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Leere... Isolation... Dunkelheit... Mitten im Nirgendwo... Ein kümmerlicher Rest Menschheit sitzt vollkommen isoliert in einer Raumstation fest. Voll automatisch mit allem versorgt, was sie zum Leben brauchen, frönen sie dem Nichtstun. So weit, so gut. Zumindest so lange, bis allmählich die Systeme zusammenbrechen... Einer unter ihnen findet bald heraus, dass etwas nicht stimmt. Die Schattenseite ihres Lebens, welches auf einer Lüge beruht... Sein Plan: Die Flucht ins Unbekannte! Welche Alternativen hätten sie sonst?
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Seitenzahl: 332
Veröffentlichungsjahr: 2025
Xenocyon Daemonicus
Raumstation Endstation
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kleine Anmerkung vom Autor
Leerraum
Ungereimtheiten
→ Alltag
→ Merkwürdiges
Wiederbegegnung
→ Entdeckungen
→ Klarheit
Erkenntnisse
→ Alltagstrott
Entscheidung
→ Wink
Herdentrieb
Spannungsfeld
→ Zerwürfnisse
Abweg
Koexistenz
→ Zusammenraufen
Hoffnungsschimmer
→ Zielgerade
→ Weiterreise
Start
→ Heimwärts
→ Neuland
→ Ruf
Impressum neobooks
Dies ist eine Entscheidungsgeschichte. Ihr entscheidet quasi anhand meiner Kapitel, welche Handlung ihr verfolgen möchtet.
Ich weise dann noch darauf hin und verweise dann auf die Folgekapitel. So ist zwar die gesamte Geschichte vielleicht mehr oder weniger kürzer, aber so hat jeder Leser seinen ganz eigenen individuellen Storyverlauf.
Nebenbei: Die Sprache der Leute ist nicht ohne Grund so seltsam. ;) Dasselbe gilt auch für ein bestimmtes Pronomen im Textverlauf. ;)
Viel Spaß dabei!
Xenocyon Daemonicus
Künstliches Neonlicht hüllte die relativ engen Gänge aus kalten Metalllegierungen dieser Einrichtung in ein noch kälteres Licht, während die Bewohner ihrem Tagwerk nachgingen.
Immer wieder dieselbe Eintönigkeit. Und das Tag für Tag. Viele dieser Aufgaben hätten für intelligentere Geschöpfe oder solchen, die es werden wollten, keinen Sinn ergeben. Aber niemand fragte nach so langer Zeit nach einem Sinn. Und keiner wusste mehr genau, wie lange sie hier bereits lebten. So weit draußen in der dunklen Leere des Vakuums.
Man verließ seine Unterkunft, welche man mit seiner Familie teilte – sofern man denn Angehörige besaß, um seinen Weg zu einer der Verteilstationen anzutreten, seine Bedürfnisse mittels eines alten Holo-Displays einzugeben und diese – wenn man viel Glück hatte – innerhalb von einen oder zwei Tageszyklen mit Hilfe seines ID-Chips zu erhalten. Jeder bekam ein Armband, welches sich nicht mehr entfernen ließ, welches Chip, Uhr und Hilfsmittel zugleich war mit seiner ganz persönlichen individuellen Kennung. Jungen am rechten Arm, Mädchen am linken. Ein Leben lang...
Natürlich war nichts umsonst. Man bezahlte mit Blut oder anderen mehr oder weniger appetitlichen Körperflüssigkeiten oder anderen Proben.
Was die meisten dieser Menschen bedrückte, war nicht der Umstand, dass sie fern von jedem halbwegs geeigneten Planeten in dieser überdimensionierten Blechbüchse lebten, sondern die Tatsache, dass sie nicht nach draußen blicken konnten, dass es keine Langstreckenraumschiffe gab, so dass sie – und das war der entscheidende Punkt – keine Möglichkeit hatten, hier mal weg zu kommen! Etwas Neues zu entdecken oder zu erfahren, war kaum möglich.
Klar, man konnte Funkwellen von außen empfangen, aber die Informationen waren oft verzerrt und zu allem Überfluss in nicht übersetzbarem Alienkauderwelsch verschiedenster Völker gehalten, deren eigentliche Bezeichnungen kein Mensch aussprechen konnte...
Besser gesagt: man könnte diese empfangen, wenn es a noch jemanden interessierte und wenn es b noch findige Kerlchen gäbe, die noch imstande waren, die entsprechenden Empfangsgeräte zu reparieren...
Wartungsaufgaben übernahmen Roboter. Wie immer. Die medizinische Versorgung ebenfalls. Genau wie die Verteilzentren, in denen Nahrung, Kleidung oder andere Produkte des menschlichen Bedarfs von elektronischen Maschinen hergestellt und bereitgestellt wurden. Man konnte sich dort aber auch einfach die Haare nach Wunsch schneiden, frisieren oder färben lassen.
Was jeder noch irgendwo wusste war, dass sie auf einer von sehr vielen Raumstationen ihr Dasein fristeten, welche einst Knotenpunkte des interstellaren Verkehrs darstellten.
Was aber niemand mehr wusste war, was aus den noch zahlreicheren Raumschiffen und der Infrastruktur geworden war.
Was man nicht mehr genau wusste war, wo ihre Ursprungswelt namens „Erde“ lag, wie man sich eine Vorstellung machte, was ein Jahreszyklus wäre und noch einiges mehr...
Was sie immer irgendwie schafften: Durch den Tag zu kommen und Wege zu finden, ihren Alltagstrott mit verschiedenen Zerstreuungen zu würzen.
Die Lerneinheiten (ebenfalls Maschinen) brachten ihnen ab einem jungen Alter von 2000 Tagen elementare Fähigkeiten bei, wie Hinweis-, Gebots- und Verbotssymbole zu lesen, überhaupt zu lesen, welche Sektoren wohin führten, welche erlaubt und welche verboten waren. Vieles lehrten die Menschen einander im Regelfall gegenseitig. Und darüber hinaus gab es eine kleine, und recht umfangreiche virtuelle Bibliothek, mit deren Hilfe man sich auch einiges am angesammelten Wissen aneignen konnte. Besser gesagt, solches Wissen, das nicht aus unerfindlichen Gründen gesperrt worden war...
Wie immer schlurfte J11 durch die Gänge. Rastlos, weil er seine umtriebige Neugier nicht befriedigen konnte. Unzufrieden, weil er so gar keinen Anschluss zu den anderen Menschen fand.
Es gab nur wenige Orte, an denen er sich gerne aufhielt. Neben seiner Unterkunft.
Der eine war eines der Schotts am Rand des Habitats, an denen in roter Schrift dringlich vor einem Versuch gewarnt wurde, diese zu durchqueren. Andernfalls drohten Konsequenzen. Er wusste, dass umgehend automatische Fallen aktiviert wurden, sollte jemand mit Gewalt oder durch den Versuch, auf dem kleinen Bedienfeld eine Tastenkombination einzugeben. Zumal das Display entweder abgeschaltet oder nicht mehr funktionstüchtig erschien... Außerdem meckerte sein ID-Armband herum, sobald er sich zu nah heran wagte... Irgendetwas zog ihn trotzdem daran magisch an...
Ein anderer Ort war das Arboretum. Einer der wichtigsten Orte, der die Menschen davon abhielt, sich (gegenseitig) komplett die Köpfe einzuschlagen. Dort gab es mehr als nur Metall oder Menschen. Dort gab es unter einem gleichförmigen künstlichen Klima Erde, grünes Gras, verschiedene Obstbäume oder einige Beerensträucher und Gemüsepflanzen. Sogar einige angepasste Tiere fanden hier ein Zuhause. Ebenso wie die Pflanzen und die Menschen in ihrer Anzahl soweit beschränkt, wie es der begrenzte Raum von mehreren Hektar zuließ.
Ein weiterer Ort war die Bibliothek, von der sich J11 weiteres Wissen erhoffte. Er wälzte viele Dateien, war frustriert, wenn wieder eine, die er anhand der Überschrift für interessant befand, nicht zugänglich war, sie nur aus einer scheinbar leeren Seite bestand oder sie aufgrund eines zu komplexen Wortlautes, den niemand mehr richtig verstand; ihn selbst eingeschlossen. Aber es gab auch so mehr als genug Lernstoff, sodass es für mehrere Menschenleben reichte. Und sehr oft wurde der dünne junge Mann mit dem tiefschwarzen Haar und den tiefblauen Augen für seine Unruhe, seinen Wissensdurst und seine bloße Art, wie er seinen Frust rausließ, belächelt. Der ist anders als wir..., stellten sie immer wieder fest.
J11 fühlte sich nicht nur unter seinesgleichen besonders unwohl. Auch dieser Ort mit seiner für ihn bedrückenden Atmosphäre, der Enge, den wuselnden Robotern in verschiedenen Größen und Ausführungen, dem Summen der elektrischen Leitungen und dem gelegentlichen Tropfen leckender Wasserrohre und dem Zischen von undichten Gasleitungen und dem Trappeln aus Lüftungs- und Wartungsschächten...
Seine Eltern waren schon eine Weile tot; seit er noch ein Kind war. Seit dem Tag... Er dachte nicht gerne daran, dass er sie schon früh verloren hatte. Er verschloss die Umstände in seinem Inneren, trotzdem holte ihn dieser Punkt seiner Vergangenheit immer wieder ein.
In der Regel wurde an diesem Ort keiner wesentlich älter als 18250 Tage. Soweit er es überblicken konnte, war ihm bislang noch niemand begegnet, der seine Großeltern noch lebend gekannt hatte... Oder kannte überhaupt das Wort „Großeltern“...
„Pass auf! Bist fast in mich gelaufen!“, sagte plötzlich jemand anders, der J11 – in seinen düsteren Gedanken versunken – mit angewinkeltem Arm beiseite schubste.
Abrupt riss es den jungen Mann aus seiner imaginären Blase und er schüttelte sich kurz und sah sein Gegenüber aus trägen Augen an und überlegte, wie er sich nun verhalten sollte. Passende Sprüche fielen ihm nie ein. Wenn überhaupt erst, wenn die Situation lange vorbei war.
„Tschuldige... Hab dich nicht gesehen“, antwortete er lahm.
„War klar. Blindest wie immer rum... Weniger lesen, mehr unter Leute...“, entgegnete der andere mit einem leichten, verhaltenen Lächeln auf den Lippen, welches J11 unangenehm war. Sein Gegenüber trug die Bezeichnung B52.
Dessen Gruppe gluckste insgeheim. Denn jeder kannte den schwarzhaarigen Jugendlichen und seine Angewohnheiten, anderen aus dem Weg zu gehen. Und auf einer unterbewussten Ebene verstanden sie auch den Seitenhieb, den B52 ihm verpasst hatte. Den bewusst in Richtung J11’s angewinkelten Arm sahen sie als einen Spaß an. Als einen weiteren Versuch, den Jungen aus der Reserve zu locken.
Ihr seid dumm! Lasst mich in Ruhe!, dachte J11. Selbst wenn er es laut gesagt hätte, hätte die Sprache nicht ausgereicht, um den anderen seine genauen Gefühle und seine Bedürfnisse mitzuteilen. Sofern er selbst imstande wäre, diese konkret auszudrücken... Dass es die anderen nicht interessierte, war ein weiterer Punkt.
Nicht, weil er alleine Probleme hatte, sich auszudrücken, klappte das schlecht. Das betraf ausnahmslos alle. Kein Wunder. Durch die Eintönigkeit und die mangelnden Möglichkeiten, sich frei zu bewegen, zu entfalten und weiterzubilden, kannten sich alle von den wenigen Tausend Bewohnern in- und auswendig. Dazu kam durch den viele Generationen andauernden fehlenden Austausch mit anderen Menschen und die mangelnden Alternativen, sich zu betätigen, sodass die Umgangssprache sich auf das Wesentliche reduziert hatte und viele Worte oder komplexere Wendungen einfach in Vergessenheit geraten waren.
J11 ahnte das schon sehr zeitig in seinem Leben, dass etwas seltsam war und dass weder seine Eltern noch andere Leute außerstande waren, ihm bestimmte Dinge und Vorgänge, die sie alle für selbstverständlich hielten, genauer oder zufriedenstellend zu erläutern.
Das verstärkte seinen natürlichen Wissensdurst nur. Und die kleinen Gemeinheiten anderer Kinder und auch die größeren Gemeinheiten Heranwachsender, die er schon lange hatte ertragen müssen, sorgten nur noch mehr dafür, dass er sich lieber anderen Dingen widmete.
Inzwischen war es ihm mehr oder weniger egal, dass sie ihn in seiner Kindheit erst zum Mitspielen auffordert hatten, nur, um ihn kurz darauf wieder auszuschließen. Es war ihm auch gleichgültig, dass sie sich in späteren Jahren in Cliquen zusammenrotteten und dass sie wie blöde miteinander herum vögelten, während er nur Zaungast sein durfte.
Seine Eltern wussten damals auch nicht, wie sie damit umgehen sollten. Abgesehen davon, dass er außer zwischenmenschliche Dinge alles andere sehr schnell lernte...
J11 hatte bereits als Kind herausgefunden, wie man die Automaten bediente, dass einem dafür regelmäßig Blut oder andere Materialien entnommen wurde. Und er hatte sehr schnell eine Vorstellung, dass es noch mehr geben musste als diesen Ort. Und: Er fühlte sich oft beobachtet...
Außerdem stellte der Junge mit zunehmendem Alter immer mehr Ungereimtheiten in dem ganzen Gefüge fest. Das führte dazu, dass ihn niemand groß leiden konnte. Sie fühlten sich ihm unterlegen, auch wenn sie es nicht wirklich zuordnen konnten. Jüngere, Gleichaltrige, Ältere... Besonders die Älteren... Letztendlich machte dies keinen Unterschied für ihn.
Wir sind nur wenige hier. Warum? Diese Frage war für ihn leichter zu beantworten: Weil auf einer Raumstation nur eine begrenzte Menge an Leuten leben konnte.
Warum kann ich nicht überall hin? Darauf fand er keine Antwort.
Erst recht nicht auf die Fragen:
Was ist noch da draußen?
Warum blinden alle anderen die Veränderungen?
Warum sind wir hier?
Verdammt; niemand wusste eigentlich mehr, an welchem Punkt des Universums sich diese Station überhaupt befand!
Man wusste, wo man her kam, dass es ein All gibt, viele Sternen und Planeten und dort vorkommenden Lebewesen und das war’s dann auch schon...
Die Gedanken der Anderen gingen in eine andere Richtung: Was ist mit ihm? Er seltsamt so herum... Warum? Ist er besser als wir?
Sie verstanden ihn nicht. Und sie verstanden nicht, wann sie bei ihm zu weit gingen. Füreinander hatten sie ein besseres Gefühl für Späße und wann man eine Grenze überschritt. Warum das im Zusammenspiel mit J11 so anders war, daran verschwendeten sie keinen Gedanken. Sie stellten nur das Offensichtlichste fest und damit hatte sich das...
Sie ignorierten den jungen Mann und das Vorkommnis mit B52 und widmeten sich wieder ihren Gesprächen.
„Wisst ihr was? W33 und K02 mögen sich nicht mehr“, erzählte eine junge Frau.
„Ja, habs gehört. Iwann musste das ja so sein...“, antwortete ihr ein kleinerer blonder Mann namens N05, dessen identisch aussehender Zwillingsbruder N06 direkt neben ihm saß und gerade mit einem Mädchen beschäftigt war.
„K02 hat jemand Neuen. Das weiß ich!“, meldete sich B52 zu Wort.
„Wen?“, riefen einige der Umstehenden fast zeitgleich.
Alle spitzten die Ohren und ergingen sich in weiterem Klatsch und Tratsch. Wer mit wem und so weiter und so fort...
So weit es J11 betraf, waren solche Gespräche für ihn uninteressant. Er fühlte sich sowieso nicht als Teil der Gruppe. Die hatten mit ihm persönlich ebenso wenig zu tun hatten, wie er mit ihnen. So wie mit all den anderen Menschen, mit denen er zusammenlebte, besser gesagt, neben ihnen her lebte... Und er fand es schräg, dass über Leute geredet wurde, welche nicht einmal anwesend waren. Er ging allen Menschen für den Rest des Tages aus dem Weg.
Einige Kinder tollten umher, spielten mit Bällen, Frisbees oder jagten einander. Manchmal beobachteten die Tiere des Arboretums das Geschehen, unschlüssig, ob sie mit einsteigen oder lieber die Flucht ergreifen sollten...
Sie wussten natürlich, dass ihnen von diesen lärmenden Zweibeinern – und auch generell – keine Gefahr drohte. Im Zweifelsfall waren sie schnell wieder unter Sträuchern, auf Bäumen oder in Erdlöchern verschwunden...
J11 beobachtete alles aus einer sicheren Entfernung. Meist suchte er sich einen abgelegeneren Ort, an denen es mehr Gebüsch gab. Ihm waren die Tiere ohnehin lieber.
Bunte Schmetterlinge flatterten von Blüte zu Blüte, Grashüpfer sprangen umher und zirpten. Hummeln sammelten Nektar. Käfer krabbelten auf der Suche nach Nahrung auf dem Boden herum. Nur Fliegen waren lästig, aber sie erfüllten eine wichtige Funktion, die dem Jugendlichen nach seinen Studien durchaus klar wurde.
Vögel zwitscherten, fingen ab und an einige der Insekten oder fraßen Früchte und Sämereien. Echsen huschten auf Bäumen, im Gras und manchmal auch an glatten Wänden umher und fingen ebenfalls Insekten. Ebenso hielten es die Amphibien, die in den künstlich angelegten Teichen ihren Nachwuchs ablaichten. Eichhörnchen turnten im Geäst und knackten Nüsse. Kleinere Paarhufer ästen und halbzahme, nicht viel größere Raubtiere tollten umher.
In Aquarien, welche in den Wänden eingelassen und automatisch gepflegt und gewartet wurden, tummelten sich Fische oder andere Wasserlebewesen...
Es wirkte ganz so, als wäre diese kleine Welt vollkommen in Ordnung und im Gleichgewicht...
J11 starrte mit leerem Blick an die hohe Decke dieses Raumes innerhalb eines Raumes und hing seinen Gedanken nach.
Hier fiel ihm ganz besonders auf, dass die Decke anders aussah, als es sich tief in seinem Inneren normal anfühlen müsste. Und genau das wies ihn darauf hin, dass sie sich alle auf einer Raumstation befanden.
Jeder war sich dieser Tatsache bewusst, aber niemand achtete noch darauf.
Ihm fiel langsam auf, dass das künstliche Licht überall damit begann, sich zu verändern. Es dimmte sich in einen gelb-orangenen Bereich ein. Eine Zeitschaltautomatik, die einen natürlichen Tag- und Nachtzyklus simulieren sollte. Ein Zeichen dafür, zu seinen Quartieren zurückzukehren und den Wartungsautomaten Gelegenheit zu geben, ungestörter ihren Dienst zu versehen, hieß es...
Der Jugendliche streckte sich langsam und noch langsamer erhob er sich und trottete in Richtung seines Sektors. Sektor Fünf – einer von acht Wohnbereichen. Darüber hinaus gab es vier Verteilstationen. Eine für jeweils zwei Wohngebiete. Und diese umringten eben diese Oase der Ruhe und der simulierten Natur.
Auf seinem Weg kam er auch im Gesundheits-, Fitness- und Spaßzentrum vorbei, in dem sich auch das Schwimmbad befand. Die letzten Bewohner waren eben dabei, dieses zu verlassen – zum Teil noch mit ihren Badesachen bekleidet.
Schließlich erreichte er sein Quartier, welches nicht ganz zufällig seine Bezeichnung hatte. Sein ganz persönliches Reich. Einheitsgröße, Einheitsausstattung. Genau, wie jede andere Wohneinheit auch. Nur Dekoration, Boden- und Wanddesign waren individuellem Geschmack unterworfen.
Er öffnete die Tür, indem er das System seinen ID-Chip lesen ließ, trat ein und tippte auf dem inneren Bedienfeld die Taste für «Abschließen».
Manchmal ließen andere Leute die Türen für Besucher offen. Aber nicht J11. Warum sollte er auch? Wen sollte er einladen? Und wenn – wer würde denn zu ihm kommen wollen?
Paare zogen oft auch zusammen, solange diese Bestand hatten. Familien ebenfalls. Manchmal lebten Eltern getrennt voneinander und die Kinder pendelten von einem zum anderen – so lange bis sie ihre eigene Bleibe, die bis dahin leer stand, beziehen konnten. Manche taten dies früher als andere.
Der wesentliche Punkt dabei war aber folgender: Sobald eine Person starb, wurde das Quartier für den nächsten Neugeborenen frei, der dann denselben Namen wie sein verblichener Vorgänger, und somit auch dessen Wohnung erben würde.
26 lateinische Buchstaben und die Zahlen Null bis Neunundneunzig machten es möglich. Genauer gesagt konnten hier im Großen und Ganzen bis zu 2600 Menschen zusammen leben.
Seltsamerweise fand J11 keine Ruhe. Die Wände waren blick- und geräuschdicht. Innerhalb eines Quartiers würde man nicht hören, was außerhalb vor sich ging. Daran lag es also nicht...
Außerdem war der typische Tag- und Nachtrhythmus in allen Bewohnern sehr tief verwurzelt. Natürlich waren findigere Menschen dazu imstande, anhand der wohnungseigenen Möglichkeiten, diese Zeiten oder andere Werte den ganz persönlichen Bedürfnissen anzupassen.
Meist übernahm dies aber das medizinische System, welches stets die Herz- und Atemfrequenz, den Puls, die körperliche Aktivität, die Ernährung und auch den Hormonhaushalt und alle möglichen anderen medizinischen Daten erfasste.
Er beschäftigte sich dann mit den Sachen, welche er in der Bibliothek heraus gesucht hatte oder starrte einfach die nach Zufallsprinzipien bewegliche Deckendekoration an oder nahm einen kleinen Gummiball und ließ diesen von der Wand abprallen, um diesen wieder zu fangen und diesen Vorgang zu wiederholen. Denn ab einer bestimmten Zeit schlossen sich die Türen automatisch, damit alle möglichen Wartungseinheiten ungestört ihre Aufgaben erfüllen konnten. Außerdem – und das war auch schon einmal vorgekommen – wurde Alarm ausgelöst, wenn durch irgendwelche Funktionsstörungen eine Tür nicht richtig schloss und der Wohnungseigentümer somit nach draußen gelangte. Meist erschrak der- oder diejenige sich beim Erschallen des Alarmtones und dem roten Signal von selbst und begab sich unvermittelt wieder zurück in sein Quartier. Peinlich genug wäre es ohnehin, wenn jemand anders dies bemerkt hätte...
Schlimmer war es, wenn sich eine Tür nicht öffnete und den Insassen wer weiß wie lange in seiner Behausung einsperrte. Das kam auch schon einmal vor, dass man diesen erst viel zu spät vorfand. Ohne Pulsschlag...
Es war J11 schon länger aufgefallen, dass sich diese Störungen zu häufen schienen. Mal fiel eine komplette Baugruppe aus, was dazu führte, dass mehre Wohneinheiten keinen Strom mehr hatten. Ein anderes Mal platzte ein Abwasserrohr und es dauerte viele Tage, ehe der Gestank restlos wieder verschwunden war. Im Arboretum fiel einmal sogar eine Beleuchtungsgruppe aus. Einen anderen Tag regnete es dort nicht wie üblich ein paar Stunden täglich, sondern die Beregnung fiel ganz aus. Zu einer anderen Zeit regnete es mehrere Tage ununterbrochen wie aus Eimern. Das führte dazu, dass aus Sicherheitsgründen niemand diesen Bereich betreten durfte...
Als er noch ein kleines Kind war, kam so etwas wesentlich seltener vor. Bei der ersten Störung fragte J11: „Warum is das Ding kaputt?“
Sein Vater B13 antwortete nur: „Hab schon einige große Kaputts erlebt. Aber nicht solche. Mein Vater hat nur einmal sowas gerückblickt.“
Seine Mutter L08 nickte und bestätigte die Aussage mit fast den gleichen Worten.
„Warum is das so?“, wollte J11 damals wissen.
Darauf wussten seine Eltern keine Antwort. Sie gerieten ins Rudern und ihr einziger unwirscher Kommentar war daraufhin nur: „Warum willste das wissen? Das weiß niemand. Hör besser auf, so viel zu fragen!“ Worauf der Sohn sich enttäuscht in sein Zimmer zurückzog.
Diese oder andere Grüblereien waren nicht ausschließlich der Grund, warum er oft nicht mehr einschlafen konnte. Vielmehr beschäftigten sie seinen Geist. Was sollte er auch sonst tun. Wenn Schlaf nicht mehr drin war, machte er eben das Beste daraus und damit hatte es sich...
Meist nickte er irgendwann von selbst wieder ein, wenn ihm vor Müdigkeit die Augen zufielen. Letztendlich hatte niemand von den Einwohnern irgendwelche besonderen Pflichten, die es nötig machten, pünktlich aufzustehen.
Trotzdem wachte er nach wenigen Stunden wieder völlig gerädert auf und begann, sich mit seinen Interessen zu beschäftigen. So wie jeder andere...
Eine Warnung leuchtete an einem Wandschirm auf. In Schrift und mit einer künstlichen Stimme erfolgte der Hinweis: »J11 muss sein Sportprogramm ausführen! J11 soll das nächste Gesundheitszentrum nutzen!«
Er seufzte. Widerrede wäre sinnlos. Mit Automaten konnte man ohnehin nicht diskutieren und außerdem würde diese Beschallung ansonsten den ganzen Tag auf ihn einreden...
Erst einmal würde er frühstücken. Die Morgenmahlzeit stand schon für ihn bereit. Er holte sie sich aus der dafür vorgesehenen Aussparung im Essbereich, setzte sich an seinen Tisch und öffnete sowohl den Deckel des Esstellers als auch vom Getränkebechers.
Diesmal gab es synthetischen Multivitaminsaft, etwas künstliches Ei, Brötchen aus pflanzlicher Stärke, zwei Scheiben aus etwas, das Aufschnitt und Käse zugleich sein mochte und einen süßlichen Riegel aus Zucker und Proteinen. Alles andere als Bio...
Es schmeckte jedenfalls nicht schlecht und jemand, wie J11, der den Geschmack eines richtigen Vollkornbrötchens ebenso wenig kannte, wie den Geschmack von echtem Schinken und echtem Käse, könnte auch keine Analogie finden.
Nur bei dem Saft wäre dies möglich, wenn es die Geschmacksrichtungen des Getränkes als reales Obst im Arboretum gegeben hätte... Also verbot sich der Vergleich mit den echten Tomaten, Melonen, Gurken, Kakis, Äpfeln, Birnen, Kirschen, Apfelsinen, Zitronen und Beeren mit den Bestandteilen des Becherinhaltes von selbst.
Es war ja auch nicht untersagt, sich bei den natürlich gewachsenen Früchten zu bedienen. Sie wuchsen das ganze Jahr und es war genug da...
J11 aß auf, räumte das Essgeschirr in die Rückgabe und machte sich auf den Weg.
Das Gesundheitszentrum war von seinem Quartier aus gesehen nicht allzu weit weg. Er wohnte im Block J in der Wohneinheit 11, wie seine Bezeichnung es schon andeutete.
Es waren bereits viele Menschen unterwegs, die sich in den meisten Fällen damit beschäftigten, miteinander zu quatschen, zu spielen, sich auf irgendeine Weise künstlerisch zu betätigen oder dem Nachwuchs das beizubringen, was wichtig war.
Die Wohnblöcke wirkten wie normale Gebäude. Nur der Umstand, dass die Mauern und Wände nicht aus Zement oder Ziegeln bestanden, sondern aus einer Art Verbundstoff, welcher Plastik nicht unähnlich war, aber wesentlich stabiler war und wie Beton wirkte. Niemand wusste, wie der hergestellt wurde.
Jedes Gebäude war exakt gleich, vor allem wenn man den Grundriss berücksichtigte: 25 Stockwerke mit je vier Wohnungen. Zwei Treppenhäuser mit Nottreppen und zwei Aufzügen.
Fenster gab es keine. Denn die waren überflüssig. Auch wenn die Sektoren mit teils nur drei oder vier Wohnblöcken innerhalb eines entsprechend größeren, gut beleuchteten und belüfteten Raum befanden und zwischen sich viel Platz ließen, konnte man anhand der Decke sehen, dass man sich nicht irgendwo draußen befand, sondern irgendwo drinnen. An manchen Stellen waren Beete angelegt worden – bepflanzt mit Palmen, welche von einem Arrangement von verschiedenen Blumen umgeben waren, welche das ansonsten triste und zweckgerichtete Ambiente aus geraden Linien, Ecken und Kanten etwas aufwerteten.
Sitzgelegenheiten und einige Spielgeräte waren wenigstens vorhanden und machten das Ganze auch für Kinder zu einem angenehmen Ort.
J11 wandte sich von der Szenerie ab, um seinen Weg fortzusetzen und sein Pensum hinter sich zu bringen. Er wusste auch, dass es nötig war, sich fit zu halten, hatte auch kein Problem damit, aber er war dabei lieber alleine und das Geschwätz anderer Leute lenkte ihn nur ab.
Er hatte vorsorglich ein paar Ohrenstöpsel dabei, um Nebengeräusche so gut es ging zu filtern.
Ihm fiel auf, dass manche der Trainingsgeräte funktionsuntüchtig waren und die restlichen waren besetzt.
Er rollte genervt mit den Augen, zuckte aber gleichgültig mit den Schultern und ging in die Schwimmhalle, die zu seinem Glück ziemlich leer war.
Dort angekommen zog er seine Standardkleidung aus und eine Badehose an, legte seine Sachen in ein dafür vorgesehenes Fach, ehe er ins Becken stieg.
Das Wasser war auf eine angenehme Temperatur von 22°C temperiert. Er schwamm mehrere Bahnen Brust, dann wechselte er auf Rückenschwimmen, ehe er nach etwa zehn Runden auf Kraul umstieg.
Es ging ja nur um sein Pensum, nicht um Geschwindigkeit oder Wettbewerb – das überließ er gerne jemand anderem... Ab und zu machte er eine kurze Pause und sah auf sein Armband, welches seine Körperfunktionen überwachte und ihm auch mitteilte, wenn er es schaffte oder wann er es gar übertrieb. Eine Stelle wechselte die Farbe von Gelb auf Grün, was so viel hieß, dass er das Minimum erfüllt hatte.
Das machte ihm durchaus gute Laune und er beschloss, noch weiter zu schwimmen, als es passierte...
Es gab plötzlich einen kurzen Ruck, der wie ein größeres Erdbeben durch und durch ging und überall spürbar war. Irritiert stellte J11 fest, dass sich das Wasser kurz zu kräuseln begann, ehe das Unmögliche geschah: Wassertropfen schienen sich allmählich vom Becken zu lösen und in Blasen von Flüssigkeit nach oben zu schweben, um irgendwo mitten im Raum stehen zu bleiben.
Er bekam einen Schreck, als er bemerkte, dass er, wie alles andere, was nicht fest irgendwo verankert war, ebenfalls schwerelos und mitten in der Luft trudelnd nicht mehr bewegungsfähig war.
Nach wenigen Sekunden normalisierte ein weiterer Ruck das Ganze wieder, die Schwerkraft setzte kurz danach wieder ein und alles Schwebende klatschte wieder in die Richtung, die man allgemein als „unten“ definierte. Alle Anwesenden konnten von Glück reden, dass sie nicht so weit abgedriftet waren, dass sie hart auf den Boden oder den Beckenrand aufgeschlagen waren.
Alarmiert durch dieses Ereignis verließ J11 den Pool wieder und hatte als ersten Impuls nur einen Gedanken; nämlich den, sich in seiner Wohnung in Sicherheit zu bringen. Er trocknete sich ab, zog sich rasch um und machte sich auf den Weg.
Überall war die Stimmung von Angst und Aufregung beherrscht.
„Wieso sind wir weg geschwebt, Mama?“, wollte ein kleines Mädchen von seiner Mutter wissen.
„Die Schwerkraft hat kurz gestoppt“, war die knappe Antwort.
„Hab gepanikt“, klammerte sich das Kind an die junge Frau – L97, wie sich J11 erinnerte, weil sie etwa 400 Tage älter als er war und zu denen gehörte, die ihn als kleines Kind noch mochte, ehe sie sich anderen Kindern zum Spielen anschloss...
„Schon gut... Alles wieder gut...“, versuchte die Mutter ihre Tochter wieder zu beruhigen und umarmte sie ganz fest.
Andere Leute fluchten und rieben sich die Körperteile, auf die sie, nachdem die Schwerkraft wieder einsetzte, so unsanft gelandet waren. Oder sie machten sich auf den Weg zur Gesundheitsstation, um gravierendere Folgeschäden behandeln zu lassen.
Verständlich, dass das jetzt länger zum Thema wurde. So etwas geschah zum Glück nicht jeden Tag... Das hätte noch gefehlt...
J11 schloss sich nach dieser Begebenheit in seiner Wohnung ein und dachte nach. Er sich sicher, das Ganze war ein Alarmzeichen!
Was, wenn noch andere Sachen kaputten? Wasser, Belüftung, Essensvorräte... Ihm grauste bei dem Gedanken daran...
Seine Gedanken schweiften ab: Wie war der vorige J11? Vielleicht war er eine Frau? Wie alt war er oder sie, als er oder sie starb? Woran? Hatte er oder sie Familie? Und wie waren diejenigen, die davor J11 waren?
Nach einiger Zeit schlief er erschöpft ein.
Als er wieder aufwachte, durchsuchte er seine spärliche Behausung und seine Habe nach Schäden. Fand aber keine.
Auf einer Raumstation gab es nur wenig Zerbrechliches, außer die empfindlichen Aggregate, Maschinen und Elektronik. Vor allem die Lebenserhaltung, die verschiedenen autonomen Roboter. Und zu allem Überfluss die zentrale KI. Weswegen letztendlich alle Systeme doppelt und mehrfach gesichert waren.
Noch unsicher und etwas ängstlich verließ er seine Wohnung nach mehreren Stunden wieder, um zu spazieren und seine Lieblingsorte aufzusuchen.
Am Ende landete J11 wieder in der Bibliothek, die wie so oft außer lernenden Kindern ab 2000 Tagen Lebensdauer nur wenige Wissbegierige beherbergte.
Im Grunde lasen die meisten Leute nur das, was für sie einfach zu verstehen war. Kinder lernten aus uralten, vor langer Zeit digitalisierten Kinderbüchern Lesen und Rechnen, nutzten aber auch Teile des Nachschlagewerkes. Erwachsene lasen meist einfachere Bücher, deren Stories per Zufallsgenerator von einer KI zusammengesetzt wurden oder sie schauten ebenso generierte Filme und Serien, welche – egal, ob gezeichnet, animiert oder fast realistisch erscheinend, längst ohne einen einzigen Schauspieler auskamen. Ebenfalls beliebt bei Kindern. Solche Filme gab es für jedes Alter und jeden Geschmack zugeschnitten.
Niemand nutzte die Enzyklopädie so intensiv wie J11. Vor allem deswegen, weil nur wenige Lust hatten, sich mit Ausdrücken und Wendungen auseinanderzusetzen, welche kaum noch jemand verstand. Er stieß selbst oft genug an die Grenzen seines Wortschatzes. Manchmal verstand er zwar die Zusammenhänge, aber vom Wortlaut her nur Bahnhof.
Zu technischen Details und Bauplänen dieser Station, welche sie meist nur „Heim“ oder „Die Station“ nannten – manchmal „Menschenfalle“, fand er nur einen groben und einfachen Grundriss, aber keine Schalt- oder Baupläne.
Auch war unbekannt, wann sie gebaut wurde oder wo sie sich befand. Schwieriger war die Frage nach der eigentlichen Zeit zu beantworten, wenn er denn gewusst hätte, wonach er fragen sollte: Wann in Bezug auf welche Zeitrechnung? Und er hatte es tief im Gefühl, dass etwas mit der Umgebung nicht stimmte, die sie am Leben erhielt, sie dem süßen Nichtstun überließ und ansonsten so gar nicht durchblicken ließ, was gehauen und gestochen war...
Er wusste inzwischen auch etwas mehr als die meisten von den Arten, welche recht frei und wild im Arboretum lebten: Alle teilten das genetische Erbe der Erde. Alle Lebewesen waren künstlich einerseits den Erfordernissen an das eingegrenzte Leben auf einer Raumstation angepasst worden und andererseits sollten sie den Eindruck von der Welt vermitteln, die ihr Ursprung war.
Dazu gab es eine Datenbank sämtlicher bekannter Lebewesen nebst 3D-Projektionen, welche einst auf der alten Heimatwelt gelebt hatten, einen Stammbaum anhand der DNA und den Platz, den die Menschen in diesem Baum des Lebens innehatten.
Niemanden schien das zu interessieren. Niemanden außer J11. Die meisten Bewohner wirkten so, als nähmen sie das Ganze als gegeben hin. Es war halt da und damit selbstverständlich.
Darüber hinaus existierte auch eine Datenbank anderer Lebensformen. Solcher, denen Menschen bei ihrer Expansion oder der Kolonialisierung anderer Welten über den Weg gelaufen oder in die Quere gekommen waren.
Es gab nicht so viele Einträge, wie man denken mochte. Meist nur die Namen und Katalognummer der Planeten, die niemandem mehr etwas sagten, die irdischen Bezeichnungen der herrschenden Spezies (Manchmal war das nicht nur eine einzige), sowie einiges, was man von deren extraterrestrischer Flora, Fauna oder Diversa wusste.
Gerade bei der Lebensdatenbank gab es Vermerke, die J11 nicht wirklich verstand. Nicht unbedingt Vermerke, aber kaum wahrnehmbare optische Marker. Abgesehen davon wäre es eine Lebensaufgabe, sich allein Milliarden von irdischen Arten zu merken. Und wenn man die außerirdischen Arten dazu nehmen würde, bräuchte man mehrere Leben...
Egal, wie lange er sich mit etwas beschäftigte: Ihm fehlte etwas. Er wusste nur nicht genau was das war. Und niemandem anders schien es aufzufallen. Es ging ihnen schlussendlich gut. Und irgendwie schien dies der Grund zu sein, der ihm in dem Aspekt keine Ruhe ließ...
Darüber hinaus konnte man die stationseigenen Systeme zur Herstellung von Dingen, des ganz persönlichen Bedarfs nutzen, indem man Bestellungen aufgab und einige Zeit wartete. Das konnten bestimmte synthetische Lebensmittel sein neben den Standardrationen, die jeder bekam, ausgefallenere Anziehsachen als es die Einheitskombinationen je sein konnten, Spielzeug oder einfache Materialien, wenn man sich auf irgendeine Weise künstlerisch betätigen wollte. Sogar Genussmittel, wie Alkohol und Zigaretten waren drin. Alk und Zigs, wie man das Zeug nannte...
Was nicht hergestellt wurde – das System schloss dies aus - waren gefährliche Gegenstände oder bestimmte Werkzeuge, von denen die Menschen hier schon längst keine Vorstellung mehr hatten.
Die Wartungsdrohnen kümmerten sich um alles und das System der Station steuerte diese und sorgte für Nahrung, Kleidung, Unterkunft, Strom, Wasser und generell für die gesamte Lebenserhaltung.
J11 drehte sich mit seinen Versuchen, etwas zu entschlüsseln, was er nicht so recht greifen konnte, im Kreise. Mal wieder. Er verbiss sich in diese unlösbare Aufgabe. Wieder und wieder und wieder...
„Hey, J11! Komm doch mit!“, versuchten die anderen Heranwachsenden den Angesprochenen zu animieren, sich ihnen anzuschließen, als er mit geistesabwesendem Blick an ihnen vorbei kam.
„Lasst ihn! Der glaubt, er is besser als wir!“, meinte B03 – ein etwa gleichaltriger Junge (zirka 4800 Tage alt), der mitbekam, dass J11 sie nicht einmal zu hören schien, als er an ihnen vorbei ging.
„Hast Recht, B03. Können auch ohne ihn spaßen...“, stimmte ihm die Gruppe zu...
Frust bahnte sich den Weg aus dem Herzen des Mannes, als er sich wieder in einer Sackgasse befand...
Die Dateien sind schwer zu lesen. Kenne viele Wörter nicht... Warum ist das so?, dachte er niedergeschlagen.
Er hämmerte einmal mit der Faust gegen das Pult, an dem er saß und hörte, wie der dumpfe Schlag in der ansonsten menschenleeren Datenbibliothek verhallte. Dann rieb er sich kurz die Hand wegen des kurzen Schmerzimpulses, den er sich selbst zuzuschreiben hatte, barg sein Gesicht in den Händen und schluchzte auf. Warum? Warum? „Warum???“
Er erschrak kurz, als ihm klar war, dass er den letzten Gedankenimpuls laut ausgesprochen hatte. Das Echo hallte noch einige Sekunden nach. Ihm wurde klar, dass er mal wieder fast den ganzen Tag hier zugebracht hatte. Und ohne, dass ihn seine planlose Suche nach Wissen ein Stück weiterbrachte.
Die stetigen Warnungen seines Armbandes, doch langsam mal etwas zu trinken und zu essen, hatte er gar nicht wahrgenommen. Langsam spürte er, dass sein Körper langsam seine Aufmerksamkeit forderte.
J11 streckte sich kurz und stand auf. Dann wandte er sich in Richtung des Ausganges und wollte sich trollen, als er merkte, dass einige der künstlichen Lichter anfingen zu flackern.
Er tat es ab, weil sich sicher die Wartungsdrohnen darum kümmern würden...
Die Lichter verlöschten und geistesabwesend verfolgte er das Schauspiel, ehe ihm etwas dämmerte... Seine Uhr! Es war schon sehr spät!
Die Ausgangssperre! Scheiße!, fiel es ihm wie Schuppen vor den Augen.
Er rannte los...
Draußen sah er die Bescherung: Außer ihm war längst kein Mensch mehr unterwegs! Nur Drohnen staksten mit ihren dünnen, insektenähnlichen Beinen umher und verrichteten ihre Aufgaben.
Ein Lichtkegel fixierte sich auf J11 und eine automatische Stimme meldete sich zu Wort: »Kennung: J11, männlich, 6531 Tage alt. Keine Angehörigen. Bürger! Die Ausgangssperre tritt bald in Kraft! Bitte direkt zu Ihrer Unterkunft gehen!«
Eine Aufforderung, bei der es jedem Stationsbewohner längst in Fleisch und Blut übergegangen war, ihr sofort Folge zu leisten. Und dem würde J11 in nichts nachstehen.
Er nahm seine Beine in die Hand und bog schon zu seinem Wohnblock ab, die Tür öffnete sich wie immer automatisch, als er hindurch wollte und schloss sich hinter ihm wieder.
Der Mann atmete kurz durch. Ein wenig Neugier gewann die Oberhand über den Schreck, den er noch zuvor empfunden hatte und er schaute durch das Portal nach draußen.
Ein weiterer Lichtkegel richtete sich auf den Eingang und J11 sah von seinem Gedanken ab, den Wartungseinheiten bei der Arbeit zusehen zu wollen. Er lief zum Fahrstuhl, ging hinein und die Kabine fuhr nonstop zu seinem Stockwerk. Er entstieg, raste die letzten Meter zu seiner Wohneinheit, glitt hinein, woraufhin sich die Tür verriegelte und sackte direkt hinter dem Eingang zusammen. Sein Herz raste vor Anstrengung und vor Schreck.
Nach einigen Minuten Pause tastete er sich aufgrund seiner Erschöpfung an der Wand entlang in seine Bettstatt, fiel hinein und er glitt in einen traumlosen Schlaf...
***
Zeit für eine erste Entscheidungsfrage:
Findet ihr, J11 sei ein Langweiler, lest im Kapitel → Alltag weiter.
Denkt ihr hingegen, er sei ein findiges Bürschchen, lest bei Kapitel → Merkwürdiges weiter.
J11 zweifelte mehr und mehr an sich, seinem Verstand und seiner Umwelt, seinem Umfeld. Er hätte auch nicht gewusst, wie er jemand anderen davon hätte überzeugen sollen, sich seinen Recherchen und seiner Wissenssuche anzuschließen. Sie lebten alle in ihrer eigenen Welt, die ihn so komplett auszuschließen schien. Ebenso wie umgekehrt.
Das war ihm mehr und mehr klar geworden. Schon alleine, weil außer ihm nur selten jemand in den Dateien suchte.
Die Suche nach Antworten begann ihn inzwischen zunehmend zu frustrieren, also wandte er sich anderen Dingen zu. Sein Kopf war zu – es ging nichts mehr hinein und nichts mehr hinaus.
Immer öfter trieb er sich nur noch im Arboretum, im Gesundheitszentrum oder in seiner Wohnung zu. Die Bibliothek mied er inzwischen. Immer noch rastlos und ruhelos, aber ohne ein bestimmtes Ziel...
Andere Menschen, welche ihn sahen, bemerkten zwar einen Unterschied bei J11, aber taten die subtilen Veränderungen seines Verhaltens ab, weil sie diesen speziellen Mitbewohner nie anders erlebt hatten.
Schon alleine seine Erscheinung: Groß, schlaksig, linkisch mit bleicher Haut, langes, fettiges strähniges und meist wild aussehendes schwarzes Haupthaar, welches ihm oft ins Gesicht fiel und seine intensiv blauen Augen oft verdeckte. Augen, deren Blick sie meist nicht aushielten, weil sie so leuchtend wirkten oder durch sie hindurch zu starren schienen... Zu oft fühlte sich jemand von diesem Blick provoziert...
Er selbst achtete nicht darauf. Es sei denn, jemand nahm dies zum Anlass, ihm eins reinzuwürgen. Ihn interessierte nur vieles und er nahm vieles detailreich wahr, oder etwas zog ihn in seinen Bann...
Vor ein paar Jahren kam ihm das recht teuer zu stehen, als er zufällig einen anderen Bezirk betrat und auf ein paar Gleichaltrige traf, die sich durch ihn und seine Ausstrahlung nicht nur gestört, sondern regelrecht abgestoßen fühlten...
„Was willste?“, brummte ihm einer von ihnen zu. Kleiner als J11, vom Auftreten her öfter auf Streit aus und von wesentlich kräftigerer Statur.
Ehe J11 antworten konnte, wurde er schon von der Gruppe, welche sich hauptsächlich aus jungen Männern zusammensetzte, umringt.
Sie stießen ihn von einem zum anderen, ehe der Kleinere ihm ohne ein weiteres Wort einfach einen Schlag in die Magengrube versetzte, so dass der Jugendliche zusammensackte und sich zu deren Füßen vor Schmerzen krümmte.
Man trat nach ihm, bis jemand schließlich sagte: „Lassen wir ihn, der hat genug!“
Was sie damit bei J11 erreicht hatten: Er zog sich weiter zurück und er mied die Blicke anderer, selbst wenn sie es nicht böse mit ihm meinten.
Erst waren ihnen seine Augen zu intensiv, nun wirkte er auf alle anderen nur noch arrogant, weil er niemanden mehr ansah oder mit ihnen Blickkontakt aufnahm...
Selbst, wenn man das Wort an ihn richtete, wich er ihnen aus oder antwortete möglichst kurz angebunden oder nur einsilbig. Er selbst hatte inzwischen nur noch Angst, etwas Verkehrtes zu äußern und sie dachten, ihre freundlich gemeinten Worte fänden kein Gehör, weil der Typ einfach nur daneben wäre...
Obwohl er wusste, dass die Medikation, welche alle Bewohner mit ihren Mahlzeiten erhielten auf ihn nicht wirklich mehr wirkte, suchte er das medizinische Zentrum nun des Öfteren auf, damit diese erhöht oder geändert wurde.
Leider handelte es sich nicht um menschliche Ärzte, sondern um eine automatische Diagnoseeinheit, welche eine an die Station gekoppelte KI war. Er legte sich in den Diagnosesessel, so dass die Sonden des Gerätes den Weg zu den entsprechenden Körperregionen suchen konnten, um ihn eingehend zu untersuchen.
»Kennung: J11, männlich, 6533 Tage alt. Neigung zu leichtem Untergewicht. Keine Angehörigen und kein weiteres soziales Umfeld. Ungleichgewicht im Hormonhaushalt und der Chemie des Zerebrums. Empfehlung: *unverständlich* wahrscheinlich unumgänglich...«, gab die Einheit monoton wieder.
„Was?“, wunderte der Junge sich. Nicht nur, dass er manche der langen Sätze nicht verstand oder manche der komplizierten Wörter, aber die eine Tonfolge kam ihm merkwürdig vor... „Bitte wiederholen!“, sagte er.
»Ungleichgewicht im Hormonhaushalt und der Chemie des Zerebrums. Empfehlung: *unverständlich* wahrscheinlich unumgänglich...«
„Versteh immer noch nichts...“, erwiderte J11 irritiert. Die Sonden hatten sich zwischenzeitlich von ihm zurückgezogen – ein Zeichen dafür, dass die Untersuchung beendet war. Der junge Mann erhob sich und winkte ab: „Auch egal... Weiß selbst, dass ich panike. Und dass ich seltsame, auch... Scheißteil...“ Dann verließ er fluchend den Untersuchungsbereich.
Er wusste sich keinen richtigen Rat und fühlte sich nicht nur von den anderen Menschen im Stich gelassen, sondern nun auch vom medizinischen System.
Fatalistische Gedanken schlichen sich in sein Gehirn. Er wusste, dass normalerweise alle Menschen ab einem bestimmten Lebensalter von einer angeblichen Routineuntersuchung nicht mehr zurückkehrten. Da-von war er aber noch weit entfernt...
Er sammelte zum Beispiel seine Medikation. Vielleicht endet eine Überdosis alles..., wie er aus alten Dateien erfahren hatte. Die Chance, dass er in diesem Fall die überschüssige Menge an Tabletten nur wieder erbrach, stand aber ebenfalls nicht schlecht.
Er konnte sich auch nirgendwo erdrosseln, in dem er sich mit ein paar zusammengeknoteten Kleidungsstücken irgendwo erhängte... Es gab weder an der Decke noch sonst irgendwo eine Möglichkeit, den improvisierten Strick zu befestigen... Maximal würde er sich etwas brechen...
Ein Sprung aus dem Fenster war laut seiner Überlegungen nicht möglich, weil einfach keine vorhanden waren und es auch kein Dach auf seinen Wohnkomplex gab; dieser ging nahtlos in die Decke des riesigen Raumes über. Und selbst, wenn es ein Dach gegeben hätte, wäre es sicher abgesperrt...
