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In diesem Heft steht das Thema Muße im Mittelpunkt. Die Muße als Schwester der Freiheit (Aristoteles) hat eine durchaus wechselvolle Bedeutungsgeschichte hinter sich. Galt sie in der Antike als das Ideal der Lebensgestaltung, als die erstrebenswerte Ruhe von (jeglicher) Arbeit, so wurde sie im Laufe der Zeit von einem Leistungs- und Arbeitsideal in die Ecke der Faulen und Künstler gestellt. Gemeint ist im Griechischen aber sicher nicht die reine Faulheit, sondern vielmehr die schöpferische Muße, wie auch die sprachliche Nähe zwischen schola (Schule) und scholé (Muße) nahelegt. Heute begegnet uns diese Muße als freie Zeit zur Kreativität in verschiedenen Strömungen, nicht zuletzt in einer wachsenden DIY-Szene. Die Sehnsucht nach einer Zeit, die nur mir und meinem eigenen Studium um der eigenen Gestaltung dient und in der nicht ich dienen muss, ist heute sehr groß. Dies mag daran liegen, dass Erwerbsarbeit und Gewinnerhöhung einen hohen Stellenwert hat. Oder aber es ist doch darin begründet, dass der Mensch grundsätzlich diese Zeit braucht, die nicht von außen schon vorgestaltet ist und in der ich selbst Herrin über meine Zeit bin. In diesem Heft haben wir kleine Texte, Aphorismen, Zitate für Sie eingestreut. Für Ihrer Muße Zeit oder einfach nur, um das Herz zu erfreuen.
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Seitenzahl: 78
Veröffentlichungsjahr: 2019
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In der Stille
Wieviel Schönes ist auf Erden
Unscheinbar verstreut;
Möcht ich immer mehr des inne werden;
Wieviel Schönheit, die den Taglärm scheut,
In bescheidnen alt und jungen Herzen!
Ist es auch ein Duft von Blumen nur,
Macht es holder doch der Erde Flur,
wie ein Lächeln unter vielen Schmerzen.
Christian Morgenstern (1871–1914)
Inhalt
inspiration
Heft 2.19 • Muße
Editorial
Johannes Lieder
Nur Maschinen funktionieren immer
Christian M. Rutishauser SJ
Sabbat und Sonntag – Der Ruhetag als Tempel in der Zeit
Theodor Hausmann OSB
Mitten am Tag ein Innehalten, mitten am Tag ein kleines Glück
Irene Leicht
»Maria und Marta müssen Zusammengehen« (Teresa von Ávila) Über Kontemplation, Muße und Buße
Clarissa Vilain
Ernten, was wir nicht säen – von der Muße im pastoralen Alltag
Stephanie Koch
Haben Sie Zeit und Muße für …
Im Gespräch mit Alexander Beisenherz
Horror Vacui – oder warum kann ich nicht JETZT entspannen
Editorial
Liebe Leserin, lieber Leser,
Wie schön wäre es an diesem Tag einfach nur sein zu können. Einfach nur der eigenen Nase nach zu leben und nichts zu tun? Wie oft aber ist uns da der negativ besetzte Begriff der Faulheit im Weg und unser eigenes Ideal, fleißig und strebsam zu sein.
In diesem Heft steht das Thema Muße im Mittelpunkt. Die Muße als Schwester der Freiheit (Aristoteles) hat eine durchaus wechselvolle Bedeutungsgeschichte hinter sich. Galt sie in der Antike als das Ideal der Lebensgestaltung, als die erstrebenswerte Ruhe von (jeglicher) Arbeit, so wurde sie im Laufe der Zeit von einem Leistungs- und Arbeitsideal in die Ecke der Faulen und Künstler gestellt. Gemeint ist im Griechischen aber sicher nicht die reine Faulheit, sondern vielmehr die schöpferische Muße, wie auch die sprachliche Nähe zwischen schola (Schule) und scholé (Muße) nahelegt.
Heute begegnet uns diese Muße als freie Zeit zur Kreativität in verschiedenen Strömungen, nicht zuletzt in einer wachsenden DIY-Szene. Die Sehnsucht nach einer Zeit, die nur mir und meinem eigenen Studium um der eigenen Gestaltung dient und in der nicht ich dienen muss, ist heute sehr groß. Dies mag daran liegen, dass Erwerbsarbeit und Gewinnerhöhung einen hohen Stellenwert hat. Oder aber es ist doch darin begründet, dass der Mensch grundsätzlich diese Zeit braucht, die nicht von außen schon vorgestaltet ist und in der ich selbst Herrin über meine Zeit bin.
In diesem Heft haben wir kleine Texte, Aphorismen, Zitate für Sie eingestreut. Für Ihrer Muße Zeit oder einfach nur, um das Herz zu erfreuen.
Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit mit diesem Heft,
Ihre
Johannes Lieder
Nur Maschinen funktionieren immer
Exerzitien sind Tage dieser Einkehr in meinen tiefsten Lebensraum. Davor sind viele Hürden zu überwinden: Ich muss innehalten im Alltagsgetriebe, um überhaupt meine tieferen Bedürfnisse wahrnehmen zu können. Dann mag ich erkennen, dass die Erfüllung dieser Bedürfnisse nicht in der hektischen und beanspruchenden Taktung meiner Tage Raum finden kann. Diese Empfindungen zuzulassen, ist der wichtigste erste Schritt.
Zum Einstieg in unsere Exerzitienkurse im Bistum Essen erzählen wir gern unter anderen folgende Geschichte:
Es war einmal ein König, der war bei seinem Volke geachtet und beliebt. Er besaß eine große Schatzkammer, und es machte ihm Freude, seinen Untertanen daraus zu geben, was sie brauchten. Der König hatte allerdings eine Eigenart, die seine Umgebung befremdete. Einmal am Tag, meistens am Morgen, ging er dann in den untersten, den tiefsten Raum seines Schlosses. Dort blieb er für längere Zeit. Jedermann rätselte, was er wohl in diesem Raum tat. Niemand außer ihm durfte diesen Raum betreten. Als der König alt geworden war und sein Ende kommen fühlte, rief er seinen Sohn, um ihm die Herrschaft zu übertragen. Schließlich führte er ihn auch in jenen Raum, den er täglich selbst aufgesucht hatte. Wie überrascht war der Sohn, als er seinen Fuß hinein setzte: Der Raum war fast leer.
Der König bat seinen Sohn, er möge die Nacht in diesem Raum verbringen. Am nächsten Morgen stieg er hinunter und fragte ihn: »Was wirst du mit diesem Raum machen, wenn ich gestorben bin?« »Ich werde ihn zumauern lassen«, antwortete der Sohn. Da bat ihn der Vater, eine weitere Nacht darin zu verbringen.
Wieder fragte der Vater ihn am Morgen: »Was wirst du tun mit diesem Raum, wenn ich gestorben bin?« Der Sohn antwortete: »Die ganze Nacht habe ich hin und her überlegt, wie ich diesen Raum füllen kann, aber ich weiß nicht wie.« Da bat ihn der Vater, noch eine dritte Nacht in der Kammer zu verbringen.
Als der König am Morgen hinunterging, lag sein Sohn friedlich am Boden und schlief. Ein letztes Mal fragte der Vater: »Was wirst du machen mit diesem Raum,wenn ich gestorben bin?« Da antwortete der Sohn: »Ich werde wie du jeden Tag in diesen Raum einkehren.«
Kurz darauf starb der König, und der Sohn regierte so gut wie der Vater. Immer hatte er genug, um jedem zu geben, was er brauchte.
(Die Legende vom tiefsten Raum, Quelle unbekannt)
Zumauern, vollstellen oder den Segen darin finden
Exerzitien sind Tage dieser Einkehr in meinen tiefsten Lebensraum.
Muße bedeutet mich und mein Selbst einfach dasein zu lassen
Davor sind viele Hürden zu überwinden: Ich muss innehalten im Alltagsgetriebe, um überhaupt meine tieferen Bedürfnisse wahrnehmen zu können. Dann mag ich erkennen, dass die Erfüllung dieser Bedürfnisse nicht in der hektischen und beanspruchenden Taktung meiner Tage Raum finden kann. Diese Empfindungen zuzulassen, ist der wichtigste erste Schritt. Lehne ich sie ab, gleiche ich dem Sohn des Königs in der ersten Nacht: Ich will meinen inneren Seelenraum zumauern. Schade. Der Kern dessen, was Muße bedeutet, ist: Mich und mein Selbst einfach dasein zu lassen.
Wenn es mir möglich wird, die Sehnsucht irgendwie wach zu halten und dieser Spur zu folgen, muss ich mir Zeit nehmen. Wie im Frühling in der Natur geht hier nichts unter Druck. Natürliches Wachstum geschieht in majestätischer Langsamkeit. Es braucht Sonnenwärme, Regen, guten Humus. Wind und Weite. Das ist der Kern dessen, was Muße bedeutet: Mich und mein Selbst einfach dasein lassen und im Nichtstun wachsen und sich entfalten lassen. Dazu werde ich mich aus den gewohnten Beanspruchungen des Alltags lösen. Mal aussteigen, Urlaub machen. Daher mag unsere Sehnsucht nach der Stille und Weite von Bergen oder Meer kommen. Dort kann dieses Wachsen geschehen, ganz von allein. So wie Jesus im Markusevangelium 4, 26 sagt: »Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht, wie. Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre.«
Allerdings nehme ich mich ja auch in den Urlaub immer selbst mit. Da kann es mir gehen wie dem Sohn in der zweiten Nacht: Es ist sehr ungewohnt und irgendwie bedrohlich, plötzlich nichts zu tun, keine Beschäftigung, keine Ablenkung: Ich bekomme das dringende Bedürfnis, diesen Leerraum zu füllen, egal mit was.
Sei es noch so wichtig, fromm und gut: Es kann auch schaden, wenn es nur Ablenkung ist, die Weite und Leere der vor mir liegenden Zeit nicht auszuhalten.
Ausdrückliche spirituelle Zeiten wie Exerzitien schauen dem bewusst ins Auge. Ich entschließe mich (schönes Wort: mich ent-schließen …), zu schweigen und Beschäftigungen und Ablenkungen so weit es mir möglich ist zu reduzieren. Die Begleitgespräche mit einer Person meines Vertrauens können da hilfreich sein: Ein Vater: »Meine Frau und die Kinder sind ja zu Hause. Da ist es doch sicher gut, auch ab und zu mal aufs Handy zu schauen, ob auch alles in Ordnung ist.« Eine Lehrerin: »Ich habe da ein gutes Buch von Anselm Grün mitgebracht. Das kann doch bestimmt nicht schaden!« Oder ein Diakon: »Ich bin es gewohnt morgens in meinem Stundengebet die Fürbitten für meine Kranken einzubeziehen. Das kann doch nur gut sein.« Was es auch ist, sei es noch so wichtig, fromm und gut: Es kann auch schaden, wenn es nur Ablenkung ist, die Weite und Leere der vor mir liegenden Zeit nicht auszuhalten.
Ich sage dann z.B.: »Versuchen sie einmal, sich vom Handy abzumelden. Sie können sich gern über den Empfang des Hauses hier für Notfälle erreichbar halten. Legen Sie das gute Buch ruhig beiseite. Alles, was Sie an guten Gedanken und Empfindungen brauchen, ist schon in Ihnen da. Dem Stundengebet und den Kranken können Sie sich alle Tage des Jahres widmen. Hier geht es nur einzig und allein um Sie vor und in Ihrem Gott.«
Stille Nacht
Kein Whatsapp, keine SMS, keine Musik, kein Anruf
kein Fernsehen
kein Buch
überhaupt nichts tun
nur dasitzen
da sein
untätig und unnütz
nicht weglaufen
bleiben
standhalten
aushalten
wie der Fels in der Brandung
ein Grashalm im Herbstwind
der Baum im Winter
oder das Tau beim Ziehen.
Der flüchtigen Seele den Schritt verbieten:
Bleib hier,
um Gottes willen!
Der Schatz liegt tiefer
als alles, was Angst macht.
Die Lösung
liegt hinter dem Sturm
und hinter dem Beben
und hinter dem Feuer.
(aus: Johannes Lieder, herzoffen – Inspirationen zur Zukunft der Religionen, Echter Verlag 2017, S. 35)
Wenn diese Hürden endlich alle überwunden sind, kann ich mich in dem tiefsten Raum einfinden, mich niederlassen, Platz nehmen, mir meinen Platz in meinem Leben nehmen, da sein und bei mir bleiben.
Wie es in der Geschichte in der dritten Nacht heißt: einschlafen.
