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Ich wollte weg. Ein Neuanfang in Berlin. SIE machte alles leicht, doch dann ist es aus. Sie ist gegangen. Seitdem ist alles wieder da: mein Bruder, mein Vater. Beide fehlen mehr denn je. Zurück in die Heimat, die ich vergessen wollte. Meine Mutter hält an der Vergangenheit fest, auch wenn sie selbst immer mehr verschwindet. Und da ist dieses Schweigen, das schon immer da war. Zwischen Großstadt und Heimat, Vergangenheit und Zukunft. Ich, du, er, sie und meine Mutter, und die Frage, wie man über Gefühle redet, wenn man nie gelernt hat, sie auszusprechen. Ein Roman über das Bleiben, das Gehen und das Dazwischen.
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Seitenzahl: 240
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Zwischen Fiktion und dem, was so nie geschah.
AUFZIEHMÄDCHEN
NICHT VON HIER
NICHTS ZU VERLIEREN
DIESES ANDERS
ES IST OKAY
ETWAS GRO
ẞ
ES
GEBURTSTAG
FERNE
WEG VON MIR
AM FENSTER
KEIN PLATZ
UNTEN
AM SEE
SEPTEMBERTAG
IMMER BEOBACHTET
ICH WILL ES
HEIMAT
ANDERE MENSCHEN
FRIEDHOF
GITARRENKURS
ENGE
LESEN
BERGHAIN
TISCHTENNIS
NOLLENDORFPLATZ
WIEDERSEHEN
FREIHEIT
ZU LEICHT
KOCHEN
ALLTAG
PLÄNE
NEUE FREUNDIN
WEIHNACHTSBAUM
VORFREUDE
STILLSTAND
ZEIT
KÄFIGE
WARNEMÜNDE
WOLKENLÄUFER
VOYEUR
LASS ES
MEINE WOHNUNG
BEWERBUNG
UNSERE WOHNUNG
HALBSCHLAF
ÜBERRASCHUNG
NICHT ALS PARTNER
KEINE ANTWORT
BLUME
EIN SONNIGER TAG
FICK DICH
GEGEN MEINE NATUR
SCHMIERÖL UND METALL
UNSER HAUS
NIEMAND MEHR DA
MAN KANN IHM NICHT HELFEN
DU BIST HIER
WORTE AN DICH
GUTEN MORGEN, MAMA
Ich fuhr rückwärts aus meinem alten Leben. Meine Eltern standen am frisch gestrichenen Gartenzaun und winkten mir zu. Mein Bruder fehlte.
Mein Vater rief mir hinterher: »Nimm die Landstraße, mein Junge, auf der Autobahn soll es Stau geben, hat der Verkehrsfunk gesagt.«
Ich streckte ihm den Daumen nach oben entgegen, meine Finger umklammerten das Lenkrad fester. Ein letztes Mal sah ich auf das Haus, das mir immer zu klein vorgekommen war, das mich eingeschränkt hatte, das ich unbedingt verlassen wollte. Jetzt stand es einfach nur da.
Der Wetterbericht hatte Regen angekündigt, aber die Sonne strahlte. Vollbeladen fuhr ich los in mein neues Leben.
Noch konnte ich mir kaum vorstellen, wie es sein würde, irgendwo ganz allein zu wohnen, irgendwo ganz neu zu beginnen. Doch genau das lag jetzt vor mir, ein erster Ort, der nur mir gehören sollte.
Zehn Quadratmeter im Studentenwohnheim. Zu klein für die alten Möbel aus meinem Kinderzimmer und all die gut gemeinten Basics meiner Eltern von Ikea. Und trotzdem: Es fühlte sich nach Freiheit an.
Nicht so sehr die Stadt, auf die ich mich so gefreut hatte. Sie war laut, groß, unübersichtlich. Ich war darin kaum mehr als ein Punkt unter vielen. Und je größer alles um mich wurde, desto kleiner fühlte ich mich. Ich hatte Angst, mich zu verlieren. Also zog ich mich zurück.
Studieren war anders, als ich es mir vorgestellt hatte. In der Schule hatte man mir gesagt, ich könne jetzt selbst entscheiden, was ich lernen wollte. Aber zwischen Pflichtvorlesungen, -seminaren und -übungen blieb davon nicht viel übrig.
Einmal saß ich in der zweiten Reihe des Vorlesungssaals, um mich herum viele junge Menschen, die eifrig mitschrieben. Der Professor sprach über irgendetwas, das ich längst vergessen habe, irgendeine Theorie, irgendein Gedankenkonstrukt, das für mich nichts bedeutete. Ich wollte mich konzentrieren, wirklich. Doch mein Blick wanderte zu den Fensterreihen. Draußen zog eine S-Bahn vorbei. Ich stellte mir vor, einfach aufzustehen, den Hörsaal zu verlassen, ohne dass es jemand bemerkte.
Mein Nachbar beugte sich zu mir: »Hast du die letzte Aufgabe verstanden?«
Ich nickte, als hätte ich zugehört. Zum Glück fragte er nicht weiter nach.
Am Ende der Stunde schob ich mein Notizbuch in den Rucksack, unberührt. Draußen atmete ich tief durch. Ich war frei. Doch nur bis zur nächsten Vorlesung. Das Studium fühlte sich eng an. Im zweiten Semester war ich nur noch selten an der Uni. Ich versuchte, mir das beizubringen, was mich wirklich interessierte, online, allein. Nur kam das in den Prüfungen kaum vor.
In manchen Seminaren hielt ich freiwillig Vorträge, um irgendwie durchzukommen. Aber wenn man kein Interesse an einem Thema hat, lässt sich das nicht lange verbergen. Das »Nicht bestanden« wurde immer häufiger Teil meines Transcript of Records.
Auch wenn ich im Studium ziemlich verloren war, nahm immerhin mein Privatleben eine überraschende Wendung. Auf einer Wohnheimparty, zu der mich mein bester Freund überredet hatte, lernte ich ein Mädchen kennen. Ich lernte SIE kennen, meinen Gegenpol. Ich stand am Rand, sie war längst mittendrin. Während ich mir bewusst war, wie ich stand, wie ich mich hielt, bewegte sie sich, als gäbe es kein Außen, als gäbe es nur den Moment. Ihre Arme, ihre Beine, ihr ganzer Körper schienen nicht zu tanzen, sondern von etwas angetrieben zu werden, das ich nicht verstand.
Als sie mich sah, lachte sie, nicht aus Höflichkeit, nicht aus Verlegenheit, sondern aus diesem echten, unkontrollierten Lachen heraus, das sich durch den Körper zieht. Sie griff nach meiner Hand, zog mich zu sich. Ich stolperte, trat jemandem auf den Fuß, ließ mich mitziehen.
»Du bewegst dich ja wie ein alter Mann«, rief sie mir über die Musik hinweg zu. Sie lachte wieder. Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.
Ich trank mit Bedacht, sie bestellte unzählige Kurze für sich und all ihre Freunde. Während ich über vieles nachdachte, hatte sie sich längst entschieden.
Mit ihr schien es mir plötzlich, als wäre ich richtig dabei, als würde ich ankommen, als wäre ich endlich ein Teil des Ganzen. Wie hast du das geschafft?
Wir unterhielten uns lange. Die laute Musik störte nicht. Die Menschen um mich herum wurden zu Statisten. Sie erzählte mir von ihrer Kindheit in der Uckermark. Vermeintlich belanglose Dinge, die für mich von enormer Bedeutung waren. Ich sog alles auf, was sie preisgab. Ich musste mich nicht bemühen, mir diese Infos zu merken, alles floss wie selbstverständlich in mein Gedächtnis ein. Ich wollte alles von ihr wissen, erzählte nur wenig von mir, was leicht war, weil sie nur selten nachfragte. Doch eine Frage blieb mir im Kopf: »Hast du so richtig Lust auf Berlin? Mit jeder Zelle deines Körpers?«
Ich fand die Frage merkwürdig, aber bejahte.
Ich hörte ihr zu. Machte mich sogar mit auf den Weg zu dem Club in der Rummelsburger Bucht, zu dem man so schlecht mit den Öffis kam. Ein paar andere und ich wurden an der Tür abgewiesen, sie kam rein. Es blieb keine Zeit, sich richtig zu verabschieden. Sie wurde hineingezogen und war weg.
Dass sie nach diesem Abend für immer verschwunden war, wollte ich nicht wahrhaben. Zuerst schrieb ich meinem besten Freund. Vergeblich. Er hatte sie zuvor noch nie gesehen. Ich befragte Bekannte, ich suchte sie überall. Ich scrollte durch endlose Instagram-Profile, klickte mich durch fremde Leben, tauchte ein in Bilder von Partynächten: Selfies fremder Menschen, Cocktails auf klebrigen Tischen.
Ich tippte ihren Vornamen in jeder erdenklichen App ein. Durchsuchte ganz Google. Nichts. Sie existierte nicht. Oder sie wollte nicht existieren, nicht für mich.
Voller Verzweiflung klickte ich mich durch die abertausende Follower Berliner Clubs. Und so stieß ich auf ihr Instagram-Profil, das ich nur über das Profilbild zuordnen konnte.
Nach endlosem Grübeln über den ersten Satz schrieb ich sie an.
»Hattest du im Club noch Spaß?«
Es dauerte drei lange Tage, da kam ihre Antwort.
»Ich habe immer Spaß. Aber wer bist du?«
Ich schrieb ein paar Dinge, die ihr hätten einfallen können. Sie antwortete, dass sie viele Menschen kennenlernt, besonders an solchen Abenden. An mich erinnerte sie sich nicht. Trotzdem schrieb sie weiter. Vielleicht, weil es sie amüsierte, was ich alles über sie wusste. Vielleicht, weil ich fremd genug war, um spannend zu sein.
Wir schrieben eine Zeit lang. Ich wollte sie treffen, aber ich war unsicher und schob die Frage immer wieder vor mir her. Irgendetwas an ihr ließ mich nicht los. Als ich sie schließlich nach einem Treffen fragte, kam nur: »Klar, warum nicht.« Nicht besonders interessiert. Ich dachte kurz daran, es einfach dabei zu belassen. Aber irgendetwas in mir wollte es trotzdem wissen. Ich schlug ein Essen vor.
Es fühlte sich anders an, sie wirklich zu sehen. Kein Display mehr dazwischen, nur noch der Tisch. Im Tageslicht wirkte sie noch schöner. Ich noch leiser. Ich überlegte, was ich sagen konnte, was zu viel wäre, was zu wenig. Aber ich musste mich nicht anstrengen. Sie erinnerte mich an das alte Aufziehauto meines Vaters. Ich stellte eine Frage, und sie lief. Es genügte, da zu sein und zuzuhören. Erst nach einer Weile brauchte es eine weitere Frage, um sie wieder anzustoßen. Sie sprühte vor Energie. Manchmal kam sie mir vor wie ein Aufziehmädchen.
Sie wurde schnell zu meinem Mittelpunkt. Ich suchte so oft wie möglich ihre Nähe, und sie ließ es zu. Ich wurde Teil ihres großen Kreises, ihrer Umlaufbahn. Wir wurden mit der Zeit immer engere Freunde. Ich gab alles, was ich hatte. Es machte sich bezahlt, denn irgendwann wurden wir ein Paar.
Die Stadt war nun eine andere. Gemeinsam mit ihr wurde sie zur Spielfläche, alle Bedrohlichkeit verschwand. Es machte Spaß einzutauchen: jeden Kiez zu erkunden, die Cafés und Restaurants auszuprobieren, Museen zu besuchen, Theaterstücke zu sehen oder im Park zu liegen. Mein kleines Zimmer im Studentenwohnheim verlor an Bedeutung.
Schließlich zogen wir zusammen. Drei Zimmer, Altbau, Erdgeschoss. Etwas dunkel, aber mitten in einem der beliebtesten Kieze. Eigentlich zu teuer für uns beide, aber wir beschlossen, es trotzdem zu wagen. So fühlte sich alles mit dir an. Wir richteten uns ein, mit richtigen Holzmöbeln, die meisten von Antikmärkten oder Kleinanzeigen, ohne auch nur ein weißes Hochglanzstück von Ikea. Wir bauten uns ein gemeinsames Leben auf.
Gemeinsam mit dir.
SIE balancierte auf dem schmalen Rasenstreifen zwischen Straßengraben und Asphalt. Absichtlich auf der falschen Seite, so hatten es ihr ihre Eltern beigebracht. Den grellen Autoscheinwerfern entgegenzulaufen, fühlte sich unbehaglich an. Dennoch bereute sie es nicht, länger geblieben zu sein und so ihre Mitfahrgelegenheit verpasst zu haben. Sie zog die Jacke enger um sich.
»Versprich mir, dass du mit einer Freundin nach Hause fährst«, hatte ihre Mutter gesagt.
Sie hatte nur genickt.
Jetzt war sie allein hier. In dem Moment, als ihre Freundinnen gehen wollten, konnte sie nicht. Sie hatte schon zu viele Drinks gehabt. Zu viel Geld für diesen Rausch ausgegeben. Früh zu gehen, wäre eine Verschwendung gewesen. Außerdem waren dieses Mal ein paar gute Jungs da. Nicht die üblichen Glatzköpfe, mit denen sie schon viel zu oft Stress angefangen hatte. Einer von ihnen hatte ihr einmal sogar auf dem Schulhof aufgelauert. Sie hatte nichts davon zu Hause erzählt, aber ihre Eltern erfuhren davon. Sie erstatteten Anzeige und sie musste zwei Wochen lang zu Hause bleiben. Es gab Gerüchte, dass sie sich an ihr rächen wollten. Viel zu lange schon hatte sie sich eingemischt, den Mund aufgemacht, sich nicht weggeduckt.
Seitdem durfte sie nicht mehr allein ausgehen. Dabei war es genau das, was sie am liebsten tat: sich allein in die Menge zu stürzen, ohne einen Kreis von Freundinnen, der sie abschirmte. Ohne diesen unsichtbaren Zaun, der sie von den anderen trennte. Sie wollte keine Schutzmauer, sie wollte mittendrin sein: Leute kennenlernen, neue, die schon was von der Welt gesehen haben, anders als sie, die hier seit ihrer Geburt am Nabel ihrer Eltern festhing. Doch nur selten verirrten sich Fremde hierher. Wenn überhaupt, dann die hemdtragenden BWLer aus der Großstadt, die glaubten, die Mädchen hier aus der Provinz wären einfacher abzuschleppen. Sie hatte sich ein Spiel daraus gemacht: Ihnen schöne Augen zu machen, so viele Drinks ausgeben zu lassen wie möglich und am Ende so zu tun, als würde man auf Mädchen stehen. Mädchen fand sie sogar gut. Bislang jedenfalls besser als all die Idioten auf ihrer Schule. Ein paar Mal schon hatte sie ein Mädchen geküsst, aber richtig gefunkt hatte es noch nicht.
Die Jungs, die heute da waren, waren anders. Keine Hemden, keine frisch getrimmten Haare. Alte Hoodies, Löcher in den Jeans. Keiner, der sich beweisen musste. So sahen hier auf dem Land sonst nur die Kinder aus, die die abgetragenen Klamotten ihrer älteren Brüder und Cousins tragen mussten. Aber sie trugen die Kleidung, als müsste das so aussehen, als wäre das die einzige Kleidung, die man tragen dürfte.
Einer von ihnen hatte sie die ganze Zeit über angelächelt und dann angesprochen, und das, obwohl sie im Schutzkreis ihrer Freundinnen unterwegs war. Ihm hatte das nichts ausgemacht, er hatte keine Angst vor Zurückweisung gehabt.
Er hatte einfach gesagt: »Du siehst gut aus! Du bist bestimmt auch nicht von hier.«
Kein Spruch. Nur eine Feststellung, so sicher, als hätte er es immer gewusst. Als würde er in ihr genau das sehen, was sie selbst schon immer gespürt hatte, dass sie hier nicht hingehörte.
Nach über einer Stunde Fußmarsch tauchte endlich ihr Elternhaus aus der Dunkelheit auf. Alles sah aus wie immer. Dieselben Gardinen, dasselbe Licht auf der Einfahrt. Aber es fühlte sich anders an.
Sie schlich sich hinein, legte sich ins Bett und wusste: Morgen würde es Ärger geben. Aber das war egal. Zum ersten Mal fühlte es sich an, als wäre ihr echtes Leben nicht mehr weit entfernt.
Denn dieser Abend hatte ihr etwas bewiesen: dass sie recht hatte. Dass es da draußen ein anderes Leben gab, eines, in dem sie nicht immer dieselben Straßen entlanglaufen, nicht immer dieselben Gesichter sehen würde. Sobald das Abi geschafft war, würde sie fort sein. In einer Stadt, in der die Nacht nicht um zwei Uhr endet. Wo neue Gesichter keine Ausnahme, sondern die Regel waren – ab nach Berlin.
Kaum war die Abifeier vorbei, packte SIE ihre Koffer. Sie wollte keine Möbel mitnehmen, keine Kleidung. Sie wollte alles zurücklassen, um endgültig den Geruch der Heimat loszuwerden, der schwere Geruch nach Weichspüler und Enge.
»Haben wir etwas falsch gemacht?«, fragten ihre Eltern.
Sie wollte keine Antwort geben, sie konnte keine Antwort geben. Vielleicht war genau das das Problem, dass sie zu gute Eltern gewesen waren? Sie waren Eltern, die sich um sie sorgten, wenn sie abends ausging, Eltern, die ihr Klavierstunden zum Geburtstag schenkten, Eltern, die Brettspielabende organisierten. Wie dumm das klingt, wusste sie selbst.
Für den Umzug kauften sie ihr einen viel zu großen Rucksack. Er war fast leer, als sie ihn in den ICE wuchtete. Sie hatte sogar ihren Kulturbeutel vergessen. Niemand stand am Gleis. Sie hatte den Zug extra so gebucht, dass ihre Eltern zu der Zeit arbeiten mussten.
Mit der Bürgschaft ihrer Eltern und ihrer Offenheit fand sie bereits nach wenigen Tagen eine WG. Sie zog sofort ein. Sie schlief im Schlafsack und benutzte einfach die Zahnbürste ihrer Mitbewohnerin.
Sie stürzte sich in das neue Leben, in die Clubs, in die Gespräche, in jede neue Begegnung. Sie organisierte die besten Partys, verknüpfte Menschen und war bereits nach wenigen Wochen im ganzen Studiengang bekannt.
Sie ließ die Einführungskurse ausfallen. Das Studium hatte Zeit. Niemand hetzte sie. Die Tage flogen vorbei, während die Nächte schier endlos schienen.
Die Nachrichten ihrer Eltern ließ sie immer öfter unbeantwortet. Freunde von früher kamen seltener zu Besuch, sie sagten, sie habe sich verändert. Sie verlor schnell den Kontakt zur Heimat.
Manchmal schlief sie wochenlang woanders, wenn sie jemanden kennenlernte. Ihr WG-Zimmer schloss sie nie ab, so konnte es anders genutzt werden. Sie hatte nichts zu verbergen, nichts zu verlieren.
Und dann war er da. Nicht auf einen Schlag, sondern langsam, fast unbemerkt, bis sie sich nicht mehr erinnern konnte, wann genau es begonnen hatte. Warum sie so schnell an ihm festhielt, wusste sie nie wirklich, aber er gab ihr etwas, von dem sie nicht gewusst hatte, dass sie es brauchte.
Unsere Beziehung hielt einige Jahre. Schöne Jahre. So empfand ich sie.
Dann war es aus, am ersten warmen Tag im Frühling. Sie holte mich zu sich aufs Sofa.
»Können wir reden?«
Sie hatte diese roten Hitzeflecken auf dem Hals, die mir Angst machten. Ich war kreidebleich und spürte, wie mein Magen sich verkrampfte. Sie hatte das Gefühl, wir würden wie in einer WG leben.
Ich hatte ihr Freiraum geben wollen, den sie aufgrund ihrer Vergangenheit brauchte, dachte ich jedenfalls. Also machte ich mich dünn, manchmal fast unsichtbar und doch war ich immer da, um unseren Alltag zu strukturieren. Erledigte Einkäufe, den Haushalt. Alles, was zu tun war. Ich betrachtete es nicht als Arbeit, es war für mich selbstverständlich.
Sie hatte Zeit für sich, Zeit für ihr Leben, ihre Freunde, neue Bekannte, Zeit nachzudenken. Ich arbeitete viel, denn ich hatte mein Studium endgültig abgebrochen und mich selbstständig gemacht. Es entstand eine Routine, die mir Sicherheit gab und sie zu langweilen begann. Das merkte ich daran, dass ich mich immer seltener unsichtbar zu machen brauchte, ich wurde es von selbst. Ich wurde selbstverständlich und hatte immer weniger Anrecht auf ihre Zeit. So nahm ich es jedenfalls wahr. Vermutlich habe ich zu wenig darum gekämpft.
Vorsichtig nahm sie meine Hand.
»Alles wird gut. Du hast alles für mich getan, du warst immer für mich da. Dich trifft keine Schuld.«
Ich glaubte ihr nicht.
Sie sprach weiter: »Können wir Freunde bleiben?«
Ich wollte es, aber wusste, dass ich das nicht schaffen würde. Dafür bedeutete sie mir zu viel. Sie wollte gehen, aber ich bat sie, zu bleiben.
»Ich schlafe auf der Couch«, schlug ich vor. »Lass uns eine richtige WG aus unserer Wohnung machen. Du bekommst das Schlafzimmer, ich das Wohnzimmer. Ich bleibe nur zum Schlafen. Tagsüber zum Arbeiten gehe ich ein Café oder in die Bib oder so. Die Wohnung gehört dir.«
Ich wollte nur, dass sie bleibt.
Sie lehnte ab. Sie wollte einen klaren Cut.
»Eine emotionale Trennung erfordert auch eine räumliche.«
Ich versuchte, ihre Worte in meinem Kopf aneinanderzureihen, sie zu einem Bild zusammenzusetzen, das Sinn ergab. Aber alles verschwamm. Vielleicht hatte ich es längst gewusst, vielleicht hatte ich es verdrängt. Aber jetzt, wo sie es aussprach, gab es keinen Ausweg mehr.
Ich habe oft gedacht, ich könnte etwas ändern. Wieder präsenter zu sein, aktiver teilzunehmen. Ich habe sie ausgeführt, ihr Blumen gekauft. Jedes Klischee erfüllt. Ich habe es oft probiert, aber es hat nichts gebracht.
Sie sagte mir: »Ich wollte all das, unsere Wohnung, unser gemeinsames Leben. Ich habe es mir so sehr gewünscht. Aber mit der Zeit wurde mir klar, dass mein Wunsch und meine Realität nicht dasselbe waren. Am Anfang habe ich versucht, dieses Gefühl zu ignorieren. Doch es wurde stärker, bis ich nicht mehr daran vorbeikam.«
»Was meinst du damit?«, fragte ich.
Sie konnte es nicht richtig beschreiben.
»Es war irgendwann einfach da, dieses Gefühl, innen, tief in mir, zwischen Bauch und Kopf, irgendwo auf Höhe des Herzens.«
Behutsam legte ich meine Hand auf ihre Brust, als könnte ich das, was sie fühlte, irgendwie greifen. Ihr Herz raste, als wollte es fliehen. Vor mir, vor uns, vor allem, was wir mal waren.
»Ich muss jetzt heraus in die Welt, woanders hin. Vielleicht ins Ausland, vielleicht auch nur in eine andere Stadt.«
Ich bot ihr an, mitzukommen: »Ich kann von überall aus arbeiten. Ich ziehe mit dir mit.«
Ich wollte nicht bleiben, ich wollte nur, dass sie mich mitnimmt.
Sie blieb wortlos.
Meine Knie zitterten, obwohl wir saßen. Ich spürte das Sofa unter mir. Wir hatten auf vielen verschiedenen probegesessen, es konnte nicht weich genug sein, um darauf zu kuscheln, zu schlafen, uns zu lieben. Jetzt fühlte es sich hart an.
Sie redete weiter und ich saß nur da: »Das Geld für die Miete, die Möbel und all die Einkäufe zahle ich dir zurück. Sobald ich einen richtigen Job habe, überweise ich dir alles. Du hast wahrscheinlich das Gefühl, dass ich dich ausgenutzt habe. Das war nie meine Absicht. Ich wollte das mit uns so sehr.«
Ich hatte nie das Gefühl gehabt, ausgenutzt zu werden. Ich habe all das gern getan, im Glauben an eine gemeinsame Zukunft.
»Du findest schnell eine neue Freundin, eine, die dich wirklich verdient«, sagte sie.
Dann griff sie nach ihrem Handy. Sie zögerte. Schließlich tippte sie eine Nachricht ein.
Wenig später kam ein Freund, den ich nicht kannte, und half, ihren Auszug zu organisieren.
Mein Alltag sieht nun anders aus. Auf einmal bin ich richtig da, bin allein in dieser viel zu großen Wohnung, bin mein eigenes Zentrum. Nur meine Geräusche sind zu hören. Manchmal die Nachbarn über mir. Es ist zu oft zu still. Auf einmal höre ich mein Atmen, meine Verdauung. Die Heizungen geben merkwürdige Töne von sich. Sie gluckern, blubbern, keuchen. Ich habe sie vorher nie gehört. In letzter Zeit fühle ich mich oft krank. Ich habe Schnupfen, Husten und dieses Gefühl der Kälte.
Während unserer Beziehung war ich darauf fokussiert, beruflich weiterzukommen. Ich hatte viele offene Projekte, die zu Beginn nur selten Geld brachten. Ich habe viele Apps in der Hoffnung auf einen Hype geschrieben. Ohne Erfolg. Ein eigenes Gewerbe angemeldet. Mühsam. Der Aktienhandel lief einigermaßen. Später, als ich mutiger wurde, investierte ich in Kryptowährungen. Ich war oft einer der ersten. Ich war in Foren aktiv, arbeitete mich hinein. Klatschnasse Finger an der Tastatur, müde Augen vor dem Bildschirm, und am Ende stand das Plus. Kein großes Plus, aber es war genug für uns zwei. Viele Nächte habe ich so verbracht. Verbringe sie jetzt seltener. Geld ist mir nicht mehr wichtig. Ich brauche nicht viel, ich bin genügsam. Lediglich mein Kleingewerbe führe ich weiter.
»Lass uns im Herbst in den Süden fahren, in die Toskana. Wir sollten uns einen Urlaub gönnen, nur wir zwei. Ich kann das Grau hier nicht mehr sehen. Ich brauche Licht!«, rief sie eines Abends aus dem Wohnzimmer zu, ohne dass wir jemals gemeinsam über Urlaub gesprochen hatten.
Mehr schlaflose Nächte vor dem Laptop, mehr Ideen im Kopf: An- und Verkauf, immer absurdere Kryptocoins, ließ keine Gelegenheit vergehen. Und tatsächlich, es funktionierte. Ich füllte unser Konto und war bereit, für diese Reise alles zu geben. Ich wollte uns Erlebnisse für die Ewigkeit schenken.
In Italien sind wir nicht mehr gewesen. Vielleicht fahre ich dort eines Tages allein hin. Vielleicht wird sie dort arbeiten. Vielleicht auch weiter weg.
»Ich weiß es noch nicht. Das muss nicht mehr deine Sorge sein. Du hast dir schon immer zu viele Sorgen gemacht«, sagte sie.
Leben passiert, man könne nicht alles planen, warf sie mir an den Kopf.
Der Kuss passierte. Der Sex passierte. All das passierte.
»Ich wollte das nicht«, sagte sie unter Tränen. »Es war nicht geplant.«
Sie meinte es ernst, glaube ich. Ich verzieh ihr. Doch Leben passierte immer wieder.
Morgens komme ich schwer aus dem Bett. Oft stehe ich gar nicht auf. Ich weiß nicht einmal, ob ich wirklich traurig bin. Denn weinen kann ich nicht. Mein Laptop liegt neben mir und wartet nur darauf, aufgeklappt zu werden. Er ist kontrollierbar. Er macht, was ich ihm sage. Ohne Frühstück arbeite ich stundenlang. Aber nun auf Nummer sicher. Ohne Risiko. Meine Nerven sind am Ende. Ich nehme nur noch Aufträge als selbstständiger Webentwickler an. Einfache, kleine. Der Kunde will ein Responsive Webdesign, ich liefere, der Kunde will eine optimierte Auffindbarkeit bei Google, ich erledige das. Ich tue, was man wünscht. Ich gebe und bekomme. Mein Erspartes schmilzt dabei langsam dahin, aber das ist in Ordnung.
»Was erwartest du von mir?«, fragte sie mich einmal. »Ich habe das Gefühl, du willst mehr, als ich dir geben kann. Ich bin dafür nicht gemacht. Ich brauche meine Freiheit.« Ihre Stimme war ruhig, als müsste sie sich selbst davon überzeugen. »Monogamie ist ein Käfig. Ein künstlich geschaffenes Konstrukt, eine Idee, die wir uns auferlegen, aber nicht der Natur entspricht. Beziehungen müssen atmen können, sonst ersticken sie.«
Sie wollte unsere Beziehung nicht brechen, sondern öffnen. Auch ich sollte mich umsehen dürfen, frei von Konventionen.
Und ich habe es versucht. Ich habe Frauen kennengelernt, herzliche, sympathische, liebenswerte. Doch jedes Mal war es, als würde ich sie betrügen. Weil ich immer nur an sie dachte. Weil es wehtat. Doch ich kann ihr keinen Vorwurf machen. Vielleicht war das ihr letzter Versuch, uns zu retten.
Gegen Mittag stehe ich auf. Esse Cornflakes mit H-Milch, obwohl sie mir nicht schmeckt. Sie wirkt auf mich immer leicht abgestanden. Doch so muss ich seltener rausgehen, um einzukaufen. Der Hausflur wird gewischt. Ich stehe hinter der Tür und höre dem gleichmäßigen Richtungswechsel der Wischbewegungen zu. Es beruhigt mich. Der Flur wird gründlich gereinigt, es wird sogar die Fußmatte angehoben. Ich warte mit dem Rausgehen, bis kein Geräusch mehr zu hören ist.
Home is where your heart is stand in verschnörkelter Schrift auf unserer Fußmatte, ihre Idee. Irgendwie mochte sie diesen Kitsch, vielleicht gerade, weil er eigentlich nicht zu ihr passte.
Vielleicht mochte ich genau deshalb auch das Einkaufen mit ihr. Oft war das mein Highlight der Woche. Ein fester Termin mit ihr bedeutete mir viel. Nur sie, ohne ihre Freunde. Ich hatte Badreiniger in den Einkaufswagen gelegt, sie eine Duftkerze. Selten waren wir uns einig, aber das war okay. Jeder hat seine Bedürfnisse, seine Prioritäten. Sie war stets sparsam, kaufte nur das Nötigste, das sie brauchte, um sich wohlzufühlen. Und wenn es nur um sie ging, hatte sie mich nie um Geld gebeten.
Da sitze ich nun auf einer Parkbank in Friedrichshain. Ich habe es geschafft, mich aufzuraffen, rauszugehen, teilzunehmen. Jedenfalls vordergründig, im Kopf bin ich woanders, an keinem bestimmten Ort, nur weg. Menschen laufen an mir vorbei und schrecken mich auf. Lachen sie über mich?
Ich habe seit Tagen nicht richtig in den Spiegel geschaut. Kinder spielen Fangen, sie umkreisen die auf der Wiese sitzenden Hindernisse ohne jede Vorsicht. Sie denken nicht nach, sie tun es einfach. Ich bewundere sie.
Über Kinder haben wir erst spät gesprochen. Ich hatte an eine stille Vereinbarung geglaubt. Nach ihrem Studium. Wir beide in festen Strukturen, Lust, neues Leben zu geben, unseres zu bereichern. Als Bereicherung sah sie Kinder nicht. Sie sagte, sie könne doch keine Verantwortung für ein Kind übernehmen, solange sie selbst noch nicht wisse, wo sie eigentlich stehe.
Sie wollte anders als die anderen sein. Keine Figur auf dem Spielbrett des Lebens, wie so viele, die wir kannten. Würfeln, ein fester Weg, im Gleichschritt in nur eine Richtung: in den Zwanzigern die Berufsausbildung, nebenbei einen Partner finden, in den Dreißigern die Hochzeit, schönster Tag des Lebens, und dann Kinder.
Sie wollte das nicht. Sie war diejenige, die das Brett umwerfen und ihre eigenen Regeln kreieren wollte. Jeden Tag als schönster des Lebens mit absoluter Freiheit. Denn das Leben biete viel mehr als das ständige Kreisen um ein Wesen, dessen einziges Ziel das Wachsen sei, meinte sie. Und wenn es dann groß wäre, würde es einem nur einen Bruchteil all der Liebe zurückgeben, die man aufgebracht hat.
»Um es in deiner Sprache auszudrücken: eine schlechte Wertanlage«, sagte sie mir.
Ich konnte grundsätzlich nachvollziehen, was sie meinte. Auch ich fand diese Fokussierung auf Kinder skurril, als würde sich auf einmal alles nur noch um sie drehen. Ich erzählte ihr von meinem Treffen mit einem alten Mitschüler.
Er hatte sein Handy gezückt und es mir voller Begeisterung entgegengestreckt, um mir ein Video zu zeigen, in dem seine Tochter zu sehen war. Man sah, wie sie sich zum ersten Mal selbst aufrichten konnte. Zwar noch nicht gänzlich allein, aber mit Hilfe einer Tischkante war es ihr gelungen, sich aus dem Vierfüßlerstand auf die Beine zu hieven.
»Ist das nicht großartig?«, hatte er mich gefragt.
Ich hatte versucht, es auch großartig zu finden, immerhin ein bisschen, aber ich war ausdruckslos geblieben. Natürlich hatte ich verstehen können, dass es ihm Freude bereiten musste, das eigene Geschöpf, das eigene Fleisch und Blut nach monatelangem Umsorgen zu dieser Tat befähigt zu haben. Aber auch nach dem zweiten Video war es mir nicht geglückt, diese Leistung wirklich als solche anzuerkennen. Ich hatte an den Betrunkenen in der U1 denken müssen, den ich eines Nachts beobachtet hatte. Eine Flasche Korn in der Hand, lallend, wankend auf einem Bein stehend, während er Bella Ciao sang. Der Betrunkene erschien mir in diesem Moment heldenhafter als die völlig normale Entwicklung eines jeden Kindes.
Ich weiß noch, dass sie darüber laut lachen musste. Ich war froh, dass wir in dem Moment das Gleiche empfanden. Trotzdem wusste ich, dass auch ich irgendwann einmal Kinder haben wollte. Und dass sich ihre Meinung ändern würde, hatte ich einfach gehofft.
Während ich die spielenden Kinder beobachte, merke ich einen Stich in meiner Brust. Es ist ein beklemmendes Gefühl, das in mir einen Drang nach Befreiung auslöst.
Ich habe es satt, über die Vergangenheit zu grübeln, mich in dieser Negativität zu verlieren. Vielleicht ist sie berechtigt, aber in diesem Moment erscheint sie mir plötzlich klein, fast naiv. Ich denke an all die Nächte, in denen ich mich in Selbstmitleid gesuhlt habe, während draußen die Welt brannte. Ich öffne meine Nachrichten-App: Kriege, Krisen, Ungerechtigkeiten. Meine Probleme verblassen dagegen, aber trotzdem verschwinden sie nicht. Ich verschiebe sie nur an eine andere Stelle in meinem Kopf.
Als wollte ich einen Wendepunkt markieren, stehe ich auf und gehe schnellen Schrittes in Richtung Märchenbrunnen. In mir spüre ich etwas, es ist klein, aber es ist wieder da. Ich sortiere meine Gedanken und halte sie für mich fest:
