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Ein Leben für die Natur Rachel will nur eins: für immer am Meer leben und dessen Wunder erforschen. Doch 1929 findet ihre Karriere als Biologin ein jähes Ende, und sie muss neue Wege finden, um ihre Familie über Wasser zu halten. Statt in der Wissenschaft zu brillieren, schreibt sie Geschichten über das Meer, mit denen sie bald Hunderttausende Leser erreicht. Als ihr bei einem Spaziergang mit ihrem Neffen ein toter Vogel vor die Füße fällt, ist sie beunruhigt. Hat das etwas mit dem neuen Mittel gegen Insekten zu tun, das derzeit überall versprüht wird? Rachel weiß: In der Natur hängt alles miteinander zusammen. Und sie setzt alles daran, sich und der Umwelt Gehör zu verschaffen. Virtuos erzählt Theresia Graw vom leidenschaftlichen Einsatz der Ökologin Rachel Carson, die mit ihrem bahnbrechenden Buch Der stumme Frühling die Welt zum Umdenken brachte.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
In uns der Ozean
THERESIA GRAW, 1964 in Oberhausen geboren, ist Autorin und Journalistin beim Bayerischen Rundfunk. In ihren Romanen verarbeitet sie Zeitgeschichte und Themen, die sie nicht loslassen, wie das Leben der Ökologin Rachel Carson. Theresia Graw hat zwei erwachsene Kinder und lebt in München.
Ein Leben für die Natur
Rachel will nur eins: für immer am Meer leben und dessen Wunder erforschen. Doch 1929 findet ihre Karriere als Biologin ein jähes Ende, und sie muss neue Wege finden, um ihre Familie über Wasser zu halten. Statt in der Wissenschaft zu brillieren, schreibt sie Geschichten über das Meer, mit denen sie bald Hunderttausende Leser erreicht. Als ihr bei einem Spaziergang mit ihrem Neffen ein toter Vogel vor die Füße fällt, ist sie beunruhigt. Hat das etwas mit dem neuen Mittel gegen Insekten zu tun, das derzeit überall versprüht wird? Rachel weiß: In der Natur hängt alles miteinander zusammen. Und sie setzt alles daran, sich und der Umwelt Gehör zu verschaffen.
Virtuos erzählt Theresia Graw vom leidenschaftlichen Einsatz der Ökologin Rachel Carson, die mit ihrem bahnbrechenden Buch Der stumme Frühling die Welt zum Umdenken brachte.
Theresia Graw
Roman
Ullstein
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ISBN 978-3-8437-3654-1
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Titelei
Das Buch
Titelseite
Impressum
Prolog
New York, 3. April 1963, 19 Uhr
Teil eins
Cape Cod, 1. Juli 1929
Durch die heruntergekurbelten Seitenfenster
New York, 3. April 1963
Washington, Ende Juni 1930
Ein Jahr, nachdem
New York, 3. April 1963, 19 Uhr 25
Atlantik, zweiundvierzig Seemeilen vor der Küste Neuenglands, März 1935
Washington, April 1935
Was hältst du davon
New York, 3. April 1963, 19 Uhr 30
Ich vermisste Dan
Meine Euphorie dauerte nur fünf Wochen
New York, 3. April 1963, 19 Uhr 50
Southport Island, August 1946
Washington, Januar 1947
New York, 3. April 1963, 19 Uhr 55
Teil zwei
Southport Island, Juli 1954
Southport Island, 1955
Atlanta, Georgia, 31. Oktober 1955
New York, 3. April 1963, 20 Uhr
Southport Island, Juni 1956
Portland, Anfang April 1958
Es war ein Brief
Können wir da bitte hingehen
New York, 3. April 1963, 20 Uhr 05
Southport Island, Mai 1959
Wayne, Juni 1959
New York, 3. April 1963, 20 Uhr 10
Da ich für die vielen Fragen
New York, August 1960
In den nächsten Wochen
Washington, Juni 1962
Anfang des neuen Jahres
New York, 3. April 1963, 19 Uhr
Hoffentlich war es das wert
EPILOG
Anhang
NACHWORT
QUELLEN
Social Media
Vorablesen.de
Cover
Titelseite
Inhalt
Prolog
New York, 3. April 1963, 19 Uhr
Das Taxi hält vor einem siebenstöckigen Gebäude. Ein dunkler Klotz, mitten in Manhattan, graue Granitfassade, dunkel getönte Glasscheiben. Passanten in Mänteln und Hüten hasten vorüber, manche werfen im Vorbeigehen neugierige Blicke auf das große Fenster im Erdgeschoss, wo gerade die letzte Nachrichtensendung des Tages über die aufgestellten Bildschirme flimmert.
»51 West 52nd Street«, erklärt der Fahrer, als ich noch zögere auszusteigen, und dreht sich zu mir um. »Wir sind da.«
»Gut, danke.«
Ich atme durch, dann zahle ich das Taxi und steige aus dem Wagen. Bei der Bewegung fährt mir der vertraute Schmerz in die Wirbelsäule, und ich beiße die Zähne aufeinander, um nicht laut aufzustöhnen. Vielleicht sollte ich noch eine Tablette nehmen, überlege ich, während ich dem gelben Checker Cab nachsehe, das schon wieder losgerollt ist, kaum dass ich die Autotür zugeworfen habe.
Ausgerechnet heute habe ich keinen guten Tag, jeder Schritt fällt mir schwer. Vor dem großen Gebäude bleibe ich einen Moment lang stehen. Es ist früher Abend, das Ende der Rushhour. An der Straße flammen erste Lichter auf. Eine Windbö lässt die Fetzen einer Papiertüte über den Gehweg tanzen. Von irgendwoher aus der Ferne mischt sich das Jaulen einer Polizeisirene unter den Verkehrslärm. Aber das blende ich aus und konzentriere mich stattdessen auf die drei großen weißen Buchstaben an der Fassade vor mir: CBS. Columbia Broadcasting System.
In der gläsernen Eingangstür des bekannten amerikanischen Fernsehsenders spiegelt sich meine Gestalt: eine kleine, schlanke Frau in den Fünfzigern, burgunderfarbenes Tweedkostüm unter dem offenen Mantel, flache dunkle Pumps, schwarze Handtasche, schmale Lippen, große Augen, die kurzen dunklen Haare in frische Wellen gelegt. Man sieht mir die Erschöpfung nicht an.
»Sie müssen sich schonen«, hat der Arzt gesagt. »Was Sie jetzt unbedingt brauchen, ist absolute Ruhe und Erholung.«
Ich höre noch seine eindringliche Stimme, sehe sein ernstes Gesicht vor mir. Aber er weiß nicht, was ich weiß. Ich habe keine Zeit zu verlieren.
Cape Cod, 1. Juli 1929
Der sandige Pfad schlängelte sich durch die flachen Dünen. Auf beiden Seiten wiegten sich windgebeugte Strandkräuter und Gräser in der leichten, salzigen Brise, die mein Haar zerzauste und von den Sträuchern unter dem Leuchtturm den Duft der blühenden Hundsrosen zu uns herübertrug. Ich spürte den weichen, warmen Boden unter meinen nackten Füßen, jeder Schritt fast wie auf Samt. Als wir den gedrungenen weißen Turm hinter uns gelassen hatten, der sich markant von dem klaren Himmel abhob, öffnete sich der Blick auf das Meer in seiner Unendlichkeit. Ich blieb stehen, atemlos und ergriffen von der Weite und der Ruhe, in der nichts zu hören war als das leise Sausen des Windes in den Dünengräsern. Auf den kleinen hüpfenden Wellen blitzten Lichtreflexe, Abermillionen, bis zum Horizont. Staunend stand ich da und sah dem großen Blau beim Glitzern zu. Da, wo es nicht mehr glitzerte, fing der Himmel an.
»Und?«, fragte Mary. »Hast du es dir so vorgestellt?«
Ich wusste nicht mehr, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich hatte natürlich Bilder vom Meer gesehen, den alten Ölschinken mit dem Dreimaster im Sturm, der bei meinen Großeltern an der Wand über dem Sofa gehangen hatte, Fotos in Büchern und Magazinen, und ich hatte gelesen, was andere darüber geschrieben hatten, in Gedichten, Geschichten und Reportagen. Ich hatte Romane über das Meer verschlungen: Herman Melville, Daniel Defoe, Robert Louis Stevenson … Aber jetzt endlich selbst hier zu sein und auf den Atlantik zu blicken – das verschlug mir die Sprache. Ich hatte nicht erwartet, dass man das Meer riechen konnte. Das Salz, die Algen, die Fische, die Tiefe, die Ferne, die Bläue, alles. Dieser Duft machte mich ganz benommen vor Glück.
»Komm!«, sagte Mary.
Wir gingen zum Strand hinunter und am Saum des Wassers entlang, das kühl meine Knöchel umspülte. Es war Ebbe. Flache Wellen liefen in schaumigen Streifen über das Ufer, ein wenig schleppend, als wären sie erschöpft vom stundenlangen Anrollen während der Flut. Wenn sie zurückgeflossen waren, blubberten hier und da kleine Blasen aus dem nassen, welligen Sand. Strandkrabben versteckten sich darunter. Carcinus maenas. Ihren lateinischen Namen kannte ich aus den Lehrbüchern meines Studiums an der Johns Hopkins University. Seit Kurzem hatte ich meinen Master in Biologie in der Tasche, Schwerpunkt Zoologie. Aber an diesem sonnigen Julinachmittag an der Südwestspitze von Cape Cod war ich nichts als ein einfacher, staunender Mensch, der zum ersten Mal den Ozean sah.
»Magisch«, sagte ich, während ich den Blick nicht vom unendlichen Blau abwenden konnte. »Als schaue man in die Ewigkeit.«
Mary breitete unterhalb der Dünen ein Handtuch aus, und ich setzte mich zu ihr. Eine Weile hörten wir schweigend dem rhythmischen Auf und Ab der sanften Brandung zu. Ich strich mit der flachen Hand über den trockenen Sand neben mir, der warm war von der Sonne, weiß und weich, und zeichnete mit den Fingerspitzen ein Muster hinein. Dann nahm ich eine Handvoll Sand und ließ ihn zwischen meinen Fingern herausrinnen.
»Wie kann das sein, Mary, warum habe ich das Gefühl, hier ganz und gar am richtigen Ort zu sein? Ich bin Hunderte Meilen von hier auf dem Land aufgewachsen. Ich hatte nie mit dem Meer zu tun. Mein Zuhause, das ist Springdale, unser kleines Haus, der Obstgarten und die Pferdewiese, der Wald hinter dem Zaun und der Weg hinunter zum Ufer des Allegheny River. Aber jetzt kommt es mir so vor, als hätte ich immer schon hier sein sollen. Am Ozean. Als wäre ich jetzt erst richtig angekommen.«
»Weil es so ist«, sagte Mary. »Alles Leben kommt aus dem Meer. Das da …« Sie streckte die Arme aus. »Das ist der Ursprung von allem.«
»›Wir Menschen tragen das Salz des Meeres noch immer in uns, in unserem Blut, unserem Schweiß und unseren Tränen.‹ Ich werde nie vergessen, wie du das damals gesagt hast. Das war der Satz, der mein Leben verändert hat.«
Es war in der Vorlesung am Pennsylvania College for Women gewesen, im Pflichtkurs »Einführung in die Biologie«. Vor vier Jahren, als ich Mary noch mit Professor Scott angesprochen habe. Seitdem wollte ich das Meer sehen. Es war wie ein Zauberwort. Mit einem Mal war da diese Sehnsucht, so groß, dass sie beinahe wehtat. Ich hatte das Gefühl, ohne das Meer nicht vollständig zu sein. Und jetzt endlich war ich da.
Ein paar Möwen segelten hoch oben im Wind. Ihre heiseren Schreie vermischten sich mit dem Geräusch der Wellen, das immer schon da gewesen war. Viele Millionen Jahre bevor das erste Lebewesen an Land gekrochen war, hatte es den Ozean gegeben, den Wind, die Wogen. Und diese geheimnisvolle, unermessliche Wasserwelt, deren finstere Tiefen kein Mensch jemals gesehen hatte, durfte ich in den kommenden Wochen erforschen.
»Danke, dass du mich hergebracht hast«, sagte ich zu Mary, und es kam aus vollem Herzen. »Danke, dass du mir den Mut gegeben hast, Naturwissenschaften zu studieren. Seitdem habe ich das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein.«
Sie sah mich von der Seite an. Da lag ein kleines Lächeln in ihrem Gesicht, das ich nicht recht deuten konnte. »Es ist gut, dass du hier bist«, sagte sie. »Es wird dir gefallen.«
Ich nickte.
Manchmal fühlte es sich noch merkwürdig an, dass diese Frau, die ich damals am College als großes, unerreichbares Idol bewundert hatte, inzwischen meine engste Vertraute war. Mary Scott war anders als alle Frauen, die ich bis dahin kennengelernt hatte. Sie war eine der wenigen weiblichen Lehrkräfte am College gewesen. Eine auffallend große, schlanke Frau um die dreißig mit dunklen, leicht welligen Haaren und einem schönen Gesicht. An ihr sah sogar der hässliche schwarze Talar unserer Professorinnen schick aus. Sie galt als streng, stellte hohe Anforderungen an ihre Studentinnen und wurde deshalb eher gefürchtet als geliebt. Aber ich hatte sie auf Anhieb gemocht. Vielleicht, weil wir beide Außenseiterinnen auf dem College waren. Das verband uns.
Ich hatte nicht viele Freundinnen damals, weil ich die Interessen der anderen jungen Frauen nicht teilte. Während die Studentinnen meines Jahrgangs kichernd und schwatzend im Gemeinschaftsraum zusammensaßen, die Gesichter noch erhitzt vom Tanzkurs, und über das perfekte Ballkleid redeten, aus Seide mit Pailletten und Perlen bestickt, während sie sich über die neuesten Kinofilme austauschten und für Charlie Chaplin, Buster Keaton oder Douglas Fairbanks schwärmten oder rotwangig von einem Verehrer erzählten, der ihnen Rosen geschickt und beim Spaziergang heimlich die Hand gehalten hatte – währenddessen saß ich lieber in der Bibliothek an meinem Tisch vor dem Fenster und arbeitete an einem Aufsatz über die Gedichte von John Keats oder Emily Dickinson oder studierte einen Essay über Meeresbiologie. Oder ich streifte mit meinem Feldstecher durch die Wiesen jenseits des Collegegeländes, um Vögel zu beobachten. Manchmal fragte ich mich damals, ob ich zu still und zu ernst war. Vielleicht sogar langweilig. Aber mir fehlte all das Glitzern und Lärmen nicht. Ich liebte die Ruhe des Arbeitszimmers, in dem nur das Kratzen meines Füllfederhalters zu hören war und das leise Rascheln, wenn ich eine Buchseite umblätterte, und mehr noch liebte ich die Geräusche der Natur, Vogelgesang und Bienensummen, wenn keine menschliche Stimme zu vernehmen war. Das war eher meine Welt als die der Grammophone. Ich war ans College gekommen, um zu lernen, und nicht, um zu feiern oder mich zu verlieben. Außerdem konnte ich es mir nicht leisten, zu bummeln und womöglich durch eine Prüfung zu fallen, denn als Stipendiatin war ich auf den großzügigen Zuschuss der College-Stiftung angewiesen. Und selbst der reichte nicht aus, um mein Studium zu finanzieren.
Zu Hause gab meine Mutter jeden Tag Klavierunterricht, sie hatte unser Familiensilber verkauft, mein Vater einen Teil unseres Grundstücks verpfändet – alles, um ihrer jüngsten Tochter das College bezahlen zu können. Meine älteren Geschwister waren nicht sehr begeistert davon, aber sie nahmen es hin. Ich war die Erste und Einzige aus unserer Familie, die ein College besuchte. »Weil du die Klügste von uns bist, Rachel«, wie meine Mutter mir manchmal zuflüsterte, voller Stolz. Von ihr hatte ich gelernt, die Natur zu lieben, auf langen Spaziergängen durch den Wald die Stimmen der Vögel zu unterscheiden und die Pflanzen am Weg zu benennen. Wie sie war ich wissbegierig und fleißig. Mir machte es Spaß, den Dingen auf den Grund zu gehen.
Als Mary mir von dem Sommerkurs am Ozeanologischen Forschungsinstitut von Woods Hole erzählt hatte, da öffnete sich ein neues Tor für mich. Endlich würde ich alles, was ich bislang nur aus den Lehrbüchern kannte, in der Praxis anwenden können. Ich hatte mich beworben und war tatsächlich angenommen worden. Jetzt war ich hier, auf Cape Cod in Massachusetts. Drei Monate am Meer lagen vor mir. Lernen, Forschen, Staunen in dieser großartigen Umgebung, und das zusammen mit Mary und Dutzenden weiterer Biologen, die auf dieser bogenförmigen Halbinsel an der Küste Neuenglands als Wissenschaftler angestellt waren, um den Lebewesen des Meeres ihre Geheimnisse abzutrotzen.
»Da sind die anderen aus unserem Team«, sagte Mary, als hätten meine Gedanken das Stichwort gegeben, und ich drehte den Kopf.
Zehn oder zwölf junge Leute, mehr Männer als Frauen, kamen vom Leuchtturm her über den schmalen Pfad durch die Dünen zum Strand herunter, manche hatten ein zusammengerolltes Handtuch oder einen Picknickkorb im Arm, einige trugen Sonnenhüte auf dem Kopf, einer der Burschen hatte einen Ball dabei. Sie winkten, als sie Mary und mich entdeckten. Auch die meisten Frauen trugen zu meinem Erstaunen Hosen, die Beine bis zum Knie hochgekrempelt. Sie hielten ihre an den Schnürsenkeln baumelnden Schuhe an den Händen und rannten mit nackten Füßen über den Sand auf uns zu.
Mary machte uns miteinander bekannt. »Das ist Rachel, und Rachel, das sind Linda und Grace und Jill und Trevor und Jack und Oliver und Mick …« Es waren so viele Namen, ich konnte mir nicht alle auf Anhieb merken.
»Herzlich willkommen in Woods Hole«, sagte ein kräftiger Kerl Ende zwanzig zu mir, den Mary als Trevor vorgestellt hatte, und ließ seinen Ball in den Sand fallen. »Du bist die Sommer-Stipendiatin?«
Ich nickte. »Danke, dass ihr mich so nett aufnehmt. Ich bin so froh, die nächsten drei Monate hier am Institut forschen zu dürfen.«
»Wir können hier immer weibliche Verstärkung gebrauchen.« Grace sagte das, eine Mittdreißigerin mit krausen blonden Locken, und grinste dabei.
»Vor allem, wenn sie so einen guten Abschluss gemacht haben wie Rachel«, sagte Mary.
»Ah.« Trevor betrachtete uns beide abwechselnd. »Kennt ihr zwei euch schon länger?«
»Sie war meine Professorin auf dem College«, erklärte ich, »aber das ist schon ein paar Jahre her.«
Und Mary fügte hinzu: »Rachel war meine beste Studentin.«
Ich errötete. »Nun, ich war ja auch die Einzige, die sich für den Pflichtkurs Biologie begeistern konnte. Alle anderen fanden Naturwissenschaften öde und haben sich lieber mit Literatur oder Sprachen beschäftigt.«
»Wie die meisten Mädchen«, murmelte Mick, während er sein Handtuch ausrollte.
Ich zuckte mit den Schultern. »Ich liebe die Literatur auch, aber Biologie finde ich mindestens genauso interessant. Und bei Marys Wochenend-Exkursionen haben wir uns dann angefreundet.«
Mary nickte. »Wir zwei waren die Einzigen, die Spaß daran hatten, im Waldboden nach Regenwürmern und Insektenlarven zu suchen oder stundenlang im Regen zu stehen, um die Krötenwanderung zu beobachten.«
Alle lachten jetzt. Wir hier, dachte ich glücklich, und sah in die Gesichter der anderen, wir lieben es, draußen unterwegs zu sein, bei Wind und Wetter, um die Welt zu erforschen. Und bei dem Gedanken, einen Sommer lang zu dieser Gruppe junger Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zu gehören, wurde mir warm vor Freude.
Die Übrigen hatten sich inzwischen ebenfalls in den Sand gesetzt. Einer der jungen Männer hatte ein Kartenspiel mitgebracht und teilte für eine Partie Rommé aus. Ein anderer holte ein Buch aus der Tasche und begann zu lesen. Zwei junge Frauen entledigten sich ungeniert ihrer Kleidung, bis sie nur noch im Badetrikot dastanden, und liefen ins Meer. Kreischend vor Vergnügen bespritzten sie einander mit Wasser, kaum dass ihre Füße von Wellen umspült wurden. Ich betrachtete mein schlichtes, wadenlanges Musselinkleid mit dem zugeknöpften Kragen. Ich besaß nicht einmal einen Badeanzug und konnte nicht gut schwimmen. Aber anders als am College fühlte ich mich hier nicht wie ein Sonderling. Wenngleich mir nicht der Sinn danach stand, halb nackt durch die Wellen zu toben: Ich gehörte dazu. Die Liebe zum Meer verband uns alle.
»Es ist kein Wunder, dass die meisten jungen Mädchen einen Bogen um die Naturwissenschaften machen«, setzte Jill das Gespräch fort, und ich wandte mich zu ihr um. Sie saß neben mir, ihr rötliches Haar und das blasse, sommersprossige Gesicht mit einem breitkrempigen Strohhut gegen die Sonne geschützt. »Wenn man sich als Frau für Naturwissenschaften interessiert, wird man immer schief angeguckt.«
Ihre Worte ließen mich aufhorchen.
»Ja.« Grace zog ein buntes Kopftuch aus ihrem Korb und knotete es sich über die Haare. »Für Frauen gilt die Naturwissenschaft bestenfalls als Steckenpferd, das in aller Ernsthaftigkeit eher den Männern überlassen werden sollte.«
»Weil jedes vernünftige Mädchen letztendlich anstrebt, Hausfrau und Mutter zu werden …«, vollendete Linda den Satz. »Wie meine Grandma zu sagen pflegt. Pah!«
»Nun, so verkehrt ist das doch nun wirklich nicht«, schaltete sich ein Mann ein, von dem ich mich zu erinnern meinte, dass er Oliver hieß. Er war etliche Jahre älter als ich, Ende dreißig vielleicht, und ein Ehering glänzte an seinem Finger. »Es ist schließlich der Weg, den 99 Prozent der Frauen gehen, und ich finde, daran ist nichts auszusetzen. Meine Frau ist auch klug und gebildet, was ich gut finde, sonst würde ich mich vermutlich bald mit ihr langweilen. Aber das Familienleben funktioniert nun mal nur, wenn sich die Mutter um Kinder und Haushalt kümmert.«
»Wo genau steht das geschrieben?«, fragte Mary mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Ist ein Naturgesetz«, meinte Trevor schulterzuckend, während er begann, sich das Hemd aufzuknöpfen.
Grace blickte nachdenklich zum Horizont. »Es mag ein Naturgesetz sein, dass Frauen die Kinder bekommen, ja. Aber was sie bis dahin machen, ob und welches Fach sie studieren wollen, das sollte ihnen nun wirklich selbst überlassen werden. Ich jedenfalls lasse mich von niemandem davon abhalten, von ganzem Herzen eine Naturwissenschaftlerin zu sein und meinen Doktor in Meeresbiologie zu machen.«
Oliver wog den Kopf und sagte mit ernstem Blick: »Frauen sind nun einmal empfindsamer und einfühlsamer als Männer, liebe Grace. Das technische Denken liegt ihnen weniger. Und weil es in der Literatur ja meist um Emotionen und Zwischenmenschliches geht, entspricht diese Disziplin eher der natürlichen Stärke der Frauen. Ich weiß, dass ihr das nicht wahrhaben wollt, Ladys, sonst wärt ihr nicht hier, und ja, dieses Institut gibt auch Frauen die Möglichkeit zu promovieren. Aber mal im Ernst: Wozu? Wie viele berühmte Naturwissenschaftlerinnen kennt ihr?«
»Ich möchte gar keine berühmte Naturwissenschaftlerin werden oder wichtige Preise bekommen«, beeilte ich mich zu sagen. »Ich bin hier, weil es mir Freude macht, den Dingen auf den Grund zu gehen. Ich will wissen, wie die Natur funktioniert, das Leben auf unserer Erde, das Miteinander der Geschöpfe. Früher habe ich auch gedacht, das wäre nichts für Frauen. Da wollte ich noch Lehrerin für Literatur werden, wie die meisten am College. Ich habe immer schon gern gelesen und auch selbst kleine Gedichte und Geschichten geschrieben, am liebsten über die Natur. Aber irgendwann reichte mir das nicht mehr. Mary hat mich unterstützt. Sie war die Einzige am College, die mich ermutigt hat, einen anderen Weg einzuschlagen. Auch wenn es mir einigen Ärger eingebracht hat, mein Studienfach zu wechseln. Am College waren alle genauso dagegen wie meine Eltern.«
»Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie verärgert die Leiterin unseres Colleges war, als Rachel ihr Literaturstudium abgebrochen hat …« Mary hob eine winzige, schneckenförmige Muschelschale auf und drehte sie in ihren Fingern. »Jeder hat Rachel schon als erfolgreiche Schriftstellerin gesehen, was kein Wunder ist, weil sie wirklich großartig schreiben kann. Und mir haben alle eine Mitschuld gegeben, dass daraus wohl nichts wird. Sie meinte, ich hätte Rachel mit meiner unweiblichen Leidenschaft für die Naturwissenschaften von ihrer wahren Bestimmung abgebracht. Genauso hat sie es ausgedrückt.« Bei der Erinnerung grinste sie schief.
»Was natürlich Unsinn ist«, stellte ich klar. »Aber Miss Coolidge war tatsächlich empört. ›Werfen Sie Ihre Zukunft nicht weg‹, hat sie gesagt. ›Welche Aussichten hat eine Frau im Labor? Als Biologin werden Sie nie eine vernünftige Anstellung bekommen.‹«
»Aber hier in Woods Hole ist das anders.« Jill hob den Kopf. »Ich kenne keine andere wissenschaftliche Einrichtung, bei der so viele Frauen arbeiten wie hier am Institut.«
»Das schon.« Grace wog skeptisch den Kopf. »Aber wie viele Dozentinnen gibt es hier?« Sie drehte den Kopf. »Mary ist eine der großen Ausnahmen.«
»Nun ja«, sagte Mary, während sie die kleine Muschel in die Luft warf und mit der flachen Hand wieder auffing. »Allerdings habe ich nur eine befristete Stelle. Ich arbeite hier sozusagen auf Probe.«
»Wie gesagt …« Trevor hatte Hemd und Hosen ausgezogen und stand jetzt im schwarzen Badeanzug vor uns, sein athletischer Körper darunter war sonnengebräunt. »Es wäre doch pure Zeitverschwendung, eine Frau lang und aufwendig in einen verantwortungsvollen Job einzuarbeiten, wenn sie kurz danach ohnehin alles hinwirft, um sich um die Familie zu kümmern. So liegen die Dinge nun einmal.«
»So? Tun sie das?« Marys Augen wurden schmal, während sie sein Gesicht fixierte.
»Es ist nicht jede Frau so radikal wie du«, murmelte Trevor, dem ihr Blick nicht entgangen war. Dann drehte er sich um und lief zu den anderen ins Wasser, wo er sich nach ein paar Schritten in die Wellen fallen ließ und prustend und schnaufend zu schwimmen begann.
Vielleicht war Marys Konsequenz das, was mich an ihr am meisten beeindruckte. Vor ein paar Jahren hatte sie ihre Verlobung mit einem netten Mann aus gutem Hause gelöst, weil ihr klar wurde, dass eine Heirat und eine berufliche Karriere nicht miteinander zu vereinbaren waren. Und sie wollte als Wissenschaftlerin arbeiten, daran hatte sie keinen Zweifel, das war ihr das Wichtigste. Mit dieser Entscheidung freilich hatte sie sich am College endgültig ins Abseits manövriert. Eine hübsche junge Frau, die sich entschließt, allein zu leben? Die keinen Ehemann und keine Kinder haben möchte, weil sie sich ganz ihrem Beruf verschreibt? Das galt als unnatürlich und verschroben. Man tuschelte über sie. Amazone, das war noch eine der freundlicheren Vokabeln, mit denen man sie am College hinter ihrem Rücken bezeichnete.
Mary sah auf ihre Armbanduhr. »Oh, verdammt, so spät schon.« Sie stand auf. »Komm, Ray, wir müssen los. Ich habe Professor Graham versprochen, dich ihm heute noch vorzustellen. Und vermutlich möchtest du auch gern wissen, in welchem Forschungsbereich du eingesetzt wirst, oder?«
Professor Graham, ein korpulenter Herr um die sechzig, führte mich persönlich durch das Institutsgebäude. Ich war beeindruckt von allem: von der großen Bibliothek, in der sämtliche wichtigen Fachbücher und internationalen Zeitschriften zu finden waren, den modern eingerichteten Büros und dem großzügigen Speiseraum, selbst von den Schlafräumen – ich teilte mir mit Mary ein schlichtes Zweibettzimmer mit Blick auf den kleinen Hafen – vor allem aber vom Herzstück des Instituts, dem Labor, einem großen, hellen Saal mit langen Tischreihen. An jedem Arbeitsplatz standen Schalen, Glasbehälter und ein hochauflösendes Mikroskop, unter dem man jedes Detail des zu erforschenden Objektes studieren konnte. An den Wänden waren Becken und Aquarien in den verschiedensten Größen aufgereiht, in denen sich Fische, Krabben und andere Meereslebewesen tummelten. Die breite Fensterfront an der Längsseite bot einen hinreißenden Ausblick auf den Atlantik. Jetzt im Sommer standen fast alle Fenster offen, die Nachmittagssonne warf Lichtstreifen auf den blanken Holzboden, und von draußen klang Möwengeschrei herein. Es klang verheißungsvoll.
Ich wurde dem Forschungsteam zugeteilt, das sogenanntes Zooplankton erforschte, winzige Krebstierchen, kaum größer als der Durchmesser eines menschlichen Haares. Es faszinierte mich, dass diese Organismen, obwohl mit dem bloßen Auge kaum sichtbar, unentbehrlich waren für das Leben in den Ozeanen, bildeten sie doch die Nahrungsgrundlage für viele Fische, selbst für die größten Lebewesen der Welt, die Wale. Unsere Gruppe sollte herausfinden, ob und wie sich unterschiedliche Wassertemperaturen auf das Plankton auswirkten. Aber ich hätte auch an jedem anderen Projekt mitgearbeitet. Ich war einfach nur glücklich dazuzugehören.
Mary, die unsere Gruppe leitete, wies mich am nächsten Morgen an meinem Arbeitsplatz ein. »Wir entnehmen regelmäßig Wasserproben aus dem Meer und analysieren den Inhalt. Es ist wichtig, dass du deine Beobachtungen genau protokollierst, Ray. Je präziser wir sind, desto wertvoller sind unsere Daten. Aber das weißt du ja.«
Ich nickte, und sie reichte mir das Gefäß mit der Wasserprobe. Meine Hände zitterten vor Anspannung, als ich die Pipette nahm und einen winzigen Tropfen daraus auf die Mitte eines Glasplättchens träufelte. Zum ersten Mal brauchte ich nicht mehr mit konservierter Materie zu arbeiten wie an der Universität, sondern konnte einen lebenden Organismus untersuchen. Vorsichtig legte ich den Glasträger auf, schob das Ganze unter mein Mikroskop und stellte es scharf, bis das verschwommene Objekt vor mir kristallklar wurde. Der kleine, filigrane Krebs, dessen Körperform mich ein wenig an einen Frosch erinnerte, war durchsichtig, wie gläsern. Sein Inneres wurde fast gänzlich von einer Blase ausgefüllt, darin bewegte sich etwas, rhythmisch zuckend. Tatsächlich, dieses Wesen lebte! Ich erkannte zwei schwarze Augen, zwei Fühler mit Tasthaaren, vier Gliedmaßen, einen Schwanz, der sich gabelte. So klar, so deutlich war das alles zu sehen, dass ich ehrfürchtig den Atem anhielt. Ich durfte dieses Wesen, das gestern noch in den fernen Weiten des Ozeans getrieben war, in allen Details betrachten. Was für ein Privileg! Es war wunderschön. Perfekt. Obwohl es so winzig war, besaß es alles, was zum Leben nötig war. Da schlug ein Herz, kaum größer als eine Nadelspitze.
»Es ist so beeindruckend«, flüsterte ich Mary zu, die am Tisch neben mir stand. »Wie kann etwas so Kleines so vollkommen sein? Ist es nicht ein Wunder?«
»Nein«, sagte Mary, ohne den Blick von ihrem Mikroskop zu heben. »Das ist Biologie.«
Wie konnte sie nur so gelassen bleiben?
»Ich frage mich, was dieses winzige Tier da unten im Meer wohl gesehen haben mag. Und wie mag es sich anfühlen, sein Leben lang in den Weiten des Ozeans zu schweben? Getrieben allein vom Strom der Wellen …«
Jetzt sah Mary doch auf. »Ich weiß es nicht. Und es macht auch keinen Unterschied.« Mit einem nachsichtigen Lächeln fügte sie hinzu: »Du sollst hier nicht staunen, Ray, sondern dich lieber auf die Arbeit konzentrieren. Ich dachte, du hättest dich von deiner poetischen Schwärmerei verabschiedet.«
Es klang neckend, aber ich fühlte mich trotzdem ein wenig angegriffen.
»Ja, das habe ich auch«, versicherte ich ihr. »Als Wissenschaftlerin bin ich objektiv. Aber geht es dir nicht so? Hättest du nicht auch Lust, einmal – nur für einen kurzen Moment – in die Gestalt eines solchen Tieres zu schlüpfen und zu spüren, was es da unten im Meer erlebt?«
Mary sah mich nur kopfschüttelnd an und widmete sich wieder ihrer Probe. Bei diesem Gedanken verstand sie mich nicht. Sie blickte rational auf ihre Arbeit. Und natürlich tat ich das auch. Aber neben alledem, was ich im Labor beobachtete, gewissenhaft dokumentierte und woraus ich nüchterne Schlussfolgerungen zog, neben alledem konnte ich nicht aufhören, über die Schönheit und Vollkommenheit der Geschöpfe unserer Welt zu staunen – und sei es nur dieser mikroskopisch kleine Krebs. Auch dieses unscheinbare Wesen, das kaum je ein Mensch zu Gesicht bekam, war ein Teil des großen Ganzen. Wie konnte man dafür keine Empathie empfinden?
An den Wochenenden schrieb ich meinen Eltern lange Briefe, um sie teilhaben zu lassen an dem, was ich erlebte. Aber ich war mir nicht sicher, ob meine Worte ausreichten für die Begeisterung, die ich empfand.
»Ich staune jeden Tag über etwas Neues. Allein der Ozean! Ich könnte stundenlang aufs Meer blicken, wenn wir am Strand oder mit der Sea Gull unterwegs sind. Ich habe nicht gewusst, wie viele Schattierungen von Blau es gibt. An jedem Tag wechselt das Wasser seine Farbe, als spiegelten sich darin die Launen des Himmels. An ruhigen, sonnigen Nachmittagsstunden liegt das Meer in tiefem, unergründlichem Blau vor uns, beinahe schwarz. An anderen Tagen, wenn wir mit dem Schiff näher am Land bleiben, schimmert das Wasser unter uns grünlich, smaragden, und es ist so klar, dass wir die Fische sehen können. Dann wieder ist das Wasser stahlgrau wie der wolkenverhangene Himmel über uns. Einmal ist die Sea Gull schon kurz nach der Morgendämmerung aufgebrochen, als die ersten Sonnenstrahlen den Horizont in rotgoldenes Licht tauchten, da schimmerten die Wellen metallisch, wie flüssiges Quecksilber. Das muss man gesehen haben! Ach, ihr Lieben, ich bin von Herzen dankbar, dass ich das alles hier erleben darf.«
Das Leben in Woods Hole kam meiner Vorstellung vom Paradies ziemlich nahe. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, am richtigen Ort zu sein, mit Menschen, die das Gleiche liebten wie ich. Mochten Männer wie Trevor und Oliver auch skeptisch sein, was Frauen in der Wissenschaft anging, zumeist herrschte doch ein freundlicher, kollegialer Umgangston.
Wenn ich nicht mit dem Forschungsschiff ausfuhr oder im Labor arbeitete oder Stunden in der Bibliothek verbrachte, um etwas über die Entwicklung und die Lebensweise des Planktonkrebses herauszufinden, war ich draußen am Meer. Manchmal lag ich einfach nur in den Sanddünen unter dem Leuchtturm, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, und sah den Möwen und Kormoranen zu, die hoch über mir ihre Bahnen zogen oder auf der Suche nach Nahrung im Sturzflug ins Wasser tauchten. Bei Ebbe kletterte ich über die felsige Küste an der anderen Seite der Halbinsel und hielt Ausschau nach Muscheln, Krabben, Schnecken und Seesternen in den Tidetümpeln zwischen den Steinen. Ich konnte nicht genug davon bekommen, diese Geschöpfe zu beobachten, deren Lebenswelt sich mehrmals am Tag so radikal änderte: In den Stunden der Flut tief unter Wasser gelegen und den tosenden Wellen ausgesetzt, und dann, wenn sich das Meer zurückgezogen hatte, war ihre Welt nichts als ein flacher, unscheinbarer Wasserfleck, in dem sich das Sonnenlicht spiegelte. Manche dieser Pfützen waren kaum so groß wie meine Handfläche und doch voller Leben. Einmal betrachtete ich eine winzige Seeanemone, die in leuchtendem Rot in einem der Tümpel schimmerte. Ihre schmalen Tentakel bewegten sich langsam, geradezu anmutig, sie schienen im Wasser zu tanzen. Wie könnte man nicht Ehrfurcht empfinden angesichts der Kunstwerke, die unsere Welt in den vielen Millionen Jahren ihres Bestehens hervorgebracht hatte? Niemals, das wurde mir klar in diesem Moment, niemals würde ich aufhören können zu staunen.
Durch die heruntergekurbelten Seitenfenster wehte warm der salzige Geruch des nahen Atlantiks, vermischt mit dem harzigen Duft der Fichten und Kiefern, die auf beiden Seiten der Fahrbahn wuchsen. Ab und zu schimmerte ein glitzerndes Blau durch das Dickicht der Bäume, dann wieder tauchten flache, schroffe Felsen auf, schwarz, umspült von weißer Gischt. Die Straße wand sich in sanften Kurven etwas oberhalb der zerklüfteten Küste entlang.
»Boston fünfzig Meilen«, las ich auf einem Schild am Straßenrand.
»Lass uns kurz die Füße vertreten«, sagte Mary. »Wir haben noch etwas Zeit.«
Sie bog in einen Schotterweg ein, der zu einem kleinen Parkplatz direkt am Meer führte. Auf der Rückbank schepperten zwei Kartons mit leeren Reagenzgläsern, Petrischalen und anderen Gefäßen, als ihr Packard über den unebenen Boden holperte. Nachschub für das Labor, den wir bei einem Großhändler in Maine abgeholt hatten. Grace und Jill waren mitgekommen, um die seltene Gelegenheit für ein paar Besorgungen in der Stadt zu nutzen. Sie saßen hinter uns im Wagen und hielten die Schachteln fest, damit die kostbare Fracht unterwegs nicht kaputtging.
Wir stiegen aus, erleichtert, uns nach der stundenlangen Fahrt im engen Auto ein wenig strecken zu können. Nebeneinander lehnten wir uns an die Holzbrüstung. Unmittelbar dahinter fiel die Küste steil ab. Ich sah hinab, und mir wurde beinahe schwindelig. Unter unseren Füßen schlug die Brandung tosend gegen den Felsen, zerschellte in weißem Schaum. Ab und zu spritzte uns ein Wassertropfen ins Gesicht.
»Ich habe gehört, wie Graham dich gelobt hat, Rachel«, sagte Grace. »Als Trevor heute früh mit ihm die Bestellungen für unser Team durchging, sagte er: Miss Carson ist eine gründliche, hart arbeitende Person, nicht brillant, aber sehr tüchtig und mit guter Kenntnis der Biologie. Sie wird eine gute Lehrerin werden.«
»Nicht brillant«, wiederholte ich. »Das hat er gesagt?« Ich schluckte.
Grace nickte.
»Ein größeres Lob kann eine Frau von ihm nicht erwarten«, meinte Mary, ohne mich anzusehen, das Kinn auf ihre Unterarme gelegt, mit denen sie sich auf der Holzbrüstung aufstützte.
»Und wenn du dich irgendwo als Lehrerin bewirbst, wird er dir sicher ein gutes Zeugnis ausstellen«, fügte Grace hinzu.
Ich sah übers Meer. »Im Moment ist der Gedanke an alles, was nach diesem Sommer kommt, noch ganz weit weg. Am liebsten würde ich mein Leben damit verbringen, zu forschen, zu beobachten, zu lernen, zu verstehen … Aber ich schätze, nach den drei Monaten hier muss ich Geld verdienen. Unterrichten wird bestimmt in Ordnung sein. Wenn ich darin auch nur halb so gut bin, wie es Mary an unserem College war, bin ich zufrieden.«
»Danke für die Blumen.«
»Du könntest auch im Zoo von Baltimore arbeiten«, meinte Grace nachdenklich. »Dort suchen sie auch immer wieder ausgebildete Biologen.«
»Ja, oder im Zoo.« Ich sah die Tiere in ihren Käfigen vor mir, und diese Vorstellung betrübte mich plötzlich. Ein solches Leben in Enge und Gefangenschaft erschien mir grausam, hier und jetzt, beim Blick auf die grenzenlose Weite des Meeres.
Wir hingen unseren Gedanken nach, bis Jill, die die ganze Zeit geschwiegen hatte, plötzlich den Kopf hob.
»Ich muss euch etwas sagen.« Sie lächelte schief. »Ich werde weggehen aus Woods Hole.«
»Wieso?«, rief Grace entsetzt. »Was ist passiert?«
»Ich werde heiraten.«
Eine Welle krachte unter uns gegen den Felsen wie ein dumpfer Donnerschlag.
»Und was ist mit deiner Promotion?«, fragte Mary. »Ich weiß noch, wie wir gefeiert haben, als du die Zusage bekommen hast. Du warst so glücklich darüber. Du bist eine hervorragende Wissenschaftlerin. Willst du das wirklich hinschmeißen?«
Jill zuckte mit den Schultern. »Die Arbeit hier macht mir wirklich Freude, ja. Aber – es ist der Punkt gekommen, an dem ich mich entscheiden muss.« Sie biss sich auf die Unterlippe, dann fuhr sie fort: »Thomas hat mir am vorigen Wochenende einen Antrag gemacht. Er hat gefragt, wie lange er noch warten soll, bis wir endlich heiraten und eine Familie gründen. Ich bin neunundzwanzig. Wir gehen seit drei Jahren miteinander aus. Er wartet schon so lange. Ich habe Angst, dass es aus ist mit ihm, wenn ich nicht endlich Ja sage.«
Marys Augen funkelten. »Dein Verlobter hat dich erpresst?«
»Nein, nein«, rief Jill abwehrend. »Es ist okay für mich. Ich bin nicht so wie du, Mary. Ich möchte ihn wirklich heiraten. Ich liebe ihn. Es ist nur … ich liebe auch die Forschung.« Sie zuckte ratlos mit den Schultern. Und während wir anderen schwiegen, fuhr sie fort: »Thomas möchte bald Kinder haben, und das will ich auch. Und wie sollte das gehen, wenn ich am Institut bliebe?«
»Tja«, machte Grace. »Ein Seepferdchen müsste man sein, nicht wahr? Da brüten die Männer die Nachkommen aus.«
Nun mussten wir doch lachen, selbst Jill, obwohl Tränen in ihren Augen glitzerten.
»Ich habe schon gekündigt.« Sie richtete sich auf. »Zum Ende des Monats.«
»Wie viele kluge Köpfe bleiben der Wissenschaft vorenthalten, weil sie sich nicht der Forschung widmen, sondern Kochbüchern, Windeln und Waschzubern«, überlegte Grace laut.
»Eine Heirat sollte kein unausweichliches Ereignis im Leben einer Frau sein«, fand Mary. »Eher eine Möglichkeit. Ein Vorkommnis, das einige von uns mitmachen, andere aber nicht. Ich betrachte die Ehe als ein interessantes Angebot unter vielen.« Sie drehte sich zu Jill. »Es ist okay, wenn du dich entschieden hast, weil es dein innerster Wunsch ist, weil es dich glücklicher macht, eine Familie zu haben, als einen Beruf auszuüben. Aber für mich kommt das nicht infrage. Ich bin nicht bereit, meinen Verstand und meine ‑Energien dafür herzugeben, um mich als Ehefrau eines Mannes zu verausgaben. Das wäre ein zu großes Opfer für mich.«
»Hast du jemals geliebt, Mary?« Jills Stimme war leise und anklagend.
Es dauerte ein paar Sekunden, bis Mary antwortete.
»Ja«, sagte sie nur und presste ihre Lippen aufeinander, als wollte sie uns zeigen, dass sie nicht gewillt war, weiter darüber zu reden. Ich begegnete ihrem Blick und erschrak, weil er so intensiv war.
»Kommt!«, sagte Grace und schob sich mit Schwung vom Geländer weg. »Wir haben noch ein gutes Stück Fahrt vor uns. Bringen wir Professor Graham seine Reagenzgläser, sonst lässt er uns noch polizeilich suchen.«
Anfang September wurde Jills Promotionsstelle neu ausgeschrieben. Mary entdeckte den Aushang neben der Tür zum Labor.
»Sieh dir das an, Rachel! Wie für dich gemacht!«
Mein Herzschlag beschleunigte sich. »Meinst du, ich habe Chancen?«
»Aber klar! Was für eine Frage? Wenn jemand das Zeug dazu hat, dann du.« Sie legte ihren Arm um meine Schultern und drückte mich für einen Moment an sich. »Trau dich, Ray!«
»Es wäre – ein Traum.« Ich ließ meine Blicke noch einmal über die Zeilen der Ausschreibung wandern. Ein freudiges Kribbeln breitete sich in meinem Bauch aus. »Dann könnte ich noch drei Jahre hierbleiben. Drei Jahre am Meer. Drei Jahre forschen …«
»Und wir wären noch drei Jahre zusammen«, bemerkte Mary mit einem Lächeln.
»Ich will euch ja nicht die gute Laune verderben, Ladys, aber freu dich bitte nicht zu früh, Rachel.«
Trevor war zu uns getreten. Mit einem Kopfnicken auf den Aushang fuhr er fort: »Ich habe gerade meine Bewerbung bei Professor Graham eingereicht. Er hat sich meine Unterlagen gleich angesehen, und wie es aussieht, werde ich Jills Stelle bekommen.«
»So?«, fragte Mary und drehte sich mit gerunzelter Stirn zu ihm um. »Das steht schon fest?«
»Na ja, richtig offiziell ist es natürlich noch nicht. Aber Graham meinte, er kenne mich und meine ausgezeichnete Arbeit ja gut, und er würde sich sehr freuen, mich auch in den kommenden Jahren hier im Institut zu sehen. Ich finde, das klingt nicht gerade nach einer Absage, oder?«
Er grinste mich mit einem Mundwinkel an.
»Aber hier steht, es werden alle Bewerbungen berücksichtigt, die bis zum 16. September, zwölf Uhr mittags bei der Institutsleitung eingehen«, sagte Mary. »Heute ist der achtundzwanzigste August. Also kann die Entscheidung noch nicht gefallen sein. Wir wissen alle, dass du ein ausgezeichneter Wissenschaftler bist, Trevor, aber damit bist du nicht der Einzige hier.«
»Klar! Das habe ich auch nicht behauptet. Bewirb dich ruhig, Rachel. Es schadet nie, für die Zukunft ein paar Erfahrungen bei Bewerbungsgesprächen zu machen.«
Er hob den Daumen, während er die Tür öffnete und im Labor verschwand.
»Allein schon wegen so arroganter Männer wie Trevor solltest du dich bewerben«, knurrte Mary.
»Ja, ich werde es versuchen. O Gott, ja, und wie ich es versuchen werde.« Trevors großspuriges Auftreten hatte meinen Ehrgeiz angefacht. »Aber so einfach ist das nicht. Da steht diesmal nichts von einem Stipendium, und ich kann meine Familie nicht bitten, mich weitere drei Jahre zu unterstützen. Sie haben schon so viel für mich getan.«
»Eine Chance wie diese bekommt man nicht oft im Leben. Das darfst du dir nicht entgehen lassen!« Mary stemmte die Arme in die Hüften. »Notfalls … notfalls kellnerst du nebenher in der Hafenkneipe.«
Darüber lachten wir beide. Schwer beladene Tabletts durch ein lautes, verqualmtes Lokal balancieren, stets in der Hoffnung, dass nicht gleich irgendwo eine Schlägerei unter den betrunkenen Männern ausbricht? Wenn es jemanden gab, der als Bedienung in einer Hafenkneipe absolut ungeeignet war, dann ich. Als Privatlehrerin könnte ich mir vielleicht ein paar Dollar hinzuverdienen. Aber es würde nicht reichen. Ohne die finanzielle Unterstützung meiner Eltern war ich aufgeschmissen.
Noch am selben Tag schrieb ich nach Hause, und eine Woche später lag das Antwortschreiben in meinem Postfach.
»Rachel, Liebes«, schrieb meine Mutter. »Du sollst so viel studieren und lernen, wie du willst. Wir sind unglaublich stolz darauf, bald eine Frau Doktor als Tochter zu haben. Klug genug bist du ja. Um das Geld mach dir keine Sorgen. Dad investiert neuerdings in Aktien. Wir werden bald sehr wohlhabend sein. Ich verstehe zwar nicht viel davon, aber das machen jetzt alle. Und wie man in der Zeitung liest, ist es eine todsichere Sache. Uns gehört jetzt ein Teil von Goldman Sachs, und die Papiere sind schon fast doppelt so viel wert wie am Anfang. Wenn er die Aktien im nächsten Jahr verkauft, werden wir so viel verdient haben, dass du noch zehn Jahre lang studieren kannst. Kuss und Gruß aus der Heimat.«
Ich faltete den Brief zusammen. Mein Vater hatte schon öfter sehr begeistert von seinen Geschäften gesprochen, die sich dann meist als Reinfall erwiesen hatten: Seine Apfelplantage, die eines Nachts von Räubern geplündert und zu Kleinholz verarbeitet worden war. Sein Job als Versicherungsvertreter, bei dem es ihm nicht ein einziges Mal gelungen war, einen lukrativen Vertrag abzuschließen. Seine erfolglosen Grundstücksspekulationen. Aber diesmal war ich beruhigt. In Woods Hole redeten Oliver, Mick und ein paar andere beim Abendessen in der Mensa auch manchmal von ihren Wertpapieren. Der Aktienmarkt war wie ein Goldesel. Alle mischten da mit, und an den Börsenberichten in der Zeitung konnte man jeden Tag nachlesen, wie sich das Geld über Nacht vermehrt hatte.
