Inspiration 1/2023 (Doppelnummer) -  - E-Book

Inspiration 1/2023 (Doppelnummer) E-Book

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Beschreibung

Zunächst sind wir Ihnen etwas schuldig. Die Inspiration ist in den vergangenen Monaten sprichwörtlich durch schwere See gefahren. Durch Corona und in den Nachwehen des Flutereignisses von 2021 ergab es sich, dass beide Redakteurinnen zeitgleich durch eine langwierige Erkrankung aus dem Rennen geworfen wurden und so die Arbeit an der Zeitschrift nicht weitergeführt werden konnte. Dies tut uns sehr leid und wir sind uns im Klaren, dass Sie sich vermutlich schon gefragt haben, ob hier noch etwas zu erwarten ist. Es kam wieder anders. Der Tod von Thomas Häußner, Verlagsleiter des Echter Verlags, hat dann für zusätzliche Verzögerung gesorgt. So kommt es, dass Sie in diesem Jahr zwei Doppelausgaben erwarten dürfen, von denen Sie die erste nun endlich in den Händen halten. Wir hoffen, dass sie Ihnen gefällt. Das vorliegende Heft befasst sich mit den Themen Ohnmacht und Ermächtigung. Die Machtlosigkeit – Wirklichkeit und Wahrnehmung von Menschen, Erfahrungen von Angst und Erwartung, von Widerstand und Verzweiflung. Aber dabei muss es und soll es nicht bleiben. Denn schon in den biblischen Erzählungen geht es oft darum, dass Menschen aus ihrer erfahrenen Ohnmacht, aus inneren und äußeren Zwängen herausgeführt werden. Aber nicht, um in eine neue Abhängigkeit zu geraten und einfach eine Ohnmacht gegen die andere auszutauschen. Gott schenkt Menschen das Rüstzeug zur Freiheit. Gerade heute, wo sich Konflikte und Bedrohungsszenarien in so vielen gesellschaftlichen Zusammenhängen zeigen, sehen wir es als wichtig an, dieser Form der Ermächtigung nachzugehen. Im Ringen um eine lebensförderliche Spiritualität, um eine eigene und erwachsene Gottesbeziehung trotz der offenkundigen Missstände in Kirche und Gesellschaft muss Macht und Ohnmacht kritisch reflektiert werden. Einer christlichen Lebenskunst und Spiritualität nachzugehen, die Ohnmacht wahrnimmt, Ermächtigung und Freiheit in den Mittelpunkt rückt und Macht und Mächte von verschiedenen Seiten beleuchtet, möchten wir in dieser Ausgabe Raum geben.

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Seitenzahl: 155

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum

49. Jahrgang – Heft 1, August 2023

ISSN 2366–2034

Die Zeitschrift »inspiration« erschien bis zum 41. Jahrgang 2015 unter dem Titel »meditation« mit der ISSN 0171–3841

Verlag: Echter Verlag GmbH, Dominikanerplatz 8, 97070 WürzburgTelefon (09 31) 6 60 68–0, Telefax (09 31) 6 60 68–23, Internet: www.echter.de

Layout: Crossmediabureau, Jürgen Georg Lang, Gerolzhofen

E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de

Die Zeitschrift und alle in ihr enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt.

Redaktion: Maria Gondolf, E-Mail: [email protected], Tel.: 0 22 26/8 90 05 29; Clarissa Vilain, E-Mail: [email protected]

inspiration erscheint in 2023 mit zwei Doppelnummern

Bezugspreis: jährlich: 32,00 €, Einzelheft 19,00 € zuzüglich Versandkosten

Auch als digitale Ausgabe erhältlich.Informationen unter www.echter.de / zeitschriften / inspiration

Abonnementskündigungen nur zum Ende des jeweiligen Jahrgangs

Auslieferung: Brockhaus, Kommissionsgeschäft GmbH, Kreidlerstraße 9, 70806 Kornwestheim

Bildnachweis:Titelmotiv: Panka Chirer-Geyer – www.panka.info

Diesem Heft liegt folgender Prospekt bei:

Flyer »Spiritualität«, Echter Verlag

Wir bitten um Beachtung.

Inhalt

inspiration

Heft 1.23 · Ohnmacht & Ermächtigung

Editorial

Teil 1: Ohnmacht

Benedict J. Collinet

Klagen

Oliver Wintzek

Ein »allmächtig-ohnmächtiger Gott«?!

Daniel Schneider

In der Tiefe wird es persönlich

David Novakovits

Rettungstaue im Scheitern

Markus Steffens

Depression und Glaube

Alfons Gierse

Ohnmacht und Scheitern einräumen

Teil 2: ermächtigen

Markus Roentgen

Was sind Straßenexerzitien?

Aline Drechsler, Clara Toelstede

Wonach das Leben ausrichten

Andreas Sturm

Macht, Ohnmacht, Rizinusstrauch und ein Wurm

Silvia Köln

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen

Hildegund Keul

Mystik, Macht und Missbrauch

Regina Heyder

Vom Sprechen und Zuhören

Andreas Wittrahm

Der Schatz im Abschied oder: Endlichkeit zwischen Ohnmacht und Ermächtigung

Mathias Kaiser

Gelobt sei du, Schwester Ohnmacht, denn du machst mich stark.

Steffen Tiemann

Bitte gut schütteln!Ehe Abraham wurde, bin ich. Mystik entdecken mit Zen und biblischen Schlüsselworten

Barbara Leicht

»Alle ihre Pfade führen zum Glück«

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Zunächst sind wir Ihnen etwas schuldig. Die Inspiration ist in den vergangenen Monaten sprichwörtlich durch schwere See gefahren. Durch Corona und in den Nachwehen des Flutereignisses von 2021 ergab es sich, dass beide Redakteurinnen zeitgleich durch eine langwierige Erkrankung aus dem Rennen geworfen wurden und so die Arbeit an der Zeitschrift nicht weitergeführt werden konnte. Dies tut uns sehr leid und wir sind uns im Klaren, dass Sie sich vermutlich schon gefragt haben, ob hier noch etwas zu erwarten ist. Es kam wieder anders. Der Tod von Thomas Häußner, Verlagsleiter des Echter Verlags, hat dann für zusätzliche Verzögerung gesorgt. So kommt es, dass Sie in diesem Jahr zwei Doppelausgaben erwarten dürfen, von denen Sie die erste nun endlich in den Händen halten. Wir hoffen, dass sie Ihnen gefällt.

Das vorliegende Heft befasst sich mit den Themen Ohnmacht und Ermächtigung. Die Machtlosigkeit – Wirklichkeit und Wahrnehmung von Menschen, Erfahrungen von Angst und Erwartung, von Widerstand und Verzweiflung. Aber dabei muss es und soll es nicht bleiben. Denn schon in den biblischen Erzählungen geht es oft darum, dass Menschen aus ihrer erfahrenen Ohnmacht, aus inneren und äußeren Zwängen herausgeführt werden. Aber nicht, um in eine neue Abhängigkeit zu geraten und einfach eine Ohnmacht gegen die andere auszutauschen. Gott schenkt Menschen das Rüstzeug zur Freiheit.

Gerade heute, wo sich Konflikte und Bedrohungsszenarien in so vielen gesellschaftlichen Zusammenhängen zeigen, sehen wir es als wichtig an, dieser Form der Ermächtigung nachzugehen. Im Ringen um eine lebensförderliche Spiritualität, um eine eigene und erwachsene Gottesbeziehung trotz der offenkundigen Missstände in Kirche und Gesellschaft muss Macht und Ohnmacht kritisch reflektiert werden. Einer christlichen Lebenskunst und Spiritualität nachzugehen, die Ohnmacht wahrnimmt, Ermächtigung und Freiheit in den Mittelpunkt rückt und Macht und Mächte von verschiedenen Seiten beleuchtet, möchten wir in dieser Ausgabe Raum geben.

Eine inspirierende Zeit mit dieser Ausgabe wünschen Ihnen,

Maria Gondolf

Clarissa Vilain

Teil 1: Ohnmacht

scheitern?

die ohnmacht

erkennen

die weglosigkeit

aushalten

in deinem traum

ruhen

deiner liebe

trauen

(Michael Lehmler)

Benedict J. Collinet

Klagen

In den biblischen Impulsen eröffnet Benedict J. Collinet, Professor für Theologie und Exegese des Alten und Neuen Testaments an der KH Mainz, einen Einblick in die Art, wie wir unserer Ohnmacht Ausdruck verleihen können. In verschiedensten biblischen Texten klagen Menschen. Sie klagen Gott an und beklagen ihr Schicksal. Und ebenso oft, wie das Schicksal den Menschen zu treffen scheint, wird er liebevoll durch Gott begleitet und ermächtigt. Nicht, um als Marionette ohne freien Willen zu sein, sondern als Hilfe zur Selbsthilfe.

I.»Mein Gott, mein Gott! Warum hast du mich verlassen« (Ps 22,2a; Mk 15,34) oder: der Ohnmacht Ausdruck geben

Ohnmacht kann eine starke Kraft im eigenen Leben sein. Sie kann uns unsere Grenzen aufzeigen und uns erlauben, uns aus dem Spiel der Kräfte zurückzuziehen und uns auf Wesentliches im Leben zu besinnen und zu beschränken. Doch das ist nicht die erste Intuition oder Assoziation, die gewöhnlich mit diesem Begriff einherkommt. Ohne Macht zu sein bedeutet, keine Kontrolle zu haben, sehenden Auges und bei meist vollem Bewusstsein in eine Situation gehen oder in ihr verharren zu müssen. Ohnmacht ist der tiefste Punkt der Schwäche und eine Erfahrung von Einsamkeit, Verlorenheit und Abwesenheit – zumindest von Macht.

Ohnmacht ist der tiefste Punkt der Schwäche und eine Erfahrung von Einsamkeit, Verlorenheit und Abwesenheit – zumindest von Macht.

Ohne Macht zu sein bedeutet physikalisch weder Kraft noch Energie und damit keine Bewegung zu haben, sprich in Stasis zu bleiben. Wer ohnmächtig ist, scheint wie gelähmt und ohne Worte zu sein. In einem solchen Menschen müssen sich erst einmal die verbliebenen Kräfte sammeln, bis basale Handlungen wie Kommunikation oder Emotionen wieder möglich sind. Wer inneren oder äußeren Zwängen unterworfen ist, wird viel mehr Kraft brauchen, um wieder aus sich herauszukommen, die eigenen Blockaden und Panzerungen zu durchbrechen oder abzulegen, vielleicht sogar mehr, als ihr oder ihm an Macht verblieben ist.

Eine derartige Verfangenheit kennen auch die biblischen Texte. Gerade die Texte des Alten Testaments, die über den Zeitraum mehrerer Jahrhunderte entstanden sind und somit wohl die gesamte Bandbreite menschlicher Emotionen und Erfahrungen aufweisen, können hier zum Akkumulator werden. In den Texten wurden Worte gefunden für unbeschreibliche Freude und unsagbares Leid. Diese Worte können helfen, die ohnmächtigen Kräfte ein Stück weit zu bannen und so Raum und zusätzliche Energie zu geben. Auf diese Weise, durch bereits gesprochene Worte, die im Raum der Ohnmacht nur hallen und nicht gesprochen werden müssen, kann eine Ver-Dichtung im Sinne Heideggers stattfinden, die sich schließlich im schmerzhaften Ruf oder sogar Schrei der Klage ihren Weg bricht und so die erste Kette der Ohnmacht durchbricht. Auch die Bibel kennt dieses Leid und bietet Worte und Geschichten, um die volle Leere der Ohn-Macht zu fassen.

1.Jeremia: Erfragte Zustimmung – Klage – Bekenntnis

Das Prophetenschicksal Jeremias ist wohl neben dem Ijobs das bekannteste (männliche) Leiden des Alten Testaments. Beide Formen der Klage sind sprichwörtlich: Hiobsbotschaften und Jeremiaden. Doch beide Formen der Klage sind unterschiedlich aufgebaut. Der Prophet Jeremia klagt darüber, dass seine Botschaft nicht ankommt bei den Menschen – und im Buch der Klagelieder, das ihm zugeschrieben wird, weint er über das Schicksal Judas und Jerusalems, also über das Leid anderer Menschen. Jeremia erleidet viel, doch sein Leid ist mit einem Akt der Freiwilligkeit verbunden. Wie typisch für die Prophetie möchte er Dienst und Botschaft Gottes nicht in die Welt tragen müssen, doch er nimmt die Berufung an und erfüllt sie. Es beginnt also mit einer freien Entscheidung. Diese Entscheidung stellt Jeremia immer wieder in Frage, doch einmal getroffen, fühlt er sich innerlich an sie gebunden. Als Prophet werden ihm Worte eingegeben und auch in größter Frustration bricht sich seine Klage Bahn: »Du hast mich betört, o Herr, und ich ließ mich betören […] Zum Gespött bin ich geworden den ganzen Tag, ein jeder verhöhnt mich. […] Sagte ich aber: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen sprechen!, so brannte in meinem Herzen ein Feuer -[…] ich konnte es nicht aushalten.« (Jer 20,7–9). Jeremia bekennt sich am Tiefpunkt zu Gott und schöpft daraus Kraft.

2.Ijob: Bekennende Zustimmung – Klage – Bekenntnis

Scheinbar ähnlich und doch ganz anders bei Ijob. Er ist ein frommer und gläubiger Mensch, doch sein Leben wird getestet durch den himmlischen Versucher, den Satan. Er wird nicht um sein »Ja« gebeten. Doch gerade das macht seine Qualität aus. Ijob verwandelt seine Ohnmacht, sein der Situation ausgeliefert sein, in ein Ja zu Gott: »Der HERR hat gegeben, der Herr hat genommen; gelobt sei der Name des HERRN.« (Ij 1,21). Nachdem dieser Akt der Selbstermächtigung erreicht ist, der in der Bejahung des eigenen Widerfahrens besteht, wird Ijob jedoch weiter erprobt. Die Verluste an Leib und Leben sind so groß, dass Ijob nicht einmal mehr die Kraft zu Klage und Geschrei hat, die seine Freunde bei seinem Anblick aufbringen (Ij 2,12); er verharrt sieben Tage lang schweigend (v.13). Dann erst bricht es aus ihm hervor und es beginnt der lange Dialog, in welchem Ijob sein Schicksal beklagt und sich gegen Vorwürfe verteidigen muss (Ij 3–38). Die Freunde, welche ihn unterstützen wollen, versuchen seine Ohnmacht zu durchbrechen, indem sie die Verantwortung für das Geschehen aufteilen. Ijob hätte Schuld an seinem Schicksal oder er solle durch Leidenspädagogik erzogen werden usw. Doch damit verstärken sie nur die Ohnmacht, versuchen Ijob zur Annahme seines Schicksals und damit zum Schweigen zu bringen. Die Gottesreden am Ende des Buches jedoch gehen in eine andere Richtung. Sie gewähren Ijob keine Einsicht in die Hintergründe, aber sie durchbrechen den Kreislauf von Klage und Verteidigung gegen die Freunde, den Ijob aufgebaut hat. Gott übertreibt derart in seinen rhetorischen Fragen und Beispielen, dass Ijob seinen Redefluss unterbrechen und zuhören muss, durch seine Kehre nach innen – Augustinus spricht bei anderer Gelegenheit passend von einer incurvatio in seipso (nach innen Verkrümmung) – öffnet sich Ijobs Blick wieder nach außen – er kann seinem Kreislauf entkommen und löst sich somit aus der Stasis.

3.Die Klage ohne Ausweg?

Sowohl im Buch der Klagelieder als auch in den sogenannten Klagepsalmen (z. B. Pss 6; 13; 22; 130) finden Menschen in höchster Not eine Sprache, die sie zwar nicht ermächtigt, aber immerhin befähigt, nicht für immer im Krampf ihres stummen Schreis verharren zu müssen. Sie finden Wörter für das Unaussprechliche und Bilder für das Unbeschreibbare. Erkennen kann man die Lieder an einer mindestens doppelten Struktur: Schilderung der Klage und Bitte oder Erkenntnis der Erlösung.

Sowohl im Buch der Klagelieder als auch in den sogenannten Klagepsalmen (z. B. Pss 6; 13; 22; 130) finden Menschen in höchster Not eine Sprache, die sie zwar nicht ermächtigt, aber immerhin befähigt, nicht für immer im Krampf ihres stummen Schreis verharren zu müssen.

Die größte Wirkung im Christentum hat Ps 22 erfahren, jener Psalm, den der sterbende Christus am Kreuz im Markusevangelium betend zum Vater schreit. Es sind nicht die vertrauenden und hoffenden Teile des Psalms, die der Evangelist überliefert (Ps 22,20–32), sondern der Tiefpunkt der Hoffnungslosigkeit: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Ps 22,2a), der weitergeht mit »… bleibst fern meiner Rettung, den Worten meines Schreiens?«. Klage hat einen Ort. Sie verleiht der Ohnmacht Ausdruck, ohne sie gleich zu überwinden. Sie ist der erste Schritt, der nichts und doch zugleich alles ändern kann.

II.»Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt« (Ps 30,12) oder: Die Macht der Ohnmacht

Die Bibel beginnt nicht umsonst mit einem Schweben der göttlichen Geistkraft über dem Chaos, bevor Gott ordnende Worte spricht, die es umgestalten (Gen 1,1). Das eigene oder allgemeine Chaos in Worte zu bringen, ordnet es bereits. Die Verwendung von Grammatik, die Auswahl von Worten oder auch das Gefühl für ihr Ungenügen, ist bereits ein erster Schritt heraus aus der Passivität. Es ist noch keine Tathandlung, doch der Sprechakt ist performativ, also selbstwirksam. Aus der bereits im ersten Beitrag erwähnten Ver-Dichtung entströmen Worte und mit ihnen kommt ein Licht und die Feststellung, dass dieses Licht gut ist (Gen 1,3f.). Wir wissen nicht, ob es Mut von Gott erfordert hat, Chaos in die Ordnung zu bringen, doch wir ahnen, was es Jesus abverlangt hat, sich aus Liebe hinzugeben: keine Erlösung ohne Kreuz, kein Kreuz ohne das freie »Ja« von Gethsemane. Der Stil Jesu zeigt, was menschenmöglich ist, er ist Vor-Bild und lebt uns vor, wie der Tiefpunkt der Ohnmacht göttlich transformiert werden kann. Im Folgenden begleiten wir Jesus dafür durch die seinen biblischen Lebensweg und schauen, welches Rüstzeug Gott dort für uns bereitgelegt hat.

Der Stil Jesu zeigt, was menschenmöglich ist, er ist Vor-Bild und lebt uns vor, wie der Tiefpunkt der Ohnmacht göttlich transformiert werden kann.

1.Eingeborene Hilfsbedürftigkeit

Die Geburtsevangelien in Lk 2 und Mt 1f. machen deutlich, dass Gott nicht wie Laotse, viele Avataras oder antike Göttervorstellungen als legendarische Helden in ausgewachsenen Körpern geboren wird. Der Sohn inkarniert und wird Baby, ein Kleinkind, welches in völliger Abhängigkeit von der Liebe seiner (Zieh-) Eltern lebt und sich den Anfeindungen des Herodes keineswegs allmächtig entgegenstellen kann. Gott macht sich abhängig vom »Ja« Marias, von der geduldigen Sensibilität des Josef, sein »Ja« zu Maria und dem Wunder-kind durch Flucht und soziale Ausgrenzung durchzuhalten.

Der Vater greift nicht machtvoll ein, um den Sohn zu retten, er sendet lediglich eine Vision an Josef, obwohl es durchaus andere Möglichkeiten gäbe. So rettet Gott Hagar und ihren Säugling Ismael gleich zweimal aus der Wüste (Gen 16; 21) und ein Engel fällt Abraham in den Arm, als dieser Isaak zu opfern bereit ist (Gen 22). Die wundersame Rettung des Mose (Ex 2) wird nicht direkt auf Gott zurückgeführt und doch ist die Verbindung des »Binsenkörbchens« mit Noahs »Arche« (Gen 5–9, beides im hebr. »Kasten«) ein deutlicher Hinweis darauf, dass Gott auch diesen Säugling aus den Chaoswassern befreien will.

Gott vertraut darauf, dass diese Menschen, die er für seine Inkarnation erwählt hat, durchhalten werden. Und dies, trotz seiner jahrhundertelangen Erfahrung mit einem Volk, dass seinen Vertrag mit Gott nicht durchhalten kann. Gott vertraut auf das Wort einer Frau und auf die Zuneigung eines Mannes – ein Gendercrossing in der Antike und er überlässt sich ihnen hilflos.

Jesus lebt uns auf diese Weise eine der elementarsten Formen der Ohnmacht vor und lehrt zugleich etwas: Auch wenn alle Zeichen dagegenstehen, egal was wir uns zu einem Thema denken und wie unwahrscheinlich die gegebenen Erklärungen auch sein mögen, wir sind eingeladen daran zu glauben, dass Gott eine positive Absicht in der Schöpfung hinterlegt hat. Diese Absicht kann sich zeigen in Menschen, von denen wir kein »Ja« erwarten dürfen, aber auf das wir hoffen können. Gott vertraut sich selbst den Menschen in seiner größten Hilflosigkeit und im Wissen darum, dass es am Ende Scheitern wird an, weil er daran glaubt, dass bis zu diesem Zeitpunkt am Ende helfende Menschen da sein werden. Kurz gesagt: Jesus ermächtigt durch seine Ohnmacht andere, ihm zu helfen. Nur die völlige Hingabe in die freiwillige Zusage von Maria und Josef erlaubt es ihnen, ermächtigt zu sein und ihn zu einem Mann zu erziehen, der selbstständig leben kann und aus dem verschreckten Schrei des Säuglings einen tanzenden Menschen zu machen.

2.Auf dem Weg von der Hilfe zur Selbsthilfe

Der Säugling Jesus wächst heran und als seine Zeit gekommen ist, begibt er sich auf seine Reise. Auch hier empowered er Menschen auf dem Weg, z. B. indem er bei den Marginalisierten isst, sich von ihnen berühren lässt und heilende Worte spricht. Die Wunder Jesu sind keine »Schauwunder«, keine Angeberei wie der Sprachgebrauch im Griechischen deutlich macht. Jesus wirkt »Zeichen« eines kommenden Reiches. Es ist nicht Teil des jesuanischen Stils seine Macht auszustellen, sondern er wartet auf die Worte der Menschen: »Was willst Du, dass ich Dir tue?« (Lk 18,41) ist eine wiederkehrende Frage. Die Menschen fühlen sich hilflos, hungrig, bedürftig. Sie laufen ihm nach, er ist ihre letzte Hoffnung, ihr Strohhalm im Leben. Doch Jesus nutzt diese Situation nicht aus oder errät in welcher Weise sie befreit werden wollen. Er fragt sie: er fragt jene Menschen, auf die niemand hört, die ihre Leidensgeschichten schon zu oft für ihre Umgebung erzählt haben oder deren Worte keiner ernst nimmt, was genau ihr Wunsch ist. Damit gibt er ihnen die Macht über ihr Schicksal zurück und befähigt sie zum Dialog. Sie dürfen ihre Ohnmacht und Bedürftigkeit zum Ausdruck bringen. Jesus stellt sie nicht ins Zentrum, um sie zu demütigen oder zu blamieren, sondern um sie zurück ins Bewusstsein der anderen zu bringen und ihnen damit über sein persönliches Verhältnis hinaus einen Stellenwert in der Gesellschaft (zurück-) zu geben. Indem er sie anhört, haben sie eine Stimme, indem er sie ansieht, haben sie Ansehen. Und so kann die Zeit der Klage in eine des Tanzes verwandelt werden (Koh 3,4), weil die Stummen singen und die Lahmen gehen.

3.Herzenstransformation als ultima ratio

Die bisherigen Beispiele zeigen, auf welch ungewöhnlich gewöhnliche Weise Gott ermächtigt. Gott liefert sich vollständig der Welt aus und ermächtigt Menschen durch ihr Mitgefühl, ihre Liebe und ihr freies »Ja«, also die Gipfelpunkte der Menschlichkeit, ihre eigene Stärke zu erleben.

Danach wendet er sich an jene, die sozial unbeachtet oder diskriminiert sind. Er sucht die Verstummten auf und gibt ihnen eine Stimme. Seien es Frauen und Kinder, Kranke oder anderweitig eingeschränkte Menschen, sozial geächtete Berufsgruppen oder verhasste Besatzungstruppen oder Ethnien seiner Zeit. Jesus nutzt sein öffentliches Ansehen, um andere in sein Licht zu ziehen und sie zu ermächtigen. Gleichzeitig ermöglicht er es auf diese Weise wiederum allen anderen, diese Menschen unter neuer Perspektive auf- und anzunehmen und ermächtigt damit erneut die Mächtigen zum Mitgefühl.

Doch nicht jede:r Mächtige möchte das auch. Es gibt systemische Faktoren, die es Menschen unmöglich machen, sich aus ihrem Umfeld zu emanzipieren. An Adam und Eva konnte Gott erkennen, wie Schuld entsteht (Gen 3) und durch den Brudermord Kains (Gen 4) die stigmatisierende Wirkung einer einzigen Tat, die so systemisch wurde, dass Gott einen so kalten Neustart beschließt, dass er hinterher verspricht, nie wieder in dieser Härte zu handeln (Gen 5–9). Ab diesem Zeitpunkt arrangiert sich Gott mit der menschlichen Schwäche des Wunsches nach Kontrolle und Mächtigkeit. Er bricht verhärtete Herzen und Positionen auf und stößt dabei etwa den mächtigen Pharao Ägyptens oder die Könige von Israel und Juda vom Thron (vgl. Lk 1,51–53).

Vor allem die Schriften des Alten Testaments tolerieren an dieser Stelle das leidenschaftliche Handeln Gottes, dass nicht selten in sprachlichen Gewaltexzessen gipfelt. Doch dieser Weg der Gewalt ist weder das, was Gott will, noch das, womit er in der Bibel enden wird.

Immer wieder werden prophetische Gestalten gesendet, um nur in Worten zu drohen, was in der Praxis nicht eintreten soll – bis hin zum endgültigen Scheitern der Menschen im Exil, das im ersten Beitrag beschrieben wurde. Der Weg der Eroberung oder gewaltsamen Missionierung, wie ihn etwa die Bücher