr. Von dort aus hatten wir einen fantastischen Blick auf den von der Sonne angestrahlten, über 7.000 Meter hohen Götterberg Gaurishankar.
Und wieder wurde ich von Kindern umzingelt. Wie schön! Aus ihren Englischbüchern sollte ich vorlesen. Jeder bestand darauf, dass ich sein ganz persönliches Buch benutzte, obwohl in allen der gleiche Text stand. Die meisten Kinder waren sehr nett, nur gelegentlich wurden einige von ihnen allzu vorwitzig und aufdringlich. Gegen 16 Uhr endete der Schultag, worauf alle binnen weniger Minuten verschwanden. Viele von ihnen benötigten zwei bis drei Stunden für den Fußweg zurück nach Hause.
Ich schaute beim Küchenpersonal vorbei. Sie schrubbten und putzten das Kochgeschirr. Ein Junge griff in den Reis, der fürs Abendessen vorgesehen war. Er sammelte Würmer heraus, die sich munter krümmten und ringelten. Meine Neugier ließ schlagartig nach. Ich beschloss, mich künftig nicht mehr dafür zu interessieren, was es zu essen gab. Stattdessen probierte ich einen Becher Chang (Bier), was mir weniger riskant erschien. Der rauchige Geschmack des Getränks war noch gewöhnungsbedürftig, sagte mir jedoch zu und versöhnte mich mit dem Anblick der Würmer im Reis.
In den Regionen des Khumbu-Gebietes liegen zwei bis drei Tagesmärsche zwischen den kleinen Ortschaften und der nächsten Arztpraxis. So kommt es, dass die Dorfbewohner dankbar sind, wenn sie medizinische Hilfe von Touristen erhalten. Denn Reisende führen in der Regel auch Arzneimittel mit sich.
Ein Vater, der seinen Sohn Huckepack trug, erschien in unserem Camp. Wegen starker Schmerzen konnte der fünfjährige Junge nicht selbst laufen. In der linken Leiste plagte ihn ein feuerrotes, dickes Furunkel. Zu dritt hielten wir ihn fest. Ruth, von Beruf Krankenschwester, stach die Geschwulst auf. Der Eiter spritzte wie eine Fontäne. Ich legte einen Verband an. Zum Trost erhielt der Junge Bonbons. Wir baten ihn am nächsten Tag zur Nachbehandlung.
Wir konnten nicht allen helfen
08. Tag
Am Morgen erschien der kranke Junge allein. Mittlerweile konnte er selbst laufen und musste nicht vom Vater getragen werden. Ich erneuerte seinen Verband. Mit einem Lächeln, das ich nie vergessen werde, flüsterte er: „Dhanyabaad“ (Danke). Noch weitere Menschen mit offenen Wunden suchten unsere Hilfe. Aber die Beschwerden waren zu weit fortgeschritten, als dass wir hätten helfen können. Schlechten Gewissens zogen wir weiter. Noch lange dachte ich an die enttäuschten, leidvollen Gesichter.
Auf einem gut passierbaren Handelsweg erreichten wir eine lange Hängebrücke. Diesmal war besondere Vorsicht geboten. Denn die Brücke hing schief, und der Wind versetzte sie in starke Schwingungen. Es gelang uns, sie zu überqueren. Im weiteren Verlauf trafen wir glücklicherweise nur auf kleine Stege, die weniger Gefahren mit sich brachten. Was schwer fiel, waren die Steigungen, die bei sengender Sonne nur mit großer Anstrengung zu bewältigen waren.
Unterwegs boten zwei zehnjährige Jungen grasgrüne Limetten an. Wir kauften bei ihnen fünfundzwanzig Stück für 20 Rupien (60 Pfennig). Zu unserer Überraschung stellten sich die vermeintlichen Limetten später als unreife Mandarinen heraus. So kann man sich täuschen, wenn nur Augen einkaufen und Sprachkenntnisse fehlen.
Am Nachmittag wanderten wir entlang des Bhote Kosi Flusses. Dreißig Meter runter, zwanzig Meter hoch, ständig im Wechsel. Meistens über gesetzte Stufen aus Steinblöcken, mit ständig wechselnden Tritthöhen. Für mich anstrengend. Diese Wegstrecken waren fortan meine persönlichen „Pilgerwege“.
An einer großen Hängebrücke über den Gongar Kosi machten wir Pause. Zum ersten Mal seit langer Zeit konsumierten wir Cola, Fanta und Bier. Dann, schon nach ein paar hundert Metern, erreichten wir das Tagesziel. Direkt am Flussufer wurde unser Camp errichtet. Wir nahmen ein Bad im Gletscherfluss. Was für eine Überwindung! Aber anschließend waren wir nicht nur erfrischt, sondern geradezu putzmunter. Die neu gewonnene Energie nutzte ich, um Wäsche zu waschen. Nach dem Auswringen reichte es mir dann: zumindest für diesen Tag hatte ich genug von eiskaltem Wasser.
Affen und Kontrolle
09. Tag
Ein Morgen voller Affen. Gleich nach dem Aufwachen grüßten sie lautstark von der anderen Uferseite herüber. Wild sprangen sie durch Bäume und Sträucher. Es waren Humuman-Languren-Affen, die in Gebirgswäldern bis zu 3.200 Meter Seehöhe leben. Sie sind reine Pflanzenfresser.
Der „Pilgerweg“ vom Tag zuvor setzte sich fort. Weiter ging es auf Balken oder Steinen über Bäche hinweg. Nach der obligatorischen Hängebrücke zogen wir über eintausend Höhenmeter steil bergauf. Nach etwa 400 Metern erreichten wir eine Polizeistation. Unsere Trekking-Permits wurden kontrolliert. Die Herren waren sehr freundlich, so dass wir miteinander scherzten.
Oh je, meine Angstgegner. Wieder über Terrassenfelder, trabten wir aufwärts. Oberhalb des Ortes Simigaon machten wir Pause. Ich war froh! Ein toller Platz mit herrlicher Aussicht auf schneebedeckte Berggipfel.
Gegen 16 Uhr erreichten wir das Tagesziel Shakpar. Zum ersten Mal mussten wir auf die Träger warten. Sonst kamen sie immer vor uns ins Ziel. Heute war die Strecke für sie anstrengend, zumal die meisten von ihnen barfuß oder mit Flip-Flops liefen. Nach ihrer Ankunft bemerkten Bernd und ich beim Zelt einräumen, wie routiniert unsere täglichen Handgriffe geworden waren. Wir hatten uns eingespielt.
Bei einer Unterhaltung mit Sherpa Ongdi erzählte er: „Ich lebte einige Zeit im Kloster, um zu einem Lama ausgebildet zu werden. Schon bald stellte ich fest, dass dies nicht mein Weg ist und verließ das Kloster. Ich bin aber weiterhin in meinem buddhistischen Glauben stark verankert. Meine Eltern waren sehr enttäuscht. Alle nepalesischen Familien träumen davon, einen ihrer Söhne ins Kloster zu schicken. Durch diesen spirituellen Akt erhoffen sie sich nach der Wiedergeburt ein besseres Leben.“ Nun hatten auch wir eine Erklärung, warum von den meisten Familien sich immer ein Junge im Kloster befindet.
Höhenrekord
10. Tag
Am mittlerweile zehnten Tag unserer Trekking-Tour standen 1.500 Meter Höhenunterschied an; dies war eine stramme Ansage. Munter stiefelten wir los. Die Sonne brannte nicht, so dass wir gut vorwärtskamen. Während der Pause riskierte ich es doch, den Küchenleuten wieder einmal über die Schulter zu schauen, und ich war beeindruckt. Obwohl sie auf der Erde hockend unsere Mahlzeiten zubereiteten, ging ihnen die Arbeit schnell von der Hand. Auch an Hygiene mangelte es nicht.
Nach dem Lunch waren noch siebenhundert Meter Steigung zu überwinden. Der Weg führte durch ein Waldgebiet. Am frühen Nachmittag erreichten wir den bisher höchsten Punkt der Tour, den Daldungla-Pass in 3.980 Meter Höhe über dem Meeresspiegel. Der Großglockner, der höchste Berg Österreichs, den Bernd und ich schon erobert hatten, ist einhundertachtzig Meter niedriger. Ganz stolz verbuchten wir unseren neuen Rekord. Der Koch entfachte ein Opfer-Feuer. Damit dankte er den Göttern, dass wir unbeschadet bis hierhergekommen waren. Außerdem sollten die Flammen böse Geister fernhalten.
Nach dem Pass machte sich die Höhe bemerkbar. Wie von allein wurden die Schritte kleiner und langsamer, auch machten wir mehrere Pausen. Gegen 17 Uhr endete unsere Tagestour. Auf einem Plateau mit großartiger Sicht bauten die Sherpas unsere Zelte auf. Inzwischen war es recht kalt geworden, wir schlürften literweise heißen Tee, und unsere Skikleidung kam zum Einsatz.
Huch - Wie sehe ich denn aus?
11. Tag
„Ich hoffe nicht, dass es Dir so geht, wie du aussiehst!?“ sagte mein Mann zu mir nach dem Aufwachen. „Wie sehe ich denn aus?“ wollte ich wissen. „Naja, ziemlich aufgeschwemmt", antwortete er und machte zum Beweis ein paar Fotos. Mit Wassereinlagerungen hatte ich noch nie zu tun gehabt. Vom Gesicht bis hinunter zu den Füßen hatte ich derart an Umfang zugelegt, dass mir die Kleidung nicht mehr passte. Zum Glück hielten Träger die Hose, den Hosenbund konnte ich offenlassen. Niemand außer mir litt unter derartigen Schwellungen. Mein Gewicht hatte sich um mehrere Kilogramm erhöht. Erst später zuhause zogen sich die Schwellungen langsam zurück. Abgesehen von meinem aufgequollenen Äußeren, das mich recht unglücklich machte, war die Nacht gut verlaufen.
Über einer dünnen Schneedecke riss der Nebel auf und gab die Sicht auf hohe, weiße Bergspitzen frei. Wir gingen auf einem schmalen Pfad am Hang. Rhododendronbüsche und Wald lösten sich ab. Über unseren Köpfen in den Bäumen turnten schwarz-weiße Affen, wir dagegen balancierten über Baumstämme, die als Brücken im Gelände dienten.
Um 16 Uhr endete der aktive Teil des Tages. Leider war der vorgesehene Lagerplatz am Flussufer besetzt. Daher wurde das Camp auf dem Schulgelände von Beding aufgebaut, was sich jedoch als Vorteil herausstellen sollte. Eine hohe Mauer bot Schutz vor dem eisigen Wind, denn ohne Sonnenschein war es auf 3.700 Meter Höhe bitterkalt.
Alles gut
12. Tag
Des Nachts wegen Toilettengänge aus dem warmen Schlafsack in die eisige Kälte zu müssen, war nicht nur unangenehm, sondern auch anstrengend in dieser Höhe. Ich gewöhnte es mir an, meine Kleidung mit in den Schlafsack zu nehmen. So hatte ich immer für den nächsten Tag trockene, warme Sachen.
Schneebedeckte Berge umgaben das Flusstal des Rolwaling Khosi. Sie wirkten, als würden sie das Tal beschützen. Unterwegs besuchten wir noch eine Gompa, bewohnt von Klosterbrüdern, die gerade das Vieh hüteten. Ein altes, fast zahnloses Mütterchen öffnete den Gebetsraum. Wir betraten einen dunklen, kalten Raum mit einem spartanisch geschmückten Altar. Durch kleine, schmutzige Fenster fielen schmale Lichtstrahlen. Ein unbehagliches Gefühl von Verlassenheit beschlich mich.
Mit guten Wünschen zündete Sirdar Mingma Nuru für jeden von uns eine Butterlampe an. Butterlampen verbrennen Yak- Butter oder Pflanzenöl, sie sind Ritualobjekte. Wie meistens erwartet, überreichten wir auch hier eine Spende. Dann gingen wir weiter und ich mit beklemmenden Gedanken.
Langsam und hochkonzentriert, Schritt und Atmung im Rhythmus 1:1, so setzten wir unseren Weg fort. Nicht der Weg machte uns zu schaffen, sondern die schon deutlich dünnere Luft. Wir mussten 500 Meter Höhenunterschied bewältigen. Stetig mühten wir uns bei Sonnenschein und kühlem Wind aufwärts. Eigentlich wollten wir zum Lunch auf der Hochalm Na sein, jedoch bremste uns das mühsame Atmen aus, erst gegen 13 Uhr erreichten wir das Ziel.
Auf der Bergweide herrschte ein geschäftiges Treiben. Mehrere Gruppen hatten ihre Zelte aufgeschlagen, aber es gab genug Platz für alle. Na liegt 4.200 Meter hoch. Es ist eine große Ebene, eingekesselt von vielen Bergen mit weißen Spitzen. Zwei Nächte Aufenthalt waren vorgesehen, um uns an die Höhenluft anzupassen.
In großer Höhe verdickt sich das Blut, weil vermehrt rote Blutkörperchen entstehen. Das wussten wir nur zu gut. Bereits ab 2.500 Metern Höhe über dem Meeresspiegel hatten wir prophylaktisch Aspirin eingenommen. Trotz vielen winzigen Schritten und auch nach der Ankunft blieb unsere Beweglichkeit eingeschränkt. Sitzend, im Zeitlupentempo, unterbrochen von kleinen Pausen, wechselten wir die verschwitzte Kleidung. Dann ruhten wir im Schlafsack für eine halbe Stunde. Anschließend fühlte ich mich wieder fit. Nur etwas Druck im Kopf war zu spüren. Wenn sie nur langsam genug stattfanden, dann war ich zu neuen Taten bereit. Im Gletscherfluss wusch ich unsere Kleidungsstücke. Höhe, Kälte und Anstrengung ließen uns gegen 20 Uhr in den warmen Schlafsack flüchten.
Ruhetag
13. Tag
Ein neuer Morgen! Wegen des häufigen Trinkens musste ich in der Nacht mehrmals das Toilettenzelt aufsuchen, was unter den gegebenen Umständen kein Vergnügen bereitete. Und ich war froh über den Ruhetag zur Höhenanpassung.
Ein Teil der Gruppe beschloss, zum höher gelegenen Tso Rolpa See, 4.580 Meter über dem Meeresspiegel, zu wandern. Auch Bernd und ich nahmen teil. Um 09 Uhr starteten wir. Der Ausflug war uns als „Spaziergang“ angekündigt worden, wohl weil der Weg gut passierbar war. Aber das Atmen fiel derart schwer, dass wir nur mühsam vorankamen. Zwanzig Minuten nach der Gruppe erreichten auch wir zwei den See.
Eine atemberaubende Szenerie belohnte uns. Der weiß-graue See wurde umrahmt von einer Bergkette mit weißen, sich aneinanderreihenden Gipfeln, die wie Diamanten glitzerten. Die Berghänge reichten bis zum Ufer herunter. Ein halbes Stündchen blieben wir, genossen das Panorama und die Stille. Ganz tauchten wir ein in die Natur, in den Moment.
Dann marschierten wir zurück. Im Camp nutzte ich nochmals die Gelegenheit zur ausgiebigen Körperpflege mit heißem Wasser in einer Waschschüssel, denn im Basislager und am Gipfeltag stand kein Wasser zur Verfügung. Wir sortierten unsere Sachen. Für zwei Personen musste ein Seesack reichen. Am nächsten Tag sollte es zum Basislager losgehen. Nach der Gipfelbesteigung würden wir hierher zurückkehren.
Ich ging davon aus, dass mein Körper sich allmählich an die Höhe anpasste. Trotz meiner nächtlichen Toilettengänge, die mich Schlaf und Kraft kosteten, fühlte ich mich fit. Mein Aussehen sagte allerdings etwas Anderes. Alles, was dick werden konnte, war noch dicker: Mein Gesicht hatte fast keine Augen, die Hände wirkten fleischig, der Körper runder als ich ihn kannte, die Füße passten nur mit Mühe in die Schuhe. Dennoch war ich zum Aufstieg ins Basislager bereit. Es war nur die Optik.
Zum Basis Lager 4.950 Meter
14. Tag
Wir starteten bei strahlendem Sonnenschein. Zum ersten Mal trafen wir auf eine Schneedecke. Denn gestern auf dem Weg zum Gletscher-See waren es nur Schneespuren gewesen. Bernd und ich kamen um 14 Uhr mit der zweiten Gruppe im Basiscamp an.
Mit kleinen Pausen brauchten wir fünf Stunden für die 700 Höhenmeter. In den Alpen hätten wir für die gleiche Strecke zwei Stunden benötigt. Nun befanden wir uns auf einer Höhe von 4.950 Metern. Jede Bewegung forderte doppelte, sogar dreifache Anstrengung, Körperkraft und Atmung. Auch die Jüngeren kämpften mit den gleichen Belastungen. Trotz Sonne war es sehr kalt, nach ihrem Untergang herrschte das „eiskalte Gesetz“: Alles anziehen was verfügbar war!
Für den Gipfelsturm prüften und sortierten wir: Stirnlampe, Steigeisen, Schal, Mütze, Handschuhe, Trinkflasche und Fotoapparat. Gegen 19 Uhr trieb es uns für eine kurze, bevorstehende Nacht in die Schlafsäcke. Meine letzten Gedanken vorm Einschlafen gehörten dem Yalung Ri, 5.650 Meter hoch, dessen Gipfel ich hoffentlich am nächsten Tag erobern könnte.
Freude auf den „Fünftausender“
15. Tag
05 Uhr, die Nacht endete für uns Gipfelstürmer. Wir erhielten Frühstück und ein Lunchpaket. Eine Stunde später starteten wir. Es war schon hell, wir benötigten keine Stirnlampen. Frohen Mutes marschierte die Truppe los. Alle wollten den Gipfel erobern.
Mir ging es hervorragend. Ich freute mich auf meinen ersten Fünftausender. Jedoch schon nach eintausend Meter geradeaus laufen überkam mich starker Husten. Mich plagten Erstickungsanfälle, musste immer gekrümmt stehen bleiben, um die Attacken zu überstehen. Es hatte keinen Zweck, ich musste aufgeben. Für die anderen war ich nur eine Belastung. Eigentlich gab ich nicht schnell auf, war aber schlagartig völlig kraftlos. Schade! Mühsam schleppte ich mich zurück. Mittlerweile litt ich auch unter starken Kopfschmerzen.
Gegen 08 Uhr kamen vier weitere Personen zurück. Erleichtert sah ich, auch Bernd gehörte zu den Umkehrern. Eine halbe Stunde später traf die Gruppe im Basislager ein. Unsere Meinung zu der Situation, die Anpassungszeit für diese Gruppe an die Höhe war eventuell zu kurz. Nur einer aus der Gruppe schaffte die Besteigung: Thomas, ein Polizist, der sich wohl durch seinen Beruf in allerbester körperlicher Verfassung befand. Wir verweilten noch etwas auf dem großartigen Fleckchen. Sonne pur, totale Windstille, und gigantische, schneebedeckte Berge machten uns den Abschied schwer.
Bernd und ich entschlossen uns, um 11:45 Uhr abzusteigen. Zwischendurch machten wir Pause. Denn wir besaßen noch das Lunchpaket der misslungenen Gipfeleroberung. Ein gekochtes Ei, Pellkartoffeln, Brot und Apfel schmeckten hervorragend. Für den Abstieg benötigten wir keine zwei Stunden, ziemlich geschafft schlüpften wir direkt in den Schlafsack. Als wir zum Dinner gerufen wurden, lagen bereits fünfzehn Zentimeter Schnee, und es schneite weiterhin. Für uns eine neue Situation.
Nach dem Abendessen verschwanden unsere Mitstreiter in ihre Zelte. Nur Bernd und ich saßen mit den Sherpas und Trägern noch beisammen. Wir genehmigten uns den nicht gebrauchten Gipfelschnaps, sangen gemeinsam das Sherpa-Lied „Resam pirili“ und hatten viel Spaß. Obwohl wir unser gestecktes Ziel nicht erreicht hatten, waren wir zwei nicht enttäuscht. Auf einer Höhe von 4.950 Meter im Zelt zu schlafen, war für uns schon eine gefühlte Meisterleistung.
Wir wollten nicht fort
16. Tag
Der Morgen begrüßte uns mit einem malerischen Anblick. Eine weiße Schneedecke überzog die Landschaft. Die Sonne kroch mit ihren goldenen Strahlen über die glitzernden Berggipfel. Wir wollten an diesem märchenhaften Ort bleiben. Wir durften sogar bummeln; denn unsere Zelte mussten erst trocknen. Außerdem stand uns eine nicht so schwere Tour bevor. Auf gutem Weg würden wir bis Beding nur zirka eine Stunde brauchen.
In Beding machten wir Pause. Sofort umringten uns viele Neugierige, ob Groß oder Klein. Meine Aufmerksamkeit galt besonders vier- bis fünfjährigen Kindern. Mit gemischten Gefühlen beobachtete ich ihr Handeln. Wie die Erwachsenen trugen die Kleinen, ob Mädels oder Jungen, mit Stirnbändern am Kopf Benzin- und Wasserkanister sowie Grasbüschel. Zwar kasperten sie miteinander, dies täuschte aber nicht über die Hintergründe hinweg. Dahinter stand eine ernste Absicht. Auf diese Weise werden schon frühzeitig die Halsund Nackenmuskeln gestärkt, so dass sie im Erwachsenenalter ohne Probleme besonders schwere Lasten tragen können.
Ebenfalls fiel mir eine Gruppe Kinder auf, die im Kreis auf der Erde hockten und spielten. Bei näherem Betrachten sah ich verschiedendicke, mit einem Messer bearbeitete Stöckchen. Diese besaßen mehrere Ringe. Sofort erkannte ich das gebastelte Mikado-Spiel. Auch ich spielte es gerne in meiner Kinderzeit, allerdings war mein Mikado von einer Maschine gefertigt worden.
Nach der Pause marschierten wir recht flott weiter abwärts. Diese Tagestour sollte nicht lang werden, es kam jedoch anders als geplant. Wir liefen und liefen bis zur Baum- und Pflanzenwelt. Hier große Enttäuschung! Der angedachte Camp-Platz war belegt. Also, erneut weiter und weiterlaufen. Auf zwei rutschigen Baumstämmen über einen Bach, hatte es mich hingehauen: Ein Bein im Wasser, den Körper auf der glitschigen Brückenkonstruktion, überstand ich den Sturz schadlos. Seit der Mittagspause plagten mich Magenkrämpfe. Außerdem fühlte ich mich gar nicht gut. Noch behielt ich mein Unwohlsein für mich.
Um 18 Uhr beendeten wir endlich unseren langen Tagesmarsch. Im wilden Urwald richteten die Sherpas das Lager ein. Immer wieder erstaunlich, wie sie zwischen getrocknetem Gestrüpp, enggewachsenen Bäumen, bemoosten Steinen und feuchten Waldboden ruck-zuck einen Zeltplatz gestalteten. Die „kalten Höhen“ lagen hinter uns. Wir befanden uns inzwischen auf 2.900 Meter und genossen die wohltuende Wärme. Mein Magenproblem hatte sich nicht gebessert, im Gegenteil, jeder Essensgeruch reizte mich zum Übergeben. Das Abendessen ließ ich ausfallen, legte mich frühzeitig schlafen, um auch meinem Magen Ruhe zu gönnen.
Kurzfristig hilft Chang
17. Tag
Um kurz vor 08 Uhr starteten wir. Recht bald lag der Urwald hinter uns. Wir gingen weiterhin abwärts im malerischen Flusstal. Über eine Brücke wechselten wir zur anderen Uferseite und machten dann auf einer großen Alm ausgiebig Pause.
Sherpas und Träger saßen im Gasthaus am offenen Feuer auf der Erde. Sie tranken Chang. Ein Bier aus Gerste, welches die meisten Leute in Nepal selbst brauen. Ich setzte mich zu den Männern und trank von dem Gebräu einen Becher komplett leer. Es schmeckte ausgezeichnet und war sehr erfrischend. Die Erfahrung erstaunte mich. Vom Probieren zuvor war mir noch ein unangenehmer Räucher-Geschmack in Erinnerung. Sirda Mingma Nuru presste an jeden Becher ein Pulver, um die „Götter“ zu versöhnen, weil wir schon am Vormittag Bier tranken.
Was für eine Wirkung! Für den Nachmittag plagten mich keine Magenkrämpfe mehr. Sollte ich nun nur noch Chang trinken? Trotz der Fürbitte stellte sich aber am Abend mein Leiden wieder ein. Verschiedene Tabletten halfen auch nicht. Inzwischen ernährte ich mich nur von Brühwürfeln aus der Heimat mit gekochtem Reis.
Das Tagesziel Simigaon erreichten wir schon um 13 Uhr. Auf dem Hinweg machten wir hier nur eine Lunchpause. Nun hatten wir genügend Zeit, zu tun, was jeder notwendig fand. Ich entschied mich für ausgiebige Körperpflege. Mit zwei Schüsseln und heißem Wasser zog ich mich in einen kleinen Raum zurück. Es gab keine Ablage oder Haken, außerdem bestand der Boden aus Lehm. Wegen der Größe und des Bodens, erforderte das Unternehmen turnerisches Können. Nach einer akrobatischen Leistung stellte sich ein großartiges Sauberkeitsgefühl ein.
Ein Porter bat mich, nach seiner Frau zu schauen. Sie begleitete uns ebenfalls als Trägerin. Ich fand sie in einem Gastraum liegend auf dem Fußboden. Sie klagte über Kopf- und Bauchschmerzen. Wir hatten Sprachschwierigkeiten, da sie nicht Englisch sprechen konnte. Ihr Mann versuchte mit ein paar einzelnen Wörtern zu dolmetschen. Erschwerend kam hinzu, dass sich beide sehr scheu und verschlossen verhielten. Daraus zog ich meine „Diagnose". Es handelte sich um Regelschmerzen. Mit „Melissen-Geist“, schmerzstillenden Tabletten und warmen Umschlägen konnte ich sie kurieren. Am nächsten Tag marschierte sie wieder mit lächelndem Gesicht zwischen den anderen Trägern
Eine feine Sache
18. Tag
Am Vortag trafen wir gemeinsam die Entscheidung, drei kurze Touren, statt zwei lange mit einem Ruhetag zu absolvieren. Ich empfand es als eine feine Sache.
Wir gingen 700 Höhenmeter runter und dann noch auf meinem persönlichen „Pilgerweg“. Auch wurde inzwischen meine Übelkeit zur Normalität, wobei wahrscheinlich das konsequente Essverhalten beitrug. Schon um 11:30 Uhr beendeten wir unseren Tagesmarsch. Die Sonne schien prächtig, so dass wir sofort ein Bad im eiskalten Gletscherfluss nahmen.
Auch sie benötigten zwischendurch immer wieder Hilfe. Offene, vereiterte Wunden an den Füßen war das Hauptproblem. Häufig klagten sie über Halsschmerzen, verknackte Halswirbel und Kopfschmerzen. Unsere „Rote Kreuz“ Vorräte waren ordentlich geschrumpft. Bei einer Höhe von 3.500 Meter verteilte der Sirdar an sie Wollsocken; dennoch zog diese nicht jeder an. Die meisten wollten die Socken auf einem Markt zu Geld umsetzen. Ab 4.200 Meter erhielten sie dann Sonnenbrillen, wegen Schneeblindheit. Die Brillen mussten aber nach Ablauf des Unternehmens wieder abgegeben werden. Auch kochten die Porter ihr Essen selbst, zweimal täglich einen großen Berg Reis mit scharfer Soße.
Da unser Camp nah am Dorf lag, wurden einige von ihnen einkaufen geschickt. Sie besorgten Chang, anderes Bier und Cola. Alle Flaschen wurden im Fluss gekühlt. Gemeinsam verbrachten wir einen lustigen Nachmittag. Mehrere Liter Chang, zwanzig Flaschen Bier und zehn Flaschen Cola wurden leer getrunken. Wir hatten viel Spaß mit unseren Helfern, trieben so manchen Schabernack, so dass wir viel lachten.
Schneeberge ade
19. Tag
Am Morgen des neunzehnten Tages wurden wir erst um 07 Uhr geweckt. Die Sherpas hatten im Wechsel in der Nacht Wache gehalten. Angeblich seien Räuber unterwegs gewesen. Zum Glück war dies nur eine Vermutung.
Wir wanderten auf einem schönen Panoramaweg mit kleinen Steigungen, immer oberhalb des Flusses Gongar Khola. Zwischendurch über verschiedene Arten von Brücken aus Steinen, Baumstämmen oder Holzlatten, bis zu dem kleinen Orts Manthale an einer großen Stahlhängebrücke. Dort machten wir eine halbe Stunde Pause, wurden von den Dorfbewohnern bestaunt und zogen dann weiter auf einem super Wanderweg. Die Schneeberge entfernten sich mehr und mehr. Nur ab und zu blinzelten noch weiße Gipfelspitzen zwischen den Bäumen hindurch.
Um 15 Uhr belegten wir den schönsten Lagerplatz. Er befand sich auf einer kleinen Landzunge neben dem Fluss. Wir konnten gefahrlos zum Wasser gelangen. Natürlich war wieder Naturreinigung angesagt. Wir fühlten uns wie auf einer Insel, die uns allein gehörte.
Leidensgenossen
20. Tag
Endlich war die Nacht zu Ende. Neue Schmerzen hatten mich geplagt. Ein Knacks im Halswirbel am Tag zuvor war die Ursache. Nun spielte mal mein Mann bei mir Doktor und rieb meinen Nacken mit einer Salbe ein. Nach einigen Tagen konnte ich meinen Hals wieder schmerzfrei bewegen.
Im nächsten kleinen Dorf tauchte aus dem Nichts ein alter Mann vor mir auf. Er klagte über Nackenschmerzen und bat um Hilfe. Wir schauten uns mit schmerzverzehrten Gesichtern an. Ob er ahnte, dass wir Leidensgenossen waren? Ich rieb seinen Nacken ein, und überlies ihn die halbvolle Tube. Ich hatte noch Vorrat.
Diese Tour bot eine Überraschung: vom schmalen Pfad am Hang, 300 Meter über dem Fluss, war ein Stück durch den Monsun fortgespült. Das bedeutete, wir mussten eine gefährliche Abrisskante weglos meistern. Für die Träger mit den schweren Lasten und barfüßig keine leichte Aufgabe. Sie erhielten Hilfe von den Sherpas. Ich war sehr froh, als alle den spektakulären Bergrutsch schadlos gemeistert hatten.
Im Ort Shingati, wo wir uns in Eigenverantwortung umschauen konnten, machten wir eine längere Pause. Die Ortschaft lag neunhundertfünfzig Meter hoch und bestand aus mehreren Geschäften, Polizeistation, Post und einer Schule.
Allein zog ich auf Entdeckungstour. Die Menschen begegneten mir sehr freundlich und stillten bereitwillig meine Neugierde. Zur Unterstützung für die Verständigung trug ich mein kleines Büchlein „Kauderwelsch Nepali" bei mir. Die Polizei gewährte mir sogar Einblick in ihre Arbeit, und in der Schule tauschte ich nepalesische Sätze mit den Kindern aus. Wobei diese über meine Aussprache und Betonung sehr lachten.
Nach dem Schulbesuch schlenderte ich durch die Hauptstraße. Vor einem Haus, geschützt im Schatten, saß eine sehr alte Frau. Vor ihr, in einem landesüblichen Korb, lag ein Baby, eingekuschelt in ein grünes Kapuzen-Jäckchen. Meine Neugierde und meine Liebe zu Kindern ließen mich auf das Baby mit der „Alten“ zusteuern. Interessiert schaute ich mir das kleine Bündel im Korb an. Wie von Zauberhand umzingelte uns sofort eine Kinderschar. Das Baby blinzelte mich aus seinen schlitzförmigen, dunklen Augen an. Seinen Kopf schmückte eine reiche Pracht von schwarzen Haaren. Es strampelte mit Armen und Beinen und schaute mich mit einem unnachahmlichen, unschuldigen Lächeln an. Mir vermittelte jener Moment: Nimm mich auf deinen Arm! Um Mund und Nase zeigte sich wie so oft bei Kindern Feuchtigkeit, welche meistens Wundstellen hervorruft. In den vergangenen Tagen verschaffte ich schon mehreren Kindern mit einer Wundsalbe Erleichterung. Auch vergnügten sich im Gesicht einige Fliegen. Die alte Frau gab mir zu verstehen, ich dürfe das kleine Etwas auf den Arm nehmen.
Dazu brauchte sie mich kein zweites Mal auffordern! Ich verscheuchte sofort die Tierchen aus dem Gesicht und hob das Bündel auf meinen Arm. Auch tupfte ich direkt, so gut es ging, das Gesicht trocken.
Inzwischen hatte sich Sherpa Hombahadur, kurz Hom genannt, zu uns gesellt. Auf der Stelle übersetzte er mir, was die Frau ihm berichtete: Das Baby, ein Junge, Nima genannt, sei vier Monate alt und sie die Großmutter. Nima fühlte sich offensichtlich recht wohl in meinen Armen. Er lächelte mich unentwegt an, und seine kleinen Händchen versuchten, mich ständig zu berühren. Ich streichelte zärtlich über seinen Kopf, so dass er vor Freude lautstark jauchzte. Automatisch stieg in meinem Herzen Wärme auf. Ich deutete es als nie verschwindende Muttergefühle; die Baby- Zeit mit meinen eigenen Kindern ist wohl immer wieder abrufbar.
Plötzlich! Die Oma sprudelte viele aufgeregte Sätze heraus und zeigte im Wechsel auf das Baby in meinen Armen und auf weitere drei Kinder im Alter zwischen vier und acht Jahren. Etwas irritiert schaute ich in die Runde, dann Hilfe suchend zum Sherpa. Die Großmutter wandte sich gleichfalls Hom zu und überschüttete ihn mit einem Redeschwall. Dabei legte sie ständig beide Handflächen wie zu einer Bitte aneinander. Nur mit Mühe konnte Hom sie beruhigen, um dann für mich zu übersetzen. Was ich hörte, war das Unglaublichste, was mir je ein Mensch vorgeschlagen hatte. So richtig wollte ich nicht glauben, was ich hörte, und lächelte noch ganz entspannt. Für mich erschien alles wie ein Spaß, weiterhin herzte und liebkoste ich den kleinen Fratz mit seinen kugelrunden klaren Augen, in denen ich mich spiegeln konnte.
Kurz vorher hatte Nimas Oma die anderen vermeintlichen Enkelkinder fortgeschickt. Nach einer Weile kamen sie mit einigen Erwachsenen zurück. Abermals schaute ich Hilfe suchend zu Hom. Er gab mir sofort eine Erklärung. Die Erwachsenen seien fast der gesamte Familienclan des kleinen Babys. Die Eltern, zwei Onkel und eine Tante gesellten sich zur Großmutter. Alle redeten wild durcheinander, trotzdem bekam ich das Gefühl, es herrsche eine geschlossene Einigkeit zwischen den Familienmitgliedern. Ebenfalls etwas erregt, verschaffte Hom sich nach einer Weile Ruhe. Abermals wandte er sich an mich und wiederholte das Unglaubliche, welches ich immer noch nicht ernst nahm. Allerdings-, zur Unterstützung der Glaubwürdigkeit, hatte sich ja die ganze Familie versammelt! –
Sie möchten gerne, dass ich das Baby mit nach Deutschland nehme und ihnen etwas Geld gebe. Alle seien einverstanden, und über die Höhe der Zahlung könne man ja noch reden. Die Familie habe schon fünf Kinder, und es sei so schwer, alle gesund großzuziehen. –
In jenem Moment lief mir Eiseskälte den Rücken hoch und runter. Was hieß einverstanden? Bei all meiner Liebe zu Kindern, so mal eben auf die Schnelle und dann noch für Geld, in welcher Zeit leben wir? In der hintersten Ecke meines Herzens glaubte ich immer noch an einen Scherz. Nima spielte mit seinen kleinen Händchen in meinem Gesicht, und ich drückte ihn etwas fester an die Brust. Mein Herz schlug schneller als gewöhnlich, und die Knie zitterten. Mit Nachdruck machte ich Hom klar, was er den Familienmitgliedern sagen sollte.
In erster Linie sei ich der Meinung, dass ein Kind zur Mutter und seiner Familie gehört. Außerdem würde ich unter solchen Bedingungen niemals ein Kind nehmen, geschweige denn sogar kaufen. Ebenfalls würden diverse Behörden dabei noch ein Wörtchen mitreden.
Hom strengte sich an, der Familie meinen Standpunkt begreiflich zu machen. Wiederum entstand ein Rededurcheinander, wobei mich dann sechs Augenpaare herzzerreißend anschauten und mir ihre Hände bittend entgegenstreckten. Ganz langsam spürte ich Sodbrennen, leichte Übelkeit setze ein, so dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte, um für alle
