Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Die Soziale Arbeit wird stetig herausgefordert, sich methodisch, konzeptionell und organisational zu erneuern. Der Anspruch zur Innovation steht in enger Verbindung mit den Transformationsprozessen der Gesellschaft und sich verändernden sozialen Problemlagen. Akteurinnen und Akteure der Sozialen Arbeit reagieren aber nicht nur auf gesellschaftliche Veränderungen. Vielmehr gestalten sie den sozialen Wandel proaktiv mit. In diesem Band wird das Profil innovativer Sozialer Arbeit geschärft: durch theoretisch-konzeptionelle Diskussionen, den Blick auf Innovationsebenen und -bereiche und die Erörterung von Methoden und Kompetenzen zur Innovation.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 389
Veröffentlichungsjahr: 2023
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Cover
Titelei
Einführung
Literatur
I. Grundlegende Zugänge
1 Normativität im Konzept »sozialer Innovation«
1.1 Begriffliche Vorverständigungen
1.2 Zur Unschärfe des Konzeptes »soziale Innovation«
1.3 Normative Aspekte des Konzepts »soziale Innovation«
1.3.1 Ausgangslage – Vielfalt der Definitionen
1.3.2 »Innovation«
1.3.3 »Sozial«
1.4 Ein Vorschlag zum Umgang mit der unvermeidbaren Normativität
Literatur
2 Innovation im Kontext Sozialer Arbeit
2.1 Konzept der Innovation
2.2 Innovation im Kontext Sozialer Arbeit
2.3 Ethik, Soziale Arbeit und Innovation
2.4 Zur Kritik der Ökonomisierung
Literatur
3 Soziale Innovation – Konturen eines vielfältigen Konzepts unter besonderer Berücksichtigung der Management- und Arbeitsforschung
3.1 Wandel des Innovationsverständnisses
3.2 Forschungsfelder Sozialer Innovation
3.3 Soziale Innovation in der Management- und Arbeitsforschung
3.3.1 Traditionslinien sozialer Innovation in der Management- und Arbeitsforschung
3.3.2 Soziale Innovation und digitale Transformation
3.3.3 Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen und Öffnung zur Gesellschaft
3.4 Ausblick
Literatur
4 Innovation als Wiederholung, Überraschung und Kontinuität: Eine historische Perspektive
4.1 Die Anfänge der Sozialen Arbeit – Innovative Schritte in der Herausbildung der Profession
4.1.1 »Neu ist der Zweck, Erzieher zu bilden« – Pestalozzis erste Skizzierung eines Berufs
4.1.2 »Es waren arbeitsreiche, frohe Jahre gemeinsamer Pionierarbeit und eigener kleiner Schöpfungen« – Kurse und Frauenschulen
4.1.3 »Es faszinierte mich, dass von einer Theorie so viel Bewegung ausgehen kann« – Die Öffnung der Grenzen und neue Methoden in der Sozialen Arbeit
4.2 Die Soziale Arbeit in Zeiten neoliberaler Transformationen – Freiwilligenarbeit als Antwort auf drohenden Abbau und Sparmaßnahmen
4.2.1 Zeitpolitischer Kontext – Konjunktureinbruch und Wiederentdeckung der Freiwilligenarbeit
4.2.2 Im Schnittpunkt von Politik, Sozialwesen und Wirtschaft – Das Projekt Seitenwechsel
4.2.3 Implementierung und Evaluation – Das Projekt Seitenwechsel als Blick in die Zukunft?
4.3 Schlussüberlegungen – Innovation im Kontext
Literatur
II. Innovationsebenen und -bereiche
5 Sozialarbeitende als Policy Entrepreneurs
5.1 Forschungsstand zum politischen Engagement von Sozialarbeitenden
5.2 Multiple Streams Framework
5.3 Policy Entrepreneurs im Multiple Streams Framework
5.4 Sozialarbeitende als Policy Entrepreneurs
5.4.1 Simone Boll und die Betreuungs- und Unterbringungssituation von unbegleiteten Minderjährigen im Kanton Graubünden
5.4.2 Michael Herzig und der Zürcher Strichplatz
5.5 Diskussion und Ausblick
Literatur
6 Innovationen durch Sozialunternehmertum
6.1 Was ist Sozialunternehmertum?
6.2 Bestandsaufnahme
6.3 Unternehmerische Aspekte in Organisationen des sozialen Dienstleistungssektors
6.4 Verortung von Sozialunternehmertum im Dritten Sektor
6.5 Fazit: Sozialunternehmertum ist auch in etablierten Organisationen möglich
Literatur
7 Innovationen und Innovationsmanagement in organisationalen Kontexten
7.1 Innovationen in Organisationen
7.2 Innovationen durch Organisationen: Organisationen als Kontext der Hervorbringung von Innovationen
7.3 Innovationen zwischen Organisationen: Innovationsnetzwerke zur Entwicklung neuer sozialer Lösungen
7.3.1 Innovationsnetzwerke und Open Innovation
7.3.2 Wissensweitergabe in Innovationsnetzwerken
7.3.3 Innovationsnetzwerke und die Förderung sozialer Innovationen
7.4 Innovationsmanagement
7.5 Fazit
Literatur
8 Partizipative Ansätze bei der Entwicklung von Schutzkonzepten in der Kinder- und Jugendhilfe
8.1 Schutzkonzepte als Schutzprozesse gestalten
8.2 Innovationprozesse als Herstellung einer neuen Organisationskultur
8.3 Veränderungswille als Voraussetzung für Innovation
8.4 Entwicklung einer kinder- und jugendrechtlich basierten Achtsamkeit als innovative Haltung
8.5 Multiplikator*innenmodell als Zugang für selbstgesteuertes organisationales Lernen
8.6 Selbstgesteuerte Organisationsanalysen zur Entstehung einer machtsensiblen Haltung
8.7 Expert*innenwissen der Adressat*innen partizipativ in Organisationsentwicklung einbinden
8.8 Schutzprozesse als konkrete Maßnahmen zur besseren Achtsamkeit für die Rechte junger Menschen
8.9 Innovation als aktivierenden Prozess gestalten
8.10 Fazit
Literatur
9 Innovation in und durch Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit
9.1 Die Bedeutung von Zeit und Ort für Innovation
9.2 Gemeinwesenarbeit als Treiberin von Innovation
9.3 Innovation durch Internationalisierung: Gemeinwesenarbeit als 3. Methode (Murray G. Ross)
9.4 Innovation als Herausforderung an das professionelle Handeln: Gemeinwesenarbeit als Arbeitsprinzip (Jaak Boulet, Jürgen Krauss und Dieter Oelschlägel)
9.5 Innovation durch die Hinwendung zur Lebenswelt: Sozialraumorientierung (Wolfgang Hinte)
9.6 Fazit: Das »Fachkonzept Gemeinwesenarbeit« (Sabine Stövesand und Christoph Stoik) als Königsweg aus Sicht von Innovation?
Literatur
10 Innovationen im Kontext der Digitalisierung Sozialer Arbeit
10.1 Digitalisierung und Soziale Arbeit
10.1.1 Digitalisierung und Innovationen – Begriffe und Konzepte
10.1.2 Digitalisierung Sozialer Arbeit
10.2 Innovationsformate und -akteure
10.3 Reflexiver Innovationsbegriff
10.3.1 Relationen
10.3.2 Referenzen
10.4 Fazit und Ausblick
Literatur
III. Methoden und Kompetenzen
11 Institutionelle Partnerschaften als Gestaltungselement zur Förderung von Innovation in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik
11.1 Innovation durch lokale/regionale Partnerschaften
11.1.1 Entwicklung der Partnerschaften in der EU
11.1.2 Koordination, Kooperation und Partnerschaften
11.1.3 Zur Praxis von sozialen Innovationen in Partnerschaften
11.1.4 Lessons learned
11.2 Veränderungsbedarfe in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik
11.3 Zusammenfassung und Ausblick
Literatur
12 Methoden und Gestaltungsansätze zur Förderung von Innovationen auf der Mikro- und Mesoebene des Sozialwesens
12.1 Innovationsförderung auf der Mikroebene
12.1.1 Methoden der Innovationsförderung durch individuelle Akteure in Organisationen
12.1.2 Methoden der Innovationsförderung durch kollektive Akteure in Organisationen
12.2 Innovationsförderung auf der Mesoebene
12.2.1 Methoden der Innovationsförderung in Organisationen der Sozialen Arbeit
12.2.2 Methoden der Innovationsförderung im Sozialraum
12.3 Fazit
Literatur
13 Labore für soziale Innovation
13.1 Theoretische Grundüberlegungen
13.1.1 Das Labor – eine Einrichtung mit multiplen Gesichtern
13.1.2 Labore in der Sozialen Arbeit
13.2 Räume und Methoden von Laboren der sozialen Innovation in der Sozialen Arbeit
13.2.1 Der Beitrag des Design Thinking
13.2.2 Offenere und anpassungsfähigere Labs für die Soziale Arbeit
13.3 Auf dem Weg zu einem Lab: das Hospice général in Genf
13.3.1 Methoden, Werkzeuge und Mitarbeiter*innen als Moderator*innen
13.3.2 Ein Raum für Ko-Kreation
13.3.3 Partizipation, Ko-Kreation und kollektive Intelligenz
13.3.4 Beteiligung, Schaffung der Commons, Projektentwicklung
13.3.5 Die Herausforderungen einer Lab-Institutionalisierung im Hospice général
13.4 Schlussbetrachtungen
Literatur
14 Zur Kooperation von Wissenschaft und Praxis
14.1 Disziplin- und professionstheoretische Bestimmung
14.2 Die soziale Dimension der Wissenschafts-Praxis-Kooperation
14.3 Die inhaltliche Dimension der Wissenschafts-Praxis-Kooperation
14.4 Die zeitliche Dimension der Wissenschafts-Praxis-Kooperation
14.5 Die Förderung der Wissenschafts-Praxis-Kooperation
Literatur
15 Zu Innovationen in der Sozialen Arbeit befähigen: Vier Masterprogramme im europäischen Vergleich
15.1 Vier Master-Studiengänge
15.1.1 Master-Studium in Sozialer Arbeit an der Hogeschool van Amsterdam
15.1.2 Master-Studium in Sozialer Arbeit an der HAN University of Applied Sciences Nijmegen
15.1.3 Master-Studium in Sozialer Arbeit mit Schwerpunkt Innovationsmanagement an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Abt. Köln
15.1.4 Master-Studium in Sozialer Arbeit mit Schwerpunkt Soziale Innovation an der Fachhochschule Nordwestschweiz, Olten
15.2 Diskussion
Literatur
IV. Zusammenschau und Diskussion
16 Innovative Soziale Arbeit
16.1 Gesellschaftliche Herausforderungen, soziale Innovationen und Soziale Arbeit
16.2 Die Relevanz von Organisationen und organisationalen Vernetzungen
16.3 Wirtschaft und Sozialstaat
16.4 Normativität und Relativität von sozialen Innovationen
16.5 Ansätze zur innovativen Gestaltung des Sozialen
16.6 Was zu kurz kommt
16.7 Fazit und Ausblick
Literatur
Anhang
Abkürzungsverzeichnis
Autor*innenverzeichnis
Die Herausgebenden
Prof. Dr. Matthias Hüttemann, M. A., lehrt Soziale Arbeit an der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf. Seine Arbeitsschwerpunkte sind gesundheitsbezogene Soziale Arbeit, Soziale Innovationen, Innovationen im Kontext Sozialer Arbeit, forschungsbasierte Praxis und die Kooperation von Akteur*innen aus Wissenschaft und Praxis. Vor seinen Tätigkeiten an Hochschulen arbeitete er in Praxisfeldern gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit.
Prof. Dr. Anne Parpan-Blaser, dipl. Sozialarbeiterin, ist Dozentin am Institut Integration und Partizipation der Hochschule für Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten. Sie befasst sich in Aus- und Weiterbildung sowie Forschung mit Innovation im Kontext Sozialer Arbeit und der Gestaltung von Innovationsprozessen, mit (digitaler) Partizipation sowie mit adressat*innengerechter Kommunikation und Leichter Sprache.
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.
Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.
Dieses Werk enthält Hinweise/Links zu externen Websites Dritter, auf deren Inhalt der Verlag keinen Einfluss hat und die der Haftung der jeweiligen Seitenanbieter oder -betreiber unterliegen. Zum Zeitpunkt der Verlinkung wurden die externen Websites auf mögliche Rechtsverstöße überprüft und dabei keine Rechtsverletzung festgestellt. Ohne konkrete Hinweise auf eine solche Rechtsverletzung ist eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten nicht zumutbar. Sollten jedoch Rechtsverletzungen bekannt werden, werden die betroffenen externen Links soweit möglich unverzüglich entfernt.
1. Auflage 2023
Alle Rechte vorbehalten© W. Kohlhammer GmbH, StuttgartGesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:ISBN 978-3-17-040452-6
E-Book-Formate:pdf: ISBN 978-3-17-040453-3epub: ISBN 978-3-17-040454-0
Anne Parpan-Blaser & Matthias Hüttemann
Die Soziale Arbeit war – als qualifizierte berufliche Dienstleistung – zu Beginn des 20. Jahrhunderts selbst eine Innovation. Die Profession der Sozialen Arbeit hat sich seither – zuweilen auch auf Druck von außen hin – weiterentwickelt und neue Methoden, Konzepte, Programme sowie Formen der Organisation hervorgebracht. Der Anspruch, zu innovieren, besteht insbesondere, wenn es darum geht, den Transformationsprozessen der Gesellschaft und den damit einhergehenden, sich verändernden sozialen Problemlagen adäquat zu begegnen. Die Praxis der Sozialen Arbeit reagiert aber nicht nur auf gesellschaftliche Veränderungen, sondern leistet auch proaktiv Beträge zur Gestaltung des Sozialen. Diese können anhand des Innovationskonzepts wissenschaftlich analysiert und verstanden werden. Zudem produziert die Forschung der Sozialen Arbeit fortlaufend neue Erkenntnisse, die wiederum Grundlagen und Optionen für wissensbasierte Entwicklungen und Innovationen schaffen. Das Konzept »Innovation« transportiert ein verändertes Verständnis der Schnittstellen von Wissenschaft und Gesellschaft, Forschung und Entwicklung und legt eine anwendungsorientierte Wissensproduktion nahe, die für die Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft angemessen ist. Begriff und Konzept der Innovation sind in Disziplin und Profession der Sozialen Arbeit jedoch nicht unumstritten. Fraglich erscheint: Ist Innovation ein geeigneter konzeptioneller Zugang, der die Soziale Arbeit in der Analyse und Gestaltung von innovativen Entwicklungsprozessen unterstützt? Oder ist die Rede von Innovationen ein Trend, der wissenschaftlich wenig gehaltvoll und für die Praxis der Sozialen Arbeit kaum produktiv ist?
Seit über zehn Jahren und mit zunehmender Tendenz wird in der Sozialen Arbeit auf das Innovationskonzept Bezug genommen. Zu etlichen Themen aus dem sich damit eröffnenden Spektrum liegen im deutschsprachigen Raum mittlerweile theoretische Konzeptionen und auch empirische Erkenntnisse vor. Diese waren bislang verstreut, kaum verbunden und teilweise wenig detailliert ausgearbeitet. Andere Themen (wie Risiken im Kontext von Innovation) wurden bisher vor allem im englischen Sprachraum ausführlich aufgegriffen. Manche Aspekte im Zusammenhang von Sozialer Arbeit und Innovation sind noch wenig thematisiert worden (wie beispielsweise Digitalisierung oder die Entwicklung von Innovationskompetenz in den Ausbildungsgängen Sozialer Arbeit).
Wir – das Herausgebertandem dieses Bandes – befassen uns seit 2008 mit Innovation und Innovationsprozessen in der Sozialen Arbeit. In Forschungs- und Entwicklungsprojekten wie auch in der Ausbildung von Professionellen der Sozialen Arbeit sind wir in vielfältiger Weise angeregt und herausgefordert, uns zu Fragen zu Innovation in und durch die Soziale Arbeit zu positionieren. Wir verstehen Innovation als Prozess wie auch als Ergebnis und schreiben Innovationen das Potenzial zu, die bestehende Praxis Sozialer Arbeit umfassend, tiefgreifend und dauerhaft zu verbessern. In wissenschaftlicher Hinsicht erscheint uns das Innovationskonzept besonders geeignet, um Formen der professionellen, wissens- und forschungsbasierten Entwicklung in der Sozialen Arbeit zu reflektieren und zu analysieren.
Vor diesem Hintergrund entstand das Anliegen, den aktuellen Stand der Diskussionen zu bündeln und Perspektiven aufzuzeigen. Der vorliegende Band soll wichtige Stränge der Auseinandersetzung mit Innovation im Kontext Sozialer Arbeit aufnehmen und auch einige bislang weniger prominent behandelte Aspekte des Themas aufgreifen. Der Band richtet sich an Interessierte aus Wissenschaft und Praxis und kann auch in der Lehre eingesetzt werden. Für aktuelle und zukünftige Fachpersonen, die innovativ denken und handeln, sollen die vorliegenden Beiträge Anregungen und Hinweise bieten, wenn es darum geht, Entwicklungsprozesse mit neuartigem Anspruch zu initiieren und zu begleiten oder entwicklungsrelevantes Wissen in geeigneter Form aufzubereiten, um es in diese Prozesse einzubringen.Der Band orientiert sich an folgenden Leitideen:
·
Den aktuellen Stand der Auseinandersetzung mit Innovation aus der Perspektive der Sozialen Arbeit darstellen und zentrale Fragen auch aus einer allgemeineren sozialwissenschaftlichen Sicht besprechen.
·
Die Potenziale von Innovationen in und durch die Soziale Arbeit für die Gesellschaft, die Nutzer*innen Sozialer Arbeit sowie die Entwicklung der Profession ausloten.
·
Eine kritische-konstruktive Auseinandersetzung leisten, z. B. mit der betriebswirtschaftlichen Engführung, die oft mit dem Innovationskonzept assoziiert wird, oder mit dessen normativen Aspekten.
·
Das Innovationskonzept mit Bezug zur Sozialen Arbeit gesellschaftlich und sozialpolitisch einbetten und dabei disziplin- und professionsbezogene Rahmungen verdeutlichen.
·
Zur Klärung des Verhältnisses von sozialer Innovation und Innovation im Kontext Sozialer Arbeit beitragen.
Das Buch bietet einen Überblick zum Themenbereich »Soziale Arbeit und Innovation« und zeigt auf, an welchen Stellen die Diskussion künftig noch vertieft werden kann. Lesende erwartet ein Band, der sich entlang der zentralen Fragen nach konzeptueller Klärung, Beispielen und Methoden sozialer Innovation in der Sozialen Arbeit in drei Teile gliedert:
Im ersten Teil werden grundlegende, sozial(arbeits)wissenschaftliche Zugänge zum Thema eröffnet. Es wird aufgezeigt, inwiefern ein differenziertes Verständnis sozialer Innovation Implikationen für die Soziale Arbeit hat und wie normative und (professions-)ethische Aspekte des Innovationskonzepts diskutiert werden können. Es erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit der Relativität von Innovation, mit dem Anspruch der Verbesserung und der möglichen ökonomischen Verkürzung des Innovationsbegriffs.
Im zweiten Teil werden Bereiche und Ebenen von Innovation in der Sozialen Arbeit und durch die Soziale Arbeit thematisiert. Neben dem Blick auf das Gemeinwesen und Organisationen im sozialen Bereich werden Professionelle der Sozialen Arbeit als (politisch oder ökonomisch tätige) Akteur*innen sowie Möglichkeiten der Kooperation unterschiedlicher Akteur*innen thematisiert. Der digitale Raum wird als Ort der Innovation erörtert. Zentral sind in diesem Teil auch Fragen der Steuerbarkeit von Innovationsprozessen.
Der dritte Teil widmet sich den Methoden und Kompetenzen, die Innovationen ermöglichen und unterstützen. Dabei werden Ansätze zur Innovationsförderung auf makro-, meso- und mikrosozialer Ebene betrachtet. Es geht um die Frage, welche Formate und Konstellationen Kooperation, Partizipation und Kreativität in Innovationsprozessen unterstützen. Und auch der Aufbau von Innovationskompetenz in der Ausbildung wird thematisiert.
Die Zusammenschau der Beiträge zeigt auf, wie Innovation im Kontext Sozialer Arbeit zwischen Handlungskonzept und theoretischem Rahmen changiert. Prägend ist übers Ganze gesehen der Impetus innovativer Sozialer Arbeit, gestaltend zu wirken – im eigenen Fach, in den Handlungsfeldern und auch hinsichtlich der gesellschaftlichen Bedingungen, die den Gestaltungsrahmen bilden. Dies im Sinne von Waldenfels (1991, 92): »Als produktiv verstehe ich ein Handeln, das selber beteiligt ist an der Schaffung der Ordnung, in der es sich bewegt, und an der Formulierung der Fragen, auf die es antwortet«.
Uns bleibt an dieser Stelle, all jenen zu danken, die zur Entstehung des vorliegenden Bandes beigetragen haben. Dies sind in erster Linie die Autor*innen, die wir zum Teil erst über die Arbeit am Band kennen- und schätzen gelernt haben. Wir bedanken uns ebenso herzlich beim Kohlhammer Verlag, namentlich Elisabeth Häge und Anja Mikowski, für das entgegengebrachte Vertrauen und für die Unterstützung. Sehr erkenntlich sind wir auch der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW und unseren Kolleg*innen; im Austausch mit ihnen erhielten wir immer wieder interessante Anregungen. Insbesondere danken wir Esther Pfister für den administrativen Support und Daniel Gredig für die kritische Durchsicht der Beiträge der Herausgebenden. Nicht zuletzt möchten wir uns wechselseitig Dank aussprechen für viele Jahre guter Zusammenarbeit zum Thema, die in der Herausgabe dieses Bandes einen (weiteren) Meilenstein erreicht hat.
Waldenfels, B. (1991). Der Stachel des Fremden. Frankfurt: Suhrkamp.
Georg Mildenberger & Judith Terstriep
»Soziale Innovation« ist ein Konzept, das weniger in wissenschaftlichen Kreisen ersonnen, sondern stark praxisgetrieben entwickelt wurde. Im folgenden Beitrag werden wir zeigen, dass jede Verwendung des Begriffs mit Normativität zu tun hat. Die Unterscheidung von »normativen« und »nicht-normativen« Konzepten wird vorgestellt und diskutiert. Dabei wird deutlich, dass schon mit der Intentionalität, die bereits im Innovationsbegriff begründet liegt, Normativität ins Spiel kommt. Durch die changierende Bedeutung von »sozial« als Zeichen für »menschliche Interaktion«, »die Gesellschaft betreffend«, »altruistisch oder solidarisch gesinnt«, »gut für Gesellschaft« wird dies verstärkt. Forschung zum Thema »Soziale Innovation« muss daher immer mit Normativität in den unterschiedlichsten Ausformungen rechnen. Dabei genügt es nicht, zu betonen, dass die wissenschaftliche Perspektive sich normativer Aussagen enthält, vielmehr können sich jederzeit implizite normative Aspekte in wissenschaftliche Aussagen einschleichen. Normativität selbst kann unter den Bedingungen der Moderne nicht essentialistisch, quasi objektiv verstanden werden, sondern muss diskursiv »verflüssigt« und mit einem Zeitindex versehen werden. Die Sustainable Development Goals (SDGs; dt. Ziele für nachhaltige Entwicklung) sind international weithin anerkannte Prinzipien, die hier als Anker dienen können.
In vielen wissenschaftlichen Disziplinen finden sich zentrale Begriffe, die zunächst als deskriptive Begriffe erscheinen, zugleich aber auch eine Wertung mit sich bringen. Solche Begriffe finden sich fast notwendig in allen stark anwendungsbezogenen Disziplinen, die eng mit Professionen verknüpft sind. In der Medizin etwa beschreibt »Gesundheit« nicht allein einen möglichen Zustand eines Individuums oder Organismus. Vielmehr ist damit zugleich das Ziel der Profession beschrieben: Gesundheit ist, was anzustreben ist. Neuere Entwicklungen in Gesellschaft und Wissenschaft haben zudem disziplinübergreifende Begriffe hervorgebracht, wie der Begriff der »Entwicklung«, der viel mehr Programm als Beschreibung ist. Ähnlich verhält es sich mit Begriffen wie: »inklusiv«, »resilient«, oder »gerecht«. Inklusion etwa beschreibt eher einen Wert, der zu verwirklichen wäre, als einen erreichten Zustand. Solche Begrifflichkeiten haben die Eigenart, einerseits in gesellschaftlichen Diskursen vielfältig Verwendung zu finden und zugleich in wissenschaftlichen Diskursen verhandelt zu werden. Dies steht dem Anspruch der Wissenschaft gegenüber, Phänomene zu beschreiben und zu erklären; also zu klären, was der Fall ist, nicht, was sein sollte. Deskriptive Wissenschaft soll sich dabei jedoch allen wertenden und vorschreibenden (präskriptiven) Aussagen enthalten. Sie soll lediglich Empfehlungen aussprechen, welche Wege zu vorgegebenen Zielen führen, also die rechten Mittel zu Zwecken finden, die der Wissenschaft vorgegeben und nicht von ihr gesetzt werden. Es gilt als methodischer Fehler, wenn ex cathedra normative Sätze verkündet werden (Schmid 2020). Dessen ungeachtet schleichen sich jedoch immer wieder leicht wertende, normative Gehalte in wissenschaftliche Aussagen. In den Sozialwissenschaften etwa gibt es die Tendenz, Ordnung zu bevorzugen und Störungen von Ordnung als problematisch zu erachten (Luhmann 1984, 162 ff).
Schwierig wird es besonders dann, wenn Wissenschaft auf gesellschaftliche Problemlagen reagiert oder reagieren soll und in enger Zusammenarbeit mit gesellschaftlichen Akteuren versucht, Wissen bereitzustellen oder gemeinsam mit den Akteuren zu produzieren, um deren Probleme zu bearbeiten (Terstriep/Mildenberger/David 2021). Hier wird es grundsätzlich schwierig, die Rollen von Aktivist*innen, beratenden Akademiker*innen und distanzierten Beobachter*innen auseinanderzuhalten. Gerade beim Thema »Soziale Innovation« stößt Wissenschaft dabei immer wieder auf das Problem, ob mit sozialer Innovation ein gesellschaftliches Phänomen bloß bezeichnet wird, oder ob der Begriff zugleich eine Wertung impliziert.
»Soziale Innovation« ist nicht zuerst ein Thema der Forschung. Vielmehr wird es, zumindest in der Rezeption des frühen 21. Jahrhunderts, zunächst stark im Kontext des aufkeimenden neuen Konzepts »Social Entrepreneurship«1 verhandelt, das dann zu Reaktionen im Bereich von Politik und Gesellschaft führt. Manche begrüßen enthusiastisch die neuen Ideen, die zu versprechen scheinen, nun könnten endlich Lösungen für Probleme gefunden werden, ohne dass dabei die Sozialbudgets weiter erhöht werden müssten. Sozialunternehmer*innen würden die nötigen Ressourcen auf Märkten mobilisieren (Göler von Ravensburg/Mildenberger/Krlev 2021). Andere wiederum sehen gerade darin den Ausverkauf des Sozialstaates, der nun monetarisiert werde und die Sorge um die Benachteiligten der Gesellschaft werde selbst zum Geschäftsfeld (Meichenitsch/Neumayr/Schenk 2016). Damit ist eine Reflexionsebene angesprochen, auf die wir noch zurückkommen werden. Nicht allein die Frage, ob eine soziale Innovation wünschenswert ist oder nicht, ob sie ihre Ziele erreicht, ohne neue Probleme aufzuwerfen, steht zur Debatte. Darüber hinaus wird der Modus gesellschaftlicher Problemlösung selbst in Frage gestellt (Mildenberger/Schimpf/Streicher 2020).
Diese grundlegende Kontroverse ist nur ein Aspekt einer weiterreichenden Unschärfe des Begriffs »soziale Innovation«, die wohl auch seiner proteischen Natur als »Quasi-Konzept« geschuldet ist (Jenson 2015). Ein Aspekt, den der Begriff mit anderen teilt, die ebenfalls – vor allem auch in den EU-Politiken – eine große Rolle spielen. Gemeint sind Begriffe wie: »Social Cohesion«, »Social Investment« oder auch »Sustainable Development«. Ebenso wie »soziale Innovation« wecken diese Begriffe eine Reihe von Assoziationen zu mehr oder minder wohlumschriebenen Theoremen und Phänomenen. Allerdings sind die Konnotate bei jedem etwas anders gelagert, so dass bestenfalls von einem überlappenden Konsens bzw. Schnittstellenkonsens im Rawls'schen Sinne gesprochen werden kann (Rawls 1987). Ziegler greift Gallies (1956) auf, der von »contested concepts« (umstrittenen Konzepten) spricht. Im Gegensatz zu Gallie versteht Ziegler (2020) die Debatte um Begriffe jedoch konstruktiv. Er argumentiert, dass die unterschiedlichen Perspektiven weniger um Deutungshoheit ringen, als sich wechselseitig ergänzen. Diese Komplementarität berücksichtigend spricht er von einem kollaborativen Konzept (»collaborative concept«) und deutet damit an, dass sich der Gehalt des Phänomens »soziale Innovation« erst in Zusammenarbeit und wechselseitiger Ergänzung unterschiedlicher Disziplinen und Herangehensweisen erschließt (Ziegler 2020). Für die Wissenschaft könnte dies eine Herausforderung darstellen. Denn es wäre zu klären, wie die Perspektiven der Aktivist*innen mit denen der Wissenschaftler*innen zusammenkommen können. Würde dies etwa bedeuten, dass Wissenschaft die Kontrolle über ihre eigenen Begrifflichkeiten aufgeben müsste? Diese Frage erscheint aufgrund der Wechselwirkung zwischen Wissenschaft und Praxis von besonderer Relevanz.
Um die vielfältigen Facetten und Mehrdeutigkeiten im Begriff »soziale Innovation« weiter zu ergründen, wollen wir daher im Folgenden zunächst die beiden Bestandteile diskutieren.
Bislang existiert weder national noch international eine eindeutige allgemein akzeptierte und damit verbindliche Definition von »sozialer Innovation«. In einer umfassenden Literaturstudie zu sozialen Innovationen identifizierten Edwards-Schachter und Wallace (2017) 252 Definitionen »sozialer Innovation«. Diese Diversität von Begriffsverständnissen manifestiert sich ebenfalls in der europäischen Forschungslandschaft (Pelka/Terstriep 2016). Ein Überblick zu den unterschiedlichen Begriffsverständnissen basierend auf den genannten Arbeiten gibt die nachfolgende Tabelle (▸ Tab. 1.1).
Tab. 1.1:Auswahl variierender Definitionen Sozialer Innovation
Autor*innen/Projekt
Definition
Mumford (2002, 253)
»[...] the generation and implementation of new ideas about how people should organize interpersonal activities, or social interactions, to meet one or more common goals«
Phills et al. (2008, 36)
»[...] a novel solution to a social problem that is more effective, efficient, sustainable, or just than existing solutions and for which the value created accrues primarily to society as a whole rather than private individuals«
Gaulier-Grice et al. (2012, 18)
»[...] new solutions (products, services, models, markets, processes etc.) that simultaneously meet a social need (more effectively than existing solutions) and lead to new or improved capabilities and relationships and better use of assets and resources. In other words, social innovations are both good for society and enhance society's capacity to act«
Building a European Network of Incubators for Social innovation (BENISI) (2013)
»[...] a new idea, product, service or model that simultaneously meets social needs and creates new social relationships or collaborations.«
Lewis et al. (2013, 8)
»[...] innovation that is related to creating new services that have value for stakeholders (such as citizens) in terms of the social and political outcomes they produce«
Bureau of European Policy Advisers (BEPA) (2010)
»[...] are innovations that are social in both their ends and their means. Specifically, we define social innovations as new ideas (products, services and models) that simultaneously meet social needs (more effectively than alternatives) and create new social relationships or collaborations«
Oosterlynck et al. (2013, 2)
»[...] innovations that are social in their ends as well as in their means«
Rosendal Jensen (2013, 124)
»[...] new ideas that work in meeting social goals and brings increased social value to society«
Krlev/Anheier/Mildenberger (2018, 19)
»Social innovations are characterized by: first, their motivational character consists in meeting neglected social needs; second, their underlying image of innovation combines functionalist and transformationalist aspects; third, their primary impact is on the well-being of the beneficiaries as well as the actors involved, the borders between them being reshuffled and blurred by the underlying mechanisms of social innovation.«
Avelino et al. (2014, 4)
»[...] new services, practices or ideas at the micro-level of ›niches‹«
Bria (2014, 5)
Digital social innovation is »[...] a type of social and collaborative innovation in which final users and communities collaborate through digital platforms to produce solutions for a wide range of social needs and at a scale that was unimaginable before the rise of Internet-enabled networking platforms«
Howaldt et al. (2014, 3)
»[...] a new combination of social practices in certain areas of action or social contexts with the goal of better satisfying or answering social needs and problems than is possible on the basis of existing practices«
Houghton Budd/Naastepad/van Beers (2015, 3)
»[...] as the development and delivery of new ideas and solutions (products, services, models, markets, processes) at different socio-economic levels that intentionally seek to change power relations and improve human capabilities, as well as the process via which these solutions are carried out«
Misuraca et al. (2015, 42)
»[a] new configuration or combination of social practices providing new or better answers to social protection system challenges and needs of individuals throughout their lives, which emerges from the innovative use of Information and Communication Technologies (ICTs) to establish new relationships or strengthen collaborations among stakeholders and foster open processes of cocreation and/or re-allocation of public value«
Jubany/Güell (2015, 5)
»[...] addressing social inequalities' drawing on questions such as why, what, who and how«
Terstriep et al. (2015, 6)
»[...] novel combinations of ideas and distinct forms of collaboration that transcend established institutional contexts with the effect of empowering and (re)engaging vulnerable groups either through the innovation process or as a result of it«
Hightech-Forum (HTF) (2019, 2)
»Soziale Innovationen umfassen neue soziale Praktiken (Verhaltensänderungen) und Organisationsmodelle, die darauf abzielen, für die Herausforderungen unserer Gesellschaft tragfähige und nachhaltige Lösungen zu finden.«
Rekurrierend auf diese Multiplizität lassen sich folgende Grundelemente bzw. Gemeinsamkeiten bestimmen (Pelka/Terstriep 2016; Edwards-Schachter/Wallace 2017): »Soziale Innovation« beschreibt
·
veränderte soziale Praktiken (als Element in vielen anderen Definitionen enthalten) und
·
veränderte soziale Beziehungen, insbesondere mit Blick auf Ermächtigung marginalisierter Gruppen der Bevölkerung und
·
bezieht sich auf die (neuartige) Lösung eines sozialen Problems sowie
·
die Verteilung des Mehrwerts, der aus der sozialen Innovation hervorgeht. Wenn zumindest ein wesentlicher Teil der Gesellschaft als Ganzes zukommt, dann handelt es sich um eine Soziale Innovation. Der Gegensatz dazu wäre eine Business Innovation, die darauf abzielt, den aus der Implementierung/Markteinführung generierten Mehrwert privat anzueignen.
In der Zusammenschau lässt sich feststellen, dass die verschiedenen Definitionen mehr oder weniger zwei Elemente vereinigen. Zum einen die konkrete Intervention (Problemlösung, Dienstleistung, Produkt, Geschäftsmodell) und zum anderen die Veränderung des sozialen Kontextes. Diese Unterscheidung wird häufiger selbst zum Teil der Definition gemacht. Es wird dann betont, dass »soziale Innovation« einen funktionalen, problemlösenden und einen transformationalen Aspekt hat, indem der Prozess der sozialen Innovation zugleich auch die gesellschaftliche Struktur um das Problem und seine Lösung verändern (Anheier/Krlev/Mildenberger 2018). Dabei bedienen soziale Innovationen aus funktionalistischer Perspektive Bedürfnisse, die weder Staat noch Märkte befriedigen wollen oder können. Wird Soziale Innovation zu stark auf den funktionalen Aspekt beschränkt, erscheint die Programmatik allerdings sehr stark technokratisch mit Anklängen an neoliberale Theoreme.2
Interessant sind auch Ansätze, die sich auf den transformationalen Aspekt sozialer Innovationen fokussieren. Sie treten zum einen im Kontext der Debatte um »Social Entrepreneurship« auf, die disruptive Innovation in ihrer systemverändernden Kraft thematisiert, wie dies etwa in der erhellenden Analyse von Teasdale et al. (2021) zum Ausdruck kommt. Aus eher partizipationsorientierter Richtung kommen dagegen Arbeiten, in denen der Typus der »Transformative Social Innovation« herausgearbeitet wird (Aveliono et al. 2019; Pel et al. 2020). Soziale Innovation wird hier als Prozess verstanden, in dem die vorherrschenden Institutionen in einem bestimmten sozial-materiellen Kontext in Frage gestellt, verändert oder ersetzt wird (Pel et al. 2020). Allerdings wird neben Markt- und Staatsversagen aus transformationaler Perspektive in jüngerer Zeit vermehrt auch auf »Transformationsversagen« hingewiesen (Weber/Rohracher 2012). Im jüngsten EFI-Gutachten (EFI 2021, 43) heißt es dazu beispielsweise:
»Innovationen können grundsätzlich dazu beitragen, gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen, und somit einen transformativen Wandel zur Erreichung gesellschaftlich erwünschter Ziele ermöglichen und beschleunigen. Es existieren jedoch verschiedene Formen des Transformationsversagens, die dazu führen, dass entsprechende [soziale] Innovationen nicht getätigt werden bzw. nicht in ausreichendem Maße in die Anwendung kommen«.3
Dieser Aspekt findet seinen Niederschlag auch in der missionsorientierten Forschungs- und Innovationspolitik, die vermehrt nach dem gesellschaftlichen Mehrwert (sozialer) Innovationen fragt und anstrebt, gesellschaftliche Herausforderungen durch einen Wandel des sozioökonomischen Systems zu begegnen (Hekkert et al. 2020).
Aber nicht erst das Kompositum »soziale Innovation« ist mit implizit normativen Konnotationen verbunden, vielmehr ist der Begriff »Innovation« selbst bereits normativ geprägt. So sind Innovationen nicht einfach Prozesse des Wandels, sondern vielmehr die Folgen von absichtsvollen Handlungen. Im Sinne des teleologischen Handlungsbegriffes wird Handeln als Verwirklichung eines Zweckes (gr. telos) verstanden (Horn/Löhrer 2010). Eben das unterscheidet Handeln vom bloßen Verhalten. Ein handelndes Individuum hat das Resultat des Handelns gewollt und ist auch davon ausgegangen, dass die Art und Weise der Handlung geeignet war, den gewollten Zweck zu erreichen. Gerade das wird dann als rationales Handeln verstanden (Weber 1990; Hesse 2002). Und weil die Folgen des Handelns vom handelnden Individuum intendiert waren, muss es sich auch für diese verantworten, insofern andere durch solches Handeln betroffen sind. Das bedeutet, dass sowohl in den Intentionen der Handelnden als auch in der Bewertung des Handelns durch andere normative Urteile (moralisch oder evaluativ) getroffen werden. Somit ist alles, was mit menschlichem Handeln verknüpft ist, mit Normen imprägniert.
Im Fall der Innovation kann man etwa aus soziologischer Perspektive feststellen, Innovation sei zunächst eine Form abweichenden Verhaltens. Das Bestehende beinhaltet Normen, wie etwas zu machen sei, wie ein Artefakt aussehen solle und wie es zu nutzen sei und so weiter. Das Neue hingegen verstößt oftmals gegen Regeln bzw. stellt diese in Frage. Die Innovierenden sind in der heutigen Terminologie Regelbrecher oder positiv ausgedrückt »Game Changer« (Avelino et al. 2019), die sich nicht an die Spielregeln halten, sondern neue aufstellen.
Dass wir bei innovativem Handeln nicht an Devianz denken, dass wir Einschränkungen von Innovation als »Hindernis« oder »Hemmnis« beschreiben, zeigt an, dass wir geneigt sind, Innovation für etwas Begrüßenswertes zu halten, also für etwas Gutes. Das war allerdings nicht immer so. Godin (2020) zeigt, dass über viele Jahrhunderte Innovation mit Ablehnung oder zumindest Skepsis bedacht wurde. Es gab keine besondere Wertschätzung von Erfindungsgeist, zumindest nicht in den zünftigen Handwerken. Erst mit der Aufklärung beginnt die systematische Suche nach neuem Wissen, eine gezielte Ablehnung der antiken, aristotelischen Wissenschaft definiert das Selbstverständnis der »Modernen«, und mit der Verknüpfung des wissenschaftlichen Fortschritts, mit der sich nun rasch entwickelnden Technik nimmt das Bacon-Projekt seinen Lauf (Schäfer 1993).
Auf diesem Wege sollen die Menschen aus materieller Not, Unsicherheit und der Vormundschaft von Ideologien befreit werden. Die innovative Wissenschaft stellt sich also selbst einen moralischen Anspruch, aus dem sie zugleich ihre Legitimität zieht (Höffe 2000, 49 ff).
Ein weiterer Aspekt der gesellschaftlichen Natur von Innovation liegt darin, dass Innovation eben nicht bedeutet, eine neue Idee zu haben, sondern vielmehr, diese in die Praxis umzusetzen. Damit ist Innovation ein sozialer Prozess, der die Interaktion mit anderen erfordert. Insofern bedarf es einer prozessualen, durch Interaktionen geprägten Sicht auf das Innovationsgeschehen, um Innovationen mit ihren Ursachen und Wirkungen zu erklären (Terstriep 2019). In diesem Sinne stellen etwa die evolutionären Ansätze der Innovationsforschung (Dosi 1982; Nelson/Winter 1982, 2002) darauf ab, das tatsächliche Verhalten der am Innovationsprozess beteiligten Akteure unter Einbeziehung interaktiver, zeitlicher und kontextspezifischer Aspekte des Innovationsgeschehens zu erklären (ebd.). Nach diesem Verständnis bilden Regeln, Normen und Institutionen Grundlagen für Entscheidungen, wobei der durch Innovationen bedingte Wandel nicht deterministisch ist, sowohl in Erfolg als auch Misserfolg münden kann und ein offenes Ende besitzt. Sozialen Prozessen der Interaktion wird dabei ein zentraler Stellenwert beigemessen, wobei auf die Relevanz relationalen Kapitals wie Vertrauen, Respekt und Reziprozität verwiesen wird. Nach Auffassung von Hauschildt und Gemünden (2011) manifestiert sich die normative Dimension von Innovation gerade in der Konnotation von »neu« im Sinne von »erfolgreich«. Das Neue wird als »besser« bewertet.
Sowohl in neoklassischen als auch evolutorischen Theorien der Wirtschafts- und Innovationspolitik weist die Diskussion von Zweck, Zielen und Mitteln auf normative Werturteile hin (Kovač 2018). Allerdings schreiben die neoklassischen Ansätze Politik eher passive, reaktive und korrektive Handlungsweisen zu, während die evolutionären Ansätze der Innovationssystemforschung die Politik als einen relevanten Akteur im Innovationsgeschehen betrachten (Mazzucato 2016). Ausgerichtet an den gesellschaftlichen Herausforderungen als normative Richtungsvorgabe und eingebettet in die Ziele für eine nachhaltige Entwicklung bündelt eine »Transformative Innovationspolitik« (Diercks/Larsen/Steward 2019) verschiedene funktionale Politikbereiche wie Gesundheit, Landwirtschaft, Bildung, Wirtschaft und Umwelt. Eine solche gesellschaftspolitische Agenda impliziert, dass Innovationen in allen gesellschaftlichen Bereichen zu mobilisieren sind, um gesellschaftliche Ziele und Werte in ihrer Gesamtheit zu fördern.
Bezugnehmend auf Mann (2013) differenziert Ziegler (2020) mit Blick auf die Innovationsgesellschaft drei Typen von Systemen: Das Reproduktionssystem der ersten Ordnung verstehe sich im Wesentlichen als Gesellschaftssystem in stabilem Zustand, das sich im Zyklus der Jahreszeiten reproduziere. Gesellschaftssysteme zweiter Ordnung verstünden sich im Modus der Innovation und schüfen gezielt Voraussetzungen, die Innovation erleichterten und die stets neue Implementierung von stets neuen Ideen geradezu systematisch erzeugten. Innovation werde als der Modus postuliert, mittels dessen alle gesellschaftlichen Bedürfnisse befriedigt und Probleme gelöst werden könnten. In Gesellschaften dritter Ordnung hingegen komme es dann zu einer problematisierenden Wahrnehmung von Innovation. Innovation werde nicht mehr per se als hilfreich und begrüßenswert betrachtet, was sich daran ablesen ließe, dass zunehmend qualifizierende Adjektive zum Substantiv »Innovation« hinzuträten, wie etwa »responsible/verantwortliche«, »sustainable/nachhaltige«, oder eben als umfassende Qualifikation »soziale« Innovation. Dieser Wandel der gesellschaftlichen Haltung zur Innovation zeigt an, dass Innovation tief in das gesellschaftliche Selbstverständnis der Moderne als paradigmatische Gesellschaft zweiter Ordnung eingeschrieben ist. So sehr, dass uns oftmals gar nicht mehr bewusst ist, dass es durchaus nicht selbstverständlich ist, Innovation zu begrüßen oder als alltägliches Phänomen zu verstehen. Der Begriff »Innovation« ist insofern sehr viel mehr ein wertender, normativ aufgeladener Begriff, als ein rein deskriptiver.
Richten wir den Blick auf das »Soziale«, lässt sich zunächst feststellen, dass wir in einer sozialen Welt leben, in der sich unser Handeln an Werten, Normen, Regeln und Traditionen orientieren, die allesamt soziale Konstrukte sind. In der öffentlichen Debatte kann sich das »Soziale« beispielsweise auf das Wohlfahrtsmodell und die Machtverhältnisse beziehen, aber ebenso auf Möglichkeiten der Einflussnahme, der Einkommensverteilung und des Umgangs miteinander. Während im Weber'schen Sinne Handlungen nur dann sozial sind, wenn sie sich unmittelbar auf Verhaltensweisen anderer Menschen beziehen, subsumiert Elias (2006) hierunter alle Handlungen, die in einem gesellschaftlichen Kontext entstehen. Was dabei als »sozial« bewertet und damit als soziales Problem wahrgenommen wird, ist selbst sozial konstruiert und Ergebnis gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse. Moralische Annahmen darüber, wer etwa unterstützungswürdig ist und wer nicht, spiegeln nach Auffassung von Lawrence, Dover und Gallagher (2015) in der Regel die Werte von Eliten wider.
Unmittelbar damit verknüpft ist der Terminus des »sozialen Wandels«, definiert als »die Gesamtheit der Veränderungsprozesse einer Gesellschaft, insbesondere ihrer Gliederung, ihrer Einrichtungen, Handlungszusammenhänge und Arbeitsteilung, ihrer Integration und Machtverhältnisse« (Gillwald 2000, 7). Das Adjektiv »sozial« impliziert, dass sich die Betrachtung des Wandels über wirtschaftliche, marktliche und technologische Veränderungen hinausgeht und die Richtung des Wandels in die Betrachtung einbezieht.
Aber was genau meint nun das »sozial«, das in der Qualifizierung von Innovation als soziale Innovation intendiert ist? Es sind dabei verschiedene Varianten möglich. »Sozial« kann sich beziehen auf:
·
den Gegenstand der Innovation. Das »Soziale« zielt dann nicht auf ein Produkt, sei es Ware oder Produktionsmittel, sondern auf einen Prozess oder ein institutionelles Arrangement. Die Soziale Innovation kann dabei für sich selbst stehen oder aber auch zur sozialen Einbettung einer neuen Technologie dienen.
·
den gesellschaftlichen Ort der Innovation. Neben den üblichen Akteuren aus dem privatwirtschaftlichen Sektor wären das dann zum Beispiel die Akteure aus der Gemeinwirtschaft oder dem Wohlfahrtsbereich. Ein solches Verständnis hätte allerdings eine gewisse Beliebigkeit, da der Innovation ihre Abstammung nicht angesehen werden kann und ein privater Anbieter sozialer Dienste, der einen neuen sozialen Dienst kreiert, dann einfache Innovation betriebe, ein gemeinnütziger Träger hingegen, der eben den gleichen Dienst einführte, eine soziale Innovation.
·
den Modus der Innovation. Ist es ein Individuum, das die Innovation hervorbringt, oder eine einzelne Organisation oder gar ein komplexes Netzwerk von Akteuren, wie es etwa in Ansätzen von Innovationsclustern oder Quadruple Helix Modellen gedacht wird? Auch hier gilt, dass die Wissenschafts- und Technikforschung die Geschichte von den individuellen Innovationstheorien schon lange als Fiktion entlarvt hat. Es ist immer eine Vielzahl von Akteuren an einer Innovation beteiligt.
·
den Ort oder den*die Akteur*in, der*die den Mehrwert der Sozialen Innovation erhält. Innovation generell ist immer motiviert davon, etwas »Besseres« bereitzustellen als das Vorhandene. Damit resultiert Innovation in einer zusätzlichen Wertschöpfung. Im privatwirtschaftlichen Bereich wird diese von den jeweiligen Unternehmen internalisiert. Wenn zumindest ein wesentlicher Teil des geschaffenen Mehrwerts der Gesellschaft als Ganzes zukommt, dann wäre es eine soziale Innovation. Auch dieser Vorschlag ist noch nicht zufriedenstellend, hebt er doch stark auf die Generierung neuer Ressourcen ab, vernachlässigt aber die Orientierung an Problemlösung bzw. Bedürfnisbefriedigung. Jede Open Source Software wäre dann, egal zu welchem Zweck, eine Soziale Innovation.
Es zeigt sich also, dass es nicht eindeutig ist, was genau das Adjektiv »sozial« zum Begriff »Innovation« hinzubringt. Für die verschiedenen Varianten lässt sich zeigen, dass »sozial« oftmals nur einen bereits implizit vorhandenen Aspekt von »Innovation« hervorhebt oder eine nur scheinbare Abgrenzung der Typen erbringt.
Als plausibelste Variante erscheint es, das »sozial« in der Zusammensetzung als eindeutige Ausrichtung von Innovation an gesellschaftlichen Zwecken zu verstehen, d. h. eine Direktionalität zugrunde zu legen. Offen bleibt allerdings zunächst die Frage, wie individuelle Zwecke von gesellschaftlichen unterschieden werden können, und wer diese Unterscheidung nach welchen Kriterien treffen soll. Der nachfolgende Abschnitt versucht darauf eine Antwort zu finden.
Letztlich ist es nicht Aufgabe der Wissenschaft, verbindlich festzulegen, ob eine konkrete Intervention zu Recht »soziale Innovation« genannt werden kann und ob sie wünschenswert ist. Noch weniger kann es im Verantwortungsbereich der Wissenschaft liegen, zu entscheiden, ob »soziale Innovation« der angemessene Modus des Wandels einer komplexen modernen Gesellschaft ist. Unbestritten ist jedoch, dass eben diese Debatte dringlich notwendig ist. So zeigen Verteilungsprobleme und daraus folgende Phänomene wie Bürgerkriege und Migration, dass auf Dauer eine ausgewogenere – oder sagen wir gerechte – Verteilung von Gütern weltweit unumgänglich sein wird. Zugleich wird immer deutlicher, dass es wenig plausibel ist, dabei die Lebensstandards der wohlhabendsten Gesellschaften zum Maßstab zu machen. Dies erforderte eine Steigerung der Güterproduktion in einem Maße, die die planetare Tragfähigkeit um ein Vielfaches übersteigen dürfte. Damit scheint das Programm der Moderne, das auf Effizienzsteigerung durch Innovation setzt, an seine Grenzen zu stoßen.
Das Programm der Nachhaltigkeit kann hier trotz aller Unschärfe neue Orientierungen bieten. So ist es nicht Innovation per se, sondern vielmehr jene Innovationen, die sich auf die Realisierung von Nachhaltigkeitszielen ausrichten, die einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen und den Handlungsrahmen bilden müssen. Die Ziele für nachhaltige Entwicklung auf Grund internationaler Vereinbarungen sind ein Ausdruck des Gemeinwohls. Innovationen, die zu ihrer Realisierung beitragen, können folglich mit Fug und Recht »soziale Innovationen« genannt werden. Damit eröffnet das Nachhaltigkeitsparadigma eine gute Präzisierung des unscharfen Adjektivs »sozial«. Die Aufgabe der Wissenschaft in diesem Prozess der Neujustierung wäre es dann zunächst, eine einheitlichere Verwendung des Begriffes zu befördern und so zu verhindern, dass er fälschlich oder beliebig verwendet wird, um einer Intervention mehr Legitimität zu verleihen. Mit Blick auf die Soziale Arbeit gilt es Nachhaltigkeit als einen zentralen Bestandteil des eigenen Handelns anzuerkennen.
Wurde das Thema »Innovation« in der Sozialen Arbeit lange vernachlässigt (Parpan-Blaser 2011), erfährt es in der jüngeren Zeit eine Wiederbelebung, insbesondere mit Blick auf die Sozialwirtschaft sowie deren Ausrichtung an Aspekten der Nachhaltigkeit (Batz 2021; Becher/Hastedt 2019; Hüttemann/Parpan-Blaser 2015). Soziale Arbeit als praxisorientierte Profession und wissenschaftliche Disziplin widmet sich u. a. der Förderung des sozialen Wandels, der sozialen Entwicklung und des sozialen Zusammenhalts, wobei die Prinzipien sozialer Gerechtigkeit, der Menschenrechte und gemeinsame Verantwortung zentrale Eckpfeiler bilden, um gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen (DBSH 2016). Sind diesem Verständnis Sozialer Arbeit die Ziele für nachhaltige Entwicklung und damit soziale Innovationen inhärent? Maelicke (2005), beispielsweise, setzt »Soziale Arbeit« sozialen Innovationen gleich und postuliert, dass letztgenannte nicht wertneutral verstanden werden können. In diesem Sinne definiert Parpan-Blaser (2011, 121): Innovation in der Sozialen Arbeit »als auf neuem oder neu kombiniertem Wissen basierende, in intendierten und kooperativen Prozessen entwickelte Organisations- und Arbeitsformen, Programme, Konzepte und Verfahren, die einen Mehrwert namentlich für Adressatinnen und Adressaten erzeugen«. Damit ist deutlich, dass Innovationen in der Sozialen Arbeit in Verbindung mit professionellem Wissen normativ ausgerichtet sind (▸ Kap. 2). Die normative Orientierung der Sozialen Arbeit steht in Einklang mit den Zielen für nachhaltige Entwicklung. Beispiele hierfür sind die Nachhaltigkeitsziele SDG3 »Gesundheit und Wohlergehen«, SDG4 »Hochwertige Bildung« oder SDG8 »Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum«. Soziale Innovation ist so der Sozialen Arbeit nicht fremd, sondern unterstützt deren Streben nach einer gerechten und inklusiven Gesellschaft.
Anheier, H. K./Krlev, G./Mildenberger, G. (Hrsg.) (2018): Social innovation. Comparative perspectives. New York: Routledge.
Avelino, F./Wittmayer, J. M./Pel, B./Weaver, P./Dumitru, A./Haxeltine, A./Kemp, R./Jørgensen, M. S./Bauler, T./Ruijsink, S./O'Riordan, T. (2019): Transformative social innovation and (dis)empowerment. In: Technological Forecasting and Social Change 145, S. 195 – 206.
Batz, M. (2021): Nachhaltigkeit in der Sozialwirtschaft. Eine Einführung. Wiesbaden, Heidelberg: Springer VS.
Becher, B./Hastedt, I. (2019): »Innovationen« in der Sozialwirtschaft. Modethema oder Erfolgsnotwendigkeit. In: Becher, B./Hastedt, I. (Hrsg.): Innovative Unternehmen der Sozial- und Gesundheitswirtschaft. Herausforderungen und Gestaltungserfordernisse. 1. Auflage 2019. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden. S. 3 – 53.
DBSH (2016): Deutschsprachige Definition Sozialer Arbeit des Fachbereichstag Soziale Arbeit und DBSH. https://www.dbsh.de/media/dbsh-www/redaktionell/bilder/Profession/20161114_Dt_Def_Sozialer_Arbeit_FBTS_DBSH_01.pdf
Diercks, G./Larsen, H./Steward, F. (2019): Transformative innovation policy: Addressing variety in an emerging policy paradigm. In: Research Policy 48, H. 4, S. 880 – 894.
Dosi, G. (1982): Technological paradigms and technological trajectories. In: Research Policy 11, H. 3, S. 147 – 162.
Edwards-Schachter, M./Wallace, M. L. (2017): ›Shaken, but not stirred‹: Sixty years of defining social innovation. In: Technological Forecasting and Social Change 119, S. 64 – 79.
Elias, N. (2006): Was ist Soziologie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Gallie, W. B. (1956): Essentially contested concepts. In: Proceedings of the Aristotelian Society 56, S. 167 – 198.
Gillwald, K. (2000): Konzepte sozialer Innovation. Berlin.
Göler von Ravensburg, N./Mildenberger, G./Krlev, G. (2021): Social Enterprise in Germany: Between Institutional Inertia, Innovation and Cooperation. In: Defourny, J./Nyssens, M. (Hrsg.): Social enterprise in Western Europe. Theory, models and practice. 1st Edition. Abingdon, New York: Routledge. S. 85 – 101.
Hauschildt, J./Gemünden, H. G. (2011): Dimensionen der Innovation. In: Albers, S./Gassmann, O. (Hrsg.): Handbuch Technologie- und Innovationsmanagement. 2., vollst. überarb. und erw. Aufl. Wiesbaden: Gabler. S. 21 – 38.
Hekkert, M. P./Janssen, M. J./Wesseling, J. H./Negro, S. O. (2020): Mission-oriented innovation systems. In: Environmental Innovation and Societal Transitions 34, S. 76 – 79.
Hesse, H. (2002): Handlung. In: Düwell, M./Hübenthal, C./Werner, M. (Hrsg.): Handbuch Ethik. Stuttgart: J. B. Metzler'sche Verlagsbuchhandlung & Carl Ernst Poeschel GmbH. S. 390 – 394.
Hightech-Forum (2019): Soziale Innovation. Ein Impulspapier für das Hightech-Forum. Berlin. https://www.hightech-forum.de/wp-content/uploads/hightech-forum_impulspapier_soziale_innovationen-4.pdf
Höffe, O. (2000): Moral als Preis der Moderne. Ein Versuch über Wissenschaft, Technik und Umwelt. 1. Aufl. [Nachdr.]. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Horn, C./Löhrer, G. (2010): Einleitung: Die Wiederentdeckung teleologischer Handlungserklärungen. In: Horn, C./Löhrer, G. (Hrsg.): Gründe und Zwecke. Texte zur aktuellen Handlungstheorie. Erste Auflage. Berlin: Suhrkamp. S. 7 – 45.
Hüttemann, M./Parpan-Blaser, A. (2015): Wie Innovation in der Sozialen Arbeit entsteht. In: Wüthrich, B./Amstutz, J./Fritze, A. (Hrsg.): Soziale Versorgung zukunftsfähig gestalten. Wiesbaden: Springer VS. S. 135 – 141.
Jenson, J. (2015): Social Innovation: Redesigning the Welfare Diamond. In: Nicholls, A./Simon, J./Gabriel, M. (Hrsg.): New Frontiers in Social Innovation Research. London: Palgrave Macmillan UK. S. 89 – 106.
Kleverbeck, M./Terstriep, J./Deserti, A./Rizzo, F. (2017): Social Entrepreneurship: The Challenge of Hybridity. In: David, A./Hamburg, I. (Hrsg.): Entrepreneurship and entrepreneurial skills in Europe. Examples to improve potential entrepreneurial spirit. Opladen: Barbara Budrich Publishers. S. 47 – 76.
Kovač, M. (2018): Innovationspolitische Designprozesse. Dissertation. Wiesbaden: Springer Fachmedien.
Lawrence, T. B./Dover, G./Gallagher, B. (2015): Managing Social Innovation. In: Dodgson, M./Gann, D. M./Phillips, N. (Hrsg.): The Oxford handbook of innovation management. First published in paperback. Oxford: Oxford University Press. S. 316 – 334.
Luhmann, N. (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. 1. Aufl. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Maelicke, B. (2005): Innovation und Management in der Sozialwirtschaft – Den Wandel gestalten. In: Maelicke, B. (Hrsg.): Innovation und Management in der Sozialwirtschaft. Neuwied: Luchterhand. S. 9 – 18.
Mann, M. (2013): The sources of social power. Vol. 4: Globalizations, 1945 – 2011. New York: Cambridge University Press.
Mazzucato, M. (2016): From market fixing to market-creating: a new framework for innovation policy. In: Industry and Innovation 23, H. 2, S. 140 – 156.
Meichenitsch, K./Neumayr, M./Schenk, M. (Hrsg.) (2016): Neu! Besser! Billiger! Soziale Innovation als leeres Versprechen? Wien: Mandelbaum Verlag.
Mildenberger, G./Schimpf, G./Streicher, J. (2020): Social Innovation Assessment? Reflections on the impacts of social innovation on society – Outcomes of a systematic literature review. In: European Public & Social Innovation Review 5, H. 2, S. 1 – 13 (auch online unter https://pub.sinnergiak.org/esir/article/view/138).
Montgomery, T. (2016): Are Social Innovation Paradigms Incommensurable? In: VOLUNTAS: International Journal of Voluntary and Nonprofit Organizations 27, H. 4, S. 1979 – 2000.
Nelson, R. R./Winter, S. G. (1982): An evolutionary theory of economic change. Cambridge, MA: Belknap Press of Harvard University Press.
Nelson, R. R./Winter, S. G. (2002): Evolutionary Theorizing in Economics. In: Journal of Economic Perspectives 16, H. 2, S. 23 – 46.
Parpan-Blaser, A. (2011): Innovation in der Sozialen Arbeit. Zur theoretischen und empirischen Grundlegung eines Konzepts. 1. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Pel, B./Haxeltine, A./Avelino, F./Dumitru, A./Kemp, R./Bauler, T./Kunze, I./Dorland, J./Wittmayer, J./Jørgensen, M. S. (2020): Towards a theory of transformative social innovation: A relational framework and 12 propositions. In: Research Policy 49, H. 8, 104080.
Pelka, B./Terstriep, J. (2016): Mapping social innovation maps: The state of research practice across Europe. In: European Public and Social Innovation Review 1, H. 1, S. 3 – 16.
Rawls, J. (1987): The Idea of an Overlapping Consensus. In: Oxford Journal of Legal Studies 7, H. 1, S. 1 – 25 (auch online unter http://www.jstor.org/stable/764257).
Schäfer, L. (1993): Das Bacon-Projekt. Von der Erkenntnis, Nutzung und Schonung der Natur. 1. Aufl. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Schmid, M. (2020): Wert(urteils)freiheit. In: Müller, H.-P./Sigmund, S. (Hrsg.): Max Weber-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Berlin: J. B. Metzler Verlag. S. 193 – 195.
Teasdale, S./Roy, M. J./Ziegler, R./Mauksch, S./Dey, P./Raufflet, E. B. (2021): Everyone a Changemaker? Exploring the Moral Underpinnings of Social Innovation Discourse Through Real Utopias. In: Journal of Social Entrepreneurship 12, H. 3, S. 417 – 437.
Terstriep, J. (2019): Bedeutung von Clustern für die Innovativität von Unternehmen. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.
Terstriep, J./Mildenberger, G./David, A. (2021): Aktionsforschung im Spannungsfeld von Engagement und Distanz. In: Rehfeld, D./Leßmann, O./Soemer, P. (Hrsg.): Engagiert und distanziert. Anwendungsorientierte Sozialwissenschaften zwischen normativer Orientierung, Akteursbeteiligung und wissenschaftlichem Ethos. Marburg: Metropolis-Verlag. S. 167 – 191.
Weber, K. M./Rohracher, H. (2012): Legitimizing research, technology and innovation policies for transformative change. In: Research Policy 41, H. 6, S. 1037 – 1047.
Weber, M. (1990): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. 5., rev. Aufl., Nachdr., Studienausg. Tübingen: Mohr.
Ziegler, R. (2020): Innovation, ethics and our common futures. A collaborative philosophy. Cheltenham, UK, Northampton, MA, USA: Edward Elgar Publishing.
Matthias Hüttemann & Anne Parpan-Blaser
Das Innovationsphänomen wurzelt anthropologisch in der menschlichen Lernfähigkeit, die sich evolutionär herausgebildet hat. Im Hintergrund der Lernfähigkeit stehen »das überlebenssichernde explorative Suchverhalten als Antrieb (Neugierde-Antrieb) und das poietische Gestaltungsverhalten (Poiesis-Antrieb)« (Petzold 2008, 358). Die Entwicklung von technischen Artefakten, von sozialen Praktiken und Symbolen – die kulturelle Evolution – steht zunächst im Dienste des Überlebens und zielt darüber hinaus auf Verbesserung der Lebensbedingungen. Die Verbreitung von Neuerungen steht aber in einem grundlegenden Antagonismus zur Tradition, zur Bewahrung kultureller Errungenschaften. Auch wenn sich eine neue Praxis durchsetzt, kann ihre Bewertung umstritten bleiben oder sich wandeln.
