Infinite Nights - Sophia Como - E-Book + Hörbuch

Infinite Nights Hörbuch

Sophia Como

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Beschreibung

Sie ist das strahlende Gesicht der Elite, er ein Schatten des Untergrunds.

Als Tochter des renommierten Modeimperiums Vestura lebt Camila im Rampenlicht von Barcelonas High Society - und erlebt zugleich ihre Schattenseiten. Als mit einem Mal ein Stalker Camilas Welt ins Schwanken bringt, heuert ihr Vater den Undergroundboxer Miguel als Bodyguard an. Weil sie sich schämt, von nun an einen Aufpasser an ihrer Seite zu haben, bittet sie ihn, sich an der Uni als ihren Freund auszugeben. Was als Lüge beginnt, verschmilzt schon bald mit der Realität, die nicht nur Miguel alles kosten und Camila in noch größere Gefahr bringen könnte.

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Zeit:12 Std. 54 min

Veröffentlichungsjahr: 2025

Sprecher:Michael BorgardSonja PrinzJohann Silberstein

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Zum Buch

Sie ist das strahlende Gesicht der Elite, er ein Schatten des Untergrunds. Als Tochter des renommierten Modeimperiums Vestura lebt Camilla im Rampenlicht von Barcelonas High Society - und erlebt zugleich ihre Schattenseiten. Als mit einem Mal ein Stalker Camillas Welt ins Schwanken bringt, heuert ihr Vater den Undergroundboxer Miguel als Bodyguard an. Weil sie sich schämt, von nun an einen Aufpasser an ihrer Seite zu haben, bittet sie ihn, sich an der Uni als ihren Freund auszugeben. Was als Lüge beginnt, verschmilzt schon bald mit der Realität, die nicht nur Miguel alles kosten und Camilla in noch größere Gefahr bringen könnte.

Zur Autorin

Sophia Como wurde 1996 in Flörsheim am Main geboren und war bereits als Kind begeisterte Leserin und Träumerin. Immer mehr in anderen Welten als der Realität unterwegs, kritzelte sie im Unterricht heimlich ihre Hefte mit Geschichten voll. Ihre Romane füllt sie mit eigenen Erfahrungen, Träumen und kleinen Besonderheiten, die ihr im Alltag begegnen.

Sophia Como

Infinite Nights

Wo du auch bist

Roman

reverie

Originalausgabe

© 2025 reverie in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH

Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg

[email protected]

Covergestaltung von Andrea Janas

Coverabbildung von Chenyang Lin, Patishop Art / Shutterstock, PCDKNU-277 / freepik, kjpargeter / Depositphotos

E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783745704907

www.reverie-verlag.de

Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten.

Die Rechte der Urheberin und des Verlags bleiben davon unberührt.

Liebe Leserinnen und Leser,

dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte. Deshalb findet ihr am Romanende eine Themenübersicht, die demzufolge Spoiler enthalten kann.

Wir wünschen euch das bestmögliche Erlebnis beim Lesen der Geschichte.

Eure Sophia und euer Team von reverie

Für P.

Wieder und wieder und wieder

Prolog

Camila

Die Berührung von etwas Kaltnassem an meinem Bein riss mich aus dem Schlaf. Das Erste, was ich sah, war die Decke meines Zimmers, deren sonst so strahlendes Weiß in der Dunkelheit wie ein düsteres Grau wirkte. Mein Blick wanderte darüber hinweg, während diese feuchte Kälte meinen Oberschenkel entlangglitt, zähflüssig und widerlich. In der linken Ecke meines Zimmers tanzten die langen Schatten der großen Eiche vor meinem Fenster, der Wind heulte, irgendwo knarzte es.

Ein Geräusch rechts von mir ließ meinen Blick ruckartig zur Seite huschen – doch ich konnte nichts erkennen. Der Versuch, meinen Kopf zu bewegen, scheiterte. Ich konnte mich nicht rühren, war versteinert. Ein weiteres Mal versuchte ich, gegen die Schlafparalyse anzukommen, meinen Körper aufzuwecken, doch sämtliche Glieder waren gelähmt. Ich konnte nichts tun, konnte nicht sehen, wer neben meinem Bett stand.

In meiner Brust begann es zu rasen. Das nasse Gefühl kehrte zurück. Es wanderte höher an meinem Bein, glitt über die empfindliche Haut meines Oberschenkels. Waren es Finger? Lange, kalte, schleimige Finger? Panik packte mich mit der Wucht eines Sturms, während Ekel sich wie ein brennendes Gift in mir ausbreitete. Ich wollte schreien, wollte nach Luft schnappen, doch selbst mein Atem blieb wie eingefroren.

Plötzlich raschelte es. Viel zu nah an meinem Ohr. Schritte. Schwere, langsame Schritte, die die Dielen meines Zimmers knarzen ließen. Rechts. Links. Rechts. Links. Ich spürte, dass er am Fußende meines Bettes haltmachte. Den Blick, der sicherlich auf mir haftete, konnte ich fast physisch spüren. Wie eine Raspel kratzte er über meine Haut, befleckte meinen ganzen Körper und schälte mich – Schicht für Schicht –, bis nichts mehr von mir übrig war.

Wäre ich nicht in diesem verdammten schlafenden Körper gefangen, wäre ich zusammengezuckt, als die Schritte wieder einsetzten. Sie kamen immer näher, wurden lauter. Ich war mir sicher, sie waren auf Höhe meiner Hüfte, als sie wieder verstummten. Das Hauchen eines Atems, der nicht meiner war, durchbrach die Stille. Doch ich konnte noch immer nicht den Kopf drehen. Sah nur einen Schemen, der an meinem Augenwinkel vorbeiglitt.

Dann tauchte er ab. Richtung Boden. Und alles wurde still. Kein Geräusch, keine Bewegung. Mein Körper brannte vor Anspannung, jede Sekunde schien endlos. Erst eine viel zu lange Ewigkeit später bemerkte ich einen Atem direkt an meinem Ohr. Warm, feucht, viel zu nah. Ich konnte nichts sehen, aber ich wusste, dass er da war. Direkt neben meinem Gesicht. Er kauerte an meiner Bettkante, starrte mich an wie ein Raubtier, das seine Beute beobachtet – mich.

Kapitel 1

Miguel

Ich konnte nicht aufhören.

Die Bandagen um meine Hände waren längst durchgeschwitzt, meine Fingerknöchel brannten von den Schlägen gegen den Sandsack. Ich war müde, ausgelaugt, kaputt. Aber aufzugeben würde mich wahrscheinlich endgültig zerstören.

Der Aufprall meiner Knöchel gegen das Leder hallte durch die Stille der alten Lagerhalle, beruhigte mich für die Sekunde, in der ich nur sein Echo hörte. Doch kaum war es verklungen, dröhnten andere Dinge durch mein Gedächtnis. Erinnerungen. Momente.

Schreie.

Blut, das auf den Boden tropfte.

Mein eigenes Keuchen, irgendwo inmitten des Johlens der Menge.

Atemlos schloss ich die Augen, lehnte mich gegen den Sandsack, doch das machte alles nur noch schlimmer. Die Bilder rissen mich mit sich. Die dunklen Erinnerungen legten sich wie Schlingen um meine Kehle und drückten mir schmerzhaft gegen alle Wunden. Ich spürte ein Stechen, das sich wie Feuer durch meine Seite fraß, dort, wo er mich getroffen hatte.

Mit einem scharfen Atemzug riss ich die Augen auf und kehrte in die Gegenwart zurück, taumelte durch das flackernde Licht der Neonröhren und ließ mich schließlich auf einer Bank nieder, wo ich meine Wasserflasche fast in einem Zug austrank. Das Blut rauschte mir in den Ohren und ich brauchte lange, um wieder richtig zu Atem zu kommen. Gerade als ich mich erhob und zurück an den Sandsack treten wollte, hallte ein Schnauben, zischend und laut. Abrupt blieb ich stehen, starrte in die Dunkelheit, aus der das Geräusch gekommen war. Eine kalte Welle brach über mich herein, als er aus den Schatten trat.

»Miguel Pérez, so sieht man sich wieder.« Meine Hände ballten sich zu Fäusten. César Fuente trat in einen schwarzen Anzug gekleidet aus der Dunkelheit. Toro und Delgado folgten. Obwohl ich mir geschworen hatte, niemals mit ihnen in Berührung zu kommen, hatte mich ein verdammter Fehler doch in ihre Arme getrieben.

César lehnte sich lässig gegen den Boxring und zündete sich eine Zigarette an, als wäre er hier zu Hause. Seine dunklen Augen ruhten auf mir, sein Blick war wie eine kalte, unsichtbare Klinge, die mir über die Haut fuhr. Die scharf geschnittenen Gesichtszüge waren vom Leben auf der Straße und in den Ringen geprägt: Eine alte Narbe zog sich von seiner linken Schläfe bis zum Kiefer, kaum sichtbar unter dem leichten Bartschatten, der sein kantiges Kinn betonte.

»Was wollt ihr von mir?« Mein Kiefer spannte sich an, doch ich versuchte, locker zu bleiben.

César grinste. Sein Silberzahn blitzte im schwachen Licht auf, ehe er sich zu seinen Männern umdrehte, die in das Lachen mit einstimmten.

»Ganz ruhig, Pérez. Keine Angst. Wir wollen nur reden.« Er trat näher und blies mir den Rauch ins Gesicht. »Nach deinem letzten Kampf wollen wir unter gar keinen Umständen riskieren, dass du uns noch mal fast abkratzt. Du bist zu wertvoll für uns.«

Meine Finger zuckten. »Wovon sprichst du?«

Er schnaubte amüsiert und musterte mich mit zusammengekniffenen Augen. »Es ist wirklich bewundernswert, wie ähnlich du ihm siehst«, begann er und leckte sich die Lippen. »Als du im Ring vor mir standest, dachte ich kurz, er wäre es …« Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Ich wandte den Blick ab, während César nur kalt grinste.

»Ich habe nichts mit meinem Vater zu tun«, spuckte ich ihm entgegen und griff nach meiner Tasche. »Also langweilt mich mit einem anderen Thema.«

»Mensch, er muss dir ja mächtig wehgetan haben.« Delgado verhöhnte mich, doch ich gab mir alle Mühe, ruhig zu bleiben. »Das tut mir riesig leid, aber leider müssen wir dich weiter damit belästigen.« Als ich wieder zu ihm aufsah, hatte er seine Hände gehoben und sah mich gespielt bedauernd an. »Weißt du, dein Vater hat uns nämlich ’ne Menge Schulden hinterlassen.«

»Nicht mein Problem.«

Er lachte erneut, diesmal war es dunkler, ernster. »Doch. Das ist leider genau dein Problem.« Sein Blick wurde düsterer, als er sich mir noch weiter näherte. »Du hast mitgekämpft, jetzt steckst du mit drin. Aber ich bin mal nicht so. Ich mache dir einen fairen Vorschlag.« Noch bevor er weitersprach, ahnte ich schon, dass nichts an seinem Vorschlag fair sein würde. »Entweder du zahlst seine Schulden ab und wir lassen dich in Ruhe … oder du trittst in seine Fußstapfen und kämpfst in Zukunft für uns. Ich möchte dich in unserem Ring haben.«

Ich spürte, wie sich mein Herzschlag beschleunigte, presste die Lippen aufeinander und starrte ihn einfach nur an. Dann schnaufte ich. »Das kannst du vergessen. Ich habe nichts mit euren dreckigen Machenschaften zu tun.«

Sein Grinsen verschwand. Eine Ewigkeit starrte er mich stumm an. »Vergessen«, wiederholte er. »Natürlich könnte ich es einfach vergessen.« Während er sprach, kam er noch näher und zückte dabei ein scharfes Messer. Die Erinnerungen waren zurück, die Narbe pochte, und für einen Moment rang ich innerlich um Gleichgewicht. Der Schweißfilm auf meiner Stirn war in der Zwischenzeit eiskalt geworden. »Kannst du denn auch vergessen?«, fragte er und sah zu mir auf, während er mit seinem Messer spielte. Ich blieb standhaft, auch wenn es mir alles abverlangte. Dieser Mistkerl hatte mir genug genommen, meine Würde bekam er nicht auch noch. Also starrte ich weiter, versuchte auszublenden, dass auch Delgado und Toro näher traten, mich einkesselten. Ich wusste, allein und mit meinen bloßen Händen würde ich gegen sie nicht ankommen.

»Wenn ja, wäre es mir ein Vergnügen, dich noch mal daran zu erinnern, dass du keine verdammte Wahl hast«, presste César hervor und hielt mir die Spitze des Messers direkt an die Seite meines Bauches. Dorthin, wo es seit Monaten schmerzte. Mein Kiefer knackte, so sehr presste ich die Zähne aufeinander. Er hätte mich abstechen können, eine einzige Bewegung hätte gereicht. Doch stattdessen zeigte er nur ein breites Grinsen, offenbarte mir seine widerlichen gelben Zähne, geschmückt mit silbernen Planken, und lachte mir gehässig ins Gesicht.

»Nein, mein Lieber, das wollen wir ja nicht.« Endlich löste er das Messer, brachte wieder Abstand zwischen uns, ließ mich dabei jedoch nicht aus den Augen.

»Überleg es dir.« Seine Stimme war dunkel, sein Ausdruck todernst. »Wir kommen wieder.«

Kapitel 2

Camila

Noch bevor ich die Augen öffnete, wusste ich, dass an diesem Morgen irgendetwas anders war.

Vielleicht war es der Duft, der in der Luft lag. Nicht der vertraute Hauch von Lavendel aus den Laken oder der frische Morgenwind, der durch den Spalt des Fensters blies, sondern etwas Schweres, seltsam Metallisches. Ich blieb einen Moment reglos liegen, lauschte. Außer meinem Atem, dem Rascheln des Baumes und dem leisen Ticken der antiken Standuhr im Flur konnte ich nichts hören.

Müde blinzelte ich gegen das Halbdunkel an. Der Kronleuchter über mir schimmerte schemenhaft im ersten Licht des Tages. Die dunklen Vorhänge waren noch zugezogen, nur wenig Licht drückte sich von den großen Kreuzfenstern zwischen den Gardinen hindurch und zeichnete Schatten auf meine Möbel. Meine Finger fanden den Rand der Decke, zogen sie beiseite. Dabei schlug mein Herz schneller, ohne erkennbaren Grund.

Schließlich richtete ich mich auf. Eine Bewegung, die sich schwerer anfühlte als sonst. Als hätte mein Körper einen Kampf hinter sich, von dem mein Verstand nichts wusste. Ich konnte mich nicht erinnern, geträumt zu haben, und doch klebte ein schauriges Gefühl an mir wie kalter Schweiß.

Ich zog mich vor zur Bettkante, wohl wissend, dass auch dieser Tag wie alle anderen in den letzten drei Wochen ablaufen würde: ich eingesperrt, ohne Handy und Kontakt zur Außenwelt, eingehüllt in den Stoffen meines Ateliers, weil mir nichts anderes mehr übrig blieb.

Seit Monaten bestimmte er mein Leben, hatte meinen übervorsichtigen Vater dazu gebracht, mich zu Hause einzusperren, und ein drängendes Gefühl sagte mir, dass er damit nicht so schnell aufhören würde. Auch wenn die Polizei vor drei Wochen einen Verdächtigen geschnappt hatte, auch wenn dies eine Hoffnung in mir weckte, die viel zu schön war, um sie greifen zu können. Die Hoffnung, dass das endlich ein Ende fand, dass ich endlich mein normales Leben weiterführen und aus diesem Gefängnis, das sich auch Zuhause nannte, ausbrechen konnte.

Müde vergrub ich das verschlafene Gesicht in den Händen. Als ich mich erhob, fühlte ich plötzlich etwas Nasskaltes an meinen Oberschenkeln. Verwundert befühlte ich meine Stoffhose und stellte fest, dass sie an der Rückseite nass war. Ich tappte durchs Halbdunkle zu meinem Spiegel, versuchte, etwas zu erkennen. Und da war es. An meinen Beinen prangte ein großer dunkler, nasser Fleck. Weil ich mit den Händen darübergefahren war, klebte die Flüssigkeit auch an meinen Fingern. Mein Herz begann zu rasen. Ich wollte das Licht anmachen, es gleichzeitig auslassen. Denn eine Seite von mir fürchtete sich vor der Wahrheit. Davor, um was es sich für eine Flüssigkeit handelte. Obwohl ich es schon längst wusste.

Blut.

Panisch tastete ich mich ab und versuchte festzustellen, ob ich irgendwo eine offene Wunde hatte. Oder hatte ich meine Tage? Nein, das konnte nicht sein.

In dem Moment wurde die Tür aufgerissen. Unsere Haushälterin Señora Expósito kam wie jeden Morgen herein, um mich zum Frühstück zu rufen.

»Señora Luminia, das Frühstück erwartet …« Sie knipste das Licht an, entdeckte mich und stockte. Dann löste sich ein lauter Schrei aus ihrer Kehle. Im hellen Licht des Kronleuchters drehte ich mich erneut zum Spiegel um und musste selbst mit den Tränen kämpfen.

»Was ist passiert?« Mein Vater hatte den Schrei gehört und eilte zu uns ins Zimmer. Als er mich erblickte, taumelte auch er zurück. Sämtliches Blut wich aus seinem Gesicht, während meines damit beschmiert war. Mein ganzer Körper, an manchen Stellen war es bereits trocken und krustig. Ich sah aus, als wäre ich direkt aus einem Horrorfilm entsprungen.

Panik übermannte mich. Plötzlich tat mir alles weh, plötzlich fühlte es sich so an, als würde ich überall bluten. Ich wusste nicht mehr, was Einbildung und was reale Schmerzen waren. Und weil mir schwindelig wurde, sackte ich langsam zu Boden.

»Camila!« Papá war mit einem großen Schritt bei mir, packte mich an den Schultern und sah mich mit geröteten Augen an. Sein Blick machte es noch schlimmer. Er sah aus, als würde er dem Tod entgegensehen. Meinem Tod?

»Was ist passiert? Wo blutest du?« Noch bevor ich antworten konnte, fiel sein Blick auf mein Bett. Tränen rannen über meine Wangen, spülten das Blut fort. Doch als sich Papás Ausdruck von besorgt zu verärgert wandelte, wurde mir klar, was das Blut zu bedeuten hatte.

Mein Herzschlag beschleunigte sich noch mehr. Nicht aus Angst, nicht, weil ich verletzt war. Mühsam zog ich mich an seinen Schultern wieder auf die Beine, den Blick fest auf meine Matratze gerichtet. Bis sich das Bild von blutigen Worten auf weißen Laken schließlich durch den Schleier meiner Tränen drückte. Ich öffnete den Mund, holte tief Luft und ließ sie mit einem ebenso lauten Schrei wie dem von Señora Expósito wieder raus. Nur dass dieser Schrei keinem Schock galt.

Er galt ihm und seinen Machenschaften. Und der Hoffnung, er wäre endlich gefasst worden, die nun ein für alle Mal zerstört worden war. Er hatte gewartet. Er hatte uns wirklich glauben lassen, dass die Polizei ihn geschnappt hatte. Dass mein übergriffiger Ex-Freund Freddy tatsächlich mein Stalker war. Und dass ich mein Leben bald endlich wieder normal weiterleben konnte. Doch nun stand ich hier vor rot verschmierten Buchstaben und wusste, dass er heute Nacht bei mir gewesen, mich berührt und beschmutzt und mir auch das letzte Stück Würde genommen hatte. Und ich war mir sicher, dass ich ihn dabei sogar gespürt hatte.

Hast du mich vermisst?

Kapitel 3

Miguel

Schwere Regentropfen rannen über die dreckige Fensterscheibe und verschmierten das Bild des grauen Blocks gegenüber.

Erst gestern war César aufgetaucht, jetzt suchte mich noch jemand anderes aus meiner Vergangenheit heim. Hatte ich denn vor niemandem mehr meine Ruhe?

Verbissen starrte ich hinab zur Straße. Sein schwarzer Aston Martin parkte schon seit Tagen immer wieder am Straßenrand und zog in einer Gegend wie dieser alle Augen auf sich. Was zur Hölle wollte er? Dass ich wieder kämpfte? Das konnte er vergessen.

»Wer ist das, Miguel?« Die zierlichen Hände meiner kleinen Schwester Aya krallten sich an mein Bein, ehe sie sich an mir hochzog und ebenfalls hinaussah. Hastig wandte ich mich vom Fenster ab, um meiner kleinen Schwester keine Angst einzujagen. In dem Moment betrat auch Mamá unser Wohnzimmer und schenkte mir einen angespannten Blick.

»Nur jemand mit einem sehr schönen Auto«, sagte ich an Aya gerichtet, um abzulenken, nahm sie in meinen Arm und drückte sie an mich. Sie kicherte und etwas Dunkelheit in mir wurde von Licht verdrängt.

»Nimmst du mich heute wieder mit zum Boxen?«

Mein Blick zuckte zu meiner Mutter, die ebenfalls aufsah. Die Sorge, die in ihrem Gesicht stand, ließ mich schwer schlucken. Ein ernster Zug um ihre Lippen, diese Falte zwischen ihren Brauen und die breite Narbe, die mich an den schlimmsten Moment meines Lebens erinnerte. »Vielleicht das nächste Mal. Musst du dich jetzt nicht für die Schule fertig machen? Geh zu Valeria.« Nur widerwillig nickte sie schließlich und verschwand bei meiner anderen Schwester im Bad, um sich die Zähne zu putzen. Ein Blick hinaus verriet mir, dass er nach wie vor dort stand. Er wartete auf mich.

»Miguel, was soll das?« Meine Mutter trat neben mich. Ich musste sie nicht ansehen, um zu wissen, auf welche Art und Weise sie mich musterte. Warnend. Todernst. Voller Angst. »Ich weiß nicht, in was für krumme Dinge du mittlerweile verwickelt bist, aber ich habe keine Lust drauf, noch mal um dein Leben zu bangen. Nach der ganzen Sache mit deinem Vater und …«

»Mach dir keine Sorgen«, bat ich sie. »Ich kämpfe nicht mehr. Versprochen.«

»Und die Schulden?« Als ich ihr den Blick zuwandte, stand das Wasser in ihren Augen. Ich schluckte. Sie dachte an das Geld meines Krankenhausaufenthaltes, ich an die Schulden meines Vaters. Sie wusste nichts davon; und das war auch besser so. Dieser Mistkerl hatte ihr schon genug genommen. Wie sehr ich es hasste, sie so zu sehen.

»Ich regle das.« Mit diesen Worten drehte ich mich um, lief zur Haustür und eilte die Treppen unseres Wohnhauses hinab. Trotz des Regens, der mir ins Gesicht peitschte, war es so heiß, dass schwerer Dunst in der Luft hing und das Wasser auf dem Asphalt sofort verglühte. Ich fixierte den Wagen, lief schnellen Schrittes auf ihn zu, ehe ich die Tür aufriss und auf die Rückbank sank.

»Was wollen Sie?« Meine nasse Sporthose klebte auf den nagelneuen Ledersitzen seines Wagens. Ich hatte ihn seit Monaten nicht gesehen. Um genau zu sein, seit meinem Unfall. Er trug wie immer einen edlen dunkelblauen Anzug. Seine schwarzen Haare waren ordentlich gestylt, der Blick distanziert – nur seine Augen … Seine Augen zeigten, wie müde und voller Angst er wirklich war.

»Ich brauche deine Hilfe.«

»Meine Hilfe?« Ich rümpfte die Nase. »Ist Ihnen entgangen, dass Sie mir etwas schulden? Nicht andersrum.«

Besänftigend hob er die Hände. »Du hast recht. Und es tut mir leid, dass ich dich zu diesem Kampf gedrängt habe. Ich wollte nicht, dass …, dass es so kommt. Bitte glaub mir.« Schnaubend schüttelte ich den Kopf. »Ich möchte es wiedergutmachen, dir einen Vorschlag machen.«

Obwohl ich immer noch wütend war, ließ mich das aufhorchen. »Einen Vorschlag?«

»Ich erstatte dir das Fünffache der Krankenhauskosten.«

Etwas an meinem stählernen Ausdruck schwand, ich blinzelte überrumpelt. »Das Fünffache«, wiederholte ich, wohl wissend, dass die Summe, die ich nun in meinem Kopf zusammenrechnete, ein Klacks für Spaniens vermögendste Familie war. »Das sind fünfzigtausend Euro.«

Señor Luminia nickte. »Im Gegenzug brauche ich deine Hilfe.«

Ich schnaufte belustigt. »Fünfzigtausend Euro sind das Mindeste, das Sie mir nach allem schulden. Wegen Ihnen habe ich keinen Job mehr, La Sangre Negra im Nacken, weiß nicht mehr, wie ich …«

»Genau deshalb bin ich hier«, unterbrach er mich. »Ich biete dir Geld und einen sehr gut bezahlten Job. Und noch dazu ist er nicht illegal und holt dich hier raus.«

Skeptisch kniff ich die Augen zusammen. »Was für einen Job?«

»Ich möchte, dass du auf meine Tochter aufpasst.«

»Was?« Ich musste mich verhört haben. »Soweit ich weiß, ist Ihre Tochter keine drei mehr.«

»Sie wird belästigt, bedroht …« Am Kratzen in seiner Stimme erkannte ich deutlich, wie sehr ihn das Thema mitnahm. »Und das seit über einem halben Jahr. Wir haben alles versucht, sie sogar bei meiner Schwester in Madrid untertauchen lassen. Er hat sie immer wieder gefunden und er wird immer gefährlicher. Ihr Leben hat sich von einem auf den anderen Tag um hundertachtzig Grad gedreht, sie kann nicht mehr ohne Angst auf die Straße gehen und … letzte Nacht ist er sogar in ihr Zimmer vorgedrungen.«

Etwas krampfte sich in meinem Magen zusammen. Es gab so widerliche Menschen auf unserer Welt, denen ich am liebsten allen einmal auf die Fresse geschlagen hätte. Doch ich hatte eigene Probleme. Señor Luminias privilegierte Tochter sollte keines davon sein.

»Wieso engagieren Sie keinen richtigen Bodyguard?«

»Weil wir langsam nicht mehr ausschließen können, dass es jemand aus den eigenen Reihen ist. Wie ist er sonst ins Haus gekommen? Ich vertraue niemandem.«

Ein kehliges Lachen löste sich aus meinem Mund. »Und mir schon, ja? Mir vertrauen Sie?«

Entgegen meiner Erwartung konnte ich in seinem Ausdruck keine Skepsis erkennen. Ehrlich und aufrichtig blickte er mir entgegen und mein Lachen verklang. »Es gibt momentan wenige, denen ich bei dieser Sache mehr vertraue.« Hatte ihn das ganze Stalker-Thema verrückt werden lassen? »Ich habe dich jetzt eine Weile begleitet und beobachtet. Ich weiß, dass du selbst Schwestern hast. Ich weiß, dass du immer ehrlich gekämpft hast und Verantwortung übernehmen kannst. Du hast Militärerfahrung, und ich bin mir sicher, dass, wenn du dir etwas vornimmst, du es mit hundertfünfzigfacher Überzeugung tust. Ich brauche dich, Miguel.«

Einen Moment scannte ich sein Gesicht. Darin lag etwas Flehendes. Etwas, das mir das Gefühl gab, dass neben all diesen Gründen noch etwas anderes ihn in meine Arme trieb. Als wäre ich seine einzige Wahl.

»Okay, aber das ist eine Nummer zu groß. Ich will diese Verantwortung nicht tragen, wenn ihr doch etwas passiert. Suchen Sie sich jemand anderen.« Mit diesen Worten wollte ich die Tür öffnen, doch er packte mich am Arm. Als ich mich wieder ihm zuwandte, sah er mich aus blutunterlaufenen, glasigen Augen an.

»Ihr wird nichts passieren«, gab er zögernd von sich. Ich runzelte die Stirn, ehe er hin- und hergerissen den Kopf schüttelte. »Also … ich gehe von keiner lebensbedrohlichen Gefahr aus. Ich möchte nur verhindern, dass er näher an sie herankommt.«

Eine ganze Ewigkeit starrte ich ihn an, versuchte, seine Worte zu verstehen, schüttelte dann aber den Kopf.

»Bitte, Miguel«, flehte er erneut. »Denk nur daran, was wäre, wenn es Valeria oder Aya passieren …«

Ihre Namen aus seinem Mund zu hören, ließ mich rotsehen. Im nächsten Moment hatte ich ihn am Kragen gepackt und mit voller Wucht in den Sitz gedrückt. Der Schock in seinem Gesicht wandelte sich schnell zu einem kleinen Lächeln. Das war genau das, was er wollte: meine Wut.

»Ein Arschloch weniger auf den Straßen bedeutet auch mehr Sicherheit für sie«, fügte er gepresst hinzu.

Schließlich ließ ich von ihm ab, sah ausweichend aus dem Fenster und überlegte. Césars widerliches Grinsen huschte mir durch den Kopf.

»Ich will hunderttausend Euro«, sagte ich entschlossen.

Als ich zu ihm zurückblickte, lächelte er zufrieden, auch wenn etwas Unsicherheit über seinen Ausdruck huschte. »Alles, was du willst.«

»Gut.« Mit einem Ruck riss ich die Tür auf und schwang mich aus dem Wagen. »Ich überlege es mir«, waren meine letzten Worte, die ihm sein Lächeln aus dem Gesicht wischten. Auch wenn meine Entscheidung längst feststand. Ich hatte schließlich keine andere Wahl.

Kapitel 4

Camila

»Ihr Vater erwartet Sie im Salón de la Luz.«

Ich spürte Señora Expósitos Blicke in meinem Rücken. Dennoch regte ich mich nicht, starrte stattdessen auf das tiefrote Stück Seide in meinen Händen, das wie fließendes Wasser über meinem Schoß lag. Mein Atelier war mein Rückzugsort. Kein Lärm, keine Stimmen, keine Erwartungen, keine Angst. Nur das weiche Licht der Stehlampen, die Nadel in meiner Hand und die stetige Bewegung meiner Hände. Jedenfalls war es mal so gewesen.

Ich saß auf dem hohen Stuhl an meinem Arbeitstisch, umgeben von einer Symphonie aus Farben und Texturen. Rollen von Seide, Wolle und Organza türmten sich in sorgfältigem Chaos um mich, ihre verschiedenen Töne schienen miteinander zu flüstern. Als ich den Blick hob, fiel er aus dem großen gerahmten Fenster über die Dächer Barcelonas. Irgendwo in der Ferne das Mittelmeer. Die geordneten Straßen und Gassen des Eixample breiteten sich vor mir wie ein kunstvoller Teppich aus, an manchen Stellen durchbrochen von Palmen, Plätzen und Parks. Barcelona war meine Heimat, mein Safe Space, meine Inspiration. Doch ich vermisste die Stadt. Denn seit Wochen hatte ich ihre Schönheit nur von meinem Gefängnis aus betrachten dürfen.

Ein Gefängnis, das ich selbst gewählt hatte. Warum ich mich von meinem Vater hatte einsperren, mir das Handy wegnehmen und mich kontrollieren lassen und trotzdem blieb, verstand ich selbst nicht. Vermutlich, weil ich ihm keine Sorgen bereiten, weil ich es ihm recht machen wollte.

»Ich komme gleich«, antwortete ich mechanisch, ehe ich mich erhob und an die Schneiderpuppe in der Mitte des Raumes trat. Der Anblick des Kleides daran verhöhnte mich, obwohl ich einst so sehr dafür gebrannt hatte. Es sollte ein Abendkleid werden. Eines, an dem ich nun schon seit Monaten arbeitete, aber nie zur Vollendung gekommen war. Dunkelblaue Seide bestickt mit silbrig schimmernden Blüten. Doch an meinen Fingern haftete zu viel Chaos, zu viel Schmerz, zu viel von ihm.

Es war also wirklich nicht Freddy, der mich seit Monaten mit Drohungen heimsuchte. Schon bei seiner Verhaftung war ich skeptisch gewesen. Als er mir nach ein paar Wochen unverfänglichem Sex etwas zu aufdringlich und besitzergreifend geworden war, hatte er ein paar unüberlegte und dumme Dinge getan, wie zum Beispiel meinen Wagen zu zerkratzen, die ihn in ziemlich verdächtiges Licht gestellt hatten. Drei Wochen lang war er in Untersuchungshaft. Drei Wochen, in denen weder eine Nachricht noch irgendein anderes Zeichen von meinem Stalker bei mir angekommen war, was uns natürlich hatte hoffen lassen. Seitdem war ich hier eingesperrt, ohne Smartphone, ohne Kontakt zur Außenwelt. Bis sich die Dinge geklärt haben, hatte mein Vater gesagt. Nun, jetzt hatten sich die Dinge geklärt – er war wieder da und Freddy hatte mit alldem nichts zu tun.

Seufzend verließ ich mein Atelier, um mich auf den Weg ins Erdgeschoss zu machen. Vor meiner offenen Zimmertür hielt ich kurz inne und ließ den Blick über mein großes Himmelbett gleiten. Es war ordentlich zurechtgemacht, mit großen Zierkissen und einer beigen Tagesdecke. So clean, so perfekt, als hätten die Blutspuren nie existiert, als wäre das alles hier nur ein dummer Traum.

Dieser miese Mistkerl, dachte ich und rümpfte die Nase, weil ich es hasste, dass mir irgendjemand Angst machen wollte. Ich hatte keine Angst, ich war stinksauer, denn seinetwegen hatte ich nicht nur mein Privatleben, sondern auch schon beinahe zwei Monate meines ersten Semesters auf der EstiloArte verpasst, der angesehensten Universität für Mode in ganz Spanien. Natürlich hatte Papá mit der Leitung gesprochen, natürlich machten sie für mich eine Ausnahme, damit ich auch später noch beginnen konnte. Natürlich bekam ich eine Scheißextrawurst, als wäre es nicht schon schlimm genug, dass ich wegen meiner Familie immer bevorzugt wurde und überall für Aufmerksamkeit sorgte. Dabei wollte ich meinen eigenen Erfolg formen, meinen eigenen Weg gehen, meine eigenen Ziele verfolgen, deswegen auffallen, nicht wegen meiner Familie.

Seufzend lief ich weiter und durchquerte unsere Stadtvilla. Während ich den langen Gang in Richtung Treppe passierte, warf ich einen Blick hinaus durch die großen Kreuzfenster. Zwei Streifenwagen und ein schwarzer Mercedes verließen gerade die Einfahrt. Gleich mehrere Ärzte hatten mich nach dem Vorfall gestern Morgen gründlichst untersucht und zum Glück nichts festgestellt. Und wie sich herausstellte, war das Blut auf meinem Körper wohl auch nur Kunstblut gewesen. Für echtes war er also zu feige, was?

Sobald ich den Salon betrat, spürte ich die Anspannung meines Vaters bis ins Mark. Er trug einen teuren Anzug des Familienlabels Vestura und schenkte sich am Barwagen einen Whiskey ein. Am anderen Ende des Salons stand Juan Gomez, Securityleiter von Vestura, der meiner Familie bei anderweitigen Sicherheitsfragen immer wieder beiseitestand. Ich war mir sicher, dass er Papá auch in meiner Angelegenheit beraten hatte.

Ohne mich anzusehen, begann mein Vater zu sprechen.

»So kann das nicht weitergehen.« Am Klang seiner Stimme konnte ich erkennen, dass er einen Kloß im Hals hatte. Mich blutüberströmt zu sehen, hatte viel mit ihm gemacht, vermutlich auch schlechte Erinnerungen heraufbeschworen, denn auch seine eigene Schwester hatte er vor einigen Jahrzehnten so erblicken müssen. Und der kritische mentale Zustand meiner Mutter verbesserte sich durch die Umstände auch nicht wirklich.

»Die Polizei findet keine Indizien und dieses Arschloch kommt dir immer näher. Dass er in der Nacht tatsächlich in deinem Bett …« Er brach ab, nahm einen Schluck und schüttelte den Kopf. Auch ich schluckte, auch ich merkte, dass die Situation mich nicht so kaltgelassen hatte, wie ich dachte. Was zu Beginn nur nervig gewesen war, wurde nun immer gefährlicher.

»Der Polizei vertraue ich nicht mehr, und wer weiß, was dir passieren könnte. So kann das nicht weitergehen. Du kannst deinen Alltag unmöglich weiter so einschränken, bis sie endlich etwas finden. Es wird wieder Zeit für Normalität.«

Meine Anspannung wich einem hoffnungsvollen Lächeln. »Ich bin froh, dass du das sagst. Ich möchte endlich wieder …«

»Deswegen habe ich dir einen Bodyguard besorgt.«

Mein Mund blieb offen stehen und ich sah meinen Vater verwirrt an. »Ein Bodyguard?«, krächzte ich aufgebracht. »Wie soll mir ein Bodyguard Normalität bieten? Jeder wird mich für lächerlich halten! Ich bin doch nicht Taylor Swift!« Ich beendete meinen Satz mit einem belustigten Schnaufen, um zu überspielen, was sein Vorschlag in mir auslöste.

Ich wollte doch einfach nur ich sein. Nicht Camila Luminia, nicht die Tochter und das Aushängeschild einer berühmten Familie. Es war schwer genug, unter all den Erwartungen und Vorurteilen als Mensch gesehen zu werden, vor allem jetzt, da ich sowieso später mit der Uni begann und eine Extraportion Aufmerksamkeit als die Neue auf mich ziehen würde – da half ein Bodyguard bestimmt nicht.

Er würde allen zeigen, wie anders ich war.

Reicher.

Verletzlicher.

Jemand, der beschützt werden musste.

Ich sah es schon vor mir – die Blicke in der Uni, das Tuscheln auf dem Campus. Menschen, die mich mieden oder sich an mich heranmachten, weil sie glaubten, ich wäre etwas Besonderes. Ich wollte das nicht. Ich wollte dazugehören. Ganz allein meinetwegen.

Ich brauchte keinen Aufpasser. Jedenfalls sagte ich mir das immer wieder. Sagte mir innerlich, dass dieser Mistkerl mir nichts anhaben könnte, dass er mich nur langweilte und dann hoffentlich bald damit aufhörte. Wenn ich nicht auf ihn reagierte, würde er vielleicht irgendwann damit aufhören. So wie es bei Geschwistern war, die sich ärgerten und es nur interessant blieb, solange der andere sich weiter aufregte.

»Es ist mir egal, was die anderen denken. Was mir nicht egal ist, ist deine Sicherheit, Camila! Und wenn das die einzige Lösung ist, dich sicher durch den Alltag zu bringen, werde ich sie nutzen, bis dieser Spuk endlich ein Ende hat!«

»Aber …« Papá hob die Hand, ließ mich nicht zu Wort kommen, denn im nächsten Moment rief er nach seinem Sekretär.

»Señor de Armas«, die Flügeltür wurde geöffnet, »Sie können ihn reinlassen.«

Dieser nickte und verschwand im Anschluss wieder um die Ecke. Komplett aus dem Konzept gebracht, wirbelte ich herum. »Was …«, stammelte ich. »Ihn? Du hast schon jemanden eingestellt?« Mein Vater ignorierte mich, stellte sein Glas zur Seite und sah schließlich mit freundlichem Lächeln zur Tür hinter mir.

»Miguel!«, rief er erfreut und lief an mir vorbei, ohne mich auch nur noch einmal zu beachten.

Ich drehte mich um und stockte. Es waren nicht seine stechend grünen Augen, sein einnehmender Blick oder die breiten Schultern, die mich sprachlos machten. Viel mehr wunderte ich mich über die Art und Weise, wie mein Vater ihm fast schon väterlich die Hände auf die Schultern legte. Viel zu vertraut. Miguel hingegen schenkte meinem Vater nur einen gereizten Blick, sah missbilligend auf seine Hand hinab, woraufhin Papá sie von seiner Schulter löste. Miguel wirkte völlig fehl am Platz in unserem Salon. Er hatte eine große Narbe an der Schläfe, viele Tattoos, die an seinen muskulösen Armen prangten, er trug ein sehr schlichtes Outfit – bestehend aus einem weißen Shirt, Jeans, einer ziemlich abgenutzten Lederjacke und dreckigen Boots. All das ließ ihn zwischen teuren Anzügen, stuckverzierten Wänden und glänzenden Marmorfliesen deplatziert wirken.

Unter einem professionellen Personenschützer hatte ich mir immer einen Mann mittleren Alters vorgestellt. Jemand, dem man ansah, dass er schon einige Jahre Berufserfahrung hinter sich hatte, der Souveränität und Sicherheit ausstrahlte, so wie Gomez zum Beispiel. Das, was Miguel ausstrahlte, würde ich als das Gegenteil von Sicherheit bezeichnen. Gefahr, ein Risiko, eine Bedrohung.

Papá überprüfte jeden seiner Mitarbeiter bis ins kleinste Detail. Mit seinem rauen Auftreten gehörte Miguel nicht zu den Männern, bei denen ich gedacht hätte, dass Papá sie als vertrauenswürdig oder sogar gut genug einstufte, legte er doch immer etwas zu viel Wert auf ein professionelles und ordentliches Äußeres. Vielleicht war ich aber auch einfach nur oberflächlich, vielleicht wirkte Miguel einfach nur verrucht und unerfahren, wusste aber trotzdem genau, was er tat.

»Camila«, sagte Papá und sah mich an. Ich verschränkte die Arme vor der Brust, in dem Moment, in dem mich Miguel mit seinem Blick fixierte. Es war kein Streifen, kein Zucken, kein unbehagliches Wieder-Wegsehen. Er sah mir ohne Umschweife direkt in die Augen, regte sich dabei kein einziges Mal, und – wie unangenehm mir das Ganze auch war – irgendetwas machte dieser direkte Augenkontakt mit mir.

»Das ist Miguel Pérez. Er ist einer der Besten und er wird auf dich aufpassen.« Auf dich aufpassen. Wie das klang.

»Einer der Besten? Worin?«

Mein Vater sah mich warnend an. »Im Personenschutz natürlich.«

Mein Blick zuckte zu Gomez, der sich bei diesen Worten verdächtig räusperte. Weil ich ihm kein Wort glaubte, trat ich langsam näher und richtete das Wort nun direkt an Miguel. »Von welcher Securityagentur kommst du?«

»Von keiner«, antwortete mein Vater für ihn. Ich runzelte die Stirn. »Wir können nicht ausschließen, dass dein Stalker jemand aus unseren eigenen Reihen ist.« Entgeistert warf ich Gomez einen erneuten Blick zu, der nur ausweichend zu Boden sah. »Unsere Securityagentur leistet gute Arbeit, aber wenn es um deine Sicherheit geht, möchte ich jemand Neutrales haben, dem ich zu hundert Prozent vertraue.«

Dem ich zu hundert Prozent vertraue.

Ich fühlte mich wie im falschen Film. Mein Vater vertraute irgendeinem Typ, mit dem ich ihn noch nie gesehen und von dem er noch nie gesprochen hatte? Kannte er ihn überhaupt richtig oder hatte er ihn einfach nur irgendwo aufgegabelt, weil er glaubte, breite Schultern, ein böser Blick und Tattoos wären Merkmale eines guten Personenschützers?

»Dass es jemand aus den eigenen Reihen ist?«, fragte ich. »Willst du jetzt jeden verdächtigen? Gomez? Unsere Angestellten? Woher weißt du, dass Miguel es nicht selbst ist? Dass er nicht selbst eine Bedrohung für mich darstellt?« Ich wandte mich an ihn, hob die Hände vor die Brust. »Nichts für ungut«, betonte ich, weil ich nicht wollte, dass er meine Worte persönlich nahm. Ich hatte nichts gegen ihn, ich kannte ihn ja gar nicht, ich hatte nur etwas gegen den Kontrollwahn meines Vaters.

Entgegen meiner Erwartung zuckte Miguels Mundwinkel ganz sanft. So kurz, dass ich mir nicht sicher war, ob ich es mir nur eingebildet hatte. Ich öffnete den Mund, um weiterzusprechen und meinen Vater anzukeifen, blieb aber, überrumpelt, wie ich von seinem Schmunzeln war, mit dem Blick an ihm hängen.

»Natürlich verdächtige ich weder Gomez noch andere Angestellte«, schimpfte mein Vater und nickte seinem Securitychef zu. »Señor Gomez leistet seit Jahren gute Arbeit für uns, aber er ist für die Firma zuständig und nicht für den Personenschutz. Selbstverständlich wird er Miguel beistehen und ihn unterstützen. Ansonsten ist jetzt Schluss mit der Diskussion. Du musst meine Entscheidungen nicht verstehen. Sie stehen fest. Oder muss ich dich daran erinnern, was alles passiert ist?«

Nein, er musste mich nicht erinnern. Die Bilder jagten einen kalten Schauer über meinen Rücken. Zettel mit Worten, die sich wie kalter Rauch in meinen Alltag geschlichen hatten, Blut auf meiner Haut, das nicht meines war, Schatten in Räumen, in denen ich mich sicher geglaubt hatte.

Nein, ich hatte nichts vergessen. Kein einziges Detail.

Trotzdem reagierte eine trotzige Seite in mir, die sich nicht eingestehen wollte, dass ich Schutz brauchen könnte. »Aber …«

»Nichts aber, keine Diskussion. Miguel ist geschult, er ist eingeweiht, er weiß, was zu tun ist, und er hat immer ein Auge auf dich.«

Er hat immer ein Auge auf dich. Mir lief es eiskalt den Rücken runter, weil es mir nicht behagte, ständig von einem Mann beobachtet und begleitet zu werden. Also verschränkte ich die Arme vor der Brust. »Beim Duschen auch, oder was? Putzt er mir auch den Hintern ab?«

»Jetzt mach dich nicht lächerlich, Camila«, schimpfte Papá. »Miguel bezieht das Zimmer neben deinem und bleibt bei solchen Angelegenheiten natürlich vor der Tür. Aber er lässt dich nicht allein, das ist die Abmachung.«

Erneut stöhnte ich und legte den Kopf in den Nacken. »Darf ich dann jetzt wenigstens mein Handy wiederhaben?«

»Natürlich. Señor de Armas?« Er bedeutete seinem Sekretär, mir mein Smartphone zu bringen.

»Und das Haus verlassen? Und endlich mein Studium beginnen?«

Nun lächelte Papá sanft, kam auf mich zu und legte mir die Hand an die Wange. In seinen Augen lag nach wie vor Angst. Ich wusste, dass er mich nur schützen wollte, weil er in der Vergangenheit versagt hatte, und er mich nicht auch noch verlieren wollte. Eigentlich war unser Verhältnis die meiste Zeit sehr eng. Anders als bei meiner Tante und meinem Cousin, die nur eine sehr unterkühlte Beziehung zueinander hatten, gab es in meiner Familie trotz der vielen Erwartungen noch etwas Normalität und Wärme. Na ja … jedenfalls den Umständen entsprechend …

»Bitte, Señora.« Señor de Armas reichte mir mein iPhone, das ich sofort hektisch anschaltete. Noch im selben Moment nahm ich mir vor, meine besten Freunde Ester und Matteo zu kontaktieren.

»Señor Pérez, ich zeige Ihnen Ihr Zimmer und Ihre Ausrüstung.« Als ich vom Display aufsah, hatte sich Gomez an Miguel gewandt. Dieser nickte ihm zu, drehte sich aber noch mal in meine Richtung.

»Señora Luminia«, begann er, was seltsam klang, wenn man bedachte, dass wir wahrscheinlich im selben Alter waren. »Ich verspreche Ihnen, dass ich mein Bestes gebe, Sie zu schützen.«

Er sprach mit solcher Distanz und Höflichkeit, dass ich nicht verstand, warum mir dabei so warm wurde. Das war sein Job. Er musste nett zu mir sein, er musste mich schützen, und nichts an seinen Worten hatte etwas mit mir persönlich zu tun. Trotzdem blieb ich einen Moment reglos stehen und starrte in seine dunkelgrünen Augen, nicht dazu in der Lage, etwas zu erwidern.

Schließlich nickte er erneut, bedankte sich auch bei meinem Vater und verschwand anschließend um die Ecke. Auf der Rückseite seines schwarzen Shirts blätterte das Logo irgendeines Clubs ab, ich konnte nur einen Boxhandschuh erkennen. Zweifelsohne stammte Miguel aus keinen Kreisen, in denen meine Familie normalerweise verkehrte. Aber … woher kannte Papá ihn dann?

Gerade als ich mich ebenfalls zum Gehen wandte, packte mein Vater mich noch mal am Handgelenk.

»Sobald du das Haus verlässt, gibst du Miguel Bescheid. Ist das klar? Ich möchte dich aufrichtig bitten, keine blöden Spielchen zu spielen. Hau nicht einfach ab, lass die Partys und mach es bitte nicht noch schlimmer, als es ist! Miguel ist hier zu deiner Sicherheit, dafür darfst du alles machen, was du möchtest.«

Ich atmete tief durch. Natürlich wusste ich, worauf er anspielte. Zu viel teurer Champagner, zu viele Partys, zu viele zu Bruch gegangene Vasen. Alles Aktionen einer Tochter, die versuchte, sichtbar zu sein. Nicht für die Welt, sondern für ihren Vater.

Auch wenn mich nach wie vor der Ärger über die neue Situation zwickte, ließ ich meine Abwehrhaltung etwas los und nickte schließlich. Was war schon dabei? Dann wurde ich ab sofort halt von vier Augenpaaren beobachtet … super.

Kapitel 5

Miguel

Das letzte Mal, dass ich in so edlen Räumlichkeiten gestanden hatte, war vor zwei Jahren im Königspalast Spaniens gewesen. Meine kleine Schwester Aya hatte mir monatelang in den Ohren gelegen, wie gerne sie als Prinzessin verkleidet wenigstens ein Mal ein Schloss besichtigen würde. Nächtelang hatte ich gearbeitet, gekämpft, gespart, um ihr diesen einen Nachmittag zu ermöglichen. Und nun stand ich hier in einem ebenso noblen Raum, der sicherlich dreimal so groß wie unsere Zweizimmerwohnung war, würde ab sofort in einem Bett schlafen, in das ich mich querlegen konnte, so groß war es, und arbeitete für einen Mann, auf den ich angewiesen war, ganz egal, wie sehr ich ihn verachtete. Die Luft hier roch förmlich nach Geld – altem, fauligem Geld, das nie eine Fabrikhalle, einen Boxring oder auch nur den Hauch von echter Anstrengung gesehen hatte. Eigentlich hatte ich mir geschworen, nie wieder mit Señor Luminia zu reden. Doch ich hatte keine andere Wahl.

»Ich möchte ganz ehrlich zu Ihnen sein«, begann der Securitytyp, nachdem er die Tür hinter uns geschlossen hatte, und kam mit verschränkten Armen auf mich zu. Seine schwarzen Haare passten perfekt zu dem ebenso dunklen Jackett, das er trug und das seine autoritäre und seriöse Art unterstrich. Seit Señor Luminia mich ihm vorgestellt hatte, ließ er keinen Zweifel daran, was er von mir hielt. Dieser missbilligende Blick sagte alles – als würde er mich am liebsten rauswerfen, bevor ich noch einen weiteren Schritt in diese makellose, überpolierte Welt setzen konnte.

»Ich traue Ihnen nicht. Ich weiß nicht, was sich Señor Luminia dabei gedacht hat, aber ganz offensichtlich scheint ihn diese Stalkersache nicht klar denken zu lassen. Ich habe keine Ahnung, wie Sie für Señora Luminias Sicherheit sorgen sollen.«

Ich konnte ihn verstehen. Nur weil ich Kraft hatte, gut zuschlagen konnte und meine zehn Finger nicht reichten, um aufzuzählen, wie viele Menschen wegen mir schon im Krankenhaus gelandet waren, brauchte es offensichtlich mehr als das. Doch auch wenn ich es ungern zugab, brauchte ich diesen Job und ich brauchte Señor Luminias Geld, also musste ich mich zusammenreißen.

»Ich bin ein schneller Lerner«, beteuerte ich, »und ich weiß, wie man in gefährlichen Situationen handelt, weiß, wie man mit Waffen umgeht.«

»Und das wissen Sie woher?«

Ausweichend senkte ich den Blick und überlegte, ob ich es wirklich aussprechen sollte. Umrahmt von diesen prunkvollen und mit wertvollen Gemälden geschmückten Wänden würde eine Wahrheit, wie ich sie in mir trug, noch viel schmutziger aussehen als sonst. Dass mein Scheißkerl von Vater mir schon mit zehn zum ersten Mal eine illegale Waffe in die Hand gelegt und gemeint hatte, dass es wichtig wäre, mein Revier zu beschützen. Dass ich von jetzt auf gleich als gewalttätiger Teenager Verantwortung für meine zwei jüngeren Schwestern hatte übernehmen, meine Mutter finanziell unterstützen und lernen müssen, wie man sich auch ohne Waffe in der Hand verteidigt. Und dass ich daraufhin aus Geldnot in eine Nische gerutscht war, die mich bis heute gebrandmarkt hatte. Körperlich und seelisch. Nein, die Welt, von der ich sprach, war zu hässlich für diese feine Gesellschaft.

»Ach wissen Sie was«, meinte Señor Gomez und winkte ab, »ich will es eigentlich gar nicht wissen. Und ich will auch nicht wissen, woher Señor Luminia Sie kennt.« Ja, glauben Sie mir, das wollen Sie nicht. »Lassen Sie uns keine Zeit verschwenden. Hier finden Sie Ihre Ausrüstung. Headset, Notfalltelefon, Taschenlampe, Messer, Schussweste und die Waffe. Sie tragen alles jederzeit bei sich, und zwar so, dass man es nicht sieht. Ich empfehle eine Jacke, ein Sweatshirt oder ein Jackett.«

Er trat an einen großen Tisch, auf dem alles ausgebreitet war. Sobald ich die Waffe erblickte, wurde mir ganz flau im Magen. Demonstrierend öffnete er sein Jackett und zeigte, wie er seine trug. »Ich war zwanzig Jahre lang beim Militär. Nun bin ich für die Sicherheit des Unternehmens zuständig, nicht für einzelne Personen, aber Sie informieren mich trotzdem über jede Unstimmigkeit, über jeden Verdacht und über jeden Schritt, den Sie machen. Señor Luminia meinte zwar, Sie haben stets ein Auge auf seine Tochter, so ganz richtig ist dies aber nicht. Sie behalten nicht sie im Blick, sondern ihr Umfeld. Sobald Sie nur einen Verdacht hegen, entfernen Sie sie lieber aus der Situation. Selbstverständlich können Sie sich freinehmen, wenn Señora Luminia zu Hause ist und nicht vorhat rauszugehen. Geben Sie mir in jedem Fall aber trotzdem Bescheid. Achten Sie zudem jederzeit auf ihre Tasche, auf ihr Essen, auf ihre Getränke, verhalten Sie sich stets diskret und im Hintergrund – bleiben Sie unsichtbar. Reden Sie mit niemandem, außer es ist notwendig, und was Señor Luminia auch noch außerordentlich wichtig war«, er räusperte sich, hob die Brauen mit einem Blick, den ich als leicht irritiert deutete, »egal, wer sie kontaktiert, Sie informieren ihn oder mich darüber.«

»Egal, wer sie kontaktiert?«, fragte ich und schüttelte ebenso verwirrt den Kopf.

»Ja, er möchte Auskunft, mit wem sie redet, telefoniert, in Kontakt tritt.« Einen Moment sahen wir uns unschlüssig an. Er ließ sich zwar nicht viel anmerken, doch ich spürte deutlich, dass auch er den Kontrollwahn von Señor Luminia vielleicht als etwas zu viel empfand. Wie viel Privatsphäre blieb ihr am Ende noch übrig?

»Ach, und am allerwichtigsten«, schließlich trat er einen Schritt näher, starrte mich nieder und hob dabei warnend die Brauen, »kommen Sie Señora Luminia nicht näher als notwendig. Ich glaube, ich muss Ihnen nicht sagen, dass ein privates Verhältnis mit ihr absolut inakzeptabel ist.«

Ich gab mir alle Mühe, kein gehässiges Lachen von mir zu geben. Auch Camilas Vater hatte mindestens fünf Mal betont, dass ich seine Tochter unter gar keinen Umständen anfassen durfte. Dabei war ein persönliches Verhältnis zwischen ihr und mir sowieso absolut ausgeschlossen. Camila Luminia war wunderschön – keine Frage –, aber ich musste mich nur kurz in ihrem Zuhause umsehen, um zu wissen, dass wir nichts gemeinsam hatten. Wer so viel Reichtum gewohnt war, musste sicherlich ein verwöhntes Püppchen sein, mit dem ich meine Zeit nicht verschwenden wollte. Während sie sich mit ihren Freundinnen zum Brunch traf, Galas besuchte oder sich nicht entscheiden konnte, welchen teuren Seidenmorgenmantel sie tragen sollte, schlief ich mit meinen Schwestern in einem Zimmer mit schimmeligen Wänden und undichten Fenstern und musste jeden Tag darum kämpfen, dass sie genug zu essen bekamen. Dieser Job sollte das endlich ändern.

»Gut, dann fangen wir direkt an.« Mit diesen Worten klatschte Señor Gomez einmal in die Hände und zeigte mir, wie ich die Ausrüstung anlegte und nutzte. Und während ich das schwere Metall der Pistole in meiner Hand fühlte, mich Erinnerungen heimsuchten und sich alles in mir verkrampfte, verdrängte ich sie mit der Wut, die seit Jahren in mir schlummerte.

Ich tat das nicht für Camila Luminia, ich tat das nicht für ihren Vater. Ich tat es für meine Schwestern. Für ihre Sicherheit.

Kapitel 6

Camila

»Oh mein Gott« war das Erste, das aus Matteos Mund kam, als ich die Nummer meines besten Freundes wählte, »ich dachte schon, ich höre nie wieder von dir!«

Während meines Aufenthalts in Madrid – ein hoffnungsloser Versuch, bei meinem Cousin unterzutauchen, um meinen Stalker abzuschütteln – hatte mich Matteo einige Male besucht. Mit meiner besten Freundin Ester hingegen hatte ich tagtäglich telefoniert. Wir drei waren seit Jahren unzertrennlich und verbrachten normalerweise die meiste Zeit zusammen. Noch etwas, das mir mein Stalker genommen hatte.

Umso mehr freute es mich, ihnen endlich berichten zu können, dass ich ab sofort wieder aus dem Haus durfte. Rasch holte ich auch Ester zu dem Facetime-Anruf dazu und erzählte ihnen von seinem letzten Angriff. Während meine Freundin nur fassungslos und besorgt den Kopf schüttelte, klappte Matteos Mund ungläubig auf.

»Süße, wie geht es dir?«, fragte Ester.

Einen Moment lauschte ich in mich. Natürlich war mir das alles schon längst nicht mehr egal, auch wenn ich immer wieder beteuerte, dass es so war, in der Hoffnung, dass es dann auch wirklich keine Bedeutung mehr haben würde. Doch für diesen Moment sollte er keinen Raum einnehmen, für diesen Moment wollte ich mich einfach nur freuen.

»Ich freue mich, dass ich endlich wieder vor die Tür darf und mein Studium beginnen kann«, antwortete ich, woraufhin Ester ihre braun gebrannte Stirn runzelte.

»Verstehe, aber … wie geht es dir wirklich? Hast du gar keine Angst?«

»Nein«, log ich. »Der Typ kann mich mal. Warum traut er sich nicht, sich zu zeigen? Ich glaube, er hat mehr Angst vor mir als ich vor ihm.« Obwohl ich meinen Satz mit einem Lachen beendete, zuckten die Lippen meiner Freunde kaum. Sie machten sich sichtlich Sorgen.

»Ihr müsst keine Angst haben«, begann ich und blickte ausweichend aus dem Fenster über die Dächer Barcelonas. Nun war ich diejenige, deren Stimmung getrübt wurde, denn … »Mir kann ab sofort nichts mehr passieren.«

»Wie meinst du das?«

»Mein Vater hat ernsthaft einen Bodyguard engagiert.«

»Einen was?!«, kreischten beide im Chor.

Nickend seufzte ich. »Jap, ihr habt richtig gehört. Ich habe jetzt einen Babysitter.«

Eine ganze Weile lang sagten sie nichts, blickten nur ungläubig in die Kamera und für einen Moment dachte ich, die Verbindung hätte sich aufgehängt.

»Und …«, begann Ester, »wie finden wir das?«

Erneut zuckte ich mit meinen Schultern. »Ich weiß nicht. Einerseits ermöglicht er mir wieder mehr Freiheiten, andererseits schränkt er sie auch ziemlich ein. Er wird ab sofort immer dabei sein. Könnt ihr euch das vorstellen?«

»So einen richtigen Bodyguard?«, fragte Matteo, weil er ganz offensichtlich noch nie einen live gesehen hatte. »Irgendwie creepy, wenn der jetzt immer dabei ist.«

Meine Lippen wurden zu einer schmalen Linie. »So bezeichnet mein Vater ihn jedenfalls. Als einen der besten. Kaufe ich ihm irgendwie nicht ab.«

»Wieso?«

»Keine Ahnung … er sieht nicht aus wie ein Bodyguard. Eher wie jemand, vor dem man geschützt werden sollte.«

»Vielleicht gehört er zu den Bodyguards, die nur private Aufträge annehmen.«

Mich überkam ein mulmiges Gefühl. »Was meinst du?«

»Du weißt, was ich meine.«

Ich ahnte, was Esters Worte zu bedeuten hatten, trotzdem verdrängte ich den Gedanken, Miguel könnte ein illegaler und blutrünstiger Auftragskiller sein, in die letzten Ecken meines Hirns.

»Ist er wenigstens heiß?« Ich warf dem Bild meiner Freundin einen entgeisterten Blick zu und schüttelte fassungslos den Kopf, weil ich den extremen Themenwechsel nicht hatte kommen sehen. Obwohl ich mir eigentlich hätte denken müssen, dass sie selbst die Vorstellung eines Auftragskillers romantisierte. Ester war einer dieser Menschen, die es nie lange allein aushielten, aber in einer Beziehung auch nicht funktionierten. So verliebte sie sich alle paar Monate neu bis über beide Ohren, suchte nach dem perfekten Märchenprinzen und redete sich jeden dahergelaufenen Mann schön. Und die meisten Männer verfielen ihr auch sofort, denn meine schwarzhaarige Freundin war nicht nur unfassbar klug und hinterließ mit ihrer Ausstrahlung einen einschneidenden Eindruck, sie war mit ihrem Latina-Auftreten dazu auch noch wunderschön. Natürlich würde Miguel für sie interessant sein, denn auch ich musste zugeben: Er war heiß. Doch das sagte ich ihr natürlich nicht.

»Keine Ahnung, darauf habe ich nicht geachtet.«

Ester seufzte. »Dann ist er es sicherlich nicht.«

Bevor wir weiter über Miguel sprechen konnten, meldete sich Matteo zu Wort. Er schmiss sich rücklings auf sein Bett, wobei seine wilden dunklen Locken durcheinandergewirbelt wurden. »Okay, aber das bedeutet, dass du jetzt jederzeit wieder rausdarfst?«

»Sozusagen.«

»Mit Miguel?«, fragte Ester, woraufhin ich nickte.

Matteo verzog das Gesicht. »Klingt ziemlich einengend.«

»Besser, als eingesperrt zu werden, und wer weiß … vielleicht können wir ihn ja irgendwie abwimmeln. Ich kann mir vorstellen, dass er ebenfalls keine Lust hat, mit euch abzuhängen.«

Ich beendete meinen Satz mit einem Kichern, auch Matteo verdrehte schmunzelnd die Augen, nur Ester blieb ernst.

»Ich finde den Gedanken, dass du jetzt jemanden hast, bei dem du sicher bist, gar nicht schlecht. Das ist ernst, Camila. Wir machen uns Sorgen.«

Bevor ich antwortete, atmete ich tief durch und senkte den Blick. Einen Moment ließ ich das Blatt meiner Zimmerpflanze, die auf der Fensterbank stand, durch meine Finger gleiten, bevor ich die Lippen zusammenpresste und meine Mundwinkel zum Heben zwang.

»Mein Vater übertreibt einfach vollkommen, er macht das Ganze schlimmer, als es ist«, antwortete ich abwinkend.

Ester schüttelte nur den Kopf. »Versprich mir, dass du keine Dummheiten machst, nur um deinen Vater zu ärgern.«

»Ja, ja«, gab ich von mir und schenkte ihr ein ergebenes Lächeln. »Ich versuche bei meiner nächsten Wutattacke auf ihn, dran zu denken.«

Damit lösten sich auch im Gesicht meiner Freundin die ernsten Falten langsam auf, auch wenn sie nach wie vor etwas skeptisch dreinblickte.

»Dann sehen wir uns morgen?«, fragte sie einen kurzen Moment später, diesmal etwas euphorischer. Ihr Vater war Pablo Suàrez, Eigentümer von Barcelonas renommiertestem Kaufhaus Galerías Suàrez, weshalb wir uns dank der Freundschaft unserer Eltern schon von klein auf kannten. Seit wir denken konnten, hatten wir geplant, gemeinsam an der EstiloArte unser Modestudium zu beginnen. Ester hatte die ersten Wochen leider ohne mich verbringen müssen, mich dafür aber immer über den aktuellen Stoff informiert.

Ein Lächeln tauchte auf meinen Lippen auf, weil ich erst jetzt so richtig realisierte, dass die Zeit, auf die wir uns schon so lange gefreut hatten, nun endlich begann. Wenn auch etwas holprig und unter seltsamen Umständen, doch von nun an konnten meine beste Freundin und ich endlich gemeinsam Kleidung designen, in Vorlesungen nebeneinandersitzen und unseren Teil zur Modewelt beitragen. »Ich denke schon … ja. Wenn alles gut läuft, werde ich morgen die großen Hallen der EstiloArte betreten.«

»Ich freue mich auch schon, dich endlich wiederzusehen«, warf auch Matteo ein. Wir kannten ihn von einer Modenschau von Vestura, die vor drei Jahren im Galerías Suàrez stattgefunden hatte. Er hatte gerade sein Fotografiestudium begonnen, mit der Modewelt noch nicht viel Berührung gehabt und eine Werkstudententätigkeit beim Magazin il Papiro angenommen, das an jenem Abend Fotografen zur Fashionshow geschickt hatte. Weil er ziemlich unbeholfen zwischen den hektischen Paparazzi und Journalisten gewirkt hatte, hatte Ester ihm einige Tipps gegeben, woraufhin er sich bei der Aftershowparty mit ein paar Drinks revanchiert hatte. Seitdem waren wir unzertrennlich und er stetiger Begleiter von Ester, die einen Modeblog führte und aus Matteo einen professionellen Fashionfotografen gemacht hatte.

»Wir müssen am Wochenende unbedingt alle wieder ausgehen«, warf Ester ein. »Freitag?«

Während ich nickte, verzog Matteo das Gesicht. »Freitag kann ich nicht. Mein Vater hilft mir, in unserem Keller eine Dunkelkammer einzurichten. Samstag?«

»Dann Samstag. Vielleicht schmeiße ich mal wieder eine Party, um meinen Vater zu bestrafen für diesen Bodyguard-Move«, meinte ich mit einem Lachen, mein Blick fest auf das Bild von Ester gerichtet. Ihr Ausdruck verdunkelte sich sofort. »Das war ein Spaß!«, warf ich hastig nach, auch wenn ich zugegeben noch nicht ganz so sicher war, ob nicht doch etwas Ernst drinsteckte.

Partys, Rausch und lautes Chaos waren meine Methoden, alles auf stumm zu stellen und wenigstens ein bisschen Aufmerksamkeit von meinem Vater zu erhalten. Jedenfalls war das mal so gewesen. Ob das immer noch so gut funktionierte, musste ich erst noch rausfinden.

In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Natürlich.

Ich versuchte mir weiszumachen, dass es an der Aufregung vor dem morgigen Tag lag, doch in Wirklichkeit huschten mir andere Gedanken durch den Kopf. Seitdem das Schwarz der Nacht mein Schlafzimmer eingenommen hatte, hatten mich Fragen eingeholt, die ich den gesamten Tag über verdrängt hatte.

Von wo war er die Nacht reingekommen? An welchen Stellen hatte er mich berührt? Hatte er mich betäubt, damit ich nicht aufwachte? Hatte ich ihn vielleicht sogar gesehen?

Um kurz nach zwei schälte ich mich aus dem Bett, zog mir meinen seidigen Morgenmantel über und trat an die Tür. Einen Moment lauschte ich, öffnete sie erst, als ich mir sicher war, dass niemand draußen war, und lief in den Flur. Ich wusste, dass Mamá im Schrank unten in der großen Küche einen Melatonin-Tee hatte, der ihr schon einige Male beim Einschlafen geholfen hatte.

Statt direkt nach unten zu gehen, trugen mich meine Schritte fast unbewusst einige Stufen nach oben, in Richtung des zweiten Stocks. Dorthin, wo ihre Zimmertür lag – immer geschlossen, immer still. Von der Treppe aus sah ich das schmale Lichtband unter der Tür. Es war wie ein flackernder Beweis dafür, dass sie noch da war, irgendwie. Und doch fühlte es sich sehr oft an, als hätte ich auch sie verloren. Ich wusste nicht, ob sie las oder einfach nur in die Dunkelheit starrte, wie so oft. Der Kloß in meinem Hals wurde dicker, je mehr ich mich nach ihr sehnte.

Einen Moment blieb ich dort stehen, ließ die Stille auf mich wirken. Dann wandte ich mich ab und ging hinunter in Richtung Küche. Im dunklen Flur war es gespenstig ruhig. Sobald ich an Miguels Tür vorbeikam, blieb ich stehen und lauschte. Er schlief sicherlich und ich fragte mich, wie er so in der Lage sein konnte, aufzupassen. Schließlich hatte vorletzte Nacht auch niemand etwas mitbekommen – nicht mal ich selbst.

Ich schlich weiter zur Küche. Sobald das warme Licht auf den beigen Marmor der Küchenzeile fiel, fühlte ich mich etwas sicherer. Meine Kindheit hatte ich mit meiner Mutter in diesen Räumlichkeiten verbracht, stets mit ihr gemeinsam gekocht, bevor wir wegen ihrer Krankheit eine Haushaltshilfe hatten einstellen müssen. Irgendwo zwischen teuren Goldarmaturen und edlem Porzellan, diamantbesetzten Kronleuchtern und teuren Originalkunstwerken waren wir lange Zeit trotzdem eine ganz normale Familie gewesen, ganz im Gegensatz zu meiner Tante Beatriz – dem Oberhaupt des gesamten Imperiums – und meinem Cousin Felipe.

Ich hatte die Kälte, die zwischen den beiden herrschte, mein Leben lang zu spüren bekommen und wusste daher, was Reichtum und Macht mit einem Menschen machen konnten. Beatriz war so unfassbar gefühlskalt, dass es auf Felipe abgefärbt hatte. Seine Einsamkeit hatte er mit Partys, Sex und Drogen kompensiert – immer stets im Auge der Öffentlichkeit. Umso erleichterter war ich, dass er mittlerweile eine bodenständige Freundin an seiner Seite hatte, die ihn verstand und ihm die Zuneigung gab, die ihm seine eigene Mutter immer verwehrt hatte.

Ich füllte den Wasserkocher, schaltete ihn an und bereitete die Tasse Tee zu. Das Rauschen des kochenden Wassers füllte den Raum, als es irgendwo hinter mir knackte. Schlagartig drehte ich mich um, konnte außer der geöffneten Vorratskammer nichts entdecken. Hatte sie eben auch schon offen gestanden?

Die Angst, die ich mit einem Mal verspürte, versuchte ich, mit Wut zu übertönen, und ballte die Fäuste. Langsam trat ich um die Marmorinsel herum, näherte mich der Tür. Der geöffnete Spalt offenbarte mir, wie dunkel es darin war. Mit jedem Schritt beschleunigte sich mein Herzschlag. Ich spürte ihn in meinen Schläfen, in meinem Bauch, in meinen schwitzigen Handflächen, in die ich meine Fingernägel bohrte. Versteckte er sich darin? Starrte er mir aus der Dunkelheit heraus entgegen? War er bewaffnet? Dieser Mistkerl sollte sich zeigen.

Ich kam dem Spalt so nah, dass ich den Umriss eines Regals in der diesigen Dunkelheit ausmachte. Und daneben … die Silhouette von etwas Undefinierbarem. Wie nah musste ich ihm sein? Gerade als ich die Tür aufriss, durchbrach eine Stimme die Stille.

»Alles in Ordnung?«

Ich fuhr erschrocken herum, ein kleiner Schrei entwich meiner Kehle, während ich einen Schritt zurückstolperte. In der Küchentür stand Miguel, seine Brauen zusammengezogen. Mit rasendem Herzen drehte ich mich hastig zurück zur Vorratskammer und …

Nichts. Dort, wo ich eben noch eine Silhouette vermutet hatte, stand nur ein großer Sack Mehl. Einen Moment schloss ich die Augen, atmete tief durch und spürte Miguels Blick deutlich in meinem Rücken. Meine Wangen waren heiß vor Scham. Wie lange hatte er da schon gestanden? Was musste er von mir denken? Dass ich verrückt war? Paranoid? Dass ich Geister sah an Orten, wo keine waren? Ich fühlte mich bloßgestellt, vertraute mir selbst nicht mehr.

»Ja, alles okay«, sagte ich also mit einem bemüht lockeren Lachen und winkte ab. Dabei drehte ich mich wieder zu ihm um und ließ den Blick über seinen Körper wandern. Statt der Lederjacke trug er nun ein weißes Hemd, dessen Ärmel er lässig hochgekrempelt hatte, und eine dunkle Hose, die seine athletische Statur betonte. Ich merkte, wie mein Blick wie von selbst an den breiten Schultern hängen blieb und dann langsam zu den kräftigen Unterarmen wanderte. Seine Hände, groß und stark, lagen locker ineinander verschränkt. Alles an ihm strahlte eine gefährliche Ruhe aus, die mich gleichermaßen verunsicherte wie faszinierte.

»Du kannst ruhig wieder schlafen gehen.« Meine Hände zitterten noch immer leicht. Hastig widmete ich mich also wieder meinem Tee, um zu überspielen, wie kalt mir war. Doch Miguels Antwort sorgte dafür, dass ich innehielt.

»Ich bleibe.«

Blinzelnd sah ich auf. »Bitte?«