Beschreibung

Vier Frauen reisen nach Norderney, um Johannes zu treffen: ihren Chatpartner aus dem Internet. Während sie ihren Dates entgegenfiebern, zieht ein schwerer Herbststurm auf. Ausgerechnet jetzt findet sich eine Leiche am Strand. Wie gut, dass der Inselpolizist Martin Ziegler die Kriminalpsychologin Ruth Keiser an seiner Seite hat. Auf der vom Festland abgeschnittenen Insel stellen die beiden ein provisorisches Ermittlerteam zusammen, das dem Sturm und der Diagnose »Herzversagen« trotzt.

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Anja Eichbaum

Inselcocktail

Kriminalroman

Impressum

Für Dirk, Lukas und Sophie

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www.gmeiner-verlag.de

© 2017 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2017

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Carl-Juergen Bautsch / fotolia.com

ISBN 978-3-8392-5460-8

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Prolog

Meine Schrift wird immer unleserlicher. Ich muss für heute zum Ende kommen. Im Grunde genommen ist auch alles gesagt und niedergeschrieben. Dennoch schaffe ich es kaum, an dieser Stelle einen Schlusspunkt zu setzen.

Weil ich weiß, dass dieser letzte Punkt das Signal zur Tat sein wird. Dann gibt es kein Zurück.

Die Koffer sind gepackt. Mein Blick schweift durch den Raum. Ob ich noch jemals hierhin zurückkehre, ist zweifelhaft. Noch wäre es nicht zu spät, dem leisen Ziehen der Wehmut nachzugeben. Doch nein! Niemals würde ich mir einen solchen Schritt verzeihen. Es wird Zeit. Ich tue, was getan werden muss. Selbst im Gefängnis werde ich nicht unfreier sein als in den ganzen letzten Jahren.

Wenn Notizblock und Füllfederhalter gleich verstaut sind, trennt mich nur noch das Wochenende von der Erfüllung all meiner Wünsche. Nur noch eine Nacht, und ich bin wieder Herr der Lage. Und endlich werden sie verstehen …

Oktober

Donnerstag

Als der Dreiklang des Signals, mit dem das Ablegen des Schiffes sich ankündigte, ertönte und gleichzeitig das Anwerfen des Motors die ganze Fähre erzittern ließ, erschrak Daniela, obwohl sie doch seit 20 Minuten sehnsüchtig auf diesen Augenblick gewartet hatte.

»Willkommen an Bord der Frisia V!«, erklang die satte Stimme des Kapitäns, der mit friesisch angehauchter Färbung wie gewohnt die Fahrgäste begrüßte. »Sie befinden sich auf der Fähre von Norddeich nach Norderney. Derzeit haben wir auflaufendes Wasser, sodass wir circa 50 Minuten Fahrzeit benötigen werden. Beachten Sie bitte die Sicherheitshinweise und das Rauchverbot! Wegen des Windes kann es heute zu stärkeren Schaukelbewegungen kommen. Wir wünschen Ihnen eine gute Überfahrt.«

Daniela lehnte sich zurück. Eben noch war sie komplett in Gedanken versunken gewesen. Viel zu früh hatte heute Morgen der Wecker geklingelt. Das Taxi hatte sie schon gestern bestellt, und Jutta, die Fahrerin, hatte wie gewohnt zuverlässig vor dem Haus gestanden.

»Ein Taxi für Frau Rick!«, hatte ihre laute Stimme den noch dämmrigen Morgen durchdrungen.

»Dass die Chefin persönlich mich fährt!«, hatte Daniela ihr freudig entgegengerufen.

»Für dich, meine Lieblingsfriseurin, doch immer! Wenn das einer verdient, dann du!«

Die beiden Frauen umarmten sich.

»Ach Mensch, Jutta, sag doch so was nicht!«

»Einer muss es sagen. Auch, dass wir dich vermissen werden, obwohl wir dir den Urlaub auf deiner Lieblingsinsel alle gönnen.«

Daniela hatte sich in den Sitz des Taxis fallen lassen und Juttas Hand gedrückt. Jutta war einfach die Beste, und wenn sie so was Nettes sagte, wurde Daniela ganz warm ums Herz. Sie beide passten einfach gut zusammen, figürlich und stimmlich. Wenn sie im Duett im Karneval oder bei den Leseabenden in der Bücherei das Publikum rockten, blieb im ganzen Raum kein Auge trocken. Eigentlich sind wir Schwestern und bei der Geburt getrennt worden, erzählten sie oft augenzwinkernd, aber genau das war es, was sie fühlten. Verbunden fühlten sie sich auch, weil sie für das andere Geschlecht immer nur die gute Seele und der Kumpel zum Pferdestehlen waren – und die Liebe bei ihnen demzufolge nur stippvisitenartig auftrat.

Während der kurzen Fahrt schwiegen beide. Erst am Bahnhof hatte Jutta ihr zum Abschied ein Buch in die Hand gedrückt.

»Hier, ein neu erschienener Regionalkrimi. Ziemlich spannend, aber auch witzig. Und mit ganz viel Liebe! Also die perfekte Lektüre da oben auf deiner Nordseeinsel. Uhh! Wenn Nebel und Sturm mal wieder den Blick auf das Meer verhindern. Und wenn es dir gefällt, können wir beim nächsten Leseabend etwas daraus machen.«

Ach, Jutta war ein Goldstück! Sie klatschten sich ab, machten beide eine Tanzpose, lachten und fielen sich zum Abschied in die Arme.

»Komm du mir nur erholt zurück! Und denk dran: Ich will alles wissen, auch die Einzelheiten!«

Bei der anschließenden Zugfahrt von Bonn Hauptbahnhof bis Norddeich Mole hatte Daniela abwechselnd an Juttas Worte gedacht, über den Buchdeckel gestrichen, auf Facebook alle Freunde über ihre Abfahrt informiert (53 Likes, nur gute Wünsche; so viele, die es ihr gönnten, aber keiner, der sie liebte) und die meiste Zeit mit Blicken auf die sich verändernde Landschaft an all das gedacht, was sie in den nächsten 14 Tagen auf Norderney unternehmen wollte. Und gespürt, wie auch ein Stück Hoffnung mitreiste, dass ja vielleicht dort …

Jetzt aber saß sie auf dem Sonnendeck der Frisia. Was für ein Glück sie mal wieder hatte! Wenn Engel reisen, kommentierte Michaela, ihre Chefin, das Foto in Danielas Chronik. Blauer Himmel, blaues Meer – und Norderney leuchtete als weißer Fleck am Horizont. Es war Ende Oktober, doch die Sonne gab noch alles. Okay, wenn das die Erderwärmung war, sollte sie es wahrscheinlich nicht gut finden, aber im Augenblick hatte Daniela keinerlei Lust, sich mit den Krisen der Welt zu beschäftigen. Sie hatte schließlich genug mit sich selbst zu tun. Gerade hatte sie sich durch die Facebook-Einträge der letzten Wochen gelesen: Vergiss ihn! Er hat dich nicht verdient! Wenn sich die eine Tür schließt, öffnet sich eine andere! …

Alles lieb gemeint. Alles auch irgendwie wahr. Aber der Schmerz blieb.

Egal – jetzt war es endlich so weit. Da vorne lag sie. Ihre Insel! Zwei Wochen Freiheit erwarteten sie dort. Sie würde es genießen. Das würde sie sich nicht nehmen lassen.

Sie kramte in ihrer großen Handtasche, bis sie ihre Ray Ban-Sonnenbrille, die sie auf ebay als Schnäppchen ersteigert hatte, fand. Den überbreiten Schal zog sie fester um den Hals, in ihre anthrazitfarbene Jacke wickelte sie sich regelrecht ein, zog die Stulpen bis knapp unter die Fingerknöchel, sodass sie den blauen Nagellack und den silbernen Ring betonten, zupfte noch ein paar graue Flusen des Schals von der Jacke und probierte dann den richtigen Aufnahmewinkel für ein Selfie. Nach gefühlten 50 Versuchen hatte sie endlich ein Motiv, mit dem sie zufrieden war, und postete es mit den Worten: ›Jetzt geht es los!‹

*

Ich hätte diesen Brief nicht einstecken sollen. Diesen verdammten Brief mit all den verdammten Lügen, mit denen sie mich ruhighalten wollten. Als wenn ich das Spiel nicht von Anfang an durchschaut hätte. Als wenn ich nicht wüsste, auf wessen Seite sie stehen! Wie sie steuern und manipulieren, mal mit Mitleid, mal mit Vorwurf. Und bist du nicht willig, so brauch ich Zwang.

Was ihr könnt, kann ich schon lange. Auf die Tricks, die ihr beherrscht, habt ihr keine Exklusivrechte. Mit euren eigenen Waffen habe ich euch geschlagen. Zu dumm wart ihr, um es zu merken! Viel zu dumm! Das nennt sich nun akademische Elite! Einfach lächerlich!

Und doch kriege ich die kalte Wut, wenn ich diese Zeilen lese, mit denen sie versuchten, mich kaltzustellen:

Narzisstische Störung in Kombination mit komplexer posttraumatischer Belastungsstörung.

Dass ich nicht lache! Ihr Klugscheißer und Halbgötter! Unfähigkeit sei euer Name!

Fehlende adäquate Regulationskompetenz nach traumatischem Erleben.

Ihr Ignoranten! Euer Dünkel verhindert den Blick aufs Wesentliche.

Ich habe mehr Handlungs- und Regulationskompetenz, als ihr euch auch nur vorstellen könnt. Auch ohne eure Diagnosen. Ohne eure ins Leere führenden Therapien. Ohne eure sedierenden Medikamente.

Ihr kapiert es einfach nicht. Macht Täter zu Opfern und umgekehrt. Dabei gibt es nur den einen Weg:

Handeln, bis die Seele heilt.

*

 

Ruth Keiser sah sich neugierig auf dem Schiff um. Sie hatte mit mehr Kindern und Familien gerechnet. Stattdessen saßen viele Fahrgäste hier oben weit auseinander und schienen redlich bemüht, nicht miteinander in Verbindung gebracht zu werden. Fast alle hatten ein Handy oder wohl eher ein Smartphone in der Hand. Ruth seufzte. Wo waren sie bloß geblieben, die ganzen Leser? Wenn sie früher mit Bus, Bahn oder Schiff gereist war, hatte doch fast jeder in ein Buch oder eine Zeitung geschaut. Sie blickte hinunter auf ihren Schoß. Der blaue Einband des Krimis ruhte in ihren Händen. Ein richtiger Schmöker, wie schön! Auch wenn sie Krimis aus Berufsgründen eigentlich nicht mochte. Aber diesmal hatte sie nicht widerstehen können, schließlich hatte ihre frühere Kommilitonin und jetzt beste Freundin ihn geschrieben.

Das würde das Richtige sein für die Abende im Hotel. Oder, wenn sie Glück hatte, in der Milchbar. Doch wenn sie bedachte, dass Herbstferien waren, dann hatte sie trotz der leeren Fähre wenig Hoffnung, dort abends einen Platz zu finden. Nun, sie würde sehen. Schließlich war sie nicht zu ihrem Privatvergnügen hier, sondern beruflich.

Sie schmunzelte. Dass sich das eines Tages so entwickeln würde, hatte sie nicht vorausgesehen. Sie war schon immer schnell gelangweilt gewesen, wenn sich Routinen einschlichen. Routinen in diesem Job? Ihre Freunde hielten das nicht für möglich. Okay, ihre Routine war vielleicht nicht so wie die der Beamten in der Stadtverwaltung, obwohl das sicher auch nur so ein Vorurteil war. Aber auch beim Lösen von Kriminalfällen konnten sich Langeweile und Wiederholung einschleichen. Und sie war nie eine Lena Odenthal gewesen. Nein, sie hatte nach dem Jurastudium im Bereich Wirtschaftskriminalität gearbeitet und zwar vorwiegend am Schreibtisch. Da war für sie nach schon wenigen Jahren die Spannung raus gewesen. Damals waren ihr Heirat und Kind gerade recht gekommen. Wenn sie geahnt hätte, wie genau das alles auf den Kopf stellte. Im Nachhinein hatte es dazu geführt, dass sie heute hier saß!

Sie dachte an Lisa-Marie, ihre Tochter, die sie so liebte. Trotzdem hatte das Leben als Hausfrau und Mutter sie damals so unterfordert, dass sie ein zweites Studium in Angriff genommen hatte: Psychologie, Schwerpunkt Rechtspsychologie. Und damit hatte sie bei der Polizei wieder angeklopft, als Lisa-Marie auf das Gymnasium wechselte. Danach hatte sich eins zum anderen gefügt: Sie hatte interne Fortbildungsmaßnahmen konzipiert und durchgeführt und war zur Fachfrau im Bereich Kinder- und Jugendschutz, insbesondere von Kindeswohlgefährdungen, geworden. Nachdem sie eine Dozentenstelle an der Polizeihochschule Münster-Hiltrup ergattert hatte, waren Headhunter auf sie aufmerksam geworden. Und nun war sie freiberuflich mit einem Kollegenteam aus Ärzten, Sozialarbeitern und Juristen zuständig für die Aus- und Weiterbildung großer Institutionen, die im Bereich der Kinder- und Familienarbeit tätig waren. Sie coachte und prüfte Jugendämter, leitete themenspezifische Seminare an Akademien und Fachhochschulen, beriet Ministerien und veröffentlichte Fachartikel. Sie war rundum zufrieden und genoss die abwechslungsreiche Tätigkeit, die sie an immer neue Herausforderungen führte und sie mit den unterschiedlichsten Menschen zusammenbrachte. Was für ein Glück, dachte sie manchmal. Auch wenn sie auf dem Weg zu ihrem persönlichen Erfolg unterwegs ihre Familie zurückgelassen hatte. Wer hätte auch dieses Tempo mit ihr gehen können? Das hatte sie lernen müssen, das war der Preis, den sie zahlte. Den sie gerne zahlte. Weil das andere es nicht hätte aufwiegen können.

Ruth fuhr sich mit der linken Hand durch ihr Haar. Auch wenn die Sonne schien, pustete der Wind ganz schön heftig durch ihre hellen Locken. Hätte sie doch besser Schal und Mütze in ihre Handtasche statt in den Koffer gesteckt. Sie schaute sich auf dem Deck um. Ziemlich viele Frauen, die unterwegs nach Norderney waren. Das hing sicherlich mit den Kurkliniken zusammen. Es gab nicht nur die Mutter-Kind-Heime, sondern auch solche für Frauen und Mütter alleine. So zumindest hatte es ihr die Leiterin der Caritas-Einrichtungen erklärt, von denen sie den Auftrag für die Fortbildung erhalten hatte. Darüber hinaus gab es noch die großen Versicherungsträger, die ebenfalls Kurheime unterhielten. Für Männer und Frauen. Und damit beste Voraussetzungen boten, gleich einen Kurschatten zu finden. Ruth lachte laut auf, als sie sich vorstellte, wie diese vereinzelt sitzenden Menschen auf dem Schiffsdeck in einigen Tagen paarweise über die langen Strandabschnitte laufen würden, in dem Glauben, sie wären endlich der Liebe ihres Lebens begegnet.

Ruth bemerkte den irritierten Blick, der ihr ob ihres lauten Lachens von der nächsten Bank aus zugeworfen wurde. Herzlich strahlte sie die sympathisch wirkende Frau an, die sie schon eben bei den Versuchen, ein perfektes Foto von sich zu schießen, beobachtet hatte.

»Tut mir leid, so bin ich halt. Wenn ich lache, dann immer lauthals und ohne Rücksicht auf meine Umgebung.«

Sie zeigte mit einer schnellen Bewegung ihres langen Zeigefingers auf das Smartphone in der Hand der Angesprochenen. »Soll ich mal ein Foto von Ihnen machen? Gerne auch mehrere, wenn Sie mögen. Ich bin ziemlich gut darin.«

Noch bevor Daniela Rick etwas antworten konnte, war Ruth aufgesprungen, um das Handy entgegenzunehmen. Im gleichen Augenblick sah sie aus der am Boden stehenden Tasche der Mitreisenden ein ihr bekanntes Buch herausragen.

»Das gibt es doch wohl nicht!«, hielt sie in ihrer Bewegung inne. »Lesen Sie etwa diesen Krimi da?«

Für eine Kriminalkommissarin war das sicherlich eine einfältige Frage, ging ihr durch den Kopf, aber das konnte ihr Gegenüber ja nicht wissen.

»Den habe ich heute Morgen geschenkt bekommen«, antwortete Daniela. »Sie etwa auch?«

»Nicht nur das. Ich kenne die Autorin und freue mich deswegen, wenn ich die Bücher von ihr in den Händen beziehungsweise Taschen von anderen entdecke.« Ruth lachte wieder herzlich auf. »Entschuldigen Sie, dass ich so unverfroren den Inhalt Ihrer Tasche kommentiere.«

»Wow! Sie kennen die Schriftstellerin? Höchstpersönlich? Das glaub ich jetzt nicht. Dann darf ich ja nur Gutes über das Buch sagen. Wenn ich ehrlich bin, ich habe noch gar nicht angefangen. Facebook und Whatsapp haben mich bisher abgelenkt.« Daniela hob verlegen die Hand, in der ihr Smartphone lag. »Irgendwie will man weg von allem, aber kaum bin ich unterwegs, glaube ich, zu allen den Kontakt halten zu müssen.« Entschuldigend hob sie die Hände. »Vor mir liegen allerdings noch zwei Urlaubswochen, und wie ich mich kenne, lese ich es sowieso in einem Rutsch, wenn ich erst mal angefangen habe.«

»Alles gut! Sie brauchen sich nicht zu rechtfertigen, um Gottes willen! Ich finde es einen herrlichen Zufall, dass wir beide das gleiche Buch lesen.« Ruth deutete auf die Bank, auf die sie ihr Exemplar beim Aufspringen gelegt hatte. »Und vielleicht treffen wir uns auf der Insel mal und reden bei einem Glas Wein über den Fortschritt der Ermittlungen, wie wär’s? Ich bin übrigens Ruth Keiser. Wie der Kaiser – nur mit Ei. Entschuldigung, blöder Spruch, aber ich habe es schon so oft erklären müssen.«

Daniela kriegte sich kaum ein vor Lachen. »Wie cool ist das denn! Wie der Kaiser – nur mit Ei. Na, das kann man sich ja mal merken.«

Ruth lachte mit. »Ich merke schon: Wir haben beide Sinn für Humor! Ich leite die nächsten Tage eine Fortbildung auf der Insel, und dann sind die Abende oft lang. Ich würde mich wirklich über einen kriminalistischen Austausch freuen.« Sie zeigte auf das Buch.

»Gerne, sehr gerne. Ich heiße Daniela Rick.« Daniela hatte keine Schwierigkeiten, im Urlaub neue Bekanntschaften zu schließen. Dafür war sie zu sehr Rheinländerin. Aber so schnell hatte selbst sie noch keinen Anschluss gefunden. »Finde ich Sie bei Facebook?«

»Nein«, Ruth lachte. »Ist eine Berufskrankheit, erkläre ich gerne ein andermal, kein Facebook und kein Whatsapp. Sorry. Aber ich mache gerne Nägel mit Köpfen. Morgen Abend um acht vor dem Conversationshaus, und wir sehen dann, was wir unternehmen. Sie wissen, wo das ist?«

»Sicher. Ich bin oft hier oben. Schon fast zu oft, weil ich dadurch nichts anderes von der Welt sehe. Aber so ist das nun mal mit mir und Norderney.« Daniela schaute hinüber zur näher kommenden Silhouette der Insel. Jetzt würden sie gleich in die Kurve gehen, um dann entlang des Weststrandes auf den Hafen zuzufahren. In nicht mehr als einer guten Viertelstunde würden sie anlegen.

Im gleichen Augenblick wurde das Schaukeln des Schiffes deutlich stärker. Beide Frauen griffen instinktiv zu den Bänken und setzten sich breitbeinig hin, um dem Wind und der Schieflage des Schiffes zu trotzen. Fast gleichzeitig sprangen auf dem Autodeck unter ihnen die Alarmanlagen der Autos an und begleiteten den hohen Wellengang mit ihrem Gejaule. Daniela und Ruth lachten, als die Fahrgäste hastig zu ihren Autos eilten und sich dabei auf dem Weg nach unten krampfartig ans Geländer krallten, während andere Passagiere erschrocken um sich schauten und den Blick hoch zur verdunkelten Glasscheibe der Brücke wandten, in der vergeblichen Hoffnung, beruhigende Blicke vom Kapitän zu empfangen.

»Herrlich, oder?«, sagte Daniela. »Jetzt weiß ich wieder, warum ich die Nordsee so liebe.«

»Ich mag das auch sehr«, antwortete Ruth.

Beide saßen nebeneinander und verfolgten mit ihren Blicken schweigend die Fahrt an den weißen Gebäudekomplexen vorbei, die teils aus alter Fassade, teils aus Bausünden der Neuzeit bestanden. Die hohen Stämme des Klettergartens wiesen mit ihrer Beflaggung endgültig auf die bevorstehende Einfahrt in den Hafen hin.

»Na dann, ich werde mal nach meinem Koffer schauen.« Daniela stand auf. Sie war von einer plötzlichen Ungeduld befallen. Am liebsten würde sie loslaufen und jeden ihrer Lieblingsorte umarmend begrüßen. Aber sie wollte sich während der Ferien in Geduld und Achtsamkeit üben, deswegen würde sie erst den Koffer in die Pension bringen und sich einrichten.

»Ich bleibe noch einen Moment hier stehen. Sie fahren sicher mit dem Bus in die Stadt, oder? Ich werde am Hafen abgeholt. Und nicht vergessen: Wir sind verabredet. Wir sehen uns morgen Abend!«

»Auf alle Fälle! Ich freue mich sehr!« Daniela schulterte ihre Tasche und steckte Buch und Handy hinein. Ganz förmlich, so ganz gegen ihre Art, aber weil es sie freute, so nette Bekanntschaft geschlossen zu haben, streckte sie Ruth ihre Hand entgegen. »Bis morgen Abend! Das finde ich richtig klasse! Und bis dahin habe ich sicher schon einen ersten Verdacht!«, zeigte sie schelmisch auf den Krimi von Ruth, der noch auf der Bank lag.

»Die Herausforderung nehme ich an«, antwortete Ruth mit ihrer dunklen, warmen Stimme und winkte Daniela lachend hinterher.

*

»Moin, moin, liebe Herbstgäste!« Der Fahrer der Linie 2 begrüßte sie jovial durch das Mikrofon. »Wer mitten in der Woche hier anlandet, dem muss ich wohl nichts mehr von unserer schönen Insel erzählen, was? Außer den Kurgästen, die uns noch nicht kennen, aber das wird sich schnellstens ändern! Ich wünsche Ihnen allen einen guten Aufenthalt und genießen Sie unsere herrliche Landschaft!«

Daniela schmunzelte. Nur wenige Gäste waren mit großem Gepäck eingestiegen. Das hatte sie schon anders erlebt. Sie kannte die Insel zu fast allen Jahreszeiten. In den Ferienzeiten war samstags der übliche Wechseltag, und das bedeutete Stress für die Busfahrer, den Fährbetrieb und für die Vermietungsbüros, die an diesem Tag ihre Reinigungskräfte ausschickten, damit in Windeseile die Unterkünfte wieder hergerichtet wurden. In den Bussen der Linien 1 und 2 konnte man an solchen Tagen kaum Luft holen, besonders im Herbst, wenn Windjacken und Wanderstiefel neben dicken Rucksäcken, Koffern und Schminktaschen den Platz nahmen und man aufpassen musste, in dem Trubel nicht versehentlich ein Kind oder einen Hund zu erdrücken. Dienstag und Mittwoch war der übliche Anreisetag für die Kurkliniken. Dann sah man in die blassen, kränklichen und skeptischen Gesichter der Rehabilitationspatienten und erlebte die erschöpften und entnervten Elternteile mit den meist nicht zu überhörenden Kindern. Wie oft hatte sie schon Mütter im Bus gesehen, die sich heimlich Tränen wegwischten. Die Kur war ihre größte Hoffnung, ausruhen und auftanken zu können.

In solchen Augenblicken war Daniela froh, dass ihr Leben anders aussah. Sie kannte sie alle, die Geschichten, Ängste und Sorgen. Sie saßen in ihrem Friseursalon und ließen den ganzen Frust des Lebens raus. Daniela dachte nicht zum ersten Mal, dass sie für manche Mutter so etwas wie eine Ein-Stunden-Kur im Alltag bot. Was sie nicht alles zu hören bekam: Stress mit dem Partner, dem Kind, den Eltern, dem Chef, der Freundin, den Nachbarn. Da waren Geschichten dabei, die sie kaum glauben mochte.

Aber das alles war tausendmal besser, als diese Pappenheimer zu bedienen, die sich für was Besseres hielten. Na, die mochte sie ja ganz besonders! Nein, Sendungen wie DSDS oder Dschungelcamp schaue ich nicht. Lasen aber gleichzeitig vor ihren Augen in den ausliegenden Zeitschriften jeden Schund über all die B- bis Z-Promis. Sie dagegen gab unumwunden zu, dass sie gern etwas fürs Herz schaute oder etwas, das sie zum Lachen brachte. Wenn Guido Maria Kretschmer Komplimente an Frauen wie sie verteilte oder Helene Fischer von der Liebe sang, saß sie am liebsten mit Jutta und einem Prosecco auf der Couch. Und dann waren sie sich ziemlich sicher, dass da draußen in der Welt doch der eine auf sie wartete, der wie ein Deckel auf ihren Topf passte.

Deswegen war sie manchmal auch nach Norderney gekommen. Um zu sehen, ob sich der eine doch irgendwo da draußen fand. Und um Party zu machen. Nicht umsonst nannte man die Insel immer noch den Ballermann des Nordens. Zeitweise war es hier wie in einer Zweigstelle des Kölner Karnevals. Herrlich! Karneval war überhaupt das Beste, was es gab. Karneval in all seinen Variationen: im Verein, auf der Straße, im Saal und auf der Bühne.

Ein paar Mal hatte sie sich bei einer solchen Tour verliebt, aber es war genauso kurzlebig wie zu Hause gewesen. Nichts für die Ewigkeit, nichts für immer, noch nicht einmal etwas, was bis auf das Festland gehalten hätte. Egal – wenn ihr danach war, dann würde sie auch diesmal einen Abstecher in die Partykneipen machen, würde aus vollem Herzen ihr ›Atemlos‹ mitsingen und sich die Welt etwas schöner trinken, als sie manchmal war.

Allerdings war sie froh, wenn sie zuerst ein paar Tage Ruhe hatte. Sie freute sich auf ihre Pensionswirtin, die ihr am Telefon versichert hatte, dass alles so sein würde wie immer. Marthe Dirkens kannte Daniela schon von Kindesbeinen an. In letzter Zeit dachte Frau Dirkens daran, den Pensionsbetrieb aufzugeben. Einige lukrative Angebote hatte sie schon bekommen. Norderney lag im Trend, und auf der Insel hatte ein unglaublicher Bauboom begonnen. Viele der alten, oft etwas heruntergekommenen Gästehäuser und Pensionen waren in teure Ferienwohnungen und Lofts umgewandelt worden. Mittlerweile gab es Proteste der Einheimischen, weil der Wohnraum knapp und viel zu teuer wurde. Die Insel wurde vom Land aus aufgekauft, berichtete das Fernsehen.

Marthe Dirkens hatte bisher widerstanden. »Ich habe doch niemanden, dem ich etwas hinterlassen kann«, hatte sie zu Daniela gesagt. Und dass Geld nicht glücklich mache. Sie wolle lieber Stammgästen wie Daniela, die schon über Jahrzehnte auf die Insel kamen, den Vorzug geben, solange es noch ging. Besoffene Männer und Frauen hatte sie satt, und dass an den Clubwochenenden morgens andere Gäste in den Zimmern lagen als die, die am Tag zuvor angereist waren, brauchte sie in ihrem Haus auch nicht mehr.

»Und dann diese neuen Gäste, die zahlungskräftigen Akademiker, diese ganze gehobene Mittelschicht, denen ist es bei mir schon lange nicht mehr gut genug«, hatte sie bekümmert festgestellt. Sie hatte Daniela von den Prospekten der neuen Ferienwohnungen erzählt. »So lebt man in der Stadt«, hatte sie gesagt, »aber doch nicht in Ostfriesland.«

Daniela hatte den bekümmerten Ton durch das Telefon gehört. Aber schnell hatte Frau Dirkens zu ihrer gewohnten Munterkeit zurückgefunden. »Aber für dich habe ich selbstverständlich ein Zimmer frei. Und natürlich kannst du am Donnerstag anreisen. Diese verrückte wochenweise Vermietung mache ich nicht mit. Da freue ich mich aber, dass du mal wieder kommst. Und gleich zwei Wochen. Ich werde dir alles so richten, wie du es gerne hast.«

Daniela war gerührt gewesen. Auch wenn sie manchmal sehnsüchtig im Internet die neuen Hotels und Logierhäuser betrachtete – für sie war das nichts und erst recht nicht für ihr Portemonnaie. Wenn sie ehrlich war, besser und persönlicher als bei Marthe Dirkens würde sie es wahrscheinlich nirgends antreffen. Und wenn doch, würde sie vor lauter schlechtem Gewissen Frau Dirkens gegenüber den Urlaub kaum genießen können.

»Langestraße«, ertönte die Ansage des Fahrers. Hier musste sie aussteigen. Daniela schulterte ihre Tasche, zog den Griff des Rollkoffers weiter heraus und ruckte den Schminkkoffer, den sie über den Griff des Koffers gestülpt hatte, noch einmal fest. Von hier aus war es nur noch eine kurze Wegstrecke bis zu ihrer Pension in der Gartenstraße. Wie sehr sie sich auf Marthe Dirkens und ihr Haus freute!

*

Ruth war so lange oben an der Reling stehen geblieben, bis die Fähre angelegt hatte, die Rampe gesenkt worden war und sowohl Autos als auch Fußgänger das Schiff verließen. Unten würde noch genug Andrang sein, auch wenn die Frisia heute verhältnismäßig leer war. Bei den ersten Malen, als sie die Insel besucht hatte, hatte sie Angst um ihr Gepäck gehabt. Heute lachte sie darüber. Wer nach Norderney übersetzte, gehörte in der Regel zu einer entspannteren Spezies der Menschheit. Wo wollte hier auch schon jemand mit ihrem Gepäck hin? Wahrscheinlich war der große Koffer auch viel zu unspektakulär. Die wirklich wichtigen Sachen trug sie sowieso bei sich, sodass sie neben ihrer sackartigen Handtasche auch noch eine braune Lederaktentasche mit richtig viel Patina neben sich stehen hatte. Wie lange die sie schon durch das Leben begleitete! Ihr Exmann hatte sie ihr geschenkt, als sie damals ihr Psychologiestudium begonnen hatte. Er hatte wohl gehofft, dass sie zufriedener würde, wenn es neben ihrem Leben als Ehefrau und Mutter noch etwas gäbe. Dabei hatten andere Frauen sie oft beneidet. Nur ihr hatte es einfach nicht gereicht. Die langen Stunden allein mit Lisa-Marie – so sehr sie sie auch liebte – hatten sie schnell gelangweilt. Und erst die Gespräche mit den Müttern und Nachbarinnen! Drehten sich nur um Konsum, den nächsten Kaffeeklatsch und das Einkommen des Mannes. Wer wann zu welchem Shopping-Event geladen war, war wie ein internes Ranking, bei dem sie stets den letzten Platz einnahm, weil sie sich nichts, aber auch rein gar nichts daraus machte. Allerdings hatten das Studium und die Rückkehr in den Job den Sargnagel zu ihrer Ehe gebildet. Wie froh sie war, dass letztendlich alles gut ausgegangen war. Michael und sie hatten es ziemlich erwachsen hinbekommen, sich zu trennen. Lisa-Marie war traurig und bestürzt gewesen, hatte aber schnell verstanden, Vorteile daraus zu ziehen, abwechselnd bei zwei Elternteilen leben zu können. Die Absprachen, die sie und Michael dazu getroffen hatten, waren immer von Lisa-Maries Interessen geleitet gewesen, und deswegen waren sie wohl alle drei glimpflich durch die Trennung gekommen. Heute studierte ihre Große schon selbst, was für ein Wahnsinn!

Ruth zog ihre Jeans am Gürtel höher, band sich den offenen Riemen ihrer grünen Boots neu und schnappte sich ihre beiden Taschen. Dass sie schon bei der Anreise ihren Gedanken so nachhing! Das lag nun mal am Meer. Zwang fast jeden dazu, innezuhalten und auf sich selber zu schauen. Sie war gespannt, was es in den nächsten Tagen mit ihr machen würde.

Als Ruth als Letzte das Schiff verließ und durch den Kontrollschalter das Hafengelände betrat, sah sie, wie Daniela Rick in den Bus der Linie 2 stieg. Ruth freute sich auf morgen Abend. Ihre Neugierde auf andere Menschen hatte in den ganzen Berufsjahren niemals nachgelassen. Das war auch etwas gewesen, was sie zunehmend von Michael entfernt hatte. Je mehr Stress er gehabt hatte, umso mehr Ruhe hatte er sich gewünscht. Sie dagegen brauchte den Trubel, den Austausch, Anregungen und Gespräche. Wenn sie dabei oft unterschätzt wurde, dann lag das meist an ihrer unprätentiösen Art, sich zu kleiden, und an ihrer kumpelhaften Art – sie konnte es einfach mit jedem gut!

Ruth schaute sich suchend um. Dort hinten konnte sie ein Caritas-Auto entdecken, dessen Fahrerin gerade dem Wagen entstieg. Ruth winkte in die Richtung. Das musste Angela Pfeifer sein, die für die Fortbildung den Kontakt zu ihr hergestellt hatte.

»Frau Keiser, wie schön, Sie hier bei uns auf Norderney zu begrüßen! Wir freuen uns sehr. Das war nicht ganz einfach, Sie zu buchen. Umso glücklicher schätzen wir uns, dass es geklappt hat.«

»Hallo, Frau Pfeifer! Die Freude liegt ganz auf meiner Seite. Und dabei Norderney wiederzusehen – besser geht es doch gar nicht.«

Die beiden Frauen gaben sich herzlich die Hand, und Angela Pfeifer atmete innerlich auf. Sie hatte zwar gehört, dass Ruth Keiser nett und sympathisch sei, aber jetzt hatte sie sofort das Gefühl, das könnte eine richtig gute Fortbildung werden. So eine wie Frau Keiser würde ganz sicher bei ihren Mitarbeitern ankommen. Und das war bei einem schwierigen Thema mehr als wichtig. Da konnten sie keine Schicki-Micki-Beraterin gebrauchen.

»Kann ich Ihnen Ihr Gepäck abnehmen, Frau Keiser?«

»Schon gut, mein Koffer ist nicht so sonderlich schwer, geht schon. Fahren wir mit dem Auto? Trotz Fahrverbot?« Ruth deutete auf das weiße Fahrzeug.

»Das gilt für uns als Caritas nicht. Ich muss heute zu so vielen verschiedenen Stellen, um die Veranstaltung zu koordinieren, das ließe sich gar nicht anders machen. Zuerst aber bringe ich Sie zu Ihrem Hotel. Ich hatte Ihnen ja schon am Telefon gesagt, dass unsere eigenen Häuser wegen der Fortbildung voll belegt sind. Wir hatten schon lange nichts mehr, was so nachgefragt war. Ihnen eilt ein guter Ruf voraus.«

»Oh, danke für die Vorschusslorbeeren.« Ruth Keiser lachte. »Hoffentlich erfülle ich die hohen Erwartungen.«

Angela Pfeifer schloss das Auto auf.

»Da bin ich mir ganz sicher. Jeder berichtet, wie praxisnah Sie den Sachverhalt darstellen. Für uns ist es ein wichtiges Thema. Sieht man ja daran, dass alle Kinder- und Jugendkliniken auf der Insel Mitarbeiter schicken. Von den ansässigen Kindergärten ganz zu schweigen. Sogar die Schulen haben trotz der Ferien jeweils einen Vertreter angemeldet. Sie erwartet also ein volles Haus.« Sie ließ sich hinter dem Steuer nieder und schob eine Tasche vom Beifahrersitz in den Fußraum. »Schauen Sie sich bitte nur nicht in meinem Auto um, ich transportiere meinen ganzen Hausstand mit mir herum, sagen meine Freunde! Aber es ist nicht weit, und es stört Sie hoffentlich nicht.«

»Schon gut. Machen Sie sich um mich keine Sorgen!« Ruth hatte all ihre Sachen schnell auf der Rückbank verstaut und stieg ein. Sie zeigte auf den personalisierten Kaffeebecher in der Ablage und die Postkarte am Handschuhfach: »Hier gehören Auto und Besitzerin aber noch eng zusammen. Das ist ja ein richtiges Retro-Feeling!«

»Mein Auto und ich. Da weiß jeder Insulaner was drüber zu erzählen. My car is my castle! Und das ausgerechnet auf einer autofreien Insel.«

Ruth warf den Kopf in den Nacken und lachte herzhaft und ansteckend. »Das gefällt mir ausnehmend gut. Mal was anderes als die durchgestylten Schnickschnack-Autos und wenigstens kein SUV! Ich freue mich übrigens wirklich sehr, hier zu sein und mit Ihnen die Tagung vorzubereiten. Gibt es einen Plan für die nächsten Tage? Meine Teamkollegen reisen am Sonntag an, und ich würde sie per Mail über unsere Absprachen informieren.«

»Hört sich gut an. Mein Vorschlag: Ich lade Sie heute Abend zu einem Begrüßungsessen in unsere ›Inseloase‹ein. Bei einem Glas Wein würde ich Ihnen gerne von unserer Arbeit erzählen. Für morgen habe ich eine kleine Inseltour geplant, bei der ich Ihnen unsere Häuser vorstelle. Für den Nachmittag sind wir in der Tagungsstätteangemeldet. Dort können wir letzte Absprachen zu den Räumlichkeiten und der technischen Ausstattung klären. Alles andere steht und ist bereits vorbereitet.«

»Professionelle Planung, kann ich nur sagen. Perfekt! Und dass ich das Wochenende zur detaillierten Vorbereitung in dieser traumhaften Umgebung habe! Besser kann Arbeit nicht sein, oder?«

»Ach, ich bin schon so lange auf der Insel. Irgendwann wird es zu einem Ort wie jeder andere. Man vergisst, dass es für viele etwas Besonderes ist. Ich gehe schon lange nicht mehr jeden Tag ans Meer. Leider! Irgendwann war ich deswegen vom Festland hierhergezogen. Wollte es jeden Tag genießen, die Wellen, den Strand, den endlosen Himmel. Aber dann kommen Arbeit und Routinen und man merkt selbst gar nicht, wo und wann sich das Besondere verliert.« Sie setzte den Blinker, wendete das Auto und hielt vor einem weiß getünchten, hübschen Hotel, dessen Glaseingang von Flaggenstäben flankiert wurde.

»Hier sind wir. Das ist Ihre Unterkunft für die nächsten Tage. Ein netter Ort, wenn auch nicht mit Meerblick. Und wenn das gerade so desillusioniert geklungen hat – immer wenn Besuch da ist und ich die Insel zeigen kann, erwacht die alte Freude und Sehnsucht in mir. Auch wenn Sie Norderney kennen, Sie können sich darauf gefasst machen, dass wir Insulaner alles dafür tun, dass Sie in der nächsten Woche nicht wieder abreisen wollen. Aber jetzt: Raus mit Ihnen, bevor ich sentimental und unprofessionell werde.« Angela zwinkerte. »Heute Abend um halb sieben sammle ich Sie hier ein. Vergessen Sie nicht, auf einen ersten Kaffee ans Meer zu gehen. Es lohnt sich. Immer! Auch, wenn ich es schon mal vergesse. Also dann, bis später!«

*

Es war eine gute Idee, sie alle für das gleiche Wochenende einzuladen. Jetzt, wo es endlich so weit ist, legt sich meine Nervosität. Mein Atem ist ganz ruhig. Der Puls gleichmäßig. Der Blutdruck sicher nicht in einem pathologischen Bereich. Es geht mir gut!

Vor einer Stunde war das noch anders. Als ich in Norddeich die Fähre betrat, plagten mich tausend Zweifel. Ob ich alles bedacht hätte. Ob alles vorbereitet sei. Ob ich bereit sei, den nächsten Schritt zu wagen.

Ich war hin und her gerissen zwischen meinem Wunsch, ruhig zu sitzen, zu beobachten, zu entdecken, zu vergleichen, den Dingen ihren Lauf zu lassen und dem Drang, zur Toilette zu gehen, meinen Puls zu fühlen, in den Spiegel zu sehen, etwas zur Beruhigung einzunehmen.

Wenn ich den inneren Monolog nicht mittlerweile perfekt beherrschte, dann hätte ich an dieser Stelle einpacken und gehen können. Aber so gelang es mir, mich selbst zu coachen. Tief einatmen, Luft anhalten, ganz langsam ausatmen. Spüren, wie der Körper in den Entspannungsmodus geht. Es kann nichts passieren. Alles ist bis ins Letzte bedacht. Jetzt gibt es kein Zurück.

Und als ich sie dann sah, war ich vollkommen geflasht. Das war jetzt Wirklichkeit. Kein Spiel, keine virtuelle Welt, kein Chatroom mit Nickname und falscher Identität. Sie war echt! Viel lebendiger, als ich sie mir jemals vorgestellt hätte. Cool und selbstbewusst, wie sie da auf der Bank saß und gegen die Sonne blinzelte. Und jung, richtig jung, viel jünger, als ich dachte, wie 32-Jährige aussehen. Die langen, blonden Haare trug sie offen, die graue Mütze hatte sie über den Hinterkopf gezogen und die Sonnenbrille darübergeschoben. Echt cool. Machte richtig was her. Eine, mit der man sich zeigen konnte. Eine, die auf die Insel passte. Sie würde sich wohlfühlen, da war ich mir sicher. Und ich würde darauf wetten, sie morgens beim Joggen am Strand antreffen zu können.

Es läuft. Das fühlt sich noch viel besser an als erwartet.

*

Daniela hielt einen Moment inne, als sie in die Gartenstraße einbog. Wie immer war das der Augenblick, in dem alles von ihr abfiel. Endlich war sie richtig angekommen. Nicht, dass sie nicht gerne im Rheinland war. Da würde ihr glatt etwas fehlen, wenn sie dort wegzöge. Der Karneval. Die Menschen. Und auch die Arbeit. Klar gab es die Tage, an denen sie alles lieber machen würde als Haare colorieren, strähnen, locken, schneiden und frisieren. Wenn mal wieder eine Prinzessin Siebenhaar vor ihr saß, deren dünne Härchen sie in eine Wallemähne verwandeln sollte, konnte ihr die Lust schon vergehen. Oder die Kundinnen in teuren Klamotten, die oft erzählten, was sie alles kauften, dann aber knauserig mit dem Trinkgeld waren. Dass der Job nicht viel abwarf, war ja wohl jedem bekannt, und Knie, Füße und Arme konnte sie vom stundenlangen Stehen abends deutlich spüren. Wie gut, dass die netten Kunden deutlich in der Überzahl waren. Die sie lobten und wussten, dass sie mit Schere und Kamm alles gab. »Meine Meisterin auch ohne Meisterbrief«, scherzte ihre Chefin oft. Die wusste, was sie an ihr hatte, und ließ ihr freie Hand. Ihre Chefin, die war für sie ein Glück gewesen. Zusammen wuppten sie schon über zwölf Jahre das Geschäft. Jeden Jahrestag feierten sie gemeinsam, und auch sonst wurde Daniela immer mal liebevoll überrascht. Wenn sie ehrlich war: Da gab es nichts zu meckern.

Aber jetzt war sie auf ihrer Insel. Jetzt wollte sie nur noch Meer und Strand, Fisch und Wein, lange schlafen und es sich gut gehen lassen.

Hinter einem kleinen Vorgarten lag das weiß getünchte Haus mit seinen roten Dachziegeln. Der gepflasterte Weg führte zur Haustür, die sich in der Mitte des langgezogenen Gebäudes befand. Die Fenster lagen symmetrisch angeordnet zu beiden Seiten und gaben dem Haus durch die grünen, verwitterten Fensterläden ein altmodisches Aussehen. Auch in dieser Straße war der Modernisierungsboom angekommen, und die Häuser rechts und links zeigten sich mit klareren Formen, schicken Edelstahltüren und Sonnenbalkonen im ersten Stock. Daniela wurde wehmütig, als ihr beim Anblick der Veränderungen bewusst wurde, dass die Pension von Frau Dirkens schon fast aus der Zeit gefallen schien. Wie lange sie sich wohl noch halten konnte? Hoffentlich noch eine ganze Weile, seufzte Daniela. Sie mochte Veränderungen nicht sonderlich, und ihr würde ohne Frau Dirkens etwas fehlen auf Norderney.

Daniela drückte auf die Klingel, die im Inneren des Hauses eine kleine Melodie auslöste. Sie schmunzelte. Schon als Kind hatte sie dem Klang hingerissen gelauscht.

Es dauerte länger als sonst, bis Frau Dirkens die Tür öffnete. Daniela hatte den Finger schon ein zweites Mal an den Klingelknopf legen wollen. Doch dann wurde mit bekanntem Schwung die Tür aufgerissen und Frau Dirkens stand da, wie eh und je in Rock und Bluse, die grauen Haare unkompliziert kurz geschnitten und die grüne auffällige Brille, die sie seit einigen Jahren trug, keck ins Haar gesteckt.

»Daniela, Kind, komm her und lass dich umarmen. Was freu ich mich, dich zu sehen. Komm an meine alte Brust. Du bist ja noch immer mein Kind!«

Daniela schossen Tränen in die Augen. Wenn jemand so herzlich und liebevoll mit ihr redete, wurde sie sentimental. Da halfen auch ihr sichtbarer Schutzpanzer und ihre burschikose Art nicht mehr.

»Frau Dirkens, ich bin so froh, mal wieder hier zu sein!«, schniefte sie. Daniela hatte Sorge, die zierliche Frau zu erdrücken, aber die ließ in ihrer zupackenden Art nicht so schnell los.

»Gut, dass du da bist, mein Kind. Du gehörst zu meinen liebsten Gästen. Und davon habe ich nicht mehr viele. Aber jetzt mal rein mit dir in die gute Stube. Ich habe uns einen echten Tee gemacht.«

»Na, ob ich das vertrage, ich weiß nicht«, lachte Daniela.

»Ach, schnack mal nicht, natürlich kannst du das ab. Wir fangen mit einem Ostfriesentee an.«

Daniela wusste, was kam und dass jeder Widerstand zwecklos war. Mit 16 war sie in die höheren Weihen der Teestunde von Frau Dirkens eingeführt worden.

Das ostfriesische Teeritual, das die erste Runde einläutete, kannte sie noch länger. Die Pensionswirtin hatte den Tisch mit dem Service ›Ostfriesische Rose‹eingedeckt und bat Daniela nun, die Tassen mit den Kluntjes zu bestücken und das Stövchen anzumachen, während sie den Tee aus der Küche holte.

Daniela schaute sich um. Hier in der guten Stube hatte sich seit ihrem letzten Besuch nichts verändert. Das Wohnzimmer war vor Jahren durch einen Anbau nach hinten heraus vergrößert worden. Nun standen hier vier Tische, an denen morgens die Gäste ihr Frühstück einnahmen. An einem der Nussbaumtische standen wie zu Großmutters Zeiten ein Biedermeiersofa und drei hohe Stühle mit Korbgeflecht. Der geflieste Kachelofen bollerte an der Längswand des Zimmers vor sich hin. Daniela stellte sich mit dem Rücken zu ihm und genoss die Wärme, die sie durchströmte. Ein großes Fenster lenkte ihren Blick in den Garten. Durch eine schmale Flügeltür konnte die Terrasse betreten werden, auf der Gartenmöbel zum Verweilen einluden. Vier Stufen führten durch die abfallenden Blumenbeete hinunter auf die Rasenfläche, auf der ein Strandkorb in den Farben Blau-Weiß daran erinnerte, dass das Meer nur einige Hundert Meter entfernt war. Was für eine Idylle! Als wäre die Zeit stehen geblieben. Daniela wurde sich der lauten Wanduhr bewusst, die trotz des beharrlichen Tickens die Ruhe und Abgeschiedenheit des Raumes betonte. Sie wandte sich gerade dem Gemälde über dem Sofa zu, als Frau Dirkens mit dem Tee den Raum betrat.

»Komm, Daniela, setz dich, es geht los.« Frau Dirkens schüttete den heißen Tee, der kurze Zeit gezogen war, über die Kluntjes, wodurch es ein leise knackendes Geräusch gab. Sodann reichte sie Daniela die Sahne. Mit einer vorsichtigen Bewegung ließ Daniela diese am Tassenrand hineingleiten, sodass sie sich erst leicht nach unten absenkte, um sich dann wolkenartig auf dem Tee auszubreiten. Daniela erinnerte sich noch daran, wie sie als Kind versucht hatte, die süße Sahnewolke aus dem Tee zu löffeln. Das aber hatte man ihr schnell abgewöhnt. Der Löffel diente eben nur dazu, die Sahne hineinzugeben und abschließend, aber frühestens nach der dritten Runde, das Ende der Teezeit anzuzeigen, wenn der Löffel in die Tasse gesteckt wurde.

Früher war sie ab dem zweiten Durchgang entlassen worden. »Nun geh mal spielen!«, hatte es da geheißen. Heute wiederholte Frau Dirkens mit ihr das, was sie das »ordentliche Teeritual« nannte, so wie sie es früher mit Danielas Eltern praktiziert hatte. Aus einem großen Wandschrank, der neben dem Frühstücks- und Teegeschirr eine kleine Hausbar beherbergte, holte die Pensionswirtin mit einem verschmitzten Lächeln eine Flasche schottischen Whiskey.

»So, weiter geht es! Mit dem Geheimrezept meines Mannes, dem seligen. Damit du mal richtig warm wirst hier auf unserer Insel. Du willst doch sicher nachher noch ans Meer. Es frischt ganz schön auf. In den Nachrichten kam eben, dass auch ein schwerer Sturm in den nächsten Tagen möglich wäre. Da muss man sich wärmen und stärken, Kind, von außen und von innen. Und mit dem Tee zusammen hat das noch niemandem geschadet.«

Auf die noch nicht vollständig geschmolzenen Kluntjes gab Frau Dirkens den Scotch, und Daniela wiederholte ihren Teil des Rituals, um die perfekte Wolke in ihrer Tasse zu kreieren.

»So, Kind, iss auch was von meinem Butterteegebäck. Ich habe kaum noch Gäste und backe doch so gerne. Wo soll ich da nur alles mit hin?«

»Was geht es mir gut bei Ihnen, Frau Dirkens. Ich bin jetzt schon tiefenentspannt. Und das liegt nicht nur am Whiskey.«

»Das freut mich, mein Kind. Das freut mich. Du wirst bestimmt eine gute Zeit hier haben.«

Daniela deutete auf das Gemälde, das sie eben betrachtet hatte. »Das Bild mag ich so gerne. Wenn ich zu Hause bin, erinnere ich mich oft daran. So stelle ich mir das Leben auf der Insel vor 100 Jahren vor.«

»Ja, so war das damals. Du weißt ja, dass mein Mann das Bild gemalt hat. Und er kam aus einer Fischerfamilie, wie das da auf dem Bild dargestellt ist. Das war eine arme und schlimme Zeit damals, auch wenn das auf uns heute so idyllisch wirkt. Mein Ole ist auch auf See gewesen. Und musste bestimmt deswegen so früh gehen, weil das harte Jahre waren. Wie gut, dass wir das Haus hatten und ich mir alles aufbauen konnte. Und dass ich von ihm das ostfriesisch-schottische Teeritual übernommen habe. Davon mache ich uns noch eine Runde, aber erst bringst du deinen Koffer hoch und dann geht es gleich ab an die Seeluft!«

»Zu Befehl, Frau Chefin! Das mache ich gerne. Bin ich eigentlich alleine hier oder gibt es noch andere Gäste?«

»Du hast Glück. Heute kommt noch eine junge Frau an. Mit der nächsten Fähre. Vielleicht versteht ihr euch ja ganz gut. Dann könnt ihr abends mal zusammen los. Na, du weißt schon. Euch mal umgucken.« Frau Dirkens zwinkerte ihr zu. »Und nun, raus mit dir!«

Daniela lachte, als Frau Dirkens sie aus dem Zimmer schob. Sie fühlte sich leicht, beschwingt und allem enthoben. So konnte es bleiben, wenn es nach ihr ginge.

*

Wie gut, dass ich mich für das Moleskine entschieden habe. Anfangs kam ich mir reichlich albern damit vor, als müsste ich jetzt auch eine künstlerische Ader vor mir hertragen. So wie die Irren in meiner Therapiegruppe, die durch das Malen angeblich zurück zu ihrer Mitte fanden. Wer es denn glaubt! Mir konnte da keiner was weismachen. Ich habe das Spielchen mitgespielt, bis ich meinen Willen hatte. Geheilt entlassen. Mit Medikamenten stabil! Ja, glaubt ihr nur daran. Meine Heilung steht erst noch bevor.

Mein Schreiben haben sie gelobt. Als wäre es ihr Verdienst! Von wegen. Geschrieben habe ich mein Leben lang. Zu dokumentarischen Zwecken, nicht zu therapeutischen, ihr Schlaumeier. Es ist eine Kunst, die ich mir angeeignet habe. Eine kulturelle Errungenschaft, hört ihr? Etwas, das heute kaum noch einer kennt. Mit Federhalter und Tinte und teurem Papier. Heute geht Schreiben doch nur noch virtuell. Keine Postkarten, keine Briefe mehr. Die Handschrift verschwindet. Ihr werdet schon sehen, wohin euch das führt. Genau! Ihr werdet schon sehen!

Das affektierte Moleskine ist heute für mich der notwendige Kompromiss. Der Takt der nächsten Tage macht es notwendig, auch unterwegs zu schreiben. So wie jetzt, wo ich denn zum zweiten Mal für heute auf der Fähre von Norddeich nach Norderney sitze. Ich bin froh, alles aufschreiben zu können, denn ab jetzt geht es Schlag auf Schlag. Von Norderney mit dem Flieger zurück nach Norddeich, erste Notizen, und nun mit der nächsten Fähre wieder unterwegs zur Insel. Wie gut, dass im Herbst die Schiffe seltener fahren als nach Sommerfahrplan. So habe ich doppeltes Glück, weil zwei der Damen mit mir an Bord gegangen sind und mir eine dritte Rundtour, die möglicherweise riskant geworden wäre, ersparen. Wenn wir gleich anlegen, kann ich mir selbst gratulieren, dann habe ich sie alle beisammen, meine Schäfchen! Nummer vier war ja so ungeduldig, sie ist schon seit ein paar Tagen auf der Insel. Umso mehr wird sie sich endlich auf Gesellschaft freuen.

Das Schiff ist auch nicht sonderlich voller als das heute Mittag. Es ist aber deutlich windiger geworden, sodass man oben an Deck kaum noch sitzen mag. Dachte ich. Aber wie Frauen so sind. Die eine hier, die andere dort. Dabei will ich doch beide sehen und meine Vorfreude langsam steigern. Sitze erst mal hier unten im Bordrestaurant, um einen Kakao zu trinken, der mir jetzt, wo ich die Sahnehaube schon gelöffelt habe, nicht mehr schmeckt. Dabei kann ich zwischen den anderen Gästen hindurch beobachten, wen ich mir da eingeladen habe. Mit dem Niveau von vorhin haben alle beide wenig gemeinsam, das habe ich mit einem Blick gesehen.

Um es also mal ordentlich zu dokumentieren: C.T. war die Erste heute Morgen, D.B. hat schon einige Inseltage hinter sich und J.K. sitzt keine zehn Meter von mir und weiß nicht, dass sie unter Beobachtung steht.

Krankenschwester ist sie. Juliane. Schwester Jule wird sie genannt, hat sie mir geschrieben. Arbeitet in der Chirurgie, ist geschieden und alleinerziehend. Wünscht sich wieder eine feste Beziehung. Jemanden, der auch dem Kind ein Vater wäre. Will aber noch nicht mal sagen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Um das Kind zu schützen. Haha! Guter Witz. Sollte mal darüber nachdenken, wie sie sich selber schützt. Zu spät! Dann hätte sie ja mich nicht kennengelernt. Für meinen Geschmack könnte sie ruhig etwas mehr für sich tun, so wie sie mir da gegenübersitzt. Dass sie klein ist, dafür kann sie ja nichts. Aber dann muss man das Gewicht auch der Größe anpassen können. Die legere Kleidung mag ja für die Nordsee gerechtfertigt sein. Für die Abende hat sie wohl hoffentlich noch etwas anderes im Koffer als Windjacke und Wanderschuhe.

Bisher war sie mir allerdings von allen vieren fast die Liebste. Verständnisvoll und mitfühlend. Denkt mehr an andere als an sich. Nur in dem einen entscheidenden Punkt ist sie eine Schlampe wie alle anderen auch. Und deswegen sitzen wir heute zusammen auf der Frisia. Ich freue mich! Mal sehen, ob sie auch das verstehen wird.

Muss jetzt noch hoch an Deck, um M.R. kennenzulernen. Habe sie eben kaum erkannt. Dieses Biest scheint mich echt mit einem uralten Foto genarrt zu haben. Aber eine Haarfarbe wie die ihre trägt keine andere freiwillig. Sie musste es also sein. Dann werde ich sie mal richtig in Augenschein nehmen.

Trotz des schönen Sonnenwetters ist es leider zu windig, um dort oben zu schreiben, das wird später nachzuholen sein.

*

Ruth Keiser hatte sich auf ihrem Bett ausgestreckt und war fast eingeschlafen. Die Seeluft und das Reizklima wirkten wohl schon. Nach dem Einchecken im Hotel hatte sie nur kurz ihren Blazer aus dem Koffer befreit und auf einen Bügel gehangen und war dann, wie immer, wenn sie am Meer war, zu einem Spaziergang aufgebrochen. Sie hatte den Weg zum Weststrand eingeschlagen. Wenn schon, dann sollte der Wind sie auch ordentlich durchpusten können. Obwohl sie doch über das Wasser hergekommen war, haute der Anblick des Meeres vom Strand aus sie wieder einmal um. Der Wind peitschte das Wasser kräftig hoch und zerrte auch an ihrer Jacke. Wie gut, dass sie eben nach Mütze und Schal gegriffen hatte. Ihr Blick ging zurück zum Festland, das ihr weit weg erschien. Sie mochte das Gefühl, ein Stück weit abgeschnitten vom normalen Leben zu sein. Andererseits war sie insgeheim ganz froh, mit Norderney auf der sicheren Seite zu sein. Tideunabhängiger Fährverkehr und ein Krankenhaus gaben ihr ein Gefühl der Sicherheit und Kontrolle. Das würde ihr keiner glauben, dass sie das brauchte, und sie gab es auch nur ungern vor sich selber zu. Aber klar, sie war nun einmal einer dieser Kontrollmenschen, und wenn sie auch versuchte, dagegen anzugehen, so war sie trotzdem froh, hier und nicht drüben auf der Nachbarinsel zu sein. Wenn sie nach Juist schaute, dann erinnerte sie sich an das Wochenende, zu dem ihr letzter Freund sie eingeladen hatte. Lange Strandspaziergänge, ausgedehnte Saunagänge und eine gediegene, aber ansprechende Gastronomie hatten ihr gut gefallen. Trotzdem hatte sie immer ein Gefühl des Unbehagens befallen, sobald das tägliche Schiff wieder abgelegt hatte. Nur die Schilder der Badeärzte hatten ihr geholfen, sich in Sicherheit zu wiegen. Nein, sie war eindeutig eine ›Insulanerin light‹.

Ruth hielt ihr Gesicht in die Sonne. Das Wetter war einfach herrlich, deswegen setzte sie sich einige Minuten in den Sand, um die Aussicht auf das Meer zu genießen. Der Blick von hier zur Zauberinsel, wie Juist sich nannte, konnte kaum schöner sein als um diese Tageszeit, wenn die Sonne mit den Wolken um die Vorherrschaft rang und in das wind- und wetterbewegte Meer ein paar glitzernde Strahlen schickte.

Doch nach kurzer Zeit wurde sie ungeduldig. Sie wollte ihre Begrüßungsrunde auf Norderney ablaufen, ohne die sie am Abend nicht das Gefühl hätte, angekommen zu sein. Sie mochte diese immer etwas raue und spröde Insel, die viele erst auf den zweiten Blick lieben lernten. Viel zu viele hässliche Stellen waren im Laufe der Jahre entstanden, als man versucht hatte, dem Massentourismus gerecht zu werden. »Funktionalität vor Schönheit« war jahrzehntelang die Parole gewesen. Da, wo alte Bausubstanz erhalten geblieben war, erinnerte diese an das längst vergangene königlich-preußische Seebad. Der historische Badekarren, der früher als Umkleide gedient hatte, und geschlechtsgetrennte Badestätten, an die heute noch der Damen- und der Herrenpfad erinnerten, stammten aus einer Zeit, als Norderney seinen ersten touristischen Boom erlebt hatte. An all das begann man sich gerade nach Jahren als Partyinsel wieder zu erinnern.

Ruth war, die letzten Sonnenstrahlen im Rücken, der Promenade gefolgt, vorbei am Kletterpark, der Giftbude und dem Badekarren, der inmitten einer Burg aus Strandkörben als ausgelagertes Standesamt auf heiratswillige Paare wartete.

Als die Milchbar vor ihr auftauchte, freute sie sich auf ein leckeres, heißes Getränk, das ihre Hände und den Magen wärmen würde, während sie durch die Panoramafenster aufs Meer blicken würde. Hoffentlich fand sie einen Platz.

Von Jahr zu Jahr war dieses Lokal immer mehr zum place to be geworden, und jeder, der auf Norderney war, kannte diesen Ort. Den Sonnenuntergang hier zu erleben, war zu fast jeder Jahreszeit Pflicht, was allerdings zunehmend dazu führte, dass es gerade im Inneren oft eng und voll wurde. Nun, sie allein würde sicher noch einen Platz auf einem der Loungesessel hinter der großen Fensterfront finden. Nur eben einen Milchkaffee, ein Stück frisch gebackenen Kuchen, ein wenig in die ganz spezielle Atmosphäre mit chilliger Musik eintauchen, und sie würde wissen, dass diese nächste Woche auf der Insel nicht nur Arbeit für sie bereithielt.

Auf dem Rückweg hatte sie sich plötzlich müde und erschöpft gefühlt. Quer durch den Ortskern hatte sie den schnellsten Weg zum Conversationshaus gewählt. Von dort war es nicht mehr weit zu ihrem Hotel. Nur eine kurze Zeit ausruhen, hatte sie gedacht, als sie sich auf das Bett gelegt hatte.

Ruth schaute nun träge auf ihr Handy und schüttelte den Kopf, als sie sah, wie spät es schon war. Sie stand gähnend auf, streckte ihren ganzen Körper, klappte ihn vorwärts, bis ihre gesamte Handfläche den Boden berührte, und hob die Arme über die Seiten bis ganz nach oben. Morgen früh würde sie den Tag auf jeden Fall mit einer längeren Yoga-Einheit beginnen. Für heute war es dazu zu spät. Wenn sie Angela Pfeifer heute Abend vernünftig und kompetent gegenübertreten wollte, würde sie kurz unter die Dusche hüpfen müssen.

*

Endlich bin ich zurück in meiner Ferienwohnung. Was für ein Glück, dass ich gestern Zeit genug hatte, mich wohnlich einzurichten. Wäre auch zu auffallend gewesen, wenn ich heute erst mit großem Gepäck angereist wäre und alles mit auf meine Rundreise hätte nehmen müssen. Der Taxifahrer am Hafen war sowieso erstaunt, wie viele Koffer ich dabeihatte. Aber als ich erzählt habe, dass ich an einem Fotobuch arbeite und entsprechend Kameraausrüstung, Schreibgerät und Recherchematerial dabeihabe, hat er Ruhe gegeben. Und mir stattdessen die schönsten Flecken der Insel nennen wollen. Als ob ich die nicht längst kennen würde. Ich konnte ihm ja schlecht sagen, dass es für diesen Aufenthalt sogar ganz besondere Plätze sind, die ich auserwählt habe. Der letzte Blick soll schon ein besonderer sein, ich will da gar nicht mal so sein. Bin ja auch ein ästhetischer Mensch, da sage einer, was er wolle.

Als ich auf dem Schiff an Deck kam, hatte M.R. sich in einen dicken Schal gewickelt, sodass man kaum etwas von ihr sehen konnte. Nur eine Handvoll Leute saß bei dieser Überfahrt an Deck, sodass ich erst unsicher war, wie ich mich verhalten sollte. Deckung gab es nun keine. Dann mal ran an den Fisch, habe ich mir gedacht und mich eine Bankreihe neben sie gesetzt. So auf einer Höhe, dass sie sich schon hätte drehen müssen, um mich zu sehen. Ich wiederum saß von Anfang an so schräg, dass ich sie gut beobachten konnte, wenn ich mich scheinbar voller Interesse umschaute. Na, da hatte ich mir ja was geangelt, kann ich nur sagen. Eine Mischung aus englischem Landadel und verhuschter Dorfhexe, würde ich meinen. Sie trug tatsächlich Gummistiefel. Gummistiefel bei einer erwachsenen Frau, die nicht bei der Gartenarbeit war. Unfassbar! Ich hatte das immer für einen modischen Witz gehalten, dass dieses Schuhwerk nun angeblich alltagstauglich werden sollte. Tatsächlich gab es wohl Menschen, die das ernst genommen hatten. Vom Rest der Kleidung passte nichts, aber auch gar nichts zusammen. Dunkle, gedeckte Farben, ja, aber diese kunterbunt gemischt. Mal grün, mal braun, hier eine Lage Blau, dort ein dunkles Grau. Abscheulich, kann ich nur sagen. Da hatte sie mich wohl ganz schön an der Nase herumgeführt.

Ich war fast willens, sie von meiner Liste zu streichen. Sie passte nicht ins Schema, war eindeutig eine andere Kategorie. Andererseits gehörte sie letztendlich auch zu diesen Kreaturen, die permanent im Netz zu finden sind. Koste es, was es wolle. Alles, was sie mir über dieses seltsame Hobby geschrieben hatte, das sie betreibt, passt auch auf ihre aufdringliche Suche nach Männern. Unangemessen und fordernd tritt sie auf. Als Mannweib wäre sie zu früheren Zeiten in der Literatur beschrieben worden. Wenn sie wüsste! Dachte, sie hätte mich für dieses Geocachen gewinnen können. Dass ich nicht lache. Das hätte das Maß noch voll gemacht: durch die Büsche kriechen und mich lächerlich machen. Für die Theorie war ich mir nicht zu schade. Ich bilde mir gerne etwas auf meinen Bildungshunger ein. Und als sie sich dann über diese Gattung Cacher echauffierte, die im Internet loggen, ohne jemals vor Ort gewesen zu sein, da hatte sie mir die Vorgehensweise gleich mitgeliefert. Alles hätte ich von da an von ihr verlangen und haben können, von dem Moment an, als ich mich als Cacher registriert hatte.

»Meine esoterische Logikerin« habe ich sie genannt, und sie fühlte sich doch tatsächlich geschmeichelt. Verstand die Ironie nicht vor lauter ›Dich hat das Universum mir geschickt‹.

Als ich sie nun auf dem Schiff leibhaftig sah, stand fest: Sie wird die Erste sein! Es wird die ungefährlichste und leichteste Tat, da bin ich sicher. Und ganz ehrlich: Ihr Aussehen und Auftreten sind schon fast eine Beleidigung für andere Menschen. Eigentlich sollte man mir dankbar sein.

Als würde ich für kluge Ideen auch belohnt, stand sie im gleichen Augenblick auf. Nun: Auf Figur und Größe lasse ich nichts kommen, das macht schon einiges wett. Als sie den Schal leicht lüftete, sah ich das schlecht gefärbte Haar, das mich mit seinem rot-orangen Ton an die rostigen Drahtbürsten erinnerte, die früher in der Werkstatt meines Vaters lagen. Das Brillengestell hatte sie wohl der Haarfarbe entsprechend gewählt. Es hat exakt den gleichen Ton, soweit sich das von meinem Platz aus sagen ließ. Allerdings sitzt es schlecht und scheint dem Gesicht nicht angepasst worden zu sein. Wäre unser Aufeinandertreffen das, wofür sie es hält, sie hätte keine Chance. Kein Mann von Verstand würde sich auf eine solche Vogelscheuche einlassen. Doch allein ihr Versuch, sich an den Mann zu bringen, rechtfertigt meine Wahl.

 

Freitag

»Station 7, Schwester Juliane.«

»Juliane, hallo, Juliane, ich lach mich schräg, was erzählst du denn da am Telefon? Du bist nicht auf Arbeit! Hey, werd wach, oder ich lass deinen Sohn mal durchs Telefon rufen!«

»Oh Gott! Wie spät ist es denn? Was ist denn los? Und Noah, was ist mit Noah? Christiane, los, sag schon. Was ist mit Noah?«

»Oh Mann, dir setzt die Nordseeluft aber zu! Oder bist du gestern Abend schon auf der Pirsch gewesen? Ist ja unglaublich, wie du neben dir stehst – wenn du überhaupt schon stehen kannst.«

»Christiane – jetzt sag schon, ist was mit Noah?«

»Nein, verdammt. Dann würde ich doch nicht so entspannt durchs Telefon mit dir snacken. Nee, mit dem Noah ist gar nichts. Der spielt mit Frederic, ist alles entspannt, brauchst dir echt keinen Kopf machen.«

»Und warum weckst du mich dann in aller Herrgottsfrühe?«

»Herrgottsfrühe, na, du bist ja drollig. Mal einen Tag ohne Kind und nennt zehn Uhr morgens Herrgottsfrühe. Schau mal raus oder auf deine Uhr oder was auch immer. Zehn Uhr! Morgens! Zeit zum Aufstehen!«

»Ich gehe später frühstücken. Entweder in die Kaffeegenießerei oder nach elf Uhr in die Milchbar. Wenn ich schon hier bin, habe ich keine Lust auf stinknormalen Filterkaffee. Aber ich weiß immer noch nicht, was du eigentlich willst.«

»Was ich will? Das fragst du? Ich will alles WISSEN! Gibt es etwas Neues? Habt ihr euch schon getroffen? Du und dein geheimnisvoller ›Du-weißt-schon-wer‹?«

»Nein, wir haben uns noch nicht gesehen. Er hatte ein Problem. Sein Auto ist nicht angesprungen. Er war ziemlich hektisch und hat eine Nachricht nach der anderen geschickt. Richtig verstanden habe ich es trotzdem nicht. Er musste den Wagen unbedingt wegbringen, weil es ein Firmenwagen ist, und da es für einen Leihwagen zu spät war, kommt er erst heute im Laufe des Tages an.«

»Ach, echt? Hättest du ja gestern whatsappen können. Ich dachte, ich lass dich da mal lieber mit deinem Date in Ruhe.«

»Christiane, tut mir echt leid. Ich habe mich nicht mehr gemeldet, weil ich Sehnsucht nach Noah gekriegt hätte. Ich bin ganz viel über die Insel gelaufen, habe geguckt, was es Neues gibt, bin an der Kurklinik vorbei, und da hätte ich schon fast geheult, weil ich das letzte Mal mit Noah hier war. Später war ich einen Wein trinken in der Milchbar. Na ja, waren in Wirklichkeit drei, und die haben mich zusammen mit der Seeluft ziemlich umgehauen. Und bei euch? Hat Noah gut geschlafen?«

»Mach dir wirklich keinen Kopf. Noah geht es gut bei uns. Du weißt, ich hüte ihn wie einen Augenstern. Frederic freut sich total, dass sein Cousin mit hier ist und mit ihm in einem Zimmer schläft. Für mich ist es auch viel einfacher, weil die beiden sich richtig gut miteinander beschäftigen. Ich habe sogar heute Morgen schon Pilates machen können. Und das bei zwei Kleinkindern im Haus – perfetto!«

»Danke, Lieblingsschwägerin, dass du das tust! Und dass du Frederic heute aus dem Kindergarten lässt, damit Noah nicht alleine ist. Weiß ich echt zu schätzen. Und das, wo ich doch gerade Ersatz für deinen Bruder suche.«

»Ach Juliane, ich weiß ja, wie mein Bruder tickt. Klar finde ich das alles doof und hätte es gerne anders. Aber ich kann dich verstehen. Und du weißt, wie sehr du mir ans Herz gewachsen bist. Also, meinen Bruder bist du vielleicht losgeworden, bei mir wirst du das nicht schaffen.«

»Danke, Christiane, danke. Ich glaube, ich leg auf, sonst flenne ich richtig los. Bitte drücke Noah, drücke ihn ganz doll von mir. Wenn du ihn jetzt ans Telefon holst, bleibe ich nicht hier. Ich halte das nicht aus.«