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Der dritte und abschließende Band der Radioaktivitätstrilogie von Le Tschen ist eine vorsichtige Annäherung an den Optimismus. Sensibel zeichnet der Text vorsichtige Zukunftsschritte nach einer großen Verletzung. Obwohl ähnlich kryptisch wie die beiden vorausgegangenen Bände der Trilogie, ist dieser Text von einer ganz anderen Grundstimmung. Er liegt in einem Raum, in dem die Realität innerer Prozesse, losgelöst von den Gesetzen der dinglichen Welt, das prägende Moment ist. Raum, Zeit und Kausalität sind diffundiert. Fein verästelte Adern ihrer Wirksamkeit sind, als Erinnerungsfragmente, nach einem sich nicht erschließenden Ordnungsprinzip nebeneinander gelegte, noch vorhanden. Sie machen diesen Text erst verstehbar. Wie ein Gast wird der Leser eingeladen, den Gedanken der Autorin zu folgen. Die beim Lesen erzeugte Emotion ist die primäre Realitätserfahrung dieses Textes.
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Seitenzahl: 14
Veröffentlichungsjahr: 2014
Innenblicke
Fragmente einer erahnten Symphonie
Aus dem Japanischen von Masahiro Miyamoto
Mit einem Nachwort von Marcellus M. Menke
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Sie hatte sich sehr lange nicht mehr daran erinnert. Es war die Szene mit dem Stuhl, der im Zimmer steht, nahe dem Fenster, aber doch so weit entfernt, dass man nicht einfach so hinausschauen konnte. Es gab Sonnenlicht, etwas vom morgendlichen Nebel gebrochen, und dann war da Geschäftigkeit, Leben, etwas das geschah, ein buntes Treiben.
Sie versuchte die Erinnerung an das Tun in sich zu aktivieren. Könnte sie sich so erheben, von dem Stuhl, wie sie es damals getan hatte? In derselben Art gehen, durch den Raum, zum Fenster, es öffnen und die Luft hereinlassen. Könnte sie die Gardine beiseiteschieben? Das Geräusch der kleinen Röllchen hören, die durch die Schiene mit dem T-förmigen Querschnitt an der Decke glitten, sich verhakten, ineinander, weil das Knäul des Bandes, das die Gardine raffte und nach unten in Falten fallen ließ, sich zwischen Rollen und Schiene verheddert hatte?
„Mein Zuhause liegt in mir“, ging es ihr durch den Kopf, „es ist die Art wie ich die Dinge tue.“
Es entstand eine bestimmte Festigkeit, die nicht unbeweglich war, eine Anknüpfung an die Vergangenheit, eine Verbindung in die gewesene Zeit, hin zu einem Präsenz, das nicht starr war, sondern lebendig und immer wieder gegenwärtig wurde, so wie es verging. Es war sie, die sie war. Ihr Sein war die Art wie sie verging. Jetzt. Und schon wieder.
