Beschreibung

Romantisch, dramatisch, irisch. "Irische Liebe" ist in sich abgeschlossen und gehört keiner Reihe an. Nach der Trennung von ihrem Exfreund kehrt Maeve in ihr Heimatdorf Innisfree an der irischen Westküste zurück, wo ihr Herz heilen soll. Die dazu nötige Ruhe ist ihr allerdings nicht vergönnt, denn unerwartet erhält sie ein hervorragendes Jobangebot als Masseurin. Und zwar ausgerechnet in dem neugebauten amerikanischen Luxushotel, das im Ort für viel Ärger und Zwiespalt sorgt. Es heißt, die Manager würden das Dorf ruinieren und die Mitarbeiter ausbeuten. Vor dem Gespräch ist Maeve, die schon oft genug Opfer ihrer Begeisterungsfähigkeit und Hilfsbereitschaft war, fest entschlossen, sich nicht von dem Glanz und Glamour der Luxuswelt blenden zu lassen. Doch dann bittet ihr charmanter und verboten gut aussehender Chef Clark Abbott sie, ihm aus einer schwierigen Lage zu helfen und als vorrübergehend einzige Masseurin den Spa zu leiten. Wie könnte sie da widerstehen? Ehe sie sich versieht, arbeitet sie beinahe rund um die Uhr und ist bis über beide Ohren in den millionenschweren Sunny Boy verliebt. Dabei sollte sie doch wissen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt …

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Irische Liebe 

Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Ein Jahr später

Kapitel 1 

Maeve wandte ihr Gesicht der aufgehenden Sonne zu und streckte die Arme mit aneinander gelegten Handflächen über den Kopf. Sie schloss die Lider und spürte die Wärme und die laue Meeresbrise auf der Haut. Ruhig atmete sie tief ein und aus, bevor sie die Augen schließlich wieder langsam öffnete und ihren Blick über die verheißungsvoll glitzernde Bucht von Innisfern schweifen ließ. Ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit erfasste sie, während sie den satten Geruch von Gras und Meer einatmete. Die Sonne erhob sich immer weiter aus dem Meer und ließ es in dramatischen Farben glitzern. Hatte es gerade noch einem Flammenmeer aus Orangetönen geglichen, so erinnerte es kurz darauf an einen samtigen Moosteppich und nun, wenige Minuten später, war es beinahe unmöglich, zu sagen, wo das Wasser endete und der Himmel begann.

Aufrecht auf dem rechten Fuß stehend, drückte sie die Sohle ihres linken Fußes an ihr rechtes Knie und atmete ruhig und tief weiter, wobei sich ihr Brustkorb sanft hob und senkte. Eine stärkere Bö löste eine Strähne aus ihrem haselnussbraunen Dutt und kitzelte sie damit am Hals. Das gefiel ihr. Ruhig weiteratmend lächelte sie dem neuen Tag entgegen.

Wie wunderschön, wie ruhig und frei sowohl die Natur als auch sie selbst war.

Sie hielt diese Position etwa eine Minute, dann stellte sie das Bein ab und sank in den Lotussitz. So weit sie konnte, lehnte sie sich zurück und sah den flauschig weißen Wolken beim Vorbeiziehen zu. Himmlisch.

Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie schwitzte. Sie richtete sich mit einer fließenden Bewegung auf, ließ die Hände in den Schoß fallen und lächelte der Sonne entgegen. Nach einer Weile stand sie auf, zog ihr weites weißes T-Shirt zurecht und ging barfuß durch das noch feuchte Gras zu dem Baum, unter den sie vor ihren Übungen eine Flasche Wasser und einen Apfel gelegt hatte. Glücklich und zufrieden lächelnd setzte sie sich auf ihrer Yogamatte unter das dichte Blätterdach, lehnte sich an den dicken Stamm und biss in den saftigen Apfel. Unaufhörlich schlugen die Wellen an die Felsbrocken und brachen daran. Weiß schäumende Gischt spritzte in die Luft, glitzerte im Sonnenlicht, fiel zurück ins Wasser und wurde wieder Teil des großen, weiten Meeres. Ein ewiger Kreislauf.

Glück. Ruhe. Friede.

Wie gut es doch tat, wieder hier zu sein.

Mit den Fingern strich sie über eine dicke Wurzel des Baumes, die neben ihr ins Erdreich wuchs. Genau wie der knorrige, alte Baum, war sie mit dem Land verwurzelt. Schon als Kind saß sie gerne hier und schaute in Gedanken und Träume versunken hinaus auf das Meer.

Ihre Dubliner Freunde konnten nicht verstehen, dass sie der Großstadt mit all ihren Berufs-, Heirats- und Unterhaltungsmöglichkeiten den Rücken gekehrt hatte, und auch sie konnte nicht in Worte fassen, was es, abgesehen von ihrer alternden Mutter, war, das sie hierher zurückgeholt hatte. Sie spürte lediglich, dass sie sich mit jedem Tag besser fühlte und wusste somit, dass ihre Entscheidung richtig war.

Vor vier Monaten hatten sie und ihr Freund Padraig sich getrennt. Maeve war weniger traurig über das Ende als nachdenklich und bedrückt über den Verlauf der gesamten Beziehung, denn im Grunde waren beide von Anfang an nicht glücklich miteinander gewesen. Jahrelang hatte Maeve versucht, ihm alles recht zu machen und hatte sich für ihn verbogen. Wieder einmal. Wieder einmal war sie nicht mehr sie selbst gewesen, hatte ihm so lange in Punkten zugestimmt, bis sie selbst der Meinung war. Wie zum Beispiel, dass Yoga etwas für esoterische Kühe sei. Dabei blühte sie jetzt, wo sie sich traute, die Übungen in Ruhe auszuführen, immer weiter auf dabei. Sie war sich nicht sicher, wer oder was wie beeinflusst hatte. Wahrscheinlich war alles ein Zahnrad, bei dem eins das andere auslöste und wie eine Spirale, die sich in ihrer Dynamik immer weiter verstärkte.

Doch damit war nun Schluss! Sie spürte, dass sie jeden Tag mehr zu der Person wurde, die unter all den Padraig- Schichten verborgen lag. Sie genoss das ruhige Leben, über das Padraig, der selbst aus Glasgow stammte, sich immer lustig gemacht hatte. Wie gut, dass beide erkannt hatten, dass Glück sich anders anfühlte und sich schließlich trennten.

Doch nur aufgrund der Trennung hätte Maeve nicht Dublin verlassen. Die ersten drei Monate hatte sie zur Zwischenmiete für eine Frau, die für ein Projekt in Rumänien war, in einer netten WG im Stadtteil Rathmines gewohnt. Doch just an dem Tag, an dem sie den Mietvertrag für ein Zimmer in einer modern ausgestatteten Dreier-WG unterschreiben wollte, verkündete ihr Arbeitgeber, dass er bankrott und sie somit arbeitslos war.

So kam es, dass Maeve mit ihren 28 Jahren zurück in das kleine Häuschen, in dem sie aufgewachsen war, zog. Dort bekam sie zwar nicht ihr altes Zimmer, sondern das der Mutter, weil es angeblich heller und schöner war. Sonst jedoch war alles beim Alten geblieben. Fast, denn ihrer Mutter Marie merkte man das Alter inzwischen deutlich an. Zeitlebens hatte sie viel gearbeitet und dabei nie gejammert. Doch nun, mit ihren 65 Jahren, zahlte ihr Körper den Tribut für die Schufterei, die einseitige Ernährung und den jahrelangen Schlafmangel. Marie litt an starker Arthrose, und oft hörte Maeve, wie sie beim Heben oder beim Bücken vor Schmerz stöhnte und ächzte.

Da war es nur gut, dass sie hier war und ihr ein wenig zur Hand gehen konnte.

Maeve war allein mit ihrer Mutter Marie aufgewachsen. Das heißt, eigentlich war sie ein Wunderkind, wenn auch ohne herausragende Fähigkeiten, abgesehen von ihrem Einfühlungsvermögen. Ihre Eltern hatten den Wunsch nach einem, oder mehreren, Kindern bereits aufgegeben, als ihre Mutter, für damalige irische Verhältnisse, mit 37 spät und völlig unerwartet schwanger wurde. Beide waren völlig aus dem Häuschen und konnten ihr Glück kaum fassen, als sie die kleine Maeve endlich in ihren Händen halten und an ihr Herz drücken konnten. Leider liegen Himmel und Hölle oft näher zusammen, als man glauben möchten, denn nur drei Wochen nach Maeves Geburt starb der Vater bei einem Verkehrsunfall. Das ganze Dorf mit seinen damals vierhundert Einwohnern hatte geholfen, Maeve großzuziehen. Damals unterstützten alle Marie, wo es nur ging. Ihre Mutter arbeitete Tag und Nacht in dem einzigen Pub des Dorfes und schaffte es wie durch ein Wunder irgendwie, dabei den ein oder anderen Penny zu sparen, um ihrer Tochter eine gute Ausbildung zu ermöglichen. So kam es, dass diese nach dem Schulabschluss nach Dublin ging und zwei Jahre später als die Beste ihres Jahrgangs die Ausbildung zur Physiotherapeutin abschloss. In der Stadt lernte sie Leute kennen, fand Freunde, zog mit Padraig zusammen und aus den geplanten zwei Jahren wurden zehn. Das Engagement der Mutter trug Früchte, denn nun konnte Maeve außer dem Diplom auch Zertifikate in diversen Massagetechniken sowie viel Berufserfahrung und Freude an der Arbeit vorweisen.

Während ihrer Abwesenheit hatte sich nur wenig in dem malerischen Dorf mit seiner von bunten Fassaden gesäumten Hauptstraße verändert. Es schien, als hätte sich der kleine Fleck Erde gegen die Außenwelt vollkommen abgeschirmt. Doch dieser Schein trog, das wusste Maeve. Natürlich kamen, außer im Winter, zahlreiche Touristen hierher. Mehrere Geschäfte und Cafés lebten von den Reisenden. Einige blieben nur wenige Stunden, andere mehrere Tage. Sie fanden, was sie suchten; nämlich ein Stück ursprüngliches Irland. Dazu trug auch das Reservat bei, das mehrere leichte bis mittelschwere Wanderungen in einer wunderbaren Natur bot. Bislang war es der Gemeinde gelungen, jegliche entstellende Kommerzialisierung fernzuhalten, denn man wusste, dass die Touristen nur wegen des Gefühls, in eine alte, heile Welt einzutauchen, hierherkamen.

"Guten Morgen, Maeve, da bist du ja!", unterbrach eine tiefe männliche Stimme ihre weit schweifenden Gedanken. Suchend drehte sie sich um und erblickte einen Mann von etwa siebzig Jahren, der den Hang zu ihr heraufkam. Auf seinem Kopf thronte wie immer sein alter grüner Fischerhut, und sein Gesicht war, wie auch schon vor zehn Jahren, von einem dichten, weißen Bart eingerahmt. Zwischen Hutkrempe und Augen funkelten seine lebenslustigen, kleinen Augen. Neu war nur, dass er beim Gehen das rechte Bein leicht nachzog.

"Guten Morgen, Eamon!", grüßte sie freudig zurück. "Was ist denn passiert, dass du mich schon so früh am Morgen suchst?"

Obwohl Eamon, dem einer der beiden Lebensmittelläden im Ort gehörte, einen beachtlichen Bierbauch vor sich hertrug, war er nicht außer Atem, als er vor ihr stehenblieb. Mit der rechten Hand schob er seinen Hut zurück und nickte kurz.

"Ich bringe gute Nachrichten!", lachte er, schnaufte laut aus und sah aufs Meer hinaus. Dann deutete er mit dem Kinn ebendort hin und fragte: "Schöner Morgen, was? Marie hat mir gesagt, dass du deine Verrenkungen hier machst. Guter Ort dafür, nicht wahr?"

"Oh ja. Fantastisch! Aber schieß los, was sind das denn für gute Nachrichten, die du mir bringst?", fragte sie neugierig, stand auf und klopfte sich die Hose ab.

"Hör zu. Einer von den Amerikanern vom Hotel hat nach dir gefragt. Und ich kann mir gut vorstellen, dass es dabei um einen Job geht!" Stolz strahlte er sie an und stemmte beide Hände in seine breiten Hüften.

Verwirrt erwiderte sie seinen Blick und runzelte die Stirn. "Woher kennen die mich denn? Und was wollen die von mir? Ich habe doch gar keine Ausbildung oder Erfahrung in der Hotellerie oder Gastronomie!"

Eamon hob die Hand, drehte das Handgelenk mehrmals hin und her und machte sich schon wieder auf dem Rückweg, als er sagte: "Das wirst du schon selbst rausfinden müssen. Sie haben mir nur gesagt, dass ich dich holen soll, wenn ich weiß, wo du bist. Und ich wusste ja, dass Marie weiß, wo du bist!" Maeve raffte ihre Sachen zusammen und lief ihm leichtfüßig hinterher.

"Danke, Eamon. So war das nicht gemeint. Ich bin nur verwirrt, weil ich mich gar nicht beworben habe."

"Ja, aber die Welt ist ein Dorf, und Innisfern ist nicht mal eine Schuhschachtel."

"Oder ein Schmuckkästchen!"

"Ja, genau, mein Mädel, das passt besser! Ein Schmuckkästchen, auch, wenn die Juwelen längst an anderen Besitzern glänzen. Also, was ich dir eigentlich sagen soll, ist, dass du um neun Uhr im Hotel sein sollst."

"Wie bitte? Heute? Im Ernst? Das ist ja schon gleich!" Wie angewurzelt blieb sie stehen und starrte zuerst den Mann, dann die Uhr an.

"Ja, genau. Um neun. Sei pünktlich, du weißt ja, wie die Amerikaner so sind!"

Lachend schüttelte sie den Kopf. Als ob die Dubliner viel Zeit für Unpünktlichkeit hätten!

"Na klar! Aber lustig sind die schon, oder?"

"Weißt du, Maeve, wenn die dich wollen, dann wäre das schon eine tolle Geschichte. Für dich, für deine Mam, für das ganze Dorf!"

"Wie meinst du das denn? Für das Dorf?", fragte sie mit gerunzelter Stirn, bevor ein vorbeilaufender Mann vorübergehend ihre Aufmerksamkeit vollkommen für sich beanspruchte. Auch wenn sie nur kurz sein Profil sah, so hinterließen die Geschmeidigkeit seiner Bewegungen, sein dunkelblondes Haar und sein sportliches Outfit, das aus einer azurblauen Short und einem pflaumenfarbenen enganliegenden Shirt bestand, einen bleibenden Eindruck. Sie hatte ihn noch nie hier gesehen und war sich sicher, dass er nicht hier wohnte. Vielleicht war er ja ein Hotelgast? Vielleicht würde sie ihn mit etwas Glück bald wiedersehen?

Sie erreichten den Fuß der kleinen Anhöhe, und Eamon drehte sich nach links. "Ach, nur so. Also dann, mach's gut und viel Erfolg!""Danke. Und danke fürs Holen!", rief sie ihm nach und blickte nochmals auf ihre Uhr: Nicht ganz halb acht. Ihr blieb gerade noch Zeit für ein schnelles Frühstück und eine Dusche.

Auf dem Weg zu dem gemütlichen, weiß getünchten Häuschen mit dem schwarzen Dach, in dem sie nun mit ihrer Mutter wohnte, dachte sie pausenlos darüber nach, was die Amerikaner wohl von ihr wollten. Sie betrat den kleinen gepflasterten Weg, der durch ihren winzigen Vorgarten führte. Weiße, dunkelrote, hellrote, rosarote, orange und gelbe Rosen blühten darin in voller Pracht und rankten sich um die grün gestrichene Haustür.

Seit sie denken konnte, pflanzte ihre Mutter nur Rosen, wenn auch verschiedene Arten. Im ganzen Dorf und sogar darüber hinaus war Marie für ihre Blütenpracht bekannt, und oft fotografierten Touristen das niedliche Rosenhäuschen.

Die Haustür stand einen Spalt weit offen, weil niemand im Dorf jemals abschloss. Marie hantierte hörbar mit Geschirr, der Wasserkessel brodelte kurz vor dem Siedepunkt lautstark vor sich hin. Es duftete herrlich nach frisch getoastetem Brot, und Maeve freute sich auf das Frühstück.

"Bist du das, Maeve?", rief ihre Mutter ihr über den Lärm zu.

"Ja, hallo! Ich zieh mir nur schnell die Schuhe aus."

"Eamon MacManus war vorhin da und hat dich gesucht." Ihre Mutter trat in den Türrahmen der Küche und wischte sich die Hände an der Schürze ab.

"Ich weiß. Er hat mich gefunden."

"Und? Was wollte er?", fragte sie neugierig.

Gut gelaunt ging Maeve zu ihr und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. "Er hat mir gesagt, dass jemand von dem Resort mich um neun Uhr dort sehen will. Er glaubt, dass es sich wahrscheinlich um ein Vorstellungsgespräch dreht." Maeve zog einen Stuhl von dem kleinen Holztisch hervor, auf dem inzwischen bereits für das Frühstück gedeckt hatte. Der Tisch war so klein, dass gerade mal zwei Personen daran Platz fanden.

"Die Leute vom Hotel?", fragte ihre Mutter missbilligend und drehte sich mit der Toastscheibe, die sie gerade mit Butter bestrich, in der Hand um. Sie kniff die Augen zusammen und legte die Stirn in Falten. "Die Amerikaner? Die haben einen Job für dich? Wie das denn? Du hast dich doch gar nicht beworben, oder etwa doch?"

"Bleib ruhig, Mam, bitte! Nein, ich habe mich nicht beworben, deswegen wundert es mich auch. Aber was könnten sie sonst von mir wollen? Und schau, es ist doch nur ein Vorstellungsgespräch. Ich weiß ja noch nicht mal, worum es dabei überhaupt geht!" Mit gespreizten Fingern fuhr sie sich durch ihr nun offenes Haar und schüttelte es. Sie würde es vor dem Termin ordentlich föhnen müssen, dachte sie, und nahm einen Schluck von dem noch dampfenden Tee. Die Tasse hatte sie vor mehr als zehn Jahren von der Abschlussfahrt nach London mitgebracht. Der Big Ben war inzwischen verblasst, dafür zeigte die Tasse nun zwei graue Risse und einen Becker. Hebt Mam die nur auf, weil sie von mir ist?, überlegte sie. Die muss doch weg!

"Aber was für einen Job könnten die denn für dich haben? Du hast doch noch nie in einem Hotel oder so was gearbeitet!" Scheppernd stellte sie den grünen Teller mit den noch warmen, gebutterten Toastscheiben auf den Tisch und ein Glas mit selbstgemachter Orangenmarmelade daneben.

"Das weiß ich doch eben auch nicht! Aber was ist schon Schlimmes dabei, einfach mal hinzugehen und mir anzuhören, was sie wollen?", fragte Maeve nun leicht genervt und biss in das knusprige Brot. In Dublin hatte sie nur Obst gefrühstückt, aber sie wusste, dass es zwecklos war, mit ihrer Mutter Alternativen zu frischem Toast zu diskutieren.

Jetzt stützte diese ihre Hände in die Hüften und kam erst so richtig in Fahrt. "Alles! Hör mir mal zu, bevor du dich wieder blenden oder zu was überreden lässt, was du hinterher bereust! Die kommen hierher und kaufen uns eiskalt unser ganzes Land weg. Sie bauen dieses potthässliche Resort mitten in das schönste Fleckchen weit und breit und ruinieren ganz nebenbei einfach so die örtliche Wirtschaft! Kein einziger unserer Handwerker war beim Bau beteiligt! Kein einziger Bäcker, Metzger oder sonst wer darf ihnen etwas liefern! Sie nehmen allen die Arbeitsplätze weg und jetzt wollen sie auch noch meine Tochter!", rief sie aufgebracht.

"Mam! Mich stiehlt doch niemand! Du siehst immer alles so kritisch!"

"Und du siehst immer alles so unkritisch, durch deine ewig rosarote Brille!"

"Mensch! Das war früher vielleicht so. Jetzt bin ich erwachsen."

"Ach, und bei Padraig und deinen vorherigen Exfreunden war das nicht so?"

"Fang jetzt bitte nicht mit denen an!"

"Na schön. Aber trotzdem. Ich bleibe dabei. Die machen uns alle kaputt! Bald hat niemand mehr hier einen Job!"

"Welche Jobs nehmen sie uns denn weg? Sie schaffen doch wohl viel eher welche!"

"Doch, das tun sie sehr wohl! Ich weiß genau, wie die sind! Geldgierige Amerikaner! In ein paar Jahren ist unser Innisfern nicht wiederzuerkennen, das sage ich dir jetzt schon! Merk dir das! Wir verkommen zu einem kitschigen Touristen-Nippes-Ort, ganz nach amerikanischer Vorstellung, und das war's dann! Und irgendwann kaufen sie uns auch noch unser Wasser ab, damit wir es ihnen dann für teures Geld wieder abkaufen müssen, das schwöre ich dir!" Ihr ansonsten so friedliches Gesicht war puterrot angelaufen, und vor Wut schäumte sie. Aufgebracht schüttelte sie sich.

"Komm, jetzt übertreibst du aber ganz schön! Sie stellen ja die Leute von hier ein, unsere Leute, oder etwa nicht? Und was soll das mit dem Wasser? Du siehst viel zu viel fern, echt! Das passiert anderswo, aber nicht hier! Lass bitte mal die Kirche im Dorf!" Maeve atmete tief aus.

Marie schnaubte. "Wir brauchen ihre blöden Jobs aber nicht. Jeder hier hat Arbeit. Oder: hatte! Wir können selbst für uns sorgen, haben das schon immer getan! Wir arbeiten alle zusammen und machen die Touristen glücklich, mit dem, was wir haben, und so wie wir sind! Und die Touristen haben bislang uns glücklich gemacht. Aber erst gestern hat Aisling O'Shea mir erzählt, dass ihr Mann sein Café bald schließen muss, weil jetzt alle Touristen ihren Kuchen in dem noblen Resort essen und nicht mehr bei ihnen!" Marie kochte vor Wut und biss krachend in den inzwischen kalten Toast. Maeve seufzte, denn das klang in der Tat nicht gut, doch sie vermutete, dass ihre Mutter wie immer alles aufbauschte.

"Also, egal, wie es ist, Mam. Einfach mal hingehen und schauen, worum es geht, kann nicht schaden. Okay? Außerdem gibt es für Physiotherapeuten hier doch ohnehin keine Arbeit! Weder im Hotel noch im Dorf!" Sie warf ihr einen feurigen Blick zu, zuckte trotzig mit den Schultern und biss ebenfalls in ihren Toast.

"Das sagst du. Dass ich nicht lache! Du hast einen super Abschluss von Dublin! Da kannst du dich locker selbstständig machen, oder nicht?"

"Ach, Mam! Selbst, wenn ich eine Praxis hätte: Wie viele Leute hier brauchen denn eine Behandlung? Und falls ja: Wie viel sind sie bereit, dafür zu bezahlen? Und wer hier hat überhaupt schon mal was von Yoga gehört?"

"Na, komm, übertreib mal nicht! Du kannst es uns doch beibringen! Alle hier lieben dich!" Maries Ton wurde weich, und Stolz schwang darin mit.

Doch Maeve schüttelte den Kopf. "Ich hab's dir doch schon gesagt, Mam. Ich will sparen, damit ich reisen und mich in Yoga und Meditation weiterbilden kann! Bali, Indien, Nepal … Und wie kann ich das bitteschön ohne Geld?" Ihr Blick wanderte zur Decke und blieb an einem dunklen Fleck in der Ecke hängen. War der schon immer da?

"Wie viel brauchst du?", schossen die Worte aus Maries Mund. Ihre Augen funkelten wild entschlossen, doch Maeve schüttelte wieder den Kopf.

"Mehr, als wir uns momentan leisten können", sagte sie mit schmalen Lippen und nahm einen Schluck aus der angeschlagenen Tasse.

"Woher willst du das wissen?", schnappte Marie, aber Maeve lächelte nur.

"Lass gut sein, Mam. Ich gehe zu dem Vorstellungsgespräch, wenn es denn überhaupt eines ist, und hör' mir auf alle Fälle erst mal an, was sie wollen und zu bieten haben." Sie stand auf und wandte sich zum Gehen.

"Maeve! Hör mir doch bitte mal zu!"

"Ich muss mich jetzt fertigmachen, Mam! Lass uns bitte weiterreden, wenn ich wieder da bin!"

"Iss wenigstens noch ein bisschen gebratenen Speck!", rief ihre Mutter besorgt wie um ein kleines Kind, und Maeve musste lachen. Sie lief zu ihr zurück und umarmte sie fest.

"Ich bin satt, Mam. Aber habe ich dir schon gesagt, wie glücklich ich bin, wieder hier bei dir zu sein?

Das beruhigte Marie. Glücklich seufzte sie auf und sagte, nun versöhnt: "Ich auch, mein Kind, ich auch."

Oben in ihrem Zimmer machte sie sich auf die Suche nach passender Kleidung. Ein schwarzer Rock und eine hellgrüne Bluse, die das kräftige Grün ihrer Augen betonte, würden wohl am ehesten passen. Viele formelle Kleidungsstücke besaß sie nicht, da sie als Physiotherapeutin und Yoga-Lehrerin bislang keine gebraucht hatte. Schnell sprang sie unter die Dusche, föhnte ihr langes Haar ordentlich glatt und drehte die Spitzen ein, legte ein dezentes Tagesmakeup und einen Spritzer ihres nach Veilchen duftenden Lieblingsparfüms auf und schlüpfte dann in ihre schwarzen Pumps. Der Absatz war nur etwa fünf Zentimeter hoch, aber das musste genügen, denn auch hier hatte sie nichts Höheres zu bieten. Immerhin konnte sie so halbwegs bequem zum Resort gehen.

Als ihre Absätze wenig später die Treppe hinabklackerten, wartete ihre Mutter unten bereits mit einem gütigen Lächeln auf sie.

"Wow! Toll siehst du aus!", rief sie und betrachte ihre Tochter stolz."Danke, Mam.""Also, was kann ich dir wünschen? Viel Glück und Erfolg, nehme ich an, richtig?"

"Ja, tu das, das ist lieb von dir." Sie beugte sich vor und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. "Bis dann!"

"Bis dann! Mach's gut! Und lass dich nicht über den Tisch ziehen!"

Kapitel 2

Den Weg die Hauptstraße entlang war Maeve ruhig und gelassen. Die Geschäfte, deren Fassaden in kräftigen Farben leuchteten, öffneten gerade, und da die Besitzer Maeve gut kannten, grüßten sich alle freudig. Nun aber, da sie auf die neue Zufahrtsstraße einbog und sich aus ihrer vertrauten Welt entfernte, begann ihr Herz schneller zu schlagen.

Die weltweit bekannte Abbott-Kette hatte ihr erstes Haus in Irland erst vor zwei Monaten eröffnet. Natürlich hatte Maeve von Anfang an zuerst von den Bauplänen, dann den Bauarbeiten und schließlich von der pompösen Eröffnung gehört. Selbstredend hatte alles bereits im Vorfeld für Unmut gesorgt, aber, dachte Maeve, das war doch immer so. Je kleiner eine Gemeinschaft ist, desto skeptischer steht sie Neuerungen für gewöhnlich gegenüber. Zumindest ist es hier so. Sie wollte sich erst einmal selbst überzeugen, denn so wie sie ihre Mutter kannte, hatte sie den Teufel mal wieder an die Wand gemalt.

In weniger als fünf Minuten erreichte sie den Haupteingang des exklusiven, und gar nicht hässlichen, Resorts, das am Ende der Hauptstraße lag. Ein Grund dafür, warum es nicht zu Innisfern zu gehören schien, war wohl, dass die Welt des Luxus nichts mit dem bescheidenen Dorfleben gemein hatte. Ein anderer war wahrscheinlich, dass das Hotel von einer hohen Mauer vor neugierigen Blicken verborgen lag, an der bereits der erste Efeu hinaufkletterte. Nun waren die Pflanzen noch klein und verdeckten die hellen Steine nur spärlich.

Eine vielleicht fünfzig Meter lange und neu angelegte Straße führte auf das große, dunkle Einfahrtstor zu, auf dem der goldfarbene Schriftzug "Abbott Hotels" prangte. Zwei Angestellte in anthrazitfarbenen Anzügen und mit Kappen in der gleichen Farbe standen davor.

Die beiden Männer in den Uniformen verneigten sich zur Begrüßung, als sie beinahe dicht vor ihnen stand. Sie grinsten breit und öffneten das große Tor für sie. Verwirrt über das Grinsen hielt Maeve inne und konnte ihre Reaktion zuerst nicht ausmachen. Doch dann erkannte sie, wer in den Uniformen steckte.

„Robert! Ronan!“, rief sie freudig überrascht den beiden Brüdern zu. Seit vielen Jahren hatte sie die Jungs, die sie von Geburt an kannte, nicht mehr gesehen. Nun waren sie zu feschen jungen Männern herangewachsen, die in der eleganten Hoteluniform in aufrechter Haltung den Gästen Einlass in die Welt des Luxus gewährten. „Das ist ja eine Überraschung!" In diesem Moment fiel ihr auch auf, was an dem weit geöffneten Tor nicht stimmte. Sie schlug sich mit der Hand an die Stirn und zeigte auf eine kleine Tür nebenan, die ebenfalls das Hotellogo zierte: "Oh, Mann! Ich hätte auch den Fußgängereingang nehmen können!“, sagte sie lachend.

„Naa, du hast schon den großen Auftritt verdient, Maeve!", gab Ronan ebenso lachend zurück. "Wir haben schon gehört, dass du wieder da bist und dass es dir gut geht!", warf Robert grinsend ein. "Und schau, was aus uns geworden ist! Jetzt stehen wir da, in diesen tollen Outfits, was?“ Ronan strahlte, und Maeve erkannte deutlich, wie stolz sie auf ihre Anstellung waren. Vielleicht hatte ihre Mutter doch recht, dachte Maeve. Es war bestimmt leicht, junge Schulabgänger mit solchen Jobs und Uniformen zu ködern, auch wenn die Eltern sicherlich nicht in Jubelgeschrei ausgebrochen waren, denn ihnen gehörte das dem, laut ihrer Mutter, Untergang geweihte O’Shea Café.

„Ja, Mensch, ihr seht total wichtig in den Uniformen aus! Ich würde mich echt gerne noch weiter mit euch unterhalten, aber ich habe einen Termin mit den Abbott-Leuten wegen irgendeinem Job, glaub' ich. Ich muss los, bis später!“

„Wow, das ist ja cool! Dann viel Erfolg!", rief Robert begeistert. „Bis dann!“

Als sie durch das Tor ging, tauchte sie in eine andere Welt ein, die mit dem Dorf Innisfern nur das Wetter, den Himmel, die Luft und das Meer gemeinsam hatte. Nichts von der geschmackvollen und zeitlosen Eleganz fand einen Anknüpfungspunkt mit irgendetwas, das sie persönlich kannte.

Wie im Film, dachte sie ehrfurchtsvoll. Zu beiden Seite des Weges breitete sich ein sattgrün leuchtender und makellos gepflegter Rasen aus. Links und rechts des Weges plätscherte Wasser aus zwei mehrstöckigen Schalenbrunnen, die auf Füßen aus hellem Stein standen. Durch mehrere Büsche blitzte das Türkis eines Pools hervor. Vereinzelt ragten alte Bäume in den Himmel und unmittelbar vor dem Hoteleingang befand sich ein ovaler Springbrunnen, an dessen Enden je eine Schildkröte Wasser aus dem Mund spritzte. Zwischen dem Brunnen und dem auskragenden Portal, das von zwei grünen Marmorsäulen majestätisch gestützt wurde, konnten Autos halten und die Gäste aus- bzw. einsteigen lassen. Ein grauer Teppich führte von dieser Stelle in das Innere des groß angelegten, sandfarbenen Hauses, an dessen Eingang zwei Pagen standen.

Als Maeve den Brunnen umrundete, begrüßten die beiden Herren sie mit einem stummen Nicken, als gehöre sie zu den vornehmen Gästen. Ihre Hände wurden feucht, und mit einem bis in die Ohren dröhnenden Herzschlag betrat sie die Lobby, wo im Hintergrund leise klassische Musik spielte. Es roch frisch, rein und beruhigend; eine Mischung aus Meeresluft und den verschiedenen Blumen, die in eleganten Arrangements den Raum schmückten.

Noch bevor sie sich fragen konnte, wie sie ihren Gesprächspartner finden könnte, kam ein hagerer Mann mit grau-meliertem Haar mittleren Alters auf sie zu, der ebenfalls die Hoteluniform trug. „Guten Morgen, meine Dame. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?", begrüßte er sie höflich.

„Guten Morgen. Mein Name ist Maeve Connolly. Ich wurde eingeladen, weiß aber weder, von wem, noch wozu." Ihre Stimme zitterte leicht, so sehr war sie von der Eleganz ihrer Umgebung beeindruckt, und so wenig fühlte sie sich zu ihr gehörig.

„Guten Morgen, Ms Connolly. Ich freue mich außerordentlich, dass Sie hier sind. Mein Name ist Mr DuChamps. Mr Abbott erwartet Sie bereits. Wenn Sie mir bitte folgen wollen?“, sagte der Mann mit einem starken französischen Akzent sehr freundlich und hielt ihr mit einer angedeuteten Verbeugung eine der großen Glastüren auf.

„Hier entlang, bitte, Madame.“ Lächelnd wandte er sich ihr zu und führte sie einen dezent beleuchteten Korridor entlang. Auch hier waren die einladenden Polstermöbel, die schweren Vorhänge und Teppiche durchgehend in verschiedenen Grün- und Grautönen gehalten. Die großen Leuchter, die von der hohen Decke hingen, sowie die Lichtschalter und Türgriffe glänzten goldfarben, und Maeve musste sich beeilen, vor Staunen nicht den Anschluss mit Monsieur DuChamps zu verpassen. Der Herr führte sie in einen großen Raum, dessen Rückseite aus mehreren zweiflügeligen Sprossentüren bestand. Diese eleganten Türen, der herrliche Blick auf den weitläufigen Garten und das dahinter liegende Meer verliehen dem Raum etwas Palastartiges. Nun öffnete Mr DuChamps eine und trat auf die Terrasse, auf der mehrere Kaffeetische standen, von denen jedoch nur eine Handvoll besetzt war.

Mittlerweile schwitzten nicht nur Maeves Handflächen, sondern auch ihre Stirn. Sollte sie wirklich die Gelegenheit bekommen, hier zu arbeiten und somit jeden Tag hier sein? Das wäre mehr, als alles, was sie sich jemals erträumt hatte! Das hier war das Paradies auf Erden!

„Mr Abbott? Maeve Connolly ist für das Gespräch mit Ihnen hier“, stellte sie der Mann mit dem französischen Akzent in vornehmer Stimme vor. Er war vor einem der Tische stehen geblieben, an dem drei Männer beim Kaffee saßen.

Maeves Gleichgewichtssinn schwankte, und das aus zwei Gründen. Zum einen hatte sie sich auf so viele Gesprächspartner nicht eingestellt. Zum anderen war der jüngste von allen ohne jeden Zweifel der Läufer von heute Morgen. Zwei Herren um die sechzig und ein wesentlich jüngerer um die dreißig blickten sie neugierig an. Während die beiden älteren eine gewisse Kälte und Härte ausstrahlten, lächelte der jüngere sie unverwandt an, wobei sich seine schokoladenbraunen Augen weiteten und warm leuchteten.

Jetzt, wo sie ihn näher betrachten konnte, glaubte sie, ihn bereits vorgestern gesehen zu haben. War er nicht auch der freundliche Mann, der sich zu einem weinenden Jungen von vielleicht vier Jahren hinuntergebeugt und ihm ein neues Eis gekauft hatte, weil ihm seine Schokoladenkugel aus der Tüte gefallen war und dann auf dem Boden vor seinen Füßen in der Sonne schmolz? Doch, gewiss war er das! Sie war so gerührt von dieser spontanen Geste gewesen, dass sie das Geschehen fasziniert verfolgt und gedacht hatte, dass wohl doch nicht alle Männer Kinder so verabscheuten, wie Padraig es tat. Nun schlug ihr Herz nicht mehr schneller als normal, denn es setzte einen Schlag aus. Und als sie seine samtig weiche Stimme hörte, noch einen.

„Wie schön, dass Sie hier sind, Miss Connolly. Vielen Dank, Louie. Gentlemen, ihr entschuldigt mich bitte eine Weile“, sagte ebendieser. Alle drei erhoben sich. Die beiden älteren Herren ein wenig schwerfällig, der junge Mann mit der gleichen Geschmeidigkeit, die er auch beim Laufen gezeigt hatte. Nun stand er nur wenige Zentimeter von ihr getrennt vor ihr und lächelte sie freundlich und erwartungsvoll an. Auch im Anzug konnte man deutlich erkennen, dass er einen sportlich durchtrainierten Körper hatte. Er hielt sich gerade und überragte Maeve um gut einen Kopf.

Louie verbeugte sich und ging leise von dannen.

Etwas verloren blieb Maeve wie angewurzelt stehen, entknotete ihre Hände, konnte aber dennoch nur wie gebannt verfolgen, wie die anderen Männer aufstanden und fortgingen.

„Miss Connolly? Oder ist es Mrs?“, fragte Mr Abbott mit seinem offenen Blick und einem leichten Lächeln auf den Lippen. Nun erst ging Maeve auf ihn zu und antwortete mit kratziger Stimme: „Miss Connolly, Sir." Dann reichte auch sie ihm ihre Hand, und als er sie in seine nahm und mit einem kräftigen Druck schüttelte, spürte sie die Hitze in ihre Wangen kriechen. "Freut mich sehr, dass Sie hier sind. Ich bin Clark Abbott."

Er entzog ihr seine Hand und deutete nun mit ausgestrecktem Arm auf die nun freien Stühle. "Bitte, nehmen Sie Platz."

Erst als sie saß und ihren Stuhl an den Tisch zog, bemerkte sie, dass einige Meter unter ihnen Wellen an die Mauer schlugen. Das Geräusch beruhigte sie, wenn auch nur wenig, da sie die Anwesenheit dieses amerikanischen Sunny Boys völlig aufwühlte. Nicht nur sein Aussehen, sondern auch sein Akzent erinnerte sie an einen Hollywoodstar. Sie konnte kaum glauben, dass dieser Mann tatsächlich vor ihr saß und sie noch dazu zu sich gebeten hatte. Aber warum?

Sein dunkelblondes Haar war leicht gewellt und locker nach hinten gekämmt. Bestimmt hatte er es mit Wachs fixiert, einem dieser fein duftenden, die sie bei Brown Thomas, dem exklusivsten Warenhaus Dublins, gesehen und gerochen hatte. Nur eine einzelne Strähne fiel ihm in die hohe Stirn, was ihn wesentlich nahbarer erscheinen ließ, als wenn auch sie streng nach hinten gekämmt wäre. Seine Augen waren von einem so dunklen Braun, dass es beinahe ins Schwarz überging und eine hypnotisierende Wirkung auf sie hatte. Als spüre er, dass sie ihm entglitt, sah er sie aufmunternd an. Seine makellos glatte Haut schimmerte in einem sanften Goldton, der Maeve an die Sonnenflecken auf dem Meer erinnerte.

"Verzeihen Sie mir bitte meine Direktheit, aber kann es sein, dass ich Sie in den letzten Tagen frühmorgens auf der kleinen Anhöhe beim Yoga gesehen habe?", fragte er dann völlig unverblümt und blickte sie unverwandt aus seinen weichen Augen an.

"Wirklich?" Ihr Atem stockte. Er hatte sie bemerkt und erinnerte sich an sie? "Das ist gut möglich. Ich bin dort gerne bei Sonnenaufgang, das stimmt. Aber entschuldigen Sie, dass ich Sie nicht gesehen habe", brachte sie schließlich kurzatmig hervor.

"Selbstverständlich nicht, Sie waren doch in Ihre Übungen vertieft, und außerdem hatten Sie ja den Atlantik vor sich!"

"Ja, das stimmt auch", gab sie zu und lächelte entspannt.

Daraufhin sah er sie eine Weile mit leicht geneigtem Kopf an, lächelte, und auch sie bestaunte schweigend den charmanten und atemberaubend gut aussehenden Mann. Er trug einen anthrazitfarbenen Anzug und dazu ein hellblaues Hemd, allerdings ohne Krawatte. Auch seine Schuhe hatte sie in den wenigen Augenblicken, in denen sie vor ihm stand, bereits bemerkt, denn diese glänzten in einem warmen Braun in der Morgensonne. Noch nie zuvor war sie einem Mann begegnet, der an einem Dienstagmorgen zehn Meter über dem Meer so mühelos elegant aussah.

„Sehr schön, dass Sie gleich Zeit hatten“, sagte er mit seiner vollen, warmen Stimme und zeigte beim Lächeln eine Reihe strahlend weißer Zähne. Ob sie gebleacht waren?

„Ja, sehr gerne", antwortete sie und bemerkte zu spät, dass die Antwort nicht richtig passte. "Ich habe erst gut vor einer Stunde von der Einladung erfahren und habe mich so sehr beeilt, wie ich nur konnte. Ich hoffe, ich bin nicht zu spät dran.“ In seiner Gegenwart fühlte sie sich schüchtern und versuchte vergeblich, sein natürlich strahlendes Lächeln auf die gleiche Art zu erwidern. Hoffentlichmerkternicht, wieaufgeregtich bin, dachte sie und spielte verlegen mit den Händen.

„Hierzulande gibt es keine allzu langen Vorankündigungen, was? Oder ist das eine amerikanische Unsitte?“, scherzte er und lachte kurz auf. Dann fuhr er sich mit den Fingern langsam durch sein dichtes Haar und richtete den Blick auf das im Sonnenlicht glitzernde Meer, bevor er mit ruhiger Stimme fortfuhr: „Also, ja. Sie fragen sich bestimmt, warum ich Sie so dringend sehen wollte.“ Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und blickte ihr nun direkt in die Augen. Angestrengt versuchte sie, zu lächeln, konnte aber nur stumm nicken. „Nun, um das Geheimnis zu lüften: Ich habe mich im ganzen Land nach einer Masseuse und Yogalehrerin umgesehen und bin dabei mehrmals auf Ihren Namen gestoßen“, teilte er ihr ruhig mit, ohne sie dabei aus seinem taxierenden Blick zu entlassen.

„Oh, ich wusste gar nicht, dass ich so bekannt bin!“, rief sie überrascht aus und kicherte verlegen.

„Nun, offensichtlich haben Sie in der Hauptstadt einen guten und bleibenden Eindruck hinterlassen. Als ich erfuhr, dass Sie hier leben, konnte ich mein Glück kaum fassen. Das muss Schicksal sein, finden Sie nicht?“ Begeistert klatschte er in seine großen Hände und strahlte sie an.

„Ja, das muss es wohl sein …“, antwortete sie und fragte sich, wie er das wohl meinte. Gleichzeitig ärgerte sie sich, dass ihr keine freundlichere Antwort eingefallen war. „Sie sind also auf der Suche nach einer Masseuse?“

„Ganz genau so ist es“, nickte er. „Für das Resort selbstredend, nicht für mich persönlich, auch wenn ich mir selbst gerne eine Massage gönne. Ich hoffe, dass Sie nicht anderweitig langfristig verpflichtet sind und überhaupt Interesse an dieser Anstellung hätten.“ Er stützte beide Unterarme auf den Tisch, steckte die Finger ineinander und lehnte sich mit einem erwartungsvollen Lächeln zu ihr vor. Ein Hauch seines nach Gräsern und Holz duftenden Parfüms stieg ihr in die Nase und bemächtigte sich kurz ihrer Sinne, die von seinem Blick und seiner Stimme ohnehin schon betört waren. Sie schluckte und schüttelte den Kopf, bevor sie fragen konnte: „Um was für eine Tätigkeit würde es sich denn genau handeln?“ Dann lehnte auch sie sich zurück, um den Abstand zwischen ihnen zu vergrößern, denn irgendwie musste sie sich auf das Gespräch konzentrieren und konnte sich nicht von seiner überbordenden Männlichkeit völlig aus der Fassung bringen lassen.

„Sie würden sich um das Yoga- und Entspannungsprogramm für unsere Gäste kümmern. Fast alle wünschen sich Massagen, ein paar Gäste fragten bereits nach Yogastunden. Die würden Sie diesen Monat aber nur individuell anbieten, das heißt, wenn Nachfrage besteht und es ihr Zeitplan zulässt. Für das Yoga haben wir im Garten einen ruhigen Fleck sowie, für die Tage, an denen das Wetter eher irisch ist“, an dieser Stelle lachte er hell auf, „einen Raum mit einer breiten Glasfront, von der aus man auf das Meer hinausblickt.“ Clark Abbott lehnte sich nun ebenfalls in seinem Stuhl zurück und faltete die Hände vor seiner Brust. Nach wie vor ließ er sie nicht aus den Augen und Maeve begann, sich unter seinem Blick zu winden. Wie konnte ein so freundlicher Mann auf so natürliche Art selbstsicher sein!

Stumm nickte sie und bemühte sich, die Informationen zu verarbeiten.