In den Nebeln der Zeit - Lars Burkart - E-Book
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In den Nebeln der Zeit E-Book

Lars Burkart

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Beschreibung

Sein gesamtes Leben forscht John an Zeitreisen. Als ihm eines Tages die Leitung eines Teams angeboten wird, welches sich damit befasst, kann er nicht anders, als anzunehmen. Die Faszination währt nicht lange, schon bald erkennt er, das es nicht nur um die Erforschung der Vergangenheit geht, sondern vorrangig um die Bereicherung eines einzelnen. Dieser möchte sich in der Vergangenheit ergiebige Ländereien sichern und in der industrialisierten Gegenwart ein Monopol auf die dort zu findenden Stoffe haben. Doch es muss erst zu den ersten Todesfällen kommen, bis John hinterfragt. Und dann beginnt der Kampf gegen einen schier übermächtigen Gegner – einem Großkonzern, in einer Zeit, in der es diesen noch nicht gibt. Im Jahr 1939. Doch der riskante Plan scheitert und John und der verbliebene Rest des Teams flüchten in die Gegenwart, die nun nicht mehr die ist, die sie verlassen haben. Wird es ihnen gelingen, den entstandenen Schaden zu korrigieren? Oder bleibt die Welt, wie sie jetzt ist?

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Seitenzahl: 997

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Lars Burkart

In den Nebeln der Zeit

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Epilog

Von Lars Burkart erhältlich

Impressum neobooks

Prolog

Prolog

Europäisches Nordmeer; 700 Seemeilen nördlich der Färöer-Inseln

Ein eisiger Wind pfiff aus östlicher Richtung. Es ist zwei Stunden nach Mitternacht. In diesen frühen Stunden ist der Himmel wolkenlos und sternenklar, wie kleine, perfekte Diamanten funkeln sie. Das Wasser ist so glatt, der Mond spiegelt sich, taucht die Umgebung in ein mattes Licht. Am Horizont verschmelzen Wasser und Himmel zu einer pechschwarzen Einheit.

Mit konstant fünfzehn Knoten fuhr das Schiff. In den letzten Stunden war es eine ruhige Fahrt gewesen. Es hatte auch schon ganz anderes Wetter mitgemacht; Sturm und Hagel und meterhohe Brecher, dagegen war es heute eine richtige Erholung. Flach und glatt, wie ein Sonntagsausflug auf einem See.

Eben öffnete sich ein Schott und eine vermummte Gestalt tritt aus den Eingeweiden des Schiffes heraus. Sie ging bis an die Reling, stützte sich mit ihren dick behandschuhten Händen an ihr ab und sieht auf den dunklen Atlantik hinaus. Ihr Blick wanderte von den ruhigen Wassern auf Steuerbord weiter auf das aufgewühlte, schaumige Fahrwasser, das sich Kilometer um Kilometer hinter dem Schiff auftat. Wegen der Kälte trug sie einen dicken Parka, die Kapuze weit ins Gesicht gezogen. Rechts von ihr knatterte die deutsche Flagge leicht im Wind, links hinter ihr hing ein Rettungsring, auf dem der Schiffsname in weißen Lettern stand. „ROSTOCK“. Und noch ein weiteres Stückchen nach links, ganz hinten am Heck befand sich eine fast vier Meter hohe und ebenso breite Kabeltrommel. Ein gewaltiger Stahlträger hielt sie. Mehrere Kilometer Kabel waren auf diese Trommel gewickelt, diese verbanden das Schiff mit dem Herzstück dieser Mission, dem eigentlichen Grund ihrer Anwesenheit. Gerade eben drehte sich die Trommel quietschend und surrend. Ein beinahe fingerdickes Kabel spannte sich von der Trommel bis zur glatten Wasseroberfläche, zerschnitt es mühelos wie ein Messer die Butter und taucht dann tiefer und tiefer in die schwarzen Wassermassen ab. Mehr als dreitausend Meter geht es so abwärts, hinab in das Norwegische Becken. In eine Tiefe, in der kein Licht vordringen kann, in der absurd aussehende Wesen existieren, dort endet es schließlich in einem Fahrzeug, das nur zu einem Zweck konstruiert wurde, um in diesen Tiefen zu operieren. Einem ROV, einem Remotely Operated Vehicle, oder schlicht gesagt, einem ferngesteuerten Fahrzeug. Auf den ersten Blick mutete dieses ROV wie ein futuristisches Mondfahrzeug an, das aus nichts anderem als einem Skelett zu bestehen schien. Einem Gerippe, wie das Stahlgerüst eines riesigen Wolkenkratzers, jedoch um einiges kleiner. An den einzelnen Streben, die teils quer, teils längs verliefen, waren Kameras befestigt. Acht Stück. Eine für die Vorwärts, eine für die Rückwärtsfahrt, jeweils zwei Stück auf der linken und rechten Seite, dann noch zwei für oberhalb und unterhalb, diese waren mit einem Weitwinkelobjektiv ausgestattet, denn sie hatten ein riesiges Areal zu überblicken. Zahlreiche Lampen tauchten die Umgebung in ein gespenstisches Licht. An seinem Bug waren zwei hydraulisch betriebene Greifarme angebracht, die zusätzlich noch mit winzigen Propellern ausgestattet waren, um sie in jede beliebige Richtung bewegen zu können. Außerdem verfügte das ROV über drei weitere Propeller am Heck, die es vorantrieben, schließlich sollte das Gewicht, welches auf diesem Kabel lastete, so gering wie möglich sein. Brauchte man doch um in einer Tiefe von fünftausend Metern operieren zu können fast zehntausend Meter Kabel. Und genau das war das Problem: je länger es war umso brüchiger wurde es. Vor einem Jahr musste die Mission schon einmal unterbrochen werden, weil das Kabel wie ein Garn einfach gerissen war und das Millionen Euro teure Unterwassergefährt unwiederbringlich in den Fluten versank. Das sollte nicht noch einmal geschehen. Dazu lastete zu viel auf diesem Projekt.

Zuzüglich dieser ganzen Dinge waren noch andere, ebenso wichtige Utensilien mit an Bord. Diverse Instrumente zur Messung der Temperatur, des Salzgehaltes und der Strömung, Sonargeräte und Radar.

Die Person beugte sich ein winziges Stück über die Reling hinaus, nicht viel, nur so weit sie es riskieren konnte nicht in die eisigen Fluten zu stürzen, denn das würde bei einer Wassertemperatur von knapp vier Grad Celsius schon nach wenigen Minuten den sicheren Tod bedeuten. Ein paar Mal atmete sie tief ein und wieder aus, durchsichtige Wölkchen bilden sich vor ihrem Mund. Dann schiebt sie die Kapuze zurück und ein roter Lockenkopf kommt zum Vorschein. Die Gesichtshaut ist pickelig und mit Sommersprossen übersät. Locken und Pickel gehören Patrick Neumann, sechsundzwanzig Jahre und desillusioniert. Er hatte sich damals für die Seefahrt entschieden, weil er die Welt bereisen wollte, ferne und exotische Länder wollte er sehen. Aber so wie sich das bisher gestaltete, entsprach das ganz und gar nicht seinen Vorstellungen. Seit Monaten schon keinen Landurlaub mehr, bei allen war die Moral am Ende und die Luft raus. Bei ihm war es nicht viel anders. Immer nur auf diesen saublöden Bildschirm starren, Tag für Tag, Stunde um Stunde auf etwas Ungewöhnliches warten. Er hatte es satt, er hatte es so satt und Urlaub war dringend nötig.

Er pellte seine rechte aus dem dicken Handschuh und steckte sie hastig in die Tasche seines Parkas. Dort waren seine Zigaretten. In wenigen Minuten beginnt sein Dienst und bis dahin wollte er unbedingt noch eine rauchen. Er zündete sie an, sog ihren Rauch tief in seine Lungen und blies aus. Der Rauch vermischte sich mit den Dampfwölkchen seines Atems und ließ ihn dunkler erscheinen.

Die eisige Luft biss in Nase und Augen, in den Augen fühlte es sich an wie Hitze und Kälte zugleich. Er wusste nicht, wie das sein kann, meinte aber, dass das bestimmt nur in seiner Einbildung so war. Bestimmt war es einfach nur zu kalt um etwas Genaues zu fühlen.

Die Kippe tat gut, auch wenn sie viel zu schnell aufgeraucht war. Schließlich schnippte er sie im hohen Bogen über die Reling und sah ihr zu, wie sie wie eine rot glühende Sternschnuppe ihre Bahn flog und im Wasser dann gelöscht wird. Sein Appetit war noch nicht gestillt, er überlegte noch eine anzustecken, entschied sich aber dagegen. Er kannte das Gefühl nur allzu gut, hatte es doch mehr als einmal selbst erlebt, wenn man dasaß, auf die Ablösung wartete, die Augen vom pausenlosen auf den Monitor starren schon ganz trocken waren und juckten und brannten, wenn einem die rechte Hand, die den Joystick bediente, schmerzte und die Finger der anderen so dick wie Würstchen vorkamen, weil man stundenlang Befehlssequenzen eingegeben hatte. Nein, er wurde erwartet. Es war Zeit zu gehen!

Patrick streckte sich noch einmal, machte sich ganz lang, stellte sich auf die Zehenspitzen, riss die Arme ganz weit nach oben, so weit es ging, drehte sich um und verschwand im Bauch des Schiffes.

Nach einigen Minuten hatte Patrick auf dem Hochsitz, wie es scherzhaft genannt wurde, Platz genommen. Niemand von ihnen, weder Patrick noch einer seiner Kollegen, konnte sich noch genau erinnern, wie sie ausgerechnet auf diesen Namen kamen, schließlich hatte es herzlich wenig mit einem Hochsitz gemein, wie ihn ein Jäger nutzte. Möglicherweise lag es einfach nur daran, dass sie soweit oberhalb des ganzen Geschehens waren. Je nachdem wie tief der ROV getaucht war, konnten das schon mehrere Kilometer sein.

Im Grunde genommen war der Hochsitz nichts anderes als ein ganz normaler Arbeitsplatz. Er verfügte über einen fest an der Wand verankerten Tisch, auf den sich eine Tastatur und gleich daneben ein Joystick befanden. Ein wenig oberhalb der Tastatur, ungefähr auf Augenhöhe waren acht Bildschirme angebracht, die das zeigten, was die acht Kameras des ROV aufzeichneten. Gleich unterhalb dieser Monitore, praktisch mit einem einzigen Blick ersichtlich, gab es noch diverse andere Instrumente, die ihm relevante Informationen gaben. Den Salzgehalt des Wassers, beispielsweise, den pH-Wert, oder die Stärke der Strömung.

„Okay, ich übernehme ab jetzt. Meine Station ist On - Line. Die Temperatur beträgt 2,6 Grad Celsius. Strömung aus Nordost mit 3 Knoten. Höhe über Grund beträgt 104 Zentimeter. Tiefe zurzeit bei 2867 Metern. Kamera 1 bis 8 komplett im On – Modus.“

Patrick drehte sich zu seinem Kollegen um, der schon fast durch die schmale, enge Tür verschwunden war. „Und der Papierkorb ist so leer wie deine Rübe. Machs gut, Mike. Hab einen schönen Feierabend.“ Mike grinste breit und zeigte dabei seine Zähne. Wahrlich kein schöner Anblick. An seinen Zähnen klebte braune Masse. Ein Überbleibsel der Schokoriegel, die er pausenlos in sich hineinstopfte. Darum sprach Patrick in der Übergabe auch den Zustand des Papierkorbes an.

„Und dir wünsche ich einen ruhigen Dienst“. Dann war Mike verschwunden und Patrick allein in dem dunklen Raum.

Er streckte sich noch einmal, die Gelenke in den Knien knackten, dann umfasste er den Joystick mit der rechten und die linke tippte seinen Anmeldecode ein. Für die Zeit während der Übergabe folgte das ROV dem Kurs des Schiffes. Das nahm nie länger als zwei, drei Minuten in Anspruch. Solange liefen auch die Aufzeichnungen auf einen Monitor auf der Brücke auf, der in acht kleinen Fenstern unterteilt war, wie eine Art Splittscreen.

„6, 4, 8, 9, 0, 1, 3“, murmelte er leise vor sich hin, während seine Finger tippten. Wie oft hatte er das in den letzten Monaten schon getan? Er wusste es nicht, hatte längst aufgehört zu zählen. Nachdem er bestätigt hatte, folgte das ROV ausschließlich seinem Kommando. Er manövrierte es durch die dunklen unwirtlichen Tiefen der Meere und Ozeane.

„Dann wollen wir doch mal sehen was wir da unten haben.“

Er sprach hier drinnen oft mit sich selbst, es war seine Art mit der Stille umzugehen. Mike hatte dafür seine Schokoriegel, er redete eben mit sich selbst.

Die rechte Hand bewegte den Joystick ein wenig nach vorn und das Unterwassergerät reagierte sofort. Auf den Monitoren 1 bis 7 kam der Meeresgrund bis auf sechzig Zentimeter heran, dann tarierte es sich selbstständig aus, so dass es diese Höhe beibehielt. Auf Monitor

8 veränderte sich das Bild nicht. Die dazugehörige Kamera war oberhalb des ROV angebracht, sie zeichnete nur das auf, was sich darüber abspielt. Sie war meistens uninteressant. Einen richtigen Nutzen hatte sie nur, wenn sie in eine Unterwasserhöhle steuerten. Oder wenn Kamera 7 einen Defekt hatte. Dann brauchten sie das Fahrzeug nur zu drehen. Doch das war noch nie geschehen. Und wird es wahrscheinlich auch nie. Schließlich holen sie es alle achtundvierzig Tage für einen gründlichen Check nach oben.

Patrick rutschte ein Stück nach vorn, blickte gespannt auf die Monitore, die ihm nichts als Schlamm, hier und da etwas Geröll und Unmengen von Schwebeteilchen zeigten. Oh ja, dieser Job konnte einem schon verdammt langweilig werden. Wenn er wenigstens wüsste, wonach sie hier suchten. Suchten sie nach etwas bestimmten? Oder glich das nur der berühmten Suche nach der Nadel im Heuhaufen? Noch nicht einmal das wusste er. Mittlerweile kam es ihm aber genauso vor. Schließlich hatten sie die Anweisung nach allem Ausschau zu halten, was irgendwie besonders und außergewöhnlich war.

Besonders?

Außergewöhnlich?

Patrick hatte einmal wissen wollen, was damit gemeint war und als Antwort gab ihm der Kapitän nur zu verstehen, das er es wissen würde, wenn er es sah. Mehr Informationen gab es nicht. Weder für ihn noch für einen anderen. Und nach diesem besonderen und außergewöhnlichem durchkreuzten sie die Ozeane und Meere dieser Welt. Seit mehr als drei Jahren. Was für eine unglaubliche Verschwendung.

Den gesamten Pazifik hatten sie umgepflügt, den Indischen Ozean, das Mittelmeer, die Barentssee, die Nord und Ostsee, das Rote Meer, das Karibische Meer, den Atlantik. Überall hatten sie mit ihrem Tauchboot den Meeresgrund abgesucht, hatten Wochen, ja manchmal sogar Monate dort zugebracht und waren schließlich wie Weidetiere zur nächsten Wiese weiter gezogen, in ihrem Fall zum nächsten Gewässer. So folgte einem Meer dem nächsten, Ozean auf Ozean. Wie lange wollte er das noch mitmachen, fragte er sich nicht zum ersten Mal. Immer öfter stellte er sich diese Frage. Etwa bis er alt und grau war? Auf der Südhalbkugel war es wenigstens warm gewesen. Hier fror er sich nur den Arsch ab.

Und dann sah er plötzlich etwas. Es tauchte für eine Sekunde auf Monitor 1 auf, verschwand wieder, wurde aber noch von Nummer 7 festgehalten. Noch für ungefähr drei Sekunden. Schon war die erste vorüber. Patrick war plötzlich hellwach und hochkonzentriert. Hatte er eben noch auf seinem Stuhl gefläzt, mit der Müdigkeit gekämpft, so war das jetzt vorbei. Die zweite Sekunde ebenso. Eine blieb ihm noch.

Er stierte auf die 7 und seine Augen waren riesig. Was zum Teufel war das? So etwas hatte er noch nie gesehen, nicht mal so ähnlich. Sein Herz schlug bis zum Hals. Könnte es das sein, wonach sie suchen? Außergewöhnlich und besonders war es auf jeden Fall.

Schließlich verschwand es auch von dort. Erst da wagte er wieder zu atmen. Die letzten drei Sekunden hatte er es einfach vergessen. Seine Augen waren immer noch riesig, er glotzte wie ein Fisch auf diesen Monitor. Für einen Moment wusste er nicht was er tun sollte. Hatte er sich dieses seltsame Objekt vielleicht nur eingebildet? War er kurz eingeschlafen und hatte es nur geträumt? Nein, er war wach gewesen, hatte es gesehen. Da unten ist definitiv etwas.

Patrick schaltete die Propeller aus, das ROV sollte sich nicht noch weiter entfernen. Und dann musste er warten, bis es völlig zum Stillstand gekommen war, weil er erst dann den Rückwärtsantrieb betätigen konnte. Derweil stierte er wie ein Wahnsinniger auf die 7, mit dem Gesicht war er so nah dran seine Nasenspitze berührte ihn fast. Endlich begann sich das Bild zu verändern, denn das Fahrzeug hatte sich in Bewegung gesetzt. Jetzt hieß es abwarten. Sein Atem ließ den Monitor leicht beschlagen, er merkte erst dadurch wie sehr er schwitzte.

Dann kam das seltsame Objekt endlich wieder zum Vorschein. Jetzt, da er es erwartet hatte und nicht völlig überrascht wurde, klappte ihm der Unterkiefer runter. Du lieber Himmel, was ist das denn? Etwas derartiges hatten sie gesucht. Es passte definitiv in ihr Schema. Wenn dieses … dieses Ding nicht besonders und außergewöhnlich war, was war es dann?

Angestrengt versuchte er sich an die Vorgehensweise in so einem Fall zu erinnern. Hunderte Male hatten sie das schon besprochen und jetzt, da es eingetreten war, musste er sich erst umständlich ins Gedächtnis rufen. Moment! Wie war das? Er glotzte auf den Monitor und sah alles vor sich. Sicherstellen, dass das Objekt nicht verloren gehen kann, notfalls das ROV so programmieren das es selbstständig die Fahrt des Mutterschiffes ausgleicht. Augenblickliche Meldung an den direkten Vorgesetzten. Nun, er wusste das alles, hätte es buchstäblich im Schlaf aufsagen können, dennoch musste er es sich erst wieder in Erinnerung rufen.

Dieses Objekt, das mit einer goldenen Farbe leuchtete, hatte ihn abgelenkt, nun aber kehrte der Profi in ihm zurück. Es schien so groß wie ein Fußball zu sein, war aber nicht wirklich rund. Vielmehr erweckte es den Anschein tausendeckig zu sein. Die goldene Farbe pulsierte. Das leuchten wurde in einem Augenblick schwächer und im nächsten wieder stärker. Es war geradezu gespenstisch, dieses pulsierende und hell leuchtende Objekt inmitten des dunklen Schlammes.

Schließlich kehrte der Profi vollends zurück. Er besann sich und passte die Geschwindigkeit an die des Schiffes an. Das war nicht weiter schwierig, wenn das ROV im Einsatz war, fuhr das Schiff die schneller als fünfzehn Knoten. Eine reine Vorsichtsmaßnahme damit das ROV nicht verloren ging. Dann informierte er endlich seinen Vorgesetzten.

Die Befehlshierarchie an Bord eines Schiffes ist denkbar einfach. Sie ist sogar so einfach, sie bringt es mit einem einzigen Satz auf den Punkt: Der Kapitän hat das letzte Wort. In seinen Händen liefen alle Zügel zusammen. Er entscheidet, was getan und was gelassen wird. Natürlich spricht nicht jedes einzelne Crewmitglied zu ihm. Das ist schlicht unmöglich, er hätte ja keine ruhige Minute mehr und könnte nie und nimmer ein Schiff kommandieren. Wie fast überall auf der Welt hatte jede Abteilunge einen eigenen Vorgesetzten, der sich im Bedarfsfalle, wenn er es als wichtig genug erachtet, mit dem Kapitän kurzschließt.

Und Patricks Vorgesetzter war mit seinen einunddreißig Jahren nur fünf Jahre älter. Er hatte blondes, kurz geschorenes Haar, war tadellos rasiert und mit seinen fast einsfünfundneunzig ein regelrechter Hüne. Seine Uniform war tiptop in Ordnung, selbst nach seiner Schicht sah sie so aus als käme sie eben erst aus der Schneiderei. Er liebte seinen Job, mehr als alles andere auf der Welt. Er verlief ihm Selbstbewusstsein, dennoch war ihm in diesen Sekunden mulmig zumute. Und als er vor seinem Kapitän stand hatte er ganz weiche Knie.

Der Kapitän war genauso wie man sich einen alten Seebären vorstellte. Rotbärtig, kräftig, immer ein Pfeifchen zwischen den Lippen und einen kugelrunden Bauch vor sich hertragend. Seit seinem achtzehnten Lebensjahr befuhr er die Meere dieser Welt. Jetzt kurz vor dem Ruhestand mit fast dreiundsechzig, lag er nachts oft wach und fragte sich welcher Teufel ihn geritten hatte, dass er sich ausgerechnet dieses Kommando andrehen ließ. Weder war es stressig noch besonders anstrengend, ganz und gar nicht. Im Gegenteil, viel zu ruhig war es. Mehr als zwanzig Jahre fuhr er einen Öltanker. Das hatte sein ganzes seefahrerisches Können gefordert. Und jetzt? Dieser verdammte Kahn hier kam ihm langsam wie ein Geisterschiff vor. Eine Mannschaft aus Marionetten. Es wurde nie gescherzt, jeder war auf sich fixiert, die Stimmung verkrampft. Wann hatte er das letzte Mal einen seiner Männer lachen sehen? Oder mit einem Lächeln im Gesicht?

Diese Mission dauerte einfach schon zu lange! Vielleicht wäre ein mehrtägiger Landausflug das richtige!

Aber jetzt hatte er keine Zeit, sich über etwas anderes als seinem Kommando den Kopf zu zerbrechen. Er ließ sich die Aufnahmen der Kameras auf die Brücke überspielen und befehligte schon nach wenigen Augenblicken vollen Stopp. Vielleicht haben sie ja endlich gefunden, wonach sie suchten.

Nun ist das stoppen eines Schiffes bis zum völligen Stillstand nicht so unkompliziert wie das bei einem Auto der Fall ist. Da genügt ein fester Tritt auf die Bremse, war man flott unterwegs quietscht es erbärmlich, es qualmt und Gummi klebt auf dem Asphalt. Bei einem Schiff ist das etwas völlig anderes, bei einem Ozeanriesen dauert es sogar mehrere Kilometer. Da kommt es auf die Fähigkeiten des Kapitäns und seines Steuermanns an.

Unglaublich, einfach unglaublich. Patrick hatte sich immer über die Enge in seinem Steuerungsraum beklagt, war sich wie eine Sardine in der Dose vorgekommen und jetzt wirkte der Raum im Gegensatz zu vorher noch kleiner. Da hatte er ihn für sich gehabt. Jetzt herrschte ein Gedränge.

Da war der Kapitän, der seinen wogenden Bauch direkt hinter seinem Rücken geparkt hatte, der erste Offizier gleich daneben, ein unsympathischer Glatzkopf, den alle an Bord hassten weil er so launisch war und einen unangenehmen Geruch nach schwitzigen Socken verströmte, sowie sein direkter Vorgesetzter. Sie alle standen direkt hinter ihm und starrten an ihm vorbei auf den Bildschirm.

Seine Nervosität stieg an. Von jeher mochte er es nicht wenn jemand hinter ihm stand und über seine Schultern starrte. Und wenn es gleich drei waren, die obendrein alle seine Vorgesetzten waren, dann war es mit der Ruhe gleich ganz vorbei. Zu allem Überfluss war ihm auch das Objekt abhanden gekommen. Er hatte es verloren. In diesem riesigen, tiefen, finsterem Meer hatte er es tatsächlich verloren. Wenn es kam, dann wirklich knüppeldick.

Was war passiert? Wie konnte das …? Immer und immer wieder fragte er sich das, und mit jedem Mal wurde er nervöser und unruhiger. Verdammt noch mal, wie konnte das nur passieren?

Vergeblich versuchte er sich einzureden, es sei nicht seine Schuld und das er es schon wieder finden wird. Er bräuchte nur etwas Geduld. Dummerweise glaubte er weder das eine noch das andere. Natürlich hatte er Schuld. Wer denn sonst? Für einen Moment war er unachtsam gewesen. Nicht länger und jetzt konnte es gar nicht schlimmer kommen. Durch die Anstrengungen, die Aufregung und nicht zuletzt das konzentrierte Bildschirm anstarren, war ihm eine Schweißperle ins Auge gelaufen und als er sie reflexartig wegwischen wollte, war seine Hand an den Joystick gestoßen, hatte ihm einen kräftigen Schwinger mitgegeben. Aus den Augenwinkeln sah er noch wie die Bilder auf den Monitoren nach links schwenkten. Er versuchte noch dagegen zu lenken, riss wie ein Berserker an ihm, aber es blieb verschwunden. Stattdessen sah er dem aufgewirbelten Schlamm beim tanzen zu.

Die Blicke brannten in seinem Rücken, bohrten sich in sein Fleisch. Und mit jeder Sekunde drangen sie tiefer. Kein Wunder, das er nervös war. Mittlerweile spürte er ihren Atem, in den Bildschirmen sah er ihre Spiegelbilder, beobachtete ihre Reaktionen. Soeben drehte sich der erste Offizier zum Kapitän hin, seine Uniform raschelte leise und flüsterte ihm hinter vorgehaltener Hand etwas ins Ohr. Dieser hatte die Arme vor der Brust verschränkt und lauschte. Auf Patricks Schulter lag die Hand des dritten. Sie wog unsagbar schwer. Er spürte sie immer öfter fest zudrücken. Wo ist es? Wo ist das Ding, das du gesehen hast?

Und Patricks Kopf war wie leergefegt. Er starrte wie ein komplett Schwachsinniger auf die Monitore vor sich, doch die zeigten ihm nicht das was er sehen wollte. Sie präsentierten ihm nur einen winzig kleinen Lichtkegel, mit schwebend tanzenden Schlammpartikeln darinnen. Und da plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, kam ihm ein Gedanke. Ein Gedanke, dem er lieber nicht nachgehen wollte. Er war viel zu schrecklich und niederschmetternd, dennoch hatte er keine andere Wahl als ihm bis zum Ende zu folgen. Die ganze Zeit schon, seitdem er versuchte es wieder zu finden, hatte er das ROV mal hierhin und mal dahin gesteuert. Es war dabei so flach wie nur möglich über den Grund gekratzt. Vielleicht war genau das das Problem. Vielleicht fand er es deswegen nicht wieder weil seine Propeller soviel Schlamm und Schmutz aufgewirbelt hatten, dass sie direkt darüber sein konnten und es dennoch nicht sahen. Mittlerweile konnte es von einer zentimeterdicken Schlammschicht begraben sein. Was, wenn es tatsächlich zugeschüttet war? Die Lichtkegel der Scheinwerfer konnten schon jetzt kaum noch die schwebenden Partikel durchdringen und mit jeder Sekunde, die die Suche dauerte, wurde es schwieriger, trüber, schmutziger.

Ihm wurde schlecht. Sein Magen verkrampfte sich und ihm war als müsse er sich gleich übergeben.

Und dann tauchte es endlich wieder auf. Ganz kurz war es am äußersten Rand von Nummer 5 zu sehen. Kamera 5 und 6 befanden sich an der linken Seite. Es war nur ein winziges Stückchen zu sehen, er erkannte es aber sofort. Dieses goldene Leuchten, das da aus dem Schlamm herausschimmerte. Oh Gott, wie er diesen Anblick herbeigesehnt hatte. Wäre er mit dem ROV nur einen Meter weiter rechts gefahren, er hätte es nicht gesehen und wahrscheinlich komplett mit Schlamm bedeckt. Schon jetzt war es kaum zu sehen. Sein Herz machte einen Satz, doch er gestattete sich noch keinen Moment der Freude. Es war noch nicht überstanden. Hinter ihm rückten die Dreie noch näher. Jetzt störte es ihn nicht.

Er atmete einmal kurz durch, dann steuerte er das ROV behutsam und mit minimalen Antrieb heran. So dauerte es zwar lange und er wäre am liebsten hinabgetaucht um es selbst hoch zu holen, doch er musste die Geduld aufbringen. Sie würden nicht noch einmal soviel Glück haben. Sein Schweiß floss immer schneller, der Blick klebte auf dem Monitor. Keine Sekunde ließ er es aus den Augen. Mit ruhiger Hand steuerte er darauf zu, Millimeter für Millimeter. Und das Objekt schien unter dem Schlamm zu pulsieren, dieses goldene Leuchten wurde abwechselnd heller und dunkler. Endlich war es mittig auf dem Bildschirm. Erst da stellte er den Vortrieb ein. Er tarierte das ROV über dem Objekt ein, sodass es wie von Geisterhand gehalten darüber schwebte und gestattete sich einen Seufzer. In dem engen Raum klang er unglaublich laut.

„Gut gemacht, mein Junge.“ Der Kapitän legte ihm anerkennend die Hand auf die Schulter. „Das könnte genau das sein, wonach wir suchen. Das ROV verfügt doch über Greifarme, richtig?“

Patrick nickte wortlos.

„Na wunderbar. Worauf warten sie noch?“ Er grinste bis über beide Ohren. „Holen sie es doch rauf!“

Kapitel 1

Kapitel 1

Vier Jahre später

Heute

John Christiansen schritt einen langen hell erleuchteten Flur entlang. Der Teppich unter seinen Füßen war unglaublich weich, so als würde er auf Schnee gehen. Oder Wolken. Ob sich die Engel auf ihren Wolken wohl auch so weich betteten? Ganz bestimmt. Das sich seine Frau so bettete stand völlig außer Frage. Sie war schließlich auch ein Engel. Selbst als sie noch lebte und bei ihm war, war sie das schon. Da war sie es doch jetzt, nach ihrem Tod auf jeden Fall. Vor vier Jahren hatte das Schicksal sie ihm genommen. Da war er erst dreißig Jahre alt gewesen. Von einem Tag auf den nächsten wurden seine Hoffnungen, seine Träume und seine Wünsche vernichtet, verbrannten gemeinsam mit Sandy in ihrem Wagen. Sie wollten Kinder haben, gemeinsame Reisen unternehmen, sich die Welt ansehen. Doch von heute auf morgen gab es nichts als Schmerz und Leid und Trauer. Und die hatte deutliche Spuren hinterlassen. Sein Kopfhaar war in den letzten Jahren dünner geworden, ergraute bereits. Seine braunen Augen blickten traurig, umringt von tiefen Falten.

John musste sich zu anderen Gedanken zwingen. Er war wegen eines bestimmten Grundes hier, seine Sandy musste er an einem anderen Platz betrauern. Aber was dieser Grund war, wusste er auch nicht, das hatte man ihm nicht gesagt. Überhaupt wurde wenig gesprochen. Nur das es wichtig sei und er nicht fehlen durfte.

Unglaublich schnell war es gegangen, erinnerte er sich. Zeitweise meinte er sogar, es wäre ein Traum gewesen. Sobald er sich aber umsah, erkannte er, dass es das nicht war und er tatsächlich hier war. Heute Morgen zwischen neun und zehn ist es gewesen, er hatte gerade Mails gecheckt, als es an der Tür klingelte. Es ging ihm nicht so gut und er wäre lieber allein geblieben, dennoch stapfte er los.

John war ein normal gewachsener Mann mit seinen einen Meter achtzig. Früher, als Sandy noch bei ihm war, war er sportlich gewesen, hatte auf seine Figur geachtet, war durchtrainiert, mit breiten Schultern, kräftigen Armen und sehnigen Beinen. Jetzt war er nur noch ein Schatten seiner Selbst. Sogar Körpergröße hatte er eingebüßt, weil er meistens nur noch gebückt lief, mit hängenden Schultern, eingezogenem Hals. Seit sie nicht mehr da war fehlte ihm jegliches Interesse für Sport. So viele Dinge hatten sie gemeinsam gemacht: Tauchen, Fallschirmspringen, dreimal die Wochen laufen, Rad fahren. Nach ihrem Tod war alles vorbei. Er sah keinen Sinn mehr darin auf seine Gesundheit zu achten und regelmäßig aktiv zu sein, wenn doch sein Lebensmittelpunkt nicht mehr existierte. Was sollte das dann alles?

Mit langsamen Schritten erreichte er die Tür. Er war noch etwas müde weil er vor wenigen Minuten erst aufgestanden ist. Es war nicht wichtig, wann er morgens mit der Arbeit beginnt, schon vor Jahren hatte er sein Labor und sein Büro bei sich zuhause eingerichtet. So brauchte er das Haus nur noch selten zu verlassen. Seine Freunde machten sich seit längerem schon Sorgen um ihn, aber alle Versuche ihn ins normale Leben zurückzuführen, in ein Leben, in dem man andere Menschen trifft, Ideen austauscht, Spaß hat, scheiterten. Ihn interessierte nur noch seine Arbeit. In ihr ging er auf. Sie halb ihm den Schmerz zu vergessen. Wenn er arbeitete, musste er nicht permanent an seine Sandy denken.

Er öffnete die Tür. Und war erstaunt. Vor ihm standen zwei Männer. Noch ehe er sie begutachten konnte, begannen sie, „sind sie Doktor John Christiansen?“

„Ja, der bin ich. Guten Tag, meine Herren. Mit wem habe ich die Ehre?“

„Sind sie der John Christiansen, der vor sechs Monaten einen Artikel mit dem Titel „Eine Reise durch die Zeit und die daraus resultieren Risiken“ veröffentlichte?“

„Auch das kann ich mit einem Ja beantworten.“ John wusste nicht recht, was das alles zu bedeuten hatte. Einerseits wollte er die Tür sofort wieder schließen, andererseits war er auch neugierig. War es denn zuviel verlangt, einem anderen Menschen auch einen guten Tag zu wünschen? Schließlich standen die beiden ja vor seiner Tür, da gehörte sich das doch wohl.

Was wollten diese Kerle von ihm und warum fragen sie ob er das geschrieben hat? Wenn sie es gelesen haben, dann hätten sie doch auch sehen müssen dass gleich neben dem Text ein Bild von ihm war. Was sollte also diese Frage?

Und was sind das eigentlich für Männer? Erst jetzt musterte er die beiden. Sie trugen denselben Anzug, beide den gleichen trüben Grauton, auch die Krawatte war dieselbe. Sogar die Frisuren ähnelten einander, beide ganz kurz geschoren. Die beiden Männer unterschieden sich nur in zwei Punkten; erstens der Größe, der rechte war etwas größer und auch breiter und kräftiger und zweitens in ihrer Gesichtsform, das des rechten war kantiger, klobiger, und auch etwas älter. Ansonsten waren beide tadellos rasiert und verzogen keine Miene.

„Wenn sie uns bitte begleiten möchten! Es ist von äußerster Wichtigkeit“, sagte der rechte. Aha, dachte John, scheint wohl der Anführer zu sein.

„Na hört mal! Wer seid ihr eigentlich?“

„Wir sind im Auftrag eines wissenschaftlichen Institutes hier und möchten sie bitten, mit uns zu kommen.“

„Ich weiß nicht wer ihr seid. Ich kenne noch nicht einmal eure Namen. Glaubt ihr ernsthaft, ich bewege mich auch nur ein winziges Stückchen von hier weg?“

„Doktor Christiansen, hören sie mir bitte genau zu! Meine Auftraggeber haben ähnliche Interessen wie sie. Sie wissen, dass sie über die Möglichkeiten einer Zeitreise nachdenken. Und sie möchten, dass sie ihr Wissen mit ihnen teilen. Sie bieten ihnen die operative Leitung eines Teams an, welches sich ausschließlich mit dieser Thematik beschäftigt. Bitte denken sie einmal darüber nach!“

Was gibt es darüber nachzudenken? Mit Gleichgesinnten in einem Team arbeiten? Das Thema Zeitreisen diskutieren? Dieses Team zu leiten? Fast glaubte er, es müsse sich um einen schlechten Scherz handeln. Das war ja wie ein Sechser im Lotto. Mit Zusatzzahl.

„Na schön“, begann er, und fast rechnete er damit, dass es sich doch nur als Scherz entpuppte, „ich komme mit. Ich möchte jedoch darauf bestehen, dass mein Assistent uns begleitet.“

Der ältere der beiden trat beiseite, holte ein Mobiltelefon aus seiner Tasche, wählte eine Nummer und hielt es dann an sein Ohr. Er sprach leise, nickte einmal, zweimal und legte wieder auf.

„Okay, wir holen ihn ab.“

Seit Stunden waren sie unterwegs. John und Harold, sein Assistent und Freund, saßen im Fond eines Porsche Cayenne. Der Wagen schien neu zu sein, es duftete nach Leder, alles wirkte wie geleckt. Die hinteren Scheiben waren allesamt geschwärzt. Selbst zwischen der hinteren und vorderen Sitzreihe war eine Scheibe, diese ebenfalls geschwärzt. Unmöglich nach draußen zu sehen. Sie wussten nicht, wo sie waren und wohin sie fuhren. Es gab eine Sprechverbindung in den vorderen Teil, doch das nutzte wenig. Die beiden Männer hielten sich, was Informationen ihrem Ziel betreffend anging, sehr bedeckt.

„Also“, begann Harold, „möchtest du mir nun endlich sagen, wo es hin geht?“

„Wenn ich es wüsste, würde ich es tun. Wirklich. Ich weiß aber auch nicht mehr als du.“

„Was?“ Harold war entsetzt. „Soll das heißen, wir wissen nicht was uns erwartet?“

„Ja, so könnte man es ausdrücken.“

„Ich … dachte, du … du wüsstest …“ Er schüttelte heftig den Kopf. „Willst du mir erzählen, wir sind in ein Auto gestiegen, ohne zu wissen, wohin es uns bringt, was uns da erwartet und warum man uns dort sehen will?“

„Ja“, antwortete John lapidar. Es so aus Harolds Mund zu hören kam ihm doch ein bisschen verrückt vor. Wie hatte er nur …?

„Bist du von allen guten Geistern verlassen? Hast du den Verstand verloren?“

„Harold, ich glaube wirklich, wir sollten uns das wenigstens einmal ansehen.“

Harold Müllerstein war mit seinen dreißig Jahren unwesentlich jünger als John. Sie lernten sich während ihres Studiums kennen und sind mit den Jahren immer engere Freunde geworden. Anfangs verband sie nur das Interesse an derselben wissenschaftlichen Arbeit, mit der Zeit wurde daraus eine echte Freundschaft. Obwohl sie außer der Arbeit kaum Gemeinsamkeiten hatten. Harold hatte beispielsweise nichts für sportliche Aktivitäten übrig. Körperliche Fitness, pfui, was soll das denn sein? Er war gänzlich unsportlich. Na gut, John in der letzten Zeit auch, das hatte aber andere Gründe. Harold hielt auch sonst nicht viel von Freizeitaktivitäten. So hat er noch nie einen Kinosaal von Innen gesehen, oder ein Konzert besucht. Auch Reisen waren ihm ein Gräuel, es sei denn sie dienten zur Forschung. Aber eine zur Erholung, für einen Urlaub etwa, kam nicht in Frage. Unnütze Zeitverschwendung, weiter nichts. Er war der typische Einzelgänger, der außer John keine weiteren Freunde hatte und dies auch nicht bedauerte. Es gab Tage, da sah er wie der Yeti persönlich aus. Sein schwarzes, schulterlanges Haar war dann fettig und ungewaschen. Meistens war er unrasiert, manchmal machte er das mehrere Wochen nicht und wenn er dem Gestrüpp dann endlich zu Leibe rückte, weil sich schon das Essen darin verfing, selbst dann betrachtete er es noch als Zeitverschwendung.

Heute war einer der wenigen Tage, an denen er Zeit vertrödelt hat. Die Haare waren gewaschen, gekämmt und das Gesicht glattrasiert, als hätte er geahnt, das er im schicken Cayenne durch die Gegend kutschiert werden wird.

Den Rest der Fahrt sagten sie nicht viel. Sie starrten durch die getönten Scheiben, sahen aber nur eine schwarze, formlose Masse, ohne jegliche Konturen, nicht mal einen Hügel, oder Bäume, eine Wiese vielleicht. Nein, nichts dergleichen. Es war alles nur eine dunkle Wand.

Irgendwann endete auch diese Fahrt.

„Wir sind da“, sagte einer der Männer durch die Sprechvorrichtung. Welcher es war, konnten sie nicht erkennen. Die Stimme klang durch die Lautsprecher seltsam verzerrt. „Sie dürfen jetzt aussteigen.“

John öffnete beherzt die Tür und wurde enttäuscht. Er hatte gehofft zu sehen wohin die Fahrt gegangen war, stattdessen fiel sein Blick auf die kahlen weißen Wände einer Tiefgarage, summende Neonröhren und zwölf weitere Cayenne, mit getönten Heckscheiben.

Harold blickte John eindringlich an und seine Augen sagten es nur zu deutlich. Was, zum Teufel, machen wir hier?

„Dort entlang, bitte!“ Der ältere deutete auf eine einzelne Tür direkt vor ihnen. Sie war so unauffällig, das John und Harold zweimal hinsehen mussten. John überlegte nur einen Moment. Was soll schon schief gehen, fragte er sich selbst und lief dann darauf zu. Harold folgte ihm nur sehr widerwillig und langsam. Ihm war das alles nicht geheuer. Was sind das für Leute? Was erwartet sie hier? Warum sollen sie nicht sehen wo sie hier sind?

Die Tür entpuppte sich schnell als Zugang zu einem Lift, der langsam auffuhr und nachdem alle vier hindurch waren, drückte der Ältere den einzigen Knopf. Augenblicklich setzte er sich in Bewegung. John und Harold blickten sich erstaunt an, als sie spürten, dass der Fahrstuhl nicht hoch, sondern nach unten fuhr. Wider erwarten sackten ihre Inneren nämlich nicht ab, sondern kamen ein Stückchen nach oben. Wie tief es jedoch hinab ging konnte ihnen ihr Magen nicht verraten und ein Display, von dem sie es ablesen könnten, existierte nicht. Dann ging die Tür wieder auf und sie betraten diesen langen, hell erleuchteten, leeren Flur. Der Teppich war samtweich, die Luft kühl und trocken, roch aber irgendwie abgestanden.

Sie wurden stetig weitergetrieben, auf die nächste Tür zu.

Auch diese öffnete sich automatisch und sie betraten einen riesigen Raum, der das blanke Gegenteil des Korridors war. Marmorboden, die Wände mit Mahagoni veredelt, die Decke mit schneeweißen Platten verziert. Ein fensterloser Raum und damit ein weiteres Indiz dafür, neben dem Lift, dass sie unter der Erde waren. Es wurde immer geheimnisvoller.

In der Raummitte stand ein riesiger, kreisrunder Tisch, an dem drei Personen saßen. Zwei Frauen und ein Mann, die zwar zu ihnen sahen, aber ansonsten keinerlei Anstalten machten, sie willkommen zu heißen. Möglicherweise waren auch sie hierhergebracht wurden und warteten jetzt auf etwas? Nur auf was?

„Setzen sie sich doch!“ forderte der ältere John und Harold auf. Hatten sie von dem anderem, dem jüngeren, überhaupt schon etwas gehört?

„Was geht hier vor?“ wollte John wissen. Seine Neugier war ganz klein geworden, hatte sich rar gemacht. Und dabei furchtbar viel Platz für die Angst übrig gelassen.

„Setzen sie sich doch! Ihre Fragen werden gleich beantwortet werden.“

Damit strebten sie davon und ließen John und Harold mit den beiden Frauen und dem Mann zurück. Sie sahen einander an, zuckten ratlos die Schultern und setzten sich zu den drei anderen.

Ihre Stühle quietschten über den Marmorboden und das hallte hell und hohl von den Wänden zurück. Allerdings gar nicht so wie sie es erwartet hätten. Vielmehr klang es so als befänden sie sich in einer Höhle. Wieder ein Indiz für ihre Theorie?

Zwei Dinge fielen John auf während sie sich setzen. Erstens, das sich momentan fünf Personen hier befanden, um den Tisch herum aber sechs Stühle standen. Einer war noch frei. Es fehlte also noch jemand, ihre Runde war noch nicht vollzählig. Vielleicht weiß diese Person ja was hier gespielt wird? Möglicherweise konnte sie Licht ins dunkle bringen? Und zweitens glaubte er eine der beiden Frauen zu kennen. Im Moment fiel ihm jedoch nicht ein woher. Die Situation war doch zu abstrus um einen klaren Gedanken zu fassen. Trotzdem war er sich sicher. Und auch sie schien ihn zu kennen, denn sie blickte immer wieder unschlüssig und fragend zu ihm rüber, als sei auch sie nicht ganz sicher.

Sie hatte langes, blondes, lockiges Haar, welches sie offen trug und dass wie eine Löwenmähne abstand. Auf Stirn, Wangen und Nasenspitze hatte sie Sommersprossen. Sie trug eine Brille und eine weiße Bluse, die ihr blondes Haar noch mehr betonte. Der oberste Knopf stand offen und entblößte den minimalen Ansatz eines Dekolletees. Sie hatte die linke Hand in der rechten versteckt und knetete unschlüssig die Finger, ließ ihn dabei aber nicht aus den Augen.

„Hi, ich bin Sylvia. Sylvia Anders. Sie können mich gerne Sylvie rufen, das machen alle.“

Die Frau, die direkt neben der Frau saß, die John zu kennen glaubte, erhob sich von ihrem Stuhl, beugte sich über den Tisch und streckte die Hand nach ihm aus. Sie musste sich verdammt langmachen, sie schien höchstens eins sechzig groß zu sein, wenn überhaupt. John griff verdutzt danach, schüttelte sie aber dann doch herzhaft.

„Ich bin John Christiansen.“

„Ich weiß. Hab ihr Foto mal in einer Zeitung gesehen. Und sie?“ Sie machte sich noch etwas länger und reichte dann Harold die Hand.

„Harold Müllerstein.“

Sylvie hatte glattes, schwarzes, etwa schulterlanges Haar. Sie trug ein schwarzes ärmelloses Shirt und eine Lederhose. Auf ihrem rechten Oberarm prangte ein Tattoo, eine Schlange, die sich um eine brennende Rose wand. Über der Lehne ihres Stuhls hing eine schwarze Motorradlederjacke. Unter dem Stuhl lag ihr glänzender, schwarzer Helm. John fragte sich, ob sie wohl während der Fahrt runtergezerrt wurden war.

„Hallo John, ich bin’s, Nicole.“ Da dämmerte es ihm endlich. Nicole Goodman, besser gesagt Professor Nicole Goodman war eine Freundin seiner Frau gewesen, die sich seit ihrer Schulzeit gekannt hatten. John hatte wenig mit ihr zu schaffen gehabt und sie am Tag ihrer Beerdigung zum letzten Mal gesehen. Seither nicht mehr. Bis heute.

„Wie geht es dir, John?“

Auch sie erhob sich und gab erst ihm, dann Harold die Hand. Sie war ein gutes Stückchen größer als Sylvie und brauchte sich nicht länger zu machen als sie eh schon ist. Immerhin riesige eins achtzig.

„Besser“, war seine Antwort, allerdings kam diese zögerlicher als sie es erwartet hatte. Na gut, sei’s drum.

Vier der fünf Personen hatten sich einander vorgestellt. Einer blieb noch übrig. Ein junger Mann mit einer Glatze und rot gefärbtem Zickenbärtchen. Er trug abgewetzte Jeans, ein ausgewaschenes Shirt und kippelte mit dem Stuhl wie ein gelangweilter Schüler während der Unterrichtsstunde. Mit den Händen hielt er sich an der Tischkante fest. Sein Blick wanderte teilnahmslos von einem zum anderen.

Endlich ließ er den Stuhl nach vorn kippen, kratzte sich grinsend am Kinn und begann, „da ihr ja alle einen ungeheuren Wert darauf legt, will ich mal nicht so sein. Dennis Harms ist mein Name. Ich bin im Auftrag meiner Zeitung hier, wir haben die Exklusivrechte an dieser Story.“

„Story? Story? Was denn für‘ne Story?“ Nicole starrte ihn an.

„Wenn ich das wüsste“, entgegnete Dennis lachend. „Heute morgen saß ich am Schreibtisch, glotzte auf meinen Laptop, als das Telefon klingelte und eine unbekannte Stimme mir eine Mordsstory versprach. Alles Weitere ist schnell erzählt, ich sagte zu, ich wäre ja schön blöd täte ich das nicht. Wenn ich’s nicht mache, macht’s ein anderer, der dann am Ende die Lorbeeren einsackt, was? Nein danke, nicht mit mir, dachte ich mir, so eine Chance bekommst du nur einmal. Also sagte ich zu, ohne zu wissen worum es geht. Keine zehn Minuten später tanzten zwei steifärschige Frackträger an, sackten mich ein und verfrachteten mich hierher. Seitdem sitze ich hier, vertreibe mir die Zeit mit Däumchen drehen und Löcher in die Luft starren und weiß eigentlich gar nicht, was ich hier soll.

Auch Sylvie gab ihren Senf dazu, da war Dennis kaum fertig. „Bei mir war es nicht viel anders. Auch ich bekam diesen Anruf. Ich sortierte mal wieder Unterlagen, dass es aber auch so schwer ist dort Ordnung reinzukriegen, in einem fort fliegen lose Blätter herum. Na ja, ich will euch nicht mit meiner Unordentlichkeit nerven, was ich aber sagen will ist folgendes, ich glaube, wir sind aus einem bestimmten Grund hier. Wir sind kein so kunterbunt zusammen gewürfelter Haufen, wie es vielleicht den Anschein macht. Im Gegenteil. Wir sollen etwas darstellen. Ich weiß nur noch nicht was.“

„Okay, fassen wir es zusammen! Keiner von uns weiß genau, was er hier soll. Ist das soweit richtig?“ Harold sah besorgt aus, die Stirn in Falten.

„Bleib mal ruhig, mein Alterchen“, entgegnete Dennis amüsiert. Zugegeben, er war tatsächlich einige Jahre jünger als Harold, er schätzte ihn auf vier oder fünfundzwanzig. Aber deswegen Alterchen sagen? Harold schluckte. Er war nicht der Typ, der sich vorschnell ein Urteil über jemanden bildete, aber dieser Dennis wurde ihm sekündlich unsympathischer.

„Ich schließe mich Harolds Meinung an.“ Nicole strafte Dennis mit einem strengen Blick ab, doch der grinste nur und zuckte mit den Schultern. Sie nahm die Brille von der Nase, rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Stelle an der sie aufgelegen hatte und fuhr dann fort. „Das alles ist ein bisschen … sonderbar. Erst schafft man uns hierher, dann lässt man uns sitzen …“

„Wie bestellt und nicht abgeholt“, fuhr ihr Dennis ins Wort.

„Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, aber merkwürdig ist es schon.“

„Okay“, schaltete sich John ein. Wir wissen also nicht, was wir hier sollen. Na und? Dann finden wir es eben heraus!“ Er sah sich gezwungen das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken, wo es jetzt hinging lag ihm zuviel Misstrauen in der Luft. Sicherlich hatte diese Situation schon etwas Merkwürdiges an sich, er glaubte jedoch nicht, das ihnen eine Gefahr drohte. „Wir sind doch alle nicht auf den Kopf gefallen. Lasst uns überlegen, was jeden von uns auszeichnet! Wodurch hat er sich verdient gemacht? Was ist sein Spezialgebiet? Nicole, beispielsweise, von dir weiß ich das es das Mittelalter ist. Du unterrichtest Geschichte an der Uni. Trifft es das in etwa?“

„Das trifft es ganz exakt. Wenn wir mal davon absehen, das du es doch sehr grob umrissen hast“, sagte sie grinsend.

„Darauf kommt es nicht an“, fuhr er unbeirrt fort. „Letztlich ist das der Grund deiner Anwesenheit.“

„Du meinst …?“ Nicole zweifelte noch.

„Ja, ich meine! Und du, Sylvia, was ist mit dir? Warum könntest du hier sein?“ Er sah ihr fest in die Augen.

„Zunächst einmal möchte ich eins klarstellen. Ihr alle“, sie sah in die Runde, „sagt doch bitte Sylvie zu mir, ja! Seit ich denken kann, werde ich schon so gerufen. Ich habe nicht vor es zu ändern. Sylvie ist völlig okay, damit kann ich gut leben. Und zum anderen, mein Steckenpferd, der rote Faden der sich durch mein Leben zieht, nennt sich Michel de Notredame.“

Dennis blickte auf. Seine Augen waren riesig. Die Finger hinter dem Kopf verschränkt, die Beine auf dem Tisch fühlte er sich so richtig wohl. Er schien völlig entspannt und zeigte nichts von dieser Nervosität, wie sie bei den anderen vorherrschte. „Michel de Notredame? Wer soll das denn sein?“

„So war sein bürgerlicher Name. Wesentlich bekannter ist er jedoch unter seinem anderen Namen. Nostradamus. Der Seher Nostradamus.“

„Ach der Nostradamus. Der gute alte Nosti. Jetzt wird mir alles klar. Nur weiter so, Mädchen, nur weiter so! Wenn du mal einen lebenden Mann brauchst, sei nicht schüchtern, du weißt, wo du mich findest!“

Sylvie lief vor Wut feuerrot an. Ihre Augen funkelten giftig. Sie richtete sich auf, besann sich dann aber und setzte sich wieder hin. Ohne dabei Dennis aus den Augen zu lassen.

John und Harold wechselten stumm Blicke untereinander. Sie kannten sich lang genug um zu wissen was sie meinten. Seit ihrer Zusammenkunft waren noch keine zehn Minuten vergangen und dieser Dennis hatte sich bereits mit zwei von ihnen angelegt.

Sylvie machte genau das richtige. Sie ließ sich nicht provozieren. Sie lehnte sich zurück, legte ihre Unterarme auf den Tisch auf und guckte fröhlich grinsend in die Runde. Und als ihr Blick schließlich wieder auf Dennis fiel, der wie ein rotznäsiger Lausebengel auf seinem Stuhl fläzte, grinste sie noch breiter und nickte ihm zu. „Na, da haben wir doch schon mal eine Spur, nicht wahr. Und wie ist das bei dir, Dennis? Ich darf doch Dennis sagen, oder?“

Für eine Sekunde war er baff, Sylvie hatte ihn einfach übergangen. Dann fing er sich wieder, winkte gelangweilt ab und sagte, „Dennis ist völlig okay. Mir scheint als hätte ich den Part des Schreiberlings inne. Ich bin wohl für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.“ Er nahm die Beine vom Tisch und fragte mit butterweicher Stimme, „und was ist mit euch beiden los? Was zeichnet euch aus? Warum, denkt ihr, seid ihr hier?“

„Wir?“ Harold war ganz erstaunt.

„Ja, ihr. Ihr habt uns ausgequetscht, jetzt seid ihr dran! Das ist nur fair.“

„Tja“, begann Harold, „um ganz ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Ich war zuhause und blätterte in meinen Büchern, als es an der Tür klingelte und John vor mir stand. Er laberte davon, dass wir dringend irgendwo hin müssten, es sei ungeheuer wichtig und er wolle mich unbedingt dabei haben. Wir sind Kollegen, müsst ihr wissen, und Freunde, und als dieser bringe ich Ordnung in sein Chaos. Ich passe auf das er immer pünktlich sein Pausenbrot isst und nicht zu lange schuftet.“ John musste lachen. So kannte er ihn gar nicht. Sonst war er im Beisein von Fremden ruhig und zurückhaltend. Was ist denn in ihn gefahren? Kommt da etwa ein kleiner Trotzkopf zum Vorschein? „Und schließlich und endlich bin ich hier gelandet.“

„Und John, was ist mit dir?“ wollte Dennis wissen.

„Ja, John! Was ist mit dir? Scheint mir so als würdest du in unserer Vorstellungsrunde noch fehlen.“ Auch Nicole war neugierig. „Außerdem werde ich das Gefühl nicht los, du weißt mehr als wir. Als wärest du der Deckel zu unserem Topf, ums ganz salopp auszudrücken. Du weißt etwas, von dem wir anderen nichts wissen und dieses Wissen reicht aus, um andere Menschen, sogar dir völlig fremde Menschen, dort mit hineinzuziehen. Versteh mich bitte nicht falsch, es ist keinesfalls vorwurfsvoll gemeint. Es ist nur so, ich glaube du weißt mehr als es momentan den Anschein macht.“

Es ist keinesfalls vorwurfsvoll gemeint, äffte er ihr in Gedanken nach. Es klang aber verdammt danach.

„Es tut mir leid.“ Seine Stimme klang mitleidiger und verletzter, als es ihm lieb gewesen war. „Aber ich weiß wirklich nicht …“

„Bist du dir sicher?“ fragte Sylvie mit leiser Stimme.

Großartig, dachte John, wirklich großartig. Jetzt haben mich schon zwei ins Kreuzverhör genommen. Sitze ich hier auf der Anklagebank? Was wird mir vorgeworfen? Ich weiß doch genauso wenig wie ihr. Plötzlich war es als würde ein Knoten platzen und er war sich dessen gar nicht mehr so sicher. Wusste er wirklich nicht mehr? Er begann langsam Eins und Eins zusammenzuzählen.

„Bist du dir da wirklich sicher?“ bohrte Sylvie noch etwas tiefer.

John hörte schon gar nicht mehr richtig hin. „Zumindest nicht mehr hundertprozentig“, gab er laut von sich, aber seine Augen blickten ins Leere. „Ich habe einen Verdacht, aber … aber … das … kann nicht sein. Unmöglich.“

„Was, John? Was?“ Nicole legte ihre warmen Hände auf seine und sah ihn eindringlich an.

Seine Augen blickten verdutzt in ihre. „Ich weiß nicht. Es ist unmöglich.“

Plötzlich tat sich die Tür, durch die sie erst vor wenigen Minuten gegangen waren, auf und noch bevor irgendjemand den Raum betrat, sagte eine feste, ruhige Stimme, „nein, Doktor Christiansen. Es ist möglich.“

Augenblicklich herrschte Stille. Keiner sagte etwas, keiner wagte zu atmen. Mit versteinerten Blicken starrten sie zu der Tür rüber. Doch es zeigte sich noch immer niemand. Selbst Dennis hatte sich aufgerichtet und lümmelte nicht mehr herum. Harolds Gesicht war aschfahl, sein Kopf leer. Johns Kopf dagegen arbeitete auf Hochtouren, wog Gedanken gegeneinander ab, verwarf sie wieder, wenn sie nicht so recht zusammenpassen wollten, nahm neue auf, drehte und wendete diese und war dann doch nur genauso ratlos wie zuvor. Sylvie und Nicole sahen gebannt zur Tür als wäre sie magisch.

Die Spannung im Raum war fast greifbar, als hätte jemand ein ungiftiges, aber sichtbares Gas verströmt, jeder lauerte panisch, sprungbreit, während es sich in jeden Winkel ausbreitete, über den Boden kroch, in jede Ecke bis hinauf an die Decke, bis es schließlich in ihre Lungen drang. Ungiftigkeit hin oder her, nur die Schockstarre hielt sie auf.

Es ist möglich.

Diese Worte hingen schwer wie drohende, schwarze Unwetterwolken in der Luft. Grelle Blitze zuckten. Was hatten sie zu bedeuten? Was?

Endlich zeigte sich der Besitzer der Stimme. Er pellte sich regelrecht aus dem Korridor heraus, hinein in den Raum. Es war ein mittelgroßer Mann, um die eins siebzig, leicht untersetzt, mit rundlichem Gesicht. Die Haare waren nur ein schmaler Kranz, der von einem Ohr zum nächsten reichte. Sein Gesicht war tadellos rasiert, der schwarze Anzug perfekt gebügelt, die rote Krawatte saß eng. Er machte einen Schritt tiefer in den Raum hinein, verharrte dann und musterte die anderen. Dabei ließ er sich ausgesprochen viel Zeit. Nicole kam sich einen Augenblick wie bei einer Fleischbeschau vor, aber sie schluckte den Ärger darüber hinunter. Sie schob diesen kurzen Ausbruch auf ihre Unsicherheit und die nicht minder starke Nervosität zurück. Auch wenn sie selbst nicht daran glaubte, sie kannte sich zu gut und wusste, dass sie ganz gerne mal aufbrauste. Doch nicht diesmal. Sie sagte sich, die anderen wissen doch genauso wenig wie sie. Wurde von denen jemand aufbrausend? Oder laut? Nein, nicht mal ein kleines bisschen. Sie beherrschten sich.

„Meine Damen und Herren“, der Mann war an den Tisch getreten und gab jedem einzelnen die Hand. „Sylvia Anders, Professor Nicole Goodman, Harold Müllerstein, Dennis Harms und nicht zuletzt Doktor John Christiansen. Sie ahnen ja nicht, wie sehr ich mich, sie alle kennen zu lernen.“

„Sorry, guter Mann, genug Honig ums Maul geschmiert! Ich für meinen Teil lege mehr Wert darauf zu erfahren, warum wir hier sind! Und da wir gerade davon sprechen, wo ist dieses hier eigentlich!“ Dennis sah unsicher aus. Er trug schon längst nicht mehr dieses nervige Grinsen im Gesicht. In seinen Augen stand Unsicherheit. Er wirkte beunruhigt, und das machte ihn zum ersten Mal sympathischer für die anderen.

„Und wer sind sie überhaupt“, pflichtete ihm Nicole bei.

„Oh, Entschuldigung. Ich bitte vielmals um Entschuldigung. Ich bin wohl nervöser als ich dachte.“

„Ja, ja, schon gut. Nun sagen sie schon endlich, wer sie sind und warum wir so holterdiepolter aus unserem Alltag gerissen wurden!“ Dennis wurde immer ungehaltener. Die Unruhe in seiner Miene war noch deutlicher.

„Also gut. Mein Name ist Robert Backer. Ich leite diese Anlage.“

„Welche Anlage, verdammt noch mal? Wovon sprechen sie, Mann?“ Unverhüllte Wut schwang in diesen Worten mit. Dennis war jetzt richtig aggressiv. Seine Hände waren zu Fäusten geballt, die Augen blitzten wie bei einem Raubtier bevor es angriff und sein Körper war angespannt.

„Der Anlage, in der wir uns momentan befinden.“ Robert sah sie alle an, als verstünde er nicht richtig. In seinem Gesicht arbeitete es, er überlegte was diese Frage bedeuten sollte.

„Robert … ich darf doch Robert sagen, ja? Die Sache ist die, wir erfahren einfach nichts. Ich weiß nicht, ob sie das beabsichtigen, oder nicht anders können. Tatsache ist aber, Dennis ist wütend, ich bin wütend, wir alle sind es und ich denke, ich spreche nicht für mich allein, wenn ich sage, dass wir auch Angst haben. Wir wollen doch nur wissen, warum wir hier sind, wo wir hier eigentlich sind und was man mit uns vorhat!“ John hatte mit einem sehr ruhigen, gefassten Tonfall gesprochen, auch wenn es schwer fiel die Beherrschung zu bewahren.

„Ich bin wohl manchmal etwas umständlich, wie?“

„So könnte man es sagen, ja. Nun aber endlich heraus mit der Sprache! Sonst geschieht hier wirklich noch ein Unglück“, fügte John eilig hinzu und sah ihm eindringlich in die Augen.

Robert räusperte sich verhalten. Die Situation war ihm unangenehm. Er war kein Freund allzu vieler Worte, war er noch nie. Wahrscheinlich lag das auch ein bisschen daran, dass er sich hin und wieder tatsächlich umständlich ausdrückte. Wenn er nervös oder aufgeregt war allemal. Und jetzt war er beides. Ihm wurde eine einfache Frage gestellt und eigentlich konnte es darauf nur eine einfache Antwort geben. Aber genau das war das Problem. Zum einen gab es keine leichte Antwort, zum anderen konnte er nicht allzu viel offenbaren. Schließlich war es immer noch als geheim eingestuft und musste noch getestet werden. Wie aber sollte er sagen was er wusste, ohne alles zu verraten? Wie sollte er das anstellen?

„Vielleicht sollte ich es euch vor Augen führen?“ überlegte er laut, um gleich fort zu fahren, „ja, das ist bestimmt besser.“ Er blickte alle nacheinander an, „wenn ihr mir dann bitte folgen würdet!“ drehte sich um und strebte der Tür entgegen.

John und Harold sahen einander unschlüssig an, folgten ihm dann aber doch. John trieb der Unglauben und die Neugier, immerzu sagte er sich, du musst dich irren, er meint bestimmt etwas ganz anderes. Bei Harold war es ebenfalls Neugier, außerdem wollte er seinen einzigen Freund nicht allein losziehen lassen. Nach diesen beiden ließen sich Sylvie und Nicole auch nicht lange bitten. Sie dachten sich, wenn wir schon hier sind, können wir uns auch ansehen, was er uns so dringend zeigen will. Dennis zögerte am längsten, folgte ihnen dann aber seufzend.

Ein weiterer Fahrstuhl brachte sie noch tiefer hinab. Wie tief mochten sie wohl sein? Unmöglich diese Frage zu beantworten, sie konnten nicht einmal schätzen. Sie hätten natürlich auch diesen Robert Backer fragen können, doch das wollte keiner von ihnen. So dringend wollten sie es nicht wissen, da hätten sie ja mit ihm reden müssen.

Nach wenigen Momenten fuhr die Tür auf und sie betraten einen Korridor, der so schmal war, dass sie nur hintereinander gehen konnten. Allen voran lief Robert, hinter ihm John, dann Harold, dahinter reihten sich Sylvie und Nicole ein und ganz zum Schluss Dennis. So folgten sie dem Verlauf des Korridors auf eine Tür zu; diesen schmalen Streifen so zu nennen war an und für sich schon ein Witz, treffender wäre der Begriff enge Röhre, ihre Schultern rieben die ganze Zeit an den Wänden rechts und links. Wusch machte die Tür und fuhr zur Seite. Harold war beeindruckt, fast wie in Star Trek. Er sah kaum fern und fand, das zuviel fernsehen einer Vergewaltigung der Augen gleichkam, allerdings machte er auch Ausnahmen. Star Trek gehörte dazu, das begeisterte ihn, da konnte er sich hineinsteigern. Manchmal glaubte er in der falschen Zeit geboren zu sein. In den Zeiten der Föderation, der Warpgeschwindigkeit, der Holo-Decks, ja, da gehörte er hin. Das wäre was gewesen, es hätte ihm da bestimmt gefallen. Dort hätte er leben sollen, nicht im hier und heute.

Hinter Dennis schloss sich die Tür mit einem neuerlichen Wusch.

Und dann blieben alle wie angewurzelt stehen. Nur Robert ging noch zwei Schritte, ehe er merkte, das die anderen ihm nicht mehr folgten. Dann blieb auch er stehen, drehte sich um und beobachtete die anderen. Seine Augen quollen förmlich vor Stolz über.

Eine gigantische Höhle tat sich vor ihnen auf. Weit über ihnen strahlte das Licht einer riesigen Flutlichtanlage herunter. Die Höhe abzuschätzen war völlig unmöglich, denn direkt hochzusehen war unmöglich. Taten sie es doch wurden sie geblendet, als würden sie in die grelle Mittagssonne starren. Grelle, tanzende Punkte bildeten sich vor ihren Augen, sodass sie sie schnell zukniffen und woanders hinblickten.

Aber da oben gab es eh nichts Außergewöhnliches zu entdecken, das wirklich interessante lag direkt vor ihnen. Besser gesagt: ein Stück unter ihren Füßen. Um hinunter auf den Höhlenboden zu kommen, mussten sie noch an einer Art Feuerleiter hinunterklettern. Diese war an der Höhlenwand befestigt, mit mächtigen Dübeln in den Stein gehauen. Zurzeit standen sie noch auf einer Plattform, die ebenfalls an der Wand befestigt war. Nicole, die nicht schwindelfrei war, wurde ein bisschen unruhig, was sie sich aber nicht anmerken ließ.

Von dieser Plattform gelangte man entweder mit besagter Feuerleiter nach unten, wer es aber weniger abenteuerlich wollte, für den stand noch ein weiterer Lift zur Verfügung. Allerdings grenzte auch seine Benutzung an eine Mutprobe. Es war nämlich nur eine weitere Plattform, die nach oben und unten fuhr, ohne jegliche Begrenzung an den Seiten, weder nach links, nach rechts, oder nach vorn. Und Festhaltemöglichkeiten, wie Griffe oder Stangen oder etwas derartiges existierte auch nicht.

Die Fahrt war kurz, nur zehn, elf Meter ging es nach unten, dann hatten sie wieder festen Boden unter den Füßen. Nicole atmete erleichtert aus. Ihr Gesicht hatte in den letzten Sekunden einiges an Farbe eingebüßt, kreidebleich war es und glänzte vor Schweiß.

Es war so kühl hier unten, sie bekamen fast augenblicklich eine Gänsehaut und es fröstelte ihnen. Sylvie klapperten sogar die Zähne. Doch davon merkte keiner etwas. Viel zu aufgeregt und fasziniert waren sie.

„Was … was ist das hier?“ fragte Sylvie, während ihre Zähne heftig aufeinander schlugen.

„Das, meine lieben Freunde“, begann Robert mit nicht wenig Stolz in der Stimme, „ist die Zukunft, die in die Geschichte eingehen wird als die größte Entdeckung der Menschheit. Das nutzbar machen des Feuers, Elektrizität, die Spaltung des Atoms, die Raumfahrt, nichts als kleine Fische. Peanuts. Kaum der Rede wert.“

„Was ist das denn?“, wollte Sylvie wissen.

„Ja, verdammte Kacke, was ist das?“ polterte Dennis los.

„Ganz schön hochtrabend, diese Rede. Findet ihr nicht auch?“ kam es von Nicole.

Nur Harold und John hatten eine gewisse Vorstellung, da sie sich aber beide nicht ganz sicher waren, schwiegen sie lieber noch. Robert wird schon früh genug den Vorhang lichten.

Direkt vor ihnen, nur ein paar Schritte entfernt, war eine Abzäunung. Ein feuerrotes Schild mit weißen, großen Buchstaben verkündete DANGER. John lief langsam darauf zu und als er es erreichte, drehte er sich um und blickte Robert eindringlich in die Augen. Blitzten sie ihn nicht auffordernd an?

„Ist es das, was ich denke?“

„Ich weiß nicht“, antwortete Robert grinsend. Und ob er es wusste, er glaubte sehr wohl, das John es wusste, doch er wollte es aus seinem Mund hören.

„Ich frage mich“, begann John mit leiser Stimme, die auch ein bisschen unsicher klang, „ob das vielleicht ein Teilchenbeschleuniger ist?“

Roberts Grinsen wurde noch breiter. „Sehr richtig, Doktor Christiansen, sehr richtig. Es freut mich, das meine Wahl ganz offensichtlich genau die richtige war.“

Kapitel 2

Kapitel 2

„Das ist … das … ist …“, dann gingen John die Worte aus und er blickte Hilfe suchend zu Harold, der aber auch nur mit den Schultern zucken konnte.

„Wahnsinn? Atemberaubend? Phänomenal und absolut phantastisch? Ist es das was du sagen wolltest?“

„Das ist…“, er bekam immer noch keinen zusammenhängenden Satz hin. Auch Harold schnappte nach Luft. Seine Augen waren riesig und blickten unsicher, aber auch neugierig, fragend.

Dennis trat einen Schritt nach vorn, auf die Absperrung zu. Sie reichte ihm bis zur Hüfte, war also kein wirkliches Hindernis. Wenn er wollte, könnte er sie bequem überqueren. Davon nahm er lieber Abstand. Stattdessen sah er nach links, ließ seinen Blick an dem Beschleunigungsrohr entlang gleiten, dann sah er nach rechts und folgte auch hier dem Verlauf. Langsam drehte er sich wieder um und sah Robert an.

„Eins verstehe ich nicht“, begann er, „ist ein Teilchenbeschleuniger nicht normalerweise rund, so wie ein Ring? Ich weiß auch nicht … ringförmig eben?“

„Nicht wenn es ein Linearbeschleuniger ist.“