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"Es sich schwer machen und dann die Täuschung der Leichtigkeit darüber breiten das ist das Kunststück, welches sie uns zeigen wollen." Was Nietzsche über die griechischen Künstler und Dichter sagt, trifft auch auf die Arbeit von Schauspielern, Musikern und Übersetzern zu. Sie alle wissen, was es heißt, wenn etwas nach langem Üben und Probieren endlich "stimmt". Gemeinsam ist ihrer Arbeit die Interpretation eines Textes, der sich in einem nachschöpferischen Prozeß in etwas anderes verwandelt: in die Darstellung auf der Bühne, in eine Studioeinspielung, in ein Buch. Dass Sprechkunst und Klangkunst, die stimmliche Darstellung von Texten und musikalische Aufführung sich als Übersetzungen einer Notation in einen zeitlichen Verlauf fassen lassen, leuchtet unmittelbar ein. Die Resultate, greifbar in Tondokumenten, sind Gegenstand der Interpretationsgeschichte, wie die Übersetzungen kanonischer Texte auch. Übersetzer, Musiker und Theaterleute, Musik- und Literaturwissenschaftler, Philosophen und Theologen denken nach über die Unausschöpfbarkeit des Originals und den Weg zur eigenen Interpretation, über den vielfältigen Zwang und die kreative Lücke, über große Verantwortung und kleine Freiheiten.
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Veröffentlichungsjahr: 2012
In Ketten tanzenÜbersetzen als interpretierende Kunst
Übersetzen als interpretierende Kunst
Herausgegeben vonGabriele Leupold und Katharina Raabe
Zur Einführung
OLGA RADETZKAJAÜbersetzen als reproduktive Kunst.Theorieansätze bei Jiří Levý, Efim Ėtkind und anderen
DÖRTE SCHMIDTSalieri übersetzt Mozart – Cage übersetzt sich selbst
GABRIELE LEUPOLDKetten und Spielraum.Entscheidungen beim Übersetzen
STEFAN LITWINÜbersetzen am Klavier
KLAUS REICHERTLesen – Hören – Übersetzen.Vom Zählen und Klingen
REINHARD KAISERWas tut der Übersetzer, wenn er sich auf seinen Text einläßt?
DŽEVAD KARAHASANBemerkungen zur Schauspielkunst
REINHART MEYER-KALKUSKoordinaten literarischer Vortragskunst.Goethe-Rezitationen im 20. Jahrhundert
REINHARD KAPPPartiturbild und Notentext, übersetzt in Klang.Zur musikalischen Aufführung
MATTHIAS VOGELPerformatives Verstehen
MARKUS BARTHMir geschehe nach deinem Wort –Interpretation als existentielle Entscheidung
Auswahlbibliographie
Die Autorinnen und Autoren
Selbst in jeder Analogie steckt ja ein Rest des Zaubers, gleich und nicht gleich zu sein.
Robert Musil
Auf den ersten Blick haben sie nichts miteinander zu tun: Geiger, die den Anfang des Mendelssohn-Konzerts zum unzähligsten Mal üben, Schauspieler, die den Tasso proben, Übersetzer, die sich an einem Shakespeare-Sonett die Zähne ausbeißen. Zu unterschiedlich sind die Wege, die sie gehen mußten, um sich das Können zu erwerben, ohne das ihre Versuche, Mendelssohn und Shakespeare näherzukommen, Dilettantismus bleiben müssen. Und doch gibt es Gemeinsamkeiten: Alle sind sie Virtuosen, die sich ihr Handwerk unter Mühen angeeignet haben und für die das Üben und Lernen nie endet. Ihr Handwerk wäre wenig wert, wenn sie es nur für sich allein ausübten. Sie haben eine Botschaft zu übermitteln. Sie wollen das Werk anderer zur Darstellung bringen, das sie mit ihrem Wissen, ihrer Intuition und Intelligenz, mit ihrer ganzen Person erarbeitet haben.
Im September 2006 haben wir Musiker, Schauspieler und Übersetzer ins Literarische Colloquium Berlin eingeladen. Sie sollten einander Einblicke in ihre Arbeitsprozesse gewähren und sich gegenseitig befragen: Wie nähert ihr euch einem Text? Was ist euer Original? Was macht ihr, wenn ihr nicht weiterwißt? (»Diesen Satz, diese Phrase verstehe ich nicht, deshalb weiß ich nicht, wie ich sie übersetzen, spielen, sprechen soll.«) Wo fangt ihr an? Wie kommt ihr rein? Was passiert in dem Moment, in dem ihr spürt: So soll es sein, jetzt hab ich’s raus, so stimmt es? Die Resultate des Symposions sind in diesem Buch nicht nur zusammengetragen, sondern weitergedacht worden.
Eher intuitiv als theoretisch abgesichert, haben wir uns eines bei Instrumentallehrern beliebten Bildes von Voltaire bedient, um der gemeinsamen Erfahrung des Übersetzens und Interpretierens einen Namen zu geben – »in Ketten tanzen«. Kein schönes Bild. Es evoziert eher Negatives: Schinderei, Versklavung, Sadomasochismus. »His Master’s Voice«. All dies geht jedoch einher mit freiwilliger Abhängigkeit, der Obsession des Artisten und einem unstillbaren Drang zu spielen. Hier handelt es sich nicht um die schwindelerregende Freiheit dessen, der selbst verfügt, was Text sein soll oder was nicht. Es geht ums Übersetzen als interpretierende Kunst und um die Parallelen, die sich zeigen, wenn man nach übersetzerischen Prozessen in der Arbeit von Musikern und Schauspielern sucht.
Die paradoxe Forderung, mit der jeder Musiker konfrontiert ist: Spielen, was dasteht. Aber was steht da? Ob er es weiß oder nicht, er muß spielen – und das Spielen wird ihn in der Beantwortung dieser Frage auf jeden Fall ein Stück weiterbringen.
Übersetzer und Schauspieler sind, auch wenn sie in einem weniger hermetischen Sprachsystem agieren, in einer ähnlichen Lage. Die Vorstellung, man müsse nur spielen, was in den Noten steht, ist so naiv wie die Idee, ein Übersetzer habe einen fremdsprachigen Text Wort für Wort in einen Text seiner eigenen Sprache zu verwandeln. Konstitutiv für diese Tätigkeit des Verwandelns ist vielmehr der Abstand, der zwischen dem Original und jeglicher Übersetzung besteht, und die Unaufhebbarkeit dieses Abstands ist das eigentliche Movens der interpretierenden Künste. An einem musikalischen Werk, dem der Zeitverlauf wesensimmanent ist (d.h. es verläuft nicht nur in der Zeit, es ist Zeitgestalt), zeigt sich nur besonders radikal, was auch den Übersetzern und Schauspielern aufgegeben ist: eine Schriftgestalt zu entziffern, zu lesen, zu deuten und schließlich zu interpretieren – in ein Gebilde umzuformen, das man als »Nachschöpfer« zu verantworten hat. Jedem, der ein fremdes Werk in etwas Eigenes verwandelt, handele es sich um eine Übersetzung, eine Aufführung oder eine Verkörperung auf der Bühne, wird eine doppelte Reflexion abgefordert: zum einen auf den Text, dem seine Bedeutung entlockt wird, zum anderen auf den aktuellen »Sprachstand« der literarischen, musikalischen und bühnengeschichtlichen Entwicklung. Die nachschöpferische Arbeit lebt mit und von Tradiertem. Musiker, Schauspieler, Übersetzer befassen sich oftmals mit denselben Texten wie Generationen von Interpreten vor ihnen, sie müssen sich mit Überlieferungen, Textversionen und ästhetischen Auffassungen beschäftigen und dennoch etwas »Neues« in die Welt setzen. Wenn sie sich aktuellen Werken widmen, ein Stück zur Uraufführung bringen, einen noch unbekannten Autor übersetzen, sind sie nicht selten an der Entwicklung neuer Spieltechniken und Idiome beteiligt. Dennoch: Jede neue Interpretation, aber auch jede Erstübersetzung reiht sich in eine Tradition ein, selbst wenn sie mit ihr bricht oder sie neu beginnen lassen will.
Die Prozesse, als deren Resultat sie erscheinen, wollen wir quasi im Weitwinkel betrachten. Da von einem Tanz in Ketten sinnvoll erst ab einem gewissen Grad textueller Ausgefeiltheit die Rede sein kann, haben wir uns auf Werke entsprechender Komplexität beschränkt. Und da wir möglichst produktive Spiegelungen der Künste ineinander provozieren wollten, ohne die literarische Übersetzung als interpretierende Kunst aus dem Auge zu verlieren, haben wir uns nicht auf das weite Feld der Theaterregie und -theorie hinausbegeben, sondern lediglich die Frage gestellt, wie ein Schauspieler einen fremden Text interpretiert, wie er sich der Rolle bzw. der Figur nähert, die er verkörpert.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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