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Der getrennt lebende Auftragsmaler David Balder verliert durch den Tod seines einzigen Kindes den Halt. Dass die Mutter des 14-Jährigen einer Organentnahme zugestimmt hat, ohne ihn in die Entscheidung einzubeziehen, kann er nicht verwinden. Tief traumatisiert begibt er sich auf die Suche nach den Empfängern der Organe. Statt seinen Aufträgen nachzukommen, beobachtet er den Jungen, in dessen Brust jetzt Elias' Herz schlägt. Fünf Teenagern hat die Organspende das Leben gerettet. Balder ist besessen von dem Gedanken, sie beschützen zu müssen – zu bewahren, was von seinem Sohn geblieben ist. Ihr »Fänger im Roggen« will er sein. Doch je weiter er sich vorwagt, je näher er ihnen kommt, desto offenbarer wird das Ausmaß seiner Traumatisierung. Und in der Nacht ist ein Flüstern zu vernehmen: »Ruhe sanft, mein Sohn, in deines Todes Schlummer, frei von allem Schmerz und Kummer ...«, haucht er ihnen ins Ohr, wenn er wie ein Geist neben ihrem Bett kniet ...
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Seitenzahl: 303
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Schlaflied
für einen Toten
Roman
Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.
Jegliche Vervielfältigung oder Verwertung bedarf der schriftlichen Genehmigung der Autorin.
Cover: Astrid Kleinsorge
Lektorat und Korrektur: Volker Maria Neumann (krimi-lektorat.de)
ISBN: 978-3-7531-9795-1
www.neobooks.com
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Die Dünne des Rosshaarfadens
Verborgen im blassen Bleistiftgrau
Elias
Die Erinnerung
Namen auf einer Liste, ohne Gesichter
In einer schattendunklen Ecke
Der Osiris-Mythos
Die Heimsuchung
Die Kunsthaarperücke
Die Narbe
Adieu Kastagnette
Das marmorne Kind
Die Leiche trug Sportkleidung
Der Mann im Mercedes
Ein luzider Traum
Der Dienstagmorgenjunge
Der Unschuldsengel
Der falsche Atem
Drei Akten – drei Gräber
Der viel genannte Junge,
Unweit vom Ort des Geschehens
Zum Warten verdammt
Haltemale
Ker, die Göttin des gewaltsamen Todes
Ein fremdes Bewusstsein
Der silbern gerahmte Junge
Der Himmel trug Schwarz
13. November 2007
Der tote Christus ruhte im Schoß seiner Mutter, der Jungfrau Maria. Zu seinen Füßen kniete leinwandbleich Maria Magdalena. Der greise Josef von Arimathäa zog das Leichentuch zurecht. Am Firmament schwebten trauernde Engel. Im Hintergrund ragte groß und schwarz das Kreuz auf. Die mit Kohlestift skizzierten Häupter der Wehklagenden – Motiv: »Die Beweinung Christi« – umgab ein mit frischer Ölfarbe aufgetragenes Leuchten von Goldpigment.
Mit der Pinselspitze nahm David Balder erneut eine winzige Menge hochpigmentiertes Gold auf und vervollkommnete mit virtuosem Strich die Aureole um das Haupt des Johannes, der in melancholischer Pose auf Jesus blickte, dessen lebloser Körper gleichsam auf Vollendung wartete. Noch ein prüfender Blick auf das Werk, dann legte Balder Pinsel und Palette beiseite und rollte mit seinem Stuhl zum Telefon, das nicht aufhören wollte zu klingeln. Er mochte Anrufe nicht, die sein künstlerisches Schaffen störten. Er hatte bereits vier ignoriert an diesem Abend. Der einzige Mensch, an dem ihm gelegen war, rief zu so später Stunde nicht an. Nach der Schule, gelegentlich, um Bescheid zu geben, wann er zu kommen gedachte, ja. Aber nicht in der Nacht. In der Nacht war kein Anruf von dem Jungen zu erwarten. Er hob den Hörer ab und nannte seinen Namen. Dann drangen Worte an sein Ohr, so kühl gesprochen, so sachlich formuliert und so verstörend, dass er augenblicklich in Panik geriet.
Das Tragische, von dem der Mann am Telefon sprach, hatte sich in den Abendstunden auf einem Gleisübergang unweit vom Haus der Mutter des Jungen zugetragen. Auf dem Heimweg war Elias dort entlanggegangen – Stahlrädern entgegen, von denen staubiger Regen spritzte. Balder sah die rote Kunststoffverkleidung, den Stoßfänger, die riesige Frontscheibe der Niederflurbahn. Er sah die Fratze der Verwirrung im Gesicht des Fahrers, der mit nachtschweren Augen hinter der Verglasung saß. Sah dies alles vor seinem geistigen Auge, als untilgbares Mal seinem Sohn in den Leib gepresst.
Zeit war vergangen. Nichts war vergessen.
Wenn Balder tief in sich hineinhorchte, klangen ihm die Worte des Gerichtsmediziners noch im Ohr, untermalt von dem beißenden Geruch und der Eiseskälte, die von dem Raum und den toten Leibern darin ausging:
»Die Leiche des 14-Jährigen ist frisch. Die Leichenstarre ist in den Kiefergelenken, den oberen und unteren Gliedmaßen vollständig ausgeprägt. Die Totenflecke sind wegdrückbar und von hell-kirschroter Farbe. Im vorderen Bereich des Kopfes befindet sich ein offenes Schädel-Hirn-Trauma. Die Kopfschwarte ist in diesem Bereich großflächig vom Schädelknochen abgelöst. Hirnmasse ist ausgetreten.«
In klaren, mondhellen Nächten war ihm, als spürte er, wie das Verwesungslicht des blassen Erdtrabanten in ihn eindrang und sein Gesicht leichenhaft färbte. Dann lag Balder wach, in Erwartung der morgendlichen Dämmerung.
Im Zustand tiefster Verwirrung wies seine Kleidung helle Streifen auf, durchsetzt von schattenhaften Linien. Die kamen vom vergitterten Fenster und waren überall dort, wo Mondlicht war, und in seinem Inneren: ein Traumfragment – eine welke Karotte – eine Nase, zwei flache Steine – die Augen, mehr Steine – ein lächelnder Mund, glücklicher Sohn, glücklicher Vater, ein Schneemann. Getaut – neu erbaut – wieder getaut. Dann, Jahre später, rings um das glückliche Kind – es war von einer Straßenbahn frontal erfasst worden – scharfkantiger Schotter. Der Notarzt wird es gleich gewusst haben; es war zu viel Blut im Gleisbett. Da war nicht mehr viel Leben.
Die Lider geschlossen, die Augäpfel lebhaft zuckend, war Balders Denken klar und unverfälscht auf sein einstiges Wirken gerichtet; darauf, was ihn umtrieb in den dunklen Tagen nach Elias' Tod. Im trostlosen »Hier« fiel eine Tür ins Schloss und wurde verriegelt. Im »Dort«, wo Balder im Geist mit Sinnen stand, auf einem Randstreifen im Windschatten eines winterkahlen Baumes, flockte es weiß aus einem wattierten Himmel und überhauchte die entseelten Straßen. Die wenigen erleuchteten Fenster waren bunte Mosaiksteine auf betongrauen Fassaden hoher Häuser.
Mit diesem Bild vor Augen driftete Balder in einen tiefen, traumartigen Zustand.
Spät dran ist er heut, dachte er an jenem frostigen Ort, an dem er im Traum weilte, und versuchte, sich auf die Fahrbahn zu konzentrieren, den mittig verlaufenden Gleiskörper, die Rad- und Gehwege, mit nur wenigen Abdrücken menschlichen Lebens versehen, während der Himmel kaltes Weiß über ihn ergoss.
Donnerstagabend, wusste Balder, kam der Junge hier entlang, die Straße, das Drängelgitter, die Gleise zu queren. Er hatte ihn über Wochen hinweg beobachtet, sich immer weiter vorgewagt, in der Hoffnung, sich ihm eines Tages nähern zu können. Zwar war sein Haar nur dürftig gelockt und nicht blond, sondern rot, aber er war von gleicher Statur wie Elias und ebenso hochgewachsen.
Aber nicht seine äußere Erscheinung war es, was Balder zu dem Jungen hinzog, ihn auf ihn warten ließ. Nicht einmal die Empfindung, die er in ihm wachrief; das Gefühl, wie es war, einen Sohn zu haben.
Der wahre Grund war ein anderer.
Balder liebte es, im trüben Licht der Gehweglaternen zu warten und dem Nordwind dabei zuzusehen, wie er den frisch gefallenen Schnee, dessen Pegel ihm verriet, wie lange dies Warten schon andauerte, in hauchdünnen Schichten abtrug und zerstäubte, um aus Abertausenden Kristallen weiße Gestalten zu formen. Dazu die Kälte, bis in die Knochen. Jeder Muskel, jede Faser in seinen Beinen schmerzte: Femur (Oberschenkel) und Ossa cruris (Schienbein und Wadenbein) verankert im Tarsus, den Fußwurzelknochen (Ossa tarsi) – alle lose, nur gehalten von Sehnen, Bändern, Muskeln, von der Kälte taub.
206 liebliche Knöchelchen waren es, die unter dem vorderen Drehgestell des Langzuges lagen; viele davon zerbrochen, gestippt in roten Saft. Jene von jenem, dessen Fleisch zu totem Fleisch, dessen Leib zu totem Sohn wurde.
Balder stöhnte und fuhr noch einmal empor aus dem Dämmer, auf der harten Pritsche, im Mondlicht, vom Schatten der Gitterstäbe gestreift. Dann glitt sein Geist zurück ins Schneetreiben und blieb.
Er stand so steif, so träge in der Landschaft, den Trenchcoat zugeknöpft bis zum Hals, die Hände tief in den Taschen vergraben, als hätte man ihm ein Bettgestell mit Riemen auf den Rücken geschnallt.
Als er den Rotschopf mit federndem Gang kommen sah, richtete er sein Augenmerk auf die Eleganz seiner Schritte. Es war eine Wohltat, ihn zu sehen. Keiner seiner Bewegungen entging ihm. Balder war, wo er sein wollte, und er versuchte, den Blick des Jungen einzufangen. Aber der beachtete ihn nicht, wie immer. Widmete ihm nicht den kleinsten Hauch seiner Aufmerksamkeit. Dabei verlangte es ihn so sehr nach einer Geste, einem Hallo, das ihm galt. Eine verloren am Grund seines Bewusstseins treibende Emotion drängte an die Oberfläche, groß und schwer. Balder dachte an die letzte Umarmung, an ihre Festigkeit, ihre Wärme; an die Sehnsucht in seiner Brust, die nicht diesen, die einen anderen Jungen meinte. Aber an Elias durfte er jetzt nicht denken. Die Augen zu Schlitzen verengt, blinzelte er in die Gischt der Verwehungen und ließ seinen Blick sich verlieren in dem Meer millionenfach wirbelnder Flocken, wohl wissend, dass einige den Rotschopf, wie einst seinen Sohn, im Gesicht, an den Händen, am Hals berührten. Den Rücken an den Stamm des scheintoten Baumes gelehnt, unter dem er stand, mit den Schuhen im zertrampelten Schneematsch – Nässe kroch in das spröde Leder – nahm Balder das silberne Amulett aus der Jackentasche, dessen Bedeutsamkeit an solche Momente geknüpft war. Es lag kühl in der Hand, und obwohl sich nichts darin spiegelte, weil es feucht war und klamm und seinen Glanz eingebüßt hatte, stierte er darauf und verfiel in einen Trancezustand, eine Art Blackout. Namen drangen aus dem tiefsten Innersten an die Oberfläche seines Bewusstseins; Worte auf einer Liste, ohne Gesichter. Sekundenlang war er sich nur vage bewusst, was um ihn herum geschah.
Er war außen vor, stand außerhalb.
Bremsen kreischten, Stahlräder glühten, Funken stoben auf, verglommen und erstarben in der Kälte, der Schwärze der Nacht, als er aufsah, um den Jungen wieder in Augenschein zu nehmen, dessen Gesicht ein eisiger Wind peitschte, dessen Augen verwirrt auf den nachtgrauen Schneestaub starrten, die Bahn, die wie aus dem Nichts auf ihn zukam, ehe sein Kopf an der Frontscheibe zerschellte.
Die Stille, die hernach eintrat, war geradezu unwirklich. Es fühlte sich an, als wären er und der Junge aus der Zeit hinausgetreten und befänden sich nun an einem Ort, an dem sich Gegenwart und Vergangenheit vermischten.
Balder war versucht, sich auf den Grund des Vergessens gleiten zu lassen und sah dem Reigen der Teilchen zu, die wie feiner Flaum herabfielen, bis sich eine Flocke hervortat, die besonders weiß gewandet niedersank, um sich auf andere – vom Blut des Jungen rot getränkt – sanft zu türmen, ehe sie dahinschmolz und verging.
Es war ein Moment von geistiger Erhabenheit. Balder hatte das Gefühl, er könnte den Schnee auf der Haut des Jungen schmelzen spüren. Ihm kam das glückliche Kind in den Sinn – die leichenhaft bleichen Züge.
6:00 Uhr war die Zeit des Erwachens. Ein langer, ein mühseliger Prozess nach einem Schlaf, der keiner war. Er blieb noch ein paar Minuten liegen. Der Traum geisterte noch immer in lebhaften Bildern durch seinen Kopf, aber es war ebenso eine Erinnerung gewesen aus einer Zeit, als sein ruheloser Geist noch frei war und ihn umtrieb. Ihm war ein Dokument in die Hände gefallen nach Elias' Tod, das Verstörendes dokumentierte. Und dies Dokument war der Grund, warum es Balder zu dem Jungen hinzog, den vor seinen Augen ein so tragisches Schicksal ereilte. Es war ein Moment tiefen Schmerzes. Die zu ihm sprachen, deren Stimmen er vernahm, klangen sehr aufgebracht. Ihr Flüstern war wie ein Tinnitus in Balders Ohren. Zu was sie ihn verleiteten, ließen ihn seine Träume nie vergessen. Unauslöschlich hatten sich die damaligen Eindrücke in sein Gedächtnis gebrannt. Er vernahm jetzt noch ihre Stimmen, spürte noch immer die Dünne des Rosshaarfadens, an dem das Damoklesschwert einer drohenden Dekuvrierung über ihm schwebte – einer Enthüllung seiner Identität. Seine Furcht, entlarvt und als Abweichler diskreditiert zu werden, war viel reflektiert und allgegenwärtig gewesen.
Er fröstelte. Gedankenfetzen begleiteten ihn zum Waschbecken. Die Erinnerungen holten ihn immer wieder ein. Er versuchte krampfhaft, sie abzuschütteln. Gleich würde er sich zeigen müssen. Ein Schließer würde sein Befinden prüfen und seinen Gehorsam.
Balder hob sein mit eiskaltem Wasser benetztes Antlitz, an dem neben der Zeit Kummer und Schwermut fraßen, und trocknete es mit dem kratzigen Anstaltshandtuch aus rauem Leinen. Der Traum war inzwischen in den Hintergrund gerückt und seine Gedanken halbwegs unter Kontrolle. Er rief sich ins Gedächtnis, dass es jenes jüngste, wenige Monate zurückliegende Ereignis gewesen war, das die Bilderflut ausgelöst hatte. Der Anblick mutete gleichzeitig wirklich und unwirklich an. Wie eine kaputt geschlagene Puppe hatte der Junge im eiskalten Schnee gelegen.
Das Bild verlor sich, als er draußen auf dem Gang Schritte vernahm, die vor seiner Zelle haltmachten. Während er sein Äußeres mit Abscheu in den Kacheln betrachtete, gewahrte er, dass das Guckloch in der Stahltür besetzt war. Ohne den Blick von den Wandfliesen abzuwenden, sah er ein vom Türspion kreisrund eingefasstes Auge, das sich, wie er, vage in der cremeweißen Keramik spiegelte und Aufschluss holte über ihn. Und was er nicht sah, fiel seinem Verstand nicht schwer zu ergänzen. Balder kannte die Abläufe, die Gegebenheiten in der Anstalt. Wusste, dass dies der Zeitpunkt von Dellmanns Visite war. So wie er wusste, dass die Seele des Mannes in der Nachbarzelle verdunkelt war von der Perversion des Herzens. Das stand nicht in der Enzyklika, und doch kniete jener lieber vor dem offenen Hosenschlitz eines Ministranten als vor Gott.
All jene von Justitia hier verwahrten schuldunfähigen und vermindert schuldfähigen Männer, verurteilt nach §§ 20,21 StGB, schienen dem forensischen Psychiater jedoch von minderem Belang, da sich dessen Auge allmorgendlich im Türspion von Balders Zelle zeigte, über dessen Boden ein Schatten kroch, der durch das am Gitterfenster gebrochene Licht derart bizarre Formen annahm, dass Balder – unterbrochen nur vom Öffnen und Schließen der Durchreiche für die Mahlzeiten – apathisch darauf starrte.
Als sich die Nachtschatten wieder abzeichneten, legte er sich nieder, und der Traum, der auch eine Erinnerung war, nahm den am frühen Morgen verlorenen Faden wieder auf: Kaltes Weiß wisperte herab – ein Meer von Flocken. Balder konzentrierte sich auf diese eine, die so friedvoll hinsank in dem Wachtraum der vergangenen Nacht, bevor sie ihr Weiß ins Rot mischte und den Geruch annahm, der solchen Unglücksorten zu entströmen pflegt: Es roch, wie feuriges Metall riecht. Es roch nach verschmortem Menschenfleisch. Und ein weiterer, ein untrüglicher Geruch hing in der Luft; der Geruch, den Blut entwickelt, wenn es mit Sauerstoff in Berührung kommt.
Balder wälzte sich elend auf der harten Pritsche aus der Seiten- in die Rückenlage und schloss die Augen. Doch sie wollten nicht geschlossen bleiben, zu viele Bilder fluteten sein Gehirn. Und blieben sie dann doch geschlossen, sickerte Mondlicht durch die Lider. Versilberte die Umrisse der kompakten, schweren Form der Stadtbahn. Funkelte kalt auf der Legierung des metallenen Hebels, den Instrumenten, den scharfkantigen Rissen des Bruchzentrums in der Frontscheibe, die er so bildhaft vor sich sah, dass er meinte, den Nachhall des Aufpralls bis hinein ins mondhelle Halbdunkel seiner Zelle hören zu können.
Der Sog der Bilder, die ihn bestürmten, war ungeheuer. Er tauchte noch tiefer in seine Gedankenwelt ein, spürte die Kälte, die von dem Ort ausging, in jeder Faser, ahnte die Wucht der Kollision, die Schärfe der Splitter.
Über das gesprungene Glas quälte sich mühsam ein Wischer. Schob knirschend den frisch gefallenen Schnee beiseite. Dahinter verharrte der Fahrer in einer Art Schockstarre, die Hand unbewegt am Sollhebel. Zeit ging dahin. Hydraulik-Türen blieben verschlossen. Insassen – degradiert zu unbedeutsamen Partikeln eines riesigen Schlachtermessers – stierten bleichgesichtig aus atembeschlagenen Panoramafenstern und erblickten doch nur ihr eigenes, verzerrtes Spiegelbild.
Sie sahen nicht die auf einen grausigen Fund hindeutende Spur, die Balder den Weg wies: auf halber Strecke ein Bein im Abdruck einer Fontäne aus Blut, vom Pulverschnee gezuckert, vom Bremssand paniert bis runter zum bestrumpften, schuhlosen Fuß. Hier und da das Glied eines Fingers. Unweit vor ihm, auffällig in der weißen Stille, keine zehn Schritte zu gehen, die Bewegung eines dünnen Armes und ein Ringen nach Luft – merkwürdig schnappend und keuchend.
Unter dem ersten Drehkranz, im vorderen Bereich des Zuges, fand Balder den Rotschopf und zog, was noch von ihm übrig war und verkeilt unter der Tram lag, zu sich heran, was ihm schwerfiel. Er sank auf die Knie und hielt prüfend ein Ohr an dessen Brust, die ihm zart erschien, zerbrechlich, und lauschte dem Atem. Ließ das angestrengte Keuchen in sich einströmen. Hob dann den Kopf des Jungen an wie eine Kostbarkeit und blickte in sein Gesicht, halb verdeckt von blutverklebten, wirren Haaren, ohne es wirklich zu sehen. Ein anderes Gesicht hatte sich davorgeschoben, ebenmäßig, schmal und wohlgeformt und schön, wie es sein von Sehnsucht geplagter Geist verinnerlicht hatte. Da war ein plötzliches, grelles Lächeln in seinen Gedanken. Es strahlte über all dem Schmutz, dem wunden Fleisch, dem Blut, das überall war. Der formschöne Mund präsentierte ihm perlweiße Zähne. Die Phantasmagorie, jenes bezaubernd schöne Trugbild, breitete sich über den ganzen Körper des Jungen aus und wuchs zu der Gestalt und vollen Größe des über alles geliebten Kindes. Durch den hell schimmernden Schleier seiner Tränen sah Balder den Sohn so unsagbar nah und real vor sich, dass er glaubte, ihn berühren, ihn leibhaften zu können. Liebe durchfloss ihn, und seine Fantasie ließ ihn erahnen, wie es sein würde, Elias in die Arme zu schließen, ihn an sich zu drücken, ihm Worte ins Ohr zu flüstern, die ihn vergessen ließen, dass er tot war.
Er wünschte, er könne für immer in diesem Augenblick verweilen, bei seinem Kind. Aber die Illusion verblasste und sein Blick glitt über den im Gleisbett liegenden Jungen, der erst jetzt wieder zu erkennen gab: Es war ein anderes Kind, und das Blut, in dem er kniete, war das von dem anderen Kind. Nicht einmal das Haar war von der gleichen Farbe. So sehr hatte ihn die Nähe des Kostbaren euphorisiert, so maßlos geblendet. Und so verstört. Denn es war in ihm geistig erwacht, dass auch Elias’ Leben so geendet hatte; in seiner Körperlichkeit derart grausam defiguriert, bis zur Unkenntlichkeit entstellt.
Mit einem Tuch tupfte er dem Rotschopf Blut von der Stirn, den Wangen, dem Mund, von diesem Gedanken getrieben, und zwang sich, dem Anblick standzuhalten, bis es in seinen Schläfen zu arg zu pochen begann. Einige endlos lange Sekunden wandte er den Blick ab und schaute den Flocken beim Fallen zu.
Dann betrachtete er wieder die schaurige Geschichte, die sich im Zentrum seines Blickfeldes, jedoch unendlich weit entfernt, da jenseits seiner selbst, am Boden abspielte.
Das Pochen hinter Balders Schläfen war zu einem bohrenden Schmerz geworden. Sein Atem ging unrhythmisch. In der Ferne erklang der Ton nahender Sirenen. Als er das Amulett vom Blut befreite, mit Fingern, die vor Kälte taub waren, und die Glieder der Silberkette, die der Junge um den Hals trug, streckte sich ihm eine verstümmelte Hand entgegen, aus der Knochensplitter ragten. Dann ein Zucken, ein sich Winden, ein Gurgeln, ein Ringen nach Luft. Schrecklich. Der Rotschopf schluckte sein eigenes Blut. Sein Kopf kippte immer wieder zur Seite. Ab und an hob ein rasselnder Atemzug das durch die zerfetzte Kleidung sichtbare, knöcherne Sternum. Balder konnte die leichte Brise spüren, die das verursachte.
Hektisch, im Affekt, mit einer raschen, ruckhaften Bewegung – das Dröhnen von Polizeisirenen tönte in seinen Ohren – wandte er den Kopf des Jungen seinem zu und drückte ihn sanft in den Schnee, in dem Bemühen, Ruhe zu bewahren.
Nun, da ihm das Antlitz im perfekten Winkel zugewandt war, flammte die Illusion wieder auf, jene visuelle Sinnestäuschung, die ihn glauben ließ, seinen Sohn vor sich zu haben, und blieb noch eine Weile.
»Genau so«, hauchte er und behauchte den von einer dünnen Schneeschicht überhauchten Jungen. Beugte sich noch tiefer, noch weiter hinunter. Das kalte, hauchdünne Weiß zum Schmelzen zu bringen mit seinem Atem, brachte er sein altes, knochiges Gesicht zentimeternah an das des Jungen, das nichts weiter war als ein glitschiger, klebrig roter Horror, aus dem angstgeweitete Augen ins Leere starrten. »Nichts ist mehr wichtig, außer dir und mir. Nicht die Mutter, nicht der Vater, nicht die Einsamkeit und der niemals endende Schmerz, den du nie gekannt hast. Lass das Vergangene ruhen, denke nicht an das Morgen, und wisse in diesem Moment, dass niemals jemand dich so vermissen wird wie ich. – Und nun schlaf«, sprach er, kniend, das Haupt des Jungen mit beiden Händen rahmend.
Minutenlang verharrte Balder in dieser Haltung, lag sein Schatten auf dem blutigen Torso und halbierte diesen in zwei vom kalten Nachtlicht beschienene Hälften.
Zu berauschend war der Moment, als dass er sich hätte lösen können. Selbst nicht, als das Sirenengeheul der Einsatzfahrzeuge anschwoll, deren flackerndes Blaulicht das mattgraue Weiß in rascher Abfolge blaudierte. Denn nun, da die Illusion endgültig erstarb, bahnte sich das Knirschen der Wirbel beim Verdrehen des schlanken Kinderhalses einen Weg in sein Bewusstsein. Es beunruhigte ihn vom ersten Moment an. Es wühlte ihn alleine deshalb so auf, weil es ein Geräusch war, das nicht nur ins Gehör drang, sondern über die Hände auch ins Gedächtnis.
Ja, bei Gott, es war nicht das erste Mal, dass er dieses Halswirbelknirschen hörte. Er hatte es schon einmal vernommen und aufs Tiefste verinnerlicht. Und vielleicht war es erwacht, wenn denn ein Geräusch erwachen kann, als er das Gesicht des Jungen seinem zuwandte, mit einer ruckhaften Bewegung, und schallte empor aus den Tiefen des Gedächtnisses, um ihn erneut zu quälen. Aber auch, wenn es nur auf Einbildung beruhte, bloß eine Nachwehe war aus einem traumatischen Erlebnis, das Jahre zurücklag, hatte er das Knirschen der Wirbel nur mit zusammengebissenen Zähnen ertragen können. Und nachdem es verklungen war, musste er ihn halten, aus Furcht, es könne wiederkehren, wenn er den Kopf des Jungen auch nur einen einzigen Millimeter bewegte. Wie zu Eis erstarrt kauerte er in dem kalten Weiß, ganz und gar im gegenwärtigen Augenblick, bei dem gegenwärtigen Kind. Eine gebeugte, schemenhafte, unbewegte Gestalt in der zunehmenden Helligkeit, die Gesichtszüge verhärtet durch die beißende Kälte. Die Scheinwerfer der ankommenden Einsatzfahrzeuge schwenkten über den schneeverhüllten Schotter, die Stahlmasten, die lange Schatten warfen, bis hin zu ihm. Ihre aufgeblendeten Fernlichter erhellten die Szene grell.
Licht drang in seine Augen.
Weit aufgerissen starrten sie in den hellen Schein. Immer noch verharrten seine Hände in dieser verkrampften Haltung. Er wagte nicht, sich zu rühren. Zu groß war die Angst, das Geräusch könne wiederkehren.
Aber es kehrte nicht wieder. Und allmählich löste sich die Anspannung. Unberührt der Tatsache, dass einer der Schließer ihn angeleuchtet hatte und Balder langsam in die Realität zurückfand, machten seine Hände geisterhafte Bewegungen. Es zu Ende zu bringen, glitt die eine von der Stirn des inexistenten Jungen abwärts sanft hinab, während die andere den Kopf halb umfasste, ihm behutsam die Augen zu schließen, die lidschlaglos offenstanden. Die Täuschung war für Sekunden so vollständig, dass Balder die Berührung einen Moment lang tatsächlich körperlich zu spüren glaubte.
Der Schließer, der in dies hin und wieder mit Hand und gelenkem Fingersatz durch den Türspion tun sah, hatte diese Art der Manie stets mit Unverstand bedacht.
Als die Lider des Jungen von selber hielten, hielt die Traurigkeit wieder Einkehr. Balder sah, wo er lag – auf einer harten Pritsche in einer acht Quadratmeter großen Zelle.
Bleich wie der von der Nachtsonne in mattes Weiß getauchte Mond starrte er hoch zur Decke, tanzende Lichtpunkte auf der Netzhaut, in den Ohren das Surren eines nicht zu sehenden Projektors. Letzte Bilder, halb zerfetzte Filmschnipsel drängten in das tiefe Schwarz seiner Pupillen, akustisch untermalt vom monotonen Stiefeln des Wachpersonals auf den labyrinthischen Fluren, dem ununterbrochenen Gewimmer und Gemurmel aus den Nachbarzellen, oder einem unvermittelt durch die Zellenwand dringenden Schrei eines Mitgefangenen.
All diese Laute ignorierte der forensische Psychiater, als dieser im elften Monat desselben Jahres – am 16. November 2011, drei Tage nach Balders Verschwinden – den weitläufigen Korridor entlangschritt und erschöpft sein Büro betrat.
Wohl wissend, dass auch der kommende Tag einen frühen Morgen haben würde, richtete Dellmann sein Augenmerk auf das speckige, ihm zellophaniert überreichte Büchlein, welches im ungefähren Licht des späten Nachmittages roch, obwohl er es bereits Stunden zuvor aus der Folie genommen hatte.
»Ich bin Jesus! Lasst mich hier raus! Ich habe Seelen zu bekehren!«, hallte es durch den Zellentrakt.
Dellmann ging zum Fenster, öffnete es, zog Latexhandschuhe über.
Kaum, dass er sich hinter seinem Schreibtisch niedergelassen hatte – der Schreiende war verstummt, ein Medikament in dessen Mund geschoben und dessen Zellentür verriegelt worden –, blätterte er mit behandschuhten Fingern in dem grindigen Skript und fand Unleserliches. Vor den piktografischen Zeichen, altägyptischen Hieroglyphen, scheinbar willkürlich akzentuiert ins leicht ergraute Blattweiß gesetzt – zwei, drei auf jeder Seite – wurden ihm die Lider schwer, und er spielte mit dem Gedanken, das Skript zu entsorgen. Einzig Ich sehe ihn noch vor mir. Sein Blut schimmerte rot, wie koloriert, im weißen Schnee hatte er, kraftvoll ins Papier gedrückt, halbwegs lesbar geschrieben gefunden. Der Stift, sehr davon in Mitleidenschaft gezogen, schloss mit: Die Bilder habe ich immer und immer wieder vor Augen.
Tags darauf – in der Nacht hatte er eine Eingebung, die er in aller Bescheidenheit nur als genial bezeichnen konnte – nahm Dellmann eine Lupe zur Hand und fokussierte mit angehaltenem Atem, was zu seinem Erstaunen, verborgen im blassen Bleistiftgrau, jenseits der Hieroglyphen geschrieben stand, die offenbar der visuellen Ablenkung dienten. Die blasse, sehr kleine Schrift, verschlimmert noch durch Stockflecken auf den umschlagnahen Seiten – was den Umständen geschuldet war, unter denen das Büchlein gefunden wurde, in der Gesäßtasche von Balders Leiche – würde ein Entziffern zur Sisyphus-Arbeit machen.
Bereits am Tag von Balders Einweisung war Dellmann die Eigenheit des Mannes aufgefallen, der ihm Blicke zuwarf, die nicht bloß das Grau in seinem analysierenden Auge beanstandeten, sondern vielmehr eine in dieser Anstalt Norm gewordene Verzweiflung in sich bargen. Und nun glaubte er, durch die Konvexlinse ein Genie des Minimalismus im Verfasser dieser Zeilen zu erkennen, in denen einleitend geschrieben stand:
Schon wenige Tage nach Elias' Tod begann ich Gedanken zu entwickeln, Fantasien, die ich nur mehr dem Papier anvertrauen konnte. Ich trauerte tief; in einer Weise, die jeden, der mir einmal nahestand, sich von mir abwenden ließ. Und je weiter ich in den Abgrund meines Geistes vordrang, je detaillierter ich schriftlich festhielt, was ich zu tun gezwungen war in meiner Verzweiflung, desto mehr war ich darauf bedacht, dass diese Zeilen nicht in die falschen Hände geraten ...
Dellmann legte die Lupe beiseite und schnappte nach Luft. Denn es rochen die ersten Seiten stärker noch als die anderen. Jedoch nicht so streng, wie es der Umschlag tat.
An zig weiteren Abenden quälte er sich mit dem Konvexglas vor Augen durch die nur mehr fragmentarisch erhaltenen Schriften – Seiten fehlten, Seiten waren beschmutzt, Seiten klebten aneinander – in der Hoffnung, den Zeilen entnehmen zu können, was im Kopf seines Patienten vorging. Wann dessen Trauer pathologische Züge annahm.
Aus Angst, seine Beine würden ihn nicht tragen, hatte Balder am Tag der Beisetzung, siebzehn Tage nach Elias' Tod, zwei Paroxetin eingeworfen (ein Arzneistoff zur Behandlung von Depressionen und Angststörungen), war Dellmann zu entziffern gelungen, nachdem er zwei aneinanderhaftende Seiten behutsam voneinander getrennt hatte.
Als weilte der Junge mitten unter ihnen und er, Balder, wäre nur gekommen, all die tadellosen Gesichter zu bestaunen, die so unberührt wirkten wie einst das eine, so sei ihm gewesen, stand geschrieben, als er den Friedhof betrat und die vielen Schüler sah, von denen einige im Stimmbruch zu tuscheln begannen.
Schöne Gesten habe der Kirchenmann getan, in seinem glitzernden Gewand, und gesprochen schöne Worte in der Trauerhalle von Melaten:
Wie ein Rosenstock, der im Winter ausgetrocknet, hart und abgestorben erscheint, noch die ganze Lebenskraft des Erblühens in sich trägt, so ist Elias mehr als nur ein toter Junge. Er geht mit euch allen, die er geprägt hat und die ihn geprägt haben, weiter ins Leben, wenn ihr ihn in euren Herzen - wie eine Rose - gut bewahrt.
Das ist Isolation, das ist Stille, hatte Balder gedacht, als die Urne beigesetzt wurde, in die so viel hineinpasste: ein ganzer Sohn, ein ganzes Leben. All die Jahre. Die gemeinsamen Jahre. Nichts davon war mehr zu sehen, nur Dunkelheit. Feinkörnige, poröse Dunkelheit.
Er wollte gar nicht dort sein. Er stahl sich davon – in eine Erinnerung. Die gedankliche Nähe zu dem Jungen – daran erinnerte er sich noch mit ungeheurer Deutlichkeit – versetzte ihn in eine fast erlösende Stimmung.
Und obgleich er am 30. November im Regen und später, über seinen Notizen den Stift führend, im Geiste der Bestattung beiwohnte, war Balder gewillt, an dem Irrglauben festzuhalten, dass der Junge da draußen noch irgendwo sein müsse – so tickte sein Hirngespinst, das er um sich spann, um wie Raupen von Motten zu sein; geschützt in ihren Gespinsten.
Wie in einem Traumbild, das nach dem Erwachen noch vor dem inneren Auge steht, sah er den Sohn im Hochbett liegen. Frühes Morgenlicht drang durch die Jalousien in den dämmrigen Raum und zeichnete helle Streifen auf die Bettdecke. Füße, die 14 Jahre, 4 Monate und 13 Tage zuvor erstmals den Boden berührten, schauten ein wenig müde noch darunter hervor.
Hingebungsvoll verstieg sich der kleine Romeo in die Vorstellung, mit Franziska in der Wanne zu liegen.
Das Bad kannte Elias bereits. Er hatte die Wohnung schon einmal betreten. Franziska war allein zu Haus gewesen. Hatte am Fenster gestanden und war bei seinem Anblick gleich dahingeschmolzen. Da war er einfach hineinspaziert. Allein aus dem Baden wurde nichts.
»Sag mal, wovon träumst du. Ich hab schon genug Ärger am Hals! Ohne dieses ›liebst du mich‹ und ›in der Wanne liegen‹ fand ich das sehr lustig mit dir! Aber das ... fast glaube ich, ich bin noch nicht bereit für die Liebe – auch wegen Ferdinand«, hatte er sich anhören müssen.
Und Jenna hatte zu allem Übel noch Verständnis für Franziska: Manchen Jungs sei Fußball eben auch wichtiger, hatte sie gesagt, und er hatte noch gelacht, ein wenig, um ihr zu gefallen.
Als er seinen Namen rufen hörte, schlug er die Bettdecke beiseite und huschte barfüßig zur Toilette. Klappte den WC-Sitz hoch und urinierte im Stehen, was die Mutter glaubte, ihm aberzogen zu haben. Er lag gut in der Hand und war noch ein wenig steif, wie vom Liebemachen. Obwohl kein einziges viriles Haar daran war, ließ er Gefühle durch sein pubertierendes Inneres gehen, wenn er an Franziska dachte, an Jenna, an Lara.
»Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll«, hatte Franziska einmal gesagt, als sie hell-, er dunkelblond, sie also blond in blond beieinanderstanden.
»Ich kann doch nichts dafür, wenn die sich mir an den Hals werfen. Ich hab denen nie schöne Augen gemacht. Das musst du mir glauben.«
»Ach ja. Und Laras Eintrag. Die hat Schatzi auf deine Pinnwand geschrieben. Da dachte ich halt. Ach egal.«
»Und du. Du bist doch lieber bei Ferdinand, statt Zeit mit mir zu verbringen.«
»Und wenn schon. Jungs stehen doch auf Mädchen, die reiten, wegen dem strammen Po«, hatte Franziska clever gekontert, sich verabschiedet, und an den Abenden wurde fleißig telefoniert. »Wenn's passt und der Herr nicht mal wieder zu beleidigt ist.«
Der Junge schüttelte seinen dünnen Jungenpenis und verstaute ihn in der Schlafanzughose. Seine Gefühle trug er noch im Gesicht spazieren, als er mit »Morgen Mama« die willensstarke, im Sternzeichen Stier geborene Frau begrüßte, die mit einem Mascara Pinsel Wimperntusche auftrug.
»Wieder keine Schlappen an. Du wirst dich erkälten!«, mahnte sie, bevor sie das Bad freigab.
Er zog das Pyjamaoberteil aus, drehte am Wasserhahn und tänzelte, während er sich wusch, von einem Fuß auf den anderen. Der Fliesenboden fühlte sich kalt an unter den nackten Sohlen. Das geriffelte Glas ließ kaum Sonne durch. Dafür stank es nicht in dem gekachelten Raum mit dem Keramikbecken, dem Spiegelschränkchen, der Badewanne aus Emaille beschichtetem Guss et cetera. Die Toilette war separiert.
Nach der Waschung richtete er mit wenigen Handgriffen sein dichtes Haar, das vom »Auf-der-Seite-Liegen« morgens immer wild abstand, und betrachtete sich prüfend im Wandspiegel. An ihm war noch nichts ausgeprägt Maskulines. Bis auf eine kleine, leicht gerötete Wölbung am Kinn, die sich demnächst anschicken sollte, als Pickel durch die Haut zu stoßen, gefiel ihm, was er sah.
Sie sah, während sie sich an der Tafel ihren hübschen Kopf zerbrach, irgendwie süß aus. Auch war ihr Busen klein genug, dass Elias sich in sie verlieben konnte. Denn lockend sind Brüste, die nur ein wenig hervorstehen, wenn man vierzehn ist; einem das Herz in den Ohren pocht beim Versenden einer SMS und die Antwort – Auch ich würde für dich gerne mehr als nur eine Klassenkameradin sein – es zwei Oktaven höherschlagen lässt.
Um zwanzig vor acht trat Elias aus der Haustür, beäugt von der schrulligen, alten Dame, die hinter Gardinen auf jedwede Regung lauerte und spätestens Ende November »selbst schuld ist der Junge« denken und auch verlauten lassen würde.
Da die Mutter ihm sagte: »Nimm heute das Rad«, nahm er das Rad. Gewöhnlich schaffte er die Strecke in knapp zehn Minuten, die Aachener Straße rauf, vorbei am Friedhof Melaten – die Inschrift: Transi Non Sine Votis Mox Noster« (Geh nicht vorüber ohne fromme Gebete, Du, bald der Unsrige) würdigte er keines Blickes – bis hoch zum Gymnasium Kreuzgasse, wo er auf dem Pausenhof nach Franziska Ausschau hielt.
Das Frühjahr ging dahin und auch die Hitze des Sommers. Die Tage wurden kürzer, dunkler und kälter. Wenn ihre Münder sich jetzt berührten, so routiniert, als würden sie das öfter tun, war sie in wärmere Kleidung gehüllt. Seine Fantasie musste einige Gewänder mehr durchdringen, wollte er sie sich vorstellen, wie er sie nie erblickt hatte.
Und wenn Elias sich nach dem Training aufs Bett warf, nur so dalag, ausgepumpt und angenehm durchblutet von den sportlichen Aktivitäten, gingen ihm die Worte durch den Sinn, die Franziska ihm unlängst auf der Jahnwiese ins Ohr geflüstert hatte: »Das wird eine gute Zeit mit uns beiden. Du darfst mich anfassen, hier und da, aber nicht überall – und du darfst mich küssen. Und dies hier – mein Bruder, blond wie du, schlank wie du, hat es bei seiner letzten Untersuchung geschenkt bekommen – sollst du nun tragen. Er ist allergisch gegen das Material.«
