Incubus Expeditus - Xenocyon Daemonicus - E-Book

Incubus Expeditus E-Book

Xenocyon Daemonicus

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Beschreibung

Kai, ein zurückgezogener Junge, der von seinen Eltern nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die er braucht und von seinem Umfeld bestenfalls nicht wahrgenommen wird, hat ein Geheimnis, von der er selber nichts ahnt: in ihm ruht ein Dämon, sehr alt, dunkel und gefährlich, der nur zum Vorschein kommt, wenn Kai sehr verzweifelt ist. Und für diese Verzweiflung sorgen schon seine Mitschüler, wenn sie es übertreiben. Bis sie es mehr als zu weit trieben.

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Seitenzahl: 593

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Xenocyon Daemonicus

Incubus Expeditus

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

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Begriffserklärungen:Wiedergeburt: In der Religionsgeschichte ist dies die Bezeichnung für den Glauben an eine Wanderung der Seele nach dem Tod in einen neuen lebenden Körper.

Seelenwanderung: Die Seele wird dem Glauben nach in einem anderen Leib wiedergeboren, was meist als Läuterungsweg der Seele gedacht ist.

Incubus: Ein nächtlicher Dämon, der in manchen Dämonenglaubensrichtungen als ein Buhldämon für Hexen bezeichnet wird.

[Wikipedia.de]

1

Zwischen „Gewiss“ und „Jawohl“;

was ist da für ein Unterschied?

Zwischen „Gut“ und „Böse“;

was ist da für ein Unterschied?

Was die Menschen ehren, muss man ehren.

O Einsamkeit, wie lange dauerst du?

Alle Menschen sind so strahlend,

als ginge es zum großen Opfer,

als stiegen sie im Frühling auf die Türme,

nur ich bin so zögernd, mir ward noch kein Zeichen,

wie ein Säugling, der noch nicht lachen kann,

unruhig, umgetrieben, als hätte ich keine Heimat.

Alle Menschen haben Überfluss;

nur ich bin vergessen.

Ich habe das Herz eines Toren, so wirr und dunkel.

Die Weltmenschen sind so hell, ach so hell;

nur ich bin so trübe.

Die Weltmenschen sind so klug, ach so klug;

nur ich bin wie verschlossen in mir,

unruhig, ach, als wie das Meer,

wirbelnd, ach, ohn’ Unterlass.

Alle Menschen haben ihre Zwecke;

nur ich bin müßig wie ein Bettler.

Ich allein bin anders als die Menschen:

doch ich halte es wert,

Nahrung zu suchen bei der Mutter.

Von Lao Tse aus „Tsao Te King“, 20. „Abseits der Menge“

Wo bin ich?

Wer bin ich?

Was ist mit mir los?

Mir ist kalt!

Mama!

Da ist Licht!

Da ist es warm!

Da will ich hin...

Da tut es nicht weh...

Keine Erinnerungen...

Keine Trauer, Schmerz, Angst mehr...

Da kann ich so sein, wie ich bin, immer sein wollte...

„Schluss, aus!“

„Was willst du Würstchen überhaupt?!“

„Versager!“

„Schlappschwanz!“

„Ach! Stell dich nicht so an, du Mimose!“

„Wer will dich schon haben, du Spast?“

„Was schaust du mich so an? Willst du ’n paar aufs Maul?“

Ich will das nicht mehr!

Sie sagen schlechte Dinge zu mir. Über mich.

Sie mögen mich nicht.

Was hab ich ihnen getan?

Keiner will mein Freund sein.

Ich verstehe die anderen nicht, sie mich auch nicht.

Alles geht nur schief. Warum das Ganze? Was soll ich noch hier?

„Kai!“Wer ruft mich? Lasst mich doch alle in Ruhe! Ich will schlafen...

„Kai!“Endlich schlafen und weit weg sein...

„Kai!!!“…„KAI!!!“

2

Der Himmel glänzte in irisiertem Lila und Orange. Wenn man hier überhaupt von „Himmel“ sprechen konnte. Denn Oben und Unten waren hier relativ, genauso wie Schwerkraft, Entfernungen, Form und Farbe, Hell und Dunkel.

Der Boden hatte eine leuchtend gelbe Färbung, so wie das Gras, welches von sich selbst aus zu leuchten schien. Verschiedene fremdartige Geräusche umgaben die Gestalt, die sich manifestierte.

Lang und schlacksig, mit drahtigem Körperbau und durchaus definierten Muskeln, von blasser Hautfarbe, die in ein sehr helles Grün oder Blau hineinspielte, stand er da: ein Dämon.

Er hatte auf der Stirn gekrümmte, relativ kurze, ziegenartige Hörner, fast weiße lange Haare, lange, spitze Ohren und eine blaue Iris mit senkrecht geschlitzter Pupille.

Die Augenfarbe veränderte sich aufgrund seiner Stimmung in mehreren Übergängen zu einem Rot und wieder zurück. Denn er wunderte sich schon, wo er hier war und was mit ihm los war.

Er dachte eigentlich, dass er ein Junge sei und gerade eben gestorben. In dem Punkt war er aber unsicher. Erst recht als er sich seiner Gestalt bewusst wurde.

Diese erinnerte an seine Zeichnungen, die er in seinem Leben angefertigt hatte. An seine Träume. Nur die Farbe war anders. Nicht schwarz, sondern grünlich.

Ich seh aus... wie Shynn! Irgendwie jedenfalls. Wie kann das...

Er sammelte seine Gedanken und überlegte.

Ich bin doch eigentlich ich, oder bin ich er? Sind wir denn etwa eins? Schließlich dachte ich mein ganzes Leben lang, dass ich das nur träumte. Oder doch nicht? Wieso weiß ich das überhaupt? Verliert man nach dem Tod nicht normalerweise die Erinnerungen an sein Vorleben?

Was, verflucht nochmal, ist da schiefgelaufen?

Wieso fühle ich mich so unvollständig?

Soviel begriff er seltsamerweise sofort: Er schien ein relativ alter Geist zu sein und dementsprechend mächtig. In dieser Welt verfügte er erst recht über das vollständige Ausmaß seiner Fähigkeiten.

Aber komischerweise nicht über die Erinnerungen seines jetzigen Ichs, maximal über Bruchstücke davon. Nur die seines Alter Egos Kai waren abrufbar. Was ihn eher wunderte.

Er folgte einer spontanen Eingebung und rief zugleich mit Stimme und Gedanken seinen Namen: „Kai!“

Keine Antwort. Schon komisch, sich selbst zu rufen...

„Kai!“

Der Dämon wurde stutzig, seine Ohren zuckten und seine Pupillen verengten sich. War da nicht was zu spüren? Er rief noch einmal:

„Kai!!!“

Keine Antwort. Vielleicht hab ich mich doch getäuscht, dachte er. Trotzdem rief er noch mal wesentlich lauter:

„KAI!!!“

Immer noch keine Antwort.

HalbtotDie Maschinen, welche die Vitalfunktionen überwachten, piepsten. Das angeschlossene Sauerstoffgerät zischte. Die Sonde, die mit einer Kanüle in seinem Arm steckte und ihn mit Nährstoffen versorgte, tropfte.

So lag der schmächtige dunkelblonde Junge im Bett. Im weißen Zimmer. Im Krankenhaus. An den Wänden eine eintönige Raufasertapete, weiß gestrichen. Eine Steckdosenleiste mit verschiedenen Anschlüssen für Strom oder andere Geräte medizinischer Art und ein Anschluss für Sauerstoff hing über dem Kopf des Patienten.

Der Raum war recht spartanisch eingerichtet: Neben dem Bett befanden sich ein Schrank, diverse Geräte, der Tropf, das EEG, das EKG und das Gerät für die künstliche Beatmung.

Auf der Fensterbank des Raumes stand ein langsam verwelkender Strauß Blumen und eine Genesungskarte, die von den Mitschülern des Jugendlichen – allerdings recht halbherzig – unterschrieben worden war.

Und nicht mal alle hatten sich darauf verewigt. Eigentlich schon eine Sauerei, mochte man denken.

Als man ihn fand, ihn mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus brachte, ihn künstlich ins Koma versetzte, erinnerte er sich...

An sein Leben...

An alles...

3

21. April 1982, Geburt

Eine mittelgroße kräftige Frau von etwa 30 Jahren mit kurzen, mittelbraunen lockigen Haaren, einer runden Nase, lag in den Wehen. Ihre hellbraunen Augen kniff sie jetzt allerdings sehr zusammen, denn ihr Leib krümmte sich unter den Kontraktionen der Geburt des bald zur Welt kommenden Lebens.

Auf dem Rücken liegend mit gespreizten Beinen lag sie im Krankenhauskittel auf dem Geburtsbett, während die Hebamme zwischen ihre Schenkeln schaute, ob der Muttermund schon offen stand.

Die nächste Wehe war im Anmarsch.

„Pressen, Frau Neumann!“, wurde sie angewiesen.

Die Frau verzog vor Anstrengung und Schmerzen das Gesicht, während sich in ihr der kleine Körper aus dem Geburtskanal wand.

„Na los, pressen Sie!“

Ich presse doch, du dumme Kuh!, dachte die werdende Mutter sichtlich gereizt.

Sie presste und bäumte sich dabei auf. Schließlich spritzte das Fruchtwasser aus ihr heraus.

„Ja, Sie haben’s gleich geschafft!“

Die Gebärende atmete durch und der nächste Schub kam.

„Los, noch einmal pressen!“

Sie konzentrierte sich und presste. Etwas Größeres drang aus ihrem Körper nach außen, erst der Kopf, dann die Schultern und dann der Rumpf, geschafft.

„Rabäääääh!“, machte der neue Erdenbürger, der noch schleimig und glitschig in den Armen der Hebamme zappelte. „Gratuliere, Sie haben einen Sohn!“, sagte diese.

Die Nabelschnur wurde durchtrennt und abgebunden. Und die Nachgeburt, der überflüssige, etwas klumpige Quasizwilling des Neugeborenen, auch Plazenta genannt, machte sich bereit, abgeworfen und entsorgt zu werden, was recht prompt geschah.

Die Schwester untersuchte, wusch und wog ihn, wickelte ihn behutsam in Stoffwindeln und zog ihm einen blauen Strampler an, um ihn seiner Mama zu überreichen. So konnte diese ihn endlich zum ersten Mal im Arm halten und stillen.

Nun kam der bürokratische Teil. Sie schrieb in eine Karteikarte aus grobem roten Karton schon einmal den Zeitpunkt und das Datum der Geburt. Die Größe des Kindes und sein Gewicht.

Dann wandte sie sich zur Mutter des Babys, welches nun an deren Brust saugte, und fragte: „Wie soll der kleine Mann denn heißen, Frau Neumann?“

„Kai“, antwortete diese, sichtlich von der Geburt erschöpft.

Auch das wurde notiert und der Mutterpass ausgestellt.Die Mutter nebst Baby brachte man bald darauf in ihr Wochenbettzimmer, wo sechs weitere Frauen lagen, von denen einige bereits ihre Kinder geboren hatten – bei einer waren es sogar zwei – und andere hochschwanger auf ihre Entbindung warteten.

Der Kleine schrie und schrie, er litt stark unter Koliken und entwickelte sich nicht so prächtig, wie sein Geschrei vermuten ließ. Er war sonst nicht sehr munter, außer wenn er schrie, wobei sein Gesichtchen oft puterrot anlief. Auch – oder gerade – wenn sie engen Körperkontakt zu ihm hatte.

Frau Neumann war am Verzweifeln, da sie nie wusste, was ihr neugeborener Spross eigentlich wollte, obwohl sie doch alle nötigen Handgriffe ahnte und diese routiniert ausführte. Ihre ältere Schwester hatte nämlich schon zwei Kinder, welche die frisch gebackene Mutter ab und an vom Säuglingsalter an versorgt hatte, wenn das Schwesterherz ihren Männergeschichten nachging.

Die Windel wurde regelmäßig gewechselt, damit er sauber und trocken war. Er wurde zum Stillen angelegt, bis er von alleine von der Brust abließ.

Nichts schien richtig: Egal, was sie tat, trotzdem hörte er nicht auf zu schreien.

Die anderen Frauen waren zwar verständnisvoll – da auch sie wussten, wie das war – aber auch genervt, weil der kleine Schreihals ihre Kinder ebenfalls nicht zur Ruhe kommen ließ.

Die Woche im Krankenhaus verging mehr oder weniger schnell und der Vater, der ja Brötchenverdiener war, und deswegen seine Frau und seinen neugeborenen Sohn kaum besuchen konnte, kam, um die beiden nach Hause zu holen.

Er war ein großer, kräftiger Mann mit Muskeln, die etwa denen der alten griechischen Olympioniken glichen. Er hatte kurze, stachelige, dunkelbraune Haare, himmelblaue Augen, einen Schnurrbart unter einer ziemlichen Hakennase.

Er trug eine abgetragene Jeans, ein weißes Poloshirt und darüber eine alte hellbraune Lederjacke. In der einen Hand hielt er eine braune Schlenkertasche, die seine Autoschlüssel und seine Papiere beinhaltete und in der anderen eine Babyschale für den Transport des Familienzuwachses im Auto.

Der Mann hatte seinen hellgrauen Wagen direkt in der Nähe des Krankenhauses geparkt und strebte auf den Eingang zu.

Drinnen meldete er sich am Empfang, wo er sofort mit: „Guten Tag, Herr Neumann. Sie sind bestimmt hier, um Ihre Frau und Ihr Kind abzuholen?“ begrüßt wurde. „Ich nehme an, sie kennen jetzt den Weg“, setzte sie schalkhaft fort. Dabei spielte sie auf die Tatsache an, dass er sich beinahe verlaufen hatte, als er seine Frau einen Tag nach der Geburt besucht hatte.

Mit einem leichten Grinsen antwortete er: „Ja. Noch einmal passiert mir das nicht, aber der Hausmeister hat mir ja geholfen!“

Die Empfangsschwester grinste zurück und konterte: „Sehen Sie, Sie haben hier schon Bekanntschaften geschlossen!“, was er mit einem Lacher quittierte.

Seine Frau wartete schon auf ihn, weil noch die Abschlussuntersuchung stattfand und er auch alles mithören sollte, was der Arzt über den Zustand des gemeinsamen Kindes zu sagen hatte.

Sie brauchten auch nicht lange warten, da sie heute die einzigen waren, welche die Geburtsklinik verlassen wollten.

„Familie Neumann, bitte!“

Eine junge Ärztin hielt die Tür des Arztzimmers auf und wartete auf die Familie.

Sie hatte mittellange dunkelbraune Haare, die zu einem Mittelscheitel gekämmt waren, ein längliches Gesicht mit ebenso langer Nase und graue Augen. Um den Hals trug sie ein Stethoskop, unter ihrem weißen Arztkittel eine schmucklose blaue dünne Bluse und einen grauen Rock aus derbem Stoff.

Sie begrüßte die Familie: „Guten Tag, ich bin Dr. Lehmann“, während sie beiden Eltern die Hand schüttelte. „Bitte setzen Sie sich“, sagte sie weiterhin und wies auf die Stühle, die ihrem braunen Ledersessel gegenüberstanden.

„Ihr Sohn Kai ist zwar so weit gesund“, setzte Dr. Lehmann ohne Umschweife fort. „Er entwickelt sich auch... Aber nicht so, wie er es eigentlich sollte. Er nimmt zu, aber langsamer als andere Kinder. Er wiegt so viel, dass er gerade den unteren Normalbereich schneidet. Er trinkt mehr als ausreichend, aber irgendwie ist es verwunderlich, dass er weniger zunimmt. Ansonsten ist er gesund, er hat alles am Körper, was dran sein muss. Also machen Sie sich mal keine Sorgen, das wird schon. Für die Koliken kann ich Ihnen Kümmelöl empfehlen, welches Sie in diesem Fall auf Kais Bauch reiben.“

Im Mutterpass wurden die relevanten Daten eingetragen und die frisch gebackenen Eltern wieder aus dem Sprechzimmer hinauskomplimentiert.

Erste Zeit

Kais erste Jahre setzten sich so fort wie sie begannen: Er wuchs etwas langsamer als gleichaltrige Kinder und hinkte diesen mit den Entwicklungsschritten ebenfalls ein bisschen hinterher, sodass er seine Zähne erst nach einem Jahr bekam und mit anderthalb lernte zu laufen.

Die Koliken überwand er zwar schnell, essen tat er auch mehr als genug, aber er war tollpatschig und konnte sich nicht so koordinieren, wie es gleichaltrige Kinder bereits taten. Ständig stieß er an und verletzte sich. Und er war häufig krank.

Er schrie, und das immer noch oft und laut. Obwohl seine Eltern sehr geduldig waren, stießen sie mit ihm an ihre Grenzen. Vor allem, wenn ihm was nicht passte, er mit dem Kopf gegen die Wand schlug oder kratzte und biss.

Sie konnten die Bemerkungen der Leute, von wegen „Der braucht mal eins hinter die Ohren!“ schon nicht mehr hören. Denen zu sagen, dass sie sich gefälligst um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern sollten, hatten sie schon lange aufgegeben.

Keiner kam darauf, dass er auf äußere Reize teilweise sehr sensibel reagierte.

Also Augen zu und durch. Kann ja nur besser werden.

In der Kinderkrippe fiel der Junge nicht sonderlich auf, weil Kinder mit zwei, drei Jahren zwar den Kontakt zu ihresgleichen suchen, aber im Normalfall noch nicht gemeinsam spielen, eher nebeneinander.

In dieser Zeit gestalteten sich seine seltenen Kontaktversuche so: Er lief zu den anderen Kindern, sie liefen vor ihm davon. Er hielt es für ein lustiges Spiel. Warum nicht?

Erst als Kai in den Kindergarten wechselte, kristallisierte es sich heraus, dass er Kontakt zu den anderen wollte. Sehr sogar. Entweder war er laut den Betreuern zu unbeholfen oder die Kinder ließen ihn nicht in ihre Nähe.

Er war ein durchaus aufgeweckter und neugieriger Junge, aber im Umgang mit anderen mehr als unsicher. Auf seine Weise eben. Besonders.

Meistens lachten sie über ihn. Er redete kaum. Nicht selten waren es komische Laute. Oder seine Sätze wurden zu komplex. Seine Stimme war meist leise und monoton.

Oder er blieb irgendwo hängen, stieß sich mehr als die anderen Kinder, denn seine Bewegungen schienen unkoordiniert.

Manchmal bewegte er seine Arme blitzschnell, wenn er diese in die Haltung riss, die er eigentlich einnehmen wollte und dabei häufig über sein Ziel hinausschoss.

Es kam auch vor, dass er jemanden erschreckte, wenn er plötzlich neben oder hinter demjenigen stand.

Unterm Strich: Er war den meisten Menschen auf irgendeine Weise unheimlich. Entweder gingen sie ihm aus dem Weg, oder sie fuhren ihn aus heiterem Himmel wegen nichts an.

Bestenfalls wirkte er auf die meisten Menschen schüchtern und in sich gekehrt.

Auch seinen Eltern erging es so. Sie waren deswegen stark im Zwiespalt, denn einerseits liebten sie ihn, es war ihr Kind, andererseits konnten sie ihm keine Nähe geben. Irgendetwas hielt sie zurück.

Zum Teil wünschten sich beide einen Jungen, der sich normal entwickelte, auch wenn es ihnen nur darum ging, ihn auf diese Welt gut vorzubereiten.

Sie puschten ihn, wenn es um Fähigkeiten ging, die er ihrer Ansicht nach, in einem bestimmten Alter haben müsste. Das tat ihm nicht gut, weil er auf irgendeine Art spürte, dass er irgendwie... unzureichend war. Einerseits wollte er vieles alleine rauskriegen, andererseits brauchte er für dies oder das sein eigenes Tempo.

Er klagte mehrmals bei seiner Mutter über Unwohlsein oder diffuse Kopfschmerzen, weswegen er öfter in die Kinderklinik musste. Allerdings fand man dort keine Ursache dafür.

Mit vier Jahren fiel er einmal vom Klettergerüst, wobei er sich den Kopf stieß. Das gab eine ordentliche Gehirnerschütterung, aufgrund derer er zwei Tage im Kinderkrankenhaus verbringen musste.

Danach musste er zu Hause acht Tage lang Bettruhe halten, was ihm sehr schwer fiel, denn ihn zog es aus unerfindlichen Gründen hinaus, in die Natur.

Die allgemeinen Gesundheitsuntersuchungen, welche im Kindergarten jährlich von den Ärzten vorgenommen wurden, ergaben nur, dass er schlecht sah und deswegen eine Brille brauchte.

Dass die anderen Kinder so gar nichts mit ihm anfangen konnten, fand Kai ziemlich doof. Er zog sich mehr und mehr zurück, obgleich es von seiner Seite her Versuche gab, auf die anderen Kinder zuzugehen.

Sie verstanden ihn nicht. Konnten sie auch nicht. Vor allem, wenn der kleine Junge jemanden mit seinen tiefblauen, durchdringenden Augen ansah. Die wenigsten konnten das aushalten. Sie wandten meist den Blick ab, weil ihnen das unangenehm war.

Auch vielen der Erzieherinnen war dieser Junge zum Großteil in einer tiefen Ebene unangenehm. Sie konnten für diese Wahrnehmung genauso wenig, wie er an sich was hätte ändern können. Er verstand das ja nicht. Wie auch?

Weil er mit der Situation irgendwie umgehen musste, lief er oft über die Wiesen oder in Sträuchern herum, wenn er welche fand, um kleine Tiere zu beobachten.

Jedes noch so kleine Fleckchen Grün wurde von ihm genauestens unter die Lupe genommen. Er liebte die Pflanzen, die Tiere und die Natur insgesamt einfach.

Er erfand sogar einen Fantasiefreund. Einen kleinen gehörnten Teufel, von dem er öfter träumte. Vor allem sah er ihn fliegen, irgendwo hochklettern, springen oder rennen.

Der war schwarz, hatte rote Haare und rote Augen und Krallen wie ein Hund oder eine Katze an Händen und Füßen.

Das imaginäre Wesen hatte etwas Wildes an sich. So wie Kai manchmal, vor allem, wenn er doch einmal wütend wurde.

Oft stellte sich der Junge vor, wie es wäre, gemeinsam mit dem für andere unsichtbaren Geschöpf, herumzutoben oder zu lachen.

Er brauchte ja auch wenigstens einen Freund, der ihn verstand. Ganz alleine für sich. Deswegen redete der Kleine viel mit sich selbst, meist in einer eigentümlichen Sprache.

Irgendwann versuchte er den erfundenen Freund zu malen. Er bekam aber nur den Kopf hin, denn menschliche Körper gelangen ihm in dieser Zeit noch nicht.

Er gab ihm auch einen Namen, den er mit den Buchstaben schrieb, die er bereits kannte: Shynn.

4

Der Dämon hielt immer noch Ausschau nach dem, was ihm fehlte, was Kai repräsentierte oder sein Vorleben, während er sich von dem leuchtenden Gras erhob.

Bei jeder seiner Berührungen oder jedem Druck, den er ausübte, schien es einen kurzen Moment heller zu leuchten.

Als er sich genauer umsah, nahm er auch zugleich seine Umgebung mit Gehör, Geruchssinn und allen erweiterten Möglichkeiten wahr, die er in seiner jetzigen Erscheinungsform hatte. Dabei dachte er sich: Na ja, hier bin ich, ich versteh zwar nicht, was ich schon hier soll, aber was soll’s, kann’s jetzt nicht ändern.

Er sah auf die lila-violetten Berge, die, je länger er diese betrachtete, sich in Form und Farbe zu verändern schienen. Auf der anderen Seite erblickte er, als eine der wenigen Konstanten dieser Welt, die Wurzeln eines mächtigen Gewächses, dessen Ursprung nicht auszumachen war.

Die Auren, Geräusche und Gerüche verschiedener Pflanzen und tierähnlicher Geschöpfe durchzogen die Luft, die immer in Bewegung zu sein schien und auch in den verschiedensten Farbnuancen schimmerte.

Eine Herde von auf der Erde lange ausgestorbener Paarhufer rannte an ihm vorbei. Rehen in der Gestalt ähnlich, mit gegabelten hornartigen Strukturen auf der Schnauze und einem Paar Hörnern auf der Stirn, sprangen sie in meterhohen Sprüngen von Wurzel zu Wurzel.

Etwas schien sie erschreckt zu haben. Auch wenn dies grundlos war, da an diesem Ort die normalen Gesetze der Natur keine Rolle zu spielen schienen, die Überlebensinstinkte der Tiere waren immer noch vorhanden und ließen sich nicht ausschalten.

Im Hintergrund bewegte sich ein immens großes reptilienartiges Geschöpf stampfend umher, sodass der Boden durch die Erschütterungen erzitterte.

Es war durch die hohen wabernden Bäume kaum auszumachen, bis es auf einmal seine Form veränderte und in Schlangenlinien, Loopings und Kurven davonflog.

„Nichts ist hier wie es scheint“, sagte er zu sich selbst. Mit einem Mal fiel ihm wieder ein, dass er nackt war, auch wenn er sich bisher nicht drum gekümmert hatte, wenn er sich in dieser Form gezeigt hatte. Während er eigentlich bis vor seiner Ankunft in dieser Gegend ein menschliches Wesen war, nahm er sein jetziges Äußeres im vollem Umfang seiner uralten Macht sehr ernst.

Er konzentrierte sich, um sich zumindest ein paar Anziehsachen vorzustellen, weil er sich ohne doch doof vorkam und nicht so edel, wie er es vielleicht gerne wäre.

An seinem Körper erschienen weite olivgrüne Pluderhosen, dazu ein brauner Gürtel, dessen golden glänzende Schnalle mit sich immer wieder neu verschlingenden keltisch wirkenden Knoten verziert war.

Außerdem für jeden Arm braune Armstulpen, die Drachensymbole hatten und einen langen schwarzen Umhang mit – zur Gürtelschnalle passend – goldener Fibel.

Schuhe wollte er keine, denn er war stolz auf seine langen, raubtierhaften Krallen, die sowohl Hände als auch Füße zierten.

Er besah sich von oben bis unten und schien zufrieden mit seiner Erscheinung.

So ausgestattet, verließ er diese Gegend.

Während er das tat, dachte er daran, wie er das erste Mal manifestiert wurde, und was die Auslöser waren, und warum er überhaupt wissen konnte, dass er nicht nur als ein Junge wiedergeboren war, sondern auch IN einem Jungen.

Er war ein Junge, aber doch wieder nicht, ebendies galt, wenn er sich als Dämon betrachtete. Sie waren eins und doch wiederum nicht. Sehr seltsam, das!

Stimmt nicht. Ihm fiel ein, dass er als Kai unbewusst ein Stück seines Namens kannte, den er selber in dieser Wiedergeburt vergessen hatte: Shynn.

Das ist zwar nicht die ganze Wahrheit, aber immerhin besser als gar nichts, so nannte er sich eben fürs erste wieder Shynn.

Nicht, weil er seine Dämonengestalt im Leben so bezeichnete, sondern weil es richtig war, zumindest zu einem Teil oder ein bisschen.

Wie auch immer. War ja nicht das erste Mal.

Und immer, wenn er sich materialisierte, träumte Kai von ihm. Oder er verließ nur seinen Körper, um als Shynn zu handeln und dachte sein Leben lang, dass es nur ein Traum war. Auch wenn er dran zweifelte.

Bis es bittere Realität wurde...

Alles sehr merkwürdig... Allerdings... Das konnte er sich alles nicht erklären, so dachte er weiter nach...

5

Juni 1986, Kinderquerelen

„Brillenschlange!“, „Brillenschlange!“, „Brillenschlange!“, riefen die anderen Kinder seiner Gruppe in einem entnervenden Singsang. Yvonne, Maik, Christopher und die anderen. Eigentlich fast alle.

Dem Rest war es egal und die Erzieherinnen kümmerten sich nicht drum. Sie hielten es für normale Gruppendynamik und schritten in der Regel nur ein, wenn es jemand meldete.

Aber das machte für gewöhnlich keiner, denn niemand der anderen Kinder wollte als „Petzeliese“ bezeichnet werden.

Sie fuhren fort, Kai auf der Spielwiese – hinter den Büschen bei der Sandkiste – zu drangsalieren, wo er kurz zuvor einen schwarz-lila schillernden großen Käfer entdeckt hatte, den er sich genauer ansehen wollte.

In diesem Moment erschrak er sich, als ein Mädchen „Iiiiiiiiih!“ schrie, den Krabbler zertrat und Kai wegschubste, wo er sie gerade sichtlich erbost fragen wollte, was der Kerf ihr getan hatte. Es war Yvonne, eine schwarzhaarige kleine Göre in einem rosa Kleidchen.

Sie schaute ihn aus großen Augen an und sagte: „Na und? Du siehst schon selber fast wie ein Käfer aus, du Brillenschlange!“

Als sie das sagte, kamen gerade die anderen vorbei und stiegen gleich auf kindlich-grausame Weise in das Geschehen ein.

Sie schubsten Kai auf den Boden, zeigten mit dem Finger demonstrativ auf ihn, lachten und riefen immerzu dasselbe, während er das überhaupt nicht witzig fand.

Einfach so ein Insekt zertreten, das eigentlich recht hübsch war, als es noch ganz war. Es sah doch so faszinierend aus, wie das Tierchen versetzt zueinander immer drei Beine gleichzeitig vorwärts bewegte und mit seinen Fühlern wackelte.

Und was kann er schon für seine Brille? Ohne die sah er nicht einmal die nähere Umgebung scharf. Es nervte ihn, der einzige in der Gruppe zu sein, der eine Brille tragen musste.

Auch sonst konnte er mit den Kinderspielen der anderen wenig anfangen. Wenn er doch oft versucht hatte, sich den anderen anzuschließen, es wollte ihm nicht gelingen, sich Freunde zu machen, oder bei ihren Spielen mitzuhalten.

Aus seinen blauen Augen flossen die Tränen, was die anderen Kinder noch mehr zum Lachen brachte.

Kein Wunder, dass er lieber alleine spielte -

„Kinder! Reinkommen zum Mittagessen!“, riss die altbekannte Stimme der Erzieherin Frau Meyer mit der dunkelbraunen kurzen Dauerwellenfrisur die Kinder aus ihrem Unterfangen. Alle rannten über die Wiese zur gläsernen Eingangstür.

Alle außer Kai, der stattdessen missmutig und wesentlich langsamer hinterhertrottete und sich seine Tränen trocknete.

„Kai, du Bummelletzter, muss man denn immer auf dich warten? Die anderen sind schon da und du? Trödelst nur herum!“, versuchte sie ihn zur Eile anzutreiben, was die Kinder seiner Gruppe wieder zum Lachen brachte.

Er schaute sie nur mit einem leeren, dennoch gereizten, uralten Blick an, der doch irgendwie auszudrücken schien, dass er ihr am liebsten den Kopf abreißen würde, auch wenn das sicher nicht in der Absicht und jenseits der Art des viel zu ruhigen, schüchternen Kindes lag.

Sie wandte den Blick von ihm ab. Er war ihr unheimlich.

Es gab Bratwurst, Sauerkraut und Kartoffeln. Etwas, was Kai schon beim Gedanken zum Würgen brachte, weil sowohl in der Wurst als auch im Kraut die Kümmelkörner nur so wimmelten.Schon von dem Geruch wurde ihm anders... Zu viel Kümmelöl als Baby. Bäh.

Kai zwang sich so gut es ging das Zeug rein und verschwand nach dem Essen ganz schnell auf der Toilette, um zu brechen.

Er verzichtete gern auf den Pudding. Sein Appetit war nach dem Angriff, den Beleidigungen seiner Geschmacksnerven und des Kotzreizes ohnehin im Orkus der Kloschüssel gelandet.

Er spülte noch eben ab und wusch sich das Gesicht, denn er musste – wie alle anderen auch – Mittagsschlaf machen.

Den Nachmittag verbrachte er nach dem Ganzen lieber alleine und auf der Schaukel schwingend, während die anderen sich auf der Wiese einem Ballspiel hingaben.

Zumindest waren sie jetzt abgelenkt und ließen ihn für den Rest dieses echt beschissenen Tages in Ruhe. Bis seine Mama ihn endlich aus dieser Irrenanstalt – für heute – erlöste.

Sie bemerkte bereits seine schlechte Laune und fragte ihn, was wieder vorgefallen ist. Er erzählte ihr: „Das Essen schmeckte nicht, Bratwurst, Wäks! Und die haben mich wieder alle geärgert.“

Sie ging nicht weiter drauf ein, schwieg und dachte nur bei sich: Immer wieder dasselbe... Er wunderte sich, dass sie ihn nicht tröstete oder so.

Der Abend verlief ziemlich ereignislos. Es gab Graubrot mit Leberwurst und seine Lieblingslimonade. Danach kam der Sandmann, wo heute ein Märchen von einer Meerjungfrau gezeigt wurde.

Danach musste Kai schon ins Bett, wo er von seinen Eltern kurz – für seinen Geschmack zu kurz – gedrückt wurde, und bald darauf war er weggedämmert.

Nachtwandler

Als er eingeschlafen war und begann, in die erste Traumphase überzugehen, geschah etwas Merkwürdiges: Eine dunkle, von sich selbst aus in unheiligem Licht leuchtende, wabernde Masse verließ seinen Körper und schwebte über dem Bett, bis sie langsam die Form eines Kindes, Kai in Größe und Gestalt ähnelnd, annahm.

Unterschiedlich waren seine Hautfarbe, die eher fast schwarz war, seine Augen, die rot glühten und geschlitzte Pupillen, wie die einer Katze, aufwiesen.

Außerdem hatte das Wesen spitze, lange Ohren und zwei kleine Ansätze von Hörnern auf seiner Stirn. Im Gegensatz zu Kai hatte es keinen Topfschnitt, sondern seine roten Haare standen wie die Stacheln eines Igels zu Berge.

Die Zähne waren spitz, und die Finger- und Fußnägel glichen gekrümmten Krallen. Umgeben war das Geschöpf von einer flammenähnlichen, wabernden, rot schimmernden Schicht, einer Art Aura, die immer in Bewegung und Veränderung zu sein schien.

Es schaute sich im Zimmer um, während es noch immer über Kais Kopf schwebte, um sich zu orientieren.

Das Zimmer hatte ein Fenster, durch dessen dunkelblaue Vorhänge der abnehmende Mond schien, eine blau gestrichene Spielzeugkiste aus Holz mit darauf abgebildeten gelben und roten Blumen, einen großen, hellbraunen Kleiderschrank, eine ebenso gefärbte Kommode und einem metallenen Bett, das am Kopf- und Fußende Längsgitter hatte. Außerdem hing genau über dem Kopfende ein Blatt Papier mit einer Zeichnung.

Diese hatte er doch vor Kurzem erst angefertigt. Darauf war ein Gesicht abgebildet. Sein jetziges Gesicht. Das eines kleinen, schwarzen gehörnten Teufels mit roter Stachelfrisur.

Sogar ein Name stand da. Wahrscheinlich der, den er sich ausgedacht hatte, mit krakeligen Kinderbuchstaben, die er erstaunlicherweise schon mit seinen viereinhalb Jahren beherrschte: Shynn.

„Ich seh ja aus, wie auf dem Bild! Woher wusste ich denn, wie ich jetzt aussehe? Heiße ich jetzt so? Wie komme ich hierher und was mach ich jetzt?“, fragte sich der Kleine, während er auf sein menschliches Alter Ego schaute und sich wunderte, wie er gleichzeitig im Bett liegen und darüber schweben konnte.

Zuerst irritiert, versuchte er dennoch auszutesten, was er außer Schweben noch konnte. Er driftete im ganzen Zimmer herum und versuchte, Dinge zu greifen, was ihm auch gelang.

Er stellte auch fest, dass er jetzt ohne Licht alles erkennen konnte, wie sonst am Tag. Farben, die sich sonst nur im Hellen unterscheiden ließen und sogar was darüber hinaus ging, konnte er problemlos sehen. Und das zu allem Überfluss gestochen scharf, ohne Brille.

Als er weiter durch die Luft glitt, stellte er fest, dass er plötzlich nicht mehr im Kinderzimmer war, sondern in der Wohnstube.

Diese schien er durch die Wand betreten, beziehungsweise beschwebt, zu haben. Shynn drehte sich um, damit er zurück in sein Zimmer kam. Auch das gelang problemlos.

Dass er nicht nur schweben, sondern auch fliegen konnte, hatte er damit auch raus. Er überlegte, was er nun mit sich anfangen sollte, da er das erste Mal außerhalb seines Körpers agierte.

Ihm kam der vergangene Tag und was ihm passiert war wieder in den Sinn: Der Spott der anderen und der arme, totgetretene Käfer.

„Nun wird zurückgeärgert!“, nahm er sich vor.

Etwas anderes fiel seinem noch kindlichen Gemüt anscheinend nicht ein. Es trieb ihn sogar regelrecht dazu. Schließlich sah er jetzt aus wie ein Teufel, also konnte er sich auch wie einer benehmen.

Er verließ das Zimmer direkt durch die Außenwand und flog in die klare, wolkenlose Nacht hinein. Draußen schaute er sich erneut um und betrachtete sein Wohnhaus genauer.

Eine schmucklose beige Fassade in einer großen Plattenbausiedlung. Der zweite Stock links am Eckhaus.

Gegenüber war ein Parkplatz, dem eine Wiese folgte. Danach kam eine Hauptstraße. Auf der anderen Straßenseite war eine Einfamilienhaussiedlung und eine modern gebaute Kirche.

Außer den realen Eindrücken von Mondlicht und orangenem Schein der Straßenlaternen, spürte Shynn noch etwas anderes: Anwesenheiten von Lebewesen, lange bevor er sie sehen konnte.

Und er hörte die Geräusche nachts umherstreifender Wesen. Katzen vorrangig, die sich balgten, Hunde die bei jedem Geräusch kläfften, Marder, die unter den Autos gern die Kabel benagten, Nachtinsekten mit ihrem leisen Summen, während sie von Lichtern angezogen wurden oder zu unergründlichen Zielen hinflogen.

Zudem auch fremdartige Auren, die seiner eigenen ähnelten – andere Nachtgespenster wie ihn – denen er lieber aus dem Weg gehen wollte, da er sie nicht kannte.

Er versuchte, die Kinder aus seiner Gruppe ausfindig zu machen, weil er ihre Wohnorte nicht kannte. Er war schließlich noch nie bei einem von ihnen gewesen. Als ob sie ihn je eingeladen hätten...

Er versuchte sich auf sie zu konzentrieren, intensiv an sie zu denken...

Da! Da waren sie! Alle nicht sehr weit von ihm entfernt. Leicht rosa, die Aura von Yvonne. Grün, die von Maik. Auch das helle Blau von Christopher bemerkte er. Und die der anderen.

Prima!, dachte er nur und rieb sich diebisch grinsend die Hände. Als er damit fertig war, machte er sich auf den Weg zum Nächstbesten, Patrick, der wohnte nicht weit von hier.

Dämonenbengel

Immer der Präsenz folgend, schwebte Shynn durch die betreffende Wand in Patricks Zimmer, welches gut aufgeräumt war.

Er wusste, dass der Junge im Kindergarten immer penibel angezogen und ziemlich eingebildet war. Nun wusste er, was er hier zu tun hatte.

Er nahm die Kleiderkommode auseinander, indem er die ganzen Klamotten herauswühlte. Die besten Sachen zerriss er in tausend Fetzen. Die schlechteren bemalte er mit Filzstiften.

Von den Socken und Handschuhen machte er immer einen Teil eines Paares kaputt, und den anderen sortierte er wieder in die Schubladen ein.

Die Schnürsenkel fummelte er aus den Schuhen heraus und ließ diese verschwinden.

Zufrieden mit seinem Werk verschwand er aus Patricks Zimmer, bedauernd, dass er den Ärger, den dieser morgen von seinen Eltern bekommen würde, nicht mitverfolgen konnte.

Dafür sah er ihn im Kindergarten... wenn der sich noch hin traute. Er kicherte in sich hinein.

Enrico machte er auch sogleich seine Aufwartung. Der wohnte gleich nebenan. Ihm verdarb er mit Hilfe von viel Salz und Pfeffer sein Lieblingsmüsli in der Schachtel. Zudem füllte Shynn noch etwas davon in die Trinkflasche des Kindes, die schon für den kommenden Tag bereit stand, mit Saft gefüllt zu werden.

Auch hier würde er das angeekelte Gesicht nicht sehen können, bei dem er sich so schon totgelacht hatte, wenn er es im Kindergarten auf diese Weise verzog.

Dessen runde Nase hatte dann unglaublich lustige Falten. Na ja, Enrico sah einfach mit jeder Grimasse komisch aus. Darüber lachten sich die meisten der Kinder krumm.

Maik, einer der Schlimmsten von allen, besuchte er als Nächsten. In dessen Zimmer sah es anders aus. Der rothaarige Junge mit den Sommersprossen schlief nämlich immer umringt von seinen Kuscheltieren, die er scheinbar dringend zum Schlafen brauchte.

Das war einfach: Er riss Bärchen und Häschen und allen anderen Plüschtierchen die Nähte auf, kehrte das Innerste nach außen und verteilte alles im ganzen Zimmer.

Seiner zwei Jahre älteren, ebenso rothaarigen Schwester, die genau wie Maik auch immer auf ihm herumhackte und im Nachbarzimmer schlief, köpfte er die ganzen Puppen, welche sie, ähnlich ihrem Bruder, im Bett um sich herum zu drapieren pflegte.

Ihre beiden Lieblingspuppen – die blonden Barbies aus den Westpaketen, andere Anziehpuppen und Babypuppen, die meisten waren nach der Aktion etwas… kopflos. Manche wurden auch arm- oder beinlos. Oder alles los. Egal. Das Ergebnis zählte.

Der dunkelblonde Christopher, der im Sommer sehr gebräunt war, wohnte ein paar Straßen weiter weg. Auch dort sah er sofort, was er tun konnte: Chris liebte Ballspiele, er forderte die anderen immer dazu auf.

Er hatte verschiedene Bälle. Sein liebster jedoch war ein einfacher Fußball mit sämtlichen Originalunterschriften der Spieler seines Lieblingsvereins.

Shynn schwebte in die Küche und nahm sich ein scharfes Messer und versuchte damit durch die Wand ins Kinderzimmer zu kommen.

Dies gelang ihm nicht. Anscheinend konnte er keine festen Gegenstände mit durch Wände nehmen. Na ja, dann eben nicht. Leise öffnete er stattdessen die Tür.

Der Kleine suchte den Raum ab. In einem Korb in der Ecke lagen die Bälle, welche Chris besaß. Das Messer kurz weglegend nahm er die Bälle alle aus dem Korb.

Dann griff er die Klinge wieder auf und stach auf jeden einzelnen Ball ein. Zischhhhhhhhhhh machte es, als die Luft aus ihnen entwich.

Zufrieden war er noch nicht, da ja noch das Wichtigste fehlte: Chris’ Lieblingsball. Der sollte auch mal wissen, wie sich Verlust anfühlte, schließlich hat der Kacker letztens sein (Kais) Lieblingsbilderbuch zerrissen und in den Dreck geworfen.

Endlich fand er ihn. Unter dem Bett sorgsam verwahrt, das Geschenk seines großen Bruders zu seinem letzten Geburtstag.

Der spielte ja in dem Verein in der C-Jugend und hatte sogar ein paarmal Kontakt zu den Spielern der ersten Liga, die ihm eben alle den Ball unterschrieben hatten. Shynn nahm den Ball in die Hand und stach erneut mit dem Messer auf das Lieblingsteil ein. Mehrmals.

Er zerschnitt die Nähte und stach richtiggehend in die Namen ein. Als er damit fertig war, legte er das Messer auf den Spieltisch.

Jetzt war er zufrieden. Familiendrama vorprogrammiert.

Eine fehlte noch. Die konnte sich auch auf etwas gefasst machen. Yvonne! Das Mädchen wohnte noch ein Stück weiter in völlig anderer Richtung. In der Siedlung.

Den Weg zu ihr fand er spielend. Er musste nur dieser eklig-zuckersüßen rosa Spur folgen, bei der es ihn schauerte. Kleine verwöhnte Prinzessin!

Natürlich hatte sie ein riesiges Zimmer in einem eigenen Haus, welches sie mit ihrer Familie bewohnte. Rosa Tapete, rosa Gardinen, rosa Bettwäsche... Scheußlich! Er rümpfte die Nase.

Hier waren es ihre Stifte, die ihm ins Auge fielen. Er überlegte, was er Schönes malen sollte und dachte daran, sich an den Kritzeleien zu orientieren, die er unterwegs gesehen hatte. Solche, wie sie die Jugendlichen an manchen verborgenen Ecken anbrachten.

Er nahm sich einen Stift und machte sich an die Arbeit. Auch selbstgezeichnete Bilder des Mädchens nahm er sich vor und versah sie mit ziemlich schweinischem Zusatzmaterial.

Die besseren Motive hatte er sich jedoch für die Wände aufgehoben: Bestimmte Körperteile oder Menschen bei der Notdurft brachte er an, aber auch Paare – in verschiedenen Stellungen zugange – krakelte er in einem Kinderstil an die Tapete.

Schreiben tat er lieber nicht. Denn das konnte die dumme Trine nicht. Er war der einzige, soweit er das wusste, der das in dem Alter schon halbwegs zustande brachte.

Wenn das morgen keinen Ärger gab. Die werden sich freuen.Hihihi! Auch hier hatte er ganze Arbeit geleistet.

Er stellte aber fest, dass die Nacht bald vorbei war und das Schwarz des Himmels sich langsam bläute. So machte er sich davon, gespannt, ob er die Ergebnisse seiner Untaten mitbekommen würde.

Kaum zu Hause, schwebte er durch die Wand in sein Kinderzimmer und hin zu seinem Körper, während er anfing, sich allmählich in Luft aufzulösen.

Er wurde etwas durchsichtig, wie er an seinen Händen feststellte. Immer transparenter wurde er, bis er nur ein fast nicht vorhandener Schemen war, der schlussendlich komplett verschwand...

Alles nur ein Traum?

Bald darauf wachte Kai auf. Ihm war schlecht. Seine Träume hatten ihn verwirrt. Er hatte von einem kleinen schwarzen Teufel geträumt, den er schon in früheren Nachtgesichtern sah. Den er sogar einmal gemalt und ihm auch einen Namen gegeben hatte: Shynn.

Dieser Teufel schwebte über seinem Kopf, in seinem eigenen Zimmer.

Wie kann das sein???

Und was der da alles angestellt hatte. Mit wem? Die sahen alle aus, wie die aus meiner Gruppe. Unmöglich!

Autsch! Der Kopf schmerzte etwas. So ein leichtes Drücken im vorderen Schläfenbereich. Appetit hatte er auch kaum.

„Mama! Ich mag nicht in den Kindergarten gehen. Kann ich heut zu Hause bleiben?“

Diese war noch ziemlich verschlafen. Ihr war das gar nicht recht, weil sie heute nämlich Haushaltstag hatte und sie sagte: „Hab dich nicht so! Sei froh, dass du dahin gehen kannst! Andere Kinder kriegen das auch hin! Man kann’s auch übertreiben. Sei doch mal etwas härter, du kleines Sensibelchen!“

Kai mochte es nicht, wenn sie ihn so nannte, und wenn sie seine Sorgen und Nöte nicht ernst nahm. In seinem Kopf sah er den kleinen schwarzen Teufel, der genauso wütend schaute wie er selber, mit demselben Gesichtsausdruck wie sein eigener.

So musste er doch wieder in den Kindergarten. Schon als sich alle die Jacken auszogen, bemerkte er die komische Stimmung. Einige Eltern waren missmutig, wenn nicht ziemlich verärgert.

Ihre dazugehörigen Kinder waren kleinlaut, unsicher oder ebenfalls sauer. Alle sahen zudem auch aus, als verstünden sie die Welt nicht mehr. Oder ihre kleinen Welten wurden ziemlich in Mitleidenschaft gezogen.

Bei Yvonne, Christopher und Maik hing nämlich der Haussegen schief. Was da wohl passiert ist?, fragte sich Kai ziemlich ahnungslos.

Und was war mit Patrick los? Den hätte Kai fast nicht erkannt. Er lief in alten abgetragenen Klamotten herum, zwei verschiedene Socken hatte er auch an und einen Gesichtsausdruck, als sei ihm das echt peinlich und unangenehm.

Genau den gleichen wie dessen Mama aufsetzte; auch ihr war es peinlich, mit Patrick so in der Öffentlichkeit herumlaufen zu müssen.

Er konnte es kaum fassen, aber Patricks Klamotten und wie er aussah, das erinnerte ihn an seinen Traum. Der schwarze Teufel hatte sich ja darin an Kindersachen ausgelassen und diese futschisiert.

Christopher, Yvonne, Maik und Patrick fingen unabhängig voneinander zu heulen an, weil sie genau wussten, dass der Ärger heute Nachmittag zu Hause noch für sie weiterging.

Obwohl sie nicht mal verstanden, wer ihre Sachen zerstört hatte und auch nicht einsehen wollten, beziehungsweise konnten, dass außer ihnen kein anderer dafür infrage kam. Sie selber hatten doch gar nichts gemacht. So dachten sie und beharrten auch darauf.

Kai nahm sich vor, seine Ohren zu spitzen, um mitzukriegen, was bei denen passiert war.

Enrico hingegen benahm sich fast normal. Aber dem dunkelhaarigen Jungen schien sein Frühstück nicht gemundet zu haben. Er rieb sich immer mit der Hand über die Zunge, wie als hätte etwas ganz furchtbar geschmeckt. Er schaute etwas weniger missmutiger als die anderen.

Beim Frühvesper passierte es: Enrico holte sich seine Trinkflasche und hob an, einen Schluck zu sich zu nehmen, als er plötzlich ausspuckte und die Flasche fallen ließ, deren Inhalt sich über den PVC-Boden ergoss.

Sein Gesicht, zur Faust geballt, sah fast so aus, als bestünde es nur noch aus einer einzigen Falte, die quer von einem Ohr zum anderen ging. „BÄÄÄÄÄH!“, machte er. „Eeeeeklig! Der Saft schmeckt ja widerlich!“

Alle Kinder, die das mitbekamen, lachten sich über das Schauspiel halb tot. Sie fanden Enricos Gesichtsfasching auch immer wieder lustig, gingen sie doch davon aus, dass das eben nur Spaß war.

Kai lachte auch, aber er ahnte, dass das mit seinem Traum zusammenhing. Er lachte mehr, weil er wusste was darin mit der Trinkflasche, oder vielmehr dem Inhalt, geschehen war.

„Was ist hier los??“, meckerte Frau Meyer. „Enrico! Was soll die Sauerei? Musst du dich schon wieder zum Clown machen? Hol sofort den Lappen und mach das weg! Oder denkst du, ich habe Lust hinter dir herzuwischen? Du bist schon fast fünf, also sei den anderen Kindern ein Vorbild. Danach darfst du den Vormittag in der Ecke verbringen!“

Damit war der Tag also auch für Enrico gelaufen, und das endgültig. Er fiel ebenfalls in das Heulkonzert der anderen ein.

Kai konnte das nicht glauben.

Als sich die Lage gegen Mittag etwas beruhigt hatte, saßen sie alle beieinander und unterhielten sich. Kai tat, als malte er irgendwas und belauschte die anderen. Er stellte nämlich fest, dass er sie auf einmal aus dieser Entfernung klar und deutlich hören konnte.

„... meine Kuscheltiere sind alle kaputtgemacht worden. Bei meiner Schwester sind die Puppen auch auseinander“, berichtete Maik den anderen sichtlich aufgebracht.

„Bei mir waren’s meine schönen Bälle. Und *schnief* mein Lieblingsfußball... Das verzeiht mir mein Bruder nie... *heul* Hat mir vorhin eine gehauen“, schluchzte Christopher.

„Meine Wände sind bemalt. Und meine Bilder sind auch alle kaputt. Auch bemalt! Mit Pullermännern und so was. Eklig!“, sagte Yvonne. Auch sie war sichtlich wütend und irritiert.

„Meine Anziehsachen sind auch kaputtgemacht worden. Meine Lieblingssachen. Und Socken fehlen. Nun muss ich immer unterschiedliche anhaben. Wie ein Clown im Zirkus“, flennte Patrick bittere Tränen.

„Und wer war das?“, fragte der eine oder andere.

„Wisst ihr es auch nicht?“

„Äh-äh!“, machten alle.

„Meine Eltern glauben mir nicht, dass ich das nicht war.“

„Meine auch nicht.“

„Meine auch nicht.“

Maik antwortete: „Unsere auch nicht. Meine Schwester hat auch gesagt, dass sie das nicht war, weder meine Kuscheltiere noch ihre Puppen.“

„Mein Vati sagte, dass ich eine Weile Stubenarrest bekomme.“

„Ja, Ärger krieg ich auch.“

„Und ich erst. Hab richtig Angst.“

Der festen Überzeugung, das alles nur geträumt zu haben, wunderte sich Kai über das Gesagte immer mehr.

Oder doch nicht? Kann das sein?

Ihm wurde klar, dass er den Ärger abbekam, wenn er das jemandem erzählte. Außerdem würde ihm das niemand glauben, dass sein Traum von anderen die Sachen kaputtmacht...

Ihm tat das auf der einen Seite leid. Andererseits haben sie ihn gestern auch ziemlich geärgert. Sie waren sich anscheinend keiner Schuld bewusst. Woher auch?

Vielleicht ließen sie ihn heute in Ruhe. Und das taten sie, denn sie hatten andere Dinge im Kopf, denn zum Teil hatten sie schon ihre Strafe.

Den Rest machten später ihre Eltern. Vielleicht hörten sie dann endlich auf, so gemein zu sein, hoffte er.

Die anderen Kinder hörten nicht auf. Aber sie waren nicht mehr so schlimm wie an diesem Tag. Es schien so, als ob in ihnen etwas zerstört wurde. Sie hatten schließlich Erfahrungen gemacht, die ihre Welt gründlich durcheinander brachten.

Der hellblonde und sehr bleiche Patrick war nicht mehr so schnöselig und ging niemandem mehr mit seinen Klamotten auf die Nerven: er bekam diese nur noch fast ausschließlich gebraucht.

Maik hielt sich oft nur noch abseits, ebenso seine Schwester.

Christopher und sein Bruder sprachen kaum noch miteinander, und die Lust an Ballspielen war ihm auch abhanden gekommen. Er durfte auch nicht mehr zu den Spielen seines Bruders.

Und Yvonne? Die hatte wochenlang Stubenarrest und wurde von da an nicht mehr so verwöhnt wie früher.

Die kleine „Ärgere-Kai-Bande“ löste sich mehr oder weniger auf.

6

Shynn rannte, sprang und kletterte die Gegenden entlang, die teilweise frei schwebten, vielfältiger und weiträumiger waren, als es sich ein Mensch vorstellen konnte. Diese Welt vereinte mehr Lebensräume als die Erde je hatte.

Er kam in einen Wald voller fremdartiger, dunkler, blau-violetter Bäume, die höher waren und anders aussahen als die irdischen. Selbst die Geräusche und Gerüche dieses Gebietes waren fremdartig und mit nichts auf der Erde zu vergleichen.

Zwischen ihnen wuchsen ebenso ungewöhnliche Pflanzenderivate von ähnlichen Farben. Viele von denen hatten Blüten, die zu pulsieren schienen.

Pilzähnliches Geflecht kroch hier schneckenartig herum, türmte sich zu Fruchtkörpern auf, pulsierte erneut, löste sich auf und floss weiter.

Viele vogelähnliche Kreaturen von verschiedenen Größen, Formen und Farben flatterten zwischen ihnen hin und her.

Im Hintergrund sah er sogar ein Geschöpf, welches einem riesigen Wolf glich. Wenn dieser in seiner Nähe wäre, könnte er nicht einmal eins der Beine umfassen.

Er erschrak kurz, blickte zu dem weit entfernten Wesen, dessen silbriges Fell leuchtete und sich gleich einer Aura bewegte. Seine grünlich-gelben strahlenden Augen schienen Shynn ebenfalls zu fixieren.

Er spürte, dass er nichts vor dem Tier zu befürchten hatte, denn es strahlte eine Ruhe und Weisheit aus, wie sie nur die ältesten Geister haben konnten.

Die Wolfskreatur wandte sich von ihm ab und trottete davon.

Leuchtende Schmetterlinge umflatterten ihn, berührten und kitzelten ihn, fingen an, ihn zu kratzen. Kratzen?

Verdammter Mist!Diese Viecher haben mir gerade noch gefehlt. Eins ist schon schlimm genug, aber gleich ’ne ganze Meute... Dämliche Waldfeen!

Er verfolgte deren Flugbahnen und versuchte, eine davon im Flug zu erwischen.

Die Flatterwesen waren flink und wendig. Sie summten und pfiffen leise und schienen ihn zu verspotten. Er wurde sichtlich gereizt, was sich fast sofort auf seine Umgebung übertrug: Sie erschien ihm auf einmal feindseliger, dunkler. Die Lebensformen im Wald wirkten aggressiver.

Äste, Ranken, Wurzeln und Blüten fingen an, nach ihm zu schnappen.

Als er bemerkte, dass er es jetzt nicht nur mit Feen, sondern mit allen möglichen Kreaturen zu tun bekam, zählte er eins und eins zusammen und dachte sich, dass das veränderte Aussehen und Verhalten der Umgebung im Zusammenhang mit seinem gesteigerten Zorn stand.

Er atmete mehrmals tief ein und aus und zwang sich zur Ruhe. Er schloss die Augen, dachte an eine x-beliebige Farbe und zählte kurz bis drei.

Die Gegend und alles, was damit in Verbindung stand, entspannte sich ebenfalls.

Er hörte ein leises Flügelschlagen aus nächster Nähe, etwas rechts von ihm. Blitzschnell fuhren seine Hände in Richtung der Geräuschquelle und schnappten zu.

Er hatte es!

Mit der linken Hand fasste er sanft, aber bestimmt, die Flügel und besah sich das Wesen: Es war so lang etwa wie sein Finger, von androgyner, menschenähnlicher Gestalt und hatte einen Schopf von lila Haaren.

Die Farbe des Geschöpfes war bleicher als ein Mensch des Nordens, fast weiß. Die Augen waren dunkel und es hatte kleine, spitze Ohren und auf der Stirn ragten zwei zarte Fühler, die denen von Schnecken glichen. Die Flügel schillerten in allen möglichen Farben.

Aber sie fingen an, sich dunkel zu verfärben. Scheinbar war die kleine Fee gerade nicht sehr zufrieden mit ihrer Lage, denn sie wurde ärgerlich und fing mit ihrer piepsigen Stimme schrecklich an zu schimpfen, genau wie ihre Kameraden, die es aber vorzogen, auf einem gewissen Abstand zu bleiben.

Die Umgebung begann erneut, sich etwas zu verändern, aber nicht so stark, wie sie es bei Shynn tat. „Halt du bloß deinen Rand!“, sagte er barsch.

Dabei wurde er sich bewusst, dass er nicht in seiner bisher gewohnten menschlichen Sprache sprach, sondern in der Ursprache der Seelen, die unendlich viele Wörter zu haben schien. So wie er wusste, dass es sich bei den Wesen um Waldfeen handelte. Er grübelte darüber kurz: Woher weiß ich das? Ist vielleicht normal hier, oder Relikte von meinen Erinnerungen?

Er sprach sie, als beherrschte er sie schon immer. So, wie jede andere Kreatur hier, verstand er diese auch. „Bist selber schuld, wenn du und deine Mischpoke mir auf den Sack gehen wollen. Was sollte der Scheiß?“

Die Fee war nun etwas beleidigt. „Es sollte doch nur ein kleiner Spaß werden.“

„Toller Spaß! Seid ihr noch Kleinkinder? Hat euch noch keiner beigebracht, wann ein Spaß denn vorbei ist? Zu deiner Information: Das ist frühestens der Fall, wenn das Objekt eures Scherzes nicht lacht und spätestens dann, wenn es sauer wird! Also wunder dich nicht, wenn dir auch mal die Grenzen gezeigt werden, du Schmettergake!“

Das kleine Wesen wimmerte: „Entschuldigung, das haben wir im Übermut nicht mitbe-“

„Ja, das ist immer so, das kriegt keiner mit!“, schnitt er ihr das Wort ab. „Na ja, es wurde ja niemand verletzt. Nur dein Stolz hat etwas gelitten, das ist zu verschmerzen. Sei froh, dass ich dir deine Flügelchen nicht ausgerissen oder dich zerklatscht habe“, setzte er mit einem gespielt-gehässigen Unterton fort und beruhigte sich langsam wieder.

Mit einem ironischen, dreckigen Grinsen im Gesicht stellte er zufrieden fest, dass er nun seinerseits dem Geschöpfchen einen gehörigen Schrecken eingejagt hatte.

Er setzte es bedacht auf seine freie Hand und ließ die Flügel los. Auch die Sippschaft der Waldfee entspannte sich und kam wieder näher.

Shynn ließ sich auf einem moosbewachsenen Stein nieder. Die Wesen verteilten sich alle auf die nächstliegenden Äste und fingen an, sich zu unterhalten.

Die ehemals gefangene Fee machte sich zum Sprecher ihrer Gruppe, um zu verhindern, dass er sich auf zu viele piepsige und leise Sprecher konzentrieren musste.

„Wer bist du? Und wo willst du denn hin?“, fragte sie.

Er rieb sich die Nase und antwortete: „Genaues weiß ich auch noch nicht. Im Moment nenn ich mich Shynn, bis mir mein richtiger Name wieder einfällt und ich mein komplettes Gedächtnis wiederhabe. Ich weiß, dass mir – seit ich hier bin – ein Teil dessen fehlt, und ich auch im Grunde nicht hier sein sollte...“

„Augenblick mal! Wo du hier bist, weißt du?“ kam es von einer anderen Feenkreatur.

„Ja, soviel ist mir klar, dass ich von hier komme. Aber eigentlich hatte ich ja ein völlig anderes Leben.“

„Du bist seltsam, weil du so aussiehst, als gehörst du eher hierher, und nicht in die andere Welt.“

„Ihr kennt euch anscheinend etwas aus.“

Die kleine Fee lächelte geheimnisvoll. „Ja, denn wir sind schon sehr alte Geschöpfe...“

Er war wegen diesen Worten sichtlich erleichtert und fragte: „Könnt ihr mir dann sagen, warum ich nur zum Teil hier bin? Seit ich vor nicht allzu langer Zeit hier aufgetaucht bin, fiel mir auf, dass der Ort mir nicht neu ist. Mein Name kam mir auch in den Sinn. Außerdem verfüge ich über die Erinnerungen meines Vorlebens, aber alles von weiter vorher ist mir fast vollständig entfallen. Ich verstehe und spreche die hiesige Sprache. Einiges ist noch da, aber wie ihr bemerkt habt, bin ich scheinbar auch sehr alt. Doch ich wurde als Mensch wiedergeboren, also müsste der Teil von diesem Leben auch noch hier sein, bei mir oder in mir, oder versteh ich das falsch?“

Die Wesen hörten dieser Aussage aufmerksam zu, aber konnten das Gesagte nicht wirklich erfassen, denn es war zu absurd. Das war etwas noch nie Dagewesenes. Zumindest nicht so weit sie sich auskannten.

Wie aus einem Mund kam es von ihnen: „Wie? Was? Das kann doch nicht sein! Wie ist das möglich?“ Was bei der Heftigkeit des Erstaunens auch wieder die ganze Umgebung in helle Aufregung versetzte.

Der Wind wehte heftiger, Vögel flatterten kreischend auf, Niederwild rannte umher, aber alles beruhigte sich rasch.

Shynn sagte: „Alles gut, ich kann euch nur sagen, was ich weiß. Ich war schon vor dem letzten Leben alt, in dieser Zeitspanne sind sicher Dinge vorgefallen, über die ich noch nicht bereit bin, zu reden. Auch das sollte eigentlich nicht sein, weil jede Seele vor einer Wiedergeburt – laut Theorie – automatisch gereinigt wird. Bei mir war das anscheinend nicht passiert. Und dass meine Seele anscheinend geteilt wurde, kann ich mir auch nicht erklären.“

Die Feen fragten neugierig: „Was kannst du uns über dein letztes Leben erzählen?“

„Alles, was ihr wissen wollt“, erwiderte er...

7

Samstag, der 30. August 1988, ABC-Schütze

Kai ging es seit den letzten Sommerferien wesentlich besser, die er mit den Eltern im Urlaub an der Ostsee verbrachte und dann bei der Heimreise das Betriebsferienlager vom Kombinat des Vaters besucht hatte, wo er voraussichtlich nächstes Jahr hingehen würde.

Während des zweiwöchigen Urlaubs in einer Bungalowsiedlung auf der Insel Rügen, kam er zu seinem Glück nur mit wenigen Kindern in Kontakt und konnte für sich viele Freiräume finden.

Er nutzte die Zeit, um auf den Wiesen zu wandern und sich die Insekten und anderen kleine Tiere, die es dort zu entdecken gab, genauer anzusehen, den Geruch des Grases und der Blüten zu riechen und dem Gezwitscher der Vögel zu lauschen.

Er rannte viel, kletterte und sprang wie ein junger Hase durch die Gegend. Er blühte sichtlich auf, weil er sich frei fühlte. Ohne dass er gezwungen war, sich mit anderen Kindern zu messen.

Der Sommer, der recht warm war, ging schnell zu Ende und für Kai sollte bald die Schule beginnen. Heute – zum Samstag – war die Schulanfangsfeier.

Da der Papa auf Geschäftsreise war, konnte er leider nicht dabei sein, so blieben nur die Oma und die Mama. Und ein Bekannter der Eltern hatte sich bereit erklärt, das Ereignis für die Familie mit einem Fotoapparat festzuhalten.

„Kai, aufstehen! Heute ist dein großer Tag! Wir müssen uns fertig machen!“ flötete seine Mama, während sie übertrieben fröhlich in sein Zimmer stürmte und die Vorhänge vor dem Fenster aufriss und wieder durch die Tür verschwand.

Es war so weit: Nun kam das, was die Großen als den „Ernst des Lebens“ bezeichneten. Die Schule. Er hatte schon eine Vorstellung, dass er nun Lesen, Schreiben, Rechnen und viele andere Dinge lernen sollte.

„Kai, los jetzt! Geh dich waschen. Deine Sachen leg ich dir hin“, drängte ihn seine Mutter mit vibrierendem Unterton durch mehrere Räume zur Eile. Kai rieb sich noch recht schlaftrunken die Augen und ging sich waschen. Er putzte sich die Zähne und fing an, Wasser für die morgendliche Katzenwäsche ins Waschbecken laufen zu lassen.

Nachdem er das erledigt und sich abgetrocknet hatte, ging er in sein Zimmer zurück und fand auf seinem Bett die Sachen vor, die er anziehen sollte, obwohl er manches davon eigentlich überhaupt nicht mochte: ein weißes, kurzärmeliges Hemd, eine hellbraune Hose, ein Unterhemd, eine Unterhose und ein paar weiße Socken mit roten Streifen am Rand.

Er verzog das Gesicht bei dem Gedanken, damit den ganzen Tag herumlaufen zu müssen, wo ihm Hemden sowieso schon zu einengend waren.

Der Gedanke, dass ihm die ganzen Verwandten und Bekannten in die Wangen kneifen und ständig auf ihn einreden würden, gruselte ihn ein wenig.

Er sah aber auch den Vorteil, dass es ein paar kleinere Geschenke gab, Zuckertüte und Co. Und noch das eine oder andere Glückwunschkärtchen oder doch noch etwas extra an Süßigkeiten.

Er seufzte und zog sich den verhassten Kaftan an. Danach kämmte er sich so gut es ging seine Haare zu einem Scheitel.

In der Küche wartete schon die Mutti – fertig angezogen – in einem langärmeligem Kleid, welches er sehr mochte. Das mit dem hübschen, blau-lila-roten Muster. Toll!

Sie frühstückten zügig. Aus Zeitgründen hatte Mama die Brötchen schon mit Nuss-Nougatkrem belegt und einen Pfefferminztee für Kai eingegossen. Sie selbst trank Kaffee und aß ein Brötchen mit Honig.

Es klingelte an der Tür, und die Mama stand auf um zu öffnen. Dort wartete Kais Oma – ihre Mutter – mit einem Strauß gelber Rosen.

Sie trug eine hellbeige dünne Jacke, einen Rock mit einem Muster in braun und grau. Sie war dünner als ihre Tochter und die Haare waren schon fast weiß. Kai liebte seine Oma. Sie war viel ruhiger und gelassener als Mama und Papa. Zudem machte sie auch immer lustige Fratzen.

Sie hatte ihm auch einst geholfen, sein Lispeln und die Aussprache der Zischlaute zu verbessern, sodass er sich besser ausdrücken konnte.

Er hatte ja erst mit fast vier Jahren überhaupt etwas gesagt, was Ärzte und Eltern vor Rätsel stellte. Und vor dieser Zeit brachte die Situation die Eltern zur Verzweiflung.

Sie gingen los. Der Bekannte, Onkel Holger, erwartete sie erst bei der Schule. Auf den freute Kai sich gar nicht. Denn dieser war Offizier und immer so streng. Außerdem guckte der immer so böse durch seine stechenden eiskalten Augen.

Der Weg führte ihn durch die Plattenbauten, vorbei an seinem eigenen Innenhof mit dem Klettergerüst, dann über eine Straße an einem Haus vorbei, was ihm aufgrund seines einen Traumes bekannt vorkam. Nach einem sehr langen Block wurde ein freies Gelände sichtbar.

Auf diesem stand ein Umspannhäuschen, welches von außen mit lustigen und seltsamen Figuren bemalt war.

Dahinter stand schon die Schule, besser gesagt die Schulen. Zwei typische Einheitsbauten lagen direkt nebeneinander und noch einmal zwei davon versetzt davon.

Dazwischen befanden sich die Schulhöfe, gepflastert mit denselben quadratischen weißen Steinen. An manchen dafür ausgelegten Stellen wuchsen Bäume und Büsche, welche relativ sorgsam gepflegt wurden.

Vor der Schule warteten schon andere Eltern nebst ihrem nun schulpflichtigen Nachwuchs, deren Gespräche sich mit den Umgebungsgeräuschen, wie fahrenden Autos oder Straßenbahnen mischten.

Da kam auch schon Onkel Holger ums Eck. Er war etwas untersetzt von der Statur, hatte schwarze, langsam grau werdende Haare, einen Bart, eine relativ große dicke Nase und eine Brille. Kai sah ihn und verleierte schon die Augen, als er sicher war, dass es keiner bemerkte.

„Holger! Hier sind wir!“, kreischte die Mutter, um sich bemerkbar zu machen und winkte dabei kräftig.

Er kam näher und sagte an Kai gerichtet: „Na, ist es endlich bei dir auch so weit? Der Tobias ist ja schon in der zweiten Klasse. Und hoffentlich wirst du auch so ein guter Schüler wie er.“

Er tätschelte den Kopf des Jungen, dem das gar nicht gefiel. Aber er ließ es es über sich ergehen und schwieg sich zu dem Gesagten aus.

Dann überreichte Holger ihm die Zuckertüte, die er schon vom Papa des Schulanfängers in Verwahrung bekommen hatte und mit bunten Autos bedruckt war. Oben ragte der Kopf eines Stoffaffen heraus.

„Die wird aber erst später aufgemacht!“, mahnte er.

Kai war mal wieder von dem zackig-scharfen Tonfall des Onkels überrumpelt, so dass er gerade so ein leise genuscheltes „Danke“ herausbrachte, was Holger mit einem leichten Kopfschütteln quittierte. Dann fiel ihm ja noch ein, weswegen er hier war.

„Aufstellung! Wir wollen doch Fotos machen!“, ordnete er im zackigen Tonfall an. Also stellten sich alle drei vor dem hellblau gestrichenen Zaun auf, der das Schulgelände umschloss.

Kai in der Mitte, die Oma links von ihm und die Mama rechts. Beide Frauen hielten noch ihre Blumensträuße in den Händen und Kai seine Zuckertüte.

Die Mutter zischte ihm, während sie ein Lächeln aufsetzte, zu: „Los, lächel doch mal!“, was dem Jungen wegen seiner Nervosität schon nicht gelang – auf Kommando erst recht nicht.

Räumlich versetzt taten andere Familien das Gleiche. Kind(er), Mutter, Vater, Oma, Opa, Rauhaardackel und sonstiger Anhang mussten auf die eine oder andere Weise für die obligatorischen Fotos herhalten.

Und Kai erschien es, als würden alle anderen das mit dem Lächeln viel besser hinkriegen.

Onkel Holger verabschiedete sich fürs Erste, da er ja nur kurz Zeit hatte, weil sein eigener jüngerer Sohn an dessen Schule an der Aufführung für die Erstklässler teilnahm.

Drinnen war ebenfalls eine Willkommensveranstaltung geplant. Die größeren Kinder sangen und tanzten den Erstklässlern etwas vor. Es gab sogar ein kleines Theaterstück. Kai wurde es langweilig. Er war nicht wirklich der beste Stillsitzer, aber er schaute tapfer zu, weil die älteren Kinder sich solche Mühe dabei gaben.

Es wurde gefragt, wer von den Erstklässlern schon schreiben könne. Nur wenige konnten es, und Kai durfte, unter Beifall aller Anwesenden, seinen vollständigen Namen auf ein Blatt Papier, welches die Schuldirektorin ihm gab, aufschreiben.

Deren eigener Sohn kam ebenfalls in Kais Klasse.

Nach der Veranstaltung kamen die Kinder in ihre Unterrichtsräume. Und Kai stellte fest, dass von den drei Kindern aus seinem Wohnhaus, kein einziges bei ihm eingeteilt worden war.

Aber die Annika aus dem Block von gegenüber, die auch bei ihm im Kindergarten war.