Inselnächte - Anja Eichbaum - E-Book

Inselnächte E-Book

Anja Eichbaum

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Beschreibung

Ein heißer Sommer auf Norderney: Als ein Kind in den Dünen fast verschüttet wird, ahnt Inselpolizist Martin Ziegler noch nicht, dass dies erst der Auftakt zu einer Reihe dramatischer Ereignisse ist. Wenige Tage später wird an derselben Stelle eine Leiche gefunden - Kevin Jansen, der jüngste Spross einer zerstrittenen Inselfamilie. Bei ihren Ermittlungen stoßen Ziegler und sein Team auf ein Netz aus alten Familiengeheimnissen, dubiosen Erbstreitigkeiten und längst vergessener Schuld.

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Seitenzahl: 568

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Anja Eichbaum

Inselnächte

Kriminalroman

Zum Buch

Dünengrab »Raus da! Betreten verboten!« Inselpolizist Martin Ziegler flucht. Ständig muss er Touristen und Einheimische aus den Dünen holen, um Mensch und Natur zu schützen. Vergeblich! Als ein Mann tot aufgefunden wird, steht Ziegler vor einem mysteriösen Fall, denn das Opfer ist Kevin Jansen, der jüngste Sohn einer der verschlossensten Familien der Insel. Die Jansens, die immer schon für Gerüchte und Gesprächsstoff gesorgt haben, scheinen mehr als nur ihr Vermögen zu hüten – bewahren sie auch ein dunkles Familiengeheimnis? Ziegler und sein Kollege Gert Schneyder von der Kripo Aurich beginnen zu graben: Sie decken mit ihren Ermittlungen die Geschichte einer Familie auf, deren Mitglieder so unterschiedlich wie verdächtig sind. Doch können sie damit das Unheil aufhalten?

Anja Eichbaum stammt aus dem Rheinland, wo sie bis heute mit ihrer Familie lebt. Als Diplom-Sozialarbeiterin ist sie seit vielen Jahren leitend in der Kinder- und Jugendhilfe tätig. Frühere biographische Stationen wie eine Krankenpflegeausbildung und ein »halbes« Germanistikstudium bildeten Grundlage und Füllhorn zugleich für ihr literarisches Arbeiten. Aus ihrer Liebe zum Meer entstand ihr erster Norderney-Krimi, denn ihre Bücher verortet sie gerne dort, wo sie am liebsten selbst ist: am Strand mit einem Kaffee in der Hand. Nach Ermittlungen auf Norderney mit Abstechern an die Ostsee und ins Rheinland, agieren ihre Protagonisten erneut auf der ostfriesischen Insel.

Impressum

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Satz/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Joachim Trettin, Norderney

ISBN 978-3-7349-3444-5

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Personenregister

Martin Ziegler, Dienststellenleiter Norderney

Anne Wagner, Ärztin

Ruth Keiser, Polizeipsychologin

Oskar Schirmeier, Journalist

Daniela Prinzen, geborene Rick

Frank Prinzen

Marthe Dirkens

Helene Dannenberg, Autorin und Gast im Hostel

Gert Schneyder, Mordkommission Aurich

Nicole Ennert, Olaf Maternus, Silke Habicht, Ronnie Heitbrink, Polizei Norderney

Die Geschwister der Familie Jansen:

Jasper Jansen

Freyja Jansen

Henning Jansen

Wibke Jansen

Tomke Jansen

Kevin Jansen

Familie Schwarz/Menke:

Hendrik Schwarz

Sabrina Menke

Moolin Menke

Mirko Bramstätt, Bestatter

Pia Oltmann, Friedhofsgärtnerin

Ruby Bokel, Friedhofsgärtnerin (Auszubildende)

und andere …

Prolog

Er war verloren, als sie den Raum betrat. Die lange blonde Mähne reichte ihr bis zu den Hüften und schwang bei jedem Schritt hin und her. Er hatte selten eine erwachsene Frau gesehen, die sich traute, die Haare so offen zu tragen. Nicht einmal ein obligatorisches Haargummi, mit dem sich im Zweifelsfall ein schneller Pferdeschwanz bewerkstelligen ließe, zierte das Handgelenk.

Sie erinnerte ihn an kleine Mädchen, wie er sie aus Filmen kannte. Flachsblond mit weiten schwingenden Kleidern, meist mit Blümchenstreu bedruckt. Ein weiches Gesicht mit einem Lächeln, das andere hinwegschmelzen ließ. Und verdeckte, dass genauso viel Unsinn und Schalk im Nacken saßen, um Spaß miteinander zu haben.

In seinem wirklichen Leben gab es solche Kinder nicht. Wenn, dann nur aus der Ferne. Manchmal hatte er sich von zu Hause weggestohlen. Saß versteckt in einer Düne und suchte den Strand ab. Nach Wesen, wie er sie nur aus dem Fernsehen kannte.

Die Kinder in der Schule waren wie er. Obwohl auch das nicht stimmte. Bei ihm war vieles schlimmer, strenger, anstrengender. Freunde hatte er keine.

Alles, was du brauchst, hast du zu Hause.

Manchmal dachte er, das stimmt. Tief in seinem Inneren wusste er, wie groß die Lüge war.

Dass er heute hier saß, hatte damit zu tun. Bis vor ein paar Minuten war er auf dem Stuhl herumgerutscht. Unschlüssig. Bleiben oder gehen?

Sie hatte es entschieden.

Dass es die einzig richtige Entscheidung war, wusste er, als sie sprach.

»Sie war überfordert«, setzte sie an, und ein Schauder durchlief ihn.

Wie oft hatte er genau diesen Satz benutzt. Um auszuharren, um es zu verstehen, um es zu vergessen. Es ungeschehen zu machen.

»Wer hat Schuld?«

Die Therapeutin lächelte sanft. »Für die Gruppe ist es schwer, Ihnen zu folgen, wenn Sie die Geschichte vom Ende aufrollen. Mögen Sie in wenigen Worten chronologisch zusammenfassen, weshalb Sie heute hier sitzen?«

Mit großen Augen hatte sie in die Runde gestarrt, als könnte sie selbst nicht fassen, dass sie im Begriff stand, vor fremden Menschen zu sprechen. Dann war ihr Blick an ihm hängen geblieben. Und nicht mehr weitergerückt. Als hätte sie den Anker ausgeworfen, weil sie den richtigen Liegeplatz gefunden hatte.

Es war, als spräche sie nur zu ihm. Als spräche sie für ihn.

Wie ähnlich konnten Lebensereignisse sein, wenn einen nichts verband.

Außer einem Trauma, das sich nicht bewältigen ließ.

Außer der Therapiegruppe, in der sich heute ihre Wege kreuzten.

Er war bedingungslos verloren.

1

»Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Limonade daraus«, murmelte Anne und strich sich mit der freien Hand die Haare aus der Stirn. Sie ließ den dünnen Stock, mit dem sie die quietschgelbe Farbe in das Malerweiß einrührte, sinken und richtete sich stöhnend auf.

»Oder frage nach Salz und Tequila.« Martin Ziegler legte den Schlüssel auf den mit Folie abgedeckten Schreibtisch. »Du hättest besser auf mich gehört und die Farbe direkt im Baumarkt anrühren lassen. Wer macht sich denn heute noch so eine Arbeit? Aber dein Malerhut, der steh dir. Wozu die Norderneyer Badezeitung alles zu gebrauchen ist.«

Anne riss sich die Papiermütze vom Kopf. »In meiner Erinnerung hat das Anstreichen deutlich mehr Spaß gemacht. Wie uns das Gedächtnis täuschen kann.«

»Du warst jünger.«

»Sagst du, alter Mann?« Sie biss sich auf die Unterlippe, als sie sah, dass er zusammenzuckte. »Entschuldige. Du weißt, dass es nicht so gemeint war.«

»Ich koche uns besser erst einmal einen Kaffee. Eine Pause scheint dir gutzutun, und ich brauche sie genauso.«

»Vielleicht hörst du einfach auf, mir die Welt zu erklären«, murmelte sie vor sich hin. Doch dann folgte sie Martin in die Küche. »Du hast recht. Kaffee ist eine prima Idee. Besser als Tequila und Limonade.«

»Was ist denn los?« Er sprach über das laute Mahlen der Kaffeebohnen hinweg.

Anne beugte sich vor. »Hm, das duftet. Du kannst ja gegen meine Eltern sagen, was du willst, aber davon haben sie echt Ahnung. Das monatliche Lübecker Kaffee-Care-Paket ist schon eine nette Idee.«

»Als wenn wir auf der Insel keine hervorragenden Bohnen hätten. Du bist doch sonst immer diejenige, die vor Ort einkaufen will. Und dass dein Vater dir diesen Farbeimer aus seinem Keller gebracht hat. Sorry, ich kann es nicht fassen. Was für ein Aufwand.«

»Ja, ja. Lass es gut sein. Du hast recht. Ich glaube, es war ein vorgeschobener Grund.«

»Weil er sich überzeugen wollte, dass du nach zwei Monaten Ehe nicht in Tränen aufgelöst zu Hause sitzt? Und den Schritt vor den Altar bitterlich bereust?«

»Martin, jetzt werde nicht albern. Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen, dass du mir jedes Wort im Mund verdrehst?«

Er nahm den Tamper und drückte den gemahlenen Kaffee mit Wucht in den Siebträger. »Nichts. Das Übliche. Touristenbespaßung. Touristenbelehrung. Touristenbestrafung. Und kaum hat man Ruhe, steht ein Einheimischer vor einem und beschwert sich, dass wir nicht genug gegen die rauen Sitten der Urlauber unternähmen. Wann bitte beginnt der Herbst?«

»Du sehnst dich nach den Kegelklubs?« Anne nahm die erste Tasse und trug sie zum Tisch. »Das glaube ich dir nicht.«

»Okay, nicht der Herbst. Der Herbstherbst, also der richtige. Ab Mitte November. Und dann blenden wir Silvester, Karneval und Ostern aus und haben Ruhe bis kurz vor Pfingsten. Die Insel fast für uns alleine. Herrliche Zeiten.«

Anne schwieg. Obwohl sie genau wusste, dass auch seine Erinnerungen ihm einen Streich spielten. Sie steckte eine Hand in die Hosentasche ihrer Jeanslatzhose und trat ans Fenster.

»Lass den Kaffee nicht kalt werden.« Er stand plötzlich hinter ihr. Seine Stimme war jetzt sanft und leise. Er drückte sie an sich und umarmte sie. Seine Hände wanderten unter den Hosenlatz. »Was hast du da eigentlich für ein cooles Teil an? Habe ich ja schon lange nicht mehr gesehen. Früher …«

»Hat mein Vater mir mitgebracht. Als ich sie das erste Mal anhatte, fragte mich eine Freundin, ob ich schwanger sei. Da war ich mitten im Studium. Seitdem liegt sie bei den Malersachen. Zu Hause in Lübeck. Im Keller.«

Sie sah, wie er den Mund öffnete, und hob die Hand. »Sag nichts. Und glaube mir, es ist keine Anspielung. Auch nicht von meinem Vater.«

Martin lachte heiser. »Denkst du wirklich? Er hat pausenlos von der Farbe fürs ›Kinderzimmer‹ gesprochen. Zufall?«

»Du weißt doch, wie Eltern sind. Nicht nur sie. Unsere Freunde nerven, deine und meine Kollegen, und die Blicke, die sich in letzter Zeit alle auf den Bauch richten, sprechen eine eindeutige Sprache. Niemand nimmt mich ernst. Niemand außer Ruth.«

»Ruth Keiser? Was hat sie denn damit zu tun?«

»Nichts. Außer dass wir telefoniert haben.«

»Warum?«

»Wie, warum? Bin ich dir Rechenschaft schuldig? Ich dachte, du freust dich, dass ich mich mit deiner langjährigen Freundin und Kollegin so gut verstehe.«

Martin drehte sie zu sich herum. »Jetzt ist der Kaffee wirklich kalt. Es tut mir leid. Lass uns noch einmal neu starten. Eine Pause gefällig, meine Liebste? Ich kredenze dir den weltbesten Milchkaffee der Welt. Bitte, nehmen Sie Platz.«

Anne lachte, während sie sich auf dem Stuhl niederließ, den er hervorzog. »In Ordnung.« Sie legte den Zeitungshut, den sie immer noch in einer Hand gehalten hatte, vor sich und strich ihn mit den Fingern glatt. Ihr Blick blieb an einem Foto auf der Titelseite hängen. Die letzten Sturmfluten hatten besonders an der Weissen Düne zu einem gravierenden Sandverlust geführt. Das hölzerne Gerippe, das zuvor die sommerlichen Strandaufbauten getragen hatte, lag skelettartig brach und war nicht mehr zu nutzen. Da, wo sonst Familien mit Bollerwagen, Eimern, Schaufeln, Fischernetzen die Strandkörbe erobert hatten, ruhte das Untergestell wie ein stilles Mahnmal. Eines, dem man Glauben schenken sollte. Dass nichts mehr war wie zuvor. Dass kaum etwas für immer bleiben würde. Sie seufzte.

Martin schob die Tasse mit dem frischen Kaffee vor sie auf den Tisch. »So schlimm?«, fragte er.

»Definitiv kein Kinderzimmer«, antwortete sie, blies vorsichtig in den Milchschaum hinein und schaute ihn nicht an.

Er schwieg. Eine ganze Weile. Bis sie es fast nicht mehr aushielt. »Gut«, sagte er schließlich. »Dann bleibt ja nur die Frage: Tequila oder Limonade?«

Sie hob den Kopf. Sah den fragenden Ausdruck in seinen Augen. Sie lächelte ihn an. Schob ihre Hand in seine. »Warum nicht beides? Aber nur, wenn du mir beim Anstreichen hilfst.«

2

»Du siehst bezaubernd aus.« Martin tippte mit dem Finger auf Annes Nase. »Gelb steht dir.«

Sie knöpfte die Latzhose auf und wischte sich mit dem Zipfel ihres T-Shirts durchs Gesicht. Blickte dann in den Badezimmerspiegel. »Oje, gelber Ausschlag. Ich befürchte, dafür gibt es kein Heilmittel.«

»Musst du als Ärztin ja wissen. Und da hilft auch der versprochene Tequila nicht?«

»Wenn ich den trinke, kippe ich um. Dass Anstreichen so anstrengend ist.« Sie nahm einen Waschlappen und bearbeitete die Farbsprenkel in ihrem Gesicht, bis sich die Haut rötete. »Danke für deine Hilfe.«

»Was soll das heißen? Es ist doch unsere gemeinsame Wohnung. Und da alle Versuche, uns ein kleines Haus auf der Insel zu kaufen, vergeblich zu sein scheinen, ist es nur sinnvoll, das Zimmer endlich mal aufzupeppen.«

Anne warf ihm einen nachdenklichen Blick im Spiegel zu. »Das Bügelzimmer«, sagte sie.

»Fang nicht wieder an, okay? Ich würde sagen, das Gästezimmer. Meinetwegen auch Arbeitszimmer. Gib nichts auf das Gerede. Anne, ich kann das mitgehen. Schon allein wegen meines Alters. Lass die Sprüche an dir abprallen. Wir haben alles, was wir brauchen. Dich und mich. Uns beide. Haben unser Auskommen. Erfüllende Jobs. Die meiste Zeit jedenfalls. Und leben auf dieser traumhaften Insel. Weißt du, wie viele Menschen uns beneiden? Jederzeit tauschen würden?«

»Du hast recht. Mein Vater ist schuld. Und alle die, die mir komische Blicke zuwerfen. Warum habe ich das Gefühl, ich müsste mich rechtfertigen? Wo kommt das her?« Sie streifte die Hose herunter, stieg mit den Beinen heraus und schob sie mit dem Fuß achtlos in die Ecke.

Martin fiel es schwer, nicht die Hand nach ihr auszustrecken. Sie nicht zu berühren. Aber er ahnte, dass Anne es falsch auffassen würde. Deswegen beugte er sich vor, drehte den Wasserhahn erst auf heiß und dann auf kalt, kippte sich jeweils einen Schwall Wasser ins Gesicht und griff prustend nach dem Handtuch.

Er wandte sich ihr zu. »Zerbrich dir nicht den Kopf über das, was andere denken. Die meisten Leute sind mehr mit sich selbst beschäftigt als mit ihren Mitmenschen. Wir interpretieren die Dinge oft falsch und selbstbezogen.«

»Da kann man nichts missverständlich deuten, wenn einen jeder fragt, wann denn mit Nachwuchs zu rechnen sei.«

»Manchmal ist es einfach Geschwätz. Small Talk. Übernommene Rede- und Verhaltensweisen. Du springst doch sonst nicht über jedes Stöckchen, das man dir hinhält.«

Anne strich mit den Zeigefingern ihre Augenbrauen in Form. »Wahrscheinlich passiert es zu oft, dass ich für mich einstehen muss. Erklären, dass ich nicht die Pflegekraft bin, sondern die Ärztin. Dass ich genauso erfolgreich reanimieren kann wie meine männlichen Kollegen. Und nun auch noch, warum ich keine Kinder bekomme oder haben will. So übergriffig ist niemand Männern gegenüber.«

Martin grinste. »Du hast eindeutig mit Ruth telefoniert.«

»Was?« Anne griff nach einem Bikini, den sie auf den Badewannenrand gelegt hatte. »Glaubst du etwa, ich bräuchte jemanden, der mich mit der Nase auf die Misere stößt? Ich bin froh, dass sie nachvollziehen kann, wovon ich spreche.« Sie funkelte ihn an.

Martin hob lachend die Hände. »Ich will dir doch nichts. Trotzdem glaube ich, dass du bei diesem Thema zu empfindlich reagierst.«

»Ich reagiere empfindlich?« Annes Stimme wurde leise, obwohl sie sich in eine höhere Tonlage schraubte. »Das glaubst du? Sagt das nicht genau der Richtige?« Sie drückte den Rücken durch, wirkte wie von einem unsichtbaren Faden aufgerichtet. Sie hob ihr Kinn leicht an und hielt seinem Blick stand. Und obwohl er sie um einiges überragte, fühlte er sich auf einmal winzig klein.

»Lass uns nicht streiten«, brummte er. Und verfluchte innerlich seinen Schwiegervater, seit dessen Besuch Annes Stimmungen Achterbahn fuhren. Mit den Fingern zählte er die wenigen Wochen ab, die sie verheiratet waren. Die Flitterwochen in Italien schienen schon gar nicht mehr wahr, dramatische Ereignisse auf der Insel hatten sie unsanft aus dem Honeymoon geschubst. Und nun waren sie fast unbemerkt im Ehealltag angekommen. Das große Ziel, die Hochzeit, lag hinter ihnen. Ihre Beziehung hatte einen anderen, neuen Status. War verbindlicher geworden. Bis dass der Tod euch scheidet. In guten und in schlechten Zeiten. So schnell ging das also. Mit Letzterem.

3

Zuerst die Decke und dann die Weinflasche. Wie mit einer Friedensfahne wedelte er auf und ab, bevor er sich selbst durch den Türspalt zwängte. »Ein Strandausflug statt Tequila im Garten? Wir haben uns so lange schon vorgenommen, das Inselleben auszukosten. Es ist doch verrückt, dass meistens die Insulaner diejenigen sind, die am wenigsten etwas von Meer und Dünen haben.«

Er redete zu viel, wenn er nervös war. Dass ihm das gegenüber Anne immer wieder passierte. Sie waren zwar erst wenige Wochen verheiratet, aber schon jahrelang ein Paar. Wohnten quasi von Tag eins ihrer Beziehung zusammen. Er wusste nicht, ob es daran lag, dass sie zwölf Jahre jünger war. Oder weil er immer Angst hatte, sie wieder zu verlieren. Die Hochzeit hatte nichts besser gemacht.

Sie stand vor dem Spiegel und starrte hinein. Die Finger lagen wie unschlüssig auf dem Verschluss des Bikinis. Sie antwortete nicht, sah ihn nicht einmal an.

»Komm, lass uns mit dem Rad zur Weissen Düne fahren. Der Fahrtwind, die Sonne und das Meer werden uns guttun.«

»An die Weisse Düne?«, fragte sie, und es klang erstaunlich tonlos.

»Na ja, da ist zumindest der Touristenstrom im Moment überschaubar. Aber wir können auch an einen der anderen Strände. Wie du willst.«

»Ist schon in Ordnung.« Endlich drehte sie sich um und sah ihn an, ein schwaches Lächeln auf ihren Lippen. »Obwohl es gruselig aussieht mit diesem Holzgerippe im Sand. Aber wir können uns ja ein Stück rechts oder links davon einen Platz suchen. Auf allzu viele Touris habe ich wirklich keine Lust.«

Martin atmete erleichtert aus. »Solange du mich dort nicht in den Treibsand schickst. Dann packe ich mal den Rest zusammen. Irgendwelche Wünsche?«

Anne schüttelte den Kopf. Sie deutete auf den Bikini. »Strand ist auf jeden Fall besser als Garten. Unser Mini-Kinderpool ist ein witziges Hochzeitsgeschenk gewesen. Wie damals bei Daniela. Aber wer will schon den Spatz in der Hand, wenn er die Taube haben kann?«

»Soll ich das Planschbecken wegwerfen? Also, ich meine …«, stotterte er und beendete den Satz nicht.

»Weil ich ihn als Anspielung verstehen könnte? Nein, Quatsch. Das Geschenk mit den Plastikenten war ja anders gemeint. Hoffe ich zumindest.«

»Mit Sicherheit. Sonst hätte sich Ruth nicht daran beteiligt.«

»Sehe ich genauso.« Anne kniff sich mit Daumen und Zeigefinger in ihre Wangen. »Wie blass ich bin. Die italienische Bräune vom Gardasee habe ich trotz der verlängerten Flitterwochen zu Hause schon wieder verloren. Wird Zeit, sie aufzufrischen, was?«

»Wahnsinn, ja. Italien vom Absatz bis zum Schaft und zum Abschluss Konstanz und der Bodensee. Es wirkt so weit weg. Wir sind kaum zum Luftholen gekommen seit unserer Rückkehr. Das ändern wir.« Er trat auf sie zu. »Versprochen. Jetzt und sofort.«

Anne nickte zögerlich.

»Rotbäckchen«, sagte er und strich ihr über die Wangen, die durch ihr Kneifen Farbe angenommen hatten. Er wischte die letzten Farbsprenkel weg. »Siehst du: keine Gelbsucht mehr, kein gelbstichiger Ausschlag und keine Blässe. Du bist einfach eine Wunderheilerin, Frau Ärztin.«

Sie ließ sich gegen ihn fallen, vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter.

Martin spürte, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten. »Was ist los?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Anne?« Er legte den Wein und die Decke, die er immer noch in den Händen hielt, vorsichtig im Waschbecken ab. Dann packte er sie sanft an den Armen, schob sie ein wenig zurück, hob ihr Kinn. »Anne? Schau mich bitte an, ja? Was ist los?«

»Nichts, was der Rede wert wäre. Eigentlich.«

»Aber?«

»Ich bin verärgert, sauer, traurig, alles zusammen. Und dabei sollte ich nur wütend sein. Ausschließlich wütend. Und schon gar nicht nachdenklich. Aber genau das ist der Punkt.«

»Wütend auf mich?« Sein Mund wurde trocken. »Wieso? Was …«

Sie drückte sich komplett von ihm weg und hob die Hand. »Doch nicht auf dich, Martin. Auf alles und jeden. Vor allem aber auf meinen Chef.«

»Das ist nichts Neues, oder? Seit er den Posten übernommen hat, ist ständig Sand im Getriebe. Dabei ist doch klar, dass es nur Machtspiele und Profilierungssucht sind. Vor allem gegenüber erfolgreichen Frauen.«

»Mein Verstand weiß das. Und ich habe auch gedacht, ich stehe darüber. Deswegen habe ich dir gar nicht erst erzählt, was er zu mir gesagt hat, als ich am Montag den Dienst wieder aufgenommen habe. Nur …« Sie seufzte, holte Luft. »Es lässt mich einfach nicht los.«

»Willst du es mir sagen?«

Sie zuckte mit den Schultern. Sie wirkte auf einmal wie ein verlorenes Vögelchen. Zart. Schmal. Zerbrechlich. Ganz anders als die toughe Anne, die er kannte. Aber es war so viel passiert. So viel, was sie beide noch nicht vollständig weggesteckt und verarbeitet hatten.

»Ich weiß nicht«, sagte sie.

Martin umschloss sie mit beiden Armen. Beugte sich zu ihr herunter. »Du musst nicht«, wisperte er in Ohr. »Aber du kannst. Wann immer du reden willst. Ich bin jederzeit für dich da. In guten wie in schlechten Zeiten.«

4

Martin schloss noch sein Fahrrad ab, als Anne sich schon sämtliche Taschen umgehängt hatte und die Decke eingeklemmt unter dem Arm trug.

»Gib mir was ab«, sagte er, während er den Fahrradschlüssel in seine Hosentasche stopfte.

Anne lachte. »Hast du Angst, dass uns jemand von deinen Mitarbeitern sieht und annimmt, du hättest mich als Lastentier engagiert? Also zu diesem Zweck geheiratet?«

»Netter Witz. Was steht in unserem Hochzeitsgästebuch? Dass ich Schafe für dich geboten hätte. Kann man mal sehen, wie sich deine Freunde aus der Lübecker Bucht auf den Ostfriesischen Inseln auskennen. Schafe auf Norderney! Schon klar.«

»Das ist nun mal das Bild, das die meisten Leute von Ostfriesland haben. Ein Deich, ein Leuchtturm, ein Strandkorb und ein Schaf.«

»Schlafschaf womöglich noch. Lassen wir das lieber. Menschen und ihre Schubladen. Vielleicht sollten wir einmal darüber nachdenken, ein paar der Tiere vom Festland herüberzuholen. Ich bin zwar fest entschlossen, keine ungeklärten Todesfälle auf der Insel mehr zuzulassen, aber wenn doch, gebe ich meinen Posten ab und werde der erste Schäfer von Norderney. Stell dir das Bild mal vor: eine ganze Fähre voller blökender Lämmer.«

Anne blieb stehen und grinste ihn an. »Was für eine romantische Vorstellung. Wie du mit Hirtenstab auf dem Deich sitzt und über das Wattenmeer zum Festland hinüberschaust. Möge sie lieber nicht wahr werden.«

»Im doppelten Sinne.« Erstaunt stellte Martin fest, wie leicht es ihm fiel, sein Angstthema anzusprechen. Die vielen Kapitalverbrechen, die sich seit seiner Ankunft auf Norderney ereignet hatten. Sein Verstand wusste, dass es keine Korrelation gab. Trotzdem waren seine Selbstzweifel stetig gewachsen. Was für ein Hohn: Er war vor der Depression auf die vermeintlich sichere Insel geflohen, um sich hier mit Macht von dieser einholen zu lassen. Glücklicherweise schien die Hilfe, die er sich zusammen mit Anne geholt hatte, Wirkung zu zeigen. Egal, was kam, Schäfer würde er wohl nicht werden.

»Hier, nimm mir doch mal etwas ab.« Anne hielt ihm die Decke hin und eine der prall gefüllten Strandtaschen. »Ich habe wieder mal zu großzügig eingepackt.«

Er hängte sich den geblümten Plastikbeutel um und legte die zusammengerollte Fleecedecke noch obendrauf.

»Danke«, sagte Anne und schob im Weitergehen ihre Hand in seine.

Er sah sie an.

»Für alles.« Ihr Gesicht wirkte wieder ernst und traurig.

»Anne …«

»Ich weiß. Wir wollen keine Geheimnisse voreinander haben. Ach, verdammt, das hört sich so dramatisch an. Dabei ist es das gar nicht. Das Problem ist ein einziger widerlicher Satz meines Chefs. Natürlich wäre es das Beste, ihn einfach zu ignorieren. Den Satz und den Typen. Aber zum einen bekomme ich es nicht aus dem Kopf. Und zum anderen …«

Er blieb genau vor dem Restaurant Weisse Düne stehen. Wie immer standen einige Gäste in der Schlange und warteten auf einen freien Tisch. Er sah an ihnen vorbei auf das Bild im Eingang, das Karl Lagerfeld zeigte. Wieder so ein gelungenes Werk der Malerin Enke Cäcilie Jansson, die hier eine Dauerausstellung hatte. »Und zum anderen?«, griff er den Faden auf. Er befürchtete, dass er die Antwort nicht hören wollte.

»Hat etwas mit dir zu tun.« Sie schaute zu Boden.

Hatte ihn seine Ahnung also nicht getrogen. Er kickte einen Stein gegen das hölzerne Podest, auf dem Eingang und Terrasse des Restaurants lagen. Das laute »Plong« schreckte auf. Gesichter drehten sich zu ihm und musterten ihn argwöhnisch.

»In Urlaub fahren und keine Geduld mitbringen, das sind mir die Richtigen«, kommentierte eine Frau in unverkennbarem Ruhrgebietsslang. Martin hätte ihr zu gerne gesagt, dass sie prinzipiell recht habe, die Situation aber falsch interpretiere. Doch wozu die Mühe?

Hatte er eben noch geglaubt, er sei gefeit gegen die Herausforderungen des Lebens? Doch schon brachte eine leise Andeutung sein Selbstbild wieder ins Wanken. Dabei wusste er genau, dass auf der Insel über ihn geredet wurde. Nicht nur im positiven Sinne. Weil er Schwächen gezeigt hatte. Und weil er kein gebürtiger Norderneyer war.

»Komm, sag es schon.«

»Es ist lächerlich. Einfach nur albern. Aber ich habe Angst, dass es dich auf anderen Wegen einholt. Deswegen kämpfe ich mit mir, was ich sage und was nicht. Und ich habe Sorge, was uns an Kommentaren und Sprüchen erwartet, wenn es nach zwei Monaten schon so losgeht.«

»Mama, schau mal, das ist sooo cool hier.«

Martin drehte sich auf dem Absatz um, auch Anne hob irritiert den Kopf. Auf den Dünen hinter ihnen stand ein Mädchen, die Arme um einen Hund mit hellbeige lockigem Fell gelegt, der offensichtlich die Begeisterung teilte, so freudig, wie er mit der Zunge hechelte und dem Schwanz wedelte.

»Komm da runter«, rief Anne und machte automatisch einen Schritt auf den abgezäunten Dünenbereich zu. »In den Dünen zu spielen ist verboten.«

Das Kind sah einen Moment verunsichert auf sie herunter und drehte sich dann um. Bewegte sich mit weit ausholenden Sprüngen in das geschützte Gebiet hinein. Die honigblonden hüftlangen Haare schwangen hin und her, das wadenlange weiße Kleid glänzte auf der gebräunten Haut, an den Füßen trug das Mädchen eine Art Cowboy-Stiefel. Modepüppchen, fiel Martin ein, und kurz ging sein Blick nach hinten auf Karl Lagerfeld, bevor er dem Kind ein kraftvolles »Stopp! Sofort zurück!« hinterherbrüllte.

Es blieb ungehört.

Bis auf die Eltern, die sich erhoben und von ihrem Tisch nun wiederum zu ihm herüberschrien. »Was fällt Ihnen ein? Lassen Sie gefälligst unser Kind in Ruhe. Mischen Sie sich nicht in Angelegenheiten fremder Menschen!« Die tiefe Stimme des Vaters zog alle Aufmerksamkeit auf sich.

Martin warf Anne einen kurzen Blick zu, nickte und ging dann langsam auf die aufgebrachten Eltern zu. Wie ein Rauschen nahm er die verschiedenen Bemerkungen wahr, mit denen andere die plötzliche Aufregung kommentierten. Wie immer war alles dabei. Immer muss einer Vorschriften machen. Können die ihr Kind nicht erziehen? Wo kämen wir denn da hin, wenn sich jeder über Verbote hinwegsetzt. Männer, die fremde Mädchen ansprechen, das geht ja wohl gar nicht.

»Bitte holen Sie das Kind und den Hund aus den Dünen. Es ist nicht erlaubt, diese zu betreten. Sie müssten das wissen. Überall weisen Schilder darauf hin.«

»Lächerlich«, schnaubte der Vater. »Unsere Tochter wiegt wenig mehr als ein Floh und der Hund ist ein halber Welpe. Lassen Sie den beiden ihren Spaß. Was ist das für ein Land, in dem man kaum noch etwas darf?«

Martin unterdrückte ein Augenrollen. »Es ist ein Verbot zum Schutz der Natur. Für die Insel überlebensnotwendig. Und damit auch für die Menschen, die hier leben.«

»Aha. Und das wissen Sie weshalb? Sind Sie Biologe oder einfach nur Gutmensch oder ein Schlafschaf, das alles abnickt, sobald es von oben verboten wird?«

Er ließ sich nicht provozieren, kannte diese Sprüche nur zu gut. Das hatte es schon immer gegeben, vielleicht waren neue Begriffe dazugekommen, aber bei der Polizei musste man so etwas abkönnen.

»Ich leite die Norderneyer Polizeiwache«, antwortete er deswegen ruhig und freute sich klammheimlich, als die Augen seines Gegenübers kurz flackerten. »Martin Ziegler.«

Nur für eine Sekunde. Dann sagte der Mann: »Und ich bin Rechtsanwalt. Ich kann Ihnen nur raten, aus einer Mücke keinen Elefanten zu machen. Oder was wollen Sie tun? Unsere Tochter mit Polizeigewalt aus den Dünen holen? Wenn es sein muss, zahle ich gern ein Ordnungsgeld.« Er zückte sein Portemonnaie, entnahm ihm eine Visitenkarte und hielt sie Martin hin.

Er rührte sich nicht. Wog stattdessen ab. Deeskalieren war die Parole. »Es ist nicht nur der Naturschutz. Es ist auch eine Gefahr für ihre Tochter. Wir hatten häufigere und stärkere Sturmfluten, bis in das späte Frühjahr hinein. Sicher haben sie die Sandabbrüche vorne am Strand gesehen. Es hat seinen Grund, warum wir an diesem Abschnitt die übliche Infrastruktur aus Kiosk und Umkleiden nicht aufbauen konnten. Das macht das Staatsbad nicht, weil es keine Lust dazu hat. Sondern weil die Sicherheit nicht gewährleistet ist.«

»Ja, ja, Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste und des deutschen Beamtentums. Ich bin mehr für freies Land für freie Bürger. Und unsere Tochter wird weder nachhaltig die Natur beschädigen noch darin umkommen.«

»Vielleicht sollten wir lieber doch …« Die Frau an der Seite des Mannes sah nun besorgt zu den Dünen hoch.

»Blödsinn. Lass dich nicht gleich so bange machen. Das Kind braucht dringend Freiraum und Abenteuer. So wie früher in meiner Kindheit. Die Glucke darfst du gerne zu Hause in Hamburg geben. Aber doch nicht hier auf Norderney.«

Martin musterte den Vater, der im gleichen Alter wie er selbst, möglicherweise sogar älter zu sein schien. Die 50 hatte er definitiv überschritten. Klar, viele Kinder wuchsen heute anders auf. Behüteter. Kontrollierter. Er erinnerte sich an Ferienfreizeiten und das Herumtoben von ganzen Kindergruppen in den Dünen, zu Zeiten, als niemand die Gefahren sah und hochrechnete. Trotzdem war das kein Grund, die Realität auszublenden. Er würde den Machtkampf hier nicht gewinnen. Aber wenn der Vater sich nicht weiter vor ihm profilieren müsste, würden die Bedenken der Mutter besser Gehör finden. Sie würde dafür sorgen, dass das Kind aus den Dünen zurückkam. Was wollte er mehr?

Martin streckte die Hand aus, nahm die Visitenkarte. »Sie hören von mir. Und überlegen Sie es sich gut, ob Sie ihr Kind dieser Gefahr aussetzen wollen.«

5

Daniela Prinzen schrak zusammen, als sie die Küchentür öffnete. Sie hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, dass Marthe Dirkens die Angewohnheit hatte, wie ein Hausgeist herumzuirren. Jetzt wohnten sie schon so lange unter einem Dach. Aber obwohl Marthe die Pension an sie und Frank abgegeben hatte und in die oberste Etage gezogen war, hielt sie sich dort nur selten auf. Die alte Dame mischte gerne mittendrin mit und ließ die Puppen tanzen. Alles nach ihrer Nase, war die unausgesprochene Devise. Wo ginge das besser als hier unten in den Gemeinschaftsräumen des Hostels, zu dem sie das Haus bei der Überschreibung umgebaut hatten. Über 80 und kein bisschen weise, sagte Marthe gerne von sich selbst, vor allem, wenn sie in ihren sogenannten Giftschrank griff, um die traditionelle Ostfriesische Teezeremonie nicht nur mit Wölkchen aus Sahne, sondern mit einem Schuss Whiskey zu kredenzen. Leider fand sich immer wieder jemand, der die Vorräte entgegen den Mahnungen von Daniela und den Ärzten auffüllte. Vorneweg ihr Cousin Oskar aus Bonn, der bei jedem Besuch gleich mehrere besondere Exemplare anschleppte. Whiskey aus aller Herren Länder. Die natürlich verkostet und getrunken werden mussten. Und Marthe fand immer ein Opfer, das sich bereit erklärte, Zeit, Tee und Hochprozentiges zu teilen.

Wie aktuell Helene Dannenberg, Autorin und beste Freundin von Oskars Lebensgefährtin Ruth. Die schon seit fast zwei Wochen bei ihnen war. Zu Besuch wohlgemerkt und nicht als Gast. Verdammt, es war kompliziert, dieses Leben auf Norderney. So hatte sie sich das eher nicht vorgestellt.

»Mein Kind, du bist ja schon zurück.« Marthe rührte nachdenklich in einer Tasse. Was vermuten ließ, dass sich darin kein ostfriesischer Tee befand, weil sich dabei die Zuckerkluntjes erst nach und nach auflösen sollten. Und ohne Tee kein Whiskey.

»Hätte ich das mal gewusst.« Marthe schob den Porzellanbecher weit von sich weg.

»Weil?«, fragte Daniela und ließ ihre Handtasche auf einen Stuhl fallen. Sie drehte sich um und drückte den Knopf des Kaffeevollautomaten.

»Hätten wir zusammen einen Feierabendkaffee getrunken. Nun ist meiner schon leer. Und eine zweite Portion vertrage ich nicht. Dann schlafe ich diese Nacht nicht. Zu viel Robusta-Anteil.«

»Bitte was?«

»Du hast mich doch verstanden, jetzt reiße nicht schon wieder die Augen auf, weil ich etwas Neues gelernt habe.«

»Moment, Moment.« Daniela zog den Stuhl hervor, setzte die Tasche auf den Boden und ließ sich schwer auf die Sitzfläche fallen. »Mal ganz langsam. In der Tasse war also Kaffee, ja. Aus dem Vollautomaten. Sorry, ich habe mich noch nicht daran gewöhnt, dass Sie an unsere Teufelsmaschine gehen. Das hält also an, wie ich merke. Gut so. Und woher wissen Sie das mit den Bohnen?«

»Instagram. Seit ich das iPad habe, bin ich ein neuer Mensch. Wir leben auf Norderney ja hinter dem Mond.«

»Das würde ich nicht zu laut sagen. In der Beliebtheitsskala Ihrer einheimischen Mitmenschen sinken Sie damit in den absoluten Minusbereich.«

»Hihi, wie die ganzen Politiker. Stimmt. Aber eine Marthe Dirkens hat sich noch nie darum geschert, was andere von ihr halten. Ich sage, was ich denke, und wem es nicht passt, der kann mich mal. Und nur weil die meisten Leute im Rentenalter beschließen, alt und vergesslich zu werden und womöglich sogar zu sterben, muss ich dabei ja nicht mitmachen.«

Daniela kicherte. »Womit Sie unbestritten recht haben.«

»Schön, dass du mal was Nettes über mich und zu mir sagst. Wo du mir doch in letzter Zeit nur auf die Finger schaust. Das soll ich nicht machen und das nicht. Und wenn ich etwas Neues ausprobiere, ist es direkt die große Sensation.«

»Aber das stimmt doch nicht. Ganz im Gegenteil. Ich könnte noch viel mehr …« Daniela biss sich auf die Lippen.

»Siehst du. Es geht schon wieder los. Wegen Helene, ich kann es mir denken. Was kann ich denn dafür, dass du bis unter das Dach ausgebucht bist? Und dass Helenes gebuchte Unterkunft nicht mehr zur Verfügung steht. Aus Gründen, die ich gar nicht benennen will. Wie hartherzig muss man sein, wenn man da nicht erfinderisch nach Möglichkeiten sucht.«

»Frau Dirkens, gegen eine vorübergehende Lösung hat niemand etwas. Aber dass Helene Dannenberg seit fast 14 Tage bei Ihnen oben in der Wohnung schläft, ist ein Dauerzustand und keine Überbrückung.«

»Ja, ja, du liegst mir auch genauso lange schon in den Ohren. Worum geht es dir? Fällt sie jemandem zu Last? Nein, und das weißt du. Sie hilft dir. Sie hilft mir. Ich habe keine Langeweile mehr, was du oft kritisiert hast. Oder bist du neidisch, dass ich spielend leicht gelernt habe, mit Instagram und TikTok umzugehen? Ja, meine Follower steigen täglich, und das soll so bleiben.«

Daniela rückte auf die Stuhlkante.

»Sag nichts«, fuhr Frau Dirkens unbeirrt fort. »Es ist auch für dich von Gewinn, weil ich Werbung für das Hostel mache und neue Gäste generiere. Und ja, ich habe meine Meinung zu dieser Teufelsmaschine, die auf 1000 verschiedene Arten Kaffee ausspucken kann, geändert. Na und? Darf ich das nicht? Muss alles bleiben, wie es ist, nur weil ich alt bin?«

Daniela schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht.«

»Auch du revidierst Entscheidungen. Weil dir das Hostel als Beschäftigung nicht ausreicht, arbeitest du stundenweise wieder als Friseurin. Und sage ich was dazu? Meckere ich?«

Fast hätte Daniela mit Ja geantwortet, denn bis vor zwei Wochen war das Gejammer der alten Dame kaum auszuhalten gewesen. Aber sie hielt wohlweislich den Mund.

Marthe schien nicht mit einer Antwort gerechnet zu haben. »Wie du merkst, tut Helene mir gut. Ich bekomme etwas von der Welt mit, bin aufgeschlossener und optimistischer. Helene sagt, ich drücke mich sogar gewählter aus. Na, egal. Eigentlich rede ich ja, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Daran will ich gar nichts ändern. Ich hoffe nur, es geht dir bei ihr nicht ums Geld. Selbstverständlich würde sie zahlen, wenn du ein Bett für sie frei hättest.«

»Es ist Hochsaison.«

»Eben. Deswegen war es eine überaus kreative Lösung von ihr und mir, dieses Klappbett zu kaufen. Nun haben wir es oben beide bequem. Sie hat sogar den Kaufpreis übernommen, obwohl das Bett in meiner Wohnung bleiben wird. Für Notfälle.«

»Notfälle«, echote Daniela und fühlte sich plötzlich erschöpft. Dabei war sie nicht mal halb so alt wie Marthe.

Diese stand auf und dackelte zur Kaffeemaschine. »Was darf es denn sein? Latte, Cappuccino, Cold Brew? Wenn du allerdings warten magst, Helene kommt gleich mit einer Überraschung zurück.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob ich davon etwas wissen oder hören will.«

Marthe Dirkens lächelte spitzbübisch. »Nichts Schlimmes. Wir haben ja versprochen, uns nur noch harmlosen Beschäftigungen zu widmen.«

»Die da wären?«

»Helene kauft einen elektrischen Milchaufschäumer.«

»Wieso denn das?« Daniela zeigte auf die Maschine, die nach einem Knopfdruck von Marthe geräuschvoll aufheizte.

»Wieso, weshalb, warum? Du stellst immer Fragen, Kind. Für unsere Videos brauchen wir etwas Besonderes. Barista Latte Art, schon mal gehört? Wir haben uns das im Internet angeschaut. Ich sag dir, Kind, damit geht deine alte Marthe richtig durch die Decke. Viral geht sie. Und diesmal ganz ohne Verbrechen.«

6

Anne holte tief Luft und ließ diese durch ihre nur leicht geöffneten Lippen langsam entweichen. »Wow.«

Martin kniff die Augen zusammen. »Ja, das ist sie. Die neue Generation Urlauber, die Norderney für sich entdeckt hat. Wenn man den Erzählungen der Einheimischen glauben will, gibt es diesen Typus erst seit ein paar Jahren. Frei nach dem Motto: Ich kauf mir die Welt, damit sie mir gefällt. Komm, lass uns weitergehen.«

»Ist in der Notaufnahme und auf Station nicht anders. Diese Typen, die meinen, sie seien der Mittelpunkt des Universums. Erst sie und dann lange nichts. Gab es immer schon, aber gefühlt war das früher nicht so ein Massenphänomen. Großartig, dass du dich nicht hast provozieren lassen.«

»Was hätte ich denn machen sollen? Den Machtkampf konnte ich hier vor allen Augen nur verlieren. Das Problem ist ja nicht ein einzelnes Kind oder ein Hund. Aber die ganzen Nachahmer.«

»Und da sind die Erwachsenen vorneweg dabei. Für einen Instagram-Post mal eben zwischen Sand und Strandhafer zu sitzen oder zu liegen, ist für die meisten kein Vergehen.« Sie zeigte nach rechts. Hinter dem Restaurant thronte eine Buddha-Figur auf der Düne. »Er macht es ja vor.«

Martin lachte. »Jetzt ist der arme Kerl schuld. Immerhin erträgt er den ganzen Wahnsinn mit gleichbleibender Gelassenheit. Insofern ja ein Vorbild. Für mich.«

»Siehst du, du hast das eben schon mit buddhistischer Weisheit gemeistert. Mehr können wir nicht tun. Nur hoffen, dass nichts Dramatisches passiert. Aber von den Gefahren will ja keiner etwas hören. Merkst du schon daran, wie viele Menschen bei roter Fahne ins Wasser gehen.«

»Das Überschätzen der eigenen Fähigkeiten gehört wohl zum Menschsein dazu. Und es kommt auch darauf an, ob die Flagge weht, weil die Wetter- und Strömungsbedingungen gefährlich sind, oder ob bloß der Strand nicht bewacht ist. So wie jetzt. Der desolate Zustand nach den Sturmfluten und der Personalmangel bei den Rettungsschwimmern geben sich an dieser Stelle die Hand. Aber deswegen werden wir trotzdem ins Wasser gehen. Es ist Ebbe und die Nordsee flach wie eine Flunder.«

»Es lebe die Konsequenz. Mit mir hast du die Rettungskraft ja quasi gleich mitgebucht.«

»Eben.« Er grinste und beugte sich zu ihr, um ihr einen Kuss zu geben. Dann streifte er seine Sneakers von den Füßen. »Herrlich, Sand zwischen den Zehen. Das fühlt sich nicht nur nach Feierabend, sondern gleich nach Urlaub an.«

»Der gerade mal seit gestern vorbei wäre.«

»Genau. Konjunktiv. Die Dramen der letzten Wochen hatten so gar nichts von Ferienstimmung. Auch wenn ich die Kripo nur inoffiziell unterstützt habe und keine regulären Dienstzeiten hatte. Wenn ich nicht der Chef der Polizeiwache wäre, würde ich mal ein ernstes Wort mit meinem Vorgesetzten reden. Von wegen, mir so die Flitterwochen zu versauen.« Er stutzte. »Apropos Chef, da waren wir eben hängen geblieben. Du wolltest mir doch erzählen …«

»Nein.« Anne fiel ihm ins Wort. »Es ist nicht der Rede wert, ich muss lernen, seine Bemerkungen zu überhören. Jetzt will ich nur eins: die Decke ausbreiten, die Füße ins Wasser und das Gesicht in die Sonne halten.«

Er zeigte mit dem Finger den Strand hoch und runter. »Wo willst du hin?«

Anne deutete mit dem Kopf nach rechts. »So weit wie möglich weg von diesem Holzgerippe. Und von der schrecklich netten Familie, die alles mit dem Geldbeutel regelt.«

Sie waren an einem Platz angekommen, der an dem nur spärlich besiedelten Strandabschnitt viel Ruhe versprach. Keine kickenden Jugendlichen, kein hartes Pong-Pong der hölzernen Beachballspiele und weit und breit weder Bluetooth-Boxen noch mikroverstärkte Sportanimationen zu wummerndem Technosound.

»Perfekt«, stellte Anne fest, während sie sich das Sommerkleid, das sie über ihren Bikini gestreift hatte, kopfüber auszog.

»Stimmt. Nachgeholte Feierabend-Flitterwochen-Idylle. Soll ich den Wein direkt öffnen? Noch ist er kühl. Oder willst du erst ins Wasser?«

»Zuerst ins Meer. Ärztlicher Grundsatz: nie mit Alkohol im Blut. Und sei es noch so wenig. Kommst du mit?«

Martin drehte sich einmal um seine Achse.

»Ah, der Polizist in dir mag die Sachen nicht unbeaufsichtigt zurücklassen. Martin, entspann dich. Es ist nichts los. Wir haben vom Meer aus alles im Blick. Und wohin will irgendjemand so schnell verschwinden? Da möge ihn doch glatt der Treibsand verschlucken. Also bitte, kehr zurück zu deiner Buddha-Gelassenheit. Sie steht dir.« Nun war sie es, die sich hochreckte und ihm einen Kuss gab. Und ihm ihre Hand reichte.

Gemeinsam liefen sie die wenigen Schritte zum Meersaum. Der weiße Schaum der Gischt kitzelte warm an den Füßen. Trotzdem bewegte sich Martin nur in Gänsefußschritten über den Muschelstreifen weiter. Anne hatte seine Hand losgelassen und warf sich schon in die Wellen.

Genau in dem Augenblick, als der Schrei ertönte, den Martin mit Sicherheit in seinem ganzen Leben nie wieder vergessen würde.

7

»Jetzt tun Sie doch was. Helfen Sie uns. Ich flehe Sie an.«

Martin hörte die Verzweiflung, bevor er sich ein genaues Bild machen konnte. Anne lief gleichauf neben ihm und setzte nun zu einem Sprint an.

»Scheiße, als hätte ich es geahnt«, rief sie ihm über die Schulter zu.

»Schaufeln, wir brauchen Schaufeln. Alle anderen graben mit den Händen. Vorsicht, es kann jederzeit mehr Sand hinterherrutschen. Niemandem ist geholfen, wenn noch jemand verschüttet wird.« Die ruhige, aber gehaltvolle Stimme klang nach einem Einheimischen.

Martin hatte sich nicht getäuscht. Christof Bakker, der Chef der Norderneyer Feuerwehr, hatte das Kommando übernommen. Nur mit knapper Badehose bekleidet strahlte er eine Autorität aus, als stände er in kompletter Uniform vor ihnen. Mit einem Blick hatte er sie beide erkannt und winkte sie zu sich. »Ihr kommt wie gerufen. Bitte verständigt eure und meine Kollegen. Das ganz große Aufgebot.«

»Was ist passiert?« Sie fragten wie aus einem Mund, während Martin nach seinem Handy tastete. Das im Strandkorb lag, weil er eine tropfende Badehose trug.

»Hier. 112112 zum Entsperren.« Christof reichte ihm ein Handtuch und ein Smartphone. »Ein Mädchen und ein Hund sind dort oben auf der Düne herumgeturnt. Die lütte Deern ist dann auf einmal auf ihrem Allerwertesten den Hang heruntergerutscht. Hab nur hingeschaut, weil sie so am Juchzen war. Dazu das Gebell. Muss ein Welpe sein, so ausgelassen, wie der um die Kleine herumgesprungen ist. Ich habe es in dem Moment schon kommen sehen.«

»Oh Gott.« Anne ließ sich auf die Knie nieder und machte es anderen nach, die mit den Händen die Sandanhäufung an der höchsten Stelle beiseiteräumten. »Das darf nicht wahr sein. Was für ein Albtraum.«

Bakker hatte während des Redens die Kinderschaufeln entgegengenommen, die von allen Seiten herangetragen wurden, und verteilte diese an die Umstehenden. »Arbeitet zügig, aber vorsichtig.«

Martin setzte die Notrufe ab. Dann nahm er eine der Schaufeln, die Christof neben ihn in den Boden gesteckt hatte. Nur wenige Meter vor sich entdeckte er die Mutter des Kindes. Wahrscheinlich war sie es, von der der verzweifelte Schrei gekommen war. Jetzt schaufelte sie hektisch und unkoordiniert den Sand von einer Seite zu anderen. Die Haare, die sie vorhin hochgesteckt getragen hatten, fielen wie ein Vorhang vor ihr Gesicht. Wäre Martin nicht eben die leinenweiße Kleidung von Kopf bis Fuß ins Auge gefallen, hätte er sie nicht wiedererkannt.

»Moolin, Moolin«, hörte er sie murmeln, und es klang wie eine Beschwörung, die ihm einen Schauer über den Rücken jagte.

Er folgte mit der Schaufel, wie es alle anderen taten, den Anweisungen von Christof. Niemand schien sich zu entziehen, keiner stand gaffend oder filmend am Rand. Eine gespenstische Ruhe lag über dem Szenario. Als hätten das Meer und der Wind ihre Arbeit eingestellt, weil etwas Ungeheuerliches passiert war. Wieder fiel sein Blick auf die Mutter. Er wollte sich nicht vorstellen, was in ihr vorging. Und der Vater? Wo war überhaupt er abgeblieben? Martin musterte die Helfer. Der Strand war nicht gut besucht gewesen, und jetzt am späten Nachmittag schienen viele mit ihren Bollerwagen schon wieder Richtung Ferienwohnung und Restaurant gezogen zu sein. Aber an die 40 Menschen gruben sich nun nebeneinander und miteinander durch die Sandverschüttung.

Martin wusste: Jede Minute zählte. Ach was, jede verdammte Sekunde. Entschieden über Leben und Tod. Eines Kindes, dessen Erdenreise doch noch am Anfang stand. Das konnte und durfte nicht sein. Und er würde genau wie alle anderen alles dafür tun.

Er sah die schwingenden Haare, das weiße wadenlange Kleid. Wie es sich über die Rufe hinweggesetzt hatte. Ein Kind, das sicher gewohnt war zu bekommen, was es wollte. Und das in jenem Augenblick einfach nur Lust hatte, in den Dünen zu tollen. Er schloss die Augen. Unvorstellbar, dass dieser kleine Körper jetzt unter dem Sandberg voller Angst und Sehnsucht nach den rettenden Eltern erstickte und sein Leben verlor.

Verdammt, wo war der Vater? Martin spürte einen Adrenalinstoß in seinem Kopf, in den Beinen und Händen. Er legte seine ganze Wut in jede Schaufelladung. Aus der Ferne hörte er die Kakophonie der unterschiedlichen Martinshörner, die in seinen Ohren immer mehr zu einem Rhythmus wurde, in dessen Takt er den Sand zur Seite warf.

»Langsam«, mahnte Christof ihn.

Martin nickte, hielt kurz inne, sah sich um. Und da entdeckte er ihn. Fernab. Verloren an einem Strandkorb stehend. Sein Gesicht in den Händen verborgen. Schockstarr. Der Vater der Kleinen. Herr Anwalt, dem seine seidenmatten Visitenkarten nun nichts mehr nutzten.

Martin musste an sich halten, sich nicht auf ihn zu stürzen.

Er rammte die Schaufel erneut in den Boden, hob sie mit schwerer Ladung an, kippte sie zur Seite. Genau in dem Moment, als eine helle Frauenstimme rief: »Hierher. Zu mir. Der Hund. Schnell, helft mir.«

Keine zwei Meter von Martin entfernt. Ein Kribbeln lief über seine Kopfhaut. Er warf die Schaufel beiseite.

Erst da ging sein Blick nach unten. Auf die soeben freigelegte Stelle.

Er öffnete den Mund. Kein Laut kam heraus. Er räusperte sich, griff an den Arm seines Nebenmanns.

»Der Cowboystiefel«, hörte er sich sagen. Mit einer Stimme, die er nicht als eigene erkannte.

8

»Das ist ja wohl nicht wahr.« Daniela steckte den Kopf ins Wohnzimmer, das gleichzeitig Esszimmer und Aufenthaltsraum des Hostels war. »Ihr benehmt euch wie zwei Suchtis, und ich komme mir vor wie eine dauernörgelnde Mutter zweier Teenies.«

»Deswegen sprichst du in dieser fürchterlichen Jugendsprache zu uns. Suchti! Statt dich zu freuen, dass wir uns sinnvollen Beschäftigungen hingeben. Immerhin fängst du an, mich zu duzen. Helene sei Dank!« Marthe legte das iPad auf den Tisch.

»Willst du dich zu uns setzen?« Helene Dannenberg machte es Marthe nach und legte ihr Tablet beiseite. »Schau mal in die Kaffeebecher. Es ist nicht mehr allzu viel zu sehen, aber unsere Latte-Art wird mit jedem Versuch besser.«

Daniela zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor. »Ihr macht mich fertig. Mit einer alleine kann ich es ja aufnehmen, aber gegen euch beide habe ich kaum eine Chance. Wobei ich dir, Helene, schon dankbar bin, dass der Tee- und Whiskeykonsum in diesem Haus nachlässt. Dass ihr jedoch stundenlang bei herrlichstem Wetter drinnen sitzt und eure Köpfe über die Bildschirme beugt, kann nicht gesund sein. Ich sage nur, Vitamin D und ›Sitzen ist das neue Rauchen‹.

»Du bist und bleibst eine ewige Spaßverderberin, Daniela. Dabei warst du früher eine richtige Partymaus, die das Leben nicht schwer nahm. Es ist, als ob die Norderneyer Luft dir nicht bekäme.«

»Das ist nicht Ihr Ernst, Frau Dirkens? Früher kam ich als Urlauberin auf die Insel und musste mich um nichts scheren. Und jetzt liegt die Verantwortung für dieses Haus, die Gäste, der Nebenjob als Friseurin und nicht zuletzt auch Ihr Wohlergehen auf meinen Schultern. Möglicherweise bin ich einfach erwachsen geworden. Soll vorkommen. Und Partys lassen sich als Single nun mal besser feiern. Alles hat seine Zeit, heißt es so schön. Das sehe ich genauso.«

»Jetzt hol mal Luft, Kind. Dass du dich immer gleich so aufregen musst. Ist überhaupt nicht gut für die Gesundheit.«

Daniela lachte wider Willen. »Hauptsache, das letzte Wort. Wie wäre es denn mit einer Pause? Und einem Abendsnack im Garten? Dabei würde ich gerne hören, wie es mit der Recherche für den literarischen Reiseführer klappt.«

»Das hört sich an, als wäre Helene dir Rechenschaft schuldig.« Marthe zog zornig die Augen zusammen. »Gönnst du uns die gemeinsame Zeit nicht? Bist du etwa eifersüchtig, mein Kind? Weil du mich teilen musst?«

Daniela schnappte nach Luft. Der Gedanke war so ungeheuerlich, dass es ihr die Sprache verschlug. Wenn sie Frank gegenüber Marthes Worte wiederholen würde, wüsste sie nicht, was passierte. Er regte sich schon lange darüber auf, wie die alte Dame ihre Mitmenschen manipulierte und ihre Langeweile damit bekämpfte, jeden, der ihr nahekam, mit Haut und Haaren zu vereinnahmen.

»Da bist du sprachlos, was? Muss ich wohl einen wunden Punkt getroffen haben.«

Daniela stand auf. »Ich werde darüber nachdenken«, presste sie hervor.

Helene sah sie mit einem merkwürdigen Schimmer in den Augen an. Fast unmerklich schüttelte sie den Kopf. Laut sagte sie: »Ich bin Marthe sehr dankbar für ihre Hilfe. Sie unterstützt mich bei meiner Recherche. Mit erstaunlichen Fähigkeiten.«

»So ist es.« Marthe richtete sich auf. »Nur du siehst immer die alte nutzlose Frau in mir, die ihre Nase in Sachen steckt, die sie nichts angehen.«

»In dem Punkt habt ihr euch zuletzt beide wenig genommen«, murmelte Daniela, die sich gar nicht im Detail an all die Schnüffeleien erinnern wollte, die in Beinahe-Katastrophen geendet waren. Erstaunlich war allerdings, wie sehr die Frauen Gefallen aneinander gefunden hatten. Obwohl an die 30 Jahre Altersunterschied zwischen ihnen lagen. Daniela konnte es drehen und wenden. Helenes Einfluss auf Marthe war nicht der schlechteste. Und entlastete sie selbst. Von wenig unrühmlichen Ausnahmen mal abgesehen. Dabei hatten beide Lehrgeld bezahlt, das sie nachhaltig beeindrucken würde. Sollten sie also zusammenglucken, wie sie wollten. Schade nur um die Sonnenstrahlen, die sie verpassten.

Sie versuchte es nun etwas versöhnlicher: »Wie sieht es also aus? Abendsnack im Garten, ja oder nein? In vier Wochen sitzt hier abends schon niemand mehr draußen. Außer den Touristen natürlich. Im September hält der Herbst unweigerlich Einzug.«

»Ich bin dafür.« Helene beugte sich zu Marthe. »Sie hat recht. Ein wenig Sommerfeeling sollten wir unbedingt mitnehmen. Und dann erzählen wir ihr, welch literarische Perle du eben aus dem Internet gefischt hat.«

»Oh!«, entfuhr es Daniela. »Das hört sich … interessant an. Ich bin gespannt.« Sie war froh, dass niemand das Augenrollen sah, das sie nicht länger unterdrücken konnte.

9

»Nichts mehr zu machen.«

Martin hatte sich zur Seite schieben lassen, nachdem er den Stiefel des Mädchens entdeckt hatte. Er wagte nicht, sich herumzudrehen und bei der weiteren Freilegung zuzuschauen. Dankbar registrierte er, dass immer mehr Rettungskräfte an der Unfallstelle eintrafen. Als er die gemurmelten Worte in seinem Rücken hörte, vermutete er, dass sich seine schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet hatten.

Er spürte der Kälte nach, die sich durch seinen Körper fraß. Wusste, dass er sich herumdrehen musste. Er kannte die Abläufe. In- und auswendig. Hatte sie im Leben oft genug durchexerziert. Es würde nicht seine erste Kinderleiche sein. Und auch wenn jedes Menschenleben zählte, waren das von allen die fürchterlichsten Eindrücke. Bilder, die sich nie wieder löschen ließen. Ein Tod, der ungerecht war. Der nicht im Programm stehen dürfte. Wofür es doch mindestens eine Reset-Taste geben müsste.

Nun liefen Nicole und Ronnie aus seinem Team auf ihn zu. Sie waren als Letzte angekommen. Verfluchter Personalmangel, wo sie alle zur gleichen Zeit an den unterschiedlichsten Orten sein mussten. Aber auch auf sie kam es nicht mehr an. Der Einzige, der etwas hätte verhindern können, wäre er selbst gewesen.

»So ein Scheiß.« Ronnie atmete schwer, als er vor ihm stoppte. »Der ganze Hang ist abgeschmiert. Dass die Leute nicht kapieren, dass die Dünen kein Spielplatz sind. Hast du gesehen, wie es passiert ist?«

Nicole klopfte ihm auf die Schulter, ging aber sofort weiter. Martin folgte ihr kurz mit seinen Blicken, wandte sich dann an Ronnie. »Nein. Allerdings habe ich das Mädchen und seine Eltern ermahnt.«

»Ja, und?«

»Erzähle ich dir später, okay?« Sein Hals war so trocken, als hätte er den aufgewirbelten Sand verschluckt. »Würdest du dich um den Vater kümmern? Und einen Notfallseelsorger verständigen?«

Ronnie nickte, es wirkte jedoch fahrig, weil seine Augen hin und her sprangen. »Sollen wir uns nicht erst ein Bild von der Situation machen?«

Martin hob sein Kinn und streckte den Rücken durch. »Natürlich«, sagte er, obwohl er etwas anderes meinte. »Natürlich«, wiederholte er, als müsste er damit den Startknopf eines alten Autos ziehen. Dann steckte er seine Hände tief in die Taschen und drehte sich um.

Genau in dem Augenblick, als das Klatschen begann. Martins Augenlider flackerten. Applaus? Was hatte das zu bedeuten?

10

Daniela schob die Schälchen auf dem Holztablett solange hin und her, bis ihr die Anordnung gefiel. Rote Cocktailtomaten neben hellgelbem Kohlrabi und grüner Gurke, dazu Paprika in dreierlei Farben und als Mittelpunkt aufgeschnittene Radieschen, deren Rot-Weiß sie an ihre rheinische Heimat erinnerten.

Sie summte die Melodie von »Rut un wiess«, als Frank mit einem leisen Pochen an die Tür die Küche betrat.

»Hier steckst du. Wie war dein Tag, Liebling?« Er legte seine Laptoptasche auf den Tisch und nahm sich ein Radieschen. »Du leidest hoffentlich nicht an Heimweh?«

»Diesmal nicht. Du musst dir keine Sorgen machen, nur weil ich mal ein kölsches Lied im Kopf habe.«

»Ich bin mir da nicht so sicher. Manchmal habe ich Angst davor, dass du mich hier mit Marthe Dirkens sitzen lässt. Dass ich nach Hause komme und du bist schon über alle Berge …«

Sie sah das schelmische Grinsen in seinem Gesicht. »Welche Berge?«, lachte sie. »Ich kann ja von hier aus fast den Kölner Dom und das Siebengebirge sehen.«

»Du meinst also, es besteht keine Gefahr?«

»Niemals.« Daniela nahm seinen Kopf in ihre Hände. »Und ohne dich schon gar nicht. Im Ernst. Gib nichts drum, wenn ich manchmal rumjammere. Auf der anderen Seite ist das Gras immer grüner. Im Rheinland würde mich die Sehnsucht nach dem Meer einholen.«

»Ich bin mir oft nicht sicher, ob es richtig war, uns das alles aufzuhalsen. Das Hostel, mein Pendeln aufs Festland, die Wahnsinnspreise auf der Insel, dazu dein Nebenjob im Friseursalon – und Marthe Dirkens. Die einem oft kaum Luft zum Atmen lässt mit ihren Verrücktheiten.«

»Ach, halb so wild. Ich bin glücklich, dass Helene Dannenberg sich um sie kümmert. Und ihr etwas an die Hand gibt, das Marthes Langeweile in Schach hält und ihre unersättliche Neugierde füttert. Die beiden sind ein erstaunliches Gespann.«

Frank streckte erneut die Finger zu den Rohkost-Schälchen aus. »Lecker. Kohlrabi.«

»Jetzt futtere mir bitte nicht alles weg. Ich will nicht noch mal mit dem Schnibbeln anfangen müssen. Bring du deine Tasche weg, wasche dir die Hände, dann können wir gleich essen.«

»Hey, ich bin kein Schulkind.«

Daniela lachte. »Verrückt. Ich höre mich an wie meine Mutter. Oder wie Marthe, wenn ich aus dem Friseursalon nach Hause komme. Entschuldige bitte. Aber du hast mich so gewollt.«

»So und nicht anders«, sagte er und gab ihr einen langen Kuss. Danach sah er ihr prüfend ins Gesicht.

»Was?«, fragte sie.

»Ach nichts. Nur Hunger und Feierabendsehnsucht. Hast du im Garten gedeckt?«

»Ja, Helene und Marthe sitzen dort parat. Wahrscheinlich an ihren Geräten, aber immerhin in der Abendsonne. Ich schneide in der Zeit das Brot auf, den Rest habe ich schon rausgetragen. Willst du noch Fleisch auf den Grill legen?«

»Muss nicht sein. Habe heute Mittag in der Kantine gegessen.« Er klopfte auf seinen Bauch. »Aber du, die beiden mit ihrem Social Media. Glaubst du, dass das eine sinnvolle Beschäftigung für Marthe ist?«

Daniela lachte auf. »Du meinst, sie könnte auf digitalen Wegen wieder einmal Dummheiten begehen?«

»Hältst du das für so ausgeschlossen?« Er hielt seine Hände unter den Wasserhahn, gab einen Klecks Spüli drauf und trocknete sich anschließend am Küchenhandtuch ab.

»Nicht in der Küche, das ist unhygienisch.« Daniela nahm ihm das Handtuch ab und versetzte ihm einen Klaps damit.

»Ja, Mama«, imitierte er eine Kinderstimme. »Und jetzt lass mich das Tablett raustragen.

In der geöffneten Terrassentür stießen sie auf Marthe und Helene. Frau Dirkens zeigte hoch in den Himmel. »Da, da kommt er.«

»Wer?«, fragte Frank.

»Was?«, fragte Daniela.

»Der Rettungshubschrauber.« Marthes Stimme überschlug sich. »Wir müssen raus an die Weisse Düne, da ist etwas Schreckliches passiert. Was meint ihr, soll ich uns ein Taxi rufen?«

11

Martin schluckte. Sein Hals war jetzt noch trockener. Es brauchte mehr als ein paar Sekunden, um zu verstehen, was vor sich ging. Er wagte kaum, seinen Augen zu trauen. Erst recht wollte sein Kopf nicht wahrhaben, was es bedeutete. Er hatte doch selbst die Worte gehört.

Die zuckenden Cowboystiefel aber sprachen für sich. Das Mädchen lebte.

Er sah, dass der Körper weitgehend freigelegt war und das Notarztteam schon mit der Versorgung begonnen hatte. Er suchte die umstehende Menge nach Anne ab. Sie kniete neben dem Kind und hielt seine Hand. Schien zu ihm zu sprechen. Dann wandte sie sich an den Notarzt, rutschte zur Seite, legte die Finger des Mädchens behutsam in die einer Sanitäterin und stand auf.

Erst jetzt setzten sich seine Füße in Bewegung, so als würden sie ohne seinen Willen über ihn entscheiden. Je näher er kam, desto mehr sortierten sich die Laute, Sätze und Wörter, die mit dem Wind hinweggetragen wurden, in ein sinnvolles Ganzes.

Der Hund hatte es nicht geschafft. Das war es gewesen, was er missverstanden hatte. Der kleine Körper, der eben noch so lebhaft um das Kind durch die Dünen getollt war, lag nun regungslos am Boden.

»Deckt ihn doch ab«, hörte er eine Frau schluchzen. »Auch ein Tier hat im Tod ein Recht auf Würde.« Jemand reichte ein bunt gestreiftes Strandtuch, das Martin eine Sekunde lang unangemessen schien. Als wenn es eine Rolle spielte.

Anne war jetzt an die Mutter herangetreten. Deren Augen waren starr auf den Punkt gerichtet, an dem ihr Kind aus den Sandmassen befreit wurde. Ohne dass er sie hören konnte, hätte er benennen können, was seine Frau sagte. Dass es wichtig war, das Rettungsteam seine Arbeit machen zu lassen. Dass sie ihr Bestes geben würden. Dass sie gleich sicherlich zu ihrem Kind könnte, wenn die Erstversorgung abgeschlossen sei.

Martin bewunderte Anne dafür, wie professionell sie sich verhielt. Unvermittelt die Rollen switchen konnte. Dort agierte nicht seine Frau, sondern die notfallerfahrene Ärztin.

Anders als er selbst. Der wieder einmal erst in Schockstarre verfallen war. Eine Welle von Ärger erfasste ihn. Er merkte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss. Was war bloß los mit ihm? Diagnose, Therapie, alles umsonst, wenn es drauf ankam. Immer dieselben Schleifen. Anne hatte sich doch auch von ihren Gespenstern, ihrem Trauma befreien können. Er trat mit dem Fuß in den Sand. Verdammt. Er wollte das nicht mehr. Er brauchte den Mann zurück, der er irgendwann einmal gewesen war. So einen, auf den nicht alle herabsahen. Der eine Frau wie Anne verdient hatte. Und der genügend Autorität ausstrahlte, dass ihm so ein Großstadtanwalt nicht einfach eine Visitenkarte entgegenstreckte.

»Sagen Sie mir doch, dass sie es schaffen wird«, hörte er im Näherkommen die Mutter. Sie sprach die Worte fast flüsternd. Als wollte sie nicht gehört werden, weil sie Angst vor einer Antwort hatte.

Anne antwortete mit ruhiger, klarer Stimme: »Sie ist in den besten Händen.«

Im gleichen Augenblick hob sie den Kopf und sah ihn an. Ihre Augen weiteten sich, und er verstand, was sie ihm sagen wollte. Hätten wir doch vorhin nur …

Das war der Punkt. Nicht sie beide, sondern allein seine Aufgabe wäre es gewesen, Kind und Hund aus den Dünen zu holen. Er kannte die Gefahren, das Verbot und hatte die entsprechende Kompetenz und Durchsetzungsgewalt. Eigentlich.

Er konnte nur hoffen, dass das Mädchen gerettet wurde. Dass es keine bleibenden Schäden zurückbehielt.

Martin atmete tief durch. Wenn er etwas ändern wollte, dann jetzt und sofort. Schluss mit seiner Selbstbezogenheit, Schluss mit der Angst vor der Angst. Er hörte die Stimmen seiner Therapeuten. Es half nur eins: rein in die Konfrontation.

Er drehte sich um. Fixierte den Strandkorb. Der Vater schien sich nicht einen Millimeter bewegt zu haben.

Mit staksigen Schritten ging er auf den Anwalt zu.

Der hob seinen Kopf. Martin konnte sehen, wie die Muskeln im Gesicht zuckten, die Augen waren glasig.

»Ihre Tochter lebt, das Rettungsteam gibt sein Bestes.« Er war überrascht, wie fest seine Stimme klang. Seine Rollenstimme. Sie war da. Er musste sie nur aktivieren. Für Sekunden atmete er auf.

Die Miene des Vaters verrutschte. Ein unterdrückter Laut entfuhr seinem Mund, der dem Winseln eines Tieres glich.

Im selben Augenblick hörten sie den Hubschrauber.

Martin sah nach oben. »Noch mehr Unterstützung«, sagte er. »Die Helfer tun, was sie können. Alles, was menschenmöglich ist.«

Der Vater biss sich in seine Hand. Dann strafften sich von jetzt auf gleich seine Gesichtszüge, er nahm seine Schiebermütze vom Kopf und fuhr sich durch sein lichtes Haar. »Davon gehe ich aus. Sonst gnade Ihnen Gott. Wenn Moolin nur ein Hauch passiert, werde ich Sie persönlich dafür verantwortlich machen.«

12

Martin sah auf seine Armbanduhr und legte den Kugelschreiber diagonal auf seinen Block.

Sofort begann ein Rascheln, Stühlerücken und Gemurmel.

»Schluss für heute«, schob er halblaut hinterher, aber sein Team hatte das nonverbale Zeichen schon verstanden.