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Beschreibung

Durchbrechen Sie die Suchtspirale in der sozialen und medizinischen Rehabilitation mit individuellen, auf die Lebenssituation angepassten Betreuungs- und Behandlungskonzepten. Lernen Sie verschiedene Ansätze der Psycho- und Soziotherapien kennen wie z.B.: niedrigschwellige akzeptierende Suchthilfe, rehabilitative Maßnahmen und Körper- und Bewegungstherapie. Aus dem Inhalt: - Akzeptierende Drogenhilfe und intermittierende Karrierebegleitung - Integrative Arbeit mit suchtmittelkonsumierenden und -abhängigen Jugendlichen - Psychosoziale Betreuung Substituierter - Ganztägig ambulante medizinische Rehabilitation Abhängigkeitskranker - Die Bedeutung der Gruppentherapie im Kontext Sucht - Komorbidität im Kontext Sucht - Polytraumatisierungen und Posttraumatische Belastungsstörungen und ihre Komorbiditäten im Kontext Sucht - Integrative Budotherapie - Lauftherapie - Konzeptionelle Akzentuierungen zur sozialen Integration und beruflicher Integration abhängigkeitskranker Menschen

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EPUB

Seitenzahl: 540

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Integrative Therapie in der Drogenhilfe

Theorie – Methoden – Praxis in der sozialen und medizinischen Rehabilitation

Herausgegeben von Peter Schay Ilona Lojewski Frank Siegele

Unter Mitarbeit von Ines Haak Fabian Peters Frank Sichau

1. Auflage

26 Abbildungen

Vorwort

Fundierte und qualitativ hochwertige Betreuungs- und Behandlungsangebote in der sozialen und medizinischen Rehabilitation Abhängigkeitskranker bedürfen „eines reichen Repertoires therapeutischer Methoden und Techniken und eines breiten theoretischen Wissens“ (Orth, Petzold 2007, 299 ▶ [3]).

Bei den durch die Abhängigkeitserkrankung entstandenen Störungen ist „davon auszugehen, dass die Drogenabhängigkeit als krankheitsspezifische Störung den ganzen Menschen in seiner körperlichen, emotional persönlichen und sozialen Lebensweise beeinträchtigt und schwer beschädigt hat“ (Petzold, Schay, Hentschel 2007, 86 ▶ [4]).

Mit der Einführung des SGB IX – Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen – hat der Gesetzgeber diese Grundgedanken aufgegriffen und die Leistungen zur Rehabilitation an die Interessen der betroffenen Menschen im Sinne einer umfassend verstandenen Teilhabe gebunden und ist damit über die spezifischen Regelungen der SGB V und VI (= medizinische Rehabilitation) sowie XII (= soziale Rehabilitation) hinausgegangen.

Das Hilfesystem für Abhängigkeitskranke ist damit gefordert, seine Leistungsangebote differenziert und bedarfsbezogen zu entwickeln. Dabei sind die Leistungen zur medizinischen und sozialen Rehabilitation ein wesentlicher Bestandteil im Gesamtprozess der Behandlungs-/Betreuungsangebote, um Menschen, „die durch die Abhängigkeitserkrankung in Verbindung mit regelwidrigen körperlichen, seelischen oder psychischen Zuständen an der Teilhabe am Leben der Gesellschaft gehindert werden oder davon bedroht sind“, Möglichkeiten zu eröffnen, „am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können“ (DHS 2008, 4 ▶ [1]). „Die Rehabilitation Abhängigkeitskranker ist … eingebettet in einen qualitätsorientierten Verbund mit vielfältigen und differenzierten Hilfeangeboten“ (DHS 2008, 5 ▶ [1]), um soziale Ausgrenzung/Isolation, den Verlust von Identität u. a. abzuwenden.

Die Autoren zeigen mit den einzelnen Beiträgen dieses Buches, dass wissenschaftliche Erkenntnisse und erfahrungsorientiertes Wissen zu einer kontinuierlichen Weiterentwicklung, Modifikation und Innovation der Rehabilitationsangebote führen, mit dem Ziel, dass „jeder Suchtkranke … eine zu seinem diagnostisch abgeklärten Störungsbild und zu seiner individuellen Situation passende optimale Rehabilitation“ erhält. Das Leistungsspektrum muss also „konsequent an den Bedürfnissen suchtkranker Menschen ausgerichtet“ (DHS 2008, 8 ▶ [1]) sein.

Das „ethische Leitprinzip“ der Integrativen Therapie ist für die Autoren dabei handlungsleitend: „Unser Handeln soll … so ausgerichtet sein, dass es vor Menschen mit klarem Verstand und liebevollem Herzen bestehen kann. … Das Ziel ist, Heilungsprozesse bei psychischen, psychosomatischen und psychosozialen Erkrankungen in Gang zu setzen, Besserungen von seelischen Leidenszuständen zu erwirken sowie die Beseitigung von Krankheitssymptomen in einem dyadischen (Einzeltherapie) oder polyadischen Setting (z. B. Gruppentherapie) zu erreichen“ (Leitner 2010, 33 und 77 ▶ [2]).

Um dieses Ziel erreichen zu können, „ist die Bildung einer kooperativen Partnerschaft (Anm. d. Verf.: zwischen Patient und Therapeut) anzustreben, die auf Heilung, Unterstützung, Vergrößerung, Bereicherung und Bekräftigung der persönlichen Souveränität (des Patienten) abzielt“ (Leitner 2010, 102 ▶ [2]).

Auf Basis ihrer langjährigen Praxis in der Arbeit mit abhängigkeitskranken Menschen und der „Theoriearbeit und Praxeologie der Integrativen Therapie“ haben die Autoren zukunftsorientierte und moderne Konzepte entwickelt und in den in diesem Buch dargestellten Rehabilitationsangeboten in der Drogenhilfe verwirklicht.

Peter Schay (für die Herausgeber und die Autoren) Recklinghausen, im Sommer 2013

[1] Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Handlungsnotwendigkeiten in der Rehabilitation Abhängigkeitskranker zur Sicherung eines hochwertigen Leistungsangebotes. Positionspapier der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) zur Situation und Entwicklung der medizinischen Rehabilitation; 2008

[2] Leitner A. Handbuch der Integrativen Therapie. Wien: Springer; 2010

[3] Orth I, Petzold HG. Theoriearbeit, Praxeologie und „Therapeutische Grundregel“. In: Petzold HG, Schay P, Ebert W (Hrsg.). Integrative Suchttherapie – Theorie, Methoden, Praxis, Forschung. 2. überarb. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften; 2007: 271 – 304

[4] Petzold HG, Schay P, Hentschel U. Niedrigschwellige Drogenarbeit und „intermittierende“ Karrierebegleitung als Elemente einer protektiven Gesamtstrategie der Drogenhilfe. In: Petzold HG, Schay P, Ebert W (Hrsg.). Integrative Suchttherapie – Theorie, Methoden, Praxis, Forschung. 2. überarb. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften; 2007: 71 – 101

Danksagung

Den Patientinnen und Patienten unserer Einrichtungen, Frau Korinna Engeli und Frau Dr. Andrea Busche und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vom Thieme Verlag und den Kolleginnen und Kollegen unserer Einrichtungen für die vielfältige Unterstützung und überaus konstruktive Zusammenarbeit.

Peter Schay (für die Herausgeber und die Autoren)Recklinghausen, im Sommer 2013

Abkürzungen

EMDR

Eye-Movement Desensitization and Reprocessing

ICF

Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit

IDR

Integrative Differenzielle Relaxation, auch Iso-Dynamische Regulation

IT

Integrative Therapie

MI

Motivational Interviewing

MPTT

Mehrdimensionale Psychodynamische Traumatherapie

PSB

Psychosoziale Betreuung

PTB

Posttraumatische Belastung

PTBS

Posttraumatische Belastungsstörung

WfbW

Werkstatt für behinderte Menschen

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Danksagung

Abkürzungen

Teil I Integrative Therapie in der Drogenhilfe

1 Integrative Therapie in der Drogenhilfe

1.1 Vorbemerkungen

1.2 Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF-Modell)

1.3 Leitbild

1.4 Integrative Therapie

1.4.1 Therapeutische Grundregel

1.4.2 Vier Wege der Heilung und Förderung

1.4.3 Suchtverständnis

1.4.4 Suchttherapie

1.5 Leistungssystem der sozialen und medizinischen Rehabilitation

1.6 Literatur

Teil II Leistungsangebote

2 Akzeptierende Drogenhilfe und intermittierende Karrierebegleitung

2.1 Vorbemerkungen

2.2 Auswirkungen des Drogenkonsums

2.3 Grundsätze der Suchtrehabilitation

2.4 Leistungen des SGB IX

2.5 Ausrichtung der Leistungsangebote auf die Medizin

2.6 Schlussbemerkungen

2.7 Literatur

3 Integrative Arbeit mit suchtmittelkonsumierenden und -abhängigen Jugendlichen im Strafvollzug

3.1 Integrative Arbeit mit suchtmittelkonsumierenden und -abhängigen jungen Menschen

3.2 Junge Drogenkonsumenten

3.2.1 Alkohol

3.2.2 Rauschtrinken

3.2.3 Cannabis

3.2.4 Illegale Drogen

3.2.5 Drogen und junge Menschen

3.3 Ausgangslage im Strafvollzug

3.4 Maßnahmen im Strafvollzug

3.4.1 Beratungs-, Betreuungs- und Behandlungsangebote

3.4.2 Leistungen für Jugendliche, die für eine abstinenzorientierte Rehabilitationsmaßnahme nicht mehr oder noch nicht in Frage kommen

3.5 Schlussbemerkungen

3.6 Literatur

4 Psychosoziale Betreuung Substituierter – Standards der Substitutionsbehandlung und Möglichkeiten zur Finanzierung

4.1 Vorbemerkungen

4.2 Historie der Substitutionsbehandlung

4.3 Standards der Substitutionsbehandlung

4.4 Behandlung suchtkranker Menschen im Rahmen einer Substitutionsbehandlung

4.5 Suchtmedizinische Versorgungsqualität

4.5.1 Behandlungspraxis bei Beikonsum

4.6 PSB als verpflichtender Bestandteil der Substitutionsbehandlung

4.6.1 Substitutionsbehandlung im Vollzug

4.7 PSB-Kernleistungen

4.8 Angebote zur beruflichen (Re‑)Integration Substituierter

4.9 Grundlagen der PSB-Finanzierung

4.9.1 Maßnahmen der Eingliederungshilfe

4.9.2 Soziotherapie

4.9.3 Integrierte Versorgungsformen

4.9.4 Disease-Management-Programme (DMP)

4.9.5 Soziale Pflegeversicherung

4.9.6 PSB im Rahmen ambulanter Psychotherapie

4.10 Schlussbemerkungen

4.11 Literatur

5 Ganztägig ambulante medizinische Rehabilitation Abhängigkeitskranker – ein alltagsbezogener Behandlungsansatz der (Re-)Integration

5.1 Vorbemerkungen

5.2 Drogenhilfesystem Herne

5.3 Ganztägig ambulante medizinische Rehabilitation

5.3.1 Zielgruppen

5.3.2 Behandlungssetting

5.3.3 Stationäre Krisenintervention

5.3.4 Behandlungsvertrag

5.3.5 Therapieplan

5.3.6 Behandlung substituierter Drogenabhängiger

5.3.7 Behandlung traumatisierter Drogenabhängiger

5.4 Integrative Therapie

5.4.1 Persönlichkeitstheorie

5.4.2 Gesundheits- und Krankheitsverständnis

5.4.3 Suchtverständnis

5.5 Diagnostik und Anamnese

5.5.1 Prozessuale Diagnostik und Anamnese

5.6 Ressourcenanalyse: Risikofaktoren, Ressourcen, Resilienzen

5.6.1 Risikofaktoren

5.6.2 Ressourcen

5.6.3 Resilienzen

5.7 Behandlungsziele

5.8 Behandlungsverlauf anhand der 5 Säulen der Identität

5.9 Therapeutische Beziehung

5.10 Behandlungsergebnis

5.11 Schlussbemerkungen

5.12 Literatur

6 Ambulant Betreutes Wohnen für abhängigkeitskranke Menschen

6.1 Ausgangslage

6.1.1 Psychosoziale Verelendung

6.1.2 Psychische Erkrankungen

6.2 Langzeitstrategie soziotherapeutischer Interventionen

6.3 Ambulant Betreutes Wohnen

6.3.1 Konzeptuelle Schwerpunkte des Ambulant Betreuten Wohnens

6.3.2 Bedarfsanalyse

6.3.3 Zielgruppen

6.3.4 Diagnostik – Art der Behinderung

6.3.5 Ziele und Inhalte des Ambulant Betreuten Wohnens

6.3.6 Betreuungsleistungen

6.3.7 Aufnahmebedingungen

6.3.8 Betreuungsvertrag

6.4 Beschwerdemanagement

6.5 Schlussbemerkungen

6.6 Literatur

Teil III Behandlungsansätze

7 Bedeutung einer Integrativen Gruppentherapie im Kontext Sucht

7.1 Vorbemerkung

7.2 Grundsätze der Suchtrehabilitation

7.3 Die Adaptionsphase: eine Maßnahme der medizinischen Rehabilitation

7.3.1 Medizinische Rehabilitation

7.3.2 Inhalte und Ziele der Adaptionsphase (Phase II der medizinischen Rehabilitation Abhängigkeitskranker)

7.3.3 Zielgruppen

7.4 Gruppentherapie als Bestandteil der stationären Rehabilitation von Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen

7.4.1 Versuch einer allgemeinen Definition

7.4.2 Geschichte der Gruppentherapie

7.4.3 Einflüsse von psychotherapeutischen Verfahren in der Arbeit mit Gruppen

7.4.4 Zieldimensionen und Wirkfaktoren

7.4.5 Gruppe im Prozess

7.5 Gruppentherapie in der Adaptionsbehandlung

7.5.1 Bedarfe und Anforderungen an die Gruppentherapie in der stationären Adaptionsphase

7.5.2 Rückfallprävention

7.5.3 Psychoedukation

7.6 Literatur

8 Komorbidität im Kontext Sucht

8.1 Vorbemerkungen

8.2 Ausgangslage

8.3 Komorbidität im Kontext Sucht

8.3.1 Fachlichkeit des Arztes

8.3.2 Diagnostik von Komorbidität

8.4 Behandlung und Behandlungsplanung

8.5 Schlussbemerkungen

8.6 Literatur

9 Polytraumatisierungen, Posttraumatische Belastungsstörungen und ihre Komorbiditäten im Kontext Sucht

9.1 Vorbemerkungen

9.2 Polytraumatisierungen, Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) und ihre Komorbiditäten

9.2.1 Sucht als komorbide Störung

9.2.2 Sucht als Folge von Traumatisierungen

9.3 Traumadiagnostik

9.3.1 Diagnose nach ICD-10/DSM-IV

9.4 Trauma und Sucht – Behandlungserfordernisse

9.4.1 Traumatherapie

9.4.2 Traumaspezifische Behandlungselemente

9.5 Therapeutische Beziehung

9.6 Behandlungssetting

9.6.1 Behandlungsgrundsätze

9.6.2 Behandlungsvertrag

9.6.3 Behandlungsaspekte

9.7 Schlussbemerkungen

9.8 Literatur

10 Budotherapie – ein körper- und bewegungstherapeutischer Weg in der Psychotherapie

10.1 Vorbemerkungen

10.2 Elemente des Budo und der Budotherapie

10.2.1 Respekt („Reishin“)

10.2.2 Aufrechte Haltung („Shisei“)

10.2.3 Sicherer Stand („Hara-ki“)

10.2.4 Form („Kata“)

10.2.5 Kampf („Randori“)

10.2.6 Fallschule („Ukemi“)

10.2.7 Atmung („Kokyu“/„Ki“)

10.2.8 Meditation („Zanshin“)

10.2.9 Übungsraum („Dojo“)

10.2.10 Übung („Geiko“/„Do“)

10.3 Indikation

10.4 Diagnostisch-therapeutischer Prozess

10.5 Budotherapeutische Interventionen und Methodik in der Praxis

10.5.1 Diagnose nach ICD-10: Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome (F32.2)

10.5.2 Diagnose nach ICD-10: Störungen durch multiplen Substanzgebrauch, Abhängigkeitssyndrom, gegenwärtig abstinent (F19.20); emotional instabile Persönlichkeitsstörung, impulsiver Typ (F60.30)

10.5.3 Diagnosen nach ICD-10: Posttraumatische Belastungsstörung (F43.1) mit parasuizidalem und selbstverletzendem Verhalten (Z91.5)

10.6 Evidenzbasierung

10.7 Literatur

11 Lauftherapie – ein übungs- und erlebniszentrierter Behandlungsansatz im Kontext Sucht

11.1 Vorbemerkung

11.2 Theoretischer Hintergrund

11.3 Differenzieller und integrativer Behandlungsansatz

11.3.1 Rahmen

11.3.2 Sporttherapeutische Angebote als ein mehrdimensionaler und multimodaler Ansatz

11.4 Zieldimensionen

11.4.1 Ressourcenorientierung

11.4.2 Risikofaktoren, Resilienzen, protektive Faktoren

11.5 Regulationsmöglichkeit für eine „Stressphysiologie“ im Rahmen komplexer Störungen

11.5.1 Grundgedanken

11.5.2 Stress, Belastung, Erkrankung

11.5.3 Multimodales Vorgehen im Umgang mit Belastung und Stress

11.6 Methodische Aspekte des integrativen und kreativen Laufens

11.7 Ressourcenorientierter Behandlungsansatz

11.7.1 Forschungsergebnisse und Effekte der Lauftherapie (Überblick)

11.7.2 Biopsychologische Theorien und biologische Einflussgrößen

11.7.3 Psychologische Einflussgrößen

11.7.4 Indikationen und Ziele der Lauftherapie

11.8 Inhalte des Lauftherapieprogramms

11.9 Schlussbemerkungen

11.10 Literatur

12 Akzentuierungen zur sozialen Integration und beruflichen (Re-)Integration abhängigkeitskranker Menschen

12.1 Vorbemerkungen

12.2 Gesetzliche Grundlagen der beruflichen (Re-)Integration

12.2.1 Ausgangslage

12.2.2 Rahmenbedingungen der beruflichen (Re-)Integration

12.3 Maßnahmen zur sozialen Integration und beruflichen (Re‑)Integration

12.3.1 Arbeitsinhalte/Tätigkeitsfelder

12.3.2 Maßnahmen zur Förderung der persönlichen Entwicklung (optional)

12.3.3 Motivierung und Ressourcenaktivierung

12.4 Statistik: Berufliche Situation nach regulärer Entlassung aus der Adaptionsphase

12.5 Schlussbemerkungen

12.6 Literatur

Autorenvorstellung

Anschriften

Sachverzeichnis

Impressum

Teil I Integrative Therapie in der Drogenhilfe

1  Integrative Therapie in der Drogenhilfe

1 Integrative Therapie in der Drogenhilfe

Peter Schay

ikigai„Etwas zu haben, wofür es sich lohnt, morgens aufzustehen.“

1.1 Vorbemerkungen

Ein geschlossener und von der Wissenschaft einheitlich vertretener theoretischer Ansatz zur Erklärung der Sucht liegt nicht vor. Um die Entstehung von Suchtgefährdung und -krankheit zu erklären, wurden vielmehr von unterschiedlichen Wissenschaften (z.B. Medizin, Psychologie, Soziologie) verschiedene Beiträge geliefert. Diese umfassen sowohl ausgearbeitete Theorien als auch eine Fülle von Einzelbefunden mit zum Teil widersprüchlichen Ergebnissen. Es ist schwierig, die vorliegenden Konzepte zu gliedern. Gleichwohl soll zum Überblick die Vielzahl der entwickelten Theorien zusammengefasst werden in medizinisch-naturwissenschaftliche, individualpsychologische und soziale und gesellschaftsbezogene Erklärungsansätze. Um die Spannbreite der wissenschaftlichen Theorien zu verdeutlichen werden im Folgenden beispielhaft einige kurz dargestellt:

medizinisch-naturwissenschaftliche Theorien

Sucht wird als Folge eines individuellen Defizits körpereigener opiatähnlicher Substanzen (Endorphine und Encephaline) erklärt. Andere Theorien weisen spezifischen Gedächtnisfunktionen bei der Auslösung einer erneuten Drogeneinnahme und bei der Entstehung einer Abhängigkeit eine wichtige Rolle zu. In diesen Zusammenhang können auch psychiatrische Konzepte eingeordnet werden, die in der Drogenabhängigkeit eine genetisch bedingte Persönlichkeitsstörung sehen.

individualpsychologische Theorien

Der Mensch hat im Verlauf seines Lebens verschiedene Entwicklungsaufgaben zu bewältigen. Opiatmissbrauch kann als ein Versuch verstanden werden, Entwicklungskonflikte zu lösen. Psychoanalytische Theorien stellen Störungen in der frühen Eltern-Kind-Beziehung fest und verstehen süchtiges Verhalten u.a. als Regression (Rückschritt) in die frühkindliche (orale) Entwicklungsphase, um unerträgliche (neurotische) Konfliktspannungen zu vermeiden.

soziale und gesellschaftsbezogene Theorien

Hierbei werden familiäre Strukturen bzw. das Herkunftsmilieu als Entstehungsbedingung von Suchterkrankungen herangezogen. Sucht wird verstanden als Ergebnis eines gestörten psychosozialen Gleichgewichts durch schädigende Entwicklungsbedingungen der Betroffenen (z.B. Suchtmittelkonsum der Eltern) und/oder als Ausdruck von aktuell gestörten Beziehungs- und Kommunikationsprozessen in der Familie des Suchtkranken. Andere Erklärungsansätze bringen Aspekte gesellschaftlicher Etikettierung und Stigmatisierung, abweichenden Verhaltens („labeling approach“) sowie soziokulturelle Einflüsse (z.B. Arbeitslosigkeit, Konsumorientierung, Wertewandel) und ökonomische Gesichtspunkte in Zusammenhang mit der Entstehung einer Suchterkrankung.

Kein einzelner Erklärungsansatz ist in der Lage, die Entstehung von Suchtproblemen umfassend darzustellen. Fachwissenschaftlicher Konsens besteht jedoch hinsichtlich der multifaktoriellen Verursachung von Suchterkrankungen.

Das Modell von Feuerlein (1989 ▶ [12]) zum „Individuellen Verhalten in Abhängigkeit von den Faktoren Umwelt, Person und Droge“– das auch heute noch hochaktuell ist – stellt in einem „Dreiecksverhältnis“ das Zusammenwirken der Dimensionen (1) soziale Umwelt, (2) Persönliche Dispositionen (physiologische und psychologische Faktoren) und (3) Droge dar (▶ Abb. 1.1).

Abb. 1.1 Modell von Feuerlein zum individuellen Verhalten in Abhängigkeit von den Faktoren Umwelt, Person und Droge.

Fazit

Suchtgefährdung und -krankheit haben also ihre Ursache in der besonderen Wirkung der Droge, den spezifischen Eigenschaften des konsumierenden Individuums sowie den Bedingungen der sozialen Umwelt (z.B. Familie) und der Gesellschaft (z.B. allgemeine Lebensbedingungen). Nur in der Gesamtschau aller Faktoren können Suchtgefährdung und -krankheit (theoretisch) erklärt werden. Zu berücksichtigen ist, dass die einzelnen Faktoren individuell oder für bestimmte Gruppen unterschiedlich gewichtet sind, d.h. dass der jeweilige Anteil eines Faktors am Zustandekommen einer Suchtgefährdung/-krankheit variiert. Auch beeinflussen sich die Faktoren gegenseitig.

Daraus ableitend ist eine auf die Suchterkrankung bezogene Betrachtungsweise zwingend zu ergänzen durch eine Herangehensweise, die die vielfältigen – mit der Abhängigkeit verbundenen – sozialen, psychischen und körperlichen Probleme in den Fokus nimmt.

Es muss sich also aus den vielfältigen Problemlagen der Klientel eine inhaltliche Ausgestaltung der Leistungsangebote und/oder Versorgungsplanung ableiten, die insbesondere auch die psychischen Störungen und körperlichen Erkrankungen der Betroffenen berücksichtigt.

Mit den in diesem Fachbuch dargestellten Arbeitsansätzen zur „Integrativen Therapie in der Drogenhilfe“ zeigen die Autoren Möglichkeiten einer umfassenden Herangehensweise an die Arbeit mit abhängigkeitskranken Menschen auf.

1.2 Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF-Modell)

Die „International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF)“ wurde nach einem mehrjährigen Entwicklungsprozess von der 54. Vollversammlung der WHO im Mai 2001 verabschiedet und ist mittlerweile handlungsleitend für die Leistungsträger in der Ausgestaltung der Leistungen zur medizinischen Rehabilitation.

Mit dem ICF-Modell können Aussagen zur Funktionsfähigkeit, den Aktivitäten und zur Partizipation getroffen werden; womit der gesamte Lebenshintergrund des Patienten berücksichtigt wird und ein festgestellter Zustand der funktionalen Gesundheit eines Menschen vor dem Hintergrund möglicher Barrieren oder Förderfaktoren standardisiert dokumentiert werden kann (▶ Abb. 1.2).

„Den ganzheitlich ausgerichteten Anforderungen der ICF ist der Gesetzgeber u.a. mit der Schaffung des SGB IX zur Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen (2001) nachgekommen. … Die sozial-medizinische Beurteilung von (Menschen) mit psychischen Störungen … wird erst durch die genaue Kenntnis des Zusammenwirkens störungsbedingter Leistungseinbußen, individueller Dispositionsfaktoren und sozialer Gegebenheiten möglich. … Die Erkrankung und deren Folgesymptomatik einschließlich der mentalen Beeinträchtigungen wird als Ergebnis sich wechselseitig beeinflussender pathogener somatischer, psychischer und sozialer Einflussfaktoren verstanden“ (DRV Bund 2006 ▶ [8]).

Abb. 1.2 Ebenen zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit.

Merke

„Durch die … ICF wird es erstmalig möglich, die Entwicklung der Störung Abhängigkeit von psychotropen Substanzen F10ff als Ausdruck komplexer kontextueller Entstehungsbedingungen im Kontext zu betrachten – und dabei auch die historischen Entwicklungsbedingungen als Teil des Kontextes dieser Störung zu beachten und aus diesen Erkenntnissen eine Perspektive für den Betroffenen als Teil des therapeutischen Handelns zu entwickeln“ (Stachowske, Schiepek 2008▶ [40]).

Mit dem ICF-Modell können die individuell erlebten krankheitsbedingten funktionalen Probleme diagnostiziert werden, d.h. die negativen Auswirkungen von Krankheit im Lebensalltag des Patienten, d.h. die Möglichkeiten der Effektivität rehabilitativer Maßnahmen sind damit erweitert.

„Mit dem bio-psycho-sozialen Modell wird ein bedeutender Paradigmenwechsel vollzogen … (und) eröffnet ganz neue Perspektiven der Hilfe“ (Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation 2006 ▶ [6]).

Körperfunktionen und -strukturen beziehen sich auf den menschlichen Organismus einschließlich des mentalen Bereichs. Körperfunktionen sind physiologische Funktionen von Körpersystemen, Körperstrukturen sind anatomische Teile des Körpers. Schädigungen sind Beeinträchtigungen einer Körperfunktion oder -struktur.

Unter Aktivität wird die Durchführung einer Aufgabe oder Handlung (Aktion) durch einen Menschen verstanden. Beeinträchtigungen einer Aktivität sind Schwierigkeiten, die ein Mensch bei der Durchführung einer Aktivität haben kann. Bei Kindern und Jugendlichen muss natürlich beachtet werden, welche Aktivitäten entwicklungsentsprechend und in welchem Umfang erwartet werden können (z.B. selbständiges Essen, Laufen, Sprechen).

Die Partizipation/Teilhabe ist das Einbezogensein in eine Lebenssituation und unterscheidet sich bei Kindern und Jugendlichen altersabhängig und insbesondere von derjenigen bei Erwachsenen erheblich. Beeinträchtigungen der Teilhabe sind Probleme, die ein Mensch beim Einbezogensein in eine Lebenssituation erlebt. Beeinträchtigungen der Aktivitäten und Teilhabe zeigen sich insbesondere:

im Verhalten

in der Kommunikation

im Bereich des Lernens und der Wissensanwendung

im Umgang mit Stress

in der Leistungsfähigkeit

in der Bildung und Ausbildung (Kindergarten, Schul-/Berufsausbildung)

in der Beschäftigung (Freizeit, Berufsausbildung)

in der Selbstversorgung

in der sozialen Integration

Die Kontextfaktoren stellen den gesamten Lebenshintergrund einer Person dar, also alle umwelt- und personenbezogenen Faktoren, die Einfluss auf die Funktionsfähigkeit bzw. funktionale Gesundheit der Person haben können. Kontextfaktoren können

einen positiven, fördernden Einfluss (Förderfaktoren)

einen negativen, hemmenden Einfluss (Barrieren)

auf alle Komponenten der funktionalen Gesundheit und somit den Vorsorge- oder Rehabilitationsverlauf haben. Einige negativ wirkende Kontextfaktoren können Gesundheits- bzw. Krankheitsrisiken verursachen, wobei die Wirkmechanismen nicht immer hinreichend geklärt sind. Kontextfaktoren sind indikationsspezifisch unterschiedlich zu werten.

Positiv und negativ wirkende Kontextfaktoren sind deshalb bei der Indikationsstellung für eine stationäre Vorsorge- oder Rehabilitationsleistung, deren Durchführung und der sozialmedizinischen Beurteilung zu berücksichtigen. Auf diese Weise werden die individuelle Lebenssituation und der Bewältigungsstil des betroffenen Menschen sowie die Einflussmöglichkeiten auf das soziale Netzwerk und die sozialen Unterstützungsformen (social support) einbezogen.

Zu den Umweltfaktoren gehört alles, was sich auf die materielle, soziale und einstellungsbezogene Lebenswelt des betroffenen Menschen bezieht, z.B. natürliche und von Menschen veränderte Umwelt, soziale Unterstützung (Familie) und Beziehungen (Freunde), Einstellungen, Werte und Überzeugungen.

Umweltfaktoren stehen in Wechselwirkung mit den Komponenten der Körperfunktionen und -strukturen, den Aktivitäten und der Partizipation (die in Deutschland wegen der Verwendung im SGB IX passender als Teilhabe bezeichnet wird). Art und Umfang dieser Wechselbeziehungen sind nicht festgelegt.

Personenbezogene Faktoren sind der spezielle Hintergrund des Lebens und der Lebensführung eines Menschen und umfassen alle Gegebenheiten des Menschen, die nicht Teil seines Gesundheitsproblems sind. Diese Faktoren können z.B. Alter, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Bildung, Beruf, Erfahrung, Lebensstil, Gewohnheiten sein. Personenbezogene Faktoren sind in der ICF nicht klassifiziert, aber insbesondere bei Kindern und Jugendlichen von herausragender Bedeutung.

Neben den genannten Einflussgrößen berücksichtigt die Integrative Therapie weitere Bereiche des menschlichen Lebens. Das ganzheitliche und differenzielle biopsychosoziale Modell der IT basiert auf einem hochkomplexen Prozess der Veränderung auf der biologischen, psychischen, sozialen, ökologischen und geistigen Ebene, der Risikofaktoren, protektive Faktoren und Resilienzen berücksichtigt.

In der therapeutischen Praxis sind hierbei die „Selbstregulationskräfte des Organismus“, die „Selbstheilungskräfte und Entwicklungspotentiale des Subjekts“ und das „heilende und fördernde Potential der zwischen- bzw. mitmenschlichen Beziehung“ wesentliche Wirkfaktoren.

1.3 Leitbild

Praxis

Menschen: Für die in den Einrichtungen der Drogenhilfe zu betreuenden/behandelnden Klienten/Patienten werden die passenden Rahmenbedingungen für eine soziale und medizinische Rehabilitation geschaffen, die sie befähigen, eine Verbesserung ihrer Lebensqualität, Steigerung ihrer Selbstwirksamkeitserwartungen und eine positive Arbeits- und Lebensperspektive zu erreichen.

Behandlung und Betreuung: Der allgegenwärtige und intensive Austausch der Klienten/Patienten und Mitarbeiter in den Einrichtungen ist die Voraussetzung für eine leistungsstarke, innovative und erkenntnisorientierte soziale und medizinische Rehabilitation mit anwendungsbezogener Vielfalt.

Um die Qualität der Leistungsangebote stetig zu verbessern sowie die Herausforderungen und Chancen eines interdisziplinären Behandlungsansatzes zu nutzen, fühlen sich die Einrichtungen den Erkenntnissen aus Wissenschaft und Forschung verpflichtet.

Drogenhilfe gestaltet lebensfeldorientierte ambulante und stationäre Unterstützungsangebote für Menschen, die suchtkrank und/oder wohnungslos sind, für Menschen mit Behinderungen und für Menschen, die sozialpsychiatrischer Unterstützung bedürfen.

Die Achtung und Wertschätzung eines jeden Menschen prägen das Selbstverständnis der Träger, die sich in ihrem institutionellen Tätigsein – unabhängig von unterschiedlichen religiösen und weltanschaulichen Bindungen – der Erkenntnis verpflichtet fühlen, dass jedes menschliche Leben einzigartig, unersetzlich, unverfügbar und in seiner Verschiedenheit (unabhängig von Krankheit, Behinderung und Leistungsfähigkeit) von gleichem Wert ist.

Die Arbeit mit Betroffenen psychischer und Abhängigkeitsstörungen setzt voraus, sich den Grenzen des eigenen Handelns bewusst zu sein und sich an der Erkenntnis zu orientieren, dass Substanzmissbrauch häufig als ein Selbstheilungsversuch angesichts seelischer Überforderung interpretiert werden kann.

Das Bedingungsgefüge zwischen gesellschaftlicher Realität und komorbiden Störungen ist dabei für die Einrichtungen handlungsrelevant. Sie unterstützen mit ihren Angeboten Betroffene, ihre Beeinträchtigungen im Umgang mit einer psychischen Störung und Abhängigkeitserkrankung mit individuellen Lösungen auf sozialräumlicher Grundlage zu versehen und begegnen den Betroffenen mit Achtung und Respekt.

Die Einrichtungen wissen um den Zusammenhang zwischen psychischen Störungen, Abhängigkeitserkrankung, Krisen und Sinnsuche. Sie unterstützen persönliche Bedürfnisse Betroffener nach Wertorientierung und weltanschaulicher Orientierung durch partnerschaftlich vereinbarte Formen individueller Lebensbegleitung. Grundsätze und Handlungsmaxime sind:

Die Einrichtungen verfolgen eine am regionalen Bedarf (i.S. wohnortnaher Hilfen) und fachlichen Standards „gebundene“ Angebotsausrichtung und orientieren sich am individuellen Unterstützungsbedarf der Klientel.

Das Wunsch- und Wahlrecht und das Selbstbestimmungsrecht (vgl. §9 SGB IX) der Klientel wird geachtet.

Durch die Kooperation mit den Trägern der psychosozialen Versorgungssysteme und das gemeinsame Angebotsnetzwerk werden in der Gebietskörperschaft

die bedarfsgerechte Versorgung der Klientel und

die sozialräumliche Planung, Organisation und Umsetzung der Angebote

gewährleistet und

die im Einzelfall erforderlichen Leistungen bedarfsgerecht und personenzentriert abgestimmt und passgenau erbracht und

die erforderlichen Planungs- und Koordinierungsleistungen adäquat sichergestellt.

1.4 Integrative Therapie

Die Integrative Therapie ist eine schulenübergreifende Therapiemethode, die Ansätze aus der humanistischen Psychologie sowie tiefenpsychologische, verhaltenstherapeutische und synergetische Ansätze kombiniert, sich im Wesentlichen aber am Fundus der psychologischen, entwicklungspsychologischen und sozialwissenschaftlichen Forschung sowie an den Ergebnissen der Psychotherapieforschung orientiert (vgl. Ebert, Könnecke-Ebert 2004 ▶ [9]; Petzold, Steffan 2000a ▶ [32]).

Der Integrativen Therapie „geht es in zentraler Weise um die Förderung der Entwicklung von Menschen, um die Ermutigung, immer wieder auch neu anzusetzen – weg von Störungen und Krankheit hin zu Gesundheit und Wohlbefinden, von schon erreichten Zielen der ‚Arbeit an sich selbst‘ weiter zu neuen Möglichkeiten der Verwirklichung der eigenen Persönlichkeitspotenziale“ (Petzold, Orth, Sieper 2006, 628 ▶ [30]).

„Integrative Therapie ist … auf die Behandlung von psychischen und somatoformen bzw. psychosomatischen Erkrankungen ‚in der Lebensspanne‘ gerichtet, also ein entwicklungspsychotherapeutischer, bio-psycho-sozialer Ansatz der ‚Humantherapie‘. … Es wird auf diese Weise eine Therapie des ganzen Menschen in und mit seinem Umfeld (Netzwerk- und Lebenslageperspektive), in seinem lebensgeschichtlichen Zusammenhang und seinen Lebensentwürfen angestrebt. … Im therapeutischen Geschehen (sollen) bewusste und unbewusste Strebungen und lebensbestimmende belastende und protektive Ereignisse der Biografie fokussiert und in ihrer Relevanz für die Persönlichkeitsentwicklung, Lebensführung und die persönlicher Lebenskunst erfahrbar gemacht werden“ (Petzold, Schay, Sieper 2006, 598f ▶ [30]).

Um den Ansatz der Integrativen Therapie für die Praxis der medizinischen und sozialen Rehabilitation handhabbar zu machen, ist eine inhaltliche Begrenzung auf die wesentlichen Konzepte in der Behandlung Drogenabhängiger (Persönlichkeitstheorie, Gesundheits- und Krankheitsverständnis) notwendig – so wie sie auch von den Leistungsträgern mit der Vereinbarung Abhängigkeitserkrankungen vom 04.05.2001 vorgegeben wird und auch durch die Ergebnisse der Therapieforschung in diesem Feld aufgezeigt wird.

1.4.1 Therapeutische Grundregel

Als Grundregel in der praktischen Arbeit „ist eine Qualität der Partnerschaftlichkeit erforderlich“, d.h. Therapeut und Klient/Patient nehmen „die gemeinsame Aufgabe der Therapie … unter Bedingungen eines ‚geregelten Miteinanders‘ (in Angriff) …:

Der Patient bringt die prinzipielle Bereitschaft mit, sich in seiner Therapie mit sich selbst, seiner Störung, ihren Hintergründen und seiner Lebenslage sowie (problembezogen) mit dem Therapeuten und seinen Anregungen partnerschaftlich auseinanderzusetzen. Das geschieht in einer Form, in der er – seinen Möglichkeiten entsprechend – seine Kompetenzen/Fähigkeiten und Performanzen/Fertigkeiten, seine Probleme und seine subjektiven Theorien einbringt (und) Verantwortung für das Gelingen seiner Therapie … übernimmt. …

Der Therapeut … bringt die engagierte Bereitschaft mit, sich aus einer intersubjektiven Grundhaltung mit dem Patienten als Person, mit seiner Lebenslage und Netzwerksituation partnerschaftlich auseinanderzusetzen, mit seinem Leiden, seinen Störungen, Belastungen, aber auch mit seinen Ressourcen, Kompetenzen und Entwicklungsaufgaben, um mit ihm gemeinsam an Gesundung, Problemlösungen und Persönlichkeitsentwicklung zu arbeiten. …

(Die Rahmenbedingungen → gesetzliche Bestimmungen, Vorgaben der Leistungsträger, Leitbild, … müssen gewährleisten), dass Patientenrechte, … Fachlichkeit und die Würde des Patienten gesichert sind … .

Das Therapieverfahren … muss gewährleisten, dass in größtmöglicher Flexibilität … reflektierte, begründbare und prozessual veränderbare Regeln der konkreten Beziehungsgestaltung … mit dem Patienten … und (seinen) Bezugspersonen ausgehandelt und vereinbart werden, die die Basis für eine … sinnvolle therapeutische Arbeit bieten“ (Orth, Petzold 2004, 322f ▶ [16])

1.4.2 Vier Wege der Heilung und Förderung

Die für die Integrative Therapie charakteristische, mehrdimensionale Behandlungsorientierung wird in besonderer Weise durch die vier Wege der Heilung und Förderung gewährleistet, die höchst flexibel Möglichkeiten bieten, auf die Lebenslage und Krankheitssituation von Patienten unter Berücksichtigung ihrer Probleme, Ressourcen und Potenziale … einzugehen“ (Petzold 2005, 295f ▶ [27]) und vielfältige Entwicklungs- und Heilungschancen ermöglichen. Die Wirksamkeit dieser Vorgehensweise zeigt sich „in einer hohen Flexibilität der prozessualen Handhabung von Beziehungsdynamik, Situationsgegebenheit und Krankheitsgeschehen“ (Petzold 2005, 307 ▶ [27]).

Diese Zugänge werden in der Integrativen Therapie gewählt, um mit den Menschen Wege der Heilung und Förderung über die Lebensspanne zu finden, wobei Heilen im kurativen, klinischen Sinn verstanden wird. Die Differenzierungen der Schädigungen, die im Rahmen der Krankheitslehre vollzogen werden, verlangen nach unterschiedlichen Wegen der Heilung, Strategien der Behandlung mit pragmatischer Ausrichtung, durch die die anvisierten Ziele erreicht werden können.

Zur Verdeutlichung werden die „Sinndimensionen“ der vier Wege der Heilung und Förderung zusammenfassend dargestellt.

1.4.2.1 Erster Weg der Heilung: Bewusstseinsarbeit – Sinnfindung

Differenzierung – Komplexität, Dissens:

Herstellung von Kontakt

Aufbau einer Vertrauensbasis

Explorieren der Problemlage

Ziel ist eine Aufdeckung von verdrängten Störungen, Konflikten und – dosiert – Traumata und Defiziten.

1.4.2.2 Zweiter Weg der Heilung: Differenzierungsarbeit – Nachsozialisation – Grundvertrauen

Strukturierung – Prägnanz, Konsens:

Erfassen alter Strukturen

rationales Verstehen

Es geht um Nachsozialisation zur Restitution von Grundvertrauen und die Wiederherstellung von Persönlichkeitsstrukturen, die durch Defizite (und Traumata) beschädigt bzw. mangelhaft ausgebildet wurden.

Der Patient soll die Funktion, Wirkung und den anfänglichen früheren „Sinn“ des Suchtmittels erkennen. Es geht um Einsichts- und Entscheidungsprozesse, das Erarbeiten persönlicher Normen und Werte; thematisiert werden sollen u.a. auch Erwartungen an den zukünftigen Lebensstandard, die Arbeitsmotivation, den weiteren Lebenshorizont.

Viele dieser Themen werden zunächst in der Einzeltherapie bearbeitet, wo der Patient dann auch ermuntert wird, sich anderen Menschen, denen er Vertrauen schenken möchte, diesbezüglich mitzuteilen. So wird „Beziehung erfahren und geübt“.

1.4.2.3 Dritter Weg der Heilung: Erlebnis- und Ressourcenaktivierung – Persönlichkeitsentfaltung

Integration – Stabilität, Konzepte:

vertiefendes Verstehen

Einordnung in den (Lebens-)Kontext

Ziele sind das Ressourcenpotenzial zu vergrößern, die Ressourcennutzung zu verbessern sowie die Kompetenzen und Performanzen des Copings und Creatings zu fördern. Der Einsatz von erlebnisaktivierenden Methoden, Techniken und Medien und übender behavioraler Ansätze erschließen die Entwicklungspotenziale der Persönlichkeit, so dass Entwicklungsaufgaben erkannt, gemeistert und zukunftsbezogene Handlungsspielräume zugänglich werden.

Es geht um die Entwicklung persönlicher und gemeinschaftlicher Potenziale wie Kreativität, Fantasie, Sensibilität usw. durch Bereitstellung einer „fördernden Umwelt“ mit neuen und/oder alternativen Beziehungs- und Erlebnismöglichkeiten.

Mittel hierzu sind Erlebnisaktivierung und multiple Stimulierung in der erlebnis- und übungszentrierten Modalität der kreativen Therapie und das gezielte Einbeziehen des Alltagslebens als Experimentierfeld. In der erlebnisaktivierenden Arbeit werden gute Quellen der Vergangenheit erschlossen und neu durchlebt. Es wird systematisch darauf hingearbeitet, das Alltagsleben als Lern-, Experimentier- und Übungsfeld zu benutzen.

Erfolge und Misserfolge in der Therapie erweisen sich erst in der Veränderung von Verhalten und Haltungen im Alltagsleben. Im Schutzraum des therapeutischen Settings können in spielerischer Improvisation alle Möglichkeiten des Ausdrucks erprobt und genutzt werden.

1.4.2.4 Vierter Weg der Heilung: Solidaritätserfahrung – Metaperspektive und Engagement

Kreation – Transgression, Kooperation:

aus dem Wahrgenommenen und Verstandenen sowie den rationalen Einsichten werden Konsequenzen gezogen, um den (Lebens-)Kontext zu verändern

Überschreitung zu Neuem

Ziele sind die Förderung von persönlicher Souveränität und gesundheitsfördernder, persönlichkeitsentwickelnder Potenziale.

Das Wissen über Traumata, Konflikte, Störungen, zeitextendierte Überlastungen, d.h. Erfahrungen von Formen psychophysischen Stresses, des „Copings“ und des „Creatings“ in der gesamten Lebensspanne als das Zusammenwirken von kritischen bzw. belastenden Lebensereignissen mit ggf. abwesenden oder unzureichenden protektiven Faktoren/Prozessen und Resilienzen sind grundlegend für die Praxis. Dieses Wissen bestimmt die diagnostische Sicht auf Störungen und Beeinträchtigungen, aber auch für vorhandene oder aktualisierbare Ressourcen und Potenziale.

1.4.3 Suchtverständnis

In der Integrativen Therapie ist „Drogenabhängigkeit eine komplexe somatische, psychische und soziale Erkrankung, die die Persönlichkeit des Drogenabhängigen und sein soziales Netzwerk … betrifft, beschädigt und – wenn sie lange genug wirkt – zerstört. Drogenabhängigkeit hat eine multikausale, zum Teil sehr stark variierende Genese. Sie zeigt unterschiedliche Ausprägungen und Verlaufsformen, abhängig von genetischen Dispositionen, biografischen Vorschädigungen, psychosozialer Gesamtsituation/Lebenslage, Grad der Chronifizierung, Ressourcenlage“ (Petzold 2004, 515 ▶ [26]).

Sucht bzw. Abhängigkeit wird in der Integrativen Therapie verstanden als dysfunktionaler Versuch der Konflikt- und Problemlösung in einem supportarmen Kontext durch eine geschädigte Persönlichkeit mit einem defizienten Selbst, einem schwachen Ich und einer sich selbst entfremdeten Identität. Diese stellen das Resultat multipler Schädigungen in der Lebensspanne bei Abwesenheit protektiver Faktoren und Resilienzen dar, wobei in der Regel vielfältige Negativfaktoren (z.B. zeitextendierte Belastung oder Überlastung, chains of adversice events) kumulativ zum Tragen kommen (vgl. Petzold 2003 ▶ [25]).

Diese multifaktoriell bedingte Fehlentwicklung bedarf deshalb in einer karrierebezogenen Langzeitstrategie psycho- und soziotherapeutischer Interventionen unter Einbeziehung der Aktivierung protektiver Umwelt- und Persönlichkeitsfaktoren und positiver Ressourcen des sozialen Netzwerks bzw. Konvois (vgl. Petzold, Schay, Hentschel 2004 ▶ [31]).

1.4.4 Suchttherapie

„Suchttherapie … soll zu einer richtungsverändernden, mit korrektiven Erfahrungen versehenen Weiterschreibung biografischer Erfahrungslinien werden, … um Menschen (in die Lage zu versetzen) sich selbst, ihre Entstehungsgeschichte und Persönlichkeitsdynamik, die Bedeutung ihrer sozialen Umfelder, ihre Lerngeschichte geistig und seelisch so zusammenzufügen, dass dem ein Sinnverstehen entwächst“ (Osten 2001 ▶ [17]).

Durch die bereits in den 1960er Jahren von Petzoldausgearbeiteten Konzepten in der Arbeit mit Drogenabhängigen, die neben philosophischen (anthropologischen, erkenntnis- und ethiktheoretischen) Fragestellungen und gesellschaftlichen Perspektiven sowohl neurophysiologische und psychologische Untersuchungsergebnisse als auch sozialwissenschaftliche Forschungen berücksichtigt haben, ist eine geeignete Grundlage zur Interpretation des klinischen Störungsbildes und des gesellschaftlichen Phänomens der Drogenabhängigkeit im Kontinuum des life span development der einzelnen Abhängigen und ihrer Konvois gegeben (vgl. Petzold, Goffin, Oudhof 1993 ▶ [28]).

Das Konzept der Integrativen Therapie für die Behandlung Suchtkranker verbindet theoriegeleitete, multimodale Kombinationsbehandlungen, die differenziell und integrativ Psychotherapie, Sozialtherapie, Bewegungs-/Sporttherapie, Netzwerk-/Familientherapie und ggf. Pharmakotherapie umfassen. Diese versprechen bessere Erfolge als mono- oder biomodale Behandlungsansätze, weil nur ein solch komplexes, „konzentriertes Vorgehen“ dem modernen bio-psycho-sozialen Gesundheits-/Krankheitsmodell entspricht, das zu den erforderlichen Um- und Neubahnungen dysregulierter neurohumoraler Muster, zur Veränderung inadäquater Narrative/Schemata auf der kognitiven/emotionalen/volitiven Ebene und der damit verbundenen psychosozialen Verhaltensweisen sowie insgesamt zu einer Umstellung dysfunktionaler Lebensstile führen kann.

Merke

Neuropsychotherapie befasst sich in erster Linie mit den Lebenserfahrungen des Menschen (Schore 2001 ▶ [37], Sachsse 2003 ▶ [35]). Im Gehirn werden diese Lebenserfahrungen verarbeitet und auf ihre Bedeutungen im Hinblick auf die Bedürfnisse des Menschen abgeglichen. Psychotherapie strebt an, sinnstiftende Konstrukte anzubieten und einen Zustand herzustellen, in dem eine gute Befriedigung der Grundbedürfnisse ermöglicht wird.

In den Entwicklungs- und Lernprozessen des Patienten im Kontext der medizinischen und sozialen Rehabilitation hat dementsprechend die Fähigkeit zu wollen eine herausragende Bedeutung, d.h. im Therapieprozess vollzieht sich eineWillenssozialisation, die als ein Miteinander zu verstehen ist, wie es beispielsweise für die familiale Interaktion kennzeichnend ist.

Merke

Der Wille setzt sich „in zielgerichtetem und zielstrebendem … Handeln (um): durch hinlänglich souveräne Willensentscheide und persönliche Willenskraft. … Dabei wird die Fähigkeit, den eigenen Willen mit dem Wollen Anderer in Prozessen der Abstimmung und des Aushandelns … zu koordinieren … als wichtige Lebenstechnik besonders gut entwickelt, wenn das familiale bzw. soziale Umfeld diese Entwicklungen unterstützt. Psychologische Willenspathologien wie Willensschwäche, (Böswilligkeit, Unwillen, gleichgültiges Nichtwollen, aggressiver Gegenwille), Entschlusslosigkeit … usw. können dann verhindert werden“ (Petzold 2002, 9ff ▶ [24]).

In Koordination mit psychotherapeutischen Maßnahmen können insbesondere Probleme der Willensentscheidung, der Willenskraft und des Durchhaltevermögens, Fähigkeiten, die in der Sozialisation oftmals geschädigt waren, bearbeitet werden – ein (noch) vernachlässigtes Thema in der medizinischen und sozialen Rehabilitation Suchtkranker (vgl. Petzold 1993 ▶ [22], 2003 ▶ [25]).

Notwendig sind „konzertierte Maßnahmen …, die psychotherapeutische, soziotherapeutische, beraterische, supervisorische Konzepte und Methoden vernetzen, klinisch-psychologische, sozialpsychologische bzw. sozialwissenschaftliche Erkenntnisse verbinden“ (Petzold, Schay, Hentschel 2004, 94 ▶ [31]).

Sucht(psycho)therapie muss also den verfestigten (süchtigen) Beziehungsstrukturen und den inneren Suchtmechanismen entgegenwirken, die Selbstverantwortung, Autonomie, Souveränität und damit die Identitätsbildung des Abhängigen fördern, die Funktionalität von Suchtstörungen deutlich machen, an Ressourcen anknüpfen und den Aufbau gesunder Ich-Funktionen und funktionierender Beziehungsstrukturen unterstützen.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Umsetzung von Entwicklungsprozessen mit längerfristiger Perspektive „im Lebenskontext des Betroffenen sowie die Stabilisierung einer überdauernden Wirkung von Interventionen mit nachfolgenden Verhaltensänderungen und Lernergebnissen … langwierig und selten geradlinig“ (Funke 1998 ▶ [13]) ist. Aus Sicht der Patienten sind „längerfristige psychotherapeutische Behandlungen durch spezialisierte ärztliche, psychologische und sozialarbeiterische Psychotherapeuten … effektiver“ (Funke 1998 ▶ [13]).

Diese Wirkungszusammenhänge sind in dem Ansatz der Integrativen Therapie zielgerichtet und patientenorientiert eingebunden.

1.5 Leistungssystem der sozialen und medizinischen Rehabilitation

Angesichts der heterogenen Bedürfnisse und Voraussetzungen der Menschen mit Abhängigkeitsproblemen ist eine ganzheitliche und differenzielle Angebotsstruktur notwendig, die akzeptierende und drogenfreie Hilfeangebote miteinander verbindet und aufeinander abstimmt (▶ Abb. 1.3):

Abb. 1.3 Hilfsangebote der sozialen und medizinischen Rehabilitation Abhängigkeitskranker.

Das System der Suchtkrankenhilfe hat sich zwischen dem sozialen und medizinischen Hilfesystem entwickelt, d.h. bis in die frühen 1960er Jahre war die Suchtkrankenhilfe eine Domäne der Nervenärzte, in den 1970er Jahren bildeten sich Angebote der psychosozialen Behandlung und Begleitung heraus und Maßnahmen im Kontext einer psychiatrischen Behandlung standen die Behandler eher kritisch bis ablehnend gegenüber. Bis weit in die 1980er Jahre waren in Deutschland das Abstinenzparadigma und die Leidensdrucktheorie handlungsleitend, als sog. „Königsweg“.

Mit Beginn der 1990er Jahre entwickelte sich neben der klassischen Abstinenztherapie eine von verschiedenen Professionen getragene differenzierte Drogenhilfe, die die Komplexität und Vielschichtigkeit von Sucht in ihre Hilfeangebote integriert hat.

Heute sieht sich das klassische Drogenhilfesystem mehr und mehr mit somatischen als auch psychiatrisch-psychologischen Problemen konfrontiert. Begleiterkrankungen wie HIV-Infektion, Hepatitis, Tuberkulose, Thrombose, Abszesse aber auch Depressionen, Ängste etc. führen bei vielen Abhängigen zu schweren körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen.

Hier wird die enge Zusammenarbeit von Drogenhilfe und Medizin unabdingbar (z.B. im Kontext der medikamentengestützten Rehabilitation und der Behandlung psychiatrischer Komorbidität).

Das Gesundheitsversorgungssystem hat sich auch heute nur bedingt auf die Betroffenengruppe der Abhängigkeitskranken eingestellt.

Das Faktum der Nichterreichbarkeit und einer fehlenden systematischen Langzeitbegleitung von Abhängigkeitskranken führt zu Problemclustern, auf die andere, neue Antworten gefunden werden müssen, als die der bisher praktizierten und vielfach unverändert „traditionellen“ Behandlungswege, ohne dass diese deshalb in ihrem Wert und ihrer Bedeutung für die für sie geeigneten Zielgruppen geringgeschätzt werden dürfen.

Die Leistungsangebote der sozialen und medizinischen Rehabilitation müssen auf den Rehabilitationsbedarf akut Abhängigkeitskranker, chronisch Abhängigkeitserkrankter oder von Chronifizierung ihrer Erkrankung bedrohter Menschen, von multimorbiden Menschen und von als Folge ihrer Sucht behinderten oder von Behinderung bedrohten Menschen abgestimmt sein (vgl. DHS 2008, 5 ▶ [7]).

1.6 Literatur

[5] Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR). Gemeinsames Rahmenkonzept der gesetzlichen Krankenkassen und der gesetzlichen Rentenversicherung für die Durchführung stationärer medizinischer Leistungen zur Vorsorge und Rehabilitation für Kinder und Jugendliche. Frankfurt a.M.; 2008: 13–18

[6] Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR). ICF-Praxisleitfaden. Trägerübergreifender Leitfaden für die praktische Anwendung der ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit) beim Zugang zur Rehabilitation, 2. überarb. Aufl. Frankfurt a.M.; 2006: 4ff

[7] Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Handlungsnotwendigkeiten in der Rehabilitation Abhängigkeitskranker zur Sicherung eines hochwertigen Leistungsangebotes. Positionspapier zur Situation und Entwicklung der medizinischen Rehabilitation. Hamm; 2008

[8] Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV Bund). Leitlinien für die sozialmedizinische Beurteilung von Menschen mit psychischen Störungen. DRV-Schriften Band 68. Berlin; 2006

[9] Ebert W, Könnecke-Ebert B. Einführung in die Integrative Beratung und Therapie mit Suchtkranken. Grundlegungen des Intergrativen Konzeptes der Europäischen Akademie für psychosoziale Gesundheit. In: Petzold HG, Schay P, Ebert W. Integrative Suchttherapie. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften; 2004

[10] Fachverband Drogen und Rauschmittel e.V. (FDR). Grundlagen der Suchthilfe. 2. Aufl. FDR-Texte. Hannover; 2006: 6

[11] Fachverband Sucht e.V. (FVS). Leitbild und Positionen zur Suchtkrankenhilfe und -behandlung. Sucht aktuell – Zeitschrift des FVS, Sonderausgabe 19/02. Bonn; 2012

[12] Feuerlein W. Alkoholismus – Missbrauch und Abhängigkeit. Stuttgart: Thieme; 1989

[13] Funke W. Suchttherapie zwischen Multiprofessionalität und Konkurrenz. Verschiebt sich das Verhältnis zwischen Psychotherapie und Pharmakotherapie? Unveröffentl. Vortrag anlässlich der Hamburger Suchttherapietage „Was für wen? Zukünftige Suchttherapien und Settings“; 05.06.1998

[14] Hass W, Petzold HG. Die Bedeutung sozialer Netzwerkforschung für die Psychotherapie. In: Petzold HG, Märtens M. Wege zu effektiver Psychotherapie. Opladen; 1999a: 193–273

[15] LeDoux JE. How our brain become who we are. New York: Penguin; 2002

[16] Orth I, Petzold HG. Theoriearbeit, Praxeologie und „Therapeutische Grundregel“. Zum transversalen Theoriegebrauch, kreativen Medien und methodischer und „sinnlicher Reflexivität“ in der Integrativen Therapie mit suchtkranken Menschen. In: Petzold HG, Schay P, Ebert W. Integrative Suchttherapie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften; 2004: 297–342; überarb. 2. Aufl. 2006; 271–304

[17] Osten P. Lebensgeschichtliche Perspektiven in der Entstehung von Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen – Ätiologische Diagnostik, Ressourcenanalyse und Behandlungsplanung in der Suchtkrankenhilfe. Unveröffentl. Vortrag auf der Tagung „Freiburger Sozialtherapie Tage“ des Caritas Verbandes Freiburg, Tagungsthema „Frühe Schädigung, spätere Sucht? Das Konzept der Risiko- und Schutzfaktoren in der Suchtkrankenhilfe“. Freiburg; 2001

[18] Petzold HG. Integrative Bewegungstherapie. In: Petzold HG, Hrsg. Psychotherapie und Körperdynamik, 3. Aufl. Paderborn: Junfermann; 1974k: 285–404

[19] Petzold HG. Methodenintegration in der Psychotherapie. Paderborn: Junfermann; 1982

[20] Petzold HG. Integrative Bewegungs- und Leibtherapie. Ausgewählte Werke Bd. I, 1 und I, 2. Paderborn: Junfermann; 1988n (3. revid. und überarb. Aufl. 1996a)

[21] Petzold HG. Integrative Therapie – Modelle, Theorien und Methoden für eine schulenübergreifende Psychotherapie., 3 Bde. Paderborn: Junfermann; 1991a; 1992a (2. überarb. Aufl. 2003a)

[22] Petzold HG. Integrative Therapie – Modelle, Theorien und Methoden für eine schulenübergreifende Psychotherapie. Bde. I, II, III. Paderborn: Junfermann; 1993a (2. überarb. Auflage 2003a)

[23] Petzold HG. Psychotherapie der Zukunft – Reflexionen zur Zukunft und Kultur einer korrespondierenden und evidenzbasierten Humantherapie. In: Integrative Therapie 1999; 25(4): 338–393

[24] Petzold HG. Zentrale Modelle und Kernkonzepte der Integrativen Therapie. Polyloge. Materialien aus der Europäischen Akademie für psychosoziale Gesundheit. Im Internet: www.FPI-Publikationen.de/materialien.htm; Stand: 27.04.2013

[25] Petzold HG. Integrative Therapie. 3 Bde. Überarb. und erg. Neuauflage. Paderborn: Junfermann; 2003a

[26] Petzold HG. Zentrale Modelle und Kernkonzepte der Integrativen Therapie. Polyloge. Materialien aus der Europäischen Akademie für psychosoziale Gesundheit 03/2002. Überarb. Version. Kernkonzepte II. Im Internet: www.FPI-Publikationen.de/materialien.htm; Stand: 27.04.2013

[27] Petzold HG. Qualität in Therapie, Selbsterfahrung und Ausbildung. Ergebnisse einer Ausbildungsevaluation (n=7068) und Instrumente der Qualitätsdokumentation. EAG-Stundenbegleitbogen, IT-Checkliste, IT-Therapieprozeßdokumentation. In: Integrative Therapie 2005s; 3: 294–326

[28] Petzold HG, Goffin JJM, Oudhof J. Protektive Faktoren und Prozesse – die „positive Perspektive in der longitudinalen, „klinischen Entwicklungspsychologie“ und ihre Umsetzung in die Praxis der Integrativen Therapie. In: Petzold HG, Sieper J. Integration und Kreation. Modelle und Konzepte der Integrativen Therapie, Agogik und Arbeit mit kreativen Medien, Bd. 1. Paderborn: Junfermann; 1993: 173–266; auch in: Petzold HG, Hrsg. Psychotherapie und Babyforschung, Bd. I. Paderborn: Junfermann; 1993: 345–497

[29] Petzold HG, Orth I. Die neuen Kreativitätstherapien – Handbuch der Kunsttherapie, Bde. I und II, 3. Aufl. Paderborn: Junfermann; 1990

[30] Petzold HG, Orth I, Sieper J. Erkenntniskritische, entwicklungspsychologische, neurobiologische und agogische Positionen der „Integrativen Therapie“ als „Entwicklungstherapie“. In: Petzold HG, Schay P, Scheiblich W. Integrative Suchtarbeit. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften; 2006: 627–713

[31] Petzold HG, Schay P, Hentschel U. Niedrigschwellige und karrierebegleitende Drogenarbeit als Elemente einer Gesamtstrategie der Drogenhilfe. In: Petzold HG, Schay P, Ebert W, Hrsg. Integrative Suchttherapie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften; 2004: 79–107

[32] Petzold HG, Steffan A. Gesundheit, Krankheit, Therapieverständnis und Ziele in der „Integrativen Therapie“. Stellungnahme zum 1. Kolloquium am 25.03.2000 für die Schweizer Psychotherapie-Charta. In: Integrative Therapie 2000a; 26(2–3); Paderborn: Junfermann; 2000a: 75/203–102/230

[33] Petzold HG, Steffan A. Wirkprozesse und Wirkfaktoren. Möglichkeiten und Grenzen im Rahmen der therapeutischen Beziehung und vor dem Hintergrund des Menschen- und Weltbildes in der „Integrativen Therapie“, der „Integrativen Leib- und Bewegungstherapie“ und der „Integrativen Kinder- und Jugendpsychotherapie“. Stellungnahme zum 2. Kolloquium am 24.06.2000 für die Schweizer Psychotherapie-Charta; 2000b

[34] Petzold HG, Steffan A. Ausbildungsevaluation und Qualitätssicherung in der Integrativen Therapie – das EAG-Qualitästssicherungssystem. In: Integrative Therapie, Jubiläumsausgabe zum 25-jährigen Bestehen der Zeitschrift. Paderborn: Junfermann; 2001: 227/355–238/366

[35] Sachsse U. Disstress-Systeme des Menschen. In: Kernberg OF et al. PTT-Persönlichkeitsstörungen – Theorie und Therapie, Persönlichkeitsstörungen und der Körper. Verbandsorgan der Gesellschaft zur Erforschung und Therapie von Persönlichkeitsstörungen (GePs) e.V. Stuttgart: Schattauer; 2003; 7(1): 4–15

[36] Saß H, Wittchen H-U, Houben I. Diagnostisches und statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-IV-TR. Göttingen: Hogrefe; 2003

[37] Schore A. The effect of a secure attachment relationship on right brain development, affect regulation, and infant mental health. In: Infant Mental Health Journal 2001; 22: 7–66

[38] Schulte-Markwort M, Marutt K, Riedesser P. Crosswalk ICD-10 – DSM IV. Klassifikation psychischer Störungen – eine Synopsis. Bern: Hans Huber; 2002

[39] SGB Office. Gesamtkommentar zum Sozialgesetzbuch. Haufe Office Line, CD-Rom, Version 8.1, 01/2006

[40] Stachowske R, Schiepek G. Neue Modelle in der Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen – eine Folge der ICF. In: Fachverband Sucht e.V. Qualitäten in der Suchtbehandlung, GCAA-German Council on Alcohol and Addiction. Geesthacht: Neuland; 2008; 31: 265–276

[41] VDR. Vereinbarung Abhängigkeitserkrankungen vom 04.05.2001

[42] Weltgesundheitsorganisation (WHO). Internationale Klassifikation psychischer Störungen ICD-10, 2. Aufl. Bern: Huber; 1993: 183–192

[43] WHO, Dilling H, Mombour W, Schmidt MH. Internationale Klassifikation psychischer Störungen, ICD-10 Kapitel V (F), Klinisch diagnostische Leitlinien, 8. überarb. Aufl. Bern: Hans Huber; 2011

Teil II Leistungsangebote

2  Akzeptierende Drogenhilfe und intermittierende Karrierebegleitung

3  Integrative Arbeit mit suchtmittelkonsumierenden und -abhängigen Jugendlichen im Strafvollzug

4  Psychosoziale Betreuung Substituierter – Standards der Substitutionsbehandlung und Möglichkeiten zur Finanzierung

5  Ganztägig ambulante medizinische Rehabilitation Abhängigkeitskranker – ein alltagsbezogener Behandlungsansatz der (Re-)Integration

6  Ambulant Betreutes Wohnen für abhängigkeitskranke Menschen

2 Akzeptierende Drogenhilfe und intermittierende Karrierebegleitung

Peter Schay

„Die Schlange des Drogenhandels und -konsums … ist eine Macht, von der wir uns nicht immer die gebührende Vorstellung machen. Sie zerstört die Jugend, sie zerstört Familien, sie führt zur Gewalt“ (Benedikt XVI., 2010).

2.1 Vorbemerkungen

Krankheit verfestigt sich „in seelischen Symptomen, in körperlichen Symptomen oder in krankhaften Verhaltensweisen“ und wird verstanden als „krankhafte Störung der Wahrnehmung, des Verhaltens, der Erlebnisverarbeitung, der sozialen Beziehungen und der Körperfunktionen. Es gehört zum Wesen dieser Störungen, dass sie der willentlichen Steuerung durch die Patienten nicht mehr oder nur zum Teil zugänglich sind“ (G-BA 2007, zitiert nach Brandt 2010, 38 ▶ [46]).

Suchtmittelabhängigkeit als eine chronisch rezidivierende psychische Erkrankung ist für die Betroffenen mit weitreichenden sozialen, gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgeproblemen verbunden (vgl. Gegenhuber, Spirig 2009, 26 ▶ [51]), d.h. die Patienten „müssen dauerhaft gesundheitlich und sozial stabilisiert werden“ (Stöver 2011, 31f ▶ [72]).

Suchtkranke Menschen sind „sozial weniger integriert, verfügen über eine unterdurchschnittliche Bildung und berichten häufig über Schulden. Ihre Kindheit war oftmals von Heimaufenthalten oder suchtkranken Eltern geprägt und sie berichten häufig von Gewalt – sei es als Opfer oder Täter und Aggressionen“ (Pfeiffer-Gerschel et al. 2010, 171 ▶ [64]). Aufgrund der gesundheitlichen und psychischen Beeinträchtigungen sind sie insgesamt als eine hoch belastete Gruppe anzusehen.

Aufgrund eines oftmals frühen Störungsbeginns können wesentliche Entwicklungsaufgaben nicht geleistet werden. Die Folge: fehlender Schulabschluss, Defizite im Bereich Arbeit, soziale Desintegration.

Die Häufung bedrohlicher Risiken führen zu einem fortschreitenden Ressourcenverfall und einer Beschädigung der persönlichen Identität, Zusammenbrechen des Netzwerkes und insgesamt destruktiven Lebenslage, wenn es nicht zu einer substantiellen ´Verbesserung der Lebenslage´ kommt (vgl. Petzold 2000h ▶ [61]).

Dementsprechend hat Drogenhilfe/Suchtkrankenhilfe die Aufgabe, für ihre Klientel Leistungsangebote vorzuhalten, die geeignet sind, den Prozessen der Erosion der persönlichen und gemeinschaftlichen Tragfähigkeit (vgl. Petzold 2000h ▶ [61]) entgegenzuwirken.

Praxis

Drogenhilfe/Suchtkrankenhilfe: Geht es hier wirklich um die Realisierung von Leistungsangeboten, um den abhängigkeitskranken Menschen zu helfen, oder bewegen wir uns nicht vielmehr in einem Feld, in dem es vorzugsweise um die Durchsetzung der eigenen Interessen geht? Dominieren trägergeleitete Ränkespiele oder geht es doch um die Interessen und Bedürfnisse der Patienten?

Ist die Drogenhilfe/Suchtkrankenhilfe nicht unglaubwürdig, wenn wir die materiellen Verteilungskämpfe beobachten, die die Leistungsanbieter mit der zunehmenden Verknappung öffentlicher Mittel immer unerbittlicher führen?

Zweifel sind angebracht, wenn wir die Politik der Leistungsträger realisieren:

Die GKV ignoriert, dass die Substitutionstherapie als verpflichtenden Bestandteil die Psychosoziale Betreuung (PSB) beinhaltet und lehnt die Finanzierung dieses Behandlungsangebots ab. „Die Möglichkeit, die PSB durch eine sichere Finanzierungsbasis durch das GKV-System und eine damit verbundene Forderung nach einheitlichen Standards und Qualitätssicherung zu professionalisieren, wurde bis heute nicht genutzt“ (Sander 2009, 247 ▶ [65]).

Die GKV ignoriert, dass die Adaption Bestandteil der medizinischen Rehabilitation Abhängigkeitskranker ist und wesentlich zur Erreichung der Ziele der Rehabilitation beiträgt.

Die Rentenversicherungsträger verkürzen systematisch die Regeltherapiedauer (vgl. Schreiben der Westfälischen Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation WAG vom 28.07.2010) und „übersehen“ dabei, dass die Patienten in immer kürzeren Behandlungszeiten ihre Ziele nicht mehr erreichen können und somit der Rückfall vorprogrammiert wird.

Und die Politik ignoriert, dass

die Landesverbände der Sozialversicherungsträger gem. § 208 SGB V der Aufsicht der zuständigen obersten Verwaltungsbehörde des Landes unterstehen und nimmt damit hin, dass immer mehr Patienten Leistungsangebote (z.B. PSB und Adaption) nicht mehr für sich nutzen können, sondern sich selbst überlassen bleiben,

als Folge einer rigiden Sparpolitik inhaftierte Drogenabhängige z.B. in NRW keine ausreichenden Betreuungsmöglichkeiten (hier auch: Substitutionstherapie und PSB) mehr in Anspruch nehmen können, da das Land NRW die Finanzierung externer Fachkräfte in 2003 ersatzlos gestrichen hat,

inhaftierten Drogenabhängigen in den JVA’en des Landes NRW Rehabilitationsmaßnahmen verwehrt werden, in dem sie für mindestens 6 Monate auf den sog. drogenfreien Abteilungen „verharren“ und sich in dieser Zeit „verpflichten“ müssen, auf ihr Recht auf „Therapie statt Strafe“ gem. § 35 BtMG zu verzichten (vgl. JVA Willich 2009 ▶ [54]).

Fazit: Der Grundgedanke einer „akzeptierenden, … an der Menschenwürde orientierten, die Selbstständigkeit des Individuums fördernden, die Handlungsspielräume erweiternden Umgangs mit Drogengebrauchern (ist) vielfach aus dem Fokus geraten“ (ver.di 2010 ▶ [76]).

Akzeptierende Drogenhilfe ist heute „eine nicht ausgrenzende, nicht segregierende, sondern auf Bemündigung, Integration und Akzeptanz zielende soziale Versorgung der auf Hilfe angewiesenen Abhängigen“ und „ein fester Bestandteil der sozialen Basisversorgung der Drogenabhängigen“ (Bossong 2008 ▶ [45]), der sich aber an der Verknappung öffentlicher Alimentierung zu orientieren hat.

Handlungsleitend sind dementsprechend die Konkurrenz der Leistungsanbieter untereinander und die Anpassung der Hilfe- und Leistungsangebote an die Fördermodalitäten. „Zuverlässig dauerhaft effektive Hilfsmöglichkeiten sind nicht bekannt“ (Bossong 2008 ▶ [45]).

Trotz dieser Gegebenheiten hat sich eine differenzierte Struktur der Leistungsangebote entwickelt, die – mit Einschränkungen – den Interessen und Bedürfnissen der Patienten gerecht wird, d.h. allgemein dominiert das Bemühen, den Drogenabhängigen ein grundsätzliches Recht auf menschenwürdige gesundheitliche und soziale Lebensbedingungen zu ermöglichen.

Fazit

Akzeptierende Drogenhilfe ist ein Unterstützungsangebot für drogenabhängige Menschen im Kooperationsverbund der psychosozialen Rehabilitations- und Hilfseinrichtungen, um die körperlichen, psychischen und sozialen Schädigungen, die sich aus dem Konsum legaler/illegaler Drogen entwickeln können, zu lindern (Harm-Reduction) und Hilfen für das Überleben und das Bearbeiten von alltags- und drogengebrauchsbezogenen Problemen bereitzustellen (vgl. Schneider 2006 ▶ [68]).

2.2 Auswirkungen des Drogenkonsums

Drogenkonsum verursacht – je nach Disposition des Konsumenten, Intensität und Dauer des Konsums und Qualität der Droge(n) – somatische, neurologische und psychische Schäden. Häufig zeigen sich ausgeprägte komorbide Störungen, wie Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, PTBS, Panikstörungen, Phobien und dissoziale Störungen. Nach Thomasius et al. (2001 ▶ [74]) kann insbesondere früher Drogenkonsum verheerende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben, bei dem sich auch Reifungs- und Entwicklungsstörungen zeigen (vgl. Fegert, Häßler 2004 ▶ [50]).

Drogenabhängige leiden unter einem erheblichen Identitätsverlust. Die 5 Säulen der Identität

Leiblichkeit

soziales Netzwerk

Arbeit und Leistung, Freizeit

materielle Sicherheit

Werte und Normen

sind (schwer) geschädigt, vielfach zerstört oder wurden erst gar nicht entwickelt. Ihre soziale Kompetenz, ihre Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit, ihre Fähigkeit, sich selbst und andere wahrzunehmen, zu erfassen, zu verstehen und sich mitzuteilen, ist „verarmt“.

Merke

Dementsprechend muss es in der Suchttherapie um die Integration dissoziierter und abgespaltener Gefühle und Erfahrungsbereiche gehen, mit dem Ziel der Entwicklung einer reifen und stabilen Identität.

Identität entwickelt sich aus der Dynamik des Entwicklungsgeschehens von Lebenslauf und Lebenskontext. „In den unterschiedlichen Phasen (der Entwicklung) und der Veränderung des Lebenskontextes ergeben sich Identitätsstrukturen von unterschiedlicher Komplexität und Qualität“ (Leitner 2010, 4 ▶ [57]), d.h. die Entwicklung der Identität ist in hohem Maße abhängig vom sozialen Kontext, der auf den Menschen „einwirkt“, diesen „beeinflusst“ und die „Ausbildung“ seiner Persönlichkeit ermöglicht (vgl. auch Schay et al. 2009, 134ff ▶ [66]).

2.3 Grundsätze der Suchtrehabilitation

„Das moderne Verständnis der Rehabilitation basiert auf dem Begriff der „Funktionsfähigkeit“ und umfasst bio-psycho-soziale Aspekte, wie sie die Internationale Klassifikation (ICF) der WHO von 2001 definiert. Die ICF ist darauf angelegt, das klassische rein bio-medizinische Krankheitsmodell zu überwinden und den Menschen als handelndes Subjekt (Aktivitäten) und als selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Subjekt in Gesellschaft und Umwelt (Teilhabe) in den Mittelpunkt zu stellen“ (Verein für Jugendhilfe e.V. 2009 ▶ [77]).

Das Konzept zur Umsetzung der Grundsätze der Suchtrehabilitation (und damit auch das der medikamentengestützten Rehabilitation) der Bundesarbeitsgemeinschaft Rehabilitation (BAR) basiert auf der ICF und entspricht damit den Rehabilitationsbedürfnissen suchtkranker Menschen.

„Gegenstand der psychosozialen (und medizinischen Rehabilitation) … ist die mögliche Veränderung der Lebensumstände der Patienten. (Sie) … soll dem Patienten durch geeignete Unterstützungsmaßnahmen in psychischen, sozialen und lebenspraktischen Bereichen helfen, die psychischen und sozialen Folgen der Abhängigkeit … zu erkennen und zu überwinden. … Durch den sozialen und psychischen Fokus wird die psychosoziale (und medizinische Rehabilitation) … als eine Mischform aus Sozial- und Psychotherapie konzipiert und integriert Beratung, … Betreuung … und … Psychotherapie“ (Schöfer, Bartling 2009, 97 ▶ [70]).

Praxis

Sozio- bzw. Sozialtherapie stellt im Kontext mit den psychotherapeutischen Maßnahmen einen Beitrag zum Aufbau eines supportiven sozialen Netzwerks dar, in dem die Hilfsagentur und die in ihr arbeitenden professionellen Bezugspersonen Teile dieses Netzwerks werden, d.h. alle Maßnahmen müssen aufeinander abgestimmt sein und einen mittel- bis langfristigen Betreuungsprozess gewährleisten, um die Ziele der sozialen und medizinischen Rehabilitation erreichen zu können (vgl. Petzold, Sieper, Schay 2001 ▶ [60]).

2.4 Leistungen des SGB IX

Das SGB IX verdeutlicht den umfassenden Teilhabebedarf, dem Leistungen zur Rehabilitation dienen (sollen). Die Leistungen des SGB IX zielen darauf ab,

„eine Behinderung abzuwenden, zu beseitigen, zu mindern, ihre Verschlimmerung zu verhüten oder die Folgen zu mildern,

Einschränkungen der Erwerbsfähigkeit oder Pflegebedürftigkeit zu vermeiden, zu überwinden, zu mindern oder eine Verschlimmerung zu verhüten, (…)

die Teilhabe am Arbeitsleben entsprechend den Neigungen und Fähigkeiten dauerhaft zu sichern oder

die persönliche Entwicklung ganzheitlich zu fördern und die Teilhabe am Leben der Gesellschaft sowie eine möglichst selbstständige und selbst bestimmte Lebensführung zu ermöglichen oder zu erleichtern“ (§ 4 SGB IX).

Das Oberverwaltungsgerichts Hamburg hat mit seinem Beschluss vom 11.04.2008 den Rechtsanspruch auf psychosoziale Unterstützungsmaßnahmen im Rahmen der Substitutionsbehandlung als Leistungen im Sinne des § 53 Abs. 2 Satz 2 SGB XII zur Integration und Teilhabe an der Gesellschaft hervorgehoben (vgl. Gerlach, Stöver 2009, 23 ▶ [52]).

Auf der Basis dieser rechtlichen Rahmenbedingungen wird Suchthilfe bzw. Rehabilitation Abhängigkeitskranker „als Begleitung eines Prozesses (verstanden), in dessen Verlauf … (sich) der Schwerpunkt der (Maßnahmen) … nicht … auf die individuellen Defizite … (richtet), (sondern) … auf die Leistungen und Fähigkeiten (des Patienten)“ (FDR 2006, 45 ▶ [48]). „Je eingeschränkter das Spektrum an Bewältigungsstrategien ist, das sich eine Person im Laufe ihres bisherigen Lebens anzueignen imstande war, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns. … Solche Menschen sind oft außerstande, adäquate Lösungsstrategien für … Herausforderungen zu finden (und) … neigen … dazu, ihre Ängste und die damit einhergehende unkontrollierbare Stressreaktion durch Rückgriff auf die einmal von ihnen entwickelten selbstmanipulativen Bewältigungsstrategien kontrollierbar zu machen“ (Hüther, Pilz 2010, 6 ▶ [53]).

2.5 Ausrichtung der Leistungsangebote auf die Medizin

Natürlich ist auch auf die Gefahren einer übermäßigen Medizinalisierung der Drogenhilfe hinzuweisen. Festzustellen ist, dass eine berufs-, sektor- und institutionsübergreifende Kooperation zumindest in Teilbereichen auf erhebliche Widerstände stößt. „Ein Beispiel dafür ist die mitunter von ärztlicher Seite vorgetragene Haltung, dass es im alleinigen Kompetenzbereich der Medizin liege, zu entscheiden, ob eine Indikation für weiterführende psychologische und soziale Hilfen besteht“ (Michels 2009, 43 ▶ [58]).

Praxis

Ausgeweitete Substitutionsprogramme, z.B. die Einrichtung von Konsumräumen oder drogentherapeutischen Ambulanzen wie auch Projekte zur Originalstoffvergabe, erschweren eher eine weitere Normalisierung der Lebens- und Konsumbedingungen drogengebrauchender Menschen. Am Beispiel der inzwischen in NRW aufgebauten Drogentherapeutischen Ambulanzen (DTA) kann es nach „medizinischer Indikation“ eine „einzelfallbezogene“ Konsummöglichkeit für „schwerstabhängige Drogenkranke“ geben (Projektbeschreibung 2/98). Dieses Projekt der Landesregierung in NRW macht deutlich, welche Auswirkungen sich aus einer immer stärkeren Medizinalisierung der Drogenhilfe ergeben (können). Das Konzept entfernt sich weit von einer Normalisierung und gibt drogengebrauchenden Menschen erst dann die Möglichkeit, straffrei zu konsumieren, wenn sie den Status der „Schwerstabhängigkeit“ erreicht haben.

Ein weiteres Beispiel: Beim Modell der staatlich kontrollieren Originalstoffvergabe soll, wie zuvor bei der Methadon-Substitutionsbehandlung, genauestens selektiert werden. Sog. „Schwerstabhängige“ mit finalen Krankheitszuständen, die die unterste Stufe der „Suchtkarriere“ erreicht haben, gleichzeitig die Erfolglosigkeit anderer Behandlungsmethoden nachweisen können, haben die Möglichkeit, bei gleichzeitiger verpflichtender psychosozialer Begleitung an dem Modellversuch teilzunehmen. Schmidt-Semisch (1994 ▶ [67]) spricht hier vom „staatlich registriertem und kontrolliertem Kranken“. Durch die für alle anderen drogengebrauchenden Menschen weiterhin fortbestehende Verbotspolitik würden demnach immer wieder neue „hoffnungslose Fälle“ geschaffen. Erst wenn sie dann „schwerstabhängig“ geworden sind, kämen sie möglicherweise in den „Genuss“ einer Originalstoffvergabe. Ähnliches kennen wir bereits aus der Substitutionspraxis und ändert nichts an der grundlegenden Situation von Drogengebrauchern.

2.6 Schlussbemerkungen

Hüther und Pilz (2010, 6f ▶ [53]) kommen zu dem Schluss, dass Versuche, das sog. Suchtgedächtnis durch „pharmakologische Eingriffe“ auflösen zu wollen, „wenig sinnvoll“ sind, da hierdurch „bestenfalls“ erreicht wird, „dass der bisher eingesetzte Suchtstoff nicht mehr wirkt“, aber das „Grundproblem des Suchtpatienten – sein Mangel an Ressourcen zur Lebens- und Problembewältigung – damit nicht behoben“ wird. „Nur die regelmäßig erlebte Bedeutsamkeit der eigenen Person im sozialen Kontext und die Erfahrung aktiv gelebter Individualität versetzen einen Menschen in die Lage, auch in der Folge belastender Lebensabschnitte und Krisen, als selbstbestimmte und handlungskompetente Persönlichkeit auftreten zu können.“

Die „Optimierung der Versorgung Suchtkranker … (ist nur dadurch) zu erzielen, … dass mehr Betroffene … durch Behandlungsmaßnahmen erreicht werden und die Schnittstellenprobleme zwischen den verschiedenen Versorgungssektoren (des) Gesundheitssystems überwunden werden“ (Lindenmeyer2010, 26 ▶ [58]).

Die Vernetzung der verschiedenen Akteure ist das entscheidende Kriterium, um das Versorgungsystem (von den niedergelassenen Ärzten, über Maßnahmen der Frühintervention in Beratungsstellen, z.B. FRED, die Regelversorgung in den Krankhäusern bis zu den Maßnahmen der sozialen und medizinischen Rehabilitation) nicht nur effektiv gestalten, sondern die Klientel möglichst frühzeitig erreichen zu können (vgl. Dyckmans 2010 ▶ [48]).

Nach Straub und Happel (2011, 234 ▶ [73]) muss „akzeptierende“ Drogenhilfe i.S. „intermittierender“ Karrierebegleitung ihre Leistungsangebote um Angebote der (Über-)Lebenshilfe erweitern, d.h.

ein Menschenbild „pflegen“, dass Akzeptanz und nicht Ausschluss als handlungsleitendes Prinzip hat,

die Klientel zu Veränderung(sbereitschaft) auffordern,

Angebote (z.B. KISS) vorhalten, die den eigenen Drogenkonsum hinterfragen und

abstinenzorientierte und medikamentengestützte Angebote anbieten.

Einrichtungen, die ihre „Angebote in diesem Sinne erweitern“ wollen, müssen sich „mit den Zielen der eigenen Arbeit auseinandersetzen und diese weiterentwickeln“. Damit verbunden ist, „der Abschied von einer Drogen- und Suchtpolitik, die zwischen legalen und illegalen Drogen unterscheidet. … von Doppelmoral und einer fundamental unterschiedlichen Behandlung der … Konsumentengruppen. … Ohne eine Veränderung der … Rahmenbedingungen ist … keine innovative, auf Integration zielende Suchtkrankenhilfe möglich“ (Stöver 2011, 35ff ▶ [72]).

2.7 Literatur

[44] BAR Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation. ICF – Praxisleitfaden 2. Trägerübergreifende Informationen und Anregungen für die praktische Nutzung der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) in medizinischen Rehabilitationseinrichtungen; 2008. Im Internet: www.bar-frankfurt.de/upload/ICF2.72dpi_421.pdf; Stand: 20.07.2010

[45] Bossong H. Integrierten Drogenpolitik und Drogenarbeit; 2008. Im Internet: www.drogenkonferenz.de/fileadmin/reden/008_Horst_Bossong-Frankfurter-drogenkongressl.pdf; Stand: 27.04.2013

[46] Brandt C. Soziale Formen psychotherapeutischen Verstehens. Heidelberg: Psychotherapeutenverlag Huthig Jehle Rehm; Psychotherapeutenjournal 2010; 381–389

[47] Bundessozialgericht. Terminbericht Nr. 31/07, Urteil vom 26.06.07, Az.: B1 KR 36/06 R; 2007. Im Internet: juris.bundessozialgericht.de/cgi-bin/rechtsprechung; Stand: 27.04.2013

[48] Dyckmans M. Daten zur Rauschgiftkriminalität und zu den Drogentoten 2010 in Deutschland. Gemeinsame Pressemitteilung der Drogenbeauftragten der Bundesregierung und des Bundeskriminalamtes; 2010. Im Internet: www.bmg.bund.de/fileadmin/redaktion/Drogen_und_Sucht/pdf/11–03–24_PM_mit_BKA_Drogentote_RGKriminalitaetFINAL.pdf; Stand: 27.04.2013

[49] Fachverband Drogen und Rauschmittel (FDR) e.V. Grundlagen der Suchthilfe. fdr-texte. Hannover; 2006

[50] Fegert JM, Häßler F. Geistige Behinderung und seelische Gesundheit. Kompendium für Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter und Pflegekräfte. Stuttgart: Schattauer; 2004

[51] Gegenhuber B, Spirig H. Substitutionsbehandlung im österreichischen Strafvollzug. In: akzept e.V., DAH et al., Hrsg. Dokumentation der 4. Europäischen Konferenz zur Gesundheitsförderung in Haft. Berlin; 2009: 26–42

[52] Gerlach R, Stöver H. Inhalte, Bedeutung, Stellenwert, Organisation und Finanzierung von psychosozialer Betreuung im Rahmen von Substitutionsbehandlungen – eine Zwischenbilanz. In: Gerlach R, Stöver H, Hrsg. Psychosoziale Unterstützung in der Substitutionsbehandlung. Freiburg: Lambertus-Verlag; 2009: 15–34

[53] Hüther G, Pilz J. Der Mensch ist mehr! Grenzen einer neurobiologisch orientierten Sicht auf Sucht. Sucht Aktuell, Zeitschrift des Fachverbandes Sucht e.V. 2010; 17(02): 5–7

[54] Justizvollzugsanstalt (JVA) Willich. Konzept ZaRa. Willich; 2009

[55] Keupp H. Prekäre Verortungen in der Spätmoderne. Zum Patchwork Personaler und Kollektiver Identitäten. Integrative Therapie 2010; 36(1)

[56] Landesregierung NRW. Positionspapier zur Einrichtung von Drogentherapeutischen Ambulanzen 2/98. Düsseldorf; 1998

[57] Leitner A. Identität in Therapie und Beratung. Integrative Therapie 2010; 36(1)

[58] Lindenmeyer J. Sinn und Unsinn von Fallgruppen in der Suchtrehabilitation. Sucht aktuell, Zeitschrift des FVS 2010; 17(2): 26–31

[59] Michels II. Substitutionsbehandlung für Opiatabhängige und psychosoziale Betreuung aus historischer Perspektive – wie kam die PSB zur Substitution? In: Gerlach R, Stöver H, Hrsg. Psychosoziale Unterstützung in der Substitutionsbehandlung. Freiburg: Lambertus; 2009: 15–34

[60] Petzold HG, Sieper J, Schay P. Curriculum Sozialtherapie Schwerpunktbildung. Suchtkrankenhilfe im Verfahren Integrative Therapie/Gestalttherapie. Europäische Akademie für psychosoziale Gesundheit. Hückeswagen; 2001

[61] Petzold HG. Wissenschaftsbegriff, Erkenntnistheorie und Theorienbildung der „IntegrativenTherapie“ und ihrer biopsychosozialen Praxis für „komplexe Lebenslagen“ (Chartacolloquium III). Düsseldorf/Hückeswagen: Europäische Akademie für Psychosziale Gesundheit; 2000h

[62] Petzold HG, Schay P, Hentschel U. Niedrigschwellige und karrierebegleitende Drogenarbeit als Elemente einer Gesamtstrategie der Drogenhilfe. In: Petzold HG, Schay P, Ebert W, Hrsg. Integrative Suchttherapie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften; 2004: 79–107

[63] Petzold HG, Scheiblich W, Thomas G. Drogentherapie – Entwicklung, Formen, Methoden, Wirkungen. In: Petzold HG, Schay P, Ebert W, Hrsg. Integrative Suchtarbeit. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften; 2006

[64] Pfeiffer-Gerschel T, Kipke I, Flöter S, Karachaliou K. Bericht 2010 des nationalen REITOX-Knotenpunktes an die EBDD Deutschland. Neue Entwicklungen, Trends und Hintergrundinformationen zu Schwerpunktthemen. München; 2010. Im Internet: www.dbdd.de/images/dbdd_2010_bericht_reitox_report_2010_deutsch.pdf

[65] Sander G. Stellenwert und Notwendigkeit der PSB aus Sicht des Psychiaters. In: Gerlach R, Stöver H, Hrsg. Psychosoziale Unterstützung in der Substitutionsbehandlung. Freiburg: Lambertus; 2009: 15–34

[66] Schay P, Liefke I. Die fünf Säulen der Identität in der IT. Sucht und Trauma. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften; 2009

[67] Schmidt-Semisch H. Die prekäre Grenze der Legalität. DrogenKulturGenuss. München; 1994

[68] Schneider W. Was ist Niedrigschwellige Drogenhilfe? Im Internet: www.indro-online.de/nda.htm; Stand: 31.10.2006

[69] Schneider W. Entwicklungsbegleitende, psychosoziale Unterstützung von Substituierten als moderierendes Empowerment. Das Modell Münster. In: Gerlach R, Stöver H, Hrsg. Psychosoziale Unterstützung in der Substitutionsbehandlung. Freiburg: Lambertus; 2009: 15–34

[70] Schöfer G, Bartling A. Psychosoziale Betreuung. Ideologische Chimäre oder konkrete substitutionsbegleitende Hilfen. In: Gerlach R, Stöver H, Hrsg. Psychosoziale Unterstützung in der Substitutionsbehandlung. Freiburg: Lambertus; 2009: 15–34

[71] SGB Office – Gesamtkommentar zum Sozialgesetzbuch. Haufe Office Line. CD-Rom, Version 8.1, 01; 2006

[72] Stöver H. Drogenpolitik und Drogenarbeit. Wandel tut not. In: Schäffer D, Stöver H, Hrsg. Drogen-HIV/AIDS-Hepatitis. Ein Handbuch. Berlin: Deutsche AIDS-Hilfe e.V.; 2011: 30–45

[73] Straub C, Happel H-V. KISS – Kompetenz im selbstbestimmten Substanzkonsum. In: Schäffer D, Stöver H, Hrsg. Drogen-HIV/AIDS-Hepatitis. Ein Handbuch. Berlin: Deutsche AIDS-Hilfe e.V.; 2011: 224–235

[74] Thomasius R et al. Anhaltende neurotoxische Schäden durch Ecstasy. Dt. Ärzteblatt 2001; 98(47): A-3132

[75] Thomasius R et al. Suchtstörungen. In: Herpertz-Dahlmann B, Resch F, Schulte-Markwort M, Warnke A. Entwicklungspsychiatrie – Biopsychologische Grundlagen und die Entwicklung psychischer Störungen. Stuttgart: Schattauer; 2003: 693–726

[76] Vereinte Dienstleistungsgesellschaft (ver.di). Das Ende der Akzeptierenden Drogenarbeit? Eine Veröffentlichung der Betriebsgruppe Jugendhilfe; 2010. Im Internet: gesundheit-soziales.hamburg.verdi.de/drogenhilfe; Stand: 27.04.2013

[77] Verein für Jugendhilfe e.V. Die Zukunft der Rehabilitationsbehandlungen Drogenabhängiger und „Anforderungsprofile“ der DRV. Böblingen; 2009

[78] Westfälische Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (WAG). Reduzierung der Regeltherapiedauer bei stationären und ganztägig ambulanten Leistungen für Abhängigkeitskranke. Münster; 2010

[79] WHO, Hrsg. Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information, DIMDI. WHO-Kooperationszentrum für das System Internationaler Klassifikationen. Frankfurt; 2005. Im Internet: www.dimdi.de/dynamic/de/klassi/downloadcenter/icf_endfassung-2005–10–01.pdf; Stand: 23.06.2010

3 Integrative Arbeit mit suchtmittelkonsumierenden und -abhängigen Jugendlichen im Strafvollzug

Peter Schay, Frank Sichau

„Das Mögliche ist beinahe unendlich, das Wirkliche streng begrenzt, weil doch nur eine von allen Möglichkeiten zur Wirklichkeit werden kann. Das Wirkliche ist nur ein Sonderfall des Möglichen und deshalb auch anders denkbar. Daraus folgt, dass wir das Wirkliche umzudenken haben, um ins Mögliche vorzustoßen“ (Friedrich Dürrenmatt, Justiz).

3.1 Integrative Arbeit mit suchtmittelkonsumierenden und -abhängigen jungen Menschen

Der frühe Konsum von Drogen unterstützt die Verfestigung dissozialer Verhaltensweisen, wobei der Konsum von Alkohol in besonders enger Beziehung zu dissozialem Verhalten (z.B. Gewalt) steht (vgl. Landtag NRW 2010, 28 ▶ [116]). Auch beeinträchtigt hoher Alkoholkonsum bei Jugendlichen „kognitive Leistungen, wie Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Impulskontrolle, Handlungsplanung und abstraktes Denken … (und) je früher (sie) … mit dem Konsum von Alkohol beginnen, desto größer das Risiko“ (BZgA 2011a, 1f ▶ [95]). Meier et al. (2012 ▶ [118]) begleiteten 1004 Probanden aus allen sozialen Schichten vom Kindes- bis ins Erwachsenenalter (7–38 Jahre) und kamen in ihrer im „Proceedings of the National Academy of Sciences“ veröffentlichten Studie zu dem Ergebnis: War kein Konsum gegeben, stieg der IQ in dieser Zeit leicht an; bei Konsum über drei oder mehrere Jahre verschlechterten sich die geistigen Fähigkeiten deutlich um bis zu sechs IQ-Punkte. Auch bei Teilnehmern, die ihren Cannabis-Konsum nach der Jugend reduzierten oder ganz einstellten, blieben die geistigen Fähigkeiten eingeschränkt. Damit unterstützen die Ergebnisse der Studie die Annahme, dass Cannabis neurotoxisch wirkt und bleibende Schäden hinterlässt.