IN DES TODES SCHLUMMER - Katarina Torso - E-Book

IN DES TODES SCHLUMMER E-Book

Katarina Torso

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Beschreibung

Wieder ein Arzt ermordet aufgefunden. Ihm wurde das Herz aus dem Leib geschnitten. Das Entfernen eines Organs ist ein ebenso schreckliches wie auch vertrautes Markenzeichen des Täters. Weder die schockierte Ehefrau noch einer seiner Kollegen hat eine Erklärung. Der ermordete Dr. Manfred Kuhnert war Kardiologe und Leiter eines Entnahmeteams: Hirntoten Patienten Organe entnehmen, um anderen Menschen das Leben zu retten, war seine Aufgabe. Während die Ermittler Tobias Haffner und Sophia Geschke fieberhaft versuchen, eine Verbindung zwischen den Mordopfern zu finden, geschieht ein weiterer Mord. Der erfahrene Kommissar und seine junge Assistentin fahnden nach einem Täter, der scheinbar wahllos Ärzte tötet – und kommen einer menschlichen Tragödie auf die Spur.

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Seitenzahl: 292

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Das Buch

 

Wieder ein Arzt ermordet aufgefunden. Ihm wurde das Herz aus dem Leib geschnitten. Das Entfernen eines Organs ist ein ebenso schreckliches wie auch vertrautes Markenzeichen des Täters.

Weder die schockierte Ehefrau noch einer seiner Kollegen hat eine Erklärung. Der ermordete Dr. Manfred Kuhnert war Kardiologe und Leiter eines Entnahmeteams: Hirntoten Patienten Organe entnehmen, um anderen Menschen das Leben zu retten, war seine Aufgabe.

Während die ErmittlerTobias Haffner und Sophia Geschke fieberhaft versuchen,eine Verbindung zwischen den Mordopfern zu finden, geschieht ein weiterer Mord. Der erfahrene Kommissar und seine junge Assistentin fahnden nach einem Täter, der scheinbar wahllos Ärzte tötet – und kommen einer menschlichen Tragödie auf die Spur.

 

 

Die Autorin

 

Katarina Torso (Pseudonym) hat im Verlauf ihrer beruflichen Tätigkeit am Institut für Psychotraumatologie zahlreiche Paper in Fachzeitschriften (Journals) veröffentlicht, bevor sie sich der Schriftstellerei widmete. Ihr Interesse an menschlichen Schicksalen spiegelt sich deutlich im Geschehen um den tragischen Protagonisten.

 

 

 

 

 

Katarina Torso

 

IN DES TODES

SCHLUMMER

 

Roman

 

 

 

 

Copyright © 2023 by Katarina Torso

Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.

Jegliche Vervielfältigung oder Verwertung bedarf der schriftlichen Genehmigung der Autorin.

 

Cover: Astrid Kleinsorge

Lektorat und Korrektur: D.D.

 

Für Marvin

* 05.01.1993 - †13.11.07

 

Ich bin in das Dunkle getreten, das alles auslöscht.

Ich habe gehandelt und erinnere mich nicht an mein Handeln.

Wenn das Fremde in mir zurückweicht,

ich aus dem Dunkel ins Licht trete,

komme ich von nirgendwoher

und bin aus dem Nichts

denn ich war im Nichts.

Und wenn ich Dunkelheit denke,

von der nur eine Spur übrigbleibt,

die nirgendwo hinführt,

bin ich wach und starre vor mich hin

bevor sich meine Aufmerksamkeit wieder verdunkelt

in eine Dunkelheit, die näher und näher kommt

mich zu verschlucken

bis nichts mehr von mir zurückbleibt

nur noch das Fremde.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Als Kuhnert den Spielzeugladen verließ

Nun war der Moment gekommen

Tobias Haffner

Das Zifferblatt seiner Armbanduhr

Gegen zwanzig Uhr

Inzwischen war es früher Morgen

Nach der Besprechung

»Kuhnerts Ehefrau

In der Nacht

Sie lagen auf der Lichtung

In seinem Kopf

Der Duft ihrer Haut

Keine neunzig Minuten

20:21 Uhr

Freitagabend

Für einen Moment

Allein der frisch gefallene Schnee

Samstagvormittag hatten sie Gewissheit

Fünf Minuten vor Meetingbeginn

Der kommende Tag

Obwohl er sehr müde war

Er nahm den Geruch von

Ein sargschwarzer Himmel

Es schneite noch immer

Ihr Handy

Als er gegen Abend ans Fenster trat

Nur ungern

Er wähnte sich unbeobachtet

Es war bereits nach elf

Mittwoch:

In aller Herrgottsfrühe

Volkert

Der Mond

Der Mann im Van

Später Nachmittag

Sophia

Als Haffner sein Büro betrat

Der Schneefall

Nach einer Auszeit von zwei Tagen

Die Nacht über

Sophia hockte an ihrem Küchentisch

Fahles Licht

Inzwischen war es früher Morgen

Sophia sprang auf

Die nächsten Tage

Kurz vor acht

Donnerstagabend

Haffner saß im Wagen

Zu Hause eingetroffen

Sophia drehte das Wasser ab

Einsamer noch als Kafka

Epilog

Danksagung

Prolog

 

Er lag auf der Couch im Wohnzimmer und starrte in die Dunkelheit. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, das Licht anzuschalten, als er heimgekehrt war. Bis auf den schwachen Schimmer, der von draußen hereinfiel, war es fast stockfinster.

Er dachte an den Abend, an dem der Junge verschwand. An den Ort, wo die Zeit stehen geblieben war. Wo sein Leben stehen geblieben war.

Die Zeit mit dem Jungen hatte sich in sein Gedächtnis eingeprägt. Jede Einzelheit konnte er heraufbeschwören: Sein Lächeln, den Glanz in seinen Augen, sein Wesen; jeden Moment, den er mit ihm verbracht hatte.

Ein Bild versuchte sich in ihm zu entwickeln. Irgendetwas in ihm drängte an die Oberfläche. Er schloss die Augen und wandte den Blick nach innen.

Er erinnerte sich an die Lichtung in dem kleinen Wäldchen, die er niemals wiederfand. Die untergehende Sonne, die im Blattwerk golden glänzte, die Nuancen im weichen Gras, den aufkommenden Nebel, der alles verschleierte, was kantig war und scharf. Hier war die Erinnerung vollkommen rein. Hier hatten sie gemeinsam im Gras gelegen und in den glutroten Himmel geblickt. Es war wie ein Traum.

Der Junge hatte ihn zu dieser Lichtung geführt, auf der eine alte Eiche stand. Hochgewachsen, ein massiver Stamm, die Äste voller gelappter Blätter.

Später hatte er tagelang nach dieser Lichtung gesucht und sie nie wiedergefunden. Im Nachhinein war er sich nicht einmal mehr sicher, ob es den Ort wirklich gab. Aber in diesem Augenblick war er dort, und die Lichtung war ebenso real wie er selbst.

Langsam rollte er in Gedanken einen Grashalm zwischen den Fingern und beobachtete, wie die rotierende Spitze das schwindende Licht der Abendsonne reflektierte.

»Gefällt dir der Ort?«, fragte der Junge.

»Ja.«

»Die Eiche ist mehr als zweihundertfünfzig Jahre alt. Im Frühling und im Sommer, manchmal auch an warmen Herbsttagen, komme ich hierher. Meistens nach der Schule, um auf andere Gedanken zu kommen.«

»Es ist wunderschön hier. Und so still.«

»Ich finde, jeder Mensch braucht einen Ort, der eine Bedeutung für ihn hat. An dem er Ruhe findet. Frieden.«

In Wahrheit hatte der Junge nie so zu ihm gesprochen. Am Ende hatte er sich nur noch in pubertäres Schweigen gehüllt und jede versuchte Annäherung mit einer körperlichen Distanzierung erwidert. Dennoch war es schön gewesen, in seiner Nähe zu sein, und schön gewesen, ihn anzusehen.

Sie traten näher an die Eiche heran. Ihre Schritte waren kaum hörbar im weichen Gras.

»Bei Sonnenuntergang war ich noch nie hier«, sagte der Junge.

Er blickte zu dem Baumwipfel hinauf, sah die schwach glänzenden, tief gebuchteten Blätter, die im Sonnenlicht golden schimmerten und leicht bewegte Schatten warfen.

Schließlich schaute er den Jungen an.

»Darf ich dich umarmen?«, fragte er.

»Dich an mich drücken?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil ich nicht mehr bin.«

Als Kuhnert den Spielzeugladen verließ

 

mit einem Stofftier unter dem Arm – er hatte einen Teddy für seine kleine Tochter gekauft, ihr Geburtstag jährte sich nun schon zum dritten Mal – sah er eine tote Katze im Rinnstein liegen, aus der blutiges Gedärm quoll. Ein Gedanke blitzte ungebeten auf. Er wandte den Blick angeekelt ab, das Tier war offenbar überfahren worden, und ging zu seinem Wagen. Annähernd acht Minuten Fußweg. In Ladennähe hatte er keinen Parkplatz gefunden. Der Gedanke folgte ihm, breitete sich in ihm aus, nahm überhand. Er entriegelte die Türen seines silbergrauen SUV mit der Funkfernbedienung, legte den Teddy auf den Beifahrersitz und setzte sich hinters Steuer.Als er den Motor starten wollte, verschwamm alles vor seinen Augen. Etwas wollte an die Oberfläche. Ihm wurde schwindelig. Der kalte Schweiß brach ihm aus.Von jetzt auf gleich wurde alles eng und beklemmend. Sein Herz raste. Der Atem ging stoßweise.Erinnerungsbilder fielen über ihn her, Gerüche gesellten sich dazu. Gerüche aus dem OP. Er roch das Blut, den Brandgeruch, wenn ein Körper aufgesägt wird, und spürte Übelkeit in sich aufsteigen.

Das war ein Eingriff mit katastrophalem Ausgang gewesen, vergangene Nacht. Die Frau hatte einen Motorradunfall gehabt. Sie wurde mit einer Hirnblutung eingeliefert. Es ging bei der Patientin um ein Leber-Herz-Paket. Der Empfänger brauchte beide Organe gleichzeitig. Das kam nicht häufig vor, und dass jemand beides spendete, war selten. In der Morgenbesprechung hieß es noch: »Heute wird Medizingeschichte geschrieben«.

 

Dr. Manfred Kuhnert war Kardiologe und einer der Ärzte des Entnahme-Teams. Hirntoten Patienten Organe entnehmen, um anderen Menschen das Leben zu retten, war seine Aufgabe.

Gegen ein Uhr nachts begann dann die eigentliche Explantation. Verschiedene Teams arbeiteten parallel an Herz und Leber. Da waren so viele Menschen. Mehr als ein Dutzend Ärzte, viele angereist aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen. Und das OP-Team der Klinik. Ständig klingelte das Telefon, weil zeitgleich zur Entnahme ja auch koordiniert und durchgegeben werden musste, wie es steht. Und dann kam es zu Komplikationen. Es gab Schwierigkeiten bei der parallelen Präparation der Organe. An dieser Stelle hätte man sagen müssen, wir können dieses Paket nicht als Paket explantieren. Wir verzichten auf die Sensation, und einer bekommt das Herz, ein anderer die Leber. Aber man wollte ja unbedingt Medizingeschichte schrieben. So kam es zu dieser Blutung im Leberbett. Mit jedem Herzschlag strömte das Blut aus dem Körper, der vom Hals bis knapp über dem Schambereich völlig geöffnet war. Und das Blut lief links und rechts vom OP-Tisch runter. Literweise. Der Frau wurden ja noch Transfusionen verabreicht, um sie irgendwie stabil zu halten. Der ganze OP schwamm. Die OP-Pfleger hatten Gummistiefel an. Und dieser ausgeweidete Körper. Diese Stresssituation mit dem ständigen Telefongeklingel, die vielen Menschen, die dabei waren. Und der Geruch! Wenn ein Körper aufgesägt wird, dieser Brandgeruch, die Knochenspäne, die besonders riechen, und darüber dieses Blut. Und dann gab es Streit im OP, weil diese Blutung nicht zu stoppen war und die Patientin reanimationspflichtig wurde. Ein angeschocktes Herz, das defibrilliert wurde, kann nicht transplantiert werden, und die Leber dann auch nicht.

»Kann abgestellt werden«, sagte einer der Chirurgen, woraufhin das pumpende Geräusch der Beatmungsmaschine verstummte. Keine Zacken mehr auf dem Monitor, kein Piepsen, kein letztes Zucken. Die Frau begann zu verblassen. Die Organe waren verloren. Die Stimmung war so geladen, es hätte beinahe eine Schlägerei gegeben. Ein anderes Team hatte dann noch eine Niere explantiert, und die Augenkliniker die Hornhaut.

Wenn einer der Angehörigen das gesehen hätte und würde darüber sprechen oder es publik machen, es gäbe kaum noch Einwilligungen zur Organspende, dachte Kuhnert und startete den Motor. Der Schwindel hatte spürbar nachgelassen. Er atmete tief ein. Im Wagen roch es nach Rasierwasser, Duschgel und Shampoo. Nach dem missglückten Eingriff hatte er ausgiebig geduscht und bis in den späten Nachmittag im Bereitschaftszimmer geschlafen. Dann hatte er abermals geduscht und sich rasiert. Den Teddy hatte er kurz vor Ladenschluss gekauft. Bevor er losfuhr – es war kurz vor neunzehn Uhr – schaltete er die Scheinwerfer ein. Feine Flocken tanzten im Licht. Es schneite leicht.

Vor der Ampel an der Kreuzung Godorfer Hauptstraße/Kiesgrubenweg stoppte er den silbergrauen SUV und warf einen Blick auf den Teddy, der auf dem Beifahrersitz lag. Der Anblick ließ ihn an den Geburtstag seiner Tochter denken, und er fühlte, wie die grausigen Bilder allmählich vollends in sein Unterbewusstsein zurücksickerten.

Als er wenige Minuten später sein Haus erreichte –sie besaßen einGrundstück mit altem Baumbestand in Hahnwald, einer der exklusivsten und teuersten Villenvierteln Deutschlands – stieg ein Mann aus einem schwarzen Van mit getönten Scheiben. Seine Augen verbarg er hinter einer Sonnenbrille, obwohl es stockdunkel war. Kuhnert hielt an und ließ die Seitenscheibe herunter. Der Mann ging auf ihn zu und überreichte ihm eine Mappe mit Unterlagen. Kurz darauf setzte der Kardiologe seinen Weg fort und bog in die Einfahrt ein. Das Scheinwerferlicht seines SUV glitt über die Ligusterhecke, die das weitläufige Anwesen umgab, streifte die Büsche und Sträucher, erhellte die Schaukel der Kinder, den Stamm der fast hundert Jahre alte Stiel-Eiche,deren Blattwerk die Villa bis in den Herbst beschattete, nicht aber die dunkel gekleidete Gestalt, die sich hinter dem Stamm verbarg. Sie stand dort seit über einer Stunde in Erwartung seiner Ankunft.

Nun war der Moment gekommen

 

in dem sie handeln musste, begriff sie – auch wenn das Ganze nicht so geplant war. Sie eigentlich nur den Tagesablauf des Kardiologen auskundschaften wollte. Das Schicksal spielte ihr in die Hände.

Aus einiger Entfernung sah sie Kuhnert aus seinem Auto steigen und auf den Eingang zugehen. Er trug einen Teddy unter dem Arm. Das Innere des Hauses war dunkel. Kuhnerts Frau war mit den Kindern zu ihren Eltern gefahren. Sie übernachteten dort ein paar Tage, wie jeden zweiten Monat, das war Tradition.

Ich werde ihm keine Gelegenheit geben, um Verzeihung zu bitten. Die Zeit für Worte ist vorbei. Kein Zögern mehr. Kein Zweifeln. Es ist Zeit, zu handeln, dachte die Gestalt und näherte sich langsam dem etwa eins fünfundsiebzig großen Mann, der ihr den Rücken zukehrte. Es war erschreckend einfach, sich an ihn heranzuschleichen – der frisch gefallene Schnee dämpfte ihre Schritte – und schon war sie nur noch wenige Meter von ihm entfernt.

Wie er ging, aufrecht, selbstbewusst, zielstrebig, sein gepflegtes Äußeres, das perfekt rasierte Gesicht, die kurz geschnittenen, viel zu schwarzen, wie gefärbt wirkenden Haare, all das ekelte sie an. Er stand nun, noch immer den Rücken ihr zugewandt, vor der Haustür, in seinen auf Hochglanz polierten Schuhen, und klopfte seine Taschen ab. Den Teddy hatte er kurz abgelegt. Es sah ganz so aus, als hätte er Probleme, den Haustürschlüssel zu finden.

Zu verzeihen, was unverzeihlich ist, ist was für Übermenschen. Auch wenn die Schuldigen Reue zeigen sollten, so ändert dies nichts. Was sie getan haben, kann man nicht wiedergutmachen. Und die Erinnerung ist und bleibt eine Wunde, die niemals heilen wird, dachte sie.

Als er die Tür öffnete, trat sie von hinten an ihn heran und drückte ihm ein Tuch ins Gesicht, das sie zuvor mit Chloroform getränkt hatte. Er zuckte zusammen und wandte den Kopf zu ihr hin. Sie drückte fester zu. Ein paar Sekunden lang blickte er ihr verwundert in die Augen, bevor seine Beine unter ihm nachgaben. Er sackte zusammen und fiel rücklings in ihre Arme. Du hast die Trauer in meinen Augen gesehen, nun sollst du meinen Kummer spüren, dachte sie und schleifte ihn unsanft ins Haus.

Drinnen legte sie den schlaffen Körper am Boden ab und schloss die Tür.

Niemand hatte sie beobachtet.

Mehrmals hatte sie sich vergewissert.

Und sollte sie doch wider Erwarten jemand gesehen haben, würde er keine detaillierte Beschreibung von ihr abgeben können. Sie war einfach nur irgendjemand. Ein Schattenwesen. Der Umhang, den sie über ihrem Mantel trug, war so dunkel wie der Rest ihrer Kleidung, und die Kapuze verdeckte teilweise ihr Gesicht.

 

Im Haus brannte kein Licht. Nur der Mond schien blass herein.

Sie kniete sich neben dem Mann nieder und schloss die Augen. Hinterder papierdünnen Haut ihrer Lider versank sie in ein dunkles, graues Nichts, in dem es keine Zeit mehr gab, keine Geräusche, keine Bewegungen. Nichts als Stille war zu vernehmen.Die plötzliche Tonlosigkeit ihrer Gedanken verwunderte sie.

In diesem vollkommenen Schweigen war das Herz ein Hammer, dessen dumpfes Pochen ihr in regelmäßigen Abständen durch den Kopf hallte. Und das Blut, das durch ihre Adern strömte, war ein heißes Rinnsal aus Wut.

Gleichzeitig gewahrte sie den Heilungsprozess, der in ihrem Inneren stattfand. Die scharfen Wundkanten wurden um die schmerzlich pulsierende Vergangenheit herum weicher.

Als sie bemerkte, wie der Kardiologe langsam begann, aus der Betäubung zu erwachen, – sein Atem, flach und leise, kaum hörbar, wurde lauter –, nahm sie das kleine braune Glasfläschchen aus der Manteltasche, träufelte abermals ein wenig Chloroform auf das Tuch und presste es ihm auf Mund und Nase. Als seine Atmung ruhiger wurde, zog sie ihm den Mantel und das Sakko aus. Dann schleppte sie ihn ins Bad, legt ihn neben der Wanne ab und betätigte den Lichtschalter.

Emotionslos blickte sie auf ihn herab. Er lag nun auf dem Bauch, mit dem Gesicht nach unten, der Nacken ungeschützt. Sie rüttelte an seiner Schulter. Nichts. Keine Regung. Das Chloroform wirkte noch.

So viel hat er auf dem Gewissen und ist doch so unschuldig, dachte sie und zückte dasMesser. Die raue Oberfläche des Schafts aus schwarz anodisiertem Aluminium kitzelte sie an der Lebenslinie. Sie umfasste den Griff fester.

Kann man böse sein, wenn man keine Schuld empfindet?, überlegte sie, als sie die Klinge mit voller Wucht in sein Genick krachen ließ.

Oder ist Schuldgefühl die Voraussetzung für das Böse?

Sie spürte, wie sich Ruhe in ihrem Körper ausbreitete und genoss die Empfindung eine Weile. Dann entnahm sie dem Tablettendöschen, das sie mit sich führte, eine dieser kleinen weißen Pillen, ging damit zum Waschbecken und schluckte sie mit ein paar Schlucken Leitungswasser.

Anschließend schaute sie sich in der Wohnung des Kardiologen um. In der Küche fand sie, was sie gesucht hatte und ging damit zurück ins Bad. Mit einem leichten Ruck zog sie das Springmesser aus Kuhnerts Nacken und legte es auf dem Wannenrand ab. Es war scharf, wie ein Skalpell. Die Klinge war rot von dem Blut, das daran haftete.

Es wird mir noch gute Dienste leisten, dachte sie undhievte Kuhnert in die Wanne. Drehte ihn so, dass er auf dem Rücken lag. Hernach knöpfte sie sein Hemd auf und zog sein T-Shirt hoch bis zum Hals, um die Brust zu exponieren. Anschließendentkleidete sie sich, zog alles aus bis auf die Haut, und betrachtete ihren sehnigen Körper in dem großen Wandspiegel links der Dusche. Die Kleidung umhüllte sie mit einem blauen Plastikbeutel. Kein Tropfen Blut sollte sie verunreinigen.

Kuhnert war inzwischen wieder bei Bewusstsein. Sie beugte sich über ihn und bohrte ihm einen Finger in die Brust, wo sein Herz war. Ihre Augen waren wie tot. Sie erhöhte den Druck und ließ ihm Zeit, die Erkenntnis zu produzieren, warum sie tat, was sie tat, und worauf das hier hinauslaufen würde. Dann griff sie nach dem Messer und machte sich an Werk. Adrenalin pulsierte in ihren Adern. Sie durchtrennte die Haut, das Subkutan- und Fettgewebe. Spreizte den Zentimeter langen Einschnitt mit den Händen auseinander. Darunter erschien das Brustbein, von dem die Rippen wie Äste von einem Stamm abgingen. Ihre Bewegungen wirkten mechanisch, wie fremdgesteuert. Sie erledigte alles mit stiller Abscheu, während sie ausführte, was ausgeführt werden musste.

Sie war das Geschöpf anderer. Man hatte sie dazu gemacht, was sie jetzt war. Hatte das Fremde in ihr entfesselt, das irgendwann Besitz von ihr ergriffen hatte.Tief unten auf dem Grund ihrer Seele hatte etwas Monströses geschlummert, das nun jäh erwacht und ausgebrochen war.

Als alles getan war, duschte sie ausgiebig und kleidete sich in aller Ruhe an. Zu guter Letzt prüfte sie ihr Aussehen im Spiegel. Mit dem Plastikbeutel verließ sie das Haus und entsorgte diesen, samt dem blutigen Inhalt, in der Mülltonne draußen im Hof.

 

Bis zu einer halben Minute nach der Geburt bleiben Ferkel ganz still liegen. Man könnte sie für tot halten. Und Totgeburten werden von der Muttersau verschlungen. Sie verschwinden im Schlund des Vergessens, überlegte sie und zählte im Kopf bis dreißig, während sie auf die Grundstücksgrenze zuging. Langsam wichdas Fremde in ihrem Körper wieder zurück. Was sie getan hatte, verlor mit jeder verstrichenen Sekunde an Bedeutung. Sie spürte, wie die Erinnerung daran mehr und mehr verblasste. Der verbliebene Rest glitt aus ihr heraus, wie eine Totgeburt, aus etwas anderem als Fleisch gemacht.

Tobias Haffner

 

fiel die junge Frau mit den schulterlangen, blonden Haaren ins Auge, die allein an einem Tisch vor einem Recherche-Terminal saß, als er den Lesesaal des Instituts für Kriminologie am Albertus-Magnus-Platz betrat. Sie hatte einen Kaffeebecher und eine Thermoskanne neben sich stehen und tippte konzentriert etwas in ihren Laptop.

Als Haffner auf dem Weg zu seinem angestammten Platz an ihr vorbeikam, hob sie kurz den Kopf und sah ihn an. Ihr Blick verriet nichts. Es war lediglich ein beiläufiges Zur-Kenntnis-Nehmen. Schon eine Sekunde später wandte sie sich wieder ihrem Computerbildschirm zu.

Dies war nicht das erste Mal, dass ihm die junge Frau im Lesesaal der Bibliothek auffiel. Immer saß sie vor einem Recherche-Terminal, immer hatte sie eine Thermoskanne und ein Notebook dabei. Und ihr Smartphone lag auch heuteauf stumm geschaltet in Reichweite ihrer rechten Hand auf der Tischplatte.

In der Bibliothekder Rechtswissenschaftlichen Fakultät, Raum 6.0120, verbrachte Haffner viele Stunden seiner dienstfreien Zeit, manchmal bis in den späten Abend. Als Ermittler des KK 11 war er nicht an die regulären Öffnungszeiten gebunden. Das Institut ermöglichte ihm den Zugang zur größten deutschen kriminologischen Datenbank, Krim Doc, ein Instrument zur Recherche nationaler und internationaler Forschungsarbeiten.

Er ließ sich auf seinem gewohnten Platz nieder – von hier aus konnte er den ganzen Saal überblicken – und schlug das Journal auf, das er sich herausgesucht hatte: ZDB-Id 2262947-6 - Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie. Immer wieder schaute er verstohlen zu der Frau herüber. Sie schien seine Blicke anzuziehen. Nachdem er etwa eine Dreiviertelstunde in dem Journal gelesen hatte, bekam er Lust auf einen Kaffee.

 

Der nächstgelegene Heißgetränkeautomat befand sich vor der Tür des Lesesaals neben den Kopiergeräten draußen im Flur. Auf dem Weg durch den Saal kam Haffner abermals an der blonden Frau vorbei. Ihre Blicke trafen sich erneut. Auch dieses Mal wandte sie sich schnell wieder ihrer Arbeit zu, wenngleich nicht ganz so rasch wie zuvor. Obwohl Haffner sie dabei ertappt hatte, wie sie ihn ansah, ließ ihre Körpersprache keinerlei Anzeichen von Verlegenheit erkennen. Im Gegenteil: Sie wirkte vollkommen gelassen und souverän.

Der Automat bot mehrere verschiedene Kaffeevariationen an. Haffner entschied sich für einen Espresso Macchiato mit etwas Milchschaum on top.

»Die Becher kann man benutzen, aber von dem Kaffee würde ich abraten«, kam plötzlich ein unerwarteter Ratschlag von hinten, als Haffner seinen Becher in das Fach unter die Düse stellen und die Auswahl-Taste drücken wollte.

Als er sich umdrehte, stand die Frau aus dem Lesesaal vor ihm. Haffner war etwas über eins siebenundachtzig groß. Sie reichte ihm gerade mal bis zur Schulter und musste den Kopf leicht in den Nacken legen, um zu ihm hochzuschauen. Ihre graublauen Augen taxierten ihn neugierig. Um ihren dezent geschminkten Mund spielte ein leicht amüsiertes Lächeln. Ihr Alter war schwer einzuschätzen. Der Klang ihrer Stimme hatte etwas mädchenhaftes, wirkte aber zugleich selbstbewusst. Sie trug Blue Jeans, einen cremefarbenen Kaschmirpullover,unter dem der Kragen einer hellen Bluse hervorlugte, dazu dunkle Ankle Boots mit Reißverschlüssen und Blockabsätzen. Eine Strähne ihres naturblonden, schulterlangen Haares kräuselte sich über ihrer rechten Wange. Haffner verspürte den Impuls, ihr die Strähne aus dem Gesicht zu streichen.

»Der Geschmack ist nicht das Einzige, was an dem Kaffee zu bemängeln ist«, gab er mit einem Lächeln zurück. Alser dies weiter ausführen wollte, merkte er, dass sein Handy in seiner Jackentasche vibrierte. »Entschuldigen Sie, aber da muss ich rangehen. Tobias Haffner, Kommissariat 11«, meldete er sich.

Sophia wurde hellhörig. Ein Kollege, dachte sie. Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Sein schmales, charaktervolles Gesicht, der dunkelgraue Flanellanzug, der seinen schlanken, sportlichen Körper betonte: Sie hatte ihn für einen Dozenten gehalten, der sich durch regelmäßiges Joggen fit hielt.

»Okay«, sagte er nach ein paar Sekunden und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Bin schon unterwegs.«

»Ich heiße übrigens Sophia«, sagte sie, als Haffner das Gespräch beendet hatte. »Sophia Geschke.«

»Es hat mich wirklich sehr gefreut, Sie kennenzulernen, Sophia«, entgegnete Haffner kurz. »Aber ich muss los. Die Pflicht ruft. Genießen Sie Ihren Kaffee.«

Als Haffner außer Sicht war, begann auch ihr Smartphone zu vibrieren, das sie beim Verlassen des Lesesaals in ihrer Gesäßtasche verstaut hatte.

War das der Anruf, auf den sie seit Tagen wartete?

 

Ganz bewusst und zielstrebig hatte sie auf eine Aufnahme ins Morddezernat hingearbeitet. Durch ihre Adern floss das Polizeiblut der dritten Generation. Die dreijährige Ausbildung hatte sie erfolgreich als Bachelor of Arts abgeschlossen und die erforderliche Mindestverwendungszeit als Beamtin im Streifendienst abgeleistet. Den mehrwöchigen Lehrgang, der sie mit den Besonderheiten und Anforderungen der Kriminalpolizei vertraut machen sollte, hatte sie vor einigen Wochen mit Bravour absolviert. Damit erfüllte sie alle Voraussetzungen, um als Bereichswechsler in die Direktion Kriminalität wechseln zu können.

Und dieser Wechsel stand kurz bevor.

Das Zifferblatt seiner Armbanduhr

 

zeigte achtzehn Uhr sechsundvierzig, als Haffner bei der Adresse ankam, dieder Leiter der Mordkommissionihm am Telefon genannt hatte. Trotz des Berufsverkehrs hatte er für die knapp 11,2 Kilometer zwischen Albertus-Magnus-Platz und Hahnwald nicht ganz zwanzig Minuten gebraucht. Als er in den Osterriethweg einbog, sah er die zahlreichen Einsatzfahrzeuge, die auf der Straße vor der genannten Anschrift parkten.

Es war das dritte Haus auf der rechten Seite.

 

Nachdem er seinen Dienstwagen abgestellt hatte, einen 3er-BMW, Mineralweiß Metallic, gab sich Haffner dem uniformierten Polizisten, der die Zufahrt zum Anwesen bewachte, als Ermittler des KK 11 zu erkennen. Der Mann nickte und ließ Haffner passieren.

Das Haus war hell erleuchtet. Die Kollegen von der Spurensicherung waren längst vor Ort und hatten ihre Scheinwerfer aufgestellt. Haffner nahm sich einen Moment Zeit, das Anwesen in Augenschein zu nehmen.

Als er auf das Haus zuging, es war eher eine Villa, bemerkte er seinen KollegenKilian Berger, der um eine Frau bemüht war, die in eine Decke gehüllt auf der Veranda auf einer Bank saß, halb verdeckt von einer großen Kübelpflanze. Sie war schätzungsweise Mitte dreißig bis Anfang vierzig und wirkte tief verstört.Haffner vermutete, dass es sich um die Ehefrau des Mordopfers handelte.

Er näherte sich und begann, die Worte zu erahnen, die Kilian sprach. Dann vernahm er sie.

»… ein Mitarbeiter der Notfallseelsorge müsste bald eintreffen«, sagte der Kollege.

Als er Tobias auf sich zukommen sah, ging er ihm entgegen undbeide begrüßten einander.Kilians dunkelbraunes, knapp kinnlanges, an den Schläfen leicht ergrautes Haar war nach hinten gekämmt. Er trug eine schwarze Jens, ein hellgraues Oberhemd und darüber ein dunkles Jackett. Die Kälte schien ihm nichts auszumachen. Sein Ehering verriet, dass er verheiratet war. Er hatte zwei Kinder, das dritte war unterwegs.

»Das ist die Ehefrau von Dr. Kuhnert«, erklärte Kilian. »Sie steht natürlich unter Schock und hat kaum einen klaren Satz rausgebracht. Es hat sehr viel Geduld gebraucht, um überhaupt etwas von Ihr zu erfahren. Aber wenn ich alles richtig verstanden habe, hat Sie ein paar Tage mit den beiden Kindern bei ihren Elternverbracht. Mit ihrem Mann stand Sie täglich telefonisch in Kontakt.«

Kilian warf einen Blick in seine Notizen.

»Das letzte Mal haben sie vor zwei Tagen miteinander gesprochen – Montagnachmittag. Aber dann ist der Kontakt abgebrochen. Sie sagt, Sie hätte ihn noch mehrmals auf seinem Handy angerufen, aber er wäre nicht rangegangen. Daraufhin hat Sie ihm eine Nachricht auf der Mailbox hinterlassen. Er hat jedoch nicht zurückgerufen. Ungefähr drei Stunden später hat Sie es noch einmal versucht. Aber es war wieder nur die Mailbox dran. Gestern Abend hat Sie abermals versucht, ihn zu erreichen, und dann noch mal heute Morgen und heute Nachmittag. Jedes Mal die Mailbox. Langsam hat Sie angefangen, sich Sorgen zu machen. Schließlich hat Sie die Arbeitsstelle ihres Mannes kontaktiert und erfahren,dass er auch dort nicht erschienen ist. Daraufhin ist Sie allein hierhergefahren, um nach ihm zu sehen. Die Kinder hat Sie bei den Großeltern gelassen. Gott sei Dank! So ist ihnen der Anblick erspart geblieben.«

 

Haffner musterte die Frau flüchtig. Sie war aschfahl. Ihr schulterlanges, strohblondes Haar hing ihr wirr ins Gesicht. Ihre Augen waren gerötet. Verlaufene Schminke lief über ihre Wangen. Sie war augenscheinlich nicht vernehmungsfähig.

»Ich habe Ihr erklärt, dass der Notfallseelsorgedienst verständig wurde«, fuhr Kilian fort. »Der zuständige Mitarbeiter müsste bald hier eintreffen. Ich bleibe so lange bei Frau Kuhnert. Ich will Sie jetzt nicht allein lassen.«

Tobias nickte zustimmend.»Ich seh mich schon mal um«, sagte er und setzte sich in Bewegung.

»Du musst durchs Wohnzimmer, – dort findest du die Schutzkleidung – und dann weiter durch den Flur ins Bad«, rief Kilian ihm hinterher.

 

Die Haustür aus schwerem, in Kassetten gearbeitetem Holz war nur angelehnt. Es gab zwar eine Alarmanlage, aber die wird Dr. Kuhnert beim Betreten des Hauses wahrscheinlich ausgeschaltet haben, vermutete Haffner. Und Videokameras waren nicht zu entdecken.

Von der Diele aus gelangte man direkt ins Wohnzimmer, das mit einer Mischung aus antiken und hochmodernen hellen Möbeln sowie diversen zeitgenössischen Skulpturen luxuriös eingerichtet war. Dort traf Haffner auf eine Mitarbeiterin der Spurensicherung, die auf der Suche nach Fingerabdrücken die zahlreichen Oberflächen in dem Raum der Reihe nach abarbeitete. Sie grüßte Haffner mit einem knappen Nicken, ganz auf ihre Arbeit konzentriert, und verwies auf einen Karton, in dem sich die Schutzanzüge befanden. Haffner erwiderte den Gruß und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Nichts in dem Zimmer deutete auf ein Kampfgeschehen hin.

Er nahm einen gammasterilisierten Einweg-Overall aus der Verpackung und begann sich einzukleiden. Als er fertig umgezogen war, er setzte nur noch die Kapuze des Overalls auf, um seine Haare zu bedecken, betrat er den Flur und folgte den Stimmen, die aus dem Badezimmer kamen.

 

Was Tatorte anging, so konnte ihn so leicht nichts mehr schockieren. Er hatte bereits alles gesehen, was es an Grausamkeiten gab. Nur sehr wenige Gewaltakte vermochten ihn noch emotional zu erschüttern. Was er an diesem Abend in Kuhnerts Bad vorfand, war das Ergebnis eines solchen Akts.

»Was zur Hölle …?«, stieß Haffner hervor und blieb im Türrahmen vom Badezimmer stehen, darauf bedacht, nicht in das getrocknete Blut zu treten. Trotz seiner langjährigen Berufserfahrung fiel es seinem Verstand schwer, die Bilder zu verarbeiten, die seine Augen wahrnahmen.

Alles an diesem Tatort war zutiefst verstörend – angefangen mit dem vielen Blut auf dem mit Naturstein aus hellem Marmor gefliesten Boden. Das geräumige Bad bot genügend Platz für eine Walk-in-Dusche mit kristallklarer Glaswand und eine freistehende Badewanne mit golden glänzender Armatur. Darin lag Dr. Kuhnert, in einer Lache seines eigenen Blutes; die Augen weit aufgerissen, das schmerzverzerrte Gesicht im Rigor mortis erstarrt. Sein Hemd war aufgeknöpft. Das Unterhemd, ein T-Shirt, das früher einmal weiß gewesen war, war bis zum Hals hochgezogen. Das untere Ende steckte wie ein Knebel in seinem Mund. Der Brustkorb war exponiert. Die Rippen waren entlang der Längsachse des Sternums durchtrennt worden. Einige waren an den Enden gesplittert. Doch das war nicht der Höhepunkt des Grauens, das der Mörder an ihm verübt hatte.

Der Oberkörper des Toten war vom Hals abwärts bis hinunter zum Nabel völlig geöffnet. Beide Thoraxhälften waren grotesk weit auseinandergespreizt, sodass man nur noch eine widerwärtige Masse aus rostrotem Muskelgewebe, feuchtglänzenden Organen und bleichen Knochen sah. Mitden gespreizten Rippen, die scharfkantig aus dem aufgetrennten Brustkorb ragten, wirkte Dr. Kuhnert wie ein Wesen aus einem Horrorfilm, dessen zahnbewehrtes Maulweit aufgerissenen war.

Haffner beugte sich vor, um die Brusthöhle genauer betrachten zu können. Ihm stockte der Atem.

Wo einmal das Herz saß, klaffte ein blutiges Loch.

 

»Willkommen in eurem neuesten Albtraum, Kollegen.«

Diese seltsame Begrüßung kam von Erik Zabel, dem Leiter der Kriminaltechnik, der neben der freistehenden Wanne kniete. Erst jetzt, da dieser in der Mehrzahl sprach, bemerkte Tobias, dass sein Kollege Kilian sich zu ihnen gesellt hatte. Schockiert starrte er auf die Leiche.Er war einen halben Kopf kleiner als Tobias und kräftiger gebaut. Der Einweg-Overall verdeckte den leichten Bauchansatz.

»Kein Wunder, dass die Frau unter Schock steht«, sagte er, an Tobias gewandt. »Der Seelsorger ist übrigens inzwischen eingetroffen und kümmert sich um Sie.«

»Hoffen wir, dass Sie bald vernehmungsfähig ist«, entgegnet Tobias.

Dann wandten beide ihre Aufmerksamkeit wieder Zabel zu. Seine Augen waren genauso dunkel wie sein Haar, das von der Kapuze seines weißen Schutzanzuges verhüllt war. Er trug eine Atemmaske sowie Einweghandschuhe und Schuhüberzieher, um eine Kontamination des Tatorts zu vermeiden. Er war ein erfahrener Kriminaltechniker, der schon an mehreren Tatorten mit Haffner und Berger zusammengearbeitet hatte. In seiner rechten Hand hielt er eine Pinzette, mit der er hoch konzentriert ein einzelnes Haar vom Boden auflas, in seiner linken ein steriles Kunststoffröhrchen, um den Fund darin einzutüten.

Auf der anderen Seite der Wanne stand ein Fotograf der Spurensicherung, ebenfalls in Schutzkleidung. Er schoss Bilder von der Leiche, bemüht, sie aus möglichst vielen verschiedenen Blickwinkeln abzulichten, bevor er sich den Detailaufnahmen widmete, jede Spur am Ereignisort fotografisch dokumentierte.

 

Zabel ließ Haffner und Berger ein wenig Zeit, die Szene zu betrachten, ehe er erneut das Wort ergriff.

»Wir sind erst seit knapp einer dreiviertel Stunde hier«, erklärte er. »Und wie ihr sehen könnt, wird es noch eine ganze Weile dauern, bis wir fertig sind. Aber ich kann euch schon mal sagen, was wir bislang herausgefunden haben – auch wenn es nicht viel ist.«

Haffner deutete mit einer Kopfbewegung auf die Wanne, als Zabel seine Ausführungen beendet hatte. Der Abfluss war verstöpselt. »Ist Kuhnert verblutet?«, wollte er wissen. »Bei der Menge an Blut, es sind sicherlich mehrere Liter, die sich in der Wanne angesammelt haben, ist das durchaus denkbar.«

»Die Wahrscheinlichkeit ist hoch«, pflichtete Zabel ihm bei. Seine Atemmaske bewegte sich, wenn er sprach. »Aber ob der Blutverlust tatsächlich todesursächlich oder der Tod bereits vorher eingetreten ist, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Ich bin kein Rechtsmediziner. Dr. Arnold müsste gleich eintreffen und unser Team komplettieren. Wie ich hörte, ist er in einen Stau geraten.Was die Todesursache angeht«, fuhr Zabel fort, »werdet ihr auf jeden Fall die Obduktion abwarten müssen. So wie der Mann da liegt, und soweit ich das bisher überblicken kann, ohne ihn zu bewegen – ich habe auf euch gewartet, damit ihr euch die Leiche erst mal in situ anschauen könnt – scheint es keine sichtbaren Stich- oder Schussverletzungen zu geben, die letztlich zu dessen Tod geführt hätten. Auch keine stumpfe Gewalteinwirkung am Kopf oder sonstige Anzeichen von Gewalt – mit Ausnahme der Eröffnung des Brustkorbs natürlich. Das spricht dafür, dass ihm das Herz bei lebendigem Leib herausgeschnitten wurde. Zu welchem Zeitpunkt und woran das Opfer im Verlauf des Martyriums verstorben ist, wird, wie gesagt, alles im Autopsiebericht stehen.«

Haffner und Berger schwiegen einen Moment lang.

»Das fehlende Organ wurde bislang nicht gefunden«, setzte Zabel hinzu. »Aber die Kollegen haben bereits begonnen, das Anwesen und die Umgebung danach abzusuchen. Vielleicht hat es der Täter aber auch mitgenommen, als Trophäe sozusagen.«

 

»Eins verstehe ich nicht«, meinte Kilian nach einer Weile. »Wie kommt das viele Blut überallhin, wenn die eigentliche Tat doch augenscheinlich in der Wanne stattgefunden hat?« Sein Blick ruhte auf Zabel, doch die Frage war an alle gerichtet.

»Sogar außerhalb des Bades«, ergänzte Kilian und trat näher an den Türrahmen heran, um Zabel den Blick auf die Blutschliere freizugeben, die sich bis hinaus in den Flur erstreckte. »In meinen Augen sieht das nach einer Schleifspur aus. Und die Fußabdrücke, die sich in dem eingetrockneten Blut abzeichnen, fragmentarisch, verwischt, die stammen doch offensichtlich vom Täter. Demnach war er zum Zeitpunkt der Tat barfuß gewesen.«

»Ich vermute«, sagte Zabel, »dass er nackt war, als er das Blutbad anrichtet hat, um seine Kleidung nicht zu kontaminieren. Anschließend hat er in aller Ruhe geduscht und sich an den Frotteehandtüchern in der Glasvitrine bedient.«

Er machte eine Kopfbewegung in Richtung der Vitrine, die sich am Kopfende der Badewanne befand. Dieoberen drei Ablageflächen enthielten eine überwältigende Anzahl verschiedener Cremes, Lotionen und Ölen, die fein säuberlich in einzelnen Gruppen geordnet waren. Die nächste Ablagefläche war voll mit Feuchtigkeitskuren und Lotionen für Haare und Haut. Das übernächste Bord enthielt mehrere teuer aussehende Parfümflakons, die beiden letzten waren Handtüchern vorbehalten. Zwei davon lagen am Boden in der Walk-in-Dusche.

 

Haffner ging die Blutspur nicht aus dem Kopf, die vom Bad bis in den Flur reichte. Sie deutete auf eine kriechende Bewegung hin. Er betrachtete sie ein zweites Mal, diesmal jedoch eingehender. Und obschon er den Tathergang noch nicht im Detail nachvollziehen konnte, begann sich in seiner Vorstellung bereits ein Szenario zu formen.

Gegen zwanzig Uhr

 

waren Haffner und Berger am Tatort fertig. Erik Zabel und sein Team waren noch vor Ort. Obwohl sie so schnell arbeiteten, wie sie konnten, würde es noch mindestens drei oder vier Stunden dauern, bis sie ihre Untersuchungen abgeschlossen hätten. Den Richtlinien entsprechend war Kuhnerts Leiche, nachdem sie von allen Seiten fotografiert worden war, ins Rechtsmedizinische Institut am Standort Melatenfriedhof überstellt worden.

 

Es war schon fast viertel vor neun, als Haffner und Berger dort eintrafen.

Haffner drückte den Knopf der Gegensprechanlage im Eingangsbereich und hielt seinen Dienstausweis vor die Kamera, die sich unter dem Lautsprecher befand.

»Dr. Holsterwartet uns!«, sagte er knapp.