Integrative Leib– und Bewegungstherapie (IBT) -  - E-Book

Integrative Leib– und Bewegungstherapie (IBT) E-Book

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Beschreibung

Die Integrative Leib- und Bewegungstherapie (IBT) verbindet körpertherapeutische und psychotherapeutische Methoden und wird in vielen psychosomatisch-psychotherapeutischen, psychiatrischen Kliniken, Suchtkliniken, ambulanten Praxen und Beratungsstellen eingesetzt. Erlebniszentrierte sowie konfliktaufdeckende Wahrnehmungs- und Bewegungsübungen fördern den Zugang zum Unbewussten und helfen bei heilsamen Neuorientierungsprozessen. Die 3. Auflage wurde komplett überarbeitet und um aktuelle Themen ergänzt. Umgang mit aggressiven Impulsen und schwierigen Gefühlen.Natur- und Landschaftstherapie mit schwer traumatisierten PatientenBewegungstherapie auf der Basis der Kampfkunst (Budotherapie)Ressourcenorientierte Arbeit mit "Jungen Erwachsenen". Das Werk fokussiert insbesondere auf die Behandlung von Erwachsenen mit psychosomatischen Erkrankungen und erläutert in verständlicher Sprache die Grundlagen der Methode. Der ausführliche Praxisteil ermöglicht durch zahlreiche Beispiele auch die Übertragung auf andere Arbeitsbereiche.

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Seitenzahl: 306

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Integrative Leib- und Bewegungstherapie (IBT)

Annette Höhmann-Kost (Hrsg.)

Programmbereich Psychotherapie

Annette Höhmann-Kost(Herausgeberin)

Integrative Leib- und Bewegungstherapie (IBT)

Theorie und Praxis

3., aktualisierte und ergänzte Auflage

unter Mitarbeit vonFrank SiegeleMartin Waibel

Annette Höhmann-Kost (Hrsg.)Weiglestraße 1271640 [email protected]

Wichtiger Hinweis: Der Verlag hat gemeinsam mit den Autoren bzw. den Herausgebern große Mühe darauf verwandt, dass alle in diesem Buch enthaltenen Informationen (Programme, Verfahren, Mengen, Dosierungen, Applikationen, Internetlinks etc.) entsprechend dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes abgedruckt oder in digitaler Form wiedergegeben wurden. Trotz sorgfältiger Manuskriptherstellung und Korrektur des Satzes und der digitalen Produkte können Fehler nicht ganz ausgeschlossen werden. Autoren bzw. Herausgeber und Verlag übernehmen infolgedessen keine Verantwortung und keine daraus folgende oder sonstige Haftung, die auf irgendeine Art aus der Benutzung der in dem Werk enthaltenen Informationen oder Teilen davon entsteht. Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.

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Anregungen und Zuschriften bitte an:

Hogrefe AG

Lektorat Medizin/Psychiatrie

Länggass-Strasse 76

3000 Bern 9

Schweiz

Tel: +41 31 300 45 00

E-Mail: [email protected]

Internet: http://www.hogrefe.ch

Lektorat: Susanne Ristea, Marie-Theres Nagel

Bearbeitung: Klaus-Jürgen Kocka, Nürnberg

Herstellung: René Tschirren

Umschlagabbildung: iStock/andipantz

Umschlag: Claude Borer, Riehen

Satz: Claudia Wild, Konstanz

Druck und buchbinderische Verarbeitung: Finidr s.r.o., Český Těšín

Printed in Czech Republic

3., aktualisierte und ergänzte Auflage 2018

© 1991 Verlag Junfermann, Paderborn

© 2002 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern

© 2018 Hogrefe Verlag, Bern

(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-95760-9)

(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-75760-5)

ISBN 978-3-456-85760-2

http://doi.org/10.1024/85760-000

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Anmerkung

Sofern der Printausgabe eine CD-ROM beigefügt ist, sind die Materialien/Arbeitsblätter, die sich darauf befinden, bereits Bestandteil dieses E-Books.

Inhaltsverzeichnis
Geleitwort zur zweiten Auflage
Geleitwort zur dritten Auflage
Vorwort
Teil 1: Grundlagen und Konzepte
1 Das Menschenbild in der Integrativen Leib- und Bewegungstherapie
2 Integration
3 Bewegung
4 Zeit
5 Quellen
6 Techniken und Medien
7 Leibtherapie durch direkte Berührung
8 Gesundheitsberatung – Wellness – Fitness – Lebensqualität
9 IBT als störungsbildspezifische Behandlung
10 Ebenen der Wirklichkeit
11 Arbeitsmodalitäten
12 Kompetenzen und Fertigkeiten von Bewegungstherapeuten
13 Die Bedeutung der Sprache
14 Arbeit mit Gegenständen – Vom Umgang mit den Dingen
15 Wahrnehmung – ein zentrales Anliegen
16 Entspannung – Spannung – Spannungsregulation
17 Atmung
18 Das Stehen
19 Das Gehen
20 Das Sitzen
21 Das Laufen
Teil 2: Spezifische Praxis
22 Ein Behandlungsverlauf in der ambulanten Praxis
23 Therapieraum Natur. Therapeutisches Waldprojekt mit schwer traumatisierten Patienten
24 Arbeit an aggressiven Impulsen und schwierigen Gefühlen
25 Budotherapie. Kampfkunst in der Integrativen Leib- und Bewegungstherapie
26 „Homo Zappiens“ und Selbstregulation
Teil 3: Kleine Sammlung von Übungen
27 Übungssammlung: Sinn – Chancen – Gefahr
Zur Ausbildung
Ausblick
Anhang
Literaturverzeichnis
Autorenverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Sachwortverzeichnis

Geleitwort zur zweiten Auflage

Das vorliegende Buch zur Integrativen Leib- und Bewegungstherapie (IBT) als Methode einer psychophysischen, ganzheitlich und differenziell ansetzenden Behandlung und Persönlichkeitsentwicklung richtet sich an PraktikerInnen der Bewegungstherapie in „klinischen Settings“, an Menschen also, die mit Patientinnen und Patienten arbeiten und in ihrem Tun die grundlegende Realität des lebendigen, bewegten Leibes zum Ausgangspunkt ihres Handelns und ihrer Überlegungen machen. Der Text ist deshalb auch für diejenigen interessant, die sich mit „körperorientierter Psychotherapie“, mit „psychologischer Psychotherapie“, mit „klinischer Bewegungstherapie“, mit heilpädagogischer Bewegungserziehung befassen. Er ist wichtig für alle, die er-spürt, er-fahren, er-fasst, be-griffen haben – die Worte sind in ihrem Bedeutungsgehalt aufschlussreich –, dass Emotionen, Wahr-Nehmungen, Vor-Stellungen, Hand-lungen in leiblichen Aktivitäten gründen und der denkende und handelnde Mensch, die fühlende und verstehende, interagierende und kommunizierende Person in all diesen Aktivitäten leibhaftig präsent ist. Annette Höhmann-Kost ist langjährig als Therapeutin und Lehrtherapeutin für Integrative Leib- und Bewegungstherapie tätig. Ihr ist es gelungen, diesen komplexen Ansatz, der leibphilosophische, klinisch-psychologische, neurowissenschaftliche und kulturtheoretische Perspektiven verbindet, in einer sehr lebendigen, plastischen Weise darzustellen, die Praxeologie der IBT als wissenschaftlich fundiertes Handeln und Wissen stiftende Praxis zu entfalten. Mit der gesamten Breite des Wissensfundus dieser Methode, so wie ich sie seit Mitte der sechziger Jahre im Rahmen des Verfahrens der Integrativen Therapie entwickelt habe und mit meinen MitarbeiterInnen und KollegInnen noch beständig weiterentwickle im Hintergrund, ist es ihr gelungen, den lebendigen Menschen in lebensvoller Bewegung – so wie er „leibt und lebt“ – zum Ausgangspunkt zu nehmen. Ihr Buch hat die komplexe Theorie des integrativen Ansatzes in einer übersichtlichen und kenntnisreichen Weise ausgewertet. Ihre Darstellung macht deutlich, worum es in der Integrativen Leib- und Bewegungstherapie geht: um lebendige Leiblichkeit und Zwischenleiblichkeit als Grundlage ressourcenorientierter, bewusstseinschaffender, konfliktverarbeitender und problemlösender Therapie und Entwicklungsförderung. Im Zentrum des integrativen Ansatzes steht der altertümlich wirkende Begriff „Leib“. Er wurde aus vielfältigen Gründen gewählt und beibehalten und spielt auch in diesem Buch eine grundlegende Rolle, weil er für das Verstehen des Menschen in seinem Lebenszusammenhang einen breiten und erkenntnisstiftenden Rahmen bietet.

Über den Menschen nachdenken heißt: ein Vernetzen von Perspektiven, ein sich Vernetzen-Lassen, Konnektivierungen ohne Ende, Bewegungen in alle Richtungen der Welt! Denn der in Kontext und Kontinuum wahrnehmende und handelnde, bewegte und bewegende Leib ist Teil seiner Lebenswelt. In diese eingebettet gehört er einer „Welt der Zwischenleiblichkeit“zu, einer Sozialwelt, deren Qualitäten er aufnimmt und verleiblicht und zu deren Möglichkeiten er zugleich kokreativ beiträgt.

Diese frühe anthropologische Formulierung in der Integrativen Therapie vertritt ein Konzept sensumotorischer Eingebettetheit des ganzen Menschen in seinen Kontext, das derzeit in den modernen Kognitions- und Neurowissenschaften als höchst aktuelles Thema diskutiert wird: die Verbindung von Kognitionen, Leiblichkeit und Situation. „Embodied cognitive science“, „situatedness“, „mind embodied and embedded“ (Varela, Haugeland, Clark, Lakoff), das sind Themen, die gegenwärtig im Brennpunkt des Interesses stehen und die an Überlegungen von Merleau-Ponty oder Buytendijk – wichtige Referenzautoren der IBT – zum Leib-und Lebensweltkonzept anschließen. Sie erarbeiten Positionen, die im integrativen Ansatz seit seinen Anfängen in Theorie und Praxis entwickelt wurden.

Der Mensch als Leibsubjekt ist durch ein differentielles und integriertes Wahrnehmen-Verarbeiten-Handeln unlösbar mit der Lebenswelt verflochten, von der er bewegt, beeinflusst, gestaltet wird und die er wiederum durch sein Tun und Wirken kokreativ bewegt, bearbeitet, beeinflusst – in konstruktiver und auch in destruktiver Weise.

Diese Sicht hat für die Praxis der Behandlung große Bedeutung und bildet die Grundlage für die ökopsychosomatische Perspektive des integrativen Ansatzes und seines Selbstverständnisses als biopsychosoziales Verfahren, welches diese modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse in ihrer Konzeptbildung und Methodenentwicklung vorweggenommen hat bzw. im Strom dieser aktuellen Erkenntnisprozesse und mitten in den laufenden Diskussionen steht und zu ihnen beiträgt. Der Begriff des bewegten und bewegenden Leibes nimmt dabei eine herausragende Stellung ein und fokussiert folgende Perspektiven:

Leib ist in ganz wesentlicher Weise mit der Idee der Lebendigkeit konnotiert, die immer eine bewegte ist: Leben ist Bewegung, Bewegung ist Leben – das Klopfen des Pulses, jeder Atemzug, jeder Lidschlag, jeder Schritt, den ein Mensch tut, machen das deutlich. Die Bewegtheit des Leibes verbindet ihn in unlösbarer Weise mit der Welt, in der er sich bewegt, der Lebens- und Sozialwelt, in der der Mensch leibhaftig Erfahrungen sammelt.Der Begriff Leib ist mit dem der Zeit verbunden: Leiblichkeit ist Zeitlichkeit. „Der Leib, der ich bin“ (Gabriel Marcel), ist als wachsender, sich entwickelnder, aber auch als abnehmender, sterblicher, „Anfang und Ende meiner Existenz“ (Vladimir N. Iljine). Er ist Zeitleib. Die Zeit als erlebter Fluss, als erfahrenes biografisches Entwicklungsgeschehen ist Leibzeit – eine Lebensspanne lang. Und alles, was auf der „Lebensstraszen“ erfahren wurde, findet im „Leibgedächtnis“, den immunologischen, neuronalen und zerebralen Speichern, als leibgegründete seelisch-geistige „Lebenserfahrung“ Niederschlag. Der integrative Ansatz ist deshalb einer „Entwicklungspsychologie der Lebensspanne“ verpflichtet und sieht den Menschen als ein Wesen, das in lebenslanger Entwicklung steht, Entwicklungsaufgaben zu bewältigen hat und Entwicklungschancen kreativ aufzugreifen und Ressourcen effizient zu nutzen vermag. Dieser Gedanke steht hinter der Praxis dieses Buches, seiner ressourcenorientierten Ausrichtung, die die Autorin immer wieder in den Blick rückt, weil sie eine leibhaftige „Lebenskunst“ (Foucault) ermöglicht, in der das „Selbst als Künstler und Kunstwerk“ (Petzold, 2002) zugleich sich selbst, sein Selbst und seine Lebensbezüge gestalten kann.Der Begriff „Leib“ wurde weiterhin gewählt, weil er mit der Vorstellung von Subjekthaftigkeit und Personalität verbunden ist. Jede Lach- und Gramfalte, die Charakteristik von Mimik, Gestik, Haltung zeigen das „Wesen eines Menschen“. Kulturspezifische Körpersprachen, genderspezifischer leiblicher Habitus, eingefleischte Gewohnheiten, soziale Rollen, die Menschen „in Fleisch und Blut“ übergegangen sind, weil sie ihnen in Sozialisationsprozessen „auf den Leib geschrieben“ wurden, machen deutlich, dass Leiblichkeit und Persönlichkeit, Zwischenleiblichkeit und Sozialität aufs Engste verschränkt sind.

Das Leibsubjekt lebt in Zwischenleiblichkeit.

Aufgrund all dieser Überlegungen geht der integrative Ansatz der Therapie „vom Leibe“ aus. Die Ausgrenzung des Themas Leiblichkeit durch die traditionellen Psychotherapieformen – die sprachzentrierte Psychoanalyse (Freud, Lacan), die wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie (Rogers, Tausch), die „kognitive“ Verhaltenstherapie (Beck, Meichenbaum) usw. – zeigt, dass diese Verfahren in den anthropologischen Schwierigkeiten des abendländischen „Körper-Seele-Problems“ stehen. Die leib- und bewegungsorientierten Verfahren können hier wesentliche Ergänzungen bringen, ja könnten längst überfällige Neuorientierungen anregen. Das Buch von Annette Höhmann-Kost macht in seiner praxisorientierten Konkretheit deutlich, dass die psychische – kognitive, emotionale, volitive (willensgerichtete) – Dimension des Menschen nicht von seiner körperlichen Basis abgelöst werden kann, ja genau diese Verbindung personale Leiblichkeit ausmacht, denn es geht um den embodied mind, den verkörperten, leibgewordenen Geist der Person, des Subjektes, des Leibsubjekts. Es macht klar, dass der Leib als durch Lebens- und Welterfahrung „beseelter und gedankenerfüllter“ Körper-in-Beziehung gesehen werden muss, der in die Lebenswelt eingebunden ist – embedded body-mind. Der Text lässt den Leser an einer in der Theorie der Integrativen Therapie fundierten Praxis teilhaben, die psychotherapeutische und bewegungstherapeutische Arbeit mit Menschen und ihren sozialen Netzwerken in einer ganzheitlichen und differentiellen Weise verbindet. Eine solche Praxis will Therapeutinnen und Therapeuten anregen, zu einem breiteren Therapieverständnis zu finden, das – davon bin ich überzeugt – Patienten und Patientinnen zugutekommen wird. Das Buch von Annette Höhmann-Kost leistet hierzu einen überzeugenden Beitrag.

Univ.-Prof. Dr. mult. Hilarion G. Petzold

Lehrstuhl für Psychologie, klinische Bewegungstherapie und Psychomotorik, Freie Universität Amsterdam Wissenschaftlicher Leiter der Europäischen Akademie für psychosoziale Gesundheit, Düsseldorf, Hückeswagen

Geleitwort zur dritten Auflage

Unser Lebensalltag führt zunehmend zu einem naturfernen und bewegungsarmen Lebensstil. Die Erfahrung zeigt, dass dies neben krankheitsspezifischen Symptomen und Leiden unserer Patienten oft zu einer Entfremdung von der eigenen Leiblichkeit führt und auch zur Reduzierung von natürlichen Fähigkeiten. Schon Kindergartenkinder können heute motorisch signifikant weniger als Kinder im gleichen Alter vor 20 Jahren. Ist es das Resultat, dass Eltern die Gefahren auf der Straße oder im benachbarten Wald von ihren Kindern abwenden wollen und nur mehr in klar strukturierten Zeiträumen im Turnsaal „Kinderturnen“ anbieten? Kommt es auch daher, dass selbst der Weg mit den Kleinen zur Sportstunde und zurück von Eltern, Großeltern oder Freunden im Auto zurückgelegt wird? In der praktischen Arbeit mit PatientInnen erleben wir, dass der Bezug zu natürlichem Empfinden oft beeinträchtigt ist, insbesondere junge Erwachsene sind erschreckend wenig im Kontakt mit der eigenen Vielfalt ihrer selbst.

Bereits 1965 haben der Psychologe Ronald Melzack und der Biologe Patrick Wall in einer neuen Theorie, damals bezogen auf Schmerzen, die Brücke zwischen Körper, Seele, Gedanken, sozialer Umwelt und Kultur geschlagen und damit deutlich gemacht, dass wir viel zu kurz greifen, wenn wir in der Therapie nur einen Aspekt des Menschseins herausgreifen und „diesen einen“ dann behandeln. Nach Jahrhunderten der Trennung hat damit die Naturwissenschaft den „ganzen“ Menschen mit der Einbettung in seinen sozialen, ökologischen und kulturellen Kontext (wieder) in den Blick genommen – aber wohl nur einen Augenblick lang. Diese Erkenntnis wurde nicht konsequent in ein in sich konsistentes, bio-psycho-soziales Modell in der wissenschaftlich gegründeten Medizin weiterentwickelt, obwohl es immer wieder Ansätze dafür gab. Das blieb dann in einer spezifischen Form, der Ende der 1960er Jahre entwickelten Integrativen Leib- und Bewegungstherapie vorbehalten, deren Begründer H.G. Petzold auch den Gesundheitsberuf „Psychotherapeut/in“ mit einem ausdifferenzierten Konzept des Integrierens erweiterte.

Die Erfahrungen der IntegrativenLeib- und Bewegungstherapeuten zeigen, dass in dem gleichermaßen erfolgten Aufgreifen aller Leibaspekte im Kontext-und Kontinuum ein hohes Potenzial an heilsamen Möglichkeiten liegt. In dem mehrperspektivischen Zugang liegt die Chance, sich der vielschichtigen menschlichen Themen im Gesundsein und Kranksein zu nähern und wo erforderlich, therapeutisch zu intervenieren.

Ich wünsche diesem Buch, dass die darin enthaltenen Anregungen für Kolleginnen und Kollegen der IBT eine weiterführende Bereicherung sind und darüber hinaus auch Menschen ansprechen, die an diesem Thema interessiert sind. Auch wünsche ich Kolleginnen und Kollegen anderer Therapiemethoden, die neugierig auf neue theoriegeleitete, forschungsgegründete Behandlungsansätze und offen für interdisziplinäre Diskurse sind, dass sie persönlichen Gewinn aus der Lektüre ziehen.

Prof. Dr. med. Anton Leitner, MSc

Mai 2017, St.Pölten, Österreich

Vorwort

Mein Geist rührt sich nicht, wenn die Beine ihn nicht bewegen

Michel de Montaigne 1533–1592

Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare

Christian Morgenstern 1871–1914

Annette Höhmann-Kost

Ich freue mich sehr, dass die zahlreichen Nachfragen von Kolleginnen und Kollegen nach meinem vergriffenen Buch die Motivation für eine Neuauflage erfolgreich beflügelt haben. Die vor Ihnen liegende Ausgabe wurde überarbeitet und erweitert durch vier Kapitel: ein Beispiel aus der Naturtherapie (Kapitel 23), über den Umgang mit aggressiven Impulsen und schwierigen Gefühlen (Kapitel 24), Frank Siegele steuert einen Beitrag über Budotherapie bei – ein spezifischer methodischer Zugang innerhalb der Integrativen Leib- und Bewegungstherapie (Kapitel 25) und Martin Waibel ergänzt mit einem Beitrag über ressourcenorientierte Arbeit mit Jungen Erwachsenen (Kapitel 26).

Mit diesem Buch wende ich mich an Bewegungstherapeutinnen und -therapeuten, die am Anfang ihrer Tätigkeit stehen und an Kolleginnen und Kollegen anderer Fachrichtungen, die die Integrative Leib- und Bewegungstherapie (IBT) kennenlernen wollen. Dieses Buch ist kein Lehrbuch im strengen Sinne. Ich habe einige zentrale Konzepte und Positionen des integrativen Ansatzes ausgewählt und stelle sie in leicht verständlicher Sprache und in Theorie-Praxis-Verschränkung vor. Damit möchte ich auch Menschen ansprechen, die aus persönlicher Betroffenheit oder Interesse auf der Suche sind nach einer für sie passenden Hilfe. Meine persönlichen Erfahrungen als Therapeutin für Integrative Leib- und Bewegungstherapie stammen aus langjähriger Tätigkeit in der Psychiatrie, in psychosomatisch-psychotherapeutischen Kliniken, aus der privaten bewegungspsychotherapeutischen Praxis, aus der Tätigkeit als Lehrtherapeutin und Supervisorin und natürlich aus der eigenen Ausbildung. Wir lernen die Methode durch die Methode, d.h. durch Selbsterfahrung am eigenen Leibe.

Die Integrative Leib- und Bewegungstherapie ist eine methodische Variante der Integrativen Therapie, wie sie an der Europäischen Akademie für bio-psycho-sozial-ökologische Gesundheit/Fritz Perls Institut gelehrt wird. Der therapeutische Zugang erfolgt neben dem tiefenpsychologisch fundierten Gespräch schwerpunktmäßig über leib-und bewegungstherapeutische Maßnahmen. Die IBT gehört in Deutschland nicht zu den für die Psychotherapie zugelassenen Richtlinienverfahren. In der Schweiz ist sie als alternatives Heilverfahren bei den Krankenkassen für die Abrechnung akzeptiert. In Norwegen kann sie unter dem Namen Integrative Therapie mit Masterabschluss studiert werden. In Deutschland ist sie in vielen psychosomatisch-psychotherapeutischen und psychiatrischen Krankenhäusern sowie in Suchtkliniken ein selbstverständlicher Teil des Gesamtbehandlungsprogramms. In der ambulanten Praxis, in vielen Beratungsstellen und anderen öffentlichen Institutionen fließen Konzepte der IBT bei Therapeuten mit einer entsprechenden Ausbildung in ihre Tätigkeit ein, auch wenn sie nicht ausdrücklich als solche ausgewiesen werden. Die IBT hat ein sehr breites Anwendungsspektrum. Wir begrenzen uns in diesem Buch auf die Beschreibung der Begleitung und Behandlung von Erwachsenen sowie Jungen Erwachsenen mit psychischen und psychosomatischen bzw. somatoformen Erkrankungen. Die IBT ist auch hervorragend für die Arbeit mit psychiatrisch erkrankten Menschen und mit Kindern geeignet. Dies jedoch auch noch zu berücksichtigen, würde den Rahmen dieses Buches sprengen.

Teil 1Grundlagen und Konzepte

Theorie-Praxis-Verschränkung

Annette Höhmann-Kost

Im Folgenden werden einige Grundlagen der IBT, welche für das Verständnis der Methode und für die Standortbestimmung innerhalb des Gesamtfeldes der Psychotherapie von Bedeutung sind, beschrieben. Bei der Auswahl der praxisorientierten Beispiele haben wir uns davon leiten lassen, welche Themen und Fragestellungen besonders häufig auftauchen. Insofern ist dies eine subjektive Auswahl. Unsere Darlegungen repräsentieren aber grundsätzliche Denk- und Vorgehensweisen der IBT und können damit sicherlich die Leserin und den Leser leicht in die Lage versetzen, diese auch auf andere Arbeitsbereiche zu übertragen.

1 Das Menschenbild in der Integrativen Leib- und Bewegungstherapie

Jedem Therapiekonzept liegt ein bestimmtes Menschen- und Weltbild zugrunde, sei dies bewusst oder unbewusst. Wir können auf therapeutische Ziele nur bewusst hinarbeiten, wenn wir ein Bild vom Menschen haben, sowohl von seiner Gesundheit als auch von seinen Störungen und Erkrankungen. Ich möchte im Folgenden einzelne Aspekte des Menschenbildes, wie sie von Hilarion Petzold (1996) für die IBT erarbeitet worden sind, skizzieren.

Grundannahme ist, dass eine Theorie über den Menschen nie endgültig gefunden werden kann, denn die menschliche Persönlichkeit ist nichts Statisches. Sie ist fließend und auch theoretische Konzepte sind immer in die jeweilige Zeit und Kultur eingebunden. Diese Position der prinzipiellen Unfertigkeit wird in unserem Verfahren konsequent vertreten (Petzold, 1993). Ein Beispiel für den Wandel ist der Begriff Leib, der im Mittelalter selbstverständlich als Ausdruck für den ganzen Menschen verstanden wurde. Körper-Seele-Geist wurden weniger unterschieden als heute. Leib bedeutete damals: der ganze Mensch mit all seinen Antrieben und Affekten, seiner Arbeitskraft und seinem Körper. In unserer Sprache hat sich dieses Verständnis in Ausdrücken wie „leibhaftig“, „Leibeigenschaft“ oder „so wie er leibt und lebt“ noch erhalten. Seit der Aufklärung aber gab es eine strikte Trennung zwischen Körper und Geist. Man übte eine geistige Tätigkeit aus oder war (Körper-) Arbeiter. Man hatte eine körperliche oder seelische Erkrankung. Inzwischen gibt es sowohl in Fachkreisen als auch in der Gesellschaft ein zunehmendes Wissen über psycho-somatische Zusammenhänge und Vieles, was bis dahin durch genaue Phänomenbeobachtung erkannt war, wurde inzwischen durch Forschung bestätigt. Dieser Wandel im Menschenbild zeigt sich auch in der zunehmenden Zahl von psychosomatischen Krankenhäusern.

Norbert Elias beschreibt in seinem Werk „Über den Prozess der Zivilisation“ (1979) an Hand von konkreten Beispielen eindrücklich, wie sich körperbezogene Bedürfnisse und Verhaltensweisen in der Zeit vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert verändert haben. Der Mensch im 21. Jahrhundert mit seinem ausgeprägten Interesse an allem Technischen, an den biologischen Grundstrukturen des Lebens bis hin zu gentechnisch Machbarem, mit seiner Vorliebe für alles Visuelle, Virtuelle und Digitale wird eine andere Persönlichkeit entwickeln mit anderen Bedürfnissen und Verhaltensweisen. Neben gesellschaftlich-kulturellen und ökologischen Einflüssen ist die individuelle Entwicklung untrennbar mit der sexuellen Geschlechtsidentität des Menschen verbunden. Männer und Frauen unterscheiden sich über anatomische Unterschiede hinaus. Der einzelne Mensch ist über seine gesamte Lebensspanne hinweg in einem fortwährenden Veränderungsprozess.

In der Integrativen Leib- und Bewegungstherapie kommt demLeibbegriff eine zentrale Bedeutung zu, indem wir einerseits an die Erfahrungen früherer Jahrhunderte anknüpfen und andererseits an moderne Bio-, Neuro-, Psycho- und Sozialwissenschaften. Wir unterscheiden die Begriffe Körper und Leib. Mit Körper ist der biologische Organismus gemeint, die materielle Grundlage aller Lebens- und Lernprozesse – auch der seelischen und geistigen Lernprozesse. Körper ist aus dieser Perspektive „Dingkörper“, etwas was man anfassen kann, etwas Objektivierbares, eine physikalische Größe (Muskeln, Knochen, innere Organe, Nervenzellen etc.). Leib dagegen ist mehr. Leib ist der belebte, beseelte, geisterfüllte, lebendige Körper, ist Körper in Beziehung in einem fortwährenden Veränderungsprozess. Leib ist das, was sich durch die persönliche Lebensgeschichte als individuelle Form, aber in ständiger wechselseitiger Beeinflussung durch die Lebenswelt, entwickelt. Wir sprechen vom „informierten Leib“ (Petzold, 2004a). Leib meint immer den „ganzen“ Menschen, die „ganze“ Person. Wir sprechen vom „Leib-Subjekt“. Dies führt uns zu den beiden anthropologischen Grundformeln:

Der Mensch, Mann bzw. Frau, ist ein Körper-Seele-Geist-Wesen (d.h. Leib-Subjekt) in einem sozialen und ökologischen Umfeld. – Leibsubjekt und Lebenswelt sind in elementar vorhandener Ko-respondenz im Kontinuum der Zeit miteinander verschränkt.

Dieses Leibkonzept unterscheidet verschiedene Dimensionen bzw. Teilaspekte:

die des Körpers – als die Gesamtheit aller biologischen, genetischen, physiologischen Prozesse des Organismus, mit Körpergedächtnis etc.die des Psychischen/Seelischen – als die Gesamtheit aller Prozesse des Fühlens und Wollens, Motivationen, schöpferischen Impulse etc.die des Geistes – als die Gesamtheit aller erkenntnismäßigen bzw. geistigen Prozesse, persönliche Werte, Glaubenshaltungen, Ethik, auch kulturspezifische Inhalte etc.die des Sozialen – als die Gesamtheit aller sozial-kommunikativen Prozesse mit Anderendie des Ökologischen – Mensch als Natur-Wesen, als die Gesamtheit aller persönlich relevanten ökologischen Bezüge, geprägt durch Einflüsse aus Landschaften, Gärten, Wohngebieten etc.

Die Leibdimensionen werden nicht in einem hierarchischen Sinne verstanden. Der Körper hat nur insofern eine herausragende Rolle, als er die materielle Basis für alle weiteren Teilaspekte ist. Mit dem Leib-Subjekt Mensch arbeiten, bedeutet deshalb immer, ganz gleich, auf welcher Leib-Ebene ich ansetze, zugleich bei den basalen organismischen Prozessen anzusetzen.

Der Leib wird als das „totale Sinnesorgan“ (Merleau-Ponty, 1966) angesehen, mit dem wir unsere Umwelt wahrnehmen und beeinflussen und deren Einflüsse umgekehrt ihren Niederschlag im Leib finden, in unlösbarer Vernetzung und Wechselwirksamkeit. Wir sprechen vom „informierten Leib“.

Der Leib „ist der Ausgangspunkt und das Ende meiner Existenz“ (Iljine, zitiert nach Petzold, 1986a, S. 5). Damit ist der Leib auch meine Zeit. Indem er geboren wird, ist er der Anfang meiner Lebensspanne, und er beendet sie mit dem Tod. Diese Spanne ist meine „Leibzeit“.

Der Leib ist auch „totales Handlungsorgan“, wobei der Handlungsbegriff weit gefasst wird und sprachliches und nichtsprachliches Handeln mit einbezieht (siehe Kap. 15 Wahrnehmung – ein zentrales Anliegen). Der Leib ist wahrnehmender, erinnernder und ausdrucksfähiger Leib. Es ist der Leib, der krank wird und somit Leiden zum Ausdruck bringt. Hier gehen wir grundsätzlich davon aus, dass ein psychisch Kranker nicht nur im seelischen Bereich gestört ist, sondern dies immer auch Auswirkungen auf seinen Körper hat; oft sind dies Muskelverspannungen und Schmerzen. Dies wiederum kann seine Handlungsfähigkeit im Kontakt mit anderen Menschen beeinträchtigen, was seine sozialen Bezüge verringert. Der eingeschränkte Austausch mit Anderen hat wiederum Einfluss auf seine geistige Aktivität. Umgekehrt können Störungen im Körper sich auf die seelische Befindlichkeit auswirken. Oft ist es schwierig, die ursächliche Störung zu finden. Wichtig ist dabei, „die unlösbare Verwobenheit zu sehen, mit der alles ineinandergreift“ (Petzold 1981, S. 291).

Diese Sichtweise hat weitreichende Bedeutung für das zwischenmenschliche Miteinander und insbesondere für den therapeutischen Umgang mit unseren Patienten. Berühre ich einen Menschen, so berühre ich nie nur einen Körper „sondern es wird der ganze Mensch in die Hand genommen“ (Dürckheim 1981, S. 15).

Der Leib ist auch die Grundlage des Selbst. Petzold (1984) spricht vonLeib-Selbst. Leibphilosophisch ist das Leib-Selbst das einfache Da-Sein, in gewisser Weise passive Gegebenheit, ein Schweigendes, etwas was nicht an Bewusstsein gebunden ist. Es gehört zur Welt der Strukturen, ist in seiner Verkörperung das Da-Sein in überdauernder Stabilität von Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft und gleichzeitig in beständiger Wandlung. Das schon beim Neugeborenen vorhandene „Leib-Selbst“ verändert sich in der Zeit durch angelegte Reifungs- und Entwicklungsprozesse und durch Sozialisation und ist die grundsätzliche Voraussetzung dafür, dass wir im Laufe unseres Lebens verschiedene Rollen übernehmen können. Der Leib verkörpert in persönlicher Weise die Rolle des Kindes, des Jugendlichen, der Frau, des Mannes, der Mutter, des Vaters, die Rolle meiner Berufsgruppe oder Kultur. Damit ist er auch Ausdruck der kollektiven Geschichte meiner Familie, meines Landes, meiner relevanten Umwelt und diese kollektive und persönliche Geschichte kommt in Körperhaltung und Bewegungsfluss, in Lach- und Gramfalten zum Ausdruck. Sie hat sich „eingefleischt“ (Petzold, 1986b).

Das Leib-Selbst ist auch die Voraussetzung für die Ich-Entwicklung. Das Ich ist eine Funktion des Selbst, ist „Selbst in actu“, ein Prozess des Zusammenspiels aller Ich-Funktionen. Die wesentlichsten sind bewusstes Wahrnehmen, Denken, Handeln, Fühlen, Wollen, Erinnern und Kommunizieren. Das Ich ist immer gebunden an waches Bewusstsein, aktuelle Wahrnehmung, Erlebnisfähigkeit und Erkenntnisfähigkeit. Damit ist es gegenwartsgebundener und „flüchtiger“ als das Selbst und in unterschiedlichen Lebensphasen ergeben sich Ich-Leistungen von unterschiedlicher Komplexität und Qualität. Die wesentlichste Ich-Leistung ist die Ausbildung von Identität. Die Identitäterhält der Mensch durch das Zusammenspiel von drei Prozessen: 1.) indem er sich selbst wahrnimmt als der, der er ist. Er nimmt sich sozusagen von „innen“ wahr. Weiterhin gehört 2.) dazu, dass Menschen seines relevanten Umfeldes ihn in seinen verschiedenen Rollen und Funktionen von „außen“ wahrnehmen, und dass ihm bewusst ist, dass und wie die anderen ihn wahrnehmen. 3.) schließlich bewertet er diese Wahrnehmungen emotional und kognitiv. Das heißt, in der Persönlichkeitstheorie der IBT sehen wir Leib-Selbst, Ich und Identität als die bestimmenden Elemente der Persönlichkeit an.

Das 21. Jahrhundert ist geprägt von ständigem Wandel in kurzen Zeitabständen. Das rasante Tempo und die zunehmende Komplexität verlangen vom Einzelnen eine hohe Flexibilität, Reaktions- und Resonanzfähigkeit (Rosa, 2016). Damit sind auch an die Prozesse der Identitätsbildung, wenn sie zu einer ausreichend stabilen und gleichzeitig flexiblen Persönlichkeit führen sollen, hohe Anforderungen gestellt. Eine zentrale Herausforderung der Therapie in unserer schnelllebigen Zeit ist, Handlungskonzepte bereitzustellen, die dem Menschen helfen, mit Vielfalt zu leben, sich immer wieder neu zu orientieren, um eine bewusste Wahl treffen zu können (Schmid, 1999) und darin immer wieder neuen Lebenssinn realisieren zu können. Sowohl Wandel als auch Dauer müssen integriert werden, denn der Mensch ist nicht beliebig und unbegrenzt anpassungsfähig!

Eines der wesentlichen Charakteristika der Integrativen Bewegungstherapie ist das einer systematischen nicht linearen Suchbewegung. Leben ist Bewegung und Bewegung ist Leben. Wir sprechen vom „Leben als Wegerfahrung“ und die Therapie ist ein Angebot, in der Therapeutin und Patient ein „Stück des Wegs“ gemeinsam gehen. Die Metapher des Weges findet in diesem Buch einen bildlichen Ausdruck in den Trittsteinen.

2 Integration

Das lateinische Wortintegratio bedeutet: Wiederherstellung, Erneuerung, Vervollständigung, das Zusammenfassen unterschiedlicher Elemente zu einem übergeordneten Ganzen. Petzold sieht die wichtigste Funktion des Integrierens im „Konnektieren“, im Vernetzen und Verbinden von Verschiedenem. Integration braucht Differentes.

Die Integrative Leib- und Bewegungstherapie, als eine methodische Variante der Integrativen Therapie, gehörte seit ihren Anfängen zu den „Schulen des Integrierens“. Einzelne Elemente waren nicht neu. Im Gegenteil, es wird auch zurückgegriffen auf lange Bekanntes, was sich in der praktischen Arbeit bewährt hat und heute durch die Forschung bestätigt wird (z.B. Körperarbeit von Elsa Gindler seit ca. 1910) (Arps-Aubert, 2013). Integration wird verstanden als theoriegeleitete Verbindung von neuen und alten Erkenntnissen, von verschiedenen Methoden und Medien im Rahmen eines konsistenten Verfahrens. Integration meint damit auch eine prinzipielle Offenheit für neue Entwicklungen. Damit vertritt Integrative Bewegungstherapie konsequent „Konzepte auf Zeit“, zwingt zur kritischen Auseinandersetzung und regt zur Weiterentwicklung an (Schuch, 2000).

In der Integrativen Bewegungstherapie werden neurowissenschaftliche und klinisch-psychologische, tiefenpsychologische, sozialwissenschaftliche und philosophische Elemente sowie behaviorale, gestalttherapeutische und psychodramatische Methoden verarbeitet. Durch diese konnektierende, integrierende Verarbeitung, die sich immer wieder an modernen Forschungsergebnissen orientiert und sich korrigiert, ist somit ein neues, klinisches Verfahren entstanden. In diesem Verfahren werden psychotherapeutische, körpertherapeutische, nootherapeutische (Bearbeitung des Lebenssinns, der Werte usw.) und sozialtherapeutische Vorgehensweisen sowie ökologische Interventionen verbunden. Dies geschieht ausdrücklich, um sich von dualistischen Denkweisen abzugrenzen (Orth, 1994). In der IBT wird davon ausgegangen, dass nur eine mehrperspektivische Betrachtungsweise die Komplexität des Lebens, einer Erkrankung, eines Problems oder einer Aufgabe erfassen kann. Nur der Blick aus verschiedenen Richtungen wird dem hilfesuchenden und an seiner Entwicklung interessierten Menschen gerecht und ermöglicht der Therapeutin, die Lage ihres Patienten einigermaßen zu erfassen und zu verstehen. Folglich ist auch ein breites Spektrum an Behandlungsansätzen erforderlich. Aus dieser Sichtweise wird Integration als einetherapeutische Haltung und ein anthropologisches Konzept verstanden. Daraus ergibt sich, dass die Behandlungen sowohl auf seelisch-emotionale Bereiche, auf die geistigen Strebungen des Menschen, den physiologisch-biologischen Körper als auch auf seine sozialen Schwierigkeiten abzielen. Dabei wird der Mensch im zeitlichen Kontinuum von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gesehen. Sein soziales, politisches und ökologisches Umfeld findet Berücksichtigung. Es geht sowohl um problemlindernde Maßnahmen als auch um das Finden und Nutzen von Ressourcen und Lebensalternativen, letztlich um Verbesserung der Lebensqualität. Verbale und nonverbale Strategien kommen zum Einsatz und neben therapeutischen Aspekten können bei Bedarf auch pädagogische und psychosoziale Maßnahmen angewandt werden.

Die Integrative Bewegungstherapie zeichnet sich aus durch das Zusammenfügen, Ergänzen und Verarbeiten unterschiedlicher Betrachtungsweisen, denn: „Die Gesamtwirkung verschiedener Elemente ist mehr und etwas anderes als die Summe der Einzelwirkungen“ (Petzold 1981, S. 309).

3 Bewegung

In dem Wort Be-Weg-ung weist uns die mittelhochdeutsche Silbe Be- auf eine Richtung hin, bzw. darauf, dass man Einwirkung auf etwas oder jemanden hat. Weg spricht schon für sich selbst, versteht man darunter doch eine Strecke und Richtung, ein Sich-Entfernen und ist das Gegenteil von Stillstand und Fixierung. Damit sind in dem Wort Bewegungstherapie schon wesentliche Inhalte und Ziele der Methode auf sinnfällige Weise ausgedrückt.

Die IBT als Wegerfahrung versteht sich als ein Angebot für „einen Weg zu sich selbst mit einem Anderen“ und in der Bewegung des gemeinsamen Tuns von Therapeutin und Patient ereignen sich in gelingenden Prozessen Sinnerfahrung und Heilung (Höhmann-Kost, 2009). Ausgehend von dem, was jetzt ist – wir „holen den Patienten dort ab, wo er sich befindet“ –, begleiten wir ihn auf seinem suchenden Weg. Therapie ist gezielte Beeinflussung von menschlicher Entwicklung. Einige Ziele werden schon zu Beginn des Weges ins Auge gefasst und mit spezifischen Vorgehensweisen „angegangen“, z.B. Schmerzlinderung bei Psychosomatosen, Angstreduzierung bei Angsterkrankungen, Stimmungsaufhellung und eventuell Verbesserung der Schlafqualität bei depressiven Erkrankungen. Andere Ziele ergeben sich erst im Prozess der gemeinsamen Bewegungsarbeit, im intersubjektiven Geschehen zwischen Patient und Therapeutin oder auch zwischen Gruppenteilnehmern. In der Integrativen Leib- und Bewegungstherapie wird Bewegung als ein sehr komplexes Phänomen angesehen. Entsprechend dem integrativen Leibkonzept verstehen wir darunter

die motorisch – funktionale Arbeit von Muskeln, Bändern, Sehnen etc., die zu Lageveränderungen und zur Bewegung im Raum führt – körperliche Motilitätdie „innere“ Bewegung des berührten Menschen, das Angerührt-Sein, das Bewegt-Sein – eine gefühlsmäßige Bewegunggeistige Beweglichkeit, als flexibles Reagieren auf gegebene Situationen, ein Kluges-Sich-Entscheiden, Mobilitätsozial-kommunikative Bewegungen als Bewegungen im sozialen Raum, z.B. Auf-einander-zugehen, Sich-aus-dem-Weg-gehen, Sich-abwenden oder -zuneigen, alle mimischen und gestischen Ausdrucksbewegungen in kommunikativer HinsichtEntschluss- bzw. Willenskraft, als durch zentrierte, kraftvoll-geballte in die Tat umgesetzte Willensentscheidung, als Umsetzungs- und DurchhaltekraftBewegung im Ablauf der Zeit, als ein Auf-dem-Weg-sein im Sinne eines persönlichen und gemeinschaftlichen Entwicklungs- und Reifungsprozesses, als ein grundsätzliches Lebensphänomensowie Einfluss haben auf die Welt und Veränderungsprozesse mit beeinflussen, „Bewege ich mich, so lebe ich und bewege die Welt“ (Iljine, zitiert nach Petzold, 1986a, S. 5)als ästhetische Gestaltung, harmonische Stimmigkeit, Geschmeidigkeit und Schönheit in Bewegungen, die heilende Qualitäten freisetzen können.

Diese umfassende Sichtweise von Bewegung, nämlich als Lebensprinzip, geht weit über ein funktionales, sportives oder physiotherapeutisches Verständnis hinaus. Dies wird in der IBT sowohl im diagnostischen Prozess als auch im gesamten Therapieverlauf berücksichtigt. In allen genannten Bewegungsaspekten fragen wir nach den Einschränkungen, den vorhandenen Möglichkeiten und den ungenutzten Ressourcen und Potenzialen und entwickeln so, gemeinsam mit dem Patienten – unserem Partner, – in einem ko-respondierenden Bewegungsprozess die Ziele, die er selber für sich erreichen will (Petzold et al., 1988).

Die menschliche Bewegung sehen wir als die individuelle Lebens- und Ausdrucksform eines konkreten Subjekts, als Zeugnis seines bisherigen Lebens mit allen guten und schmerzlichen Erfahrungen und Einflüssen, die sich „eingefleischt“ haben. Sie ist subjektiver Handlungsvollzug in der aktuellen lebensweltlichen Realität. Zusätzlich gibt sie uns Hinweise darüber, was von der Zukunft erwartet wird, z.B. im zögerlichen Vortasten oder einem forschen Darauf-zugehen. Das therapeutische Ziel strebt nie auf eine idealtypische Bewegung hin. Es gibt keine „normale“ Bewegung. Es kann immer nur darum gehen, den persönlichen Sinn einer bestimmten Geste, Körperhaltung oder Bewegungsqualität zu erfassen und zu verstehen und in den persönlichen Lebenszusammenhang zu setzen.

In der bewegungstherapeutischen Arbeit interessieren wir uns für alle Bewegungsaspekte. Neben funktional-sinnvollen Bewegungsabläufen und Körperhaltungen liegt der Fokus auf der Wahrnehmung und dem Bewusstwerden von „inneren“ Bewegungen, die immer verbunden sind mit bestimmten Gefühlen und Gedanken. Dies entspricht unseren erlebniszentrierten und konfliktaufdeckenden Modalitäten. Wir arbeiten an der Ausdauer – der Bewegung in der Zeit –, sowohl im Sinne von körperlicher Kondition und der im Sprung sich zeigenden Willenskraft, als auch im Sinne von durchhalten und Unveränderliches aushalten. Uns interessiert der Bewegungsfluss und -rhythmus, das bewusste Erspüren der eigenen Bewegungen und deren Förderung sowie das Erkennen von Zusammenhängen zwischen früheren Lebenserfahrungen und der aktuellen Situation, die im Bewegungsverhalten ihren ganz persönlichen Ausdruck findet. Über das Bewusstwerden und Verstehen hinaus geht es ganz wesentlich um das Ausprobieren und Üben von neuen Varianten, es geht um neue Schritte auf neuen Wegen in die Zukunft.

Allgemeines Ziel ist die Weitung des persönlichen Entscheidungsspielraumes in Bezug auf größere körperliche, seelische, geistige und soziale Beweglichkeit und die Entwicklung hin zu einem „gesundheitsbewussten und bewegungsaktiven Lebensstil“ (Orth, 1996).

In Letzterem liegt die wirksamste, durch Forschung belegte, Vorbeugung für Gesundheit und Wohlbefinden.

4 Zeit

Seit ihren Anfängen sind das Wissen um das Erleben von Zeit und der bewusste Umgang mit Zeit wichtige Themen in der IBT. Im therapeutischen Prozess geht es immer darum, die (Ein-) Wirkungen der erlebten Zeit zu betrachten und zu verstehen. Und es geht um Veränderungen in der Gegenwart sowie für die Zukunft. Dabei steht alles selbst „in der Zeit“, wird mitbestimmt von übergeordneten zeitgeschichtlichen Einflüssen, aber auch den persönlichen Körperrhythmen und der Sinnesphysiologie. Die Verzeitlichung des Menschen zeigt sich hier z.B. im Rhythmus von Atem und Herzschlag und in der Tatsache des Gedächtnisses, „denn ohne Gedächtnis ist Dauer nicht lebbar“ (Petzold, 1991a, S. 234). Außerdem spielen die einverleibten Zeitstrukturen der Herkunftsfamilie und der sozialen Schicht eine Rolle.

Therapie muss mit dazu beitragen, dass Menschen sich als Zeitliche begreifen und einen bewussten Umgang finden mit den Spannungen, die zwischen den Bedürfnissen der persönlichen „Leibzeit“ und der von außen aufgedrängten Zeit der Stoppuhren bzw. dem Zwang zur Beschleunigung entstehen können. Oft werden wir auf ungute Weise beherrscht von der mechanischen, starren Wiederkehr des Gleichen, wie sie im Zeittakt vieler Maschinen vorgegeben ist, die sich aber auch bei vielen Therapeuten in der Zeiteinteilung der Therapiestunden zeigt: Im 50-Minutentakt bekommt jeder Patient identisch große Teile von Zeit. Der Spielraum für persönliche Eigenzeitbedürfnisse ist gering. Hier ist es allerdings der Anspruch von IBT-Therapeuten und Therapeutinnen sensibel zu reagieren, wenn ein Patient in diesem Bereich Schwierigkeiten hat. Wir versuchen, Zeitvariationen zu ermöglichen.

Auf der klinischen Ebene zeigen sich Zeitaspekte in vielfältiger Form. Wir wissen z.B., dass Verdrängung ein Hängenbleiben in einer vergangenen Gegenwart ist. Hier stockt der Lebensfluss, indem das unbewusste Blockieren von damals das Bewusstsein des Zeitstroms behindert und damit Erinnerung für spezifische Ereignisse verhindert oder verzerrt. Wir wissen auch: dem Depressiven wird die Zeit endlos, in seinem Erleben steht sie still und das Stillstehen der Zeit ist ein ernstes Symptom, welches sich gegen jede Hoffnung stellt. Dem Wahn-Sinnigen können sich Vergangenheit und Zukunft mischen, dem Leidenden können Momente zu Ewigkeiten werden. Kinder werden überfordert, weil sie in die Zeitstrukturen der Erwachsenen gepresst werden, sich selber aber noch in einem Zeiterleben von Vorher – Nachher bewegen. Paarkonflikten liegen, neben anderen Ursachen, häufig individuell unterschiedliche zeitliche Muster und Bedürfnisse zugrunde.

Wir werden heute stark bestimmt von einem linearen Zeitbewusstsein