Inseln sind wie ein Gedicht - Gerhard Polzin - E-Book

Inseln sind wie ein Gedicht E-Book

Gerhard Polzin

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Beschreibung

Vor Ihnen liegt ein „Rügspiegel“ besonderer Art: Er kann lachen, er kann weinen. Sein Rahmen ist die Zeit, seine Stärke das Verstehen. Zwei Brüder erzählen vom Leben h i n t e r m Strand, von Menschen, Tieren, grünem Land. Aus ihren Geschichten und Gedichten spricht ihre Heimat so, wie sie ein Rügengast kaum je vernimmt. Nicht immer herrscht und herrschte eitel Sonnenschein. Wer kennt schon noch die Härten nach dem Kriege, die kleinen Freuden jener Tage? Es gibt manches, das ins Heute reicht und manches, das vergessen scheint.

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Seitenzahl: 143

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Gerhard Polzin / Eberhard Gaede

Inseln sind wie ein Gedicht

Ein Rügenbuch gegen das Vergessen

Engelsdorfer VerlagLeipzig2015

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Lektorat: Gabriele Polzin

Gestaltung: Sylvelie Polzin

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

W i d m u n g

Unserer Heimatinsel Rügen

sowie

unseren verstorbenen Eltern und Brüdern.

Die Autoren

Berlin & Lietzow, im Februar 2015

Wir Brüder 1950

Inseln sind wie ein Gedicht

Inseln sind wie ein Gedicht,

Prosa steht für weites Land.

Inseln zeigen ihr Gesicht,

stolz umkränzt vom eignen Strand.

Menschen, die auf ihnen leben,

sind von ganz besond’rer Art.

Stürme ihnen Prägung geben,

Bräsigkeit mit Herz gepaart.

Warum viele Worte machen,

wenn doch wenige genügen?

Ob ein Grollen oder Lachen,

es geschieht in vollen Zügen.

Ein Gedicht und eine Insel

sind begrenzt auf engen Raum,

das verlangt von Wort und Pinsel

Konzentrat statt Geistesschaum.

Daseinsfülle hoch verdichtet,

bieten Eiland und Poem.

Wer auf Weitschweif gern verzichtet,

dem sind beide angenehm.

G. P.

Berlin, im Dezember 2014

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Was ist Rügen für Rüganer?

Mamatschi

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kindheit vor dem Regenbogen

Der Regenbogen

Teil 1: Alles Nord

Besichtigung

Blinder Gernefischkopp

Das Meer und du

Eine, die auf Lampen steht

Fern der Heimat

Freundschaft international

Freya – Stimme des Nordens

Gleichnis

Heimat, deine Farben

Heimat, deine „Wende“

Ich mag dich, Meer und Meer!

Insel im Herzen

Klöndöör

Das Kompliment

Lausch ich in die tiefste Ferne …

Elizabeth auf Rügen

Opas Nachtgedanken

Ossi

Öwerraschungsmoment

Schlöpendriewer

Seine Heimat blind versteh’n

Utkiek

Die Westsee

Der Zeiten Lauf

Teil 2: Alles neu

Alte Wesen lehren gut

Der Apfel

Armutszeugnis

Autorität

Bauberatung?

Dazwischen

Deutschland, deine Narben

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit

Des Menschen eignes Heim

Erinnerungen eines Dankbaren

Humor

Jubiläen

„Klappenwert“

Aus un’ ’bei

Langzeitlebensstudie

Luft

Meilenstein

Missbrauchtes Wort

Schade!

Schönheit gilt es zu bewahren

Und die Moral von der Geschicht’

Veiligheid

Weg mit dem ß!

Willkommen

„Witterung“

Weitere Bücher

Was ist Rügen für Rüganer?

Den meisten eine Selbstverständlichkeit, über die man sich gar keine Gedanken macht. Erst für den, der sich von Rügen längere Zeit entfernt oder in die Jahre kommt, vor allem, wenn beides der Fall ist, gewinnt die Heimatinsel mehr und mehr Raum in seinem Denken und Fühlen.

In diesem Büchlein lässt sich das Gesagte zumindest an zwei Rüganern nachweisen. Wie verschieden wir beide auch immer sein mögen, so sind wir doch von ganzem Herzen Rüganer. Die Insel ist viel mehr als Strand, viel mehr als nur der Fischerstand. Man könnte sagen: „Dichter und Bauer“ haben in erster Linie ihren guten Namen begründet. Wenn wir zwei, mein Bruder und ich, natürlich nicht diese Symbole selbst sind, so trifft es sich doch, dass wir uns, ich als Freizeitdichter und er als Freizeitbauer, nicht ganz erfolglos betätigt haben. Während ich in die Welt hinauszog beziehungsweise gezogen wurde, hielt er beharrlich fest an der Heimaterde, und das sogar im wahrsten Sinne des Wortes. Jeder von uns ging seinen eigenen Weg vom „Lebenslehrling“ zum „-gesellen“, vielleicht sogar zum „-meister“. Wurden meine Hauptwerkzeuge das geschriebene und gesprochene Wort, so bediente er sich „handgreiflicherer“ Arbeitsinstrumente. Der eine beobachtete – zumeist von Ferne – mit respektvollem Unverständnis des anderen Tun. Eines ist mir völlig klar: Der Bauer kann ohne den Dichter fraglos existieren, nicht aber umgekehrt. Wenn man bedenkt, wer von beiden dessen ungeachtet die größere Aufmerksamkeit genießt, so liegt darin durchaus ein gerüttelt Maß an Ignoranz. Ich glaube allerdings, existieren sollte uns nicht genug sein. Zum Leben gehören Bauer und Dichter. Das wurde mir vor einigen Jahren so recht bewusst, als mein Bruder bei einem meiner seltenen Besuche auf der Heimatinsel nach längerem Zögern meinte: „Ick möcht’ schon gern, dat nich allet einfach so vergessen wird, zum Beispiel mein Leben mit meinen Tieren und mit dem Schrebergarten. Damit weiß ick ja gut Bescheid, aber wie machen wir dat hier nu? Du Büro- und Stadtmensch müsstest dat doch wissen.“

Ja, ich freute mich, ihm einmal mit meinen Stärken helfen zu können (Schwächen hat man als Blinder leider ohnehin genug): Er bekam von mir Aufnahmetechnik und „Noteinweisung“, dazu mein Versprechen, mich um alles Weitere zu kümmern.

Man kann sich wohl ziemlich leicht vorstellen, wie dieser „Landmensch“ bei seinen abendlichen „Geheimsitzungen“ vor dem Ding, dem Mikrofon, geschwitzt haben mag. Mit Sicherheit mehr als bei der Feldarbeit! Vor dieser Tortur hatte er noch einmal, praktisch wie er war, unsere Vereinbarung kurz zusammengefasst: „Ick erzähle, du schreibst auf!“ Und so wurde es dann gemacht.

In Berlin habe ich seine Aufzeichnungen angehört. Sie waren so beeindruckend, dass ich beschloss, den unverwechselbaren Charakter seines mündlichen Berichtes bei der Übertragung in die Schriftform soweit wie irgend möglich zu erhalten. Es entstand eine Broschüre mit bewegenden Lebensbildern für den „Eigenbedarf“. Als mir deren Manuskript in diesen Tagen wieder einmal in die Hände fiel, wurde mir erst jetzt so richtig bewusst, dass die Erinnerungen meines Bruders viel mehr sind als private Geschichtchen. Ich bin heute davon überzeugt, dass sie ein Zeitdokument von großem Wert darstellen. Während die einen beim Lesen voller Freude Schauplätze und Gegebenheiten auf Rügen wiedererkennen werden, dürften die anderen mit Staunen vernehmen, was unter welch abenteuerlichen Umständen zustande gebracht wurde. Allen aber, dessen bin ich mir ganz sicher, wird dieser Lebensbericht eine wahre Fundgrube an Kenntnissen und Erkenntnissen darüber sein, was ein Mensch mit Beharrlichkeit und Fleiß, mit Ideenreichtum und Zielstrebigkeit vermag.

Es hat mich übrigens einige Mühe gekostet, meinen Bruder davon zu überzeugen, dass ausgerechnet sein Leben für andere interessant sein könnte. Nun ist es an Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, darüber zu einem eigenen Urteil zu kommen.

Bevor Sie sich jetzt über den „Vollrüganer“ hermachen, seien zu dem anderen noch ein paar Vorbemerkungen gestattet: Ich wurde 1945 – rund acht Jahre nach meinem Bruder – ebenfalls auf Rügen geboren, doch verlief mein Leben in völlig anderen Bahnen. Mit acht Jahren erblindet, musste ich meiner Heimatinsel bereits in diesem Alter den Rücken kehren. Eine sehr solide Bildung und Erziehung in der Blindenschule Königs Wusterhausen sowie ein Hochschulstudium in Leipzig waren der Lohn für die anfänglichen Tränen und die lange Abwesenheit von Rügen.

Doch ich kam wieder! Für vierzehn Jahre, in deren Anfangszeit übrigens eine nigelnagelneue kleine Insulanerin und ein ebensolcher Insulaner nicht sehr lange nacheinander das Licht unserer Familienwelt erblickten.

Über Neukloster führte dann schließlich der berufliche „Aufstieg“ nach Berlin, wo wir noch heute leben. Da ich vor meinem Bruder vier Bücher Vorsprung habe, die alle in meinem Ruhestand geschrieben wurden und viel Autobiografisches – auch beziehungsweise gerade zu Rügen – bieten, möchte ich mich dieses Mal ein wenig zurückhalten, was zugegebenermaßen eigentlich nicht so meine Art ist, auch das ganz im Gegensatz zum anderen Autor.

Der zweite Teil des Buches beginnt mit meiner Erzählung über Licht und bunte Schatten einer Nachkriegskindheit auf Rügen.

Da ich das Verseschmieden nicht lassen kann, gibt es seit meinem Gedichtband „Allerleihand“ Neues, das ich Ihnen zusammen mit früheren „Nordwerken“ abschließend präsentieren will.

Was also ist Rügen für Rüganer? Die Antwort der Autoren auf diese Frage liegt vor Ihnen. Sehr verschieden zwar in ihrer literarischen Gestalt, nicht aber in ihrer Aussage: Rügen ist und bleibt ein Teil von uns als „Grundgefühl“ und Wesenszug.

Bitte sehr, Brüderlein, der Ältere hat den Vortritt!

Dr. Gerhard Polzin

Berlin, im März 2015

Mamatschi

Fanny und Susi 1989

Erinnerungen in acht „Selbstgesprächen“

von Eberhard Gaede

Personennamen wurden geändert, Orte sind authentisch, Zeitangaben aus dem Gedächtnis rekonstruiert.

1

Ich bin 1936 in Altefähr geboren im Elternhaus meines Vaters. Wir sind dann – ich denke 1939 – nach Lietzow gezogen, wo mein Großvater mütterlicherseits uns ein Haus bauen lassen hat, weil mein Vater vorher verstorben war. So habe ich dann schon den größten Teil meiner Kindheit hier in Lietzow verbracht.

Schon bald entdeckte ich meine Liebe zu den Tieren. Wir wohnten ganz dicht am Wald. Die Bäume standen praktisch bis an das Stallgebäude und nach Osten war so eine Art Hochwiese. Im Winter – damals lag immer viel Schnee – kamen die Hirsche bis auf unser Grundstück. Es machte mir Spaß, an der Stallwand zu stehen und zuzusehen, wie die Damhirsche im ganzen Rudel herunterkamen, um zum Beispiel Kartoffelschalen zu fressen, die jemand auf den Kompost geworfen hatte.

Auch der Herbst erinnert mich an Tiere: Da kam Bauer Strauch aus Semper mit Brennholz für die Mieter unseres Hauses, in dem nämlich außer uns noch mehrere Familien lebten.

Weil unser Anwesen auf einem ziemlich steilen Hügel – den wir Berg nannten – lag und schwer zugänglich war, wurden unten die zwei Pferde des hinteren Wagens mit vor den vorderen gespannt und mit vier Pferden ging’s den Berg hoch. Das Schönste war, dass ich dabei oben daneben sitzen konnte. Ja, Pferde waren meine Welt von Kindheit an. Ich habe mir jeden Riemen des Geschirrs, jede Einzelheit der Wagen gründlich angesehen und gemerkt. Wenn der Wagen leer war, fuhren sie runter und holten den zweiten. Natürlich ist man mitgelaufen und hat sich alles genau angeguckt. Na, und Opa Strauch, der Chef, der ging ja denn mit seinem Krückstock nebenher und beobachtete die ganze Geschichte. Wenn ich an ihm vorbeilief, denn hakte er damit hinter mein Bein, sodass ich auf den Bauch flog und sagte dann noch verschmitzt: „Haste wat gefunden?“

Ja, so verliefen die Jahre, der Krieg ging zu Ende und die Zeit der Kleintiere fing an. Jeder hatte Kaninchen, jeder hatte ein Huhn – wir natürlich auch. Es muss so 1948/49 gewesen sein, als der Schrebergarten gegründet wurde, und mein Stiefvater wurde sein erster Vorsitzender. Mein Bruder und ich standen mit dem Spaten parat – die Parzellen waren verlost worden – und denn ging das los mit dem Graben. So kam ich schon in dieser Zeit mit dem Schrebergarten in Kontakt.

Viele Leute schafften sich eine Ziege an wegen der Milch. Ich war ja mehr für Pferde, doch wer sollte mir ein Pferd kaufen? Mutter hat mir öfter das Lied „Mamatschi, schenk mir ein Pferdchen …“ vorgesungen – aber nur den Anfang – und mich damit ein bisschen gefoppt. Schon damals hab ich ihr gesagt: „Pass auf, eines Tages hab ich eins!“ Erst mal hab ich mir einen Ziegenbock großgezogen und vor den Wagen gespannt. Damit konnte ich zum Beispiel Holz aus dem Wald holen und auch die Ernte aus dem Schrebergarten nach Hause fahren.

In einem Jahr hatte ich dann eine prima Kartoffelernte. Wir konnten gar nicht alle verbrauchen. Ein Bauer, den ich kannte, riet mir, sie einzumieten – er würde das überwachen – und im Frühjahr an ihn zu verkaufen. Dafür habe ich dann wirklich so viel Geld gekriegt, dass ich mir ein Ponyfohlen anschaffen konnte. Na, das war ja nun so ein Jährling, der noch nicht vor dem Wagen ging. Da habe ich ihn zu Fuß von Lietzow nach Altefähr gebracht (zirka 35 Kilometer!) und bei Verwandten in der Landwirtschaft untergestellt, bis ich ihn ein Jahr später wiedergeholt habe. Da konnte ich ihn schon ein bisschen anspannen.

Und so verging die Zeit, bis ich in die Lehre musste. Ja, was nun aber mit meinem Viehzeug? Von den Tauben, die übrigens meine ersten eigenen Tiere waren und die ich noch gar nicht erwähnt habe, nahm ich mir ein Pärchen mit nach Saßnitz, wo ich in die Tischlerlehre ging und bei meiner Tante wohnte. Dazu meine Ziege, die ich inzwischen auch besaß. Der Ziegenbock musste leider weichen; der wurde verkauft. Für den Schrebergarten konnte ich natürlich in der Zeit auch nichts tun. Mein Pony Piko ließ sich auf die Dauer auch nicht von Saßnitz aus betreuen und musste schweren Herzens weggegeben werden.

Die 50er Jahre vergingen. Es galt, eine Familie zu gründen und ein Häuschen zu bauen. Sobald ich dann aber wieder Luft hatte – das war so Mitte der 60er, wandte ich mich wieder dem Schrebergarten zu. Da sah es traurig aus. Kein Zaun, dafür waren mal Drahtseile gespannt worden, um die LPG-Kühe abzuhalten, die Rüben im Schrebergarten abzufressen. Das lag aber inzwischen alles runter. Ein paar junge Leute ergriffen nun die Initiative. Einer hatte die nötigen Verbindungen, um alte Bahnschwellen zu besorgen, die wir heranfuhren. Dazu nahmen wir meinen Trecker, einen kleinen Lanz Bulldog. Den hatte ich mir beschafft, mit viel Mühe wieder fahrbereit gemacht und selbst einen Hänger dazu gebaut. Die Schwellen mussten rund um den ganzen Schrebergarten verteilt und als Zaunpfähle eingegraben werden. Mit dem Trecker wurden die Spanndrähte zwischen den Pfählen stramm gezogen und dann angenagelt. Anschließend mussten die Spanndrähte noch senkrecht verbunden werden, damit das Wild nicht reinkommen konnte. Diese Konstruktion hat dann auch Jahre und Jahre gehalten. Damals gab es in der Schrebergartengemeinschaft noch viele Mitglieder, sodass Zaunbau und -instandhaltung eigentlich kein Problem waren. 1967/68 war die Einzäunung geschafft – einschließlich der selbst gebauten Tore.

Im Laufe der Zeit haben wir uns denn ein paar uralte Geräte zugelegt, die bis dahin von Pferden gezogen worden waren. Darunter: Pflüge, Eggen, Grubber und so weiter. Jetzt konnte der Bulldog genommen werden, wofür man sich vorher Pferde von der LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) borgen musste. Dort wurden die Pferde ja sowieso auch immer mehr abgeschafft. Da es im Dorf auch keine Pferde mehr gab, waren wir doch tatsächlich auf diesen alten Bulldog angewiesen. Der hat das auch gemeistert.

Der Schrebergarten umfasste noch so etwa 48 Parzellen, wovon einige an LPG-Mitglieder vergeben waren, die alles selbst machten mit ihren Traktoren. Wir übrigen nutzten den Bulldog. Eine Reihe von Parzellen gehörte Umsiedlern, die schon als alte Herren nach Lietzow gekommen waren und nach und nach ausfielen. Wir fanden es schade, die Flächen so brachliegen zu lassen. Für unseren Bedarf an Kartoffeln, Mohrrüben und so weiter reichte zwar eine Parzelle, aber man könnte doch auf den freien Flächen Getreide anbauen, dachten wir uns so. Das konnte ich gut gebrauchen für mein Pony, das ich inzwischen neu angeschafft hatte und neben dem Bulldog für kleine Feldarbeiten nutzte. Meine Leidenschaft gehörte nun mal den Pferden.

So haben wir etliche Jahre ein, zwei oder gar drei Parzellen mit Getreide bestellt. Man kriegte ja damals auch kein Korn zu kaufen. Wir erhielten höchstens Kleie als Schrot bei Abgabe von Kaninchen oder Kaninchenfellen. Einfach so bei der BHG (Bäuerliche Handelsgenossenschaft) Getreide kaufen, war nicht drin. So haben wir uns denn selber geholfen. Mit einem uralten Dreschkasten, den ich besorgt hatte und der vom Bulldog angetrieben wurde, waren wir so ziemlich unabhängig bei der Getreideernte.

2

So, bevor es in den 60er Jahren weitergeht, will ich noch mal weit zurückgehen und besonders über meine Tiere bis dahin berichten.

Meine ersten Pferde zum Beispiel: Das muss 1943/44 gewesen sein. Da kriegte ich zwei schöne Holzpferde als Weihnachtsgeschenk. Die stammten aus Norwegen. Einer meiner Onkel war im Krieg in Norwegen stationiert; der hat die beim Weihnachtsmann bestellt und mitgebracht. Das war für mich eine riesige Freude. Da wurden nachher Geschirre gebastelt, Wagen gebaut und in den Stuben wurde gespielt. Als denn das Wetter für draußen kam, wurden Straßen gebaut und ein Hof am Sandberg. Ein Freund aus dem Haus und ich haben uns damit den ganzen Sommer vergnügt. Das waren also meine ersten kleinen Pferde. Die waren ungefähr so groß wie eine Katze, damit man mal einen Größenvergleich hat.

Als der Krieg denn zu Ende ging, da kamen unsere „Freunde“, die Russen. Die kamen mit Pferd und Wagen hier angefahren. Da war das ganze Dorf voll Wagen und Pferde, kann man bald sagen. Draußen die Koppeln, die hatten Sie auch in Beschlag; denn alles, was hier noch an Pferden existierte, das hatten sie sich ja auch noch „eingekreist“. Da liefen ja nun so viele davon rum und wir Jungs haben uns beigemacht und sind mit einem Strick losgezogen und da hab ich mir doch wirklich ein Pony gegriffen.

Denn wurde sich oben auf dem Berg hingesetzt – Gras war da genug – und denn konnte das Tier weiden. Das Pony hab ich wohl eine oder zwei Wochen gehabt. Nachts kam es hinterm Haus auf die Veranda, damit es mir keiner wegnimmt.

Nach einer gewissen Zeit – ich saß gerade wieder mit dem Pony auf dem Berg – da kam ein Mann aus dem Dorf, nahm mir den Strick aus der Hand und ging mit dem Pony bergab. Der hat das Tier noch jahrelang gehabt. Natürlich musste ich immer nach ihm gucken, doch was wollte man sagen oder machen: Wie gewonnen, so zerronnen.

So, das war abgehakt und es ging auf ein Neues. Als Nächstes haben wir uns einen Großen gegriffen. Aus alten Fahrradreifen – solchen Wulstreifen – und Stricken wurde ein Geschirr gebastelt. Von einer Kiefer haben wir einen großen Ast abgesägt, das Pferd davorgespannt und denn uns daraufgeschmissen. So konnten wir oben auf dem Berg damit immer rundherum fahren. Das wurde ein paar Tage lang praktiziert. Nachts haben wir das Pferd auf unserm Hof an einen Baum gebunden. Da musste es denn warten bis zum nächsten Morgen, aber eines Tages war es weg.

Das war das nächste Pferd. Im Laufe der Zeit ordnete sich dann die ganze Sache so nach und nach, und so haben wir uns denn wieder mehr auf unsere Kleintiere konzentriert.