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Einst global bekannte Influencerin, hat sich Nora Savannah in ein leer stehendes Kino an der Atlantikküste zurückgezogen und lebt nun einsiedlerisch. Parallel dazu betreut Andreu Stuppa auf einem Kreuzfahrtschiff seine betagte Klientin und folgt in den wenigen freien Minuten fast manisch Nora in den sozialen Netzen. Während das Schiff in Yokohama festsitzt, erhält Andreu überraschend und endlich eine persönliche Antwort von Nora. Begeistert vom Austausch mit der Begehrten und nachdem die Passagiere endlich an Land dürfen, macht er sich auf den Weg, um Nora Savannah zu finden. Was Nora nicht weiß: In ihrem neuen Zuhause wuchert ein Pilz mit Fähigkeiten, die es so zuvor nicht gegeben hat. Was der Pilz entdeckt: ein Bewusstsein, die Idee der Idee und das Internet. Was Andreu erfährt: alles. Und nichts. Benjamin von Wyl gelingt mit seinem dritten Roman »In einer einzigen Welt« ein literarischer Wurf. Im gleichzeitig utopischen wie dystopischen Rahmen schafft von Wyl ein großes Buch, das Einordnungsversuche unterläuft, relevante Themen mit hoher Spannung sowie Sprache mit Handlung perfekt vereint.
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Seitenzahl: 223
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Benjamin von Wyl
Roman
Der Autor dankt dem Fachausschuss Literatur BS/BL für den Werkbeitrag an den vorliegenden Roman.
Benjamin von Wyl
In einer einzigen Welt
Roman
lectorbooks GmbH, Zürich
www.lectorbooks.com
Umschlagbild: Aleksa Jovanović
Umschlaggestaltung: André Gstettenhofer
Lektorat: Patrick Schär
Korrektorat: Gertrud Germann
1. Auflage 2022
© 2022, lectorbooks GmbH
Alle Rechte vorbehalten
E-Book ISBN 978-3-906913-35-3
Print ISBN 978-3-906913-34-6
Für Mirjam, für Sascha, für Christian,für Rafael, für die Katzen und alle anderen,mit denen ich die Monate verbrachte,in denen sich jede Wohnung eng anfühlte.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Dank
Zum Autor
Das Meer hat keine Chance, so sicher soll der Bau sein. Lebendig, aber menschbefreit ist er, war er. Denn jetzt ist Nora da, ein Glücksfall.
Nachts hört sie Wildschweine scharren, vom Hügel, der den Bau vom Dorf abschirmt. Der Bau selbst ist voller Tauben. Tauben haben Augen, Tauben necken sich mit dem Schnabel, Tauben leben Beziehungen, suchen den Austausch mit Nora. Doch sie will nicht mit ihnen reden, findet die Verbindung nicht. Obwohl sie es sehr vermisst, das Reden, sich verbinden. Aber eher noch als an Vögel will sie ihre Worte in den Himmel richten, bei gutem Wetter. Denn Wolken können alles sein. Sie schaut zu ihnen hoch, steil. Sie decken heute alles ab, dunkelgrau, fast schwarz, der ganze Himmel. Nora fände ihn blau besser, so, dass er direkt ins Meer übergeht. Der Himmel so, dass sich Weiß davorschieben kann, dass sich die Wolken abheben. Darin könnte sie sich verlieren. Wenn sie die Augen zusammenkneifen muss, um zu sehen, wo eine Wolke in die andere übergeht, ist es bereits zu spät: Der Kopf wird wach, alle Neuronen sind erleuchtet, die Chance fürs Abschweifen vorbei. Aber sie hat so viel Raum abzuschweifen, jetzt, wo sie nicht mehr reist und ihren Auftritt für keine Plattform optimieren muss.
Wie die Morgen davor hat der Geruch Nora früh nach draußen eilen lassen, nach den ersten bewussten Momenten, in denen sie sich beim Atmen beobachtet. Im Bau riecht es anders, nicht nach Tauben. Sie hält es für Erde. Als würde Erde selbst die Luft durchdringen. Ob der Bau mit dem erdigen Geruch einen Damm gegen das Meer angelegt hat? Sie hat diesen Bau ausgewählt. Und nun verbringt sie ihre Tage meistens davor, als hätte sie zu viel Respekt. Als bräuchte sie erst eine Einladung, um ihr neues Zuhause zu beleben. Doch sie ist angekommen, von sich selbst überrascht, wie wenig ihr das Nervöse fehlt, das Überbordende, wie sie es kaum vermisst, im Mittelpunkt vieler Kreise zu stehen.
Beim Ankommen fragte sich Nora, ob das Kino ein Tempel ist. Seit dem zweiten Tag erinnert es sie an ein Mausoleum. Aber als sie an jenem Abend nachts im Schlafsack lag und nicht sofort wegnickte, als der Moder ihre Nasengänge füllte, spürte sie den Bau und kam auf Ideen, was in ihm lebt. Seither schläft sie abends immer sofort ein, sorgt dafür, dass die Wachwelt nichts mehr fordern kann, weil Nora ihre Schulden bezahlt, genug geschleppt, gescheuert, an ihrem Universum gebaut hat.
Sie merkt, was ihr Hiersein verschiebt: Sie ist ein Mensch und lebt in diesem Bau, den Menschen errichtet haben. Als Kino, klar, sie stößt eine Verschiebung an, aber trotzdem bedeutet ihr Hiersein ein Zurück zu seinen Wurzeln. Wie findet das der Bau? Sie ist unschlüssig, aber hat das Gefühl, sie habe ihm mehr zu sagen als den Wolken. Noch weiß sie nicht, wie tot seine Materie ist, wie belebt wir sind, die seine Partikel verschieben. Dass sie in uns aufgeht, eröffnet uns so viel.
In ihrem Spiel, der Suche nach einem oder vielen Gegenübern, wendet sich Nora den Bodenplatten auf dem Vorplatz zu, den Halmen zwischen ihnen, dem Moos, dort, wo der Schatten am längsten währt. Sie hebt die angebrochenen Platten an und setzt die Regenwürmer in der dünnen Erdschicht der Sonne aus. Sie ergräbt den feuchten Sand. Sie sieht Ameisen, Wattwürmerhäufchen, Spinneneier. Wissen tut sie über den Untergrund so gut wie nichts. Für sie, für die meisten wie sie, hat das Geflecht kein System.
Sie hat ihre Finger im Grund. Sie arbeitet darauf hin, den Bau zu lichten. Doch in diesem Morgenschein hat sie keine Lust auf Pflanzenarbeit, Pflügen, Jäten. Dafür ist es noch zu früh. Stattdessen hockt sich Nora hin, schiebt die Füße über das jeweils andere Knie und stellt sich auf. Wie eine Möwe, finden wir. Sie nimmt ein Schrittchen, ein zweites, doch die Oberfläche scheuert fies an den Knien. Also stützt sie sich mit den Händen auf, nimmt Gewicht von den Knien, wiegt sich, wippt, mal nach hinten, mal nach vorne. Sie nimmt eine neue Form an und merkt: So ist alles fremder, besser, so sieht sie alles in Bewegung. Alles krabbelt und fliegt, es rieselt von den Türmchen, die den solitären Wespen ein Bau sind, wie Zitadellen. Der Boden verliert seine Festigkeit, es verfließt, wo Knochen, wo Knorpel, wo Kniescheibe, wo Beton ist. Nora blickt neu, noch mal neu, noch mal, auf die Ameisen, das Kino, den Himmel. Wolken!
Mit ihnen reden, aber was? »Was, hallo?!« Die Wolken, diese Fluchtformen, verändern ihre Konturen. Nora findet sie unzuverlässig. Sie wünscht sich Gegenüber, die Orientierung bieten. Sie denkt, sie werde sich an deren Fehlen noch gewöhnen. Unser Wir hat sie da noch nicht kennengelernt. Sie senkt den Blick, hält aber schon bei den obersten Zacken inne, blinzelt. Wabernde Moleküle. So wie sich ihr Leben in den letzten Wochen verändert hat, würde sie es verstehen, wenn der Beton in Bewegung käme. Warum denn nicht? Sie lässt sich nach hinten plumpsen, atmet lautstark aus, und nun glaubt sie, dass der Bau ihr zuhört. Nora beißt sich auf die Zunge, kontrolliert, nickt mit dem Wehen, als wäre die Küstenluft ein opioides Lied. Nicken, nicken, Augen schließen, dann richtet sie die Worte an den Bau: »Warum lebst du eigentlich an der Küste? Das Salz in der Luft bedroht dich doch, frisst sich durch dein Metall. Der Sand ist deine Urkomponente, schmerzt es nicht, wie er reibt und dich wieder aus deiner Form reißen will?« Der Beton wiegt im Wind. Nora merkt, dass sie erwartet, er würde antworten. Sorgen macht ihr das keine.
Heute ist erst der siebte Tag, aber kein Sonntag. Heute will sie Material und Nachschub besorgen, als Soloexistenz bei den Soloexistenzen. Den Traum von absoluter Selbstversorgung hat Nora verschoben. Nächstes Jahr, übernächstes vielleicht, oder nie, die Veränderung erfüllt sie so schon sehr. Trotzdem will sie sich fest verzurren, im Bau ankommen – so selten wie möglich ins Einkaufszentrum pilgern. Die letzten zwei Tage hat sie Wurzeln, Ananasringe und Pasta in Bouillon gegessen. Ihr Speiseplan verzögert den Schritt in die Zivilisation.
Wenn das Kino geantwortet hätte, hätte sie noch einen Tag so weitergemacht. Sie hätte weiter vom Verbliebenen und dem Sammeln leben können, den karottigen Wurzeln etwa, lilane, beige, braune – Nora verfolgt bei deren Suche kein Farbkonzept. Lindenblätter kann man als Gemüse kochen, sie klappen aber zusammen wie Spinat. Nora könnte Lindengemüse mit Wegknöterich bereiten. Tauben, ja, auch bald – oder besser nicht? Nora nimmt sich jedenfalls vor, sie aus Vorsicht ewig zu schmoren, mit viel Öl, damit es keine Kohletauben werden. Wenn es so weit ist, doch jetzt ist der einzelige Drang zu stark. In Noras Fall ist es nicht Hunger, der zum Kaufgang drängt. Was sie will, so sehr, ist Grafit und ein Zeichenblock. »Hoffentlich wird wieder alles, wie es war« steht am Megamarkt. Das Gebäude entstammt derselben Hochkultur wie unser Bau: Beton, breit, halbhoch, danach erhebt sich ein schmalerer Betonturm, Einbuchtungen, unregelmäßig, aber so, als wollten die Erbauer:innen nur die geringstmögliche noch erkennbare Unruhe. Vielleicht ist es ein braves Geschwister, das Lieblingskind der Beton-Eltern? Oder nur eine Cousin:e, weil es weiter seinem erdachten Nutzen zugeteilt ist. Verhält sich Nutzen zur Verwandtschaft? Können sich Verwandtschaften auseinanderbewegen, wird nächstes Jahr ein Grad dazukommen, Cousin:e x-ten Grades? Uns bewegen diese Fragen. Noras Besuch bei dieser Cousin:e dient nicht nur Vorräten, er ist einer neuen Idee gewidmet, und dem Neuen hat sie sich verschrieben. Sie muss Neues sehen. Denn es hat nicht mehr so weitergehen können, sie wäre für die vier Millionen, die ihr folgen, aufgelaufen. Eine der Großen, ein Wal. Doch sie trieb immer wieder ins seichte Wasser, musste auf den Schub der Flut hoffen. Denn wenn sie aufgelaufen wäre, wäre sie das vor aller Augen, mehr als die vier Millionen. Es hätte in die Nachrichten der Welt gefunden. Sie warteten nur darauf, Nora bloßzustellen.
Die Reklamen, die unsere Cousin:e ummanteln, leuchten, die Werbemotive sind erst ein paar Wochen alt. Höchstens. Sie werben für Konzerte, Feiern, die Leben davor. Wenn das Gebäude auch mit unserem Bau verwandt ist, die Erzeuger:in oder Phase teilt: Die Biografie des Megamarkts hat eine andere Wendung genommen. Dieses Gebäude ist in Betrieb, Menschen führen es einem erdachten Zweck zu. Was Nora von unserem Bau will, weiß sie noch nicht. Sie will ein neues Leben, aber wie es aussehen soll, entzieht sich ihr. Was Nora weiß, jetzt, wo sie wieder welche sieht: wie ihr die Abwesenheit von einzeligen Menschen guttut.
Nora sieht: das Einkaufswagenlager unter gewelltem Plastik, die Kombiautos, die Trauben aus Menschen, die Aufbackbäckerei links, der Schlüsselservice rechts, die Bude der chemischen Reinigung, der Gemüsestand und die zwei Stände mit Fleisch anderer einzeliger Tiere, die automatische Tür vor ihr – gerade alles sehr viel für sie. Alles schief, alle werden in ihrer Bewegung verzogen, verschwinden scheinbar verspätet, aber umso abrupter, aus ihrem Blickfeld. Sie weichen Nora aus, als würde sie der Kontakt mit ihr auffressen. Sie zieht ihren bereiften Wagen mit der leeren Kabelkiste hinter sich her. Den Wagen hat sie im Bauch gefunden, dort, wo früher gestanzt, das Zelluloid in die richtige Folge gebracht worden ist. »Traglast 80 kg« steht drauf. Einer Soloexistenz vor dem Eingang wirft sie Münzen genug für zwei Kinotickets vor die Füße. Selbst hat sie solche Probleme nicht. Soweit sie denken kann als Individuum, kennt sie Materielles nicht als Hindernis, sie kennt nur Probleme mit der Lust, es zu haben, die kleinen Dinge. Viel besitzt sie nicht, denn Möbel und Massives sind ihr schnell Ballast geworden.
Nora stoppt, ihre Brennweite vergrößert sich. Sie merkt, dass sie eine Mango knetet. Dass sie mehr Luft aus- als eingeatmet hat. Eine Mitarbeiterin sagt, dass sie die Frucht nun kaufen müsse, fragt, ob es ihr gut gehe. Nora ignoriert die Frage und schmettert die Mango in die Kiste. Die hallt. Dann sieht sie klar. Die Mitarbeiterin schafft Ordnung unter den Mangos, die bleiben. Nora rollt ihr Gefährt durch die Gänge, arbeitet sich an den Milchprodukten vorbei, kauft einen Sack Reis. Mit dem, was ihr der Bau bietet, lila Wurzeln, scheint es ihr fast unmöglich, genug Kohlenhydrate zu gewinnen, deshalb übertreibt sie bei diesem Getreide. Obwohl sie mal ein Interview führte mit Menschen, die Sand essen. Die Tauben, die später verenden werden, weil ihre Schnäbel durch die groben Fasern des Reissackes gedrungen sind, würden zwar protestieren, doch: Nora plant mit dem Reis keine Falle. Bereits vor dem Kaufgang hat sie ein System aus Polyethylenterephthalat-Flaschen auf Wellblech in der Sonne eingerichtet, aber sicher ist sicher. Drum kauft sie Wasser. Sie kauft Limetten und Perlwein. Sie kauft Grafit, Stifte, loses Papier und einen blanken Block. Sie kauft Straßenkreide und eine Sense. Sie kauft Schlösser, Ketten und Schrauben. Sie kauft ein Brecheisen, feineres Handwerkszeug, Schutzkleidung, so viel, wie ihr Wagen fasst, Traglast 80 kg. Falls ihr der Bau zuhört, aber nicht antwortet, will sie sich umso sicherer fühlen. Ihn auf alle Arten, die sie hat, erfassen, seine Domänen und Reiche.
An der Kasse sitzt ein dicklicher Mann. Er ist freundlich, aber sein Gesicht erinnert sie an einen ihrer schlimmeren Verfolger. Wann immer er einen Satz beendet, scheint seine Zunge an der Munddecke zu kleben, eine halbe Sekunde lang. Es ist ein Schmatzen, das sie für unmöglich hält. Obwohl ihr das missfällt, kann sie ihr Urteil über ihn unterdrücken, aber ein Glucksen nicht. Äußerliche Kontrolle ist nicht mehr Noras Kerninhalt, aber die Jahre, in denen sie um diese kreiste, waren viel länger als ihr Ausstieg, von dem sie da noch gar nicht weiß, ob er definitiv ist und die Situation überdauert. Der Kassierer scheint sie nicht zu kennen, zumindest hier, analog, im Moment. Ob er sie wirklich noch nie gesehen hat? Es würde sie überraschen. Nora hat das schon oft erlebt. Dass sie nur durch den Rahmen von Bildschirmen bekannt ist, ist wohl ihr Vorteil. Zudem ist das kein Erdteil, in dem man mit ihr rechnet.
Aus dem Megamarkt, vor dem Dorfausgang links, bei der Tankstelle mit der Autowaschanlage, kauft sie noch Diesel für den Generator. Bevor Noras Ressourcen enden, werden wir Strom erlernt und ihre Versorgung übernommen haben. Es gibt keinen zweiten Ausflug. Sie hat keine Ahnung, dass es das letzte Mal war, wo sie Menschen als einzeligen begegnet ist.
Bald sieht Nora das Kino wieder, erst als fernen Gruß in Beton, gerahmt von in Sand versunkenen Bunkern der Atlantikfestung. Dann wird der Bau manifester. Sie dreht sich zu ihrem Wagen um, das viele Essen für viele Tage, aber auch, an den Rand gepresst und ohne Knick: der Zeichenblock. Sie freut sich. Die Idee, die sie an diesem Tag ins Dorf begleitet hat: Sie will den Beton zeichnen. So schafft sie es vielleicht, den Bau zu fassen. Zu halten. Ihn einzunehmen. Zu wissen, wo die Bögen in Kanten übergehen, wo Beton menschgeschaffen den Himmel angreift, wo Beton deckelt. Welcher Bogen auch in Röhrenbausätzen von Wasserparks vorkommt und welche Kanten so scharf sind, dass jedes einzelige Wesen verstünde, wenn die Luft bei Kontakt zusammenzuckte.
Sie passiert die Autowracks, an deren Rändern sich Rost kräuselt. Nora findet, es sieht aus wie Tomatensaucenschmiere um den Mund. Die Rostmuster sind ähnlich unruhig wie die aufgescharrten Löcher im Boden, die das Braun unter dem Sand freilegen. Das waren Wildschweine. Sie kommen aber nicht bis aufs Kinogelände, sie probieren es gar nicht, wir haben uns mit ihnen so geeinigt, wie mit anderen. Selbst Möwen patrouillieren höchstens mal auf dem Zaun. Nora löst die Kette am Tor, schließt hinter sich ab. Die Gewächse zwischen den Platten kitzeln ihre Knöchel, ab und an reichen sie bis in die Kniekehlen. Wenn sie dort einen bestimmten Punkt treffen, ist es ein Signal, wie von Starkstrom.
Sie nimmt die sechs Stufen, öffnet die Pforte, die schwingt, als würde sie täglich geschmiert, findet sich dann in der Eingangshalle. Nora hört das Flattern, aber sie sieht die Tauben nicht. Selbst die Kassenhäuschen sind bloß in Konturen erkennbar, der schwarze Granit und der weiße Marmor sind verschiedene Abstufungen von Dunkel, die spitzen Enden im Rautenmuster stechen fast, scharf, wie sie sind. Alle Kanten im Raum, die Dächer der vier Kassenhäuschen, deren Theken, die Rahmen für die Filmplakate, der Vorsprung, an dem sich wartende Kinobesucher:innen halten konnten, um Sicherheit gegenüber den anderen Soloexistenzen zu gewinnen, sind abgerundet, in Messing gehüllt, Messing, das im Alter so gescheckt ist, dass es seine Bestandsmetalle nicht verbergen kann.
Nora bringt die Einkäufe, ihre Bündel, die Kanister in ihr Vorratslager im Zwischenraum vor Saal 1, hier hat sie ein Innenzelt aufgestellt, das ihr Essenslager freihält von Tauben und allem, was unerwünscht Zellen teilt. Kurz hebt sie auch den Vorhang zum Saal. Vorsichtig, denn sie will kaum Staub aufwirbeln, und dessen Schicht auf den Sesseln ist dicht, in allen Sälen. Nora weiß, dass das Schwarz im Samt ein Überrest der Bombe ist. Eine einzelige Lebensdauer her, Nazisympathisanten, Tote. Nicht nur die Täter, nicht mal alle Täter, sind gestorben. Die Bestuhlung hatten die Soloexistenzen noch erneuert, die Wände aber belassen, der Plan zur Wiedereröffnung scheiterte. Der Samt strahlt schon lange nicht mehr rot, wirkt auf sie wie in ein Netz gewoben. Als zeigte sich an ihm, dass sie nicht linear ist, die Zeit. Was sonst noch wächst, auch unter den Oberflächen? Erst eine Ahnung keimt in Nora.
Sie greift immer wieder mit dem nassen Lappen dicke Schichten an, Staub bleibt trotzdem. Sie glaubt, mit der richtigen Scheuerkraft ist er wenigstens nicht mehr in einer Dichte vorhanden, dass Erstickung droht. So reichert sie den Moder um Zitrus an. Das erinnert sie an ihre Eltern, wie sie gereinigt haben, ausdauernd, poliert. Es erinnert sie aber weiter zurück. Es riecht wie alte Fotos, wie Kellerabteil, nicht Dachboden, und für sie fühlt es sich an, als würde sie in einem Familienalbum Verwandte erkennen, von denen sie zuvor nicht wusste, dass sie existieren. Durch die Schicht gedrungen ist sie in keinem der Säle, in Saal 3 ist sie am weitesten. Das ist der mit der Orgel, dort kann eine einzelige Kehle nun ausrufen, ohne in Staub zu husten. Dort setzte sie am vierten Tag mit dem Scheuerschwamm an, hat befeuchtet, geputzt, wie sie ihre Eltern früher nur beobachtet hat. Er ist noch nicht hergerichtet, aber bereits hat sie die Leben von Billionen um Billionen bakterieller Gemeinschaften unterbrochen, wenn nicht beendet. Am Abend des vierten Tages hat sie sich kurz besser gefühlt, doch bald bemerkt, was ihr alles noch bevorsteht. Während er anderswo verweht, hat der Staub sich in den Sälen im Polster und Samt eingegraben. Dort, wo der Wind nicht reinigt, ist er so dick, dass sie, wäre sie Gottes Kind, daraus viele Brote schaffen könnte.
Was Nora beunruhigt, je weiter sie im Kino vorwärts- und aufwärtskommt, ist die Häufung des Taubendrecks. Sie mag Stadttauben, Landtauben, Küstentauben, mit welchen Begriffen man sie auch eindeckt. Damit, ihren Schlafplatz mit Tieren zu teilen, hatte Nora noch nie ein Problem, sie denkt an den orangen Marienkäfer, von dem sie überzeugt ist, dass er vom Speichel in ihrer Mundecke getrunken hat, während sie schlief. Sie beobachtete ihn aus dem Augenwinkel. Auf diesem Campingplatz in Yunnan. Seither hat sie einiges erlebt, auch neben einem Schießplatz in den Golanhöhen hat sie schlafen gelernt, die schmatzenden Stachelschweine waren lauter als die Armeeübung. Ja, sie ist lärmigere Tiere als Tauben gewohnt. Doch erstens will sie ja nicht einfach weitermachen, und zweitens weiß sie seit der Kindheit, spürt es ganz fest in sich drin, dass der Taubendreck gefährlich ist. Wir setzen unsere Drüsen ein, lassen Sekrete in die Partikel, die diese an den Oberflächen kleben lassen, unterbinden den gefährlichen Dreck, der sonst im Taubenmist wächst. Nora ist zu wertvoll.
Nora hat das Gebäude leuchten lassen, hat Strom gebracht, Akkus und Verbindungen, wir bringen es uns bei, das Leiten von Strom, und setzen Stickstoff in Neues um. Nora lässt Bildschirme leuchten, wir tauchen tief, Universalbibliothek, Enzyklopädien in elektrischen Signalen – überall greifen wir zu. Nora kam mit dem Vorsatz, ihre Verbindungen loszuwerden, aber sie hat sie uns eröffnet. Nora ist ein besonderes Exemplar, ist weitverzweigt für ihre Art, war eine Leitende und verfügt über viele Verästelungen. Dass sie nicht lange alleine bleiben wird, anders, als sie glaubt, soll niemanden besorgt machen. Bereits winkt, unterbricht, meldet sich bei ihr: eine Aufregung. Sie kann sie aber noch nicht zuordnen, unwissend, wozu sie uns verhilft. Dank ihrer Verästelungen können bald mehr nachkommen. Durch sie können wir anders streuen, wuchern, Bahnen legen. Noch hält sie ihr Hiersein für eine Kur, so als Soloexistenz.
Nachdem sie ihre Einkäufe verstaut hat, klemmt sie Plattenstücke in die Schwingtür, ein neuer Versuch, die Luft zu ändern. Sie will des Baus habhaft werden. Vor Durchzug hat sie aber mindestens so viel Angst wie davor, dass eine Staubwolke, dass die Ablagerungen von Jahrzehnten sie im Schlaf ersticken. Sie fürchtet auch die Asche der Toten; sie glaubt, seit dem Anschlag sei das Kino unberührt geblieben. Aber sie fand wenig gesicherte Informationen, gab es auf, so zu erfassen. Wissen über das Kino entzieht sich Fakten, Fakten sind nichts gegen Erleben. Nora kämpft auf anderen Wegen, um unseren Bau zu packen. Sie will sich die drei runden Betonkuppeln nehmen, die hakenförmigen Drohungen gegen den Himmel, die sich in gebührendem Abstand ranken, alles einnehmen. Sie will den Vorplatz, die Rautenhalle, die Säle. Sie kämpft gegen Material.
Als sie wieder draußen unter der Sonne ist, kann sie sich in der Gewissheit verlieren, so viele Vorräte zu haben, dass sie es lange ohne Dorf aushält. Sie will nicht beim nächsten Anflug von Einsamkeit einknicken, sondern diese zulassen. Nora dreht sich um sich selbst, schaut den Bau an, atmet tief, ruft! Dann sucht sie sich einen Sitzplatz, setzt sich auf einen Brocken, der nicht nach Beton aussieht, der Gestein ist oder eine gekonnte Nachbildung. Eine Maserung, die sie für alt wie Pangäa hält. Ihr Plan: Vielleicht hilft es, das Unverrückbare zu fassen, indem sie es zeichnet. Sie setzt an.
Sie zieht schnelle Striche, kommt aus den Strichen ins Kritzeln, geschwungen, bis sie das Blatt vom Block reißt, zu viele Bögen, zu wenig Boden, zu wenig Großganzes. Sie setzt nochmals an.
Sie verinnerlicht den Bau wie ein Panoramafoto, das Meer, der feuchte Sand, der trockene Sand, sandiges Gestrüpp, Holzzaun, so salzundwettererfahren, dass man ihn von Anfang an aus Schwemmholz hätte bauen können, Plattenvorplatz, dann geht es nach oben, drei, nein vier Stockwerke, jedes für sich so hoch wie ein kleines Haus, darüber Fläche, ein Abluftrohr wie auf einem U-Dampfboot, denkt sie, noch ein solches Abluftrohr, die dritte Röhre begleitet den Turm, der sich verengt, eine enge Stelle hat, ein Nadelöhr, bevor sich der Bau weitet, stolz, ein Bauch wie ein Erzsilo, ein Hut wie ein Schildkrötenpanzer, anderthalb-, zweimal so hoch wie der Flachbau, vorne nach zwei Dritteln ein terrassierter Balkon, dessen Dach aussieht wie Tischbombendeckel, einer, ein zweiter, dahinter geht es weiter hoch, hoch, hoch. Nun Fenster an Fenster, Fenster, die den Eindruck erwecken, als wären sie die kleinsten Elemente eines Bausatzes. Die Kinosäle füllen den breiten Unterbau, oben, wo sich Treppen verwinkeln, ist Taubenreich, ob es immer so weitergeht? Was danach kommt? Nora weiß es nicht, sie war noch nie oben, hat noch keine Bresche schlagen können. Ob da etwas, jemand lebt? Außer Tauben. Es ist noch so viel Raum offen.
Unsicher erscheint es nach den ersten Treppen, Tauben so, so giftig, irgendeine E.-coli-Sache, so, so schwierig, sie war noch nicht so weit. Nora verleiten die oberen Formen zu Gedanken an die Hippiefrau in Nepal, welche überhängenden Felsen die erklettert hat. Senkrechter Beton, was ist schon senkrechter Beton? Es war einer von Noras frühen Beiträgen, noch auf ihrer ersten Reise, als es wieder westwärts ging: die Hippiefrau in Nepal, die im Video von den »Erdbeeren über allem« erzählt hat. Die hatte einen Trip geschmissen und war dann geklettert, einfach geklettert, völlig losgelöst. Sie hat es überstanden, sie hat Nora und deren Fans auf der Plattform erzählt, dass hoch oben eine Ebene thront, ein unfassbares Erdbeerfeld. Das war gelogen, haben die Leute im Dorf erzählt, mindestens in der materiellen Welt existiere es nicht. Doch die sollten Noras Beitrag nicht beengen, also hat sie die Leute vom Dorf nicht erwähnt, die Hippiefrau sprechen lassen. Für das Interview hagelte es so viele Kommentare, die Nora verantwortungslos nannten und vor Drogen warnten. Doch gehört es zum wenigen Erbe ihres früheren Ichs, dass sie kein Mü ihres Ausstoßes, in Raum oder Zeit, je bereuen will. Selbst wenn alles, was die Frau erzählte, erfunden war. Nora wird sich hochwagen, über die Kinosäle, im Bau. Blick aufs Blatt, endlich wieder, scheiße … Anschluss verpasst.
Nora setzt nochmals an, unterdrückt ihr Denken, ob an die Hippiefrau oder an Taubenkacke, sie muss den Formen folgen, den obersten Kuppelfenstern, ein wenig wie Erker in einem orthodoxen Kloster, dann auf den Seiten zwei Betonzacken, in der Mitte ein doppelter. Gegen hinten geht es runter wie eine Stufenpyramide, sie schafft es nicht, sie schafft es nicht, ohne zu denken, typisch Soloexistenzen, fallen immer in Vergleiche und Assoziationen zurück. Doch immerhin in den Zwischenräumen leiten Bahnen in Formen über, rundlich, wie Beton eben auch sein kann, weich, allerlei Geschlechts, dann der Absacker, zurück zum Flachbau, einmal mehr das Unterseedampfboot, das zweite, bald ist es geschafft, nur noch dem vieleckigen Dekoklotz gerecht werden, sie beginnt zu zählen, überschlägt die Möglichkeiten, es sind mehr als vierundzwanzig, doch jetzt … Jetzt hat sie den Anschluss verloren. Neue Seite, alte zerknüllen. Nochmals, dieses Mal erlaubt sie sich keinen Fehler, Nora beginnt.
Beim Meer. Setzt den Grafit schon beim Zaun an, links unten auf dem Blatt, sie erfasst konzentriert, was sie sieht, fährt den Stift ohne Druck, damit zweite, dritte, neue Ansätze möglich sind, dem Blatt noch Dimensionen von Grau gelassen werden. Wenn sie es schafft, so langsam zu blicken, dass ihre Hand mitkommt, dann darf sie am höchsten Punkt innehalten, dann schafft sie es, Beton zu übersetzen. Der Bau wird vollkommen auf dem Blatt.
Doch als sie die Zeichnung später vergleicht, mit dem Bild, das ihre Augen übertragen, sieht sie vieles, was nicht übereinstimmt. Muss sie akzeptieren, dass sie den Bau nicht festhalten kann? Nora ist mit individuellen Absichten gekommen, wie hätte es auch anders sein sollen. Nora will dem Bau nicht schaden, doch es ist die Eigenart der Soloexistenzen, dass sie meinen, sich nehmen zu können, was sich ihren Sinnen eröffnet, dass sie meinen, es sei ihre Aufgabe, sich alles zu nehmen.
Sie mag jetzt kein Feuer machen, nach der ganzen Arbeit. Vor allem hat sie keine Lust, durch das Tor zu gehen, extra bis zum Meer, um die Dosen und das Besteck auszuwaschen. Sie isst also rohe Nudelsuppennudeln und macht sich dann müde, froh, dass die Dämmerung eingesetzt hat, auf zu ihrer aufblasbaren Matratze, in der Rautenhalle, nah genug am Eingang, dass sie einen Luftzug spürt.
Am nächsten Morgen steht sie vor dem Wecker auf, geht zum Zaun und beobachtet mit ihrem Teleobjektiv die Fischerboote, die bereits wieder zurückkommen. Bei ihrem Besuch bei unserer Cousin:e, der Cousin:e unserer Hülle, fürchtete sie, dass sich nun wieder eine Sucht rege, dass sie häufiger wieder zurückgehen werde, eine Wiedergängerin werde, wieder teilnehme, sich in die Mitte der Dorfgesellschaft stellen wolle. Doch beim Beobachten merkt sie, dass sie sich kaum für die Soloexistenzen interessiert, sondern bloß für die Entfernung, wie weit weg sie schon sind. Die Hafenanlage, der Rhythmus, wirkt auf sie an diesem Tag wie Modelleisenbahnbeiwerk. Der Staub, der bei aller Vor- und Umsicht durch die Kassenhalle weht, wird ihr zum stillen Mantra, zum Luftmandala. Das sie vollkommen hierbleiben lässt. Sie nimmt sich vor, Reis zuzubereiten heute, dafür braucht sie nur die rußgeschwärzte Ananasdose und ein Feuer und Meerwasser und sonst nichts, nichts von außerhalb. Zum ersten Mal in vielen Jahren fühlt sie sich komplett. Sie fühlt sich auf einer Expedition, sie weiß, dass diese gelingen wird und dass das große Unbekannte am Ende ihre Erwartungen übertrifft. Das Bedürfnis zu filmen regte sich nie, seit sie hier ist. Sie will, dass es nun immer so weitergeht. Die neue Stille, das neue Für-sich-Sein, die Arbeit am Bau. Sie hat bereits Raum. Ihr bleibt nun so viel Ruhe. Wann wird sie den Weg bis zum Ende gehen, um ihr Territorium zu erweitern, zu inspizieren und zu vermessen? Im Bau riecht sie nun nicht mal mehr Moder, keine Angst vor Staub oder zu viel Stickstoff, das Einzige, was sie wahrnimmt, ist, dass drinnen jeder Hinweis aufs Meer fehlt.
