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Ins Offene E-Book

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Beschreibung

Europa 2015 – Millionen Flüchtlinge machen sich auf den Weg ins "gelobte Land", Grenzkontrollen werden eingeführt, Zäune an der Außengrenze des Schengenraumes gebaut. Niemand hat noch vor Kurzem das Ausmaß dieser neuen Völkerwanderung voraussehen können. Fest steht schon jetzt: Das wird unser Land und Europa verändern. Meinungsstarke Autorinnen und Autoren stellen ihre Sicht auf die aktuelle Entwicklung pointiert dar, sie beleuchten Risiken und Chancen und wagen einen Ausblick auf die kommende Monate und Jahre. Mit Beiträgen von Herfried Münkler, Boris Palmer, Sineb El Masrar, Julia Klöckner, Klaus von Dohnanyi, Mouhanad Khorchide, Franz-Josef Overbeck, Bernd Fabritius, Wido Geis, Michael Hüther, Wolfang Ischinger, Markus Kerber, Bruno Le Maire, Peter Limbourg, Carsten Linnemann, Wolfgang Niersbach, Hermann Parzinger, Julian Reichelt, Oliver Samwer, Markus Söder und Paul Ziemiak

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Seitenzahl: 230

Veröffentlichungsjahr: 2015

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© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2015 Alle Rechte vorbehaltenwww.herder.de Umschlaggestaltung: Designbüro Gestaltungssaal E-Book-Konvertierung: Daniel Förster, Belgern ISBN (E-Book) 978-3-451-80964-4 ISBN (Buch) ISBN 978-3-451-34997-3

Inhalt

Vorwort
1 Flucht und Würde
Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg
Von Bernd Fabritius
Assads verbrannte Erde
Von Julian Reichelt
Flucht und Menschenwürde
Von Paul Ziemiak
Erst besinnen, dann Ärmel hochkrempeln
Von Sineb El Masrar
2 Werte – aber welche?
Unveräußerliche Werte des Zusammenlebens aus islamischer Perspektive
Von Mouhanad Khorchide
Wir brauchen eine Ethik der Verantwortung
Von Markus Söder
Zwischen Willkommens- und Anerkennungskultur: Flüchtlinge und Medien
Von Peter Limbourg
Mut zur Welt
Von Hermann Parzinger
Grenzen, die Wachstum provozieren – angesichts der Flüchtlingskrise Identität und Zuversicht aus dem Glauben gewinnen
Von Franz-Josef Overbeck
Wie kann die Integration von Bürgerkriegs­flüchtlingen aus dem Vorderen und Mittleren Orient gelingen?
Von Herfried Münkler
3 Festung Europa?
An die Wurzeln der Flüchtlingskrise: Elemente einer außenpolitischen Strategie
Von Wolfgang Ischinger
Wider die Festung Europa
Von Bruno Le Maire
Werte – aber welche?
Von Klaus von Dohnanyi
4 Vor der eigenen Haustüre
Von der Willkommenskultur zur Integrationskultur
Von Julia Klöckner
Zeitenwende der Asylpolitik
Von Boris Palmer
Vielfalt als große Chance
Von Wolfgang Niersbach
5 Wirtschaft und Wohlstand
Wir schaffen das
Oliver Samwer
Offenheit und Bindung: Ökonomische Aspekte des Flüchtlingszustroms nach Deutschland
Von Michael Hüther und Wido Geis
Flucht, Wanderung und Wirtschaft
Von Markus Kerber
Kein Wirtschaftswunder
Von Carsten Linnemann
Ins Offene. Deutschland, Europa und die Flüchtlinge
Von Jens Spahn
Der Herausgeber
Die Autoren

Vorwort

Ein Buch zum Thema Flüchtlinge? Jetzt schon? Ist das nicht ein bisschen schnell? Und wozu? Jetzt, wo es doch darum geht, die Situation konkret zu meistern.

Ja, jetzt schon, gerade jetzt. Denn seit Kurzem ist nur noch wenig so, wie es war. Hunderttausende Neuankömmlinge stellen die deutsche Gesellschaft auf eine harte Probe, die gesellschaftliche Debatte wird volatiler und kontroverser, die Politik sieht sich zu einschneidenden Maßnahmen gezwungen. Tausende Deutsche engagieren sich haupt- und ehrenamtlich, während Meldungen von brennenden Flüchtlingsunterkünften trauriger Alltag werden. Deutschland und Europa verändern sich gerade rasant. Und das ist erst der Anfang, die Veränderungen werden anhalten, soviel steht fest. Ob Politik, Medien, Wirtschaft, Gesellschaft oder Sport – alle Lebensbereiche werden in eine Situation gestellt, die in ihrer Vieldimensionalität noch gar nicht richtig fassbar ist.

Dementsprechend hat sich die Diskussion in den letzten Wochen schon enorm weiterentwickelt. War es vor der Sommerpause noch undenkbar, dass es Mehrheiten für eine Verschärfung des Asylrechts geben würde, ist diese mittlerweile in Rekordzeit von Bundestag und Bundesrat beschlossen worden. Die Fluchtursachen, der Krieg in Syrien, die instabile Lage in Libyen und auch die schwierige Lage in den Flüchtlingslagern rund um Syrien, etwa in der Türkei, sind endlich in den Fokus gerückt. Viele politische Glaubenssätze sind aktuell einem regelrechten Realitätsschock ausgesetzt, die deutsche Öffentlichkeit politisiert wie lange nicht. Es geht also ins Offene. Wir erleben, ja durchleben das größte gesellschaftliche Experiment seit Jahrzehnten. Ob es gut endet oder nicht, wird sich wohl erst in zehn oder zwanzig Jahren erweisen. Ob herausfordernde Erfolgsgeschichte oder überforderte Zeitenwende, muss sich noch erweisen.

Umso wichtiger ist die Debatte über Ursachen, Wirkungen und Ziele. An dieser Debatte will dieses Buch sich beteiligen. Unter den fünf Überschriften »Flucht und Würde«, »Werte – aber welche?«, »Festung Europa?«, »Vor der eigenen Haustüre« sowie »Wirtschaft und Wohlstand« werden die Flüchtlingsbewegung und ihre Folgen aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet. So wollen wir ein Bewusstsein für die Größe und Dauer der Aufgabe schaffen und der Debatte zum richtigen Umgang mit dieser Herausforderung einen Rahmen geben.

Im Abschnitt »Flucht und Würde« beschreibt Bernd ­Fabritius die deutsche Geschichte von Flucht nach dem Zweiten Weltkrieg und die Schwierigkeiten, die es auch in den 50er-Jahren bei der Integration der Vertriebenen gegeben hat. Julian Reichelt berichtet von seinen Erfahrungen in Syrien vor dem Bürgerkrieg und gibt uns ein Gefühl dafür, warum gerade jetzt so viele Menschen zu uns kommen wollen. Paul Ziemiak erzählt aus seinem Leben, wie er, der als Kind mit seinen Eltern aus Polen kam, es hier bis zum Vorsitzenden der Jungen Union geschafft hat. Sineb El Masrar beschreibt die Folgen von Flucht und Vertreibung, die vor allem die Menschen verändern und beschäftigen, die sich auf den Weg machen.

Der Abschnitt »Werte – aber welche?« stellt die Frage nach den gesellschaftlichen Veränderungen, die ein Zustrom von vielen tausend Menschen nach sich zieht. Mouhanad Khorchide zeichnet das Bild eines Islam, der in Mitteleuropa zu Hause ist, und zeigt, dass westliche Werte und muslimischer Glaube keine Gegensätze sein müssen. Markus Söder beleuchtet die ethische Dimension von Abschiebungen vor dem Hintergrund des Grundgesetzes und Peter Limbourg beschreibt die Verantwortung der Medien bei Flucht, Aufklärung und Integration in Zeiten der Digitalisierung.

Laut Hermann Parzinger lohnt sich ein Blick in unser ­Museen, um zu sehen, wie Zuwanderung in unserer Gesellschaft schon immer vorhanden war und sie geprägt hat. Bischof Franz-Josef Overbeck sieht Christen in der Pflicht, im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu helfen. Und der Historiker Herfried Münkler stellt die Frage, wie die Integration von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten tatsächlich gelingen kann.

Der Diskussion um die Aufgaben, Grenzen und tatsächlichen Fähigkeiten der Europäischen Union widmen wir uns unter der Frage »Festung Europa?«. Wolfgang Ischinger wirbt für mehr europäische Verantwortung in der Außen- und Sicherheitspolitik, Bruno Le Maire fordert aus der französischen Perspektive ein selbstbewusstes Vorgehen in Krisengebieten und Klaus von Dohnanyi setzt das europäische Recht ins Verhältnis zur aktuellen Situation.

Was vor Ort zu tun ist, damit beschäftigt sich der Abschnitt »Vor der eigenen Haustüre«. Julia Klöckner beschreibt die Ansprüche, die Deutschland als aufnehmende Gesellschaft an die Neuankommenden stellen muss. Welche Fragen sich ganz konkret für eine deutsche Unsiversitätsstadt stellen angesichts einer großen Zahl aufzunehmender Flüchtlinge, das beschreibt Boris Palmer in seinem Beitrag. Wolfgang Niersbach schließlich baut auf die integrierende Kraft des Fußballs und zeigt anhand konkreter Beispiele, wo das Miteinander gut funktioniert.

»Wirtschaft und Wohlstand«, dieser letzte Abschnitt macht deutlich, dass wir nur in einer guten wirtschaftlichen Situation fähig bleiben, die Flüchtlingskrise zu meistern und dass wir – wenn es richtig gemacht ist – von Zuwanderung profitieren. ­Oliver Samwer glaubt, dass die Flüchtlinge ein Gewinn für unsere Gesellschaft sind und den Gründergeist wieder stärken ­werden. Michael Hüther und Wido Geis beschäftigen sich mit den Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und daraus entstehenden Fragen für die wirtschaftliche Entwicklung. Markus Kerber plädiert in seinem Beitrag für ein Ende der Schlampigkeit in der Zuwanderungsdiskussion. Asylrecht und Zuwanderung aus wirtschaftlichen Gründen müssten auseinandergehalten ­werden. Carsten ­Linnemann schließlich nennt konkrete Anforderungen, die erfüllt sein müssen, damit wir auch weiterhin wirtschaftlich erfolgreich bleiben. Abschließend widme ich mich in einem Beitrag den bevorstehenden disruptiven Impulsen und Brüchen in Staat und Gesellschaft.

An dieser Stelle möchte ich allen Autoren und Unterstützern herzlich dafür danken, dass sie innerhalb kürzester Zeit geholfen haben, diesen Sammelband zu erstellen, um gemeinsam einen Ausblick über das aktuelle Tagesgeschäft hinaus zu wagen.

Allen Lesern wünsche ich eine spannende und kurzweilige Lektüre.

Jens Spahn

Berlin, 23. Oktober 2015

1 Flucht und Würde

Flucht und Vertreibung nach dem ZweitenWeltkrieg

Von Bernd Fabritius

Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen wurden zum Sinnbild für nahezu sämtliche grauenhaften Verbrechen, die Menschen einander im Namen von Ideologien oder aus Vergeltungssucht antun können: Ghettoisierung, Deportation, Zwangsarbeit der Zivilbevölkerung, ethnische Säuberungen ganzer Regionen, Massenvergewaltigung von Frauen als Mittel zur Demütigung des Gegners, die Bombardierung ziviler Ziele sogar mit atomaren Massenvernichtungswaffen und über allem als singuläres Ereignis der Holo­caust – die industriell betriebene Ermordung von sechs Millionen Juden durch die deutschen Nationalsozialisten. Dieses alles, einschließlich der Flucht und Vertreibung der Deutschen am Ende und nach dem von Deutschland ausgegangenen Zweiten Weltkrieg, sind Ausprägungen absoluter, verbrecherischer Würdelosig­keit.

Sämtliche bis dahin geltenden völkerrechtlichen Abkommen wurden von den Kriegsparteien gebrochen. Die den Zweiten Weltkrieg prägenden Gräuel fanden mit dem 8. Mai 1945 noch lange nicht ihr Ende: Noch Jahre nach der Kapitulation Deutschlands und dem Ende des menschenverachtenden Nazi-Regimes tobte die Barbarei weiter. Rund 15 Millionen der etwa 18 Millionen Deutschen im Osten flüchteten vor der herannahenden Roten Armee oder wurden aufgrund von Unrechtsdekreten bzw. dem völkerrechtlich fragwürdigen »Potsdamer Protokoll« zur ethnischen Säuberung gewaltsam aus ihrer zum Teil seit Jahrhunderten angestammten Heimat vertrieben – etwa neun Millionen davon aus den damaligen deutschen Ostgebieten. Auf dem beschwerlichen Weg nach Westen wurden die Vertriebenen – in der Überzahl Frauen, Kinder und alte Männer – nicht selten wie Freiwild behandelt. Die damals achtjährige Doris Meyer erinnert sich daran, wie die Bewohner Königsbergs durch die Sowjetarmee vertrieben wurden: »Und während wir weiterhasteten, kamen von der Seite auf einmal Panzer. Die mussten irgendwie quer durch – kamen aber nicht durch dieses Chaos von Leichen, Kadavern und Menschengewimmel. Und plötzlich fuhren die dort einfach hinein! Sie walzten alles nieder, was da stand – es waren ja nur noch Frauen, Kinder, alte Leute, dazu Leiterwagen…« Es kam in den ersten Nachkriegsmonaten zu Massakern an ganzen Stadtbevölkerungen. Verwaiste Kinder flohen gemeinsam in die Wildnis und fristeten ihr Leben als »Wolfskinder«. Insgesamt kamen mehr als zwei Millionen Deutsche durch Flucht und Vertreibung nach dem Krieg zu Tode. Nachkriegsverbrechen gegen die deutsche Zivilbevölkerung etwa auf dem Gebiet der ČSR wurden und sind durch das Straffreistellungsgesetz Nr. 115 vom 8. Mai 1946 sogar straffrei gestellt, was in besonderem Maße als Angriff auf die Menschenwürde der Opfer empfunden wird.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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