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Informationen bilden die Grundlage für Entscheidungen. Damit ermöglichen sie eine individuelle und sichere Patientenversorgung, Versorgungskontinuität sowie eine stetige Qualitätsverbesserung. Die Digitalisierung im Gesundheitswesen eröffnet der Pflege vielfältige Chancen, neue Wege zu gehen. Dieses Buch liefert das dafür notwendige Basiswissen: Es werden Grundlagen von Informationssystemen innerhalb von und zwischen Einrichtungen vermittelt sowie in IT-Standards, Pflegefachsprachen und Terminologien zur Unterstützung der Digitalisierung eingeführt. Darüber hinaus wird ein Überblick über personenbezogene Assistenztechnologien gegeben sowie Prozess- und Projektmanagement, Datenschutz, Datensicherheit und Ethik der Informationsverarbeitung thematisiert. Auch auf weiterführende Themen, wie die Rolle der künstlichen Intelligenz in der Pflege, wird eingegangen. Alle Themen werden anhand eines durchgängigen Fallbeispiels illustriert. Übungsfragen mit Lösungen, weiterführende Literatur sowie ein umfassendes Glossar unterstützen den Lernprozess.
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Seitenzahl: 295
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Die Herausgebenden
Prof. Dr. Ursula Hübner, Professorin für Medizinische und Gesundheitsinformatik und Quantitative Methoden an der Hochschule Osnabrück, Gründerin und Leiterin der Forschungsgruppe »Informatik im Gesundheitswesen«, Fellow der International Academy of Health Sciences Informatics (IAHSI), zuvor als Projektleiterin in der Industrieforschung und in der Neurologie der Universitätsklinik Düsseldorf tätig, studierte Psychologie, Biologie und Hirnforschung an den Universitäten Mainz und Düsseldorf.
Prof. Dr. Elske Ammenwerth, Professorin für Medizinische Informatik an der Privaten Universität für Gesundheitswissenschaften und -technologie UMIT TIROL, Fellow der International Academy of Health Science Informatics (IAHSI), langjährige Erfahrung in Projekten sowie nationalen und internationalen Arbeitsgruppen zu Themen rund um Pflegeinformatik, Informationssysteme, IT-Evaluation sowie Learning Analytics. Sie studierte Medizinische Informatik in Heidelberg/Heilbronn sowie Educational Technologies in Vancouver.
Prof. Dr. Björn Sellemann, Professor für Pflege am Gesundheitscampus Göttingen (HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen, Universitätsmedizin Göttingen), Pflegewissenschaftler, Medizin- und Pflegeinformatiker. Zuvor als Professor für Nutzerorientierte Gesundheitstelematik und assistive Technologien an der FH Münster, als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HS Osnabrück sowie als AG-Leiter an der Universitätsmedizin Göttingen tätig. Seit Jahren engagiert er sich in verschiedenen wissenschaftlichen Gremien und ist u. a. Leiter der GMDS-AG »Informationsverarbeitung in der Pflege« sowie langjähriges Mitglied im DMEA-Kongressbeirat.
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1. Auflage 2023
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-038844-4
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-038845-1
epub: ISBN 978-3-17-038846-8
Das vorliegende Buch befasst sich mit der Informationsverarbeitung in der Pflege und damit im weiteren Sinne mit der Digitalisierung im Gesundheitswesen.
Die Digitalisierung im Gesundheitswesen und speziell in der pflegerischen Versorgung prägt den Arbeitsalltag von Pflegefachpersonen1 bereits jetzt in vielerlei Hinsicht. Um Digitalisierung für sich selbst sinnvoll nutzen zu können und um Digitalisierung in der eigenen Einrichtung vorantreiben zu können, sind daher spezifische Kenntnisse nötig.
Das Thema der Digitalisierung lässt sich am Beispiel des stationären Bereichs, insbesondere an einem Krankenhaus als komplexe Organisation, am besten verdeutlichen. Daher werden im Buch viele Beispiele aus diesem Bereich behandelt. Die vorgestellten Konzepte und Überlegungen gelten jedoch prinzipiell nicht nur für das Krankenhaus, sondern auch für andere Versorgungsbereiche (wie z. B. dem häuslichen und dem ambulanten Bereich), auch wenn sich die Sektoren hinsichtlich ihrer spezifischen Softwareprodukte, die dort zum Einsatz kommen, unterscheiden können.
Zum besseren Verständnis der digitalen Konzepte, Methoden und Anwendungen führen wir als Beispielpatientin Helga Blume ein, deren Versorgungsepisoden sich wie ein roter Faden durch das Buch ziehen (Kap. 1.4). Mit diesem konkreten Versorgungsbeispiel können wir den direkten Bezug der behandelten Themen zum pflegerischen Alltag herstellen.
Dieses Buch richtet sich an Personen ohne spezielle Vorerfahrungen im Bereich Gesundheits- oder Pflegeinformatik, eHealth oder Digitalisierung im Gesundheitswesen. Insbesondere wenden wir uns mit dem Buch also an Personen, welche
• gerade ihre pflegerische Erstausbildung beginnen,
• im Bachelor Pflegewissenschaft, Pflegemanagement, Pflegepädagogik oder ein verwandtes Fach studieren,
• sich schon in einem Masterstudium befinden, aber bislang nicht mit dem Themengebiet der Digitalisierung vertraut gemacht wurden oder
• sich einfach weiterbilden möchten, was im Zusammenhang des lebenslangen Lernens immer mehr an Bedeutung gewinnt.
Vorausgesetzt werden in diesem Buch grundlegende Kenntnisse der pflegerischen Versorgung, da wir Beispiele – wie oben erwähnt – verwenden, die hierauf aufbauen. Da keine Vorkenntnisse bezüglich Digitalisierung im Gesundheitswesen vorausgesetzt werden, führen wir die zentralen Fachbegriffe schrittweise ein. Die Begriffe werden dann an Beispielen erklärt, Zusammenhänge dargestellt sowie Voraussetzungen und Konsequenzen von digitalen Werkzeugen erläutert.
Unser Ziel ist es, Leserinnen und Leser zu befähigen, Digitalisierung mit allen Möglichkeiten und Herausforderungen zu verstehen, Anwendungen sachgerecht zu nutzen und Digitalisierung in der eigenen Einrichtung mitgestalten zu können. Nach Durcharbeiten des Buches werden die Leserinnen und Leser befähigt sein, das Thema »Informationsverarbeitung in der Pflege« einordnen zu können, sich mit IT-Fachkräften auszutauschen und in einem IT-Projekt aktiv mitwirken zu können. Leserinnen und Leser werden auch in der Lage sein, die richtigen Fragen zu stellen, wenn eine (neue) Software ausgewählt oder eingeführt wird. Hinweis: Wir sprechen in diesem Kapitel zunächst recht allgemein von »Digitalisierung«, »digitalen Werkzeugen« und »digitalen Akten«. Die präziseren Fachbegriffe führen wir später noch genauer ein.
Pflegefachpersonen müssen in der Regel keine IT-Systeme administrieren oder selbst entwickeln. Deshalb zielt das Buch nicht darauf ab, dass Programmierkenntnisse oder ein tiefes Verständnis der Arbeitsweise von Rechnersystemen vermittelt werden. Wir wollen auch keine bestimmte Software vorstellen und deren Bedienung erläutern. Vielleicht ist das ein bisschen enttäuschend für den einen oder anderen Leser. Die Möglichkeiten und die Bedienung von Software und Softwareprogrammen ändert sich so schnell, dass das Buch schon bei der Veröffentlichung veraltet wäre. Wir werden daher eher allgemeingültige Prinzipien vermitteln, die auch langfristig gültig sein werden, und so die spannenden Aufgaben rund um die Informationsverarbeitung in der Pflege aufzeigen.
Vielleicht macht dieses Buch den einen oder die andere neugierig, sich tiefer mit dieser Thematik zu befassen und einen beruflichen Weg in diesem Umfeld einzuschlagen. Jedenfalls werden regelmäßig engagierte Pflegefachpersonen auch für IT-Stabsstellen oder in der IT-Abteilung als »IT-Pflegefachperson« gesucht. Häufig sind sie dann zuständig für die Auswahl und Einbindung von digitalen Anwendungen in die klinischen Prozesse. Wir werden im Buch herausarbeiten, dass die gute Abstimmung von IT-Systemen und klinischen Prozessen eine zentrale Voraussetzung für den Erfolg der Digitalisierung im Gesundheitswesen ist.
Ursula Hübner im Februar 2023
Elske Ammenwerth
Björn Sellemann
1 Pflegefachpersonen sind laut International Council of Nurses (ICN) Personen, die ein Pflegestudium bzw. eine Pflegeausbildung abgeschlossen haben. Sie sind berechtigt, in ihrem Land den Pflegeberuf auszuüben (vgl. ICN-Statuten, Art. 6). In der Schweiz und Deutschland sind das Pflegefachfrauen und PflegefachmaÌnner, in Österreich Gesundheits- und Krankenpfleger/-innen (sowie frühere gleichwertige Berufsbezeichnungen).
Vorwort
1 Einleitung: pflegerisches Handeln und Informationsverarbeitung
Ursula Hübner
1.1 Lernziele
1.2 Digitalisierung: Chancen und Mehrwert
1.2.1 Informationsverarbeitung in der Pflege gab es schon immer
1.2.2 Digitale Werkzeuge nicht nur bedienen, sondern beherrschen
1.2.3 Digitale Werkzeuge verändern die Prozesse
1.2.4 Versorgungskontinuität: Die Chance für einen digitalen Mehrwert
1.2.5 Digitale Werkzeuge verändern unser Leben
1.3 Struktur dieses Buches
1.4 Fallbeispiel: Helga Blume
1.5 Lernerfolgsfragen
2 Einrichtungsinterne Informationssysteme in der pflegerischen Versorgung
Elske Ammenwerth und Björn Sellemann
2.1 Lernziele
2.2 Informationssysteme als sozio-technische Systeme
2.3 Strategische und operative Ziele der Digitalisierung
2.4 Informationsverarbeitende Aufgaben in der Pflege
2.5 Anwendungssysteme in der Pflege
2.6 Interoperabilität von Anwendungssystemen
2.6.1 Schnittstellen zwischen Anwendungssystemen
2.6.2 Vier Ebenen der Interoperabilität
2.6.3 Kommunikationsserver als Dolmetscher
2.6.4 Elektronische Patientenakte: Konzept, nicht Produkt
2.7 Management von Informationssystemen
2.8 Lernerfolgsfragen
3 Einrichtungsübergreifende Informationssysteme
Mareike Przysucha
3.1 Lernziele
3.2 Einrichtungsübergreifende Vernetzung
3.3 eHealth und seine Anwendungsbereiche
3.4 Interoperabilität in der einrichtungsübergreifenden Vernetzung
3.4.1 Technische Interoperabilität
3.4.2 Syntaktische Interoperabilität: HL7 V2, CDA und FHIR
3.4.3 Semantische Interoperabilität: Klassifikationen, SNOMED CT und LOINC
3.4.4 Organisatorische Interoperabilität: IHE
3.5 Elektronische Gesundheitsakten
3.5.1 Deutschland: Die elektronische Patientenakte im Rahmen der Telematikinfrastruktur
3.5.2 Österreich: Die elektronische Gesundheitsakte (ELGA)
3.5.3 Schweiz: Das elektronische Patientendossier (EPD)
3.5.4 Fallbezogen: Elektronische Fallakte (EFA)
3.5.5 Anwendungsbeispiel
3.6 mHealth – mobile Anwendungen für Patienten
3.7 TeleHealth – Versorgung aus der Ferne
3.8 Lernerfolgsfragen
4 Personenzentrierte assistierende Technologien im pflegerischen Handeln
Regina Schmeer
4.1 Lernziele
4.2 Personenzentrierte assistierende Technologien
4.3 Assistierende Technologien zur Unterstützung der Pflegebedürftigen
4.3.1 Unterstützung der Mobilität
4.3.2 Unterstützung der kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten
4.3.3 Unterstützung bei besonderen Verhaltensweisen und psychischen Problemlagen
4.3.4 Unterstützung der Selbstversorgung
4.3.5 Unterstützung beim Umgang mit gesundheitsstörungs- und therapiebedingten Belastungen
4.3.6 Unterstützung der Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte
4.3.7 Ermöglichung der akuten Überwachung
4.3.8 Zusammenfassung
4.4 Assistierende Technologien zur Unterstützung der pflegerischen Arbeitsprozesse
4.4.1 Physische Unterstützung
4.4.2 Psychische Unterstützung
4.4.3 Unterstützung von Arbeitsprozessen und der Arbeitsorganisation
4.4.4 Unterstützung der Wissensvermittlung
4.5 Nutzen und Grenzen von personenzentrierten assistierenden Technologien
4.6 Ausblick: Was kommt zukünftig noch?
4.7 Lernerfolgsfragen
5 IT-Projekt- und Prozessmanagement in der Pflege
Werner O. Hackl
5.1 Lernziele
5.2 Was macht Informationssysteme in der Pflege so speziell?
5.3 Management von IT-Projekten im Gesundheitswesen
5.3.1 Das magische Dreieck des Projektmanagements
5.3.2 Das Teufelsquadrat für das Management von IT-Projekten
5.4 Projektphasen von IT-Projekten
5.4.1 Projektinitiierung
5.4.2 Projektplanung
5.4.3 Projektdurchführung
5.4.4 Projektabschluss
5.5 Prozessanalyse in Gesundheitseinrichtungen
5.5.1 Vorbereitung der Prozessanalyse
5.5.2 Systematisches Sammeln von Daten
5.5.3 Formale Modellierung von Prozessen
5.6 Die Rolle von Pflegefachpersonen bei der Auswahl von Anwendungssystemen
5.6.1 Definition der Anforderungen
5.6.2 Durchführung einer Ausschreibung
5.7 Lernerfolgsfragen
6 Pflegedokumentation und pflegerische Ordnungssysteme
Ursula Hübner und Elske Ammenwerth
6.1 Lernziele
6.2 Ziele der Pflegedokumentation
6.3 Die Rolle von Pflegefachsprachen
6.4 Ordnungssysteme in der Pflege
6.5 Klassifikationen und Nomenklaturen
6.6 Beispiele von Klassifikationen in der Pflege
6.6.1 Internationale Klassifikation der Pflegepraxis (ICNP)
6.6.2 Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF)
6.7 Lernerfolgsfragen
7 Professionalisierung in der Pflege: Pflegefachsprache und Wissensrepräsentation
Maria Müller Staub
7.1 Lernziele
7.2 Vom Pflegeprozess zum Advanced Nursing Process
7.3 NANDA International
7.4 Nursing Outcome Classification (NOC)
7.5 Nursing Interventions Classification (NIC)
7.6 Das NNN-Assessment
7.7 Anforderungen an die elektronische Pflegedokumentation gemäß Advanced Nursing Process
7.8 Lernerfolgsfragen
8 Perspektiven der Informationsverarbeitung in der pflegerischen Versorgung
Ursula Hübner und Elske Ammenwerth
8.1 Lernziele
8.2 Nutzen der Digitalisierung, Gebrauchstauglichkeit und Evaluation
8.3 Sekundäre Datennutzung: multiple Nutzung von Daten aus der Pflegeprozessdokumentation
8.4 Künstliche Intelligenz: von den Daten zu den Algorithmen
8.5 Bedeutung von Datenschutz: personenbezogene Daten im Zentrum
8.6 Sichere IT-Systeme: Vernetzung macht Systeme immer anfälliger
8.7 Die Nutzung von Apps: Die Leichtigkeit des Seins?
8.8 Ethische Evaluation: zur Effektivität und Effizienz kommt die Ethik
8.9 Digitalisierung schafft neue Berufsfelder
8.10 Informationsverarbeitung in der Pflege: Ein Blick in die Zukunft
8.11 Lernerfolgsfragen
9 Lösungen der Übungsaufgaben
Glossar
Die Autorinnen und Autoren
Der Einsatz von Werkzeugen der Informationsverarbeitung unterstützt Pflegefachpersonen in ihrem professionellen Handeln. (Hochschule Osnabrück/Oliver Pracht)
1. Die grundlegende Bedeutung von Informationsverarbeitung in der Pflege verstehen und beispielhafte Tätigkeiten benennen können
2. Verstehen, warum Pflegefachpersonen sich mit digitalen Werkzeugen zur Informationsverarbeitung auseinandersetzen sollten
3. Den Zusammenhang zwischen Prozessen und digitalen Werkzeugen verstehen und Beispiele aufführen können
4. Den Mehrwert der Digitalisierung für die Versorgungskontinuität erklären können
5. Erläutern können, inwiefern digitale Werkzeuge das berufliche und private Umfeld bereits jetzt prägen
Wir werden nun zuerst über die Rolle von Informationsverarbeitung und der informationsverarbeitenden Werkzeuge in der Pflege sprechen. Wir werden dabei herausarbeiten, warum die Digitalisierung die Chance bietet, Versorgungskontinuität und Qualität der Patientenversorgung zu verbessern. Damit wir dies erreichen, müssen wir die Digitalisierung aktiv mitgestalten können.
Beginnen wir die Einleitung mit einer wichtigen Tatsache: Informationsverarbeitung in der Pflege gibt es, seit es Pflege gibt. Schon immer haben Pflegefachpersonen ihre Patienten1 beobachtet und untersucht, sich mit anderen ausgetauscht, um zusätzliche Informationen einzuholen und um dann auf dieser Basis die beste Pflege den Patienten zukommen zu lassen. Dabei haben sie diese Informationen mit ihrem Fachwissen, ihrer Erfahrung und ihren Intuitionen abgeglichen.
In den letzten Jahrzehnten ist durch die Pflegeforschung zu dem erfahrungsgeprägten Fachwissen eine zusätzliche Informationsquelle hinzugekommen, nämlich die der evidenzbasierten Pflege. Die Pflegeforschung liefert hier wissenschaftliche Erkenntnisse, die in der Praxis angewendet werden können. Ein gutes Beispiel stellt die Versorgung von Menschen mit Dekubitus dar. Evidenz über die Häufigkeit der Lagerung und Mobilisierung allgemein, über den geeigneten Einsatz spezieller Matratzen und die Anwendung von Verbandsmaterialien und Wundauflagen, die eine Abheilung fördern, sind Erkenntnisse unmittelbar aus der Wissenschaft. Die evidenzbasierte Pflege leistet so einen wichtigen Beitrag zur kontinuierlichen Verbesserung der Qualität in der Pflege. Um diese wissenschaftlichen Erkenntnisse dem Patienten zugutekommen zu lassen, muss die Pflegefachperson diese Informationen verarbeiten, d. h. sich aneignen, verstehen, die Konsequenzen einschätzen und für den jeweiligen Patienten praktisch anwenden.
Nun hat in den letzten Jahrzehnten die Digitalisierung mehr und mehr Einzug gehalten und die Informationsverarbeitung in der Pflege verändert. Neben papierbezogenen Werkzeugen stehen jetzt auch digitale Werkzeuge zur Verfügung. Mit dem Einzug dieser digitalen Werkzeuge im Gesundheitswesen ist also die Form der Informationsverarbeitung um ein weiteres Verfahren angereichert worden.
Die Informationsverarbeitung bleibt in ihrer Art dabei grundsätzlich bestehen, sie wird jedoch erweitert. Dabei ist ein digitales Werkzeug ähnlich anderen Instrumenten, z. B. einem Stethoskop, mit dem man bei der Auskultation bessere Daten erhält, als wenn man lediglich sein Ohr an den Brustkorb legt. In vergleichbarer Weise kann man auch ein Smartphone nutzen, in das man den Bericht direkt während des pflegerischen Assessments diktiert und welches die Informationen mittels Spracherkennung schriftlich festhält. Mit dieser unmittelbaren, zeitnahen Dokumentation liegen bessere Daten vor, als wenn man erst am Ende der Schicht den Inhalt aus dem Gedächtnis heraus handschriftlich dokumentiert. Dabei können Fehler unterlaufen, die zu schlechter Datenqualität und schlechteren Entscheidungen führen.
Die Verbesserung der Datenqualität durch Digitalisierung hat Konsequenzen für die Qualität der pflegerischen Versorgung: Bessere Daten liefern die Basis für bessere Entscheidungen. Wenn beispielsweise zeitnah festgehalten wurde, dass ein Patient zu sehr schwankenden Blutzuckerwerten neigt, kann die folgende Schicht einen kalten Schweiß unmittelbar mit einer Hypoglykämie, also einer Unterzuckerung, in Verbindung bringen. Sie kann dann schnell eine Messung durchführen, um sich zu vergewissern, ob eine Traubenzuckergabe nötig ist.
Wir sehen ebenso, dass Digitalisierung Möglichkeiten liefert, Fehlerquellen wie verspätete oder unleserliche Dokumentation in den Griff zu bekommen. Digitalisierung meint aber mehr als das Ersetzen von Papier-Werkzeugen durch digitale Werkzeuge. Vielmehr kann Digitalisierung auch neue Möglichkeiten der Informationsverarbeitung eröffnen, wie automatisierte Entscheidungsunterstützung (z. B. bei der Pflegediagnostik), einfacherer Wissenszugriff (z. B. auf evidenzbasierte Leitlinien) oder einfachere Datenauswertung (z. B. automatische Verlaufsdarstellung von Vitalparametern oder von Sturzereignissen in einer Klinik oder in einer stationären Langzeiteinrichtung).
Digitale Werkzeuge können also der Pflegefachperson nützen, indem sie mithilfe dieser Informationen eine bessere Versorgung durchführen kann. Sie können aber auch direkt dem Patienten dienen, z. B. durch eine Smartphone-App für das Management des eigenen Diabetes. Hier spricht man dann von Selbstmanagement einer Krankheit durch den Patienten. An dieser Stelle sei schon einmal gesagt, dass ein digitales Werkzeug nicht immer und automatisch nur Vorteile bringt. Es ist auch möglich, dass es den Erwartungen nicht entspricht. Dieses Lehrbuch soll daher dazu beitragen, digitale Werkzeuge auch kritisch zu bewerten, um sie dann nutzbringend auszuwählen sowie einzusetzen.
Zusammenfassend ist Informationsverarbeitung in der Pflege nichts Neues. Vielmehr gibt die Digitalisierung der Informationsverarbeitung dem Menschen zusätzliche Möglichkeiten an die Hand, um Probleme zu lösen. In der Pflege bedeutet das, dass die digitalen Werkzeuge helfen sollen, die Patienten besser zu versorgen, d. h. den pflegebedürftigen Menschen gerechter zu werden. Denn je mehr man über eine Person weiß, desto genauer kann man auf sie eingehen und ihre pflegerische Versorgung planen sowie ihr mit Fachwissen, Respekt und menschlicher Fürsorge begegnen. Dabei schließen sich fundiertes Wissen und empathische Intuition nicht aus, sie ergänzen sich bestens.
Wie bei allen Werkzeugen – auch bei digitalen Werkzeugen – ist es nötig zu lernen, wozu sie da sind und wie man sie richtig einsetzt. Auch ist es wichtig zu wissen, welche potenziellen Fehler von ihnen ausgehen und wie man mit diesen Fehlerquellen umgehen sollte. Man sollte auch wissen, welche Art von Werkzeug man für eine bestimmte Situation einsetzen muss.
In der analogen Welt ist ein Werkzeug z. B. ein Skalpell. In der digitalen Welt ist es beispielsweise ein automatisch vorgeschlagenes Formular zur Leistungsanforderung im Labor mit voreingestellten Angaben, welche Blutwerte bei der Untersuchung »kleines Blutbild« erhoben werden sollen. Das »Wozu« dieses Formulars ist also klar. »Wie« ein solches Formular richtig zu bedienen ist, lernt man von dem Kollegen oder in der Schulung des Softwareherstellers. Man lernt also, welchen Menüpunkt man wählt, um das Formular zu speichern, und welchen, um es an das Labor weiterzuleiten. Damit ist die Bedienung geklärt. Das sind die leichten Punkte.
Kommen wir nun zu den schwierigeren Punkten. Von einem solchen Formular können nämlich auch Fehler ausgehen. Die voreingestellten Angaben zu der Blutuntersuchung machen einem das Leben zunächst leicht: Schnell wird das Formular des »kleinen Blutbildes« abgeschickt, ohne zu prüfen, ob nicht noch ein Zusatzwert, z. B. Kreatinin, der nicht vorangekreuzt ist, aber für diesen Patienten wichtig ist, sinnvoll wäre. Bei den zurückgemeldeten Laborwerten fehlt dann dieser Wert und es muss eine erneute Anforderung gestartet werden. Wichtige Zeit verstreicht, in der schon die richtige Therapie hätte begonnen werden können.
Als Mensch sollte man also nicht glauben, dass alles, was von einem Computer kommt, schon richtig ist. Dieses fast blinde Vertrauen in digitale Daten wurde in wissenschaftlichen Studien nachgewiesen und als digitale Verzerrung bezeichnet.
Wie auch in der Papierwelt ist die Pflegefachperson in der digitalen Welt verpflichtet, immer eine Plausibilitätskontrolle durchzuführen!
Auch ist zu klären, welche Art von Werkzeug in bestimmten Situationen einzusetzen ist. Angenommen, für eine Laboruntersuchung muss die Anforderung per Formular an ein externes Labor übermittelt werden. Soll die Übermittlung digital erfolgen, muss das Formular z. B. mit einem eindeutigen Absender versehen und auch vor dem Absenden verschlüsselt werden. Dies erfolgt automatisch im Hintergrund, ohne dass die Pflegefachperson aktiv eingreifen muss. Jetzt könnte es sein, dass das interne und das externe elektronische Formular sehr ähnlich aussehen und sich keine großen Unterschiede in der Bedienung für die Pflegefachperson ergeben. Es kann also leicht zu Verwechslungen kommen. Weiß die Pflegefachperson dagegen um die im Hintergrund laufenden Prozesse, wie beispielsweise automatische Auswahl des Empfängers, Verschlüsselung und Versenden des Formulars mit einer elektronischen Unterschrift der Institution, ist sie vermutlich aufmerksamer in der Auswahl des richtigen elektronischen Formulars. Sie kennt den Gesamtprozess und die Wichtigkeit der Unterscheidung der beiden Formulare. Darüber werden Fehler reduziert.
Wir können also festhalten, dass das Erlernen von digitalen Werkzeugen umfassende Kompetenzen erfordert, in welchem Kontext oder Umfeld diese eingesetzt werden, welche potenziellen Fehler bestehen und welche Vorgänge »im Hintergrund« laufen. Diese Sachverhalte kann man nicht wie in einem Kochrezept erlernen, sondern man muss sensibel für mögliche Probleme werden und in der Lage sein, die richtigen Fragen an die IT-Fachleute zu stellen.
Der gute Umgang mit digitalen Anwendungen umfasst also die Kontrolle über diese und verlangt daher Hintergrundwissen. Somit kann man die Anwendungsprogramme nicht nur bedienen, sondern auch beherrschen. Denn sonst beherrschen sie die Anwender.
Oft besteht der Wunsch, die Einführung eines digitalen Werkzeuges möge die Abläufe möglichst wenig ändern. Das Werkzeug möge doch die bestehenden Vorgehensweisen und Formulare »eins zu eins« in die digitale Welt transponieren, da nur so die Anwender mit ihnen umgehen können.
Diese Vorstellung ist leider falsch, denn ein digitales Werkzeug ist nicht die Übersetzung der Papierwelt in die digitale Welt. Deutlich wird dies am Beispiel der Patientenakte. Auch wenn beide Formen, die Papierversion und die digitale Version der Patientenakte, Speicher von patientenbezogenen Informationen sind, enden jedoch hier schon die Gemeinsamkeiten. Die Inhalte einer digitalen Akte sind suchbar und können beliebig zusammengestellt werden, beispielsweise in zeitlicher Abfolge oder in inhaltlicher Gruppierung nach Diagnosen, Medikamenten und sonstigen Therapien. Die Daten können beliebig graphisch oder tabellarisch präsentiert werden – je nachdem, welche Form die Informationen besser verdeutlicht. Auch patientenübergreifende Auswertungen, z. B. im Rahmen der Pflegeforschung, sind hier einfacher möglich.
Die digitale Akte erweitert also die Möglichkeiten im flexiblen Umgang mit den Daten, verändert aber auch den Arbeitsablauf. Wird z. B. die Gabe eines Medikamentes zeitnah digital dokumentiert, ist diese Information zeitgleich und ortsunabhängig einer Vielzahl von berechtigten Anwendern der digitalen Akte sichtbar – ganz gleich, an welchem Ort diese Informationen dokumentiert wurden. So ist es der nachfolgenden Schicht möglich zu sehen, dass die Blässe einer Patientin vermutlich auf ein Absinken des Blutdrucks infolge einer Medikamentengabe zurückzuführen ist. Messen des Blutdrucks und blutdrucksteigernde Maßnahmen können eingeleitet werden. Umgekehrt kann das Fehlen einer Medikamentengabe ebenso schnell erkannt werden, wenn der Patient Symptome aufweist, die nicht auftreten sollten. Hier zeigt sich, dass medizinisch-pflegerische Prozesse unmittelbar eingeleitet werden können.
Eine Papierakte muss dagegen für alle Entscheidungen zum Patienten zunächst gesucht werden oder es müssen Kollegen befragt werden, die die benötigten Informationen besitzen könnten. Sofern die Akte nicht am Patientenbett verfügbar ist, kann auch nicht zeit- und ortsnah dokumentiert werden; in diesen Fällen wird teilweise erst am Ende einer Schicht dokumentiert. Oft muss also dann ohne sichere Informationsgrundlage gehandelt werden. Die Prozesse, also die Beobachtung aus der Erinnerung und die Realität, können sich damit gravierend unterscheiden und so auch die klinischen Ergebnisse.
Nicht immer aber müssen diese Prozessänderungen durch digitale Werkzeuge zum Besseren sein. So kann es sich auch ergeben, dass die Kommunikation zwischen Ärzten und Pflegefachpersonen beeinträchtigt wird, da man wechselseitig erwartet, dass die anderen die Informationen der digitalen Akte entnehmen, gerade weil diese ja nunmehr zeit- und ortsunabhängig verfügbar ist. Hier gilt es, Räume für einen direkten fachlichen Austausch zu schaffen, z. B. über morgendliche Gruppenbesprechungen vor einem digitalen Whiteboard, einer Art Tafel, die den aktuellen Status aller Patienten abbildet.
Vor diesem Hintergrund spricht man bei digitalen Werkzeugen nicht nur von Produktinnovationen, sondern von Prozessinnovationen. Eine typische Produktinnovation ist eine neue Software, die beispielsweise eine automatische Spracherkennung anbietet. Die Produktinnovation ist die Form der Innovation, die man landläufig als technische Innovation versteht. Häufig führt das neue Produkt auch zu neuen Abläufen. Hier spricht man von Prozessinnovation.
Nach Einführung der Spracherkennung im Rahmen der digitalen Dokumentation werden nunmehr alle wesentlichen Fakten zum Patienten am Point of Care, also direkt am Ort der Pflege, festgehalten. Dazu kommt ein Tablet oder ein anderes mobiles Gerät zum Einsatz. Eine nachträgliche Dokumentation am Schichtende entfällt. Der Dokumentationsprozess hat sich somit geändert – aus einer Produktinnovation wurde eine Prozessinnovation.
Damit die Anwender die Prozesse beherrschen und nicht die digitale Anwendung ihre Anwender, müssen diese die neuen Prozesse mitgestalten. Dies nennt man auch »partizipative«, also gemeinsam mit den Anwendern durchgeführte Softwareentwicklung und Implementierung. Diese Beteiligung verlangt, dass sich Pflegefachpersonen und Softwareentwickler über Anforderungen, Funktionalitäten und Prozesse austauschen, auch wenn sie jeweils beruflich in unterschiedlichen Welten (nämliche Pflege und Informatik) arbeiten. Entsprechende Bereitschaft und auch Kompetenzen, sich in die Welt des Gegenübers hineinzudenken und die eigenen Anforderungen klar zu formulieren, sind also auf beiden Seiten notwendig.
Wir können also festhalten, dass digitale Anwendungen immer in die pflegerische Arbeitswelt eingreifen. Ob dies zum Besseren oder zum Schlechteren erfolgt, liegt auch in der Hand der Pflegefachpersonen und ihrer Fähigkeit, ihre Anforderungen in Bezug auf die Einbettung digitaler Werkzeuge in pflegerische Prozesse möglichst präzise zu formulieren.
Eine der potenziellen großen Chancen von Digitalisierung ist die Vernetzung. Dabei kann es sich um die Vernetzung von Maschinen handeln oder um die Vernetzung von Menschen, die Maschinen nutzen. Vernetzung von Maschinen meint beispielsweise die Koppelung eines Blutdruckmessgerätes mit der digitalen Patientenakte, bei der die Daten automatisch weitergeleitet werden. Vernetzung von Menschen bezieht sich auf Warnungen, Nachrichten oder ganze Dokumente, die digital verfügbar gemacht werden und sich an menschliche Akteure, z. B. Pflegefachpersonen, richten, damit diese dann aktuelle Informationen über den Patienten vorliegen haben.
Vernetzung ist auch ohne digitale Werkzeuge ein Thema im Gesundheitswesen. Häufig arbeiten die verschiedenen Sektoren, z. B. Krankenhaus, Pflegeheim, ambulanter Pflegedienst, in der Regel unabhängig voneinander. Dies stellt bei vielen sektorübergreifenden Prozessen eine große Herausforderung dar. Pflegefachpersonen ist dieses Problem gut bekannt, insbesondere wenn es um das Entlassungsmanagement, also z. B. die Überleitung eines Patienten aus dem Krankenhaus in den ambulanten oder häuslichen Bereich, geht. So müssen hier Informationen über im Krankenhaus neu eingestellte Medikamente oder Wundauflagen übermittelt werden, was oft eine Herausforderung ist, z. B. wenn der Patient am Wochenende entlassen wird und der ambulante Pflegedienst die neue Medikation nicht kennt oder die erforderliche Wundauflage nicht vorrätig ist.
Solche Störungen der Informationsübermittlung (»Informationsbrüche«) stellen eine Störung der eigentlich gewünschten Versorgungskontinuität dar. Ziel ist es dabei, die Versorgung des Patienten gerade dann sicherzustellen, wenn Sektorgrenzen überschritten werden. Versorgungskontinuität setzt voraus, dass alle an der Patientenversorgung beteiligten Einrichtungen miteinander kooperieren, also Informationen zur Versorgung eines Patienten austauschen.
Eine sektorübergreifende Kooperation setzt voraus, dass der Wille zur Kooperation vorhanden ist. Ist dem so, können die Kommunikation und der Informationsaustausch durch digitale Werkzeuge gut unterstützt werden. So können lebenswichtige Informationen schneller, aktueller und vollständiger weitergeleitet und geteilt werden. In einem solchen Fall spricht man von Informationskontinuität, welche ein wichtiger Bestandteil von Versorgungskontinuität ist. Mit digitalen Werkzeugen der Kommunikation, gemeinsamen digitalen Akten oder auch mit Gesundheitsportalen kann die Informationskontinuität gestärkt werden. Hier zeigt sich das Potenzial der Digitalisierung, also ein digitaler Mehrwert. Dabei gilt das Netzwerkprinzip: Je mehr Gesundheitsversorger sich an der Kooperation beteiligen, desto mehr kann die Informationskontinuität und damit die Versorgungskontinuität verbessert und gelebt werden.
Bislang haben wir uns über digitale Werkzeuge in der Arbeitswelt unterhalten. Parallel zu diesen Entwicklungen hält die Digitalisierung auch Einzug in unser Alltagsleben. In einigen Fällen hat sie die digitalen Veränderungen in der Arbeitswelt bereits überholt oder ist sogar früher gestartet.
Das klassische Beispiel ist die digitale Kommunikation im privaten Umfeld. Durch Messenger-Dienste kommunizieren wir in Häppchen, in einer asynchronen Form, d. h. zeitlich versetzt, und das häufig nicht nur mit einer einzelnen Person, sondern in einer Gruppe. Wir kommunizieren ortsunabhängig und sind immer erreichbar. Versetzen wir uns zurück in die Zeit, als es nur das Telefon gab. Wir redeten immer nur mit einer Person – häufig stundenlang – und in einer synchronen Form, d. h. beide Kommunizierenden waren anwesend. Eine Telefonkonferenz mit mehreren Personen gab es nur im beruflichen Umfeld. Im privaten Bereich musste man alle anderen betroffenen Personen nacheinander anrufen. Vor der Erfindung des mobilen Telefons waren wir zum Telefonieren sogar an Orte gebunden. Man denke hier an die Telefonzelle.
Neben der Form der Kommunikation haben die technischen Veränderungen auch Auswirkungen auf die Inhalte. Kommunikation ist in ihrer klassischen Konzeption eine zielgerichtete Übermittlung von Informationen in einem spezifischen Kontext. Im besten Falle ist sie auf den Empfänger ausgerichtet. In einer Eins-zu-Eins-Situation lässt sich dies am besten realisieren. Eine Kommunikation in eine Gruppe hinein muss anders gedacht werden. Hier kann es passieren, dass eine Nachricht für den einen von größerer Relevanz ist als für den anderen.
Ein weiteres klassisches Beispiel betrifft die geographische Orientierung. Mit Hilfe von Navigationssystemen oder online aktualisierten Landkarten in einem mobilen Gerät, z. B. Smartphone, können wir uns leichter durch fremde Gebiete und Städte bewegen als mit einem Atlas oder Karten. Eine Sprachsteuerung der Wegführung ermöglicht uns, sich auf den Verkehr und nicht auf den Atlas auf dem Beifahrersitz zu konzentrieren. Diese Orientierungshilfe kann mit einem Verlust der eigenen kognitiven Fähigkeiten, sich räumlich zurechtzufinden, einhergehen. Im schlechtesten Fall ist man immer an eine digitale Orientierungshilfe angewiesen.
In Zukunft werden uns assistierte Fahrsysteme im Auto bis hin zum autonomen Fahren begegnen. Schon jetzt kennen wir das akustische Warnsystem beim Einparken, das System zur Haltung der Spur und die Tempoabsenkung beim Nähern an ein anderes Fahrzeug. Solche Systeme bestehen aus vielen Sensoren, die die Realität vermessen. Sie bestehen auch aus (intelligenten) Algorithmen, die aus dem Input der Sensoren Schlüsse ziehen. Ein solcher Schluss kann sein, dass ein Warnsystem in Form eines Audiosignals, einer Vibration am Lenkrad oder eines Lichtsignals ausgelöst wird. In gleicher Weise kann aber ebenso ein Schluss sein, dass in das Verhalten des Fahrzeugs unmittelbar eingegriffen wird. Das ist bei der Geschwindigkeitsabsenkung der Fall, da hier unmittelbar in den Motor eingegriffen wird.
Auch und gerade das studentische (und wissenschaftliche) Leben hat sich verändert. Die Suche und der Zugriff auf Bücher, Zeitschriften und sonstige Dokumente und Informationen hat sich erheblich erleichtert und die Beschaffungsprozesse sind schneller geworden. Über elektronische Literatur-Datenbanken und öffentlich zugängliche elektronische Zeitschriften, sogenannte Open Access Journals, wird die gesamte Kette, beginnend mit der Informationssuche bis hin zur Verfügbarkeit des elektronischen Artikels, geschlossen.
Gerne spricht man heute von der jungen Generation als den digital natives, den digitalen Eingeborenen, die mit den Optionen einer digitalen Welt aufgewachsen sind. Diese Tatsache schafft Erfahrungswissen und das grundsätzliche Selbstvertrauen, mit digitalen Werkzeugen umgehen zu können. Diese häufig intuitiv und informell gesteuerten Erfahrungen ersetzen jedoch nicht die formale Auseinandersetzung mit der digitalen Informationsverarbeitung in der Arbeitswelt. Hier gibt es Anforderungen, die mehr als ein Individuum betreffen, zum Teil eine Berufsgruppe in einer Einrichtung oder die Einrichtung als solches. An dieser Stelle setzt das vorliegende Buch an, das die Grundlagen für eine professionelle Auseinandersetzung mit Digitalisierung in der Pflege schaffen soll.
Alle diese Themen werden wir im Buch aufgreifen und systematisch vertiefen. Das vorliegende Buch gliedert sich daher in die folgenden Kapitel:
2. Einrichtungsinterne Informationssysteme in der pflegerischen Versorgung
3. Einrichtungsübergreifende Informationssysteme
4. Personenzentrierte assistierende Technologien im pflegerischen Handeln
5. IT-Projekt- und Prozessmanagement in der Pflege
6. Pflegedokumentation und pflegerische Ordnungssysteme
7. Professionalisierung in der Pflege: Pflegefachsprache und Wissensrepräsentation
8. Perspektiven der Informationsverarbeitung in der pflegerischen Versorgung
Dieser Systematik folgend befasst sich das Buch zunächst mit einem zentralen Inhalt der pflegerischen Informationsverarbeitung, nämlich der einrichtungsinternen Informationsverarbeitung und den zugehörigen Anwendungssystemen (Kap. 2). Wir werden besprechen, dass das Informationssystem einer Einrichtung alle eingesetzten Werkzeuge und die beteiligten Personen umfasst. In manchen Einrichtungen gibt es noch Papier als Informationsträger. Auch dieses gehört zum Informationssystem. Damit verschiedene digitale Werkzeuge unterschiedlicher Hersteller zusammenarbeiten können, müssen sie interoperabel sein. Auch diesen Fachbegriff der Interoperabilität und die dazugehörigen Standards werden erklärt.
Mit Kapitel 3 erweitern wir unseren Blick. Wir werden Informationssysteme betrachten, die über Einrichtungsgrenzen zusammenarbeiten. Häufig wird dies als eHealth, also vernetzte IT-Systeme, bezeichnet. Wir werden erläutern, welche Anwendungsbereiche es für eHealth gibt. Wir werden wieder den Begriff der Interoperabilität aufgreifen und vertiefen, da eine Zusammenarbeit Informationssysteme voraussetzt, welche IT-Standards nutzen. Anschließend werden wir das Konzept der elektronischen Gesundheitsakte vorstellen und am Beispiel der nationalen Gesundheitsakten in Deutschland, Österreich und der Schweiz illustrieren. Telehealth und mHealth (= mobile health) als eng verwandte Technologien von eHealth runden das Themengebiet ab (Kap. 3).
Kapitel 4 wendet sich personenzentrierten assistierenden Technologien im pflegerischen Handeln zu (Kap. 4). Diese können Patienten und Pflegefachpersonen gleicherweise unterstützen. Pflegebedürftige erhalten Unterstützung, um länger selbstständig in den eigenen vier Wänden leben zu können. Pflegefachpersonen werden unterstützt, um ihre beruflichen Aufgaben besser bewältigen zu können. Kapitel 4 setzt sich darüber hinaus mit Technologien auseinander, die den häuslichen Standort betreffen. Damit wird der Betrachtungsradius von einer einzelnen Einrichtung (Kap. 2) über die Vernetzung zwischen Einrichtungen (Kap. 3) auf weitere Orte ausgedehnt, an denen sich ein pflegebedürftiger Mensch aufhalten kann und zu versorgen ist (Kap. 4).
Wie schon diskutiert greifen digitale Werkzeuge deutlich in die Arbeitsprozesse ein. Kapitel 5 widmet sich daher dem Prozessmanagement und zeigt auf, wie Prozesse beschrieben, analysiert und modelliert werden können (Kap. 5). Nur so lassen sich Veränderungen von Prozessen planen bzw. dahingehend prüfen, ob sich tatsächlich – wie oben postuliert – eine positive Veränderung nachweisen lässt. Wenn entschieden wurde, digitale Werkzeuge auszuwählen und einzuführen, um Prozesse zu unterstützen, geschieht dies in der Regel in Form von IT-Projekten. Wir werden daher erläutern, wie IT-Projekte initiiert, geplant, durchgeführt und abgeschlossen werden. Wir werden auch aufzeigen, welche Bedeutung das IT-Projektmanagement für Pflegefachpersonen besitzt, welche sich an der Auswahl und Einführung von Anwendungssystemen beteiligen. Somit behandelt Kapitel 5 Methoden und Verfahren, wie Pflegefachpersonen sich aktiv in die Gestaltung der Digitalisierung einbringen können.
Kapitel 6 und Kapitel 7 erschließen eine neue Perspektive auf digitale Technologien. Es geht um Pflegefachsprachen und ihre Bedeutung in der strukturierten Erfassung relevanter Patientendaten. Zunächst wird der Leser mit der Rolle von Pflegefachsprachen sowie mit der Grundstruktur von pflegerischen Ordnungssystemen vertraut gemacht (Kap. 6). Anhand des Pflegeprozesses bzw. des erweiterten Pflegeprozesses – Advanced Nursing Process – erklären wir dann, wie pflegerisches Wissen in allen Phasen über Klassifikationen eingebunden und damit zu einer Entscheidungsunterstützung wird (Kap. 7). Dies setzt allerdings voraus, dass Klassifikationen nicht mechanistisch angewendet werden, d. h. durch das Anklicken von vorgeschlagenen Begriffen, sondern dass ein pflegerisches Verständnis vorliegt. Der Einsatz von Klassifikationen verlangt daher zwingend eine pflegerische Diagnostik und eine klinische Einschätzung des Patienten durch die Pflegefachperson.
Kapitel 8 schließt das Buch ab und richtet den Blick auf Entwicklungen, die sich heute bereits abzeichnen und die Zukunft der pflegerischen Versorgung mitgestalten werden (Kap. 8). Dies betrifft die neuen Möglichkeiten, dokumentierte Patientendaten systematisch auszuwerten. Eine solche Herangehensweise nennt man Sekundäranalyse. Sie bringt zum Ausdruck, dass die primäre Nutzung der Daten die Patientenversorgung darstellt, während die sekundäre Nutzung der Daten z. B. Pflegeforschung oder Qualitätssicherung unterstützt. Wir werden auch einen Blick auf Künstliche Intelligenz in der Pflege werfen. Derartige neue Einsatzmöglichkeiten digitaler Werkzeuge werfen aber auch ethische Fragen auf, die eine Herausforderung darstellen. Wird eine Pflegefachperson durch eine automatisierte Entscheidung in ihrer Eigenständigkeit und Unabhängigkeit (Autonomie) eingeschränkt? Sind Informationssysteme gerechter, weil sie in ihrer klinischen Urteilsunterstützung keine menschlichen Vorurteile mit sich tragen? Oder können sie sogar ungerecht werden, wenn die Daten, auf denen sie beruhen, schlecht und einseitig sind? Im Zuge der Digitalisierung der Pflege werden nicht nur neue Kompetenzen verlangt, es ergeben sich auch neue Berufe für Pflegefachpersonen, genannt sei hier die Informatics Nurse oder der Chief Nursing Information Officer. Digitalisierung kann auch die Weiterentwicklung von Pflegefachpersonen zu Advanced Nurse Practitioners stimulieren. Diese Beispiele verdeutlichen, dass sich neue Karrierewege im unmittelbaren Digitalisierungsumfeld und in der Patientenversorgung eröffnen können.
Die Struktur dieses Buches wird in Abbildung 1.1 zusammengefasst (Abb. 1.1).
Alle Kapitel werden mit einem Fallbeispiel angereichert, das die Bedürfnisse und Problemstellungen in der Pflege aufgreift (Kap. 1.4).
Alle Fachbegriffe, die wir Schritt für Schritt einführen, sind im Glossar zusammengefasst, das sich am Ende des Buches befindet. Wir empfehlen, beim Durchlesen des Buches alle neuen Fachbegriffe im Glossar nachzuschlagen und diese in den eigenen Lernprozess einzubinden. Das Glossar kann damit zum Erlernen und zum Wiederholen des Fachvokabulars verwendet werden.
Abb. 1.1: Struktur des Buches (eigene Darstellung)
Jedes Kapitel enthält im Text integrierte vertiefende Aufgaben, welche die intensivere Auseinandersetzung mit dem Stoff fördern. Darüber hinaus enthält jedes Kapitel am Ende eine Reihe von Lernerfolgsfragen, anhand derer man den eigenen Wissensstand überprüfen kann. Am Ende des Buches finden sich die Lösungen zu allen Fragen.
Und natürlich enthält jedes Kapitel am Ende eine Übersicht über die zitierte Literatur sowie Vorschläge für ein vertiefendes Literaturstudium. Wir haben uns hier sehr bemüht, möglichst einfach verfügbare Quellen zu verwenden. Wo möglich, haben wir auch eine Kurz-URL zum einfachen Auffinden der Quelle im Internet angegeben.
Dieses Lehrbuch eignet sich damit auch sehr gut für das Selbststudium. Hierzu aber ein Tipp: Lernen ist in der Regel nachhaltiger und spannender, wenn Sie Ihre Ideen, Lösungen und Fragen mit anderen Personen austauschen. Suchen Sie sich also einen Lernpartner, wenn Sie das Buch bearbeiten!
Wir werden in diesem Buch immer wieder auf folgendes Fallbeispiel zurückgreifen, das die pflegerischen Versorgungsepisoden der Patientin Helga Blume zeigt, die als multimorbide Patientin einen komplexen Fall mit viel Bedarf an Informationserhebung, -verarbeitung und -weitergabe darstellt.
Helga Blume, 76 Jahre alt, verwitwet ohne Kinder, war beim Reinigen ihrer Dreizimmerwohnung im dritten Stock ausgerutscht und hatte dabei eine offene Oberschenkelhalsfraktur rechts erlitten. Sie konnte über ihr installiertes Hausnotrufsystem einen Notruf absetzen und wurde über den Rettungsdienst in das Krankenhaus Einhornberg eingeliefert.
