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Man kann vieles über ihn sagen … und vieles wurde über ihn gesagt. Jörg Weigand wird achtzig und das völlig zu Recht. Auf wie vielen Feldern er gearbeitet und geackert hat, weiß er vielleicht selbst nicht – seine Produktivität war über all die Jahrzehnte so hoch, dass man ihm die Existenz eines Ghostwriters unterstellte. Diesen Output "Fleiß" zu nennen, ist eine Untertreibung. Natürlich ist das Arbeitsleben eines Journalisten multithematisch, aber die Vielseitigkeit zieht sich durch sein Œuvre, wie der legendäre rote Faden. Zum einen gilt das für seine inhaltliche Bandbreite, Politisches, Wirtschaftliches, Kulturelles, Spezielleres wie etwa Jugendmedienschutz; gleichgültig, ob es sich um chinesische Scherenschnitte handelte, oder den Romanautor als "Ein-Mann-Fabrik", seine Kurzgeschichten und letztlich seine Musik – das alles verbindet seine Liebe zum Detail, zur Recherche. Diese Eigenschaft adelt einen Journalisten – heute vielleicht mehr als damals. Seither ist die unabhängige Überprüfung von Fakten eine Seltenheit geworden. Umso wichtiger ist es, daran zu erinnern, dass "moderner" im Sinne von "jünger" nicht automatisch eine Verbesserung bedeutet. In diesem Buch feiern zahlreiche Freunde des Journalisten, Autors, Herausgeber, Musikers, Komponisten … kurz: Jörg Weigands runden Geburtstag.
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Seitenzahl: 357
Veröffentlichungsjahr: 2020
Karla Weigand & Rainer Schorm (Hrsg.)
Jörg Weigand zum Jubeltage
AndroSF 134
Karla Weigand & Rainer Schorm (Hrsg.)
IN 80 JAHREN UM DIE WELT
Jörg Weigand zum Jubeltage
AndroSF 134
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: 21. Dezember 2020
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Rainer Schorm
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 223 2
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 873 9
Jörg Weigand
(Foto: Frank Gerigk, 2013)
Jörg Weigand: 1941–1959
Man kann vieles über ihn sagen … und vieles wurde über ihn gesagt. Jörg Weigand wird achtzig und das völlig zu Recht. Auf wie vielen Feldern er gearbeitet und geackert hat, weiß er vielleicht selbst nicht – seine Produktivität war über all die Jahrzehnte so hoch, dass man ihm die Existenz eines Ghostwriters unterstellte. Diesen Output »Fleiß« zu nennen, ist eine Untertreibung. Natürlich ist das Arbeitsleben eines Journalisten – er war von 1980 bis 1996 in Bonn, beim Zweiten Deutschen Fernsehen tätig – multithematisch, aber die Vielseitigkeit zieht sich durch sein Œuvre, wie der legendäre rote Faden. Zum einen gilt das für seine inhaltliche Bandbreite, Politisches, Wirtschaftliches, Kulturelles, Spezielleres wie etwa Jugendmedienschutz; gleichgültig, ob es sich um chinesische Scherenschnitte handelte, oder den Romanautor als »Ein-Mann-Fabrik« – das alles verbindet seine Liebe zum Detail, zur Recherche. Diese Eigenschaft adelt einen Journalisten – heute vielleicht mehr als damals. Seither ist die unabhängige Überprüfung von Fakten eine Seltenheit geworden. Umso wichtiger ist es, daran zu erinnern, dass »moderner« im Sinne von »jünger« nicht automatisch eine Verbesserung bedeutet.
Interessanterweise hat sich Jörg Weigands Schaffen vom Sekundären und Journalistischen sowie der Short Story in Bereiche ausgeweitet, die ihn selbst überrascht haben dürften: Er wurde zum Komponisten, veröffentlichte diverse Liedersammlungen und es erschienen Tonaufnahmen auf CD. Diesen alten Wunsch hat er sich selbst mit allem Engagement erfüllt und seine Umgebung staunt bis heute.
Dazu ein anderes, wiederum literarisches Phänomen: Er bestritt stets, lange Texte, besonders Romane, schreiben zu können. Seit die Musik ihm eine weitere Inspirationsquelle lieferte, ist auch diese Selbsteinschätzung Makulatur. Nach der ungewöhnlichen »Isabelle« beweisen das etliche Kurzromane und ein Taschenbuch von etwa 300 Seiten Umfang.
Die Musik hat ihm nicht, wie er selbst befürchtete, das Schreiben unmöglich gemacht – sie hat es ausgeweitet und befruchtet.
Die Schreiber dieser Zeilen können sich an dieser Stelle ein amüsiertes Lächeln nicht verkneifen, denn der Jubilar äußerte seine Überzeugung bezüglich der eigenen diesbezüglichen Unfähigkeit ähnlich resolut, wie er das immer tat und noch immer tut.
Neue Publikationen wie das »Abenteuer Unterhaltung«, die »Träume auf dickem Papier« und nicht zuletzt die Neuauflage seines »Lexikons der Pseudonyme« sind aktuelle Publikationen.
Für den geneigten Leser gibt es also viel zu entdecken. Unter anderem in der Phantastischen Bibliothek Wetzlar, der er seit langen Jahren verbunden ist. Oder in den Publikationen der Autorengruppe »Phantastischer Oberrhein«, die er initiierte.
Wie er all das schafft? Vielleicht hat er tatsächlich einen Ghostwriter … oder deren mehrere. Denn Vielseitigkeit ist nicht eine Qualität …
… um es biblisch zu formulieren: Es sind viele!
Die Autorengruppe »Phantastischer Oberrhein« (2019): Karla Weigand, Ursula Dotzler, Hans-Dieter Furrer, Rainer Schorm, Frank G. Gerigk, Hans Jürgen Kugler, Peter Mathys, Jörg Weigand.
Hans Jürgen Kugler, Peter Mathys, Jörg Weigand
Nachts sollte man kein Amaranth-Müsli essen. Vera Müller tat es trotzdem. Es war ihr egal, ob sich die Kopfschmerzen nun auch noch mit Magengrimmen verbrüdern würden. Eigentlich war ihr alles egal.
Sie saß vor dem Büro-PC und spann einen Gedanken nach dem anderen, um ihn gleich wieder zu verwerfen. Nein, die Aufgabe konnte keiner lösen.
Wieder sah sie Jacob König vor sich. Sein Grinsen, sein fast kameradschaftliches Hand-auf-die-Schulter-Legen.
»Sie wollen doch diesen Job, oder?«, hatte er gefragt und sich über das lange gegelte Haar gestrichen. »Dann zeigen Sie mal, was Sie als Anlageberaterin taugen. Verdoppeln Sie das fiktive Kapital an der Börse. In zwei Tagen, bitte.«
Vera starrte auf den Bildschirm. Verdammt, sie brauchte diesen Job bei König Investment.
Wütend knallte sie den Löffel in die halbvolle Müslischüssel. Milch spritzte hoch und hinterließ einen hässlichen Fleck auf dem PC-Monitor, direkt neben den fünf Männchen, die sie mit schief gelegtem Kopf anblickten. Männchen? Rechts unten in der Bildschirmecke hockten sie. Klein, mit langem grauem Bart und zotteligen Haaren. Jeder trug ein andersfarbiges Abzeichen, und zwar in den Farben Grün, Rot, Gelb, Weiß und Schwarz.
Daneben stand in geschwungenen Lettern: »Offenbar haben Sie Probleme. Brauchen Sie Hilfe? Ja. Nein. Diese Meldung nicht wieder anzeigen.«
Vera seufzte und klickte auf Ja. Was hatte sie schon zu verlieren?
Augenblicklich kam Leben in die Männchen. Sie hüpften auf und ab, tanzten in wilden Zuckungen über den Schirm, schickten schrilles Piepen über die Lautsprecher.
»Als Gegenleistung für die Hilfe«, zeigte jetzt ein Schriftkasten an, »schließe ich einen einwöchigen Flatratevertrag ab. Bitte hier bestätigen.«
Die Männchen blickten sie in freudiger Erwartung an. Vera bestätigte mit einem Mausklick.
Dann ging alles ganz schnell. Wie ein Feuerwerk explodierten Farben auf dem Schirm, glühten, verschmolzen, drehten sich in fantastischen Wirbeln. Dazwischen hüpften Zahlen, Formeln und die Männchen.
Vera blieb nichts übrig, als sich im Bürostuhl zurückzulehnen und den Rest des Amaranth-Müslis zu löffeln. Mit den Gedanken an Jacob Königs hoffentlich verblüfftes Gesicht schlief sie schließlich ein.
Verblüfft war es gewesen, das Gesicht. Aber nicht verblüfft genug.
»Anfängerglück, Fräulein Vera«, hatte König gesagt und dabei lässig auf der Schreibtischkante gethront. »Das machen wir gleich noch einmal.«
Jetzt saß sie also schon wieder nach Mitternacht im Büro von König Investment. Vor sich eine Tasse Himmelstautee und zwei Pfefferkuchenherzen. Leider wusste Vera immer noch nicht, wie sie die Aufgabe bewältigen sollte. Genauso gut hätte er von ihr verlangen können, Stroh zu Gold zu spinnen. Vielleicht, wenn wieder diese kleinen …
Frech grinsten die nächtlichen Helfer sie in der rechten Bildschirmecke an. Wieder trug jeder ein Abzeichen, und wieder in den Farben Grün, Rot, Gelb, Weiß und Schwarz.
»Offenbar haben Sie Probleme. Brauchen Sie Hilfe? Ja. Nein. Diese Meldung nicht wieder anzeigen.«
Vera nahm einen Schluck Tee und klickte auf Ja.
Doch dieses Mal erwachten die Männchen nicht zum Leben. Sie hüpften auch nicht auf und ab oder tanzten in wilden Zuckungen über den Schirm oder schickten schrilles Piepen über die Lautsprecher. Sie grinsten nur.
»Als Gegenleistung für die Hilfe«, zeigte jetzt ein Schriftkasten an, »schließe ich einen lebenslangen Flatratevertrag ab, der bei Geburt des ersten Kindes auf dieses übertragen wird. Bitte hier bestätigen.«
Die Männchen blickten sie immer noch grinsend an. Vera zögerte, doch schließlich bestätigte sie mit einem Mausklick.
Dann ging wieder alles ganz schnell. Wie ein Feuerwerk explodierten Farben auf dem Schirm, glühten, verschmolzen, drehten sich in fantastischen Wirbeln. Dazwischen hüpften Zahlen, Formeln und die Männchen.
Vera blieb nichts übrig, als sich im Bürostuhl zurückzulehnen und den Rest ihres Himmelstautees zu schlürfen. Mit den Gedanken an Jacob Königs hoffentlich verblüfftes Gesicht schlief sie schließlich ein.
Zur Begrüßung hatten ihr die neuen Kollegen einen Strohblumenstrauß geschenkt. Vera stellte ihn zwischen Bildschirm, Teetasse und Teddybär. »Vera Müller, König Investment«, so prangte es in goldener Schrift auf ihrem Namensschild. Es war geschafft.
Vera schaltete ihren Büro-PC ein und wartete. Der Bildschirm blieb dunkel. Dauert morgens wohl etwas länger, dachte sie und kochte sich erst mal einen Sommertraumtee. Doch als sie zurückkehrte, hatte sich immer noch nichts getan. Der erste Arbeitstag fing prima an.
Vera wollte gerade die Neustarttaste betätigen, als sie im Schwarz ihres Bildschirms bekannte Gestalten entdeckte. Langer grauer Bart, zottelige Haare, farbige Abzeichen.
»Sie haben die erste Rate Ihres lebenslangen Flatrate-Vertrags noch nicht bezahlt«, erschien eine Meldung in den bereits vertrauten geschwungenen Lettern. »Bitte bestätigen Sie die Abbuchungserlaubnis in Höhe eines halben Nettomonatsgehalts.«
Vera verschluckte sich an ihrem Tee. Ein halbes Monatsgehalt? Das war doch nur Spaß gewesen, die Sache mit den Männchen und der nächtlichen Hilfe.
»Ihr spinnt ja!«, entfuhr es ihr laut, sodass die Kollegen an den anderen Schreibtischen aufblickten.
»Du konntest das ja nicht«, krächzte das Männchen mit dem roten Abzeichen. »Nun gib uns, was du versprochen hast«, ergänzte der grüne Kollege. Zum ersten Mal hörte Vera ihre Stimmen. Hastig drehte sie die Lautstärke runter.
Während die Männchen lässig auf und ab schlenderten, rollten Vera die ersten Tränen übers Gesicht.
»Okay«, erklang dieses Mal etwas leiser die krächzende Stimme des weißen Männchens. »Drei Stunden wollen wir dir Zeit lassen. Wenn du bis dahin unser Passwort weißt, so sollst du dein Geld behalten.«
Auf dem Bildschirm erschien eine Eingabemaske. Der Cursor blinkte hämisch.
Vera König nahm ihren Teddy vom Schreibtisch, kraulte sein dichtes Fell und seufzte. Es konnte Millionen Kombinationen geben. Geburtstagsdaten, Orte, die Namen der Kinder. Plötzlich musste sie an Doktor Heinrich Dammann denken.
»In Märchen kann man fürs Leben lernen«, hatte ihr Literaturprofessor an der Uni immer gesagt. »Wenn ihr Probleme habt, schlagt einfach bei Grimm nach.«
Rumpelstilzchen? Konnte das möglich sein? Mit zitternden Fingern tippte sie das Wort in die Eingabemaske. Doch die schüttelte sich nur. »Passwort falsch«, erschien in den vertrauten Lettern auf dem Schirm. Dazu erklang höhnisches Lachen aus den Lautsprechern. Nein, die Lösung musste komplizierter sein.
Ein Bild tauchte in ihren Gedanken auf. Ihr Sinologieprofessor Doktor Ferdinand Teufel. Eine Vorlesung. Wie war das gewesen? Er hatte über chinesische Soldaten auf dem Gefechtsfeld doziert. Die Soldaten waren zu je fünf Linien gestaffelt und in den drei Heeressäulen gegliedert. Jede der fünf Linien trug ein andersfarbiges Abzeichen, und zwar in den Farben: Grün, Rot, Gelb, Weiß und Schwarz! Die fünf Abzeichen! Die fünf Männchen! Jetzt fiel ihr auch wieder ein, woraus ihr Professor Teufel damals zitiert hatte: aus der Dissertation des berühmten Jörg Weigand über Staat und Militär im altchinesischen Militärtraktat Wei Liao-tzu!
Vera stellte den Teddy zurück auf den Schreibtisch, trank noch einen Schluck Sommertraumtee und tippte dann das Passwort »Wei Liao-tzu« in die Eingabemaske.
Der Bildschirm wurde schlagartig babyblau. Die Männchen sprangen auf, schrien, stießen mit dem rechten Fuß vor Zorn in den jetzt aufleuchtenden Desktophintergrund.
»Das hat dir der Teufel gesagt«, erklangen ein letztes Mal ihre krächzenden Stimmen aus den Lautsprechern. »Das hat dir der Teufel gesagt.«
Damit hatten sie irgendwie sogar Recht. Der Teufel – und Doktor Jörg Weigand.
»What’s in a name?«
– William Shakespeare: Romeo und Julia
»Le style, c’est l’homme« oder, richtiger zitiert: »Le Style, c’est l’homme même«: Diesen Ausspruch tat der Naturforscher Georges-Louis Leclerc, Comte de Buffon, in der Antrittsrede, die er 1753 unter dem Titel »Discours sur le style« anlässlich seiner Aufnahme in die Académie Française hielt. Übersetzen könnte man das etwa mit »Der Stil eines Menschen ist das Abbild seines Charakters«.
Wenn das zutrifft (und wer bin ich, es zu bezweifeln?), könnte man dann nicht vielleicht auch den womöglich ebenso zutreffenden Satz »Le nom, c’est l’homme (même)« aufstellen, also »Der Name eines Menschen ist das Abbild seines Charakters«? Die alten Lateiner jedenfalls haben dies getan, denn für sie galt, dass der Name zumindest auf den Charakter eines Menschen oder einer Sache vorausdeutet: »Nomen est omen!«
Dieser Gedanke kam mir, als ich von Karla Weigand und Rainer Schorm die Einladung erhielt, einen Beitrag zu der hier vorliegenden Festschrift zu verfassen, mit der wir den 80. Geburtstag unseres Freundes und Kollegen Jörg Weigand feiern wollen. Sagt der Name »Jörg Weigand« also womöglich etwas über den Charakter des Jubilars aus, und wenn ja, was? Um das herauszufinden, beschloss ich, Jörg Weigands Namen einer – zugegebenermaßen laienhaften – etymologischen Untersuchung zu unterziehen, und ich möchte Sie herzlich einladen, mich auf dieser kleinen Reise durch Namenskunde und Sprachgeschichte zu begleiten. Schon jetzt kann ich Ihnen versprechen, dass wir dabei Erstaunliches zutage fördern werden.
Und bevor ich es vergesse: Auch ein zweiter, vielleicht nicht so allgemein bekannter Vorname des Jubilars wird Teil unserer Untersuchung sein; davon später mehr.
Der Nachname: Weigand
Just in den Tagen, als die Einladung bei mir eintraf, hatte ich wieder einmal, so wie ich es gerne tue, in Nabil Osmans Kleinem Lexikon untergegangener Wörter geblättert, das bereits 1971 zum ersten Mal erschienen ist und das als Band 487 der Beck'schen Reihe in der 10. Auflage von 1998 in meinem Bücherregal steht. Eine vage Erinnerung trieb mich dazu, dort als Erstes nachzuschauen, und tatsächlich fand ich auf Seite 229 den Eintrag »Weigand, Wiegand – Kämpfer«. Das klang nun außerordentlich spannend, denn ein Kämpfer ist Jörg Weigand in der Tat, und darum begann ich zu exzerpieren, was Nabil Osman an Quellen zur Bedeutung dieses Wortes zusammengetragen hat.
Johann Christoph Adelung etwa, seines Zeichens Polyhistor und Sprachforscher, schreibt dazu in seinem Grammatisch-kritischen Wörterbuch der hochdeutschen Mundart, dem bekanntesten lexikalischen Werk des 18. Jahrhunderts, dies sei »ein längst veraltetes Wort, welches ehedem einen Kriegsmann, braven Soldaten, tapferen Helden« bedeutet habe. Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, Leipzig 1854–1960, ergänzt:
»(Es) ist nach hoher blüthe zumal im volksepos des mittelalters seit ende des 13. jh. zurückgegangen, lebt aber im ganzen sprachgebiet bis anf. d. 16 jh. … dichter und gelehrte des 17. jh. knüpfen ausdrücklich an mhd. sprachgebrauch an … Gottsched, Adelung, Campe haben die erneuerung des worts nicht unterstützt, von den classikern zeigt nur Wieland neigung dafür, die wenigen dichter, die sich sonst dafür einsetzen, dringen nicht durch … so ist das wort über den gelehrtenkreis kaum hinausgedrungen; nicht zu vergleichen mit den gelungenen erneuerungen altdeutscher wörter wie: hain, halle, minne, norne, rune.«
Deshalb zieht Nabil Osman das Fazit:
»Untergangsgrund: [wir erinnern uns: dies ist schließlich das Kleine Lexikon untergegangener Wörter!] misslungene Neubelebung eines altdeutschen Wortes. Wie Ger, Kämper, Minne, Norne, Rune u. a. misslungene Neubelebungen alter Wörter konnte sich das Wort trotz Neubelebungsversuchen im 18. Jh. nicht durchsetzen. Da die Theoretiker Gottsched, Adelung, Campe nicht mitgehen wollten, drang das Wort über den gelehrten Kreis kaum hinaus.«
Festhalten sollten wir also, dass »Weigand« »Kämpfer« bedeutet. Damit enden allerdings die Parallelen, denn was Osman über den Untergang des Wortes »Weigand« sagt, trifft auf die Person Jörg Weigand keineswegs zu. Dieser Weigand ist schließlich keineswegs »untergegangen«, sondern nach wie vor obenauf; er hat sich als Autor wie als Kritiker durchgesetzt und ist, nachdem er einmal die (SF-) Szene betreten hatte, auch nie wieder weg gewesen. Außerdem ist es ihm sehr wohl gelungen, über den »gelehrten Kreis« hinaus zu dringen, denn auch wenn er eine Reihe von Sachbüchern veröffentlicht hat, werden seine Unterhaltungsromane auch von einfachen Menschen gelesen, denen der Sinn einfach nur nach spannender Lektüre steht. »Neubelebungsversuche« waren deshalb niemals nötig, ja, man darf sogar sagen, dass Jörg Weigand gerade jetzt, zu seinem 80. Geburtstag, in »hoher blüthe« steht, da er nach wie vor eifrig produziert und veröffentlicht – woraus wir lernen können, dass auch die Etymologie eines Wortes bisweilen in die Irre führen kann.
Aber schauen wir weiter, denn mit einem Nachnamen allein ist es ja nicht getan.
Der erste Vorname: Jörg
In den Polizeirevier 87-Kriminalromanen des amerikanischen Autors Ed McBain gibt es einen Cop, der nicht nur mit Nachnamen, sondern auch mit Vornamen »Meyer« heißt. Also: Meyer Meyer. Natürlich bringt ihm das eine Menge Spott ein, und er fragt sich mit schöner Regelmäßigkeit, was sich seine Eltern wohl dabei gedacht haben mögen, ihm einen solchen Vornamen zu geben.
Ein ähnliches Schicksal hätte auch Jörg Weigand treffen können, denn tatsächlich ist »Weigand« nicht nur ein Nach-, sondern auch ein Vorname. (Wenn Sie’s nicht glauben: Ich habe wirklich mal jemanden gekannt, der mit Vornamen »Weigand« hieß. Mit Nachnamen allerdings nicht.)
Glücklicherweise haben Jörg Weigands Eltern auf diese extravagante Art der Namensgebung verzichtet. Statt als »Weigand Weigand« ist er als Jörg Weigand in die Welt hinausgetreten, und diese hat es ihm gedankt, indem sie im Gegensatz zum armen Meyer Meyer keinen Kübel voll Spott über seinen Namen ausgegossen hat.
Aber passt der zunächst einmal ganz friedlich klingende Vorname »Jörg« überhaupt zum, wie wir im Zuge unserer bisherigen etymologischen Untersuchung herausgefunden haben, recht streitbaren Nachnamen »Weigand«?
Der Vorname »Jörg« ist natürlich eine Nebenform von »Georg«. Legenden-, Mythen- und Fantasyanklang: Georg und der Drache! Aber wer ist das historische Vorbild dieses sagenhaften Drachentöters? Um das herauszufinden, greife ich zu Herders Kleinem Lexikon der Heiligen, das mir, wenngleich in recht knapper Form, die gewünschte Information liefert: Beim Namenspatron für jeden Georg und damit auch für jeden Jörg handelt es sich um
»Georg von Kappadozien, Hl. [heißt offenbar: Heiliger; aber das wussten wir dank des Lexikontitels ja ohnehin schon], Märtyrer, einer der Vierzehn Nothelfer, der große Verehrung in der ganzen christlichen Welt genoss. Patron vieler Länder, Bistümer und Kirchen. Angerufen bei Fieber und in Kriegsgefahr.«
Interessant: Wer alles den Hl. Georg in Kriegsgefahr anrufen kann, darüber schweigt sich das Kleine Lexikon der Heiligen aus, und von einem Drachen ist auch nirgendwo die Rede … Das schreit nun geradezu nach weiterer Recherche! Also ein erneuter Griff ins Bücherregal, diesmal zum siebten Band (Gas – Gz) meines Großen Brockhaus von 1930 (einen aktuelleren besitze ich leider nicht, aber über diesen frühchristlichen Märtyrer wird in den letzten neunzig Jahren wohl nicht so viel Neues ans Tageslicht gekommen sein). Und da steht nun zu lesen:
»Georg, christl. Heiliger, einer der 14 Nothelfer, Patron der Sattler und Küfer, Schutzpatron der Krieger und seit dem 13. Jahrh. Englands, gewöhnlich Ritter Sankt G. genannt, in der morgenländ. Kirche als der Siegbringende und der Großmärtyrer gefeiert, stammte nach der Legende aus Kappadokien und starb unter Diokletian (angeblich 303 n. Chr.) den Märtyrertod. (…) In der späteren Legende wird er zum Drachentöter, so in der Legenda aurea des Jakobus de Boragine, die als Erste berichtet, dass G. einen Lindwurm getötet habe, der die Königstochter Aja (Kleodolinde) zu verschlingen drohte. Als Drachentöter ist er ein beliebtes Motiv der Malerei, der Plastik sowie der Dichtung geworden.«
Das Heiligenlexikon hat also mehr als nur ein bisschen geschummelt: Dass der Hl. Georg ein Kriegsmann war, unterschlägt es ganz, desgleichen auch, dass es die Krieger sind, die ihn in Kriegsgefahr anrufen dürfen, nicht die menschlichen Kollateralschäden (früher einmal auch »Zivilisten« genannt).
Aber zurück zum Thema.
Georg/Jörg ist also selbst Kriegsmann und zugleich Schutzheiliger der Krieger in Kriegsgefahr! Das hat auf seine Weise etwas beruhigend Science-Fiction-Mäßiges, denn es erinnert an ein Möbiusband, bei dem ja auch beide Seiten letztlich eins sind.
Damit könnten wir die Diskussion des Vornamens »Georg/Jörg« eigentlich abschließen, aber bevor wir zum nächsten Punkt übergehen, sei zuvor die Lektüre im Heiligenlexikon beendet. Dort heißt es nämlich weiter:
»An seinem Feste findet die Pferdesegnung statt (Georgsritt). Dargestellt mit Drachen, Rittern, Pferden und weißer Fahne mit rotem Kreuz.«
Das nun passt leider nicht so ganz zu unserem Jubilar, denn das Fest des Heiligen fällt keineswegs auf den 21. Dezember, also Jörg Weigands Geburtstag, sondern auf den 23. April. Und dass Jörg Weigand etwas mit Pferden und ihrer Segnung zu tun hätte, ist wenigstens mir bisher noch nicht bekannt geworden. Aber sei’s drum – schließlich gilt auch hier der Satz »Nobody is perfect.«
Der zweite Vorname: Ernst
»Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.« Dieser Ausspruch stammt von Victor Hugo, und er führt uns geradewegs zu Jörg Weigands zweitem Vornamen. In schon fortgeschrittenem Alter hat unser Jubilar nämlich damit begonnen, all das, was er nicht in Worten auszudrücken, über das er aber auch nicht zu schweigen vermochte, in Musik zu fassen.
Kurz: Er hat nicht nur angefangen, Klavier zu spielen, sondern auch zu komponieren, wovon eine erste CD inzwischen klangvoll Zeugnis ablegt. Für diese Komponistentätigkeit nun hat er sich auf seinen zweiten, bis dahin in seiner schriftstellerischen Tätigkeit nie gebrauchten Vornamen besonnen, nämlich »Ernst«. Und auch den wollen wir nun einer kleinen etymologischen Untersuchung unterziehen.
Dafür greifen wir nun allerdings nicht mehr auf das gedruckte Wort, sondern auf modernere Medien zurück, nämlich das Internet. Unter www.wissen.de finden wir ohne große Mühe die nachfolgende Erklärung:
»Ernst. Das Wort geht über mhd. ernest, ernust auf westgerm. *ernustu, ›Kampf, Aufrichtigkeit‹ zurück, das seinerseits auf idg.* er–/or– ›erheben, sich erregen, hochfahren‹ beruht; auch in griech. éris, ›Kampf‹ und lat. adorior; die Bedeutung entwickelte sich von ›Kampf‹ über ›Kampfeseifer‹ und ›Verfestigung im Kampf‹ zum heutigen ›Verfestigung des Willens‹.«
(Wobei »idg.« natürlich »indogermanisch« bedeutet.)
Ganz ohne Abkürzungen, dafür aber auch etwas weniger tiefschürfend sagt es auch Wikipedia:
»Ernst kommt vom althochdeutschen ›ernust‹, ›Kampf‹ und bedeutet demgemäß ›der Entschlossene‹, dann auch ›der Ernsthafte‹, einer der wenigen einstämmigen deutschen Namen. Als latinisierte Version liegt auch Ernestus vor, mit der Variante Ernestinus.«
Ein Nachname und zwei Vornamen – eine Zusammenschau
Am Ende unserer kleinen etymologischen Untersuchung kommen wir somit zu der erstaunlichen Erkenntnis, dass alle drei Bestandteile von Jörg Ernst Weigands Namen, die beiden Vornamen ebenso wie der Nachname, entweder mit Krieg, Kampf oder mit tapferem Streitertum zu tun haben. Passt das zu seiner Person? Ist in diesem Falle nomen wirklich omen, gilt also die zu Beginn dieser etymologischen Untersuchung probeweise als Parallele zu Comte de Buffons Meinung über den (Schreib-) Stil eines Menschen aufgestellte These »Le nom, c'est l'homme même« – »Der Name eines Menschen ist das Abbild seines Charakters«?
Wer mir bei dem kleinen Rundgang durch die Herkunftsgeschichte der Namen »Jörg«, »Ernst« und »Weigand« gefolgt ist, und wer darüber hinaus das Glück hat, Jörg Weigand persönlich zu kennen, wird mir gewiss ohne jedes Zögern zustimmen: Ja, zumindest im Falle Jörg Weigands stimmt diese These. Denn ein Kämpfer ist Jörg Weigand in der Tat, wenngleich keiner, der etwa kriegerische Gewalt gegen Personen oder Sachen üben würde. Seine Waffe ist vielmehr die des streitbaren Intellektuellen, nämlich das geschliffene Wort, mit dem er nicht nur bei der Diskussion über kontroverse Themen brillant zu fechten versteht, was jeder bestätigen wird, der ihn jemals als Diskussionsredner – etwa bei den »Tagen der Phantastik« in Wetzlar – erlebt hat. Darüber hinaus aber meldet er sich auch in gedruckter Form immer wieder entschlossen und ernsthaft zu Wort, wenn es um Themen geht, für die zu streiten ihm dringend nötig erscheint. Das hat er nicht nur in vielen seiner Kritiken bewiesen, sondern zuletzt auch wieder in seinem Sachbuch Träume auf dickem Papier. Das Leihbuch nach 1945 – ein Stück Buchgeschichte, das seit Kurzem in einer erweiterten 2. Auflage vorliegt und in dem er sich nicht nur für die Ehrenrettung der so oft als trivial verschrienen Unterhaltungs- und Genreliteratur einsetzt, sondern auch nach bester Sankt-Georgs-Manier eine Lanze für deren Autoren bricht. Hier ist, was er dazu zu sagen hat und was mancher Verlagsdrache sich endlich einmal hinter die schwefeligen Ohren schreiben sollte:
»Unterhaltungsliteratur ist in jedem Falle alle Mühen wert, die man darauf verwenden kann – als Leser, als Autor und als Kritiker. […] Wichtig ist mir, zu zeigen, dass im eigentlichen Sinne der Autor der wichtigste Faktor im Zirkus der Veröffentlichungen ist. Ohne ihn kann der Verlag nicht arbeiten, haben die Lektoren Freilauf, finden viele Drucker kein Auskommen, hat der Vertrieb nichts zu verteilen, sitzen die Buchhändler auf dem Trockenen. Der Autor ist der Verursacher und der Erhalter vieler Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten.«
Womit wir am Schluss dieser kleinen Untersuchung angelangt wären. Was ich mich allerdings frage, ist: Warum ist Jörg Weigand als ausgewiesener Pseudonymkenner und (vide sein Buch PSEUDONYME. Ein Lexikon) eigentlich nie auf die Idee gekommen ist, sich selber den Namen »Georg Streiter« als Pseudonym zuzulegen?
Horribile dictu: Womöglich wusste er bisher gar nicht, was sein Name bedeutet … aber dem ist ja nun Abhilfe geschaffen.
Jörg Weigand im Arbeitsmodus beim ZDF
Lieber Jörg Weigand,
kaum eine Anthologie, die Sie in all den Jahren herausgegeben haben, ohne eine meiner zahlreichen Geschichten, Erzählungen, SF-Storys – und dafür danke ich Ihnen ganz herzlich!
Nun zählen Sie in diesem Jahr zu den prominenten Jubilaren unserer eingeschworenen und engagierten Science-Fiction-Gemeinde.
Da wünsche ich Ihnen noch viele Jahre Schaffenskraft, Kreativität und Gesundheit – bleiben Sie uns bitte noch lange erhalten! Wir brauchen Sie!
Da ich nicht mehr schreibe, lasse ich einen Berufeneren zu Wort kommen: Hermann Hesse, der uns in unserem Alter doch Einiges zu sagen hat:
»… ich kann einige von den Gaben, die das Alter uns schenkt, dankbar mit Namen nennen. Die mir teuerste dieser Gaben ist der Schatz an Bildern, die man nach einem langen Leben im Gedächtnisägt. Liebe Menschen, viele, die schon nicht mehr auf der Erde, leben in uns weiter, gehören uns, leisten uns Gesellschaft, blicken uns aus lebenden Augen an. Häuser, Gärten, Städte, die inzwischen verschwunden oder völlig verändert sind, sehen wir unversehrt wie einst, ferne Gebirge und Küsten, finden wir frischfarbig in unserem Bilderbuch wieder.
Das Schauen, das Betrachten, die Kontemplation, wird immer mehr zuGewohnheit und unmerklich durchdringt die Stimmung desunser ganzes Verhalten.
Von Wünschen, Träumen, Begierden, Leidenschaften gejagt, sind wir durch die Jahre und Jahrzehnte unseres Lebens gestürmt, ungeduldig,, erwartungsvoll, voll von Erfüllungen oder Enttäuschungen heftig erregt und– heutewir uns darüber, wie schön und gut es sein kann, jener Jagd und Hetze entronnen und in die vita contemplativa gelangt zu sein.
Hier in diesem Garten des Alters blühen manche Blumen, wie die der Geduld, an deren Pflege wir früher kaum gedacht haben. So lassen wir unser Leben vorübergleiten, manchmal mit stillem Bedauern, manchmalheller Freude, ja mit Heiterkeit.«
In diesem Sinne – begehen Sie diesen Tag – und noch viele die diesem folgen werden – mit Heiterkeit und auch mit Stolz über das Œuvre, dass Sie – uns allen zur Freude – geschaffen haben.
Mit einem herzlichen Gruß, Ihr
Rainer Erler
Aristide Montgomery »Mungo« Carteret saß auf der Terrasse, trank Kaffee mit Calvados, blickte aufs Meer, über dem jenseits von Alderney die Sonne sank, und dachte nach über die Unmeßbarkeit des Unwägbaren. Genauer: ob er sich mehr langweilte oder mehr sorgte.
Für beides gab es Gründe. Sein letzter Fall oder Auftrag hatte ihm ausreichend Geld eingebracht, so daß er keine öden Aufträge annehmen mußte, und interessante gab es zur Zeit nicht. Mit flüchtigem Grinsen dachte er an den Ausdruck von Entsagung, gemischt mit Erleichterung, auf dem Gesicht des Lustknaben einer Millionärin, der nicht entführt worden war, sondern sich in einem unzugänglichen Winkel der Mongolei versteckt hatte, um sich von der Dame und ihren Ansprüchen zu erholen.
Soviel zur Langeweile. Die Sorge betraf seine Kusine Pamela du Plessis. Sie hatte ihn vor einiger Zeit – dreißig Tage her – aus der Hauptstadt des Commonwealth angerufen und ihm erzählt, sie werde Atenoa vorübergehend verlassen, um auf einer Randwelt, fast schon im galaktischen Niemandsland, ein gerade erst entdecktes Archiv zu sichten: »Da hat’s ein Erdbeben gegeben, samt Erdrutsch, Mungito, und seit ein paar Jahrhunderten wußte niemand mehr, was da vorher gewesen war. Stell dir vor: eine Art Kloster der Frühen! Mit verschüttetem Archiv! Da muß ich doch hin, oder?«
Sie hatte versprochen, sich bald zu melden, spätestens in zehn Tagen, und ihm von Funden und aufregenden neuen alten Texten, Aphorismen, Lebenszeugnissen zu berichten.
Seitdem – nichts. Pamela, Dozentin für die Frühe Noastoa1 am Peripatio der Akademie Atenoa, war eigentlich zuverlässig. Unter normalen Umständen wäre längeres Schweigen ebenfalls normal gewesen; wenn es nichts zu berichten, keine neuen Witze oder alten Aphorismen zu übermitteln gab, konnten auch Monate zwischen den Anrufen liegen. Aber die Umstände waren nicht normal, Pamela befand sich auf einer entlegenen Welt und hatte versprochen, sich zu melden.
Er leerte seinen Becher, schnaubte und faßte einen Entschluß. Leise durch die Zähne pfeifend ging er ins Wohnzimmer. »Moloch«, sagte er.
»Edler Meister?« Die Stimme kam aus dem kleinen Lautsprecher zwischen den Zähnen des Totenschädels, der den kompakt barg.
»Neues von Pamela?«
»Würde ich dir denn Mitteilungen von hochdero inzestuöser Kusine vorenthalten?« Das Gerät klang beinahe vorwurfsvoll.
»Na schön.« Carteret überlegte einen Moment, in welcher Reihenfolge die nötigen Dinge, Anrufe, Anfragen, Buchungen vorzunehmen wären; dann gab er dem Universalrechner ein paar Anweisungen.
Auf dem langen Flug, bei dem er mehrmals umsteigen mußte, las Carteret ein paar neue Romane auf richtigem Papier, unterhielt sich mit seinem kompakt und überflog immer wieder die von diesem gespeicherten Informationen über den Planeten, in der Hoffnung, etwas zu finden, was Pamelas Verstummen erklären könnte.
Tahonka, las er, hätte eigentlich gar nicht besiedelt werden dürfen, weil es dort eine vermutlich halbintelligente indigene Spezies gab. Einer der frühen Siedler, Auswanderer von einer frankophonen Welt, hatte gesagt, die Kreaturen erinnerten ihn an einen nahezu schrankförmigen Verwandten, weshalb er sie Tontons nannte, »Onkel«. Man hatte sie zunächst für einfache Tiere oder ambulante Pflanzen gehalten; bis Xenologen aus dem Commonwealth ihnen eine mit Fragezeichen versehene Kollektivintelligenz zusprachen, waren die ersten Siedlungen bereits seit Jahrzehnten etabliert, und da es keine Konflikte gab, verzichteten die Behörden auf eine Zwangsräumung des Planeten. Es ergingen lediglich Anweisungen, die Tontons auf keinen Fall zu behelligen, zu vertreiben, physisch zu bedrängen oder zu beeinflussen.
Carteret betrachtete die Bilder, die den Artikeln allerdings nicht zu pittoreskem Reiz verhalfen. Die Geschöpfe waren grob kastenförmig, im Durchschnitt etwa 100 cm groß, 50 cm breit, 50 cm tief. Sie hatten zwei kleine Arme mit je zwei Fingern und bewegten sich notfalls rasend schnell auf drei Beinen (zwei seitliche »Stand-« oder »Balance-Beine« und ein zentrales »Sprungbein«). An der Oberkante des Kastens gab es eine Wölbung mit einer Mundöffnung, Augen auf beweglichen Stielen und borstige Fühler, die man für »Antennen« zur Aufnahme akustischer Signale hielt. Später stellte sich heraus, daß die Tontons nicht durch Schall-, sondern durch Druckwellen kommunizierten, und daß Gerüche eine wichtige Rolle spielten. All dies blieb aber weitestgehend Mutmaßung, weil es bis zu diesem Tag nicht gelungen war, irgendeine Form der Kommunikation mit ihnen zu finden. Man wußte nichts über ihre Fortpflanzung und konnte nur feststellen oder behaupten, sie seien ein reines Kollektiv.
Einem Verweis zufolge hatte eine Galadriel Pfung Der Termitenstaat der Tontons von Tahonka veröffentlicht, ein Werk, das wohl größtenteils aus Vermutungen und Fragen bestand. »Veröffentlicht« schien auch nicht das richtige Wort zu sein; es mußte sich um einen Privatdruck alter Art handeln, der hin und wieder erwähnt wurde, aber nirgendwo vorhanden war. In der knappen Zusammenfassung war zu lesen, die Autorin habe nach Konflikten mit den »örtlichen Fundamentalisten« Tahonka unter Zurücklassung aller Unterlagen verlassen müssen und sich bei der Abfassung der Studie allein auf ihr Gedächtnis stützen können. Ihre Feststellung, mit einem frühen Emotiotaster2 habe sie bei einer Gruppe Tontons deren Reaktionen auf bestimmte Wellen und Gerüche ermittelt, seien folglich substanzlos.
Die menschlichen Bewohner des Planeten nannten sich Tonks, wurden aber von anderen Bewohnern dieser Randregion Honks genannt – »angeblich ein altes Schimpfwort unklarer Herkunft und Bedeutung«. Mungo überging die Darlegung ihrer »neocalvinistischen Epignosis« ebenso wie die Erörterung diverser Schismen; er nahm lediglich zur Kenntnis, da das Leben ernste Arbeit mit den eigenen Händen sei, habe man weitgehende Ächtung jeglicher Kunst (die als frivole Spielerei galt) durchgesetzt und lasse eher abstrakte Dinge wie Verwaltung, Außenhandel etc. von Maschinen erledigen. Es bleibe abzuwarten, wie sich die »unbehagliche Koexistenz« jüngerer weltoffener Gruppen mit der orthodoxen Mehrheit entwickle.
Neun Tage nach dem Aufbruch verließ er das Shuttle, das ihn von der Orbitalstation zur Oberfläche von Tahonka gebracht hatte. Beim Anflug betrachtete er auf den Panoramaschirmen die hundert Grüntöne des Planeten – Felder, Wälder, Savannen, grüne Wasserflächen –, hier und da aufgelockert durch lila, rosa oder orangefarbene Flächen. Die drei anderen Passagiere, Tonks in dunkler Kleidung, hatten sich als nicht besonders gesprächig oder gar auskunftsfreudig erwiesen; er wußte lediglich, daß sie geschäftlich unterwegs gewesen waren und in der Hauptstadt mit dem einfallsreichen Namen Centro wohnten. Es gab nur diesen einen Raumhafen, eher eine staubige Landefläche mit einer Baracke, die als Tower diente, und ein paar Hangars oder Lagerhäuser. Eine Robotrikscha beförderte die Passagiere und ihr Gepäck zur Abfertigung, die ebenso menschenleer und automatisiert war wie die Orbitalstation. Ein Gerät las die Ausweischips, dann leuchtete ein grünes Licht auf. Carteret nahm den Ausweis wieder an sich, streifte den Getränkeautomaten, der in einer selten gereinigten Ecke der Halle stand, mit einem Blick und ging ins Freie, wo die anderen in eine von zwei Pferden gezogene Kutsche stiegen. Auch der Kutscher trug Schwarz und blickte ernst.
Ein kleiner korpulenter Mann mit Halbglatze, Sandalen und vergilbter Latzhose lehnte an einem antiken Vehikel. »Dom Carteret?«
Mungo betrachtete das Gesicht, das auf dem Visifonschirm weniger feist gewirkt hatte. »Dom Dulac, nehme ich an«, sagte er.
Der Dicke nickte; seine fleischigen Wangen verdoppelten die Bewegungen. »Kommen Sie.« Er klopfte auf das Dach des Vehikels.
»Was ist das? Bewegt es sich, wenn man sich etwas wünscht?«
»Na ja, ein paar Hebel und Knöpfe muß man schon berühren. Alt und zuverlässig.« Der Mann schnalzte. »Wasserstoff. Hier fahren auch noch ein paar Wagen mit Verbrennungsmotor. Das wär’s.«
Carteret verstaute sein Gepäck und kletterte auf den Beifahrersitz. Dulac zog an einem Hebel, schob einen anderen in die passende Vertiefung und löste eine Bremse.
»Sie vertreten also hier das Commonwealth?«
Dulac hob die Schultern. »Wenn Sie so wollen. Wir haben oben die Robotstation, hier die Robotabfertigung, einen robotgesteuerten Meiler, einen meistens defekten antiken Rechner als Stadtverwaltung, keine offizielle Filiale von SIC3 oder sonst was. Und an die zweihundertfünfzigtausend Menschen, fast alle Bauern und Jäger, die sich den Planeten mit den Tontons teilen. Was haben Sie denn erwartet?«
Der Wagen hatte Hartgummireifen, aber offenbar eine gute Federung; sie schluckte fast alle Löcher und Unebenheiten des Wegs – »Straße« wäre übertrieben. Carteret sah weiter entfernt ein paar einzelne Häuser und nahm an, daß es sich um Bauernhöfe handelte, da sie von den lila- und orangefarbenen Getreidefeldern der hiesigen Parahirse- und Schlemmweizenarten umgeben waren. Weiter weg ahnte er seltsam geformte Gewächse, vermutlich Bäume, und während sich der Wagen dem Stadtrand näherte, fragte er sich, was wohl Anlaß der Besiedlung vor Jahrhunderten gewesen sein mochte – und vor allem, was die Leute immer noch hier hielt.
»Sie fragen sich wahrscheinlich dies und das«, sagte Dulac.
»Vor allem das.«
»Haben Sie was über die hier gelesen?«
»Ja, aber es gibt nicht viel Material. Irgendein Fundamentalistenkult, angeblich eine Theophagensekte, was immer das sein soll; die Leute wollten einfach für sich leben und Subsistenzlandwirtschaft betreiben. Kaum Bodenschätze, soweit bekannt, ein paar nahrhafte Pflanzensorten, für die es inzwischen sogar Abnehmer in anderen Systemen gibt. Und aufmüpfige Jüngere. Sonst noch was?« Da Dulac nicht sofort antwortete, setzte Mungo hinzu: »Und wieso sagen Sie ›die hier‹? Sind Sie von woanders?«
»Mhm. Kleine Welt im Pleiaden-Sektor. Strafversetzt.«
»Ah. Was haben Sie da angestellt?«
Dulac spitzte den Mund. »Das wollen Sie nicht wissen. Falls Sie auf meine Mitarbeit zählen …«
Carteret schwieg, auch weil ein plötzlicher heftiger Regenschauer so laut auf das Wagendach prasselte, daß ein Gespräch nicht möglich gewesen wäre. Als der Regen nachließ, sagte Dulac, dies sei die übliche »Benetzung«, die zwei- bis dreimal pro Tag diese Region von Tahonka beglücke.
Ein paar Minuten später erreichten sie das Zentrum der Hauptstadt des Planeten: ein runder Platz mit einem Kranz aus flachen Gebäuden. Eines schien eine Art Hotel oder Gasthaus zu sein, die übrigen waren Werkstätten, Läden und Wohnhäuser. Dulac parkte den Wagen vor dem Hotel.
»Kommen Sie. Erst mal Unterkunft, dann, uh, Büro und Besprechung.«
Mungo folgte ihm ins Hotel. Dulac grunzte leise, begab sich hinter einen Tisch, der offenbar Rezeption spielte, nahm aus einer Schublade einen schweren Eisenschlüssel und legte ihn auf die Tischplatte.
»Bitte sehr. Zimmer eins mit Blick auf den Platz.« Er deutete auf eine Tür nicht weit rechts vom Tisch.
Carteret nahm sein karges Gepäck und den Schlüssel. Die Zimmertür war nicht abgeschlossen. Es gab ein breites Bett, ein paar Lampen, Tisch und Stühle, eine kleine Hygienekabine und vor dem Fenster einen weiteren Platz mit ausladenden Bäumen.
»Sie können abschließen«, sagte Dulac. Er hockte mit halbem Gesäß auf der Tischkante, als Mungo wieder zum »Empfang« kam. »Müssen Sie aber nicht.«
»Aha. Gibt’s in Ihrem Büro Kaffee?«
»Aber nicht viel mehr. Kommen Sie.« Dulac rutschte von der Tischkante, durchquerte die Halle und öffnete eine Tür, hinter der Carteret eine Gaststube vermutet hatte. In dem großen Raum gab es ein paar Funktionsmöbel – Stühle, Sessel, Schreibtisch, Regale und eine Art Sofa – und Geräte, darunter eine größere Hyperfunkkonsole und diverse Rechnerterminals.
Dulac deutete auf einen der Sessel und ging zur Kaffeemaschine. In diesem Moment wurden draußen, auf dem Platz, Stimmen laut; sie klangen mürrisch, aber eher resigniert als erbost, wenngleich Carteret kaum einzelne Wörter unterscheiden konnte.
Er ging zum halbgeöffneten Fenster und blickte hinaus. Ein paar Leute standen dort, redeten und blickten auf einen Punkt irgendwo über der Platzmitte; andere Bewohner der Metropole verließen eben ihre Häuser und kamen zu den Versammelten.
»Da sehen Sie die derzeitige Hauptattraktion«, sagte Dulac; auch er klang eher resigniert als erregt oder gar begeistert.
Mungo kniff die Augen zusammen und versuchte, die über dem Platz schwebenden Objekte zu identifizieren. Es handelte sich um Dinge, für die er zunächst keine Begriffe fand, wenn sie ihn auch an Bekanntes erinnerten.
Dann wurde ihm klar, daß es sich nicht um Gegenstände, sondern um wabernde Bilder handelte. Ein kleiner schwebender Kobold oder Gnom war dabei, der entfernt Ähnlichkeit mit einem Buddha hatte. Um ihn her huschten verzerrte Formen – eine Schattengazelle? Schlangenlinien, die sich zu einer unruhigen Spitzhacke vermählten? Ovale Koffer oder Kommoden?
Einige Schritte entfernt von den meist dunkelgekleideten mürrischen Betrachtern bildete sich eine kleine Gruppe jüngerer Leute in heller Kleidung. Sie blickten fröhlich drein; mehrere von ihnen applaudierten.
»Was bei allen Göttern der Galaxis …?«
»Yöröq«, sagte Dulac.
»Häh?«
»So heißt er. Yöröq. Hat sicher auch einen Vornamen, aber den kenne ich nicht.«
Die Schwebebilder fransten aus, zerfaserten, lösten sich auf und verschwanden. Die Leute draußen standen noch einen Moment herum, ehe sie sich wieder in ihre Häuser begaben.
Dulac kam mit zwei Kaffeebechern, Milch und Zucker zu dem kleinen Tisch und den Sesseln. »Da. Wohl bekomm’s.«
Carteret setzte sich, nippte an seinem Becher, goß Milch hinein, nahm zwei Löffel Zucker und rührte lautstark um. »Mögen Sie mich aufklären?«
»Langsam.« Dulac kaute auf der Unterlippe. »Wo soll ich anfangen?«
»Erstens – was sind Sie hier? Zweitens – was war das da eben? Drittens – was wissen Sie von Pamela du Plessis?« Dann gluckste er. »Die Punkte vier bis neunzehn verhandeln wir später.«
Dulac spreizte den Daumen der Rechten ab. »Raumhafenleiter, Verwaltung, Müllabfuhr, Bürgermeister, Polizei, Postamt, Hotelier«, sagte er. Der Zeigefinger gesellte sich zum Daumen. »Yöröq ist Musiker, Komponist, außerdem hat er eine obskure Psi-Fähigkeit – wenn er furchtbar konzentriert arbeitet, an seiner Phantomorgel, projiziert er das, was er bei seiner Musik empfindet, als Hologramme. Könnte man sagen.«
»Was muß man empfinden, um huschende Gazellen und Buddhafiguren zu projizieren? Ich meine, im Zusammenhang mit Musik?«
Dulac zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ist aber für seine Verhältnisse ziemlich hektisch; sonst kriegen wir eher Schlummerbäume4, Savannengräser oder melancholische Seelandschaften zu sehen. Drittens« – der Mittelfinger – »dam du Plessis ist bei ihm, oder in seinem Keller, in den Ruinen. Und sie kann da nicht weg.«
»Ich fürchte, Sie müssen mit mir reichlich Geduld haben, wenn Sie … Also, können Sie ein bißchen weiter ausholen?«
Yöröq, sagte Dulac, sei vor Jahren, lange vor ihm, hergekommen, um in »glorreicher Abgeschiedenheit« seine Kunst zu betreiben, ungestört von der profanen Umgebung seiner Heimatwelt. Und ohne diese seinerseits durch seine Musik und Projektionen zu stören. Anders als früher gebe es bei den Tonks inzwischen eine gewisse Toleranz für unaufdringliche Kunstformen. Die Bewohner von Centro hätten es aber nicht lange ertragen, daß zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten die von ihm projizierten Bilder durch ihre Häuser geisterten. Man habe ihn gezwungen, sich außerhalb des Orts niederzulassen – die Projektionen verlören sich normalerweise nach sechs oder sieben Kilometern, weiter reiche die Psi-Kraft nicht. Außer in Ausnahmefällen, und von denen gebe es in letzter Zeit einige; wahrscheinlich sei der Komponist extrem konzentriert oder erregt oder was auch immer. Er habe mit Hilfe einiger Leute (Junge, die ihm helfen, und Alte, die ihn loswerden wollten) etwa zehn Kilometer vom Ort auf einer kleinen Anhöhe ein Haus gebaut. Es habe dort Reste älterer Gebäude gegeben, die er als Fundament nutzen konnte. Vor ein paar Monate hätten heftige Unwetter mit Regengüssen sowie ein kleines Erdbeben einen Teil der überbauten Ruinen freigelegt.
Yöröq kam oft mit Pferd und Wagen in die Stadt, um Nahrung und alles Nötige zu beschaffen; dabei hatte er von den freigespülten Ruinen erzählt. Zu diesem Zeitpunkt machte gerade ein Kartographenschiff der Flotte Station auf Tahonka – »Landurlaub« zur Unterbrechung ihrer Mission, Erst- oder Neuerfassung entlegener Systeme an der Grenze zum galaktischen Niemandsland. Die zahlreichen verschiedenen Wissenschaftler der Besatzung hörten von den Ruinen und sahen sie sich an, gruben ein wenig und stellten fest, daß dort vor Jahrhunderten eine Exil-Kommune früher Noastoa-Denker gehaust, gegrübelt, geschwelgt und geschrieben hatte. Man fand Aufzeichnungen und Hinweise auf weitere verschüttete Räume. Die Akademie von Atenoa bereitete eine Forschungs- und Grabungsexpedition vor, aber Pamela du Plessis, Spezialistin für die Frühe Noastoa, wollte sich schon vorher umschauen, kam nach Tahonka und quartierte sich bei Yöröq ein. Zwei Tage nach ihrer Ankunft zerstörte ein weiteres kleines Erdbeben die Wasserleitung zum Haus. Danach war Yöröq noch zweimal in Centro gewesen, um Nahrung und Wasser zu holen. Als der Komponist sich dann nicht mehr blicken ließ, wollte Dulac zu ihm fahren, kam aber nicht näher als etwa hundert Meter an die Behausung heran, die von einer dichtgepackten Horde Tontons umlagert war. Man habe mit einer Reparatur der Leitung begonnen, komme aber auch damit nicht näher an Haus und Hügel.
»Die sitzen also ohne Wasser da, belagert von Tontons?« Carteret schüttelte den Kopf. »Warum?«
»Weiß keiner«, sagte Dulac. Er starrte in seinen leeren Kaffeebecher. »Und solange sie nicht in Lebensgefahr sind, kann ich nichts tun.«
»Was sagen sie denn selbst? Man kann doch bestimmt mit ihnen sprechen, oder?«
»Nein.«
»Wieso nicht?«
»Hier gibt’s keinen Funk, keine Verstärker, nichts. Die Orthodoxen und die Technik, wissen Sie. Ein paar von den Jungen haben angefangen, wie in grauer Vorzeit Leitungen zu legen und das Telefon neu zu erfinden, aber …«
»Das erklärt, wieso Pamela sich nicht mehr bei mir gemeldet hat.«
»Dazu hätte sie zu mir kommen müssen.« Dulac deutete auf die Geräte an der Längswand des Raums. »Oder zum Raumhafen.«
»Sind Sie denn sicher, daß sie nicht längst verdurstet sind?«
»Die haben Eimer aufgestellt, für die Regenschauer. Und …« Dulac hob ein eigroßes Gerät, richtete es auf eine der zahlreichen Konsolen an den Wänden und drückte winzige Bedienelemente. Ein Bildschirm erhellte sich und zeigte Aufnahmen, die ein Flugobjekt gemacht hatte: ein dichter Wall aus graugrünen Kästen, Tontons, ein Hügel mit einem Holzhaus zwischen eingesunkenen Steinmauern, die fast freigelegte Ostseite des Hügels mit weiteren, besser erhaltenen Mauern und einer Treppe, die in die Tiefe führte. Aus der Tiefe tauchte Pamela du Plessis auf, winkte mit einem Papierbündel und lächelte in die Kamera; sie wirkte keineswegs niedergeschlagen, allerdings ein wenig verwahrlost und …
»So schmutzig kenne ich sie gar nicht«, sagte Carteret.
»Na ja, ich schicke mit dem kleinen Schweber Nahrung und Trinkwasser hin, aber für Waschwasser und andere schwere Lasten ist das Gerät zu klein. Für Personen sowieso.«
Die Kamera schwenkte und erfaßte einen Mann, den Komponisten, der eben aus der Tür seines schiefen Holzhauses trat und sich bereitmachte, die karge Fracht des Schwebers entgegenzunehmen. Er hielt ein Blatt in der Hand und wäre beinahe über einen der zahlreichen Bottiche gestolpert.
»Wünsche für die nächste Lieferung«, sagte Dulac. »Mehr Wasser und vielleicht doch ein bißchen Seife. Aber wie gesagt, für große Wassermengen ist der Schweber zu klein.«
