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Die alte Eckkneipe ist in Berlin fast verschwunden. Denjenigen, die sich früher dort trafen, fehlt meist das Geld für die schicken Lifestyle‐Cafés in den schicker werdenden Wohngebieten. Zu Hause kriecht die Einsamkeit durch die Ritzen, wenn Arbeit und Familie den Tag nicht mehr ausfüllen. Treffpunkte im öffentlichen Raum - meist dort, wo das Bier billig ist - werden dann oft zum Dreh‐ und Angelpunkt verbliebener sozialer Kontakte - und schnell zum Ärgernis der Anwohner*innen, weil Konflikte, Lärm und Schmutz zu Störfaktoren werden. Diese öffentlichen Plätze und Stadtteile, die Streetworker*innen aufsuchen, werden als problematisch wahrgenommen. Ebenso die Menschen, die sich hier treffen. Die Wahrnehmung destruktiver Entwicklungen wie soziale Ausgrenzung und räumliche Verdrängung von Menschen mit geringem Einkommen oder auch die Zunahme Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sind dabei Teil der täglichen Arbeit der Streetworker*innen. Gerade hier aber, wo keine*r so gern hinschaut, treffen wir auch auf eine große Selbstverständlichkeit und Bereitschaft, einander zu helfen und sich in den Kiez einzubringen... Weil uns die SOZIALE Stadtentwicklung wichtig ist, gibt es diese Dokumentation. Es würde uns freuen, wenn aus unserem Engagement der letzten Jahre etwas bleibt und vielleicht etwas Neues entsteht - auf dem mühevollen Weg in eine solidarische Stadtgesellschaft.
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Seitenzahl: 241
Veröffentlichungsjahr: 2015
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„Die Philosophen haben die Welt nurverschieden interpretiert, es kömmt drauf ansie zu verändern.“
Karl Marx, Elfte Feuerbachthese (im Original)
Einleitung
Menschen, Methoden und Arbeitsansätze
Grundlagen der aufsuchenden Arbeit bei Gangway
Symptome sozialer und räumlicher Ausgrenzung | Erwachsene als Adressat*innen von aufsuchender Sozialarbeit
Lebenswelten und Besonderheiten der Erwachsenenarbeit
Der soziale Raum – Stadtteil- und Gemeinwesenarbeit als Bestandteil von Streetwork
Die geschichtliche Entwicklung der Gemeinwesenarbeit | nachgefragt bei C. Wolfgang Müller
Exkurs: Helfen im Kiez und auf der Straße – C. Wolfgang Müller
Zusammenfassung
Das Projekt M.A.N.N.E. F
Zielsetzungen und Handlungsrahmen des Projektes
Koordination und Netzwerkbildung
Exkurs: Antworten von Ines Feierabend, Bezirksstadträtin für Soziales und Gesundheit in Treptow-Köpenick
Feldbezogene Netzwerkarbeit im Gemeinwesen am Beispiel Alt-Treptow
Exkurs: Der (zu) lange Weg zum Milieuschutz in Alt-Treptow – Jürgen Hans, Sozialbündnis Alt-Treptow
Adressat*innenbezogene Netzwerkarbeit im Gemeinwesen
Exkurs: Niedrigschwellige Sozialarbeit konkret: Fallbeispiel Frau A. – Anja Piotrowski
Zusammenfassung
Beteiligung ist möglich
Spielregeln und Hürden
Wer muss sich hier eigentlich wem anpassen? – Kriterien zur Aktivierung von wenig beteiligungserfahrenen Menschen
Zwischen Ideal und Wirklichkeit – Erfahrungen in der Ausgestaltung von Beteiligungsangeboten
Ein Platz für Alle – Best Practice auf dem Leopoldplatz
Exkurs: Ein Platz für alle? Gemeinwesenorientierte Konfliktvermittlung in der Sozialen Stadtentwicklung – Franziska Becker und Sanda Hubana
Exkurs: Interview Axel Illesch, Streetworker auf dem Leopoldplatz
Exkurs: GeDenkOrt – Wenn die Trauer keinen Platz hat – Sanda Hubana
Zusammenfassung
Stadt der Vielfalt – Alles nur ein Traum?
Exkurs: Spirale der Entwertungen - Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit im Kontext sozialer und räumlicher Ausgrenzung – Jana Johannson
Exkurs: Ich habe einen Traum – Ralf Rehling-Richter
Literatur- und Quellenverzeichnis
Die alte Eckkneipe ist in Berlin fast verschwunden. Denjenigen, die sich früher dort trafen, fehlt meist das Geld für die schicken Lifestyle-Cafés in den schicker werdenden Wohngebieten. Zu Hause kriecht die Einsamkeit durch die Ritzen, wenn Arbeit und Familie den Tag nicht mehr ausfüllen. Treffpunkte im öffentlichen Raum – meist dort, wo das Bier billig ist – werden dann oft zum Dreh- und Angelpunkt verbliebener sozialer Kontakte – und schnell zum Ärgernis der Anwohner*innen, weil Konflikte, Lärm und Schmutz zu Störfaktoren werden.
Diese öffentlichen Plätze und Stadtteile, die Streetworker*innen aufsuchen, werden als problematisch wahrgenommen. Ebenso die Menschen, die sich hier treffen. Die Wahrnehmung destruktiver Entwicklungen wie soziale Ausgrenzung und räumliche Verdrängung von Menschen mit geringem Einkommen oder auch die Zunahme Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sind dabei Teil der täglichen Arbeit der Streetworker*innen. Gerade hier aber, wo keine*r so gern hinschaut, treffen wir auch auf eine große Selbstverständlichkeit und Bereitschaft, einander zu helfen und sich in den Kiez einzubringen.
Dieses Potential haben wir in den letzten acht Jahren Erwachsenenarbeit bei Gangway in verschiedenen Berliner Stadtteilen aufgegriffen. Stabile, handlungsfähige Netzwerke zwischen den Adressat*innen von Streetwork, engagierten Anwohner*innen, Kiezinitiativen, unterschiedlichen Verwaltungsebenen und Sozialarbeiter*innen von Gangway sind im Laufe der Jahre aufgebaut worden. Und mit ihnen die Möglichkeit, die in dieser Zeit gewachsenen, gut funktionierenden Selbsthilfe-, Organisations- und Kommunikationsstrukturen zu verstetigen.
Die Teams in Treptow und am Leopoldplatz in Mitte beenden ihre Arbeit im Sommer 2015, weil die temporären Finanzierungen auslaufen. Das reguläre Hilfesystem sieht die aufsuchende Soziale Arbeit mit Erwachsenen in den lokalen Strukturen der Selbsthilfe, des zivilgesellschaftlichen Engagements und der Selbstorganisation als ganzheitliches, präventives Konzept nicht vor.
Die praktizierte Verzahnung von niedrigschwelliger Lebenshilfe unmittelbar vor Ort mit einer stetigen Kommunikation und (Konflikt-)Mediation mit den verschiedenen Nutzer*innengruppen des öffentlichen Raums, unterstützt durch handlungsorientierte Bezirksverwaltungen, hat gezeigt, dass die Zusammenarbeit über Zuständigkeitsbereiche hinweg möglich, vor allem aber produktiv sein kann. Solch ressortübergreifende Handlungsansätze in der sozialen Stadtentwicklungspolitik sollten nicht die Ausnahme, sondern die Regel sein.
Insbesondere in Bezug auf komplexe Problemlagen – die in der Erwachsenenarbeit traurige Normalität sind – trägt ein lokaler, ganzheitlicher Blick auf den Stadtteil und die verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die in ihm leben, ein großes Selbsthilfe- und Selbstorganisationspotential in sich. Dieses benötigt starke lokale Schnittstellen zwischen Bevölkerung und Verwaltung, die das freiwillige Engagement vieler Bürger*innen – auch und gerade derer, die von Armut und Ausgrenzung besonders betroffen sind – stärken und strukturell unterstützen.
Weil uns die SOZIALE Stadtentwicklung wichtig ist, gibt es diese Dokumentation. Es würde uns freuen, wenn aus unserem Engagement der letzten Jahre etwas bleibt und vielleicht etwas Neues entsteht – auf dem mühevollen Weg in eine solidarische Stadtgesellschaft.
Das Arbeitsfeld Streetwork beinhaltet die aufsuchende Sozialarbeit auf der Straße sowie den Ausgleich, die Vermittlung und Vertretung der Interessen von Menschen und Gruppen, für die der Aufenthalt auf Straßen und öffentlichen Plätzen von zentraler Bedeutung ist. Der Begriff „Straße“ als pädagogisch und sozial zu betreuender Aktionsraum beinhaltet auch Parkanlagen, Bahnhöfe, Einkaufszentren und andere semiöffentliche Räume sowie Außenbereiche sozialer Einrichtungen. Die mobile Arbeit verläuft adressat*innen-, problemlagen- und arbeitsfeldübergreifend und ist geprägt durch eine Vielfalt von Methoden und Herangehensweisen, die flexibel und bedarfsorientiert eingesetzt werden.
Grundlegende Prinzipien von Streetwork sind: Freiwilligkeit, Parteilichkeit, Transkulturalität, Vertrauensschutz, Anonymität, Verbindlichkeit und Lebensweltorientierung. Die Ansätze der Straßensozialarbeit sind niedrigschwellig, ganzheitlich und akzeptierend. Hilfen und Hilfsangebote knüpfen sich an keinerlei Vorbedingungen1. Diese Arbeitsprinzipien sind unverzichtbar, bedingen sich gegenseitig und prägen alle Angebote von Straßensozialarbeit. Sie bilden darüber hinaus die Spezifik und das Setting von Streetwork als eigenständigen Arbeitsansatz. Streetworker*innen begeben sich zu den Treffpunkten der Menschen. Die Angebote, Hilfen und Beratungen werden unmittelbar im Lebensumfeld der Menschen organisiert und umfassen Einzelberatung, Gruppenarbeit, Projekt- und Stadtteilarbeit2.
Adressat*innen für aufsuchende Arbeit bei Gangway sind Menschen in selbstgewählten Gruppenstrukturen, die ausgegrenzt, von Ausgrenzung bedroht sind oder sich selbst ausgrenzen und deren Lebenssituation durch Angebote und Hilfen Sozialer Arbeit verbessert werden kann, die aber von sozialen Dienstleistungen mit Komm-Struktur nicht mehr erreicht werden. Aufsuchende Straßensozialarbeit richtet sich gezielt an Menschen, „die aus unterschiedlichen Gründen von herkömmlichen Integrationsstrukturen unserer Gesellschaft nicht erreicht werden und die in hohem Maße die Straße zu ihrem Lebensort machen. Prozesse sozialer Benachteiligung und Ausgrenzung, die zum Teil ursächlich dafür waren, den Lebensmittelpunkt auf die Straße zu verlagern, setzen sich verstärkt fort und werden durch Stigmatisierung und Kriminalisierung verschärft. Oft schließen sich diese Menschen mit gleichermaßen Betroffenen zu Gruppen, Cliquen oder Szenen zusammen.“
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