Insel - Siri Ranva Hjelm Jacobsen - E-Book

Beschreibung

Verwurzelt in der wilden Schönheit der Färöer und inspiriert von der persönlichen ­Geschichte­ der Autorin, entfaltet sich ein vielschichtiges Porträt von Exil, Heimkehr und der Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Siri Ranva Hjelm Jacobsens Roman ›Insel‹ erzählt die Geschichte einer jungen Dänin, die sich auf die Suche nach den Wurzeln ihrer Familie und ihrer Herkunft auf die Färöer begibt. Dabei stößt sie über drei Generationen hinweg auf die Leidenschaften und Herausforderungen, denen sich ihre Großeltern und deren Geschwister in jungen Jahren stellten, und setzt sich dabei mit universellen Fragen nach Heimat und Identität auseinander. Während sie noch krampfhaft versucht, sich in der Kultur und der rauen Natur zurechtzufinden und sich ihrer Familie zu nähern, verwebt sich doch unbemerkt ihre eigene Geschichte mit der ihrer Vorfahren. In poetischer, bildreicher Sprache entführt der Roman die Leser:innen auf die raue, windum­toste­ Inselgruppe im Norden – einen Ort, den die Protagonistin nie bewohnt hat, den sie aber immer als Heimat empfunden hat.

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Seitenzahl: 177

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Siri Ranva Hjelm

Jacobsen

Insel

Siri Ranva Hjelm Jacobsen

Insel

Aus dem Dänischen von Franziska Hüther

MÄRZ

Inhalt

Die Färöer

Suðuroy

Die Ankunft

Abreise

Das Haus zwischen den Feldern

Keine Insel

Bäreninsel

Abbeschwester Ingrún

Der Pakt

Ruth Smith

Gásadalur

Kleiner Passagier

Aiolia

Goldbrust

Das Kraftwerk

Der Hundekönig

Royndin Fríða

Meine Mutter

Der Huldrastein

Borðoy

Die Ballade von Sinclair

Die Lauschstation

Die Beatemöwe

Mykines

Anmerkung

Anmerkungen der Übersetzerin

Zitate

Die Färöer

Die Färöer sind eine Gruppe von achtzehn Inseln im Nordatlantik und bilden einen Bestandteil des Königreichs Dänemark. Seit 1948 verfügen sie über weitgehende Autonomie.

Come on girl let’s sneak out of this party it’s getting boring there’s more to life than this

Björk

Suðuroy

Sie steht mit dem Rücken zu den niedrigen Reihen der Baumplantage und blickt den Berg hinab zum Dorf, blau in der Augustnacht, und den Schafen, die aussehen wie Steine im fächelnden Gras. Weiter draußen schläft das Meer. Der Fjord von Vágur ist still, blau in blau mit dem Himmel über dem Horizont, der sich schnurgerade zwischen den Landmassen spannt, eine Linie, auf der nur Sagengestalten und Wiedergänger gehen können.

Jetzt schließt sie die Augen. Mit der ganzen Kraft ihres jungen Willens folgt sie dem blauen Weg: an den Shetlandinseln und den norwegischen Bergen vorbei, über das Kattegat zur dänischen Insel Seeland und dort übers Flachland, das Butterland, die Felder, die Höfe bis zu der Handelsstadt, wo Fritz bestimmt schon tief schläft.

Marita heißt sie. Bald wird sie sich auf die Reise machen, und dies ist ihr Ausgangspunkt: Suðuroy, die südlichste Insel der Färöer. Hier sind die Fjorde tief und die Felsen schroff. Die Landschaft ist steiler und zerklüfteter als auf ihrer Heimat

insel Vágar, doch wenn man vom Rest der Welt herkommt, ist es die erste, die man erreicht.

In dem Land, in das sie fahren wird, gibt es eine Eisenbahn. Sie stellt sich die Gleise vor, die die bewohnte Erde durchfluten. Menschen werden von der Strömung fortgetragen. Einen Zug nehmen. Man kann aussteigen, wo immer man will. In einer Stadt vielleicht. Einer anderen Stadt. Einem echten Wald.

Die aufgeforsteten Bäume stehen hoch am Berg, abseits des Dorfs.

Die Kiefern sind jung und verkrüppelt. Gepeitscht vom Wind.

Sie hört ihn wehen.

Von hier oben wirkt der Ort winzig. Die Häuser schlummern zum Fjord gewandt. Ihre Blechdächer schimmern im blauen Frühlicht, blank wie die Köpfe von Säuglingen.

Der Fjord von Vágur ist lang und schmal, ein Schlauch zwischen den Bergen, deren Felswände die Strömung ausgeknabbert hat. Au revoir, Puppenfjord, denkt sie. There’s more to life than this.

Sie will ihr Kleid raffen, sich abstoßen, alles überspringen – den Abschied, die Reise. Schon ist sie in dem neuen Land, schon geht sie eine flache, gepflasterte Straße entlang, in ein Haus, das nach Holz duftet, und da steht ihr Verlobter, da steht Fritz, als wären sie kaum voneinander getrennt gewesen, und »Ah, da bist du ja«, sagt er. Ganz selbstverständlich.

Sie spuckt aus. Harzgeschmack füllt ihren Mund, dass es ihr das Zahnfleisch zusammenkräuselt. Sie hat in einen Kiefernzapfen gebissen, vorhin. Es knirschte bis in die Schläfen. Ihre Zähne mahlten, und es knirschte, während ihre Hand mit dem Draht tat, was getan werden musste.

Der Wind fuhr durch die Zweige der Bäume.

Die rostbraunen Nadeln fielen.

Dort, auf die Erde.

Jetzt ist es später, sie ist aufgestanden, sie steht hier.

Das Meer ringt hinter dem Horizont mit der Sonne. In der Ferne knistert es rot. Es klirrt in den Bächen, der Wasserfall tost. Sie muss los, den Berg hinab. Versuchshalber schiebt sie das Becken leicht vor, spannt die Muskeln an. Für einen kurzen, törichten Moment fürchtet sie, ein Stück des Drahts wäre stecken geblieben.

Marita trägt bereits ihr Kirchenkleid. So weit hatte sie vorausgedacht, so kaltblütig, würde manch einer vielleicht sagen, bevor sie sich in der Dunkelheit an den Aufstieg machte. Es ist ein schönes Kleid mit modernem Schnitt, von einer dänischen Zeitschrift inspiriert. Marita näht selbst. Liest Muster ab und erträumt Ärmel, Mieder und Rockweite nach Augenmaß.

Sie kleidet sich schon lange wie jemand, der zu anderem bestimmt ist, zu mehr als der Fabrik am Hafen und einem Alltag im Fisch, dem Geruch käsiger Wollstrümpfe im Tanzlokal. Manche im Dorf finden, sie tue vornehm. Dieselben Leute finden, sie sei nicht vornehm genug. Marita ist sich dessen bewusst. Jetzt hat sie sie gern, so wie man Menschen gernhat, die man bald verlassen wird.

Der Wind nestelt an ihrem Gesicht, der schweißbedeckten Haut. Beim ersten Schritt des Abstiegs schießt ein stechender Schmerz von den Fußsohlen das Bein hinauf ins Becken. Die Muskeln ziehen sich zusammen. Pressen sich um die Schleimhaut, das zerstörte Gewebe.

Sie muss jetzt los. Sie geht.

Nahe den ersten Häusern fällt das Gelände sanfter ab. Ein Teil des Grases um die Gehöfte herum steht noch hoch, der Rest ist zu Haufen zusammengeharkt. Saftiger Duft klebt an den ruhenden Halmen, schnellt dann nach oben und prickelt auf der Zunge. Ein grüner Duft von nackter Haut, von Herumrollen. Sie geht hindurch. Ihr Unterleib fühlt sich schwer an, hart und kugelartig, eine Kugel aus kleinen, spitzen Nägeln.

Im höher gelegenen Teil von Vágur stehen die Häuser verstreut zu den Wiesen, den offenen Bergen hin. Viele Jahre später wird Abbe, mein Großvater mütterlicherseits, mit dem Finger auf eines dieser Häuser auf einem Schwarz-Weiß-Foto tippen und »Da« wird er sagen, »da wohnen wir.« Er wird erklären, dass das Haus hoch oben über dem restlichen Dorf throne, weil es alt und ehrwürdig sei.

Zehn Jahre später werde ich diese Erklärung zögernd bei meiner Mutter und Tante Ása testen, in einer weiß geseiften Küche auf ebenjenem Fundament, an dem sich Marita nun lautlos vorbeibewegt. Da werden sie leise lachen, diese älteren und wissenden Frauen, und Tante Ása wird den Kopf schütteln. »Ach ja.«

Das Haus hat den Berg im Nacken, etwas krummrückig steht es da, kein bisschen vornehm, bloß solide gebaut. Doch seine Mauern auf dem weiß getünchten Steinsockel bieten Marita Deckung. Sie krümmt sich leicht um ihren Unterleib, das rote Pochen. Jetzt kneift sie sich Farbe in die Lippen, setzt ein Lächeln auf.

Das Dorf ist aufgewacht. Die Kirchenglocken rufen über den Fjord hinaus. Vom Hafen und aus den Häusern machen sich die Leute im gewohnten Sonntagstrott auf, Richtung Kirche. Einer aber trotzt dem Strom und marschiert regelrecht in die entgegengesetzte Richtung. Marita sieht ihn. Sie lächelt nicht. Mit kleinen, schnellen Schritten kreuzt sie seinen Weg. Dann, plötzlich, hinterher, muss sie beinahe kichern.

Der Mann hat ungewöhnlich kurze Beine, selbst für jemanden aus Vágur. Er trabt weiter, in Richtung der westlich des Dorfs gelegenen Landspitze, die Angelrute geschultert wie ein Gewehr. Während die meisten mit Handleinen fischen, hat der Rote Ragnar sich dieses Monstrum angeschafft, er verwendet nichts anderes mehr, und im Dorf sagt man von ihm, er habe nichts als Grillen im Kopf.

Ragnar, der ältere Bruder meines Abbes, ist ungelernter Tischler wie sein Vater. Gewissen Räubergeschichten zum Trotz, die wundersamerweise niemals dem amerikanischen Geheimdienst zu Ohren kommen werden, ist er der einzige – oder zumindest der glühendste – Kommunist des Dorfes. Dass er keinen Fuß in die Kirche setzt, es sei denn es geht um Tod oder Taufe, versteht sich von selbst. Und wenngleich er sonntags die Lohnarbeit widerstrebend ruhen lässt, weigert er sich doch, einen ganzen Tag mit heiligem Tamtam und Däumchendrehen zu verschwenden.

»Wenn der Fisch nicht beißen darf«, soll er unter anderem gesagt haben, »wird Jesus schon selbst dafür sorgen, ihn zahnlos zu machen.«

Jetzt erreicht er den See auf dem flachen Stück zwischen dem Dorf und den westlichen Klippen. Die Rute wippt bei jedem Schritt. Mit seinen kurzen Beinen geht er zügig am stillen, grauen Wasser entlang. Sein Gesicht verschlossen, die buschigen Brauen nach unten gezogen.

Ragnar ist untersetzter als seine Geschwister. Dunkler ist er auch. Sein Bart ist tiefschwarz, und struppiges Brusthaar kräuselt sich am Halsausschnitt. Es heißt, er sei in Wahrheit der Sohn eines spanischen Seemanns, der sich über Umwege auf die Insel verirrt und Unruhe gestiftet habe. Unter Klatschmäulern wird zudem gemunkelt, seine Mutter sei in blutjungem Alter in den Bergen verschwunden und mit einem Wechselbalg im Bauch zurückgekehrt.

Wahr ist jedenfalls, dass Ragnar den Kopf voller verrückter Ideen hat und seinem großen, männlichen Gesicht eine Schönheit innewohnt, die er bestimmt nicht von seinem Vater hat. Jetzt zeichnet sich ein gewisser Kummer in den schweren Zügen ab. Er reckt den Kummer dem Wind entgegen.

Während Ragnar den See hinter sich lässt, tritt Marita in das murmelnde Menschendickicht vor der Kirche. Sie mag Ragnars tiefliegende, von glänzend schwarzen Brauen überschattete Augen. Sie weiß von der Gedankenmühle dahinter. Wie sie mahlt. Von seiner Neugier. Seine Haut ist geöffnet, die Poren kleine Trichter für die ganze Welt, sie sickert hindurch, lagert sich ein. Er trägt sie mit sich. Jetzt folgt er bestimmt dem Pfad das letzte Stück bis zur Landspitze, wo das Gelände leicht ansteigt und das Gras dem Wind ausgesetzt ist. Er denkt sich sein Teil, mit Sicherheit, doch er verurteilt sie nicht.

Der letzte Sonntagsgottesdienst vor Maritas Abreise riecht schwach nach frischem Beton. Die Kirche wurde im Winter eingeweiht. Die Kälte und die Feuchtigkeit sind ins Fundament gegossen. Die Holzbänke knarzen. Als alle Platz genommen haben, senkt sich Andacht über die Reihen.

Jetzt lauscht sie ihrem Puls hinter der Stirn.

Der Draht hat in den Muttermund geschnitten. Scharfe, kleine Läsionen. Die Bank ist hart. Das Gefühl stechender Nägel breitet sich aus, die Wirbelsäule hoch, hinab in Oberschenkel und Waden. Bohrt sich der Richtung ihres Blutes folgend weiter. Sie muss pinkeln. Jetzt will sie die Füße schütteln, das Schienbein gegen die Bank vor ihr schlagen, das Gefühl wegtreten.

Die Ausstoßung geschieht nicht sofort, das braucht Zeit. Die Entzündung erledigt die Arbeit. Marita hat drei Tage mit dem Schiff bis Kopenhagen. Zu Hause steht der gepackte Koffer.

Der Pfarrer rollt seine schwere Decke flacher, dänischer Laute über die Bankreihen aus. Er predigt mit monotoner Stimme, ein weihevolles Dakadakadak.

Vor diesem Gebäude und vor dem vorherigen stand im Dorf eine sagenumwobene Kirche. Marita hat gehört, eine reiche Witwe habe sie den Dörflern zum Geschenk gemacht, auf einem Floß sei sie den ganzen Weg von Norwegen bis hierher getrieben. Was für eine Vorstellung. Das Haus des Herrn auf hoher See. Möwen tünchen den Turm mit ihren Flügeln, und die Glocke wiehert metallisch aufs offene Meer hinaus. Wie ein Korken schaukelt die Kirche über die Wellen. Richtungslos. Frei.

Die neue Betonkirche ist nicht der Rede wert.

Sie hat einen leicht dröhnenden Hall, schwer wie eine tote Kuh. Marita achtet auf ihren Atem. Sie legt die Hände auf ihre unruhigen Beine. Über den unbedeckten Köpfen hängt an zwei Seilen das Schiffsmodell von der Decke. Die Stimmen der Gemeinde, ihre Schals und Wolltücher um schläfrige Schultern verschmelzen zu einem grauschwarzen Brei. Jetzt segelt das Schiff auf einer singenden, schiefergrauen Fläche.

»Kündet dein Tod auf dieser Erde«, klingt es von der Gemeinde, »dass auch ich auferstehen werde«, mimt Marita mit den Lippen und steigt auf ihr Nagelfloß über das graue Meer.

Die Ankunft

Wir landeten morgens am Flughafen auf Vágar.

Vorher, über dem Atlantik, hatte ich den Stimmen in der Kabine gelauscht; dem isländischen Piloten, der Dänisch und Färöisch mit demselben etwas lispelnden Akzent sprach; der besonderen Mundart von Suðuroy; dem bedächtigeren Klang der Nordinseln. Ich mühte mich, die schläfrigen Wortwechsel zwischen den Sitzen zu verstehen. Der junge färöische Musiker kam mir in den Sinn, der sich in einer verrauchten Kneipe in Kopenhagen zu mir gebeugt und erwidert hatte: »Du? Du kannst ja nicht mal deinen eigenen Namen aussprechen.«

»Unterhaltet euch ruhig«, hatte Bára gesagt. »Meine Freundin ist Halbfäringerin.«

Der Flug von Kopenhagen-Kastrup nach Vágar ist kurz, der Landeanflug aber dauert eine gefühlte Ewigkeit. Der Berg lehnt sich schwer gegen die Maschine. Grün füllt das Fenster aus. Reicht herein. Das letzte Stück schloss ich die Augen. Wenn Schafe umherlaufen, kann man für den Bruchteil einer Sekunde ihre gelben Augenschlitze sehen, bevor die Flügel haarscharf an ihnen vorbeischrammen. Ich hatte einen Schnaps getrunken, dann noch einen. In meinen Ohren pfiff es noch immer.

Kaum waren wir aus dem Flugzeug gestiegen, sahen die Tarantel und ich uns nach einem Platz zum Rauchen um.

Meine Mutter sagte etwas von Gepäck und verschwand.

Unter einem großen Schild mit der Aufschrift RAUCHEN VERBOTEN stand eine Gruppe Färinger und rauchte. Einer hielt einen mitgebrachten Aschenbecher. Einen wuchtigen, cremeweißen. Das Gespräch waberte mit dem Rauch.

Sie hatten sich im Kreis um den Arm mit dem ausgestreckten Ascher aufgestellt. Ich hielt mein Feuerzeug hoch wie ein plastikoranges Ticket, und wir wurden eingelassen.

Es ging um Politik. Eine Frau in einem eierschalenfarbenen Pulli stellte fest, die Färöer hätten gut daran getan, sich aus Europa herauszuhalten. Diesem Saftladen. Sie blies resolut den Rauch durch die Nase. Alle im Kreis nickten. Eine kleine Frau in einer blauen Windjacke quittierte die Aussage mit jenem Åh ja, das entweder eine Frage oder unbedingtes Einverständnis bedeuten kann und in diesem Fall Letzteres hieß.

Die früher einmal weiße Ankunftshalle des Flughafens war grau verfärbt. Auf die Art, wie Transit die Wände verschmutzt. Durch die Glasscheiben zum Parkplatz sah ich die Berge. Sattgrün. Tief hängende Wolken zogen entlang der Straßenleitplanke dahin. Ich sehnte mich nach Luft. Dem Duft färöischer Luft.

Die Tarantel räusperte sich. Sein Gesicht schwebte über den Köpfen des Kreises wie ein freundlicher, vollbärtiger Ballon. Jetzt machte er sich ein wenig kleiner, um mit den anderen auf Augenhöhe zu kommen. Eigentlich, wandte er höflich ein, seien die Färöer ja schon ein Teil von Europa. Genau genommen befänden wir uns, auch hier im Flughafen, in Europa.

Der Kreis qualmender Färinger schaute ihn an. Nicht unfreundlich.

Niemand nickte.

Dann ergriff die resolute Frau das Wort. Sie wechselte ins Dänische und antwortete langsam und deutlich, beinahe sanft, als spräche sie zu einem bockigen Schaf.

»Nein. Hier sind wir nicht in Europa.«

Die Zigarettenhand der Tarantel verharrte schwebend in der Luft, dann wagte sie einen zögerlichen Ausfall. Die Färöer seien kein Mitglied der EU, klar, in dieser Hinsicht gehörten sie nicht zu Europa. Aber rein geografisch? Wenn man im Atlas nachschaute?

Die Frau lächelte. Ich kannte dieses Lächeln von meiner Mutter. Das nachsichtige Lächeln von Frauen, die den Großteil ihres Lebens bereits gelebt haben. Der Kreis lächelte ebenfalls, Variationen eines Themas, die Frauen milde, die Männer ein wenig verlegen.

»Nein«, sagte sie. »Du magst ja in vielem recht haben, aber hier irrst du dich.«

Mit ihrer Prince 100 fasste sie alles in einen weichen Kreis. Die Berge, die tiefen Fjorde und dunklen Tunnel.

»Das ist nicht Europa. Das sind die Färöer.«

»Hette er Føroyar«, wiederholte ein Mann im landestypischen Wollpullover. Ein sanftes Åh ja summte durch den Kreis.

Die Tarantel atmete ein. Langsam. Ich machte einen kleinen Schritt zur Seite und zielte mit dem Absatz nach seinem Fuß.

Wir holten unsere Koffer, den Leihwagen. Die Reise hierher war die Idee meiner Mutter gewesen. Nach den ganzen Beerdigungen, den vielen Abschieden, sagte sie, habe sie das Bedürfnis, nach Hause zu fahren. Wir könnten doch zusammen Urlaub machen. Die Familie besuchen. Sie wusste, dass in Wahrheit ich mich danach sehnte. Ich hatte es gesagt. »Ich kann ja nicht mal meinen eigenen Namen aussprechen.« Dann machte sie sich an die Planung.

Wenn man auf den Färöern ankommt, wissen alle auf wundersame Weise Bescheid, kaum setzen die Räder des Fliegers auf der Landebahn auf. Man hat vielleicht höchstens die Tante angerufen, bei der man unterkommen wird, oder man landet inkognito und schläft eine Nacht im Hotel, aber wenn man unangemeldet bei einem Onkel, einem Cousin zweiten Grades auf einer völlig anderen Insel anklopft, heißt es: »Ah. Da seid ihr ja.« Wobei das nicht unbedingt auf alle Familien zutrifft.

Meine Mutter hatte Tante Ása angerufen. Wir wollten weiter nach Suðuroy.

Später, im Auto, schnaubte die Tarantel noch immer.

»Das können die doch nicht ernsthaft denken.«

Er redete weiter, irgendwas von kleinen Nationen und großen Ideen, von Berghobbits. Er sagte es mit einem Schmunzeln, aber gerade das, seine liebevolle Belustigung, ärgerte mich. Ich wollte gegen den Vordersitz treten, ließ es aber. Stattdessen murmelte ich: »Heimat lässt sich nicht unbedingt geografisch bestimmen. Auch nicht, wenn man in einem Atlas nachschaut.«

Der erste Tunnel auf dem Weg zur Fähre verschluckte uns. Meine Mutter beugte sich übers Lenkrad. Verkniffen. Hinein in die Finsternis.

Abreise

Das Schiff nach Dänemark geht von Tórshavn.

Während die Frachtkisten an Bord getragen werden, spürt Marita die Stadt hinter sich, ihre Ausdehnung. Die Grassodenhäuser oben am Hang, die Gässchen, die Hühnerkacke. Teile der Hauptstadt drängen sich in einem rußgeschwärzten Nervensystem, andere sind grün, büschelig, Bauerndorf. Vielerorts riecht es nach Kindheit und brennendem Torf. Und vergammeltem Fisch.

Sie denkt an Boulevards. Weitläufige Fußgängerzonen.

Der Handgriff des Koffers ist lederbezogen, reibt an der Handfläche. Sie richtet sich aus ihrer leicht seitlich geneigten Haltung auf. Der Schmerz in ihrer Gebärmutter ist dumpf geworden. Eine Schwere. Scharfkantig.

Jetzt macht sie einen kleinen Schritt vorwärts. Sagt: »Los!«

Mehrere sind gekommen, sie zu verabschieden; Ingrún vom Hotel. Ragnar. Einige junge Frauen aus der Fabrik.

Marita drückt ihre Hände, die rauen, fischigen Finger. Sie verspürt das Bedürfnis, sie von dem Gestank zu befreien. Ihn von jedem Fingerglied einzeln zu küssen, im Mund zu halten und dann, weit draußen auf dem Meer, dorthin zurückzuspucken, wo er hergekommen ist.

Sie atmet Ingrúns Duft nach Seifenflocken ein, das Parfüm in der kleinen Kuhle hinter dem Ohrläppchen.

»Hab ein schönes Leben dort«, sagt Ragnar ohne allzu große Überzeugung. Etwas linkisch legt er ihr die Hand auf die Schulter. Marita küsst ihn auf den Backenbart. Sie hat ein Stück ihres Herzens im Mund.

Einer der Gründe, weshalb der Rote Ragnar Gesprächsthema im Dorf ist, sind all die Bücher und Pamphlete, die er mit der Post erhält. Nicht wenige machen sich hinter vorgehaltener Hand lustig über die Stempel aus Frankreich, England und sogar der Sowjetunion. Doch Ragnar entziffert jeden der Texte mühsam mithilfe seines Wörterbuchs und seines Seemanns-Englischs. Lücken muss die Fantasie schließen, und er selbst behauptet jedenfalls, er verstehe das meiste.

Jetzt lässt er die Hand sinken. Tritt zurück und nickt. Seine Miene ist noch düsterer als sonst. In der Welt geschehen Dinge, die ihm schwer begreiflich sind. Im Frühjahr, weiß er, während der Märzsturm in Vágur um Ecken heulte und Türscharniere klappern ließ, wurde die rechtmäßige Regierung Spaniens gestürzt. Ihre Mitglieder sind jetzt in Paris und essen Trostcroissants. In Madrid herrscht General Franco. Ragnar hält sich auf dem Laufenden, so gut er kann, aber alles weiß er nicht. So viel weiß er.

Die großen Länder knirschen, geben nach. Er ahnt es mehr, als dass er es versteht. Dass sich Risse in der Kruste des Kontinents bilden und Eiter heraussickert.

Aber jetzt geht sie, Marita.

Er sieht sie ihren Koffer an Bord schleppen. Die schmale Hüfte in einem geblümten Kleid sieht er, und das Haar, das den Rand des Kopftuchs einfasst. Die Freiheit unter den an Deck tretenden Füßen. Das Wasser in der Augustsonne. Den Tod in Maritas Bauch.

Die Sonne zickzackt, blitzt und wirbelt chaotisch auf der Wasseroberfläche. Er sieht den Tod in Maritas Bauch, und jetzt, in diesem Tod, ahnt er einen anderen, weit größeren Tod. Er schlägt ihm als Gestank verbrannter Knochen, verbrannten Marks entgegen, Ragnar blinzelt. Für einen Moment wendet er das Gesicht Tinganes, den roten Holzhäusern der Landesregierung zu. Seine Augen sehen nicht das Holz, sie sehen Rauch, braunen Rauch, der von der Erde aufsteigt, ein rasendes Monument, der Rauch ist satt und der Rauch ist fett, und klapperdürre Leichen treiben zwischen Haufen aus Schuhen umher. Er meint, ein dröhnendes Mahlen zu hören, und jetzt pflanzt ein lachender Säugling seinen reitbestiefelten Fuß auf einen Berg aus Goldzähnen.

Ob die Vision zu vielen Pamphleten geschuldet ist oder ob er für einen Augenblick durch einen Riss im Unterhemd der Welt gesehen hat, kann niemand sicher sagen. Doch es ist allgemein bekannt, dass der Rote Ragnar an jenem Tag in Tórshavn, als das Schiff vom Kai ablegte, weinte wie unter Peitschenhieben.

Das Haus zwischen den Feldern

Als meine Omma beschloss zu sterben, schlug das Wetter um. An dem Abend im Winter, als sie die Lippen zusammenkniff und einmal blinzelte für Nein zum Löffel Kartoffelbrei, schlich sich ein kalter Nebel von Norden über die Felder heran. Weiße, sekretartige Feuchte fraß von den Stoppeln und nagte an den Zweigen der Bäume, während Omma jegliche Nahrungsaufnahme verweigerte. Je leichter sie wurde, desto schwerer wurde das Wetter.

Wir wappneten uns. Etwas anderes blieb uns nicht übrig.

Ich schlief im Gästebett meiner Eltern, schwänzte die Geologievorlesungen. Wir halfen einander zu leben, während wir darauf warteten, dass Omma aufhörte zu sterben. Die Tarantel arbeitete von zu Hause aus, meine Mutter pendelte zwischen Kopenhagen und dem Pflegeheim bei Køge.

Ommas Nägel mussten geschnitten und der Staub von den kleinen Porzellanfiguren gewischt werden, dicke Putten mit einem schwachen Abglanz von Blattgold, englische Cottages mit Miniaturrosen über dem Türrahmen und grüner Filzunterseite. Ommas pedantisches Universum: so, wie es war, hineingequetscht in das rechteckige Zimmer mit dem Pflegebett, den Inkontinenzwindeln, dem Wandboard mit Handdesinfektionsmittel, dem Geruch von Altersschweiß.

Im Flur neben der Zimmertür hing ein kleiner, transparenter Schieberahmen aus Plastik. Jemand hatte ihren Namen auf ein Stück Papier geschrieben und den Zettel etwas schief in den Rahmen gesteckt.

Marita, stand dort mit Bleistift.