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Agent Null Null Ahnung
Federico, genannt Fede, weiß genau eine Sache: dass er NICHTS weiß. Zum Beispiel, wieso ausgerechnet er auf diesem Superinternat für Nachwuchsagenten gelandet ist – noch dazu in Mailand. Cool ist, dass statt Mathe jetzt Klettern, Schleichen und virtuelle Trainingseinsätze auf dem Stundenplan stehen. Blöd ist, dass er seine Eltern nicht besuchen darf. Doch kaum ist Fede halbwegs angekommen, geht der erste Alarm los: CODE 1! Auf die Nachwuchsagenten wartet ein richtig großes Ding … Zum Glück lernt Fede Lucia kennen, die immer die besten Ideen hat, um einen Ausweg aus kniffligen Situationen zu finden.
Auftakt der neuen spannenden Agentenreihe von Sven Gerhardt – für Jungs und Mädchen ab 9 Jahren!
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Seitenzahl: 147
Veröffentlichungsjahr: 2026
Sven Gerhardt
Aus Versehen Agent
Mit Illustrationen von Vera Schmidt
Für AlexA sto mond ghe vœur di bon amis.In dieser Welt braucht man gute Freunde.
Sprichwort aus Mailand
Prolog
1 Soll das ein Scherz sein?
2 Luxus und Hightech
3 Die Rettung der Welt?
4 Konsole oder Konservatorium?
5 Essen, Essen und nochmals Essen
6 Käsefüße
7 Opa ist weg!
8 Bella Stracciatella
9 Code 1
10 Angstschweiß und Herzklopfen
11 Schulausflug
12 Regel Nummer 13 … oder 31?
13 Stromausfall
14 Alles gelogen?
15 Echte Freunde
16 Alles Gute kommt von oben
17 Auf der Flucht
18 Geheime Informationen
19 Vier Chamäleons
20 Ein fliegendes Buch
21 Angekommen
Epilog
Agentin A setzt zum Sprung an, obwohl die Mauer, auf der sie steht, mindestens zwei Meter hoch ist. Sie hat keine Wahl. Ihre Verfolger sind ihr dicht auf den Fersen. Gekonnt rollt sie sich auf dem Rasen ab, bleibt mit ihrer Jacke jedoch an einem Ast voller Dornen hängen. Um keine Zeit zu verlieren, lässt sie die Jacke zurück. Zu schade, denn es war ihr liebstes Kleidungsstück.
Ohne sich umzudrehen, stürmt sie die Straße hinunter. Sie ist die mit Abstand Schnellste der ganzen Akademie. Ihren wachen Augen entgeht nichts. An einer roten Ampel gegenüber steht ein Taxi. Sie rennt über die stark befahrene Straße, Autos hupen, Motorrollerfahrer weichen ihr schimpfend aus.
Sie reißt die Tür des Taxis auf. »Corso Magenta, schnell!«, japst sie.
Der Taxifahrer wirft ihr einen fragenden Blick durch den Rückspiegel zu. Doch als die Ampel auf Grün springt, fährt er los.
Nun wagt Agentin A einen Blick zurück. Ihre Verfolger stehen wild gestikulierend am Straßenrand. Das ist noch einmal gut gegangen.
»Wer keinen Kopf hat, hat Beine«, flüstert sie ein altes Sprichwort und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Dann lacht sie. »Gut, dass ich beides habe.«
Man könnte meinen, dass alles mit einem Scherz seines arbeitslosen Vaters begann. Die lustig gemeinte Angabe auf einem Dokument beim Arbeitsamt wäre zumindest eine denkbare Erklärung dafür, dass sich Fedes Zukunft auf eigenartige Weise änderte. Und nicht nur seine, sondern auch die seiner Eltern, eines Teams junger Agenten und einer Horde Krimineller. Wäre die Welt heute eine andere, wenn Fedes Vater seine korrekte Berufsbezeichnung auf das Formular gekritzelt hätte?
Anstatt Kaufhausdetektiv in das Feld Beruf zu notieren, schrieb Lorenzo Ancelotti jedenfalls einfach verschmitzt grinsend Geheimagent auf die dünne schwarze Linie.
Nur wenige Wochen später machte Fede sich gemeinsam mit seinen Eltern vom Süden Italiens auf den Weg Richtung Norden. Ihr Ziel war die AGAS, ein Internat für angehende Geheimagenten. Die Ancelottis hatten nämlich ein seltsames Paket erhalten. Neben einem Agentenhandbuch befand sich darin folgender Brief:
– AGAS –Accademia dei giovani agenti segretiAkademie für angehende Geheimagenten
Sehr geehrte Familie Ancelotti,
mit Freude setzen wir Sie hiermit in Kenntnis, dass wir Federico Ancelotti für ein Vollzeit-Stipendium an unserer renommierten AGAS ausgewählt haben. Die Ausbildungsdauer beträgt zunächst ein Jahr. Bei besonderem Talent und exzellenter Entwicklung kann das Stipendium verlängert werden. Kosten für die Ausbildung, die Unterkunft und die Verpflegung fallen für Sie nicht an.
Das neue Schuljahr im Internat beginnt am 5. September. Wir bitten Sie, sich an diesem Tag um 14 Uhr bei uns einzufinden. Alle Formalitäten werden wir aus Sicherheitsgründen hier vor Ort erledigen. Bitte bestätigen Sie uns die Annahme des Stipendiums durch einen Anruf innerhalb der nächsten 24 Stunden. Wir bitten Sie ab sofort außerdem um absolute Verschwiegenheit.
Mit freundlichen Grüßen aus Mailand
Professoressa Agata Maldini
– Schulleiterin –
PS: Das beigefügte Handbuch ist vor Antritt der Ausbildung gründlich von Federico zu studieren.
* * *
»Hier muss es irgendwo sein«, sagte Fedes Vater, als er am frühen Nachmittag des 5. Septembers mit dem verbeulten Fiat Uno in den Corso Magenta abbog. Sofort zog ein aufgeregtes Gefühl durch Fedes Bauch. In wenigen Minuten würde er den Ort kennenlernen, an dem er für die nächsten zwölf Monate leben würde. Fernab seiner Eltern, aber in unmittelbarer Nähe seiner abgedrehten Nonna Agnese, die auf keinen Fall erfahren durfte, was für eine Art Schule er da besuchte.
Fedes Vater quetschte das Auto in die letzte winzige Parklücke der viel befahrenen Straße.
»Da sind wir – willkommen in Mailand!«, posaunte er und setzte feierlich seine Baseballkappe mit dem Schriftzug Milano auf. Er stieg aus dem Wagen und nahm einen tiefen Atemzug. »Der Duft meiner Heimat, die nun auch deine sein wird.« Er sah Fede strahlend an. »Du wirst es lieben!«
Fede hob seine schwere Reisetasche aus dem Kofferraum und ließ seinen Blick durch die große Straße schweifen. Die Häuser waren riesig und obwohl sie wahrscheinlich sehr alt waren, sahen sie überhaupt nicht heruntergekommen aus. Eher schick und sogar ein wenig majestätisch.
Fedes Mutter war froh, dass sie ihr bestes Kleid angezogen hatte. Das war zwar schon fast zwanzig Jahre alt, aber sie wusste, dass man sich für Mailand, der Hauptstadt der Mode, schick machen musste.
»Mir nach!«, rief Fedes Vater, der bester Laune war. Fede trottete gemeinsam mit seiner Mutter hinter ihm her. Die gute Stimmung des Vaters wollte sich nicht so richtig auf die beiden übertragen. Zudem lag die Spätsommerhitze wie eine viel zu warme Decke über der Stadt und in der Straße herrschte lautes Getöse.
Sie durchschritten den Torbogen eines Palazzos, dessen Fenster in der untersten Etage mit verzierten Metallstäben vergittert waren. Nach wenigen Schritten standen sie in einem wunderschön gepflasterten Innenhof, in dem überraschenderweise fast nichts mehr vom Lärm der Straße zu hören war. Der Schatten der hohen Mauern sorgte zudem für etwas Kühlung. Im linken Gebäude schien der Eingang des Internats zu sein. Auf dem Dach thronte ein kleines Türmchen mit einer Uhr, die allerdings nicht funktionierte. Überhaupt schien hier die Zeit stehen geblieben zu sein. Das Haus sah aus wie ein Schulgebäude aus einer weit zurückliegenden Vergangenheit, aber es gefiel Fede. Auch seine Mutter blickte sich mit großen Augen um.
Der Vater war ohnehin verzückt. »Seht euch das an … wie eine alte herrschaftliche Villa!« Die große, hellblaue Holztür des Gebäudes stand offen.
»Für eine Geheimagenten-Schule nehmen sie es mit der Sicherheit ja nicht so ernst«, meinte Fede, als sie einfach so durch die Tür spazierten. Doch im nächsten Moment wurde er eines Besseren belehrt.
Die blaue Tür verschloss sich augenblicklich und die drei befanden sich nun in einem völlig abgeriegelten Raum. Grüne, laserartige Strahlen scannten die Eindringlinge ab und auf einem Monitor an der Wand sahen sie nun die Silhouetten ihrer Körper wie in der Sicherheitsschleuse eines Flughafens. Der Inhalt von Fedes Reisetasche war ebenfalls deutlich zu erkennen.
Unter den Körperabbildungen waren etliche Daten eingeblendet: Temperatur, Größe, Gewicht und solche Sachen. Fedes Vater zuckte beim Anblick seiner Werte zusammen und zog den Bauch ein.
Nun ertönte eine freundliche Stimme aus einem unsichtbaren Lautsprecher.
»Herzlich willkommen in der AGAS, Familie Ancelotti. Sie dürfen nun die Sicherheitszone 2 betreten.«
Vor ihnen öffnete sich schleusenartig die Wand und gab den Blick in einen Saal frei, der wie die Lobby eines Nobelhotels aussah. Überall standen schicke Sofas, Sessel und Beistelltische herum. Die hohe Decke des klimatisierten Raums war mit Stuck verziert und in den Ecken standen Skulpturen aus Marmor. Fedes Vater drehte sich ein paar Mal um die eigene Achse und bekam seinen Mund vor lauter Staunen gar nicht mehr zu.
Am Ende des Saals befand sich eine Theke, von der aus ihnen ein elegant gekleideter Mann mit einem ultraweißen Zahnpastalächeln zuwinkte.
»Hereinspaziert!«, sagte er. »Nehmen Sie Platz und fühlen Sie sich wie zu Hause. Professoressa Maldini wird gleich bei Ihnen sein. Darf ich Ihnen in der Zwischenzeit etwas zu trinken bringen?«
Der Vater verlangte sofort nach einem Espresso und nach einigem Zögern baten Fede und seine Mutter schüchtern um ein Glas Wasser. Weder die Getränke noch die Professoressa ließen lange auf sich warten. Die zierliche kleine Frau, die komplett in Schwarz gekleidet war und eine ebenso schwarze Sonnenbrille trug, reichte zunächst Fedes Eltern ihre dünne, faltige Hand. »Guten Tag. Schön, dass Sie da sind. Ich bin Professoressa Maldini.« Sie musterte Fedes Eltern und ihr Blick blieb an der Kappe von Fedes Vater und dem Kleid von Fedes Mutter hängen. »Hervorragende Tarnung! Man könnte Sie beide glatt für typische Touristen halten.«
Fedes Eltern sahen sich verwirrt an. Doch bevor sie etwas entgegnen konnten, wandte sich die Professoressa Fede zu.
Dieser versuchte zu schätzen, wie alt die Dame wohl war. Er tippte auf über 70, auch wenn ihr knallroter Lippenstift ihn zweifeln ließ. Als sie ihre Sonnenbrille abnahm, kamen kleine, aber hellwache und freundliche Augen zum Vorschein. Die Dame reichte Fede die Hand und er war überrascht von ihrem festen Händedruck. »Du bist also Federico«, sagte sie lächelnd. »Schön, dich endlich kennenzulernen. Wir setzen große Hoffnungen in dich.«
»Okay …«, murmelte Fede überrascht. Er hatte keine Ahnung, was sie damit meinte.
Die Professoressa legte nun die Arme um Fedes Eltern und schob sie in Richtung Theke. »Es müssen noch ein paar Formalitäten erledigt werden«, sagte sie und deutete zu dem grinsenden Mann. »Carlo steht Ihnen dafür zur Verfügung. Es dauert nicht lange. Danach dürfen Sie sich von Ihrem Sohn verabschieden. Der Rest des Hauses ist leider nur für das Personal und für unsere Schülerinnen und Schüler zugänglich. Aus Sicherheitsgründen, was Sie bestimmt verstehen können. Ich muss mich nun leider schon wieder von Ihnen verabschieden. Auf Wiedersehen und eine gute Heimreise!«
Fedes Eltern nickten und sein Vater fragte schnell noch, ob er einen weiteren Espresso bekommen könnte. Die Professoressa gab Carlo ein Handzeichen, der sofort in Richtung Kaffeemaschine verschwand.
»Wir sehen uns später noch in meinem Büro«, sagte die Professoressa abschließend zu Fede und war so schnell verschwunden, wie sie gekommen war. Carlo brachte nun den Espresso und einen Stapel Formulare.
»Wir telefonieren jeden Tag, okay?«, sagte zehn Minuten später Fedes Mutter, der ein paar Tränen die Wange herunterrollten. Sie umarmte ihren Sohn und wollte ihn am liebsten gar nicht mehr loslassen. Bis zuletzt war sie dagegen gewesen, dass Fede wegziehen würde. Nun hoffte sie inständig, dass diese Schule eine neue Chance für ihn sein würde. Seine Noten waren im vergangenen Schuljahr nämlich bedenklich Richtung Keller gerauscht.
»Wir sind unglaublich stolz auf dich«, sagte Fedes Vater und schloss sich der Umarmung an. »Du schaffst das! Und wenn es mal Probleme gibt, ist Nonna Agnese ja nicht weit weg. Sie wird sich in den nächsten Tagen bei dir melden.«
»Alles klar«, sagte Fede und musste sich nun ebenfalls die Tränen aus dem Gesicht wischen. »Bis bald!«
»Ja, bis bald!«, sagten seine Eltern im Chor und im nächsten Moment schloss sich die Sicherheitsschleuse. Fede war auf sich allein gestellt. Er hoffte sehr, dass das hier nicht der größte Fehler seines Lebens war.
»Ich zeig dir erst mal dein Zimmer, damit du dort deine Sachen abstellen kannst«, sagte Carlo und führte Fede über einen Innenhof zu einem sandsteinfarbenen, viergeschossigen Gebäude. Im Eingangsbereich drückte er auf den Knopf des Fahrstuhls. Dabei blickte er in einen Augenscanner, der durch das Aufleuchten eines grünen Häkchens sofort bestätigte, dass ihm der Zutritt gestattet war.
Der Aufzug passte zu Fedes erstem Eindruck des Internats. Alles erinnerte ihn mehr an ein Luxushotel als an eine Schule. Die verspiegelte Kabine war hell erleuchtet und die Knöpfe zur Auswahl der Etage glänzten golden. Auch der marmorierte Boden war supersauber.
Sie stiegen in der dritten Etage aus und Fede folgte Carlo durch einen langen, mit Teppichboden ausgelegten Korridor.
»Hier ist es«, sagte Carlo schließlich und deutete auf eine Tür. Auf einer goldenen Plakette war die Zimmernummer 312 zu lesen. »Du teilst dir dein Appartement mit Vince. Der hat aber gerade Unterricht. Du lernst ihn später kennen.«
Auch diese Tür verfügte über einen Augenscanner. Carlo zückte ein Smartphone, startete darauf eine App und bat Fede, nun für einige Sekunden in den Scanner zu blicken.
»Das war’s schon«, sagte er und ließ das Smartphone wieder in seiner Tasche verschwinden. »Ab sofort kannst du die Tür mit deinen Augen öffnen.«
Und tatsächlich – als Fede erneut in den Scanner blickte, hörte man, wie sich das Türschloss entriegelte.
»Ich hole dich in einer Viertelstunde wieder ab«, sagte Carlo. »Dann zeige ich dir den Rest des Internats und bringe dich anschließend zu Professoressa Maldini.«
Fede öffnete die Tür und betrat den Raum, der offensichtlich noch nicht das eigentliche Zimmer, sondern ein kleiner Flur war. Auf dem Boden lagen verschiedene Sneaker-Paare verstreut. Fede erkannte sofort, dass es sich dabei um sehr teure Modelle handelte.
Die linke Tür führte in ein Badezimmer. Beim Betreten ging das Licht automatisch an und Fede fand sich in einem Raum wieder, der mindestens so groß war wie sein Zimmer zu Hause. Alles war vom Feinsten. Um das zu erkennen, musste man nun wirklich kein Experte sein: Das Waschbecken hatte einen goldenen Wasserhahn, in dem hellen Fliesenboden konnte man sich spiegeln und die Dusche verfügte über verschiedene Funktionen, die sich mit unzähligen Reglern steuern ließen. Allerdings schien es sein Mitbewohner mit der Ordnung nicht so genau zu nehmen. Auf dem Boden waren Klamotten verstreut, eine Zahnpastatube lag offen herum und am Rand des Waschbeckens hing ein tropfendes Handtuch.
Fede ging zurück in den Flur und öffnete die rechte Tür. Er hatte sich in den letzten Tagen schon oft überlegt, wie sein Zimmer im Internat wohl aussehen würde. Meistens dachte er an Räume wie die in einer Jugendherberge. Ein klappriges Bett, ein kleiner Tisch und ein wackliger Stuhl. Was er nun allerdings vorfand, hatte mit seiner Vorstellung rein gar nichts zu tun. Der Raum war ungefähr doppelt so groß wie das Wohnzimmer der Ancelottis, ausgelegt mit einem dunkelblauen Teppich mit goldenen Verzierungen. In jeder Hälfte des Zimmers gab es einen Sessel mit Beistelltisch, ein großzügiges Bett, eine Kommode mit Leselampe, einen antiken Schrank und einen Schreibtisch, an dem locker drei Personen Platz gehabt hätten. An der Wand gegenüber der Betten hing ein Fernseher in der Größe einer Terrassentür. Fede kam aus dem Staunen nicht heraus. Er stellte seine Reisetasche auf dem Boden neben dem Bett ab, das frisch gemacht war. Das Bett seines Mitbewohners gegenüber sah hingegen aus, als hätten dort zwei Monster eine Kissenschlacht veranstaltet.
Fede ließ sich auf den Sessel plumpsen und musste erst mal tief durchatmen. Das hier würde also sein Zuhause für die nächsten zwölf Monate sein. Es gab auf jeden Fall schlimmere Orte, so viel stand fest. Ob er sich hier wohlfühlen würde, hing aber vor allem davon ab, ob er sich mit seinem Mitbewohner Vince verstand. Fede konnte es kaum erwarten, ihn kennenzulernen.
Pünktlich auf die Minute klopfte Carlo an die Zimmertür. Fede wäre gerne noch ein wenig auf dem Sessel sitzen geblieben, um all die neuen Eindrücke zu verarbeiten. Aber er war natürlich auch neugierig darauf, den Rest des Internats zu sehen.
»Sind hier in dem Gebäude alle Kinder untergebracht?«, wollte Fede wissen, als sie den Korridor entlang zurück zum Aufzug gingen.
Carlo nickte. »Aber nur in der zweiten und dritten Etage. In der ersten Etage sind die Aufenthaltsräume. Da gibt es Billardtische, Tischtennisplatten, ein Kinozimmer und solches Zeug. Und im Erdgeschoss ist der Speisesaal. Da finden alle Mahlzeiten statt. All das kann dir später aber Vince zeigen. Er ist, wie die anderen auch, schon in seinem zweiten Jahr. Ich führe dich jetzt durch unseren Ausbildungsbereich.«
Der Aufzug brachte die beiden nach unten, doch statt wieder über den Innenhof zu gehen, nahmen sie einen Verbindungsgang zu einem weiteren Gebäude.
»Anfangs kommt dir das hier vermutlich wie ein Labyrinth vor, aber es ist alles gar nicht so kompliziert«, erklärte Carlo. »Die Räume, die du betreten darfst, lassen sich alle mit den Augenscannern öffnen. Manche Bereiche dürfen jedoch nur gemeinsam mit den Lehrerinnen und Lehrern genutzt werden. Da gilt dann eine andere Sicherheitsstufe.«
Fede nickte und versuchte sich den Weg einzuprägen, den sie gerade gingen. Mit Orientierung hatte er zum Glück nie große Probleme gehabt.
Bisher hatte er noch kein einziges Kind auf dem gesamten Gelände gesehen, doch er wusste, dass sich das nun ändern würde. Im Gang war nämlich lautes Gebrüll und Getöse zu hören.
»Ich zeige dir jetzt das VMB, unser virtuelles Multifunktions-Bewegungslabor«, sagte Carlo.
Fede sah ihn fragend an.
»Man könnte auch sagen: unsere Turnhalle.« Carlo grinste und öffnete eine schwere Metalltür.
Die Turnhalle, die Fede nun sah, glich einer Mischung aus Abenteuerspielplatz, Laser-Tag-Labyrinth und Hochseilgarten. Zwischen unzähligen Hindernissen, Gerüsten und Kletterseilen tobten ungefähr ein Dutzend Kinder umher, die alle den gleichen schwarzen Trainingsanzug trugen. Vor den Augen hatten sie VR-Brillen, mit denen sie aussahen wie Insekten.
In einer Ecke der Halle saß ein Lehrer, der auf einem übergroßen Flachbildschirm die Lage überwachte. Der Monitor war in viele Fenster unterteilt, die jeweils das Geschehen zeigten, das die Kinder in ihren Brillen sahen. Offensichtlich turnten sie nicht einfach nur durch die Halle, sondern befanden sich virtuell auf irgendwelchen Hochhäusern einer amerikanischen Großstadt.
»Diese Halle ist unser Herzstück«, sagte Carlo stolz. »Hier können wir so gut wie jeden Einsatz auf der ganzen Welt simulieren.«
Fede schüttelte ungläubig den Kopf. Er war nicht mal eine Stunde an diesem Internat und hatte jetzt schon Schwierigkeiten zu kapieren, was er hier eigentlich machte.
Die letzten Wochen hatte er ständig gerätselt, warum man ausgerechnet ihn zum Geheimagenten ausbilden wollte. Klar, die Vorstellung war total spannend gewesen, aber hier und jetzt holte ihn die Wirklichkeit ein. Er, Federico Ancelotti, war nun kein normaler Schüler in einer gewöhnlichen Schule mehr. Hier im Internat war er umgeben von Luxus und Hightech und er hatte noch keine Ahnung, ob ihm das gefiel oder nicht.
Während Fede die umherkletternden Kinder beobachtete, wechselte Carlo ein paar Worte mit dem Mann am Monitor, der wiederum irgendetwas in sein Headset sprach.
Kurz darauf verließ eines der Kinder den Kletterparcours mit einem gekonnten Sprung von einem Kasten und rollte sich wie ein Stuntman am Boden ab. Der Junge ging direkt auf Fede zu, nahm die VR
