Integrative Medizin und Gesundheit -  - E-Book

Integrative Medizin und Gesundheit E-Book

0,0
19,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Die Integrative Medizin kombiniert die moderne, evidenzbasierte Naturheilkunde und Komplementärmedizin mit den etablierten Verfahren der konventionellen Medizin – ergänzt durch aktuelle Entwicklungen wie Stärkung der Arzt-Patienten-Beziehung, Gesundheitsförderung und Prävention. Dabei ist sie zunehmend eigenständig, durch Forschung breit abgesichert und heute weit mehr als „Schulmedizin plus Komplementärmedizin“. Nachdem die Integrative Medizin in Nordamerika längst anerkannt und in Wissenschaft, Ausbildung und Gesundheitsversorgung etabliert ist, entstehen in Europa immer mehr Professuren und akademische Institute, die sich mit der „Naturheilkunde“ oder „Integrativen Medizin“ bzw. „Integrativen Gesundheitsversorgung“ auseinandersetzen. Die Integrative Medizin ist ein ungemein spannendes, inspirierendes und innovatives Feld, das mittlerweile auch in Europa in der praktischen Medizin und beim Patienten angekommen ist. Hier besteht eine lange Tradition der Naturheilkunde. Die Therapieangebote werden, parallel zu Verfahren der konventionellen Medizin, mit überwältigendem und zunehmendem Interesse in Anspruch genommen. Integrative Medizin ist bisher nicht eindeutig und klar genug definiert, und es ist erforderlich, die Erkenntnisse, Angebote, Nachfragen sowie die divergierenden – oder auch synchronen – Strömungen zusammenzutragen und gebündelt aufzuzeigen. Dafür sorgt dieses Buch: Es entschlüsselt den Wissens- und Erfahrungsstand in der ganzen Pluralität der aktuellen Diskussion. Heute haben verschiedene medizinische und therapeutische Fachgebiete einen engen Bezug zur Integrativen Medizin, aber auch übergeordnete Kontexte wie künstlerische Therapieverfahren. Pflege- und andere Medizinsysteme (wie etwa die Anthroposophie) finden ebenfalls exemplarisch Berücksichtigung. Das aktuelle Standardwerk bündelt alle Aspekte der Integrativen Medizin: medizinisches Fachwissen, Versorgungsstrukturen, Theoriebildung, Menschenbild und wissenschaftliche Grundlagen einer empathischen, kommunikativen und hoch effektiven Medizin im digitalen Zeitalter.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 868

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Benno Brinkhaus | Tobias Esch (Hrsg.)

Integrative Medizin und Gesundheit

Mit Geleitworten von Detlev Ganten und Eckhart G. Hahn

Mit Beiträgen von

S.R. Adler | U. Bingel | H.C. Bringmann | B. Brinkhaus | S. Brunnhuber | T. Delbanco | J. Dirmaier | G. Dobos | F. Edelhäuser | T. Esch | T. Falkenberg | J.E. Fischer | G.L. Fricchione | O. Gröne | P. Haas | E.G. Hahn | A. Haramati | M. Härter | H. Hildebrandt | A. Homberg | J. Holst | M. Jeitler | S. Joos | R. Jütte | A. Kerckhoff | C.S. Kessler | B. Kligler | A. Längler | J. Langhorst | S. Latte-Naor | K. Linde | C. Mahler | J.J. Mao | D. Martin | H. Matthes | D. Melchart | A. Michalsen | M. Ortiz | D. Pach | A. Paul | A. Pimperl | C. Scheffer | M.W. Schnell | G.J. Seifert | I. Scholl | O. Somburg | R. Stolz | D. Tauschel | R. Teets | M. Teut | P. Tinnemann | M. Voss | J. Walker | J. Weeks | S.N. Willich | C.M. Witt | S. Zeh | J. M. Zill

Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft

Die Herausgeber

Prof. Dr. med. Benno Brinkhaus

Projektbereich Komplementäre & Integrative Medizin

Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und

Gesundheitsökonomie

Charité – Universitätsmedizin Berlin

Luisenstraße 57

10117 Berlin

Prof. Dr. med. Tobias Esch

Institut für Integrative Gesundheitsversorgung und

Gesundheitsförderung

Fakultät für Gesundheit/Department für Humanmedizin

Universität Witten/Herdecke

Alfred-Herrhausen-Straße 44

58448 Witten

Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG

Unterbaumstraße 4

10117 Berlin

www.mwv-berlin.de

ISBN 978-3-95466-607-2 (eBook: PDF)

ISBN 978-3-95466-641-6 (ePub)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Informationen sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Berlin, 2021

Dieses Werk ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten.

Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Im vorliegenden Werk wird zur allgemeinen Bezeichnung von Personen nur die männliche Form verwendet, gemeint sind immer alle Geschlechter, sofern nicht gesondert angegeben. Sofern Beitragende in ihren Texten gendergerechte Formulierungen wünschen, übernehmen wir diese in den entsprechenden Beiträgen oder Werken.

Die Verfasser haben große Mühe darauf verwandt, die fachlichen Inhalte auf den Stand der Wissenschaft bei Drucklegung zu bringen. Dennoch sind Irrtümer oder Druckfehler nie auszuschließen. Der Verlag kann insbesondere bei medizinischen Beiträgen keine Gewähr übernehmen für Empfehlungen zum diagnostischen oder therapeutischen Vorgehen oder für Dosierungsanweisungen, Applikationsformen oder Ähnliches. Derartige Angaben müssen vom Leser im Einzelfall anhand der Produktinformation der jeweiligen Hersteller und anderer Literaturstellen auf ihre Richtigkeit überprüft werden. Eventuelle Errata zum Download finden Sie jederzeit aktuell auf der Verlags-Website.

Produkt-/Projektmanagement: Dorothea Wunderling, Bernadette Schultze-Jena, Berlin

Lektorat: Monika Laut-Zimmermann, Berlin

Layout, Satz, Herstellung: zweiband.media, Agentur für Mediengestaltung und -produktion GmbH, Berlin

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

Coverbild: © Prof. Dr. Tobias Esch

Zuschriften und Kritik an:

MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, Unterbaumstr. 4, 10117 Berlin, [email protected]

Geleitwort

Die derzeitig praktizierte Schulmedizin hat ihre Basis weitgehend immer noch in der naturwissenschaftlich-biologischen Forschung und in den molekularen Ursachen der Krankheiten sowie den darauf basierenden Erkenntnissen für Diagnose, Therapie und soweit wie möglich der Prävention. In den letzten 50 Jahren waren auf diesem Gebiet unzweifelhaft große Erfolge zu verzeichnen. Moderne Technologien lassen hoffen, dass diese Fortschritte weitere neue Erkenntnisse und neue Erfolge ermöglichen.

Trotzdem nehmen viele Bürger und Patienten die Verfahren der Naturheilkunde, der Integrativen Medizin und anderer alternativer Methoden in Anspruch, obwohl deren Wirksamkeit und Therapiesicherheit nicht immer gesichert ist. Im weltweiten Maßstab stehen diese Methoden besonders in einigen Ländern sogar im Vordergrund. Kulturelle Besonderheiten spielen eine wichtige Rolle, aber auch die Tatsache, dass die naturwissenschaftlich orientierte Schulmedizin zumeist teuer ist und ihre Verheißungen häufig größer sind als die tatsächlichen Erfolge. Enttäuschte Patienten suchen ihr Heil in Alternativen.

Ziel des vorliegenden verdienstvollen Buches der Kollegen Benno Brinkhaus und Tobias Esch ist nichts weniger als unter Berücksichtigung schulmedizinischer Erkenntnisse und einer differenzierten Darstellung der Integrativen Medizin die Entwicklung einer modernen, patientenzentrierten und individualisierten Medizin im Zeitalter tiefgreifender gesellschaftlicher, digitaler, sozialer und demokratischer Veränderungen mit enormen Entwicklungs- aber auch Gefährdungspotenzialen zu beschreiben.

Die Autoren beschreiben, dass sich in den letzten zwei Jahrzehnten eine Medizinrichtung zunehmend etabliert habe, die sich eine Synthese beider Therapierichtungen, der Naturheilkunde und der Integrativen Medizin, unter stärkerer Einbeziehung präventiver Maßnahmen wünscht, wobei beide Verfahren evidenzinformiert bzw. evidenzbasiert sein sollen. Mehr noch, die ursprüngliche Auffassung einer Integrativen Medizin als bloßer Synthese von konventioneller und traditioneller Medizin (früher: „Schulmedizin plus Alternativmedizin“) habe sich grundlegend verändert in Richtung einer eigenen Disziplin, die auf Basis von Patientenzentrierung, Multiprofessionalität/Teambasierung und vor allem einer Selbsthilfefähigkeit und Selbstregulation der Patienten das bestehende medizinische Paradigma erweitern möchte. Dabei spielt neben der Wissenschaft auch die „Heilkunst“ (Gespräch, Interaktion, Motivation, Empathie etc.) eine wichtige Rolle.

In diesem Kontext stellen Brinkhaus und Esch auch eine erweiterte, neue Definition der Integrativen Medizin vor:

Integrative Medizin bekräftigt die Bedeutung der Beziehung zwischen Arzt und Patient, zielt auf die ganze Person ab, wird durch Evidenz informiert und bedient sich aller geeigneten therapeutischen, präventiven, gesundheitsfördernden oder Lifestyle-Ansätze sowie aller Disziplinen des Gesundheitswesens, um eine optimale Gesundheit und Heilung zu erreichen – Kunst und Wissenschaft des Heilens gleichermaßen hervorhebend. Sie basiert, so die Autoren, auf einer sozialen, demokratischen sowie natürlichen und gesunden Umwelt.

Aus dieser Definition geht hervor, dass es sich bei der Integrativen Medizin nicht nur um eine Aufnahme evidenzbasierter naturheilkundlicher Therapiemaßnahmen in die konventionelle Medizin geht, sondern dass Integrative Medizin patientenzentriert, präventiv und therapeutisch, den Patienten aktivierend, den gesunden Lebensstil berücksichtigend, interaktiv und empathisch ist. Gesunderhaltung und Gesundwerdung ist ein interaktiver Prozess von Patienten mit verschiedenen Anbietern im Gesundheitswesen, die Kunst der Gesunderhaltung und Gesundwerdung wird neben der wissenschaftlichen Erkenntnis in den Vordergrund gestellt, ebenso, dass diese Prozesse nur möglich sind, wenn dazu die entsprechenden sozialen und natürlichen Bedingungen vorliegen.

Im Mai 2017 wurde im Rahmen des „World Congress Integrative Medicine & Health“ in Berlin das Berlin Agreement entwickelt, auf das in dem vorliegenden Buch mehrfach Bezug genommen wird. Darin wird auf die wichtigen Voraussetzungen für das Gelingen der Integrativen Medizin hingewiesen. Besonders wichtig sind unter anderem folgende Faktoren:

Neben optimaler Gesundheitsversorgung ist die Gesundheitserhaltung bzw. Krankheitsvorbeugung unter anderem durch eine Stärkung der Selbst-Fürsorge und der Resilienz mit einzubeziehen („Model Health“).

Voraussetzung ist eine Erziehung von Bürgern zu einem nachhaltig gesunden Leben in einer sozialen und gesunden Umwelt („Engage Patients“).

Voraussetzung auf medizinischer Seite ist eine interprofessionelle Versorgung und eine optimale Zusammenarbeit von Gesundheitsberufen („Promote Interprofessionalism and Team Care“).

Aufnahme evidenzbasierter traditioneller Therapieverfahren und Berücksichtigung von globalen medizinischen Prozessen („Recognize the Importance of Traditional Medicine in Global Healthcare“).

Stärkung der Forschung im Bereich naturheilkundlicher und komplementärmedizinischer Therapieverfahren unter der Berücksichtigung eines ganzheitlichen Design- und Methodenansatzes („Commit to Evidence-Informed Dialogue and Practice“ and „Foster Whole Systems Research“).

Berücksichtigung der Interaktion von Prävention, Gesundheitsförderung und lokaler bzw. allgemeiner Gesundheitsversorgung bei Gesunderhaltung und Gesundwerdung („Bridge Clinical Care with Prevention, Community and Public Health“).

Berücksichtigung, dass soziale, politische, natürliche und ökonomische Faktoren für die Gesundheit eine entscheidende Rolle spielen. Diese Faktoren gilt es zu stärken, Ungleichheiten sind zu vermeiden und personelle und soziale Verantwortung zu übernehmen („Engage as Change Agents“).

Nutzung moderner auch digitaler Wege der Therapeut/Arzt-Patienten-Interaktion und Kommunikation in der Integrativen Medizin – sowohl in der Praxis wie in der Forschung.

Dieses Berlin Agreement ist eine wesentliche Basis für das vorliegende Buch. Die Autoren merken aber an, dass diese Grundlage sich ändern wird und anzupassen ist in den Inhalten und Konzepten an die Ergebnisse weiterer Forschung und unter Berücksichtigung der raschen Veränderungen im Gesundheitssystem. In der Systematik des Aufbaus des vorliegenden Buches steht daher eine allgemeine Einführung und das Berlin Agreement am Ende des Buches. Es folgt dann eine umfassende Darstellung der Grundzüge und wissenschaftlichen Basis der Integrativen Medizin, einschließlich der historischen Tatsachen, der allgemeinen Entwicklung und eine Darstellung von einzelnen Bestandteilen der diagnostischen und therapeutischen Vorgehensweisen. Dies wird ergänzt im Praxisteil durch eine Darstellung von ausgewählten Bereichen der Integrativen Medizin.

Das Buch zeichnet sich aus durch eine solide, wissenschaftlich fundierte Beschreibung der Integrativen Medizin, die sich wohltuend abhebt von unkritischen Propheten alternativer Heilmethoden. Die Autoren des Buches sind klassisch ausgebildete Ärzte in der wissenschaftlichen Schulmedizin und Experten auf verschiedensten Gebieten der konventionellen, komplementären Medizin sowie ausgewiesene Kenner von modernen Therapiestrategien, digitaler Medizin, Public Health und Gesundheitsökonomie.

Das Buch bietet so einen tiefen und interessanten Einblick in verschiedene Auffassungen der Heilkunst mit einem Schwerpunkt der Integration unterschiedlicher Möglichkeiten, die auf den Patienten und seine Besonderheiten in ganz persönlicher Weise Rücksicht nehmen. Personalisierte Medizin ist eben nicht auf die spezifischen Erbanlagen und Genomsequenzierung beschränkt, sondern integriert den ganzen Menschen und seine Umwelt.

Dieser Medizin und dem Buch sind Erfolg und weite Verbreitung zu wünschen!

Detlev Ganten

Präsident des World Health Summit

Berlin im März 2021

Preface

To a large extent, the orthodox medicine that is being practiced today still has its basis in scientific-biological research and in the molecular causes of the diseases. The knowledge based on this foundation is used for diagnosis, therapy, and as far as possible, prevention. Over the last 50 years, a large amount of success has undoubtedly been achieved in this field. Modern technologies give us hope that these advances will enable further insights and successes.

Nevertheless, many citizens and patients have been making use of the procedures of naturopathy, Integrative Medicine and other alternative methods, although they cannot always be assured of the effectiveness and therapeutic safety of such treatments. On a global scale, these methods are coming to the fore, especially in certain countries. Cultural particularities do play an important role, but the fact that scientifically oriented conventional medicine is often expensive and its promises are often greater than the actual successes is even more crucial. Disappointed patients seek their salvation by looking for alternatives.

The aim of this meritorious book by colleagues Benno Brinkhaus and Tobias Esch is nothing less than to describe the development of modern, patient-centered, and individualized medicine in an age of profound societal, digital, social, and democratic changes with enormous potential for development but also for danger.

The authors describe that over the last two decades a medical discipline has increasingly established itself that attempts to find a synthesis of two therapeutic directions, naturopathy and Integrative Medicine, with more inclusion of preventive measures. Both types of procedures should be evidence-informed or evidence-based. Moreover, the original view of Integrative Medicine as a mere synthesis of conventional and traditional medicine (formerly: “conventional medicine plus alternative medicine”) has fundamentally changed and developed in its own direction. There is currently an effort to expand the existing medical paradigm on the basis of patient-centeredness, multiprofessionalism/teamwork and, above all, the ability of patients to help themselves and self-regulate their treatments. In addition to science, the “art of healing” (conversation, interaction, motivation, empathy, etc.) plays an important role in this process.

In this context, Brinkhaus and Esch also present an extended, new definition of Integrative Medicine:

Integrative Medicine affirms the importance of the doctor-patient relationship, aims at the whole person, is informed by evidence and uses all appropriate therapeutic, preventive, health-promoting or lifestyle approaches as well as all disciplines of healthcare to achieve optimal health and healing – emphasizing both the art and science of healing. According to the authors, it is based on a social, democratic, as well as a natural, healthy environment.

Using this definition, it is clear that Integrative Medicine is not only about the inclusion of evidence-based naturopathic therapies in conventional medicine, Integrative Medicine is patient-centered, preventive, and therapeutic. It activates the patient, taking into account a healthy lifestyle, is interactive and empathetic. Becoming healthy and maintaining health is an interactive process of patients with different healthcare providers, the process is emphasized to complement scientific knowledge, as well as the fact that these processes are only possible if the appropriate social and natural conditions are present.

In May 2017, the Berlin Agreement was developed within the framework of the “World Congress Integrative Medicine & Health” in Berlin, which is referred to several times in this book. The agreement points out the important prerequisites for the success of Integrative Medicine. The following factors, among others, are particularly important:

In addition to seeking optimal healthcare, health maintenance or disease prevention, strengthening self-care and resilience (“Model Health”) are to be included.

A prerequisite is educating citizens enabling them to lead sustainable healthy lives in a social and healthy environment (“Engage Patients”).

On the medical side, interprofessional care and optimal cooperation between healthcare professions (“Promote Interprofessionalism and Team Care”) is a prerequisite.

Recognizing the importance of traditional medicine in global healthcare (“Recognize the Importance of traditional Medicine in Global Healthcare”).

The strengthening of research in the field of naturopathic and complementary medicine therapies under consideration of a holistic design and method approach (“Commit to Evidence-Informed Dialogue and Practice” and “Foster Whole Systems Research”).

Considering the interaction of prevention, health promotion and local or general healthcare in maintaining and improving health (“Bridge Clinical Care with Prevention, Community and Public Health”).

Taking into account that social, political, natural and economic factors play a decisive role in health. These factors must be strengthened, inequalities must be avoided and personal and social responsibility must be taken (“Engage as Change Agents”).

The use of modern and digital methods of therapist-doctor-patient interaction and communication in Integrative Medicine – both in practice and in research.

This Berlin Agreement has been a key foundation for this book. The authors note, however, that this basis will change and that its contents and concepts will have to be adapted to the results of further research and the rapid changes in the healthcare system. The systematic structure of the present book is based, therefore, on a general introduction and the Berlin Agreement at the end of the book. This is followed by a comprehensive presentation of the basic features and scientific basis of Integrative Medicine, including historical facts, general developments and a description of individual components of diagnostic and therapeutic procedures. This is supplemented in the practice section by a presentation of selected areas of Integrative Medicine.

The book is characterized by a solid, scientifically based description of Integrative Medicine, which pleasantly sets itself apart from the uncritical prophets of alternative healing methods. The authors of the book are classically trained physicians in scientific orthodox medicine and experts in various fields of conventional, complementary medicine as well as proven experts in modern therapeutic strategies, digital medicine, public health and health economics.

In such a light, this book provides a deep and interesting insight into different views of the art of healing with a focus on the integration of different possibilities, which take into account the patient and his or her particularities in a very personal way. Personalized medicine is not limited to specific hereditary factors and genome sequencing, it integrates the person as a whole as well as his or her environment.

We wish that the medicine and this book gain success and a wide distribution!

Detlev Ganten

President of the World Health Summit

Berlin, March 2021

Geleitwort

Detlev Ganten hat in seinem Geleitwort für dieses Buch den großen Wurf einer evidenzbasierten Integrativen Medizin und Gesundheit für eine Gesundheitsversorgung der Zukunft begründet und gewürdigt. Das Buch zeigt Wege auf, wie in einer global komplexen Welt Gesundheit erhalten und wiederhergestellt werden kann. In deutlichem Widerspruch zu den gut begründeten Analysen und Vorschlägen in diesem Werk steht der im Folgenden beschriebene Vorgang. Er illustriert, wie sorgfältig und zeitgemäß die Herausgeber Brinkhaus und Esch die Themen gewählt haben. Er zeigt auch, welche Vorurteile, Fehlinformationen und Widerstände durch grundlegende Entwicklungen in der Gesundheitsversorgung zu überwinden sind.

Der Weltärztebund (World Medical Association, WMA) hat anlässlich der Jahreshauptversammlung 2020 eine neue Grundsatzerklärung veröffentlicht, die dazu aufruft, „Pseudowissenschaft“ und „Pseudotherapien“ weltweit zu unterbinden (https://www.wma.net/policies-post/wma-declaration-on-pseudo-science-and-pseudotherapies-in-the-field-of-health/). Dazu gibt die WMA 13 verschiedene Empfehlungen. Die Begriffe „Pseudowissenschaft“ und „Pseudotherapien“ werden definiert („Falsche Wissenschaft“ und „Falsche Therapien“), wobei vor allem auf die dabei fehlende moderne wissenschaftliche Basis verwiesen wird. Dann wird am Schluss des Textes kleingedruckt angefügt:

„Das Ziel dieser Erklärung sind nicht die traditionelle, von den Vorfahren überlieferte Heilkunde noch die sogenannte einheimische Heilkunde, die fest in Völkern und Nationen verwurzelt sind und einen wesentlichen Teil ihrer Kultur, ihrer Rituale, Tradition und Geschichte darstellen“. (ebd.)

Abgesehen davon, dass dies ein Widerspruch zu den selbst gewählten Definitionen ist, bleibt es auf den ersten Blick unklar, was die WMA eigentlich konkret meint. Es erscheint kaum nötig, auf die Gefahr falscher Wissenschaft und falscher Therapien hinzuweisen. Dann wird es aber unter Forderung 7 plötzlich klar,

„dass ein System eingerichtet werden solle, dass jegliche Behandlung unterbindet oder mindestens einschränkt, die als komplementär und/oder alternativ klassifiziert wird, um das Gesundheitswesen davor zu schützen“. (ebd.)

Leider hat das Bundesärzteblatt dies in verkürzter Form aufgegriffen und ungefiltert publiziert (https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/118235/Weltaerztebund-fordert-staerkeren-Einsatz-gegen-Pseudowissenschaften-und-therapien?rt=a15ce1c2bcc33b57ac93ee9291a4df4a).

Dieser klassische Kurzschluss, dass nämlich Komplementärmedizin grundsätzlich unwissenschaftlich sei, ist geläufig und teilweise von den betreffenden empirisch arbeitenden Disziplinen durch fehlende Forschungsanstrengungen zu verantworten. Auf der anderen Seite genügt aber für eine andere Wahrnehmung ein Blick in die Sammlung der „Cochrane Collaboration“, wo hunderte Studien zur Komplementären und Integrativen Medizin zugänglich sind (https://cam.cochrane.org). Leider ist bisher die öffentliche Förderung zurückhaltend, obwohl die Werte und Präferenzen der Patienten dazu anhalten sollten. Das vorliegende Buch hat sich dieser Problematik angenommen, um unter Berücksichtigung der Prinzipien der evidenz-basierten Medizin (David Sackett) einschließlich der Patientenwerte und -präferenzen die Voraussetzungen für eine Integrative Medizin und Gesundheit zu ermöglichen. Dies bezieht auch die begründeten Ergebnisse der Komplementärmedizin mit ein. Besonders beachtenswert ist die Bemühung um eine verbindliche Definition von Theorie und Praxis der Integrativen Medizin und Gesundheit. Ob die Integrative Medizin und Gesundheit als Addition von konventioneller Medizin und Komplementärmedizin zu verstehen ist, oder aufgrund eines eigenen theoretischen Rahmens einen Paradigmenwechsel hin zu einer neuen Disziplin begründet, wird die Zukunft durch entsprechende Grundlagen- und Versorgungsforschung zeigen. Der von den Herausgebern gewählte Bezug auf die Definition des „Academic Consortiums for Integrative Medicine and Health 2015“ und die Vorschläge der „Berliner Erklärung 2017“ ist aus meiner Sicht ein erfolgversprechender Ansatz.

Das Buch befruchtet diese Entwicklung, und ihm ist die gebührende Aufmerksamkeit zu wünschen!

Prof. em. Dr.med. Eckhart G. Hahn, MME (Bern), FACP

Erlangen im März 2021

Preface

In his preface to this book, Detlev Ganten has both substantiated and commended the great endeavor towards evidence-based Integrative Medicine and Health for a healthcare of the future. The book outlines various ways to maintain and restore health in a complex, global world. In marked contrast to the well-founded analyzes and suggestions in this work is the declaration described below. It illustrates just how carefully and up to date the editors Brinkhaus and Esch have selected the topics in this book. It also shows the prejudices, misinformation, and resistance that need to be overcome by fundamental developments in healthcare.

At the Annual General Meeting 2020, the World Medical Association (WMA) published a new policy statement calling for the worldwide suppression of “pseudoscience” and “pseudotherapies” (https://www.wma.net/policies-post/wma-declaration-on-pseudoscience-and-pseudotherapies-in-the-field-of-health/). To this purpose, the WMA offers 13 different recommendations. The terms “pseudoscience” and “pseudotherapies” are defined (“false science” and “false therapies”), regarding the lack of a modern scientific basis. Then, at the end of the text, added in small print was:

“The aim of this declaration is not the traditional ancestral medicines nor the so-called indigenous medicines, firmly rooted in various peoples and nations, forming an intrinsic part of their culture, rites, traditions, and history.”

Apart from the fact that this contradicts the self-selected definitions, it remains unclear at first glance what the WMA means in concrete terms. It seems hardly necessary to point out the danger of false science and false therapies. But then it suddenly becomes clear under demand 7, that:

“there should be a system in place to either immediately stop or substantially restrict any given treatment classified as complementary and/or alternative in order to protect public health.”

Unfortunately, the Bundesaerzteblatt has taken this up in a truncated form and published it in an unfiltered manner (https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/118235/Weltaerztebund-fordert-staerkeren-Einsatz-gegen-Pseudowis-senschaften-und-therapien?rt=a15ce1c2bcc33b57ac93ee9291a4df4a).

This typical knee-jerk-reaction, namely that complementary medicine is fundamentally unscientific, is common. It is partly attributable to the concerned empirical disciplines themselves, due to a widespread lack of research commitments. On the other hand, however, a glance at the collection of the “Cochrane Collaboration”, where hundreds of studies on complementary and Integrative Medicine are accessible (https://cam.cochrane.org), would support an entirely different perception. Unfortunately, public funding has so far been unforthcoming, although patients’ values and preferences should encourage this to change. This book has addressed this issue in order to set the stage for Integrative Medicine and Health, taking into consideration the principles of evidence-based medicine (David Sackett), including patient values and preferences. This also includes the well-founded results of complementary medicine. The effort to establish a binding definition of the theory and practice of Integrative Medicine and Health is particularly noteworthy. Whether Integrative Medicine and Health is to be understood as the addition of conventional medicine and complementary medicine, or whether a paradigm shift towards a new discipline is justified on the basis of its own theoretical framework, the future will show through corresponding basic and healthcare research. The reference chosen by the editors for the definition of the “Academic Consortium for Integrative Medicine and Health 2015” and the proposals of the “Berlin Declaration 2017” is, in my view, a promising approach.

This book facilitates this development and hopes to attract the attention its weight is due!

Prof. em. Dr.med. Eckhart G. Hahn, MME (Bern), FACP

Erlangen, March 2021

Vorwort

Die Integrative Medizin hat sich, begrifflich ursprünglich aus den USA kommend, nunmehr auch in Europa über die letzten 20 Jahre fest etabliert. Dabei handelt es sich um ein relativ neues medizinisches Fachgebiet und ein begleitendes Paradigma, das sich an vorbestehende Bereiche tradierter Medizinsysteme aus der Naturheilkunde und der Komplementärmedizin anlehnt, diese mit etablierten Verfahren der konventionellen Medizin kombiniert und über ganzheitliche, evidenzinformierte und patientenzentrierte Elemente verfügt. In den USA hat die Integrative Medizin zusammen mit der Mind-Body-Medizin erst dem Bereich der Complementary and Alternative Medicine (CAM) eine anerkannte Sichtbarkeit und Verankerung auch an den großen und etablierten akademisch-medizinischen Einrichtungen wie z.B. der Harvard Medical School oder der Stanford University School of Medicine gegeben, sodass heute nach Etablierung des Begriffs der Integrativen Medizin von Complementary and Integrative Medicine (CIM) gesprochen wird.

Heute ist die wissenschaftlich-akademische „Integrative Medicine“ in Nordamerika u.a. im sog. Academic Consortium organisiert – www.imconsortium.org. An der amerikanischen Gesundheitsadministration (National Institutes of Health) gibt es eine gut sichtbare Abteilung namens National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIM), die aus dem National Center for Complementary and Integrative Medicine (NCCAM) hervorgegangen ist. Institute, Lehrstühle, Aus- und Weiterbildungseinrichtungen sowie Kliniken und Ambulanzen zur Anwendung der Integrativen Medizin sind in Nordamerika vielerorts entstanden: Dank einer intensiven Forschungsförderung und -leistung wächst das Wissen zur Integrativen Medizin kontinuierlich.

In Europa und gerade im deutschsprachigen Raum gibt es eine lange Tradition der Naturheilkunde. Die Konzepte der modernen Naturheilkunde gehen auf die antike Medizin und die wissenschaftlichen Bestrebungen in Theorie-, Grundlagen- und Anwendungsforschung zurück. Allerdings hat dieser Bereich in Mitteleuropa kein vergleichbares Wachstum wie in Nordamerika in den letzten knapp 30 Jahren erlebt. Die verschiedenen Therapie- sowie Theorierichtungen aus dem Bereich der Naturheilkunde bzw. der Komplementärmedizin tun sich schwer, eine gemeinsame Basis mit der Integrativen Medizin oder der Mind-Body-Medizin zu finden.

Dennoch sind auch in Europa in den letzten 10 Jahren mehrere Lehrstühle und akademische Institute gegründet worden, die entweder den Begriff „Naturheilkunde“ oder „Integrative Medizin“ bzw. „Integrative Gesundheit“, „Integrative Gesundheitsförderung“ oder „Integrative Gesundheitsversorgung“ im Namen tragen. Ganz eindeutig: Die Integrative Medizin ist nicht nur bei den Patienten und Ärzten, sondern auch in der akademischen Welt angekommen. Sie wird verstärkt auch von allen Beteiligten des Gesundheitswesens wahrgenommen.

Es gibt auch Widerstände gegen diese Entwicklung: Die aktuellen Diskussionen beispielsweise um Abschaffungen von Zusatzbezeichnungen aus dem Bereich der Komplementärmedizin wie auch die nach wie vor geringe Zurverfügungstellung von Forschungsmitteln zur wissenschaftlichen Untersuchung und Etablierung von Integrativer und Komplementärmedizin seien in diesem Kontext genannt. Und nicht zuletzt sei auch auf die leidenschaftlich geführten fachinternen Diskussionen zu Definitionen, Begriffen, Zielgruppen, Platzierungen im Gesundheitswesen und Indikationen einer Integrativen Medizin verwiesen – sowie auf die noch genauer auszuhandelnden Beziehungen der verschiedenen beteiligten Disziplinen und „Health Professionals“ untereinander. Diese Entwicklungen weisen darauf hin, wie wichtig und zeitgemäß es ist, die Diskussionen um eine Integrative Medizin der Zukunft auf eine größere, sichtbare und für alle Interessierten leicht zugängliche Bühne zu heben.

Die Frage, ob und warum es den Begriff – oder das Fachgebiet – der Integrativen Medizin gibt/geben müsste und wie sie definiert werden kann, wird kontrovers diskutiert. Eine eindeutige Definition dieses Begriffs ist jedoch von essenzieller Bedeutung für die Weiterentwicklung des gesamten Gebietes, insbesondere, aber nicht nur, im akademischen Kontext. Dabei sind Fragen der Abrechnung und Vergütung im Gesundheitssystem, der konkreten Versorgungsstrukturen bzw. -leistungen sowie der Legitimation der verschiedenen Gesundheitsberufe, die an der erfolgreichen Umsetzung der Integrativen Medizin beteiligt sind, ebenfalls zu berücksichtigen. All diese Aspekte adressiert das vorliegende Buch.

Dem kenntnisreichen Experten sowie dem interessierten Laien wird sich schnell offenbaren: Die Integrative Medizin bietet ein ungemein spannendes, inspirierendes und innovatives Feld, in dem mittlerweile weit mehr erreicht wurde, als vielerorts bekannt ist. Die Patienten, so könnte man meinen, haben es immer gewusst und diese Therapieangebote, die häufig in Kombinationen miteinander angeboten werden, mit überwältigendem und zunehmendem Interesse in Anspruch genommen, parallel zu Verfahren der konventionellen Medizin. Jedoch wird es nun zwingend, die Erkenntnisse, Angebote, Nachfrage(n) und die divergierenden – oder auch synchronen – Strömungen im Bereich der Integrativen Medizin zu sammeln und gebündelt aufbereitet aufzuzeigen.

Dabei soll dieses Buch den aktuellen Wissens- und Erfahrungsstand wiedergeben, möglichst keine Vorfestlegungen vornehmen und der Pluralität der aktuellen Diskussion entsprechen. Wichtig ist außerdem die Feststellung, dass neben einer historischen Einbettung des Themas, auch in die verschiedenen Kulturräume hinein, ebenso Platz eingeräumt wird für aktuelle Entwicklungen und anschlussfähige Bereiche aus anderen Fachbereichen und Disziplinen:

Interprofessionalität und Kooperation einerseits sowie klare Identifikation des Disziplinbezugs andererseits müssen sich nicht ausschließen. Verschiedene medizinische und therapeutische Fachgebiete haben heute einen engen Bezug zur Integrativen Medizin, aber auch übergeordnete Kontexte wie künstlerische Therapieverfahren, Pflege- und andere Medizinsysteme finden exemplarisch Berücksichtigung. Es geht um den Ist-Stand der Integrativen Medizin – fachlich, in der Versorgung, im System, in den Strukturen, aber auch in der Theoriebildung, im Menschenbild und in der Wissenschaft; und es geht um die Zukunft einer empathischen, kommunikativen und hoch effektiven Medizin im digitalen Zeitalter.

Dazu möchten wir Sie mit diesem Buch herzlich einladen!

Wir, das sind Benno Brinkhaus und Tobias Esch, Ärzte mit einer langjährigen klinischen und fachärztlichen Erfahrung, die auch wichtige Aspekte der Naturheilkunde und Integrativen Medizin einschließt. Dabei sind in unterschiedlicher Weise auch internationale Einflüsse entstanden, sei es etwa durch Fachgesellschaften oder eine tatsächliche mehrjährige Tätigkeit im Ausland. Uns beide eint, trotz unterschiedlicher Schwerpunkte in der Tätigkeit in Patientenversorgung, Lehre und Wissenschaft, ein ausgeprägtes Interesse an pluralistischen und zugleich wissenschaftsbasierten Strömungen innerhalb der Medizin, mit einem besonderen Bezug zur Integrativen Medizin und einem Verständnis von Medizin auch als Heilkunst.

Bleibt uns zum Abschluss, Dank und Wunsch auszusprechen: Danke an den Verlag, seiner Leitung und den Mitarbeitenden, für eine ausgesprochen professionelle, stets angenehme und unterstützende Funktion. Dank auch an unsere Kolleginnen und Kollegen, die uns auf dem Weg der Auseinandersetzung mit der Naturheilkunde und Integrativen Medizin begleitet haben, und natürlich auch an unsere Familien, die uns allzu oft wegen unserer Tätigkeit auch an diesem Buch vermissen mussten, so wie wir sie. Dieses Buch war eine Herausforderung für alle, die mit großer Weitsicht und Geduld und dem gemeinsamen Ziel vor Augen gemeistert wurde. Begleitet vom Wunsch, dass die Beiträge dieses Buches, einzelne Aspekte oder auch der rote Faden, der dahinter steht, dazu beitragen mögen, das Bild einer Heilkunde der Zukunft zu beschreiben, die Medizin insgesamt zu verbessern sowie Mut zu machen, die Medizin der Zukunft integrativ, ganzheitlich und patientenorientiert zu gestalten. Positiv – im Sinne unserer Patienten!

Prof. Dr. med. Benno Brinkhaus und Prof. Dr. med. Tobias Esch

Berlin und Witten im März 2021

Foreword

Integrative Medicine, which originally originated in the USA, has also now become firmly established in Europe over the last 20 years. It is a relatively new medical specialty and accompanying paradigm that has been adapted to the existing aspects of traditional medical systems from natural medicine and complementary medicine. It has been combined with the established procedures of conventional medicine and contains holistic, evidence-based, and patient-centered elements to its procedures. In the USA, Integrative Medicine, together with Mind Body Medicine, was the first specialization to give Complementary and Alternative Medicine (CAM) a considerable degree of visibility and a foothold, even at large and established academic medical institutions such as Harvard Medical School or Stanford University School of Medicine. This means that today, now that the term Integrative Medicine has been well established, it is referred to as Complementary and Integrative Medicine (CIM).

Today in North America the scientific-academic process known as Integrative Medicine is administered at the so-called Academic Consortium (www.imconsortium.org). At the US National Institutes of Health, there is a highly visible department called the National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIM), which emerged from the National Center for Complementary and Integrative Medicine (NCCAM). Institutes, university chairs, educational and training facilities as well as clinics and outpatient clinics for the application of Integrative Medicine have been established in many locations across North America: Thanks to intensive research funding and performance, knowledge of Integrative Medicine is continuously growing.

In Europe, especially in German-speaking countries, there is a long tradition of so-called “naturopathy”. The concepts of modern naturopathy date back to ancient medicine as well as scientific endeavors in theory, basic, and applied research. However, this field as it is known today has not experienced a comparable rate of growth in Central Europe as it has in North America over the last 30 years. The various therapeutic and theoretical directions in the field of naturopathy and complementary medicine have experienced difficulties in finding a common basis with Integrative Medicine including Mind Body Medicine.

Be that as it may, several academic chairs and institutes have been founded in Europe in the last 10 years that have had either the term “naturopathy”, “Integrative Medicine”, “integrative health”, “integrative health promotion” or “integrative healthcare” in their names. One thing is clear: Integrative Medicine has not only been reaching patients and physicians, it has also had a considerable effect on the academic world. It is also being noticed with ever-increasing frequency by all those involved in working within the healthcare system.

There is also resistance to this development of Integrative Medicine: Current discussions surrounding, for example, the abolition of additional names from the field of complementary medicine, as well as the still small amount of research funding for the scientific investigation and establishment of integrative and complementary medicine should also be mentioned in this context. We would like to point out the passionate internal discussions taking place within the medical profession regarding definitions, terms, target groups, placements in the healthcare system, and the indications for Integrative Medicine – as well as the relationships between the various disciplines involved and “health professionals” among one another. This complex situation still needs to be negotiated in further detail in the future. These developments indicate how important and timely it is to raise discussions surrounding future Integrative Medicine to all concerned parties on a larger, more visible, and easily accessible stage.

The question of whether and why the term – or the specialization – of Integrative Medicine exists/ought to exist and how it can be defined remains a controversial topic. Having a clearly defined term is of the utmost importance for the further development of the whole field, however, especially but not exclusively, in an academic context. Questions of billing and reimbursement in the healthcare system, the concrete care structures or services, and the legitimacy of the various healthcare professions involved in the successful implementation of Integrative Medicine must also be taken into account. All of the above aspects are addressed in this book.

Both an expert and an interested layperson will quickly find out: Integrative Medicine provides us with an immensely exciting, inspiring, and innovative field in which far more has been achieved than is widely recognized. Patients, one might say, have always known in a sense what this branch of medicine has to offer. These therapies are often used in combination with other types of therapy and have always been a source of inspiration.

This book is intended to reflect the current state of knowledge and experience of Integrative Medicine, not to make any pre-determinations or to correspond to the plurality of the current discussion. It is also important to note that in addition to the historical embedding of the topic in the various cultural spheres, space has also been given to current developments and related areas from other departments, and disciplines:

Interprofessionalism and cooperation on the one hand, and clearly identifying the discipline on the other hand, do not have to be mutually exclusive. Today, various medical and therapeutic specializations have a close connection to Integrative Medicine, but also superordinate contexts such as artistic therapy methods, nursing, and other medical systems are considered in an exemplary manner. This relates to the current status of Integrative Medicine – in terms of disciplines, care, systems and structures, but also in terms of theory formation, the image of man and science. It concerns the future of empathetic, communicative and highly effective medicine in the digital age. This is what we would like to let you be a part of with this book.

We, Benno Brinkhaus and Tobias Esch are doctors who possess many years of clinical and specialist experience including important aspects of naturopathy and Integrative Medicine, including Mind Body Medicine. In the process, international influences have also come to the fore in various ways, be it through professional societies or actual work abroad over several years. Despite our different focuses in patient care, teaching and science, we are both united in our pronounced interest in an integrative approach relying on pluralistic methods and perspectives, and, at the same time, on science- as well as evidence-based trends in medicine, with a special reference to Integrative Medicine. In addition, we both understand medicine as an art of healing, not science exclusively.

Let us conclude by expressing our thanks and hopes: A big thanks to our publishing house, its management and its staff, for their extremely professional, always pleasant and supportive assistance. A warm thanks also to our colleagues who have accompanied us on the path of engagement with naturopathy and Integrative Medicine, and of course also to our families, who all too often had the chance to miss us because of our activities concerning this book, just as we missed them back. This book was a challenge for everyone who took part. It came together with considerable foresight and patience and a common goal clear in mind. It was the hope that the contributions that make up this book, as individual pieces or the common theme behind them, may help to outline a vision of medicine for the future. We hope that in a small way we can help to improve the state of medicine as a whole and to lend some courage to those who wish to make the medicine of the future more integrative, holistic, and patient-oriented. Let’s be positive about the future of medicine in the interest of our patients!

Prof. Dr. med. Benno Brinkhaus and Prof. Dr. med. Tobias Esch

Berlin and Witten, March 2021

Inhalt

IWas ist Integrative Medizin?

1Integrative Medizin und Gesundheit – Konstrukt einer modernen Medizin

Benno Brinkhaus und Tobias Esch

2Die Bedeutung der Selbstregulation in der Integrativen und Mind-Body-Medizin – Ein Überblick

Tobias Esch und Benno Brinkhaus

3The Evolution of Integrative Health in the Reform Effort for US Medicine: 1965 to PresentJohn Weeks

4Patientenzentrierte VersorgungJördis Maria Zill, Stefan Zeh und Isabelle Scholl

5Self-Care-Maßnahmen der Integrativen Medizin in einer digitalen WeltClaudia M. Witt und Daniel Pach

6Stärkung der Interprofessionalisierung und der vernetzten Zusammenarbeit im Kontext der Integrativen MedizinAngelika Homberg und Claudia M. Witt

7Stimulate Collaboration – Förderung von Kollaboration – Herausforderungen für die UmsetzungJoachim E. Fischer

8Toward Fully Transparent Communication: Shared Medical RecordsTom Delbanco and Jan Walker

9Patientenbeteiligung und partizipative Entscheidungsfindung in der Integrativen MedizinMartin Härter und Jörg Dirmaier

10Integration der Gesundheitsversorgung – Von „Volume“ zu „Value“: Umsetzung und Evaluation von Triple-Aim-AnsätzenAlexander Pimperl, Helmut Hildebrandt und Oliver Gröne

11Forschung zur Integrativen Medizin – Strategische und methodische AspekteKlaus Linde

12Integrative Medizin, Naturheilkunde und Komplementärmedizin in den Leitlinien für Humanmedizin der AWMFJost Langhorst

13Integrative Versorgung im Quartier erfordert die Verknüpfung von individueller Gesundheitsversorgung mit einem Public-Health-AnsatzHelmut Hildebrandt und Oliver Gröne

14Integrative Medizin und Global Health, weltweit integrierte SozialmedizinPeter Tinnemann, Maike Voss und Jens Holst

15Wertebeitrag digitaler Gesundheitsanwendungen für eine Integrative GesundheitsversorgungPeter Haas

16Integrative Medizin aus PatientensichtAnna Paul und Annette Kerckhoff

IIEntwicklung und Formen der Integrativen Medizin

1Integrative Medizin: Historische PerspektiveRobert Jütte

2Kunst und Medizin – Am Beispiel der MusikStefan N. Willich

3Die Bedeutung der Naturheilkunde für die Integrative MedizinDieter Melchart

4Anthroposophische Medizin als integratives medizinisches System in DeutschlandHarald Matthes und David Martin

5Mind Body Medicine and the Challenges of 21st Century HealthcareGregory L. Fricchione

6Pflege in der Integrativen MedizinCornelia Mahler und Regina Stolz

7Integrative Medizin im Medizinstudium am Beispiel des Begleitstudiums Anthroposophische Medizin an der Universität Witten/HerdeckeFriedrich Edelhäuser, Diethard Tauschel und Christian Scheffer

8Integrative Medizin und Gesundheit in ärztlicher Aus- und WeiterbildungEckhart G. Hahn

9Mind Body and Other Integrative Practices in the Training of Physicians in the United StatesAviad Haramati, Shelley R. Adler, Ray Teets and Benjamin Kligler

10Placebo- und Noceboeffekte: Psychologische und neurobiologische Grundlagen und klinische ImplikationenUlrike Bingel

11Internationalization of Integrative MedicineTorkel Falkenberg

12Ethik und Recht im Kontext der Integrativen MedizinMartin W. Schnell

IIIPraktische Aspekte

1Integrative OncologyShelly Latte-Naor und Jun J. Mao

2Schmerz und muskuloskeletale ErkrankungenGustav Dobos

3Integrative Medizin bei Herz-Kreislauf-ErkrankungenAndreas Michalsen

4Integrative Medizin bei metabolischen ErkrankungenMichael Jeitler und Christian S. Kessler

5Integrative GastroenterologieJost Langhorst

6Was ist Integrative Psychiatrie?Oliver Somburg, Stefan Brunnhuber und Holger C. Bringmann

7Herausforderungen bei der Integration komplementärmedizinischer Verfahren in die AllgemeinmedizinStefanie Joos

8Integrative PädiatrieAlfred Längler und Georg J. Seifert

9Integrative Medizin in der AltersheilkundeMichael Teut und Miriam Ortiz

The Berlin Agreement: Self-Responsibility and Social Action in Practicing and Fostering Integrative Medicine and Health Globally

Die Herausgeber

I

Was ist Integrative Medizin?

1Integrative Medizin und Gesundheit – Konstrukt einer modernen Medizin

Benno Brinkhaus und Tobias Esch

Zusammenfassung

Trotz enormer Erfolge der konventionellen Medizin, insbesondere bei der Bekämpfung vieler Infektionskrankheiten sowie in der Akutmedizin, sind in den letzten Jahrzehnten die Limitationen dieses v.a. auf einem pathogenetischen Gesundheitsverständnis basierenden Medizinsatzes offensichtlich geworden. Die konventionelle Medizin wird heute zunehmend durch die Integration von präventivmedizinischen Aspekten und solchen der Gesundheitsförderung, die insbesondere auf der Salutogenese und Stärkung von Resilienzfaktoren basieren, maßgeblich erweitert. Evidenzinformierte bzw. -basierte Verfahren der Naturheilkunde sowie der komplementären bzw. traditionellen Medizin und der Selbstfürsorge/Gesundheitsförderung werden die Medizin sinnvoll ergänzen, wobei dem selbstverantwortlichen und aktiven Patienten sowie dem empathischen und an einem partizipativen Dialog interessierten Arzt besondere Bedeutung zukommt. Besonders wichtig ist die intensive wissenschaftliche Untersuchung von Naturheilkunde und komplementärer Medizin insbesondere durch eine Fokussierung auf die Komplexität der zu untersuchenden Verfahren im Sinne einer „Whole Medicine Research“, die durch die öffentliche Hand gefördert werden sollte. Die komplementäre Medizin wird in diesem Kontext zukünftig vermehrt als Teil einer ganzheitlich ausgerichteten Integrativen Medizin gesehen werden, wie es in den USA bereits der Fall ist. Zentraler Bestandteil der Integrativen Medizin ist neben der Aktivierung des Patienten die interdisziplinäre Vernetzung aller an der medizinischen Versorgung und der Gesundheitsförderung beteiligten Gesundheitsprofessionen, wobei der Unterstützung gesellschaftlicher Partner bei der Förderung dieser Entwicklung ein zentraler Faktor ist. Soziale, politische und ökologische Grundbedingungen von Gesundheit und ihre Erhaltung sollten in Zukunft stärker Berücksichtigung finden, hierzu tragen Mitarbeiter aller Gesundheitsprofessionen besondere Verantwortung. Nur wenn es gelingt, die Medizin in Richtung Integrativer Medizin zu modernisieren, wird sie den gesundheitspolitischen Herausforderungen der Zukunft bewältigen können.

Summary

Despite the enormous success of conventional medicine, especially in combating infectious diseasesas well as in intensive care, the limitations of such medicine, which is based primarily on a pathogenetic understanding of health, have become evident. Today, conventional medicine is being employed increasingly in the integration of preventive medical practices and those of health promotion, which are based, in particular, on salutogenesis and the strengthening of resilience factors.

Evidence-informed or evidence-based methods of naturopathy as well as complementary or traditional medicine and self-care/health promotion will complement medicine in a meaningful way, with special emphasis on encouraging self-responsible, active patients as well as empathetic physicians who are genuinely interested in a participative dialogue.

Of central importance in this development is the thorough scientific investigation of naturopathy and complementary medicine, especially by focusing on the complexity of its procedures to be investigated in the sense of ‘Whole Medicine Research’, which should also be funded by public authorities.

In this context, complementary medicine will increasingly be part of future comprehensive and holistic – supposedly integrative – medicine, as is already the case in the USA.

In addition to patient activation, a central component of future Integrative Medicine is the interdisciplinary networking of all health care professions involved in medical care and health promotion, with the support of social partners being a key factor in promoting this development. In addition, the social, political and ecological conditions surrounding health should be given greater consideration in the future. Only if we succeed in modernizing medicine in the direction of Integrative Medicine, will we be able to meet the health policy challenges of the future.

1.1Einleitung

Trotz enormer Erfolge der konventionellen Medizin insbesondere bei der Bekämpfung vieler Infektionskrankheiten und in der Akutmedizin sind in den letzten Jahrzehnten die Limitationen dieses v.a. auf einem pathogenetischen Gesundheitsverständnis basierenden Ansatzes offensichtlich geworden. Folge ist, dass den aktuellen Herausforderungen der globalen Medizin bei der Versorgung von einer zunehmenden Weltbevölkerung sowie die Zunahme an chronischen Erkrankungen insbesondere in den Industrienationen nicht mehr allein durch die kostenaufwendige konventionelle Medizin begegnet werden kann. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Medizin zunehmend in Richtung einer Integrativen Medizin entwickelt. In dem vorliegenden Artikel wird diese Entwicklung ausgehend von den Konzepten von Gesundheit und Krankheit, von den Konzepten der komplementären naturheilkundlichen bzw. traditionellen Medizin bis hin zu den verschiedenen Definitionen von Integrativer Medizin nachgezeichnet. Des Weiteren werden Konkretisierung wichtiger Aspekte in Form vom Berlin Agreement, das im Rahmen des 1. Weltkongresses für Integrative Medizin entwickelt wurde, vorgestellt.

1.2Konzepte von Gesundheit und Krankheit

Die Integrative Medizin ist unter anderem das Ergebnis der durch die gesellschaftlichen Bedingungen sich wandelnden Konzepte von Gesundheit und Krankheit insbesondere im 20. Jahrhundert.

Der WHO-Gesundheitsbegriff von 1947 „Gesundheit ist der Zustand des völligen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen“ (WHO 2006) ist zwar mehrdimensional und positiv, deutet aber auch auf einen Idealzustand hin, der unerreichbar erscheint und somit realitätsfern ist. Insbesondere das der konventionellen Medizin zugrunde liegende biomedizinische Krankheitsbild mit der Grundannahme, dass jeder Krankheit eine Veränderung des organischen Substrats durch innere Bedingungen (z.B. genetische Codes) oder äußere Einwirkungen (z.B. Infektionen oder chemische-physikalische Einflüsse) zugrunde liegt, hat die Medizin seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts maßgeblich geprägt und insbesondere bei der Bekämpfung von Infektionserkrankungen zu unübersehbaren Erfolgen geführt. Allerdings hat dieser Ansatz auch nicht zu übersehende Schwächen, so haben Befindlichkeitsstörungen und funktionelle Erkrankungen kaum einen Platz in diesem System, bei dem der menschliche Körper eher wie eine Maschine interpretiert wird, die Krankheit als Betriebsschaden aufgefasst und der Körper wird bei technischen Störungen repariert wird. Auch die diesem System entsprechenden äußeren Bedingungen haben mit einer zunehmenden Technisierung der Medizin die Grenzen des biomedizinischen Krankheitsbilds aufgezeigt. Darüber hinaus ist bei der pathogenetischen Betrachtungsweise die Festlegung der Grenze zwischen „normalen“ und „pathologischen Werten“ problematisch, da die sich daraus ergebende Dichotomisierung zwischen „sicher gesund“ und „sicher krank“ zu einem Reduktionismus des menschlichen Lebens führt. Auch gilt nicht immer das Normale (entlang der Verteilung von Merkmalen in der Normalbevölkerung) als gesund, heute werden zunehmend Referenzwerte für gesunde Merkmale (vgl. systolische Blutdruckwerte, Plasma-Lipidwerte etc.) weit außerhalb ihrer Normalverteilung definiert, was große Gruppen der Bevölkerung automatisch – per definitionem – zu „Kranken“ macht.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben sich aber auch Gesundheitsmodelle entwickelt, die primär den Begriff der Gesundheit und nicht der Krankheit in den Mittelpunkt stellen (Franke 2012). Diese Modelle werden häufig als salutogenetische Modelle bezeichnet, die für die Entwicklung der Integrativen Medizin von größter Bedeutung sind (Franke 2012): Vom Begründer der Salutogenese, dem Medizinsoziologen Aaron Antonovsky, wird die Salutogenese, die Lehre bzw. Erforschung von Faktoren und Prozessen, die die Gesundheit erhalten und fördern, bewusst dem Begriff der Pathogenese, der Lehre bzw. Erforschung von Faktoren und Prozessen, die die Krankheit erzeugen oder verlängern, gegenüber gestellt. Antonovsky weist darauf hin, dass die Pathogenese und die Salutogenese eine komplementäre Beziehung bei der Betrachtung von Gesundheits- und Krankheitsprozessen eingehen (s. Abb. 1).

Abb. 1 Integration von Pathogenese und Salutogenese entlang des Gesundheits-Krankheits-Kontinuums. Linke Säule: Pathogenetische Perspektive (Fokus auf Risikofaktoren bzw. Krankheiten). Rechte Säule: Salutogenetische Perspektive (Fokus auf Schutzfaktoren/Widerstandsressourcen bzw. Gesundheit) (Esch 2017)

Das Modell der Salutogenese von Antonovsky geht von der Annahme aus, dass Gesundheit und Krankheit zwei Pole eines Kontinuums sind, auf dem sich der Mensch befindet, so, dass folglich Krankheit eine normale Erscheinung des menschlichen Lebens ist. Aus der Sicht der Salutogenese gelingt das Verständnis des Krankheitsprozesses und somit eine optimale Therapie bzw. eine Gesundheitskorrektur nur durch ein möglichst breites Wissen über den Menschen, insbesondere auch über die Möglichkeit, krankmachende Stressoren und Belastungen zu meiden sowie gesundmachende Faktoren und Prozesse zu stärken (Gesundheitsschutzfaktoren). Ein wichtiger Bereich, der einen konstruktiven Umgang mit Stressoren ermöglicht, sind hier auch die „generalisierten Widerstandsressourcen“. Diese ergeben sich einerseits aus gesellschaftlichen Widerstandsressourcen – den Bedingungen, in denen der Mensch lebt – und andererseits aus den individuellen Widerstandsressourcen – z.B. den kognitiven, physiologischen, psychischen und materiell-ökonomischen Ressourcen. Entscheidende Bedeutung misst Antonovsky dem sogenannten Kohärenzgefühl (engl. Sense of Coherence, SOC) bei, das eine Hauptdeterminante dafür ist, welche Position der Mensch auf dem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum hat, als auch die Richtung mitbestimmt, in welche der Mensch sich auf einen der Pole zubewegt (Antonovsky 1997). Das Kohärenzgefühl ist definiert als „eine globale Orientierung“, die ausdrückt, in welchem Ausmaß der Mensch ein durchdringendes, andauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass 1. die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind, 2. einem die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese Stimuli stellen, zu begegnen und 3. die Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengungen und Engagement lohnen (Antonovsky 1997). Antonovsky identifiziert dazu drei Teilkomponenten Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit, die zum Kohärenzgefühl entscheidend beitragen sollen. Verstehbarkeit ist dabei das Ausmaß, in dem interne und externe Stimuli kognitiv erfasst werden. Handhabbarkeit ist das Ausmaß, in dem der Mensch über Ressourcen verfügt, um auf die Stimuli reagieren zu können, und Bedeutsamkeit ist das Ausmaß, in dem dem eigenen Leben ein Sinn, eine Bedeutung zugeschriebenen wird (Franke 2012). In der aktuellen Forschung auch zu Resilienzmodellen und Persönlichkeits-Gesundheits-Kontexten – jenseits der Integrativen Medizin – spielt das Kohärenzgefühl weiterhin eine große Rolle, wobei nach Faktorenanalysen heute die Validität einer Auftrennung in die drei beschriebenen Teilkomponenten hinterfragt wird.

Im Modell von Antonovsky stehen die Reaktionen des Körpers auf Stressoren im Vordergrund, andere wichtige Faktoren wie Vertrauen, Liebe, Fantasie und Gemeinschaft spielen eher eine geringe Rolle. Neben dem Modell der Salutogenese hat sich u.a. auch das Resilienz-Modell etabliert, das die körperliche, v.a. aber psychische und seelische Widerstandsfähigkeit des Menschen bezeichnet, auf schwere Lebensereignisse – wie z.B. eine Krebserkrankung – zu reagieren und sich somit krankmachenden Prozessen entgegen zu stellen (Ludolph, Kunzler et al. 2019). Die Resilienzforschung sucht Faktoren, die dazu führen, dass der Mensch sich auf dem Gesundheit-Krankheitskontinuum eher auf der Seite der Gesundheit befindet.

Das salutogenetische Modell führt zu einem dringlich notwendigen Paradigmenwechsel in der Medizin bzw. Gesundheitswissenschaften. Der die konventionelle Medizin aktuell noch primär tragende pathogenetische Ansatz wird fruchtbar ergänzt durch den salutogenetischen Ansatz, der insbesondere dem präventivmedizinischen und dem naturheilkundlichen bzw. ressourcenorientierten Denken entspricht und an zentraler Stelle das Selbsthilfe- und Selbstheilungspotenzial des Patienten adressiert (Esch 2018).

1.3Konzepte der Naturheilkunde und anderer traditioneller Medizinsysteme

Die Naturheilkunde (NHK) und traditionelle Medizinsysteme basieren mitunter auf durchaus unterschiedlichen Konzepten von Gesundheit und Krankheit, die zum Teil, wie etwa bei der Chinesischen Medizin (CM– Anmerkung: Da es keine kontinuierliche und einheitliche „traditionelle“ Chinesische Medizin gibt, wird in diesem Buch dieser Begriff verwendet), auf naturphilosophischen Ansätzen basieren, zum Teil solche Ansätze verlassen und sich naturwissenschaftlichen Gesetzen unterordnen. Die NHK als primär regulationsmedizinischer Ansatz basiert beispielsweise vor allem auf der Selbstregulation bzw. der Adaptation des Körpers an Umwelteinflüsse und den gestaltenden Kräften zur Bewahrung oder Verbesserung der Gesundheit. Trotz dieser wichtigen Unterschiede haben die beschriebenen Medizinsysteme neben der kulturellen Verankerung aber auch viele Gemeinsamkeiten: Bei vielen dieser Systeme herrscht die Idee der „Homöostase“ vor, was den Gleichgewichtszustand eines offenen biologischen Systems beschreibt – als grundlegendes Prinzip des Lebens. Genauer sprechen wir heute auch von der „Allostase“, was präziser zum Ausdruck bringt, dass die angestrebte gesunde Balance niemals stabil, sondern immer dynamisch ist (Esch 2002).

Für den Begriff der Integrativen Medizin jedoch mindestens so bedeutsam ist die in vielen traditionellen Medizinsystemen enthaltene Aufforderung zur aktiven individuellen Beeinflussung der Gesundheit unter anderem durch Einleitung oder Begleitung günstiger Veränderungen des Lebensstils, sowohl im Sinne einer Gesundheitsförderung als auch im Sinne präventiver Maßnahmen. In der Naturheilkunde wurde hierfür zentral der Begriff der „Ordnungstherapie“ konzipiert, eine Bezeichnung für die Anregungen und Hilfen zu einem geordneten Leben und Lebensstil aus den Erfahrungen der klassischen Naturheilverfahren (Pschyrembel 1999); im Engl. wird hier der Begriff der „Lifestyle Medicine“ oder immer häufiger der Begriff der „Mind Body Medicine“ eingesetzt (Dobos, Altner et al. 2006). In der Naturheilkunde und in der traditionellen Medizin spielen darüber hinaus die Selbstmedikation, z.B. die Einnahme von Hausmitteln oder die in Inanspruchnahme von natürlichen Ressourcen zur Unterstützung der Gesundheit, eine zentrale Rolle. Therapeutisch setzt die Naturheilkunde, so wie die meisten traditionellen Heilsysteme, auf multimodale Ansätze, d.h. dem Kombinieren unterschiedlicher therapeutischer und präventiver Verfahren, um die Gesundheit zu fördern bzw. Krankheiten zu therapieren. Bei vielen traditionellen Medizinsystemen kommt neben der Ordnungstherapie (Lifestyle Medicine, Mind-Body-Medizin – s.o.) der Ernährungs-, Bewegungs- und Entspannungstherapie eine besondere Bedeutung zu, die nicht selten durch den unterstützenden Einsatz von einer oder mehrerer Heilpflanzen ergänzt wird. Weitere Therapieverfahren von traditionellen Medizinsystemen – wie z.B. die Hydrotherapie in der NHK oder die Akupunktur in der CM – stellen oftmals Alleinstellungsmerkmale dar. Zentraler Bestandteil nahezu aller traditionellen Therapiesysteme ist jedoch die Aufforderung, ein gesundes Leben zu führen und krankmachende Faktoren zu meiden. Insofern passt die Naturheilkunde (etwa am Beispiel der Ordnungstherapie sehr konkret, aber auch paradigmatisch insgesamt) ideal in das (neue) Paradigma einer modernen Integrativen Medizin.

1.4Integrative Medizin – Ansätze zu Definitionen

Der Begriff „Integrative Medizin“ wird im anglo-amerikanischen Sprachraum bereits in den späten 1940er-Jahren verwendet (s. Kap. II.1) und wird ab dem Jahr 1990 zunehmend häufig auch im deutschen Sprachraum verwandt. Dennoch ist der Begriff auch heute noch vielen Ärzten und auch Patienten nicht oder nur unzureichend bekannt.

Eine frühe Definition stammt vom ehemaligen National Center for Complementary and Alternative Medicine (NCCAM), dem heutigen National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH) (s. Tab. 1).

Tab. 1 Wichtige Definitionen von Integrativer Medizin (und Gesundheit)

Author/Institution

Year

Definition of Integrative Medicine (and Health)

National Center of Complementary and Alternative Medicine at the National Institute of Health

um 2000

Integrative medicine combines mainstream medical therapies and CAM therapies for which there is some high-quality scientific evidence of safety and effectiveness.

Jonas WB and Chez RA

2004

Integrative medicine has been defined as the coordinated application of a variety of healing, prevention, and treatment modalities in therapeutic settings. These modalities include those from conventional medicine, complementary and alternative medicine, and traditional and culture-specific practices.

Consortium of Academic Health Centres for Integrative Medicine

2005

Integrative Medicine is the practice of medicine that reaffirms the importance of the relationship between practitioner and patient, focuses on the whole medicine, is informed by evidence, and makes use of all appropriate therapeutic approaches, healthcare professionals and disciplines to achieve optimal health and healing.

Consortium of Academic Health Centres for Integrative Medicine

2015

Integrative Medicine and health reaffirms the importance of the relationship between practitioner and patient, focuses on the whole person, is informed by evidence, and makes use of all appropriate therapeutic and lifestyle approaches, healthcare professionals and disciplines to achieve optimal health and healing.

Brinkhaus B and Esch T, adapted version of the US consortium IM

2020

Integrative Medicine and Health reaffirms the importance of the relationship between practitioner and patient, focuses on the whole person, is informed by evidence, and makes use of all appropriate therapeutic, preventive, health-promoting, and lifestyle approaches, healthcare professionals and disciplines to achieve optimal health and healing, emphasizing the art and science of healing. It is based on a social and democratic as well as natural and healthy environment.

Abb. 2 Integrative Medizin (Willich 2009)

Abb. 3 Integrative Medizin ergänzt durch präventive Medizin und Maßnahme (adaptiert von Brinkhaus B. Plenumsvortrag auf dem 4. ECIM Kongress 2011)

Dieser ursprüngliche Ansatz, der Integrative Medizin als die Kombination von konventioneller Medizin und evidenzbasierten Komplementär- und Alternativmedizin darstellt, kommt auch in der Abbildung 2 zum Ausdruck.

In einer weiteren Definition von Jonas und Chez wird auf den wichtigen Aspekt der Prävention in dem Zusammenhang mit Integrativer Medizin und auf die kulturelle Tradition der meisten Verfahren verwiesen (Jonas u. Chez 2004) (s. Tab. 1). Dieses findet in der Abbildung 3 Berücksichtigung. Im Jahr 2005 stellte das US-amerikanische Consortium of Academic Centers for Integrative Medicine (kurz „US Consortium for IM“) eine umfassende Definition vor, die auf weitere wichtige Aspekte, wie auf die Bedeutung der Arzt-Patienten-Beziehung und auf die ganzheitliche Betrachtung des Gesundheits- und Krankheitszustands, ebenso einschließt wie die Heranziehung von verschiedenen therapeutischen Verfahren, die zumindest evidenzinformiert sein sollten (s. Tab. 1).

Abb. 4 Integrative Medizin und Gesundheit – wichtige Einflüsse (adaptiert von Brinkhaus B. Plenumsvortrag auf dem 4. ECIM Kongress 2011)

Nachdem diese Definition jahrelang die zentrale Definition für IM war, wurde sie vom US Consortium for IM 2014 erweitert zum umfassenderen Begriff „Integrative Medizin und Gesundheit“, bei dem zum einen der Terminus „Gesundheit“ im Sinne einer umfassenden, auch die Salutogenese berücksichtigenden Medizin ergänzt wird und auch die Bedeutung von Lebensstil-Aspekten berücksichtigt wird (s. Tab. 1). In der Abbildung 4 kommt eine umfassende Sicht auf die Integrative Medizin und Gesundheit zum Ausdruck, bei dem auf die neuen Herausforderungen des Patienten (z.B. Selbstverantwortung, Selbstaktivierung und Resilienzsteigerung), des Arztes (z.B. empathisch, partizipativ) und der professionellen Interaktion des Arztes mit dem Patienten als „Kunst der Heilung“ verwiesen wird.

Wichtig sind in diesem Zusammenhang auch die Betonung von Inter- und Multiprofessionalität sowie die Patientenzentrierung geworden. Des Weiteren wird in Abbildung 4 verdeutlicht, dass Integrative Medizin und Gesundheit sich nicht nur zwischen Arzt und Patienten allein abspielen, sondern idealerweise in einer demokratischen und sozialen Gesellschaft, die in einer möglichst natürlichen und gesunden Umwelt begründet ist. Diese umfassende Sicht des Begriffs Integrative Medizin und Gesundheit wird berücksichtigt in unserer Definition, die die bestehende des US Consortiums for IM ergänzt (s. Tab. 1).

1.5Berlin Agreement – Ansätze zur Erweiterung der Integrativen Medizin

Anlässlich des ersten Weltkongresses zur Integrativen Medizin in Berlin wurde im April 2017 das Berlin Agreement (engl. Titel: The Berlin Agreement: Self-Responsibility And Social Action in Practicing and Fostering Integrative Medicine and Health Globally), das von den Initiatoren des Weltkongresses in Zusammenarbeit mit vielen komplementärmedizinischen und Integrativen Medizin Gesellschaften erstellt wurde, vorgestellt (WCIMH 2017, Volltext s. Anhang). Der Text dieses Berlin Agreements wird im Folgenden zusammenfassend dargestellt:

The Berlin Agreement: Self-Responsibility And Social Action in Practicing and Fostering Integrative Medicine and Health Globally

Auf der Basis der US-Consortiums-Definition von 2014 wurden in diesem Statement wichtige Aspekte und Ziele einer zukünftigen Integrativen Medizin dargestellt, die den kommenden lokalen und globalen Herausforderungen in Bezug auf die Gesundheit und Krankheit der Bürger, auch den Herausforderungen in Bezug auf die Gesundheitswesen weltweit, Rechnung trägt. Das Berlin Agreement geht dabei weitgehend konform mit vorbestehenden Erklärungen zur „Weltgesundheit“, wie z.B. der Alma Ata Konferenz 1978 (WHO 1978), die die Bedeutung der Integration von effektiven traditionellen medizinischen Konzepten bei der Förderung der globalen Gesundheit hervorhebt, sowie Erklärungen der WHO, die in ihrer traditionellen Medizin Strategie (WHO 2014) ebenfalls die Integration von sicheren und effektiven traditionellen und komplementären Verfahren, sowohl in der Prävention als auch in der Therapie, empfiehlt. Im Berlin Agreement wird auch auf die Bedeutung der Deklarationen von Beijing 2008 (WHO 2008) und Stuttgart 2016 (ICIHM 2016) verwiesen, bei denen insbesondere staatliche und nicht-staatliche Institutionen aufgefordert werden, die Entwicklung und Untersuchung von traditionellen und komplementärmedizinischen Verfahren zu fördern, um die Evidenz von Therapieverfahren in Bezug auf Wirksamkeit, Therapiesicherheit und Kosteneffizienz für eine zukünftige Integrative Medizin zu verbessern.

Auf der Basis dieser Verortung des Berlin Agreements wird zu Beginn neben einer professionellen Gesundheitsfürsorge auf die besondere Bedeutung von Selbstverantwortung, Selbstfürsorge und der Stärkung der persönlichen Resilienz hingewiesen. In diesem Sinne entscheidend sind die Förderung eines gesundheitsfördernden Lebensstils sowie die Bedeutung des persönlich-aktiven Managements bei Gesundheits- und Krankheitsprozessen, mit dem Patienten selbst als „Kapitän“ des eigenen Wohlergehens. Im Sinne der Naturheilkunde wird dabei auch auf die gesundheitlich-therapeutische Relevanz der Natur sowie von natürlichen Faktoren hingewiesen, die es aber auch umgekehrt im Sinne einer gesunden Umwelt zu schützen gilt.

Im Hinblick auf die Initiierung von präventiven, gesundheitsförderlichen und/oder therapeutischen Prozessen wird im Berlin Agreement auf die Bedeutung einer Interprofessionalisierung und eine Verbesserung von therapeutischen Netzwerken hingewiesen, die den Patienten den raschen Zugang zur optimalen Versorgung unter Einbeziehung von traditionellen und komplementären Versorgungsstrategien garantieren. Dabei wird darauf verwiesen, dass ein substantieller Bestandteil der heutigen Medizin, sowohl der konventionellen als auch der komplementären, noch nicht evidenzbasiert ist, sondern allenfalls evidenz-informiert, und dass große Anstrengungen und ein interprofessioneller Dialog notwendig sind, um die wissenschaftliche Evidenz von vielen medizinischen Verfahren zu verbessern. Bei der wissenschaftlichen Untersuchung sollte besondere Beachtung finden, dass sowohl der Patient in seiner integralen Gesamtheit sowie das zu untersuchende traditionelle oder komplementäre Therapiesystem in seiner Komplexität im Sinne eines „Whole Systems Approaches“ umfassend berücksichtigt werden.

Sowohl bei der Forschung als auch bei den diversen und vielschichtigen Prozessen der Gesundheitsversorgung kommt der Zusammenarbeit von Patientenvertretern, Therapeuten, Pflegekräften, Politikern und Vertretern der Gesundheitswirtschaft im Sinne eines „Stakeholder Prozesses“ zukünftig besondere Bedeutung zu. Gleichsam ist die Interaktion der klinischen Versorgung mit präventiven Verfahren insbesondere bei chronischen Erkrankungen wichtig, hier wird im Berlin Agreement auf die Bedeutung von sozialen, präventiven und weiteren Programmen der Gesundheitsversorgung verwiesen. Eine besondere Berücksichtigung findet auch die Betonung von sozialen, politischen, ökonomischen und Umweltfaktoren für die Gesundheit von individuellen Personen, aber auch von gesellschaftlichen Gruppen. In diesem Zusammenhang bekennen sich die Initiatoren des Berlin Agreements zu Ihrer besonderen Verantwortung, Ungleichheiten dieser Faktoren entschieden entgegenzuwirken und somit auch in politscher und ökologischer Sicht aktiv zu werden.

Ausgehend von der persönlichen und sozialen Verantwortung und unter Berücksichtigung der oben genannten Faktoren sind die Initiatoren der Überzeugung, dass mit der Etablierung der Integrativen Medizin eine messbare Verbesserung der Patientenversorgung erreicht werden kann. Für dieses Ziel kommt zukünftig auch in zunehmendem Maß der sinnvolle Gebrauch moderner Informationstechnologien als Mittel einer patientenzentrierten Versorgung in Betracht – ein Aspekt, der im Berlin Agreement von 2017 noch nicht zentral fokussiert wurde. So ist nun auch die Integrative Medizin im „Innovation Lab“ einer Medizin von morgen angekommen und vereint in besonderer Weise das Heilwissen – von der Antike bis heute – mit einer ganzheitlichen Heilkunst der Zukunft.

1.6Schlussfolgerung