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Ob alt oder jung, ob behindert oder nicht behindert, man darf von jedem Menschen sehr wohl erwarten, dass er lernt, seinen Beitrag zur Förderung des Zusammenlebens in der Gemeinschaft zu erbringen – mögen die persönlichen Voraussetzungen dafür auch noch so unterschiedlich sein. Man muss es wollen, und man muss es tun. Wer nimmt, der muss auch geben. Der Ehrentitel »meine liebe Oma« oder »mein lieber Opa« zum Beispiel fällt einem nicht in den Schoß. Man kann, man muss ihn sich verdienen. Vertrauen ist ein teures Gut und nicht für Geld zu haben. Als promovierter Pädagoge im Ruhestand, der bereits in seiner Kindheit erblindete, weiß ich, wovon ich spreche. Meine Familie und mein Beruf wären ohne uneigennützige Zuwendung, Zuverlässigkeit und gegenseitiges Bemühen undenkbar gewesen. Solche Werte Kindern wie Erwachsenen nahezubringen ist ein Anliegen meines Bändchens. Wer nun meint, es handle sich um ein trockenes Ethiklehrbuch oder es gehe nur blinde Opas und ihre Enkel an, den wird die Lektüre überraschen.
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Seitenzahl: 35
Veröffentlichungsjahr: 2019
Gerhard Polzin
Pünktchen-Opa und sein „Held“
Zehn wahre Geschichten für kleine und große Leute
Engelsdorfer Verlag Leipzig 2019
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.
Copyright (2019) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Cover
Titel
Impressum
Der geheimnisvolle Opa
Der Schiet
Das Brüderchen
Der Hahnenschrei
Der Sonnenschein
Das Geheimnis
Das große, weite Meer
Der Verwandtensalat
Alte Geschichten
Wer sagt es besser?
Die Brailleschrift
Blindenschriftalphabet
„Kann ich?“, ruft Opa und legt sich den Ball zurecht. „Kann’s losgehen?“, fragt er noch einmal, damit er hört, von wo genau Tom „Ja! Ja!“, antwortet.
Oma, Opa und Tante Silli freuen sich jedes Mal sehr, wenn Tom und seine Eltern sie besuchen. Der Zweijährige saust durch das Haus, klettert auf das Sofa, damit er an die Lichtschalter heranreicht. Er betätigt alle Tasten und Knöpfe, die ihm unter die Fingerchen kommen.
Opa schnappt sich den kleinen „Renner“ manchmal und wirft ihn ein wenig in die Luft, sodass er freudig quiekt. Wenn Tom auf Opas Arm sitzt, greift er gern nach dessen großer, dunkler Brille.
„Vorsicht, Tommy!“, mahnt Opa dann und hält den Zappel-Phillipp fest.
Am liebsten würde Tom auch mal an der großen, schönen Wanduhr im Wohnzimmer drehen, doch die ist tabu. Ihr wohltönendes Dong hat ihn schon, als er fast noch ein Baby war, bezaubert. Ob er spielt oder beim Essen sitzt, immer dreht Tom sich in ihre Richtung und hebt den kleinen Zeigefinger, wenn sie schlägt.
Auch auf dem Flur gibt es für Tom etwas ganz Besonderes.
Eines Tages hatte Opa ihn dort getroffen und auf den Arm genommen: „Guck mal, Tommy, was wir hier haben!“ Mit diesen Worten öffnet Opa eine kleine Seitenklappe an der stillgelegten Kuckucksuhr und drückt auf einen Hebel. Das Türchen an der Vorderseite fliegt auf. Der „Hausbesitzer im Ruhestand“ schaut heraus und ruft: „Kuckuck!“
Tom ist erst einmal sprachlos, dann aber lacht er und verlangt: „Maaal!“
„Na gut, noch einmal“, gibt Opa nach und drückt erneut auf den Hebel.
Nun erscheint der Bewohner gleich dreimal.
Tom kann sich gar nicht trennen. Opa will ihn gerade wieder auf die Erde stellen, da beugt sich Tom plötzlich vor und schlägt die Kuckuckstür mit einem Knall zu. Nanu, denkt Opa, früher hat doch der Kuckuck seine Tür immer selbst vernehmlich zugeworfen.
„Das haben wir gleich“, sagt Opa, lockt zur größten Freude seines Enkelchens den Rentner noch einmal vor sein Häuschen und lauscht. Tatsächlich! Es bleibt nach dem Ruf ganz still. Opa fühlt vorsichtig an der Kuckuckstür und wirklich, die steht halb offen.
„Tommy! Tommy! Du bist mir schon ein Held!“, schmunzelt Opa. „Der alte Vogel hat scheinbar nicht mehr genug Kraft, die Tür richtig zuzumachen, da musst du ihm natürlich helfen.“
Wenn Opa und Tom sich seitdem auf dem Flur begegnen, zupft sein Tommy meist auffordernd an Opas Hosenbein. Dann wird er fast immer hochgehoben und darf inzwischen schon selbst den Hebel betätigen. Nie vergisst er am Ende seines Besuches beim Kuckuck, dem „Armen“ beim Türzumachen behilflich zu sein. Opa merkt jedenfalls immer, wie Tom sich mit einem Ruck vorbeugt und hört – von einem glücklichen Lachen begleitet – die Tür klappen.
Einmal, als Tom wieder mit seinem Opa auf Augenhöhe thront, ist er gegen seine sonstige Gewohnheit mucksmäuschenstill. Plötzlich spürt Opa eine ganz vorsichtige Berührung. Sein Tommy hat zwei Fingerchen ausgestreckt und tippt damit von unten ganz sachte gegen Opas Schnurrbart.
„Piekt“, stellt er laut und klar verständlich fest.
Oma, die gerade dazukommt, lacht und erklärt Tom langsam und deutlich: „Das ist Opas Schnurrbart.“
Tom, dessen Sprechkünste noch ziemlich bescheiden sind, wiederholt eifrig: „Nurrbart.“.
Dann strebt er nach unten und wendet sich anderen Abenteuern zu.
Am nächsten Tag telefonieren Oma und Toms Papa.
„Und, was macht Tommy?“
„Der spielt und macht Sprechübungen. Sag mal, wer ist Opa Norbert? Den kenne ich ja gar nicht?“, möchte Papa wissen.
„Opa Norbert?“, fragt Oma verwundert. „Kenn’ ich nicht.“
„Seit er gestern bei euch war, brabbelt er ständig was von Opa Norbert vor sich hin.“ Papas Stimme klingt etwas merkwürdig, findet Oma.
