Irre schön - Aron Boks - E-Book

Irre schön E-Book

Aron Boks

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Beschreibung

Was sind Psychosen? Wie funktioniert Sucht? Und was haben Bären mit alldem zu tun? »Irre schön« gibt Antworten und lässt Betroffene zu Wort kommen. Psychologisch fundiert und poetisch gleichermaßen, gehen in diesem Buch erklärende und erlebende Perspektiven zu psychischen Erkrankungen Hand in Hand. Mit Sachkenntnis, Charme und Humor räumen die Psychologin Bonny Lycen und der selbst erkrankte Slampoet Stef mit überholten Stigmatisierungen und gefährlichem Halbwissen auf. Neben die erklärende Perspektive tritt die Sphäre des Erlebens. Teils ergreifend, teils entwaffnend komisch, vor allem aber authentisch reflektieren 38 Autor*innen in poeti­schen Texten persönliche Erfahrungen und das Leben mit psychischen Erkrankungen. Ein wichtiges, in seiner Herangehensweise einzigartiges Buch, das das Thema Mental Health auf mehreren Ebenen erfahrbar macht, das zuhört, aufklärt und Mut spendet – geeignet für selbst Betroffene, Angehörige, in dem Bereich Arbeitende und alle, die verstehen wollen. Mit Beiträgen von: Aron Boks, David Friedrich, Felicitas Friedrich, Pauline Füg, Florian Hacke, Jean-Philippe Kindler, Maria Victoria Odoevskaya, Veronika Rieger, Henrik Szanto, Christine Teichmann, Katharina Wenty u. v. a. Inkl. 22 Audio- und Videolinks und 8 Cartoons von Karsten Lampe »Es ist wichtig, dass es dieses vielschichtige Buch gibt. Ich bin froh, Teil davon sein zu dürfen. Wer Menschen kennt oder selbst ein Mensch ist, kann aus diesen Texten und Erklärungen etwas mitnehmen.« Lara Ermer, Autorin und Comedienne

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Stef, Bonny Lycen (Hrsg.)

IRRE SCHÖN

POETRY & MENTAL HEALTH

E-Book-Ausgabe März 2022

© Satyr Verlag Volker Surmann, Berlin 2022

www.satyr-verlag.de

Cover & Cartoons: Karsten Lampe

Korrektorat: Matthias Höhne

Diese Anthologie wurde mit Sorgfalt lektoriert und korrigiert. Die abgedruckten Textfassungen entsprechen den ausdrücklichen Wünschen der Verfasser*innen.

© Audioaufnahmen bei den Verfasser*innen. Keine unerlaubte Sendung und Vervielfältigung!

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über: http://dnb.d-nb.de

Die Marke »Satyr Verlag« ist eingetragen auf den Verlagsgründer Peter Maassen.

E-Book-ISBN: 978-3-947106-81-3

INHALT

Stef, Bonny Lycen: Vorwort

Ben Wenzl: Mental Illness – The Musical

1. STERBEN GEHT DEUTLICH SCHÖNER

[Emotionen]

Helen Seidenfeder: Der Tag, an dem die Angst das Fürchten lernte

[Angststörungen]

Laander Karuso: Dementor oder Depression

Veronika Rieger: Mein grauer Planet

[Depression]

Maria Victoria Odoevskaya: Angst I-V

Stef: SVV

[Selbstverletzendes Verhalten]

Nina Horbaty: Wenn deine Seele schon hängt, lass sie doch einfach … baumeln

[Suizid]

2. DU KANNST DEINE ELLBOGEN NICHT LECKEN

Pauline Füg: spuk

[Körper und Psyche]

Felicitas Friedrich:Atem

[Embodiment]

Silke Gruber: Von wo aus die Fäden gezogen werden

Laander Karuso: Der eingebildetste Kranke der Welt

[Somatoforme Störungen, Hypochondrie]

Lara Ermer: Insomnie

[Schlafstörung]

Katharina Wenty: Apfel oder Schokolade

[Essstörung]

3. BISSCHEN DICK, DICKE BRILLE, FEUERMELDER, GUT IN MATHE

Sascha Theodor Kühl: Nils

[Was ist normal?]

Elisabeth Schwachulla: Eine toxische Beziehung

[Ab wann eine Störung?]

Stef: Du bist der Wald und ich bin das Meer

[ICD-11 und DSM-5]

Rebecca Heinrich: mit dem hammer philosophieren

[Biopsychosoziales Modell]

Florian Hacke: Creep

[Ursachen psychischer Störungen]

David Friedrich: Reparatur

[Posttraumatische Belastungsstörung]

4. WISSEN SIE, ICH TRAUE MIR NICHT GANZ ÜBER DEN WEG

Aron Boks: Philipp

[ADHS]

Jan Lindner: Dr. Zargota: Erste Sitzung

[Psychose]

Xenia Stein: Tiefgefrorenes

[Schizophrenie]

Jann Wattjes: Inselunbegabung

[Inselbegabung, Autismus]

Tina Nadler: Das Geschenk

[Zwangsstörung, Zwangsgedanken]

5. BEVOR DAS SCHWEIGEN ZWISCHEN UNS ANHÄLT

Christine Teichmann: Toutes directions

[Empathie und Mitgefühl]

Katharina Wenty: Deine Welt neben meiner Welt

[Angehörigenperspektive]

Jean-Philippe Kindler: Die Ware Ich

[Selbstliebe, Selbstwert]

Felicitas Friedrich: Wenn der Frühling kommt

Annette Flemig: Wut gemacht

[Abgrenzung]

6. DANN PASSIERTE, WOVOR DAS EICHHÖRNCHEN MICH GEWARNT HATTE

Stef: Schalt mal um

Martin Weyrauch: Unzeitgemäße Verachtungen

[Persönlichkeit und Persönlichkeitsstörung]

Katharina Wenty: Don’t cross the border

Chiara Devenish: Grenzgänger

[Borderline-Persönlichkeitsstörung]

Frau Lore: Das Eichhörnchen

[Sucht]

Erwin Kirschwasser: Porträt des Trinkers als junger Mann

[Suchtfolgen und -behandlung]

7. HEUTE SAGEN WIR, DASS MORGEN BESSER WIRD

Max Osswald: Erste Schritte

[Hilfe]

Henrik Szanto: Das Wohl des sicheren Genicks

Rumo Wehrli: Nacht

[Therapieformen]

Jana Esser: verschluckt

[Psychopharmaka]

Yasmin Abbas: Was will ich

[Resilienz]

Danny Grimpe: Ich, Magier

Mila Bubliy, Philipp Herold: A haiku a day keeps some troubles away

[Macht des Schreibens]

8. EPILOG

Lena Meckenstock: Und du fragst mich, ob das Teil meines Lebens ist

Stef, Bonny Lycen: Nachwort

Die Autor*innen & bibliografische Hinweise

Quellenverzeichnis

VORWORT

»Manchmal hilft es, wenn man wenigstens versteht, was los ist. Selbst wenn man im ersten Moment nicht viel tun kann, ist es doch erlösend, einen Namen zu haben dafür, was einen quält, ein Konzept davon zu erfahren. Egal ob es Depressionen, Ängste oder andere Zustände waren; jedes Mal, wenn mir erklärt werden konnte, was da gerade mit mir los ist, hat schon das geholfen. Und nicht nur mir selbst. Plötzlich hatte ich Worte, um die Welt in mir drin auch anderen zu erklären, um nahezubringen, dass ich nicht gerade einfach nur etwas komisch war, sondern was genau da los war, dass da überhaupt etwas los war.«

Dies sind die Worte von einem von uns: Stef, selbst psychisch erkrankt, und sie erklären, wieso wir dieses Buch – als Team aus selbst betroffenem Slampoeten und Psychologin – zusammengestellt haben.

Immer wieder haben wir beide miterlebt, dass Menschen sich keine Hilfe nahmen aus Angst, stigmatisiert und abgestempelt zu werden. Dass sehr viel innerer Widerstand verhinderte, dass Menschen sich mit sich selbst beschäftigten. Die Zahl der in Deutschland psychisch erkrankten Menschen ist in den letzten 20 Jahren massiv angestiegen. Das liegt u. a. daran, dass viele Krankheiten heutzutage besser erkannt oder überhaupt diagnostiziert werden, sowie daran, dass immer mehr Menschen es schaffen, den ersten Schritt zu wagen. Aber auch äußere Umstände, wie immer mehr Stress im Alltag, Armut, drohender Klimawandel, Rechtsruck, Rassismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit u. Ä. sorgen dafür, dass sich immer mehr Störungen bei Betroffenen ausbilden. Um ein aktuelles Beispiel anzuführen: Für die uns alle sehr belastende Covid-19-Pandemie stellte das Medizinjournal »The Lancet« für das Jahr 2020 einen globalen Anstieg von depressiven Erkrankungen und Angststörungen fest.

Das Verstehen der Umstände eigener und fremder psychischer Erkrankung heißt Psychoedukation. Und diese ist notwendig, um sich selbst und andere besser zu verstehen und helfen zu können. Dieses Buch hat genau das zum Ziel: aufzuklären, zu veranschaulichen, Missverständnisse aufzulösen.

Auch auf Poetry-Slam-Bühnen spiegelt sich der Diagnosenanstieg wider und es wird auch immer häufiger über mentale Gesundheit und psychische Erkrankung vorgetragen. Durch all die wunderbaren, vielschichtigen Texte, die von sehr unterschiedlichen Menschen, Schicksalen und Lebenssituationen geprägt sind, und unsere dem Stand der aktuellen Forschung entsprechenden Erklärungen zu Erkrankungen, ihren Ursachen und Hintergründen kann dieses Buch ein breites Spektrum an Erfahrungen abdecken und beleuchten. Dieses Zusammenspiel aus poetischen Erfahrungsberichten und wissenschaftlichen Sachtexten soll allen, die es interessiert, egal ob Betroffenen, Angehörigen, beruflich damit Befassten oder eben einfach Interessierten, das Verständnis von psychischen Erkrankungen näherbringen und neue Facetten ans Licht bringen, die den Lesenden noch nicht bewusst waren.

Wir haben während der Arbeit an diesem Buch jedenfalls beide sehr viel gelernt, mindestens jedoch, was der Bär beim Psychiater macht: sich bäraten lassen. Wir schwören, nach der Lektüre des ganzen Buches ist das fast witzig. In diesem Sinne wünschen wir allen Leser*innen ein gutes Leseerlebnis!

Stef, Bonny LycenKöln und Leipzig, Dezember 2021

MENTAL ILLNESS – THE MUSICAL

Ben Wenzl

Mental Illness: The Musical! But, like, I’m too sad to sing it,

So that’s kind of a bummer. You know what else’s a bummer?

Mental Illness: The Musical!

Still, that is like the tagline for it, it’s on the poster:

Mental Illness: The Musical! (It’s kind of a bummer.)

Still, it is a musical.

It is not a straight play, I am not a straight gay,

I am just a … sad gay.

That oxymoron. It’s a tough sell, I get it.

You know, we may not be on Broadway, but we are

Off-Off-Off-Off-Off-Off-Broadway.

However, we were picked up those three different times by an inpatient recovery center and, well, that was very exciting because it was like we had made the big time.

And so, with that, we proudly present,

and by proudly, I mean,

I guess I don’t know what »proudly« means,

Mental Illness: The Musical!

Starring Me, in the role of »Understudy to Myself«,

Directed and choreographed by Sadness,

Costumes by Mom, set design by The Suburbs.

Before we begin tonight’s performance, we’d like to let you know that the role of »College« will be played by Me, sleeping.

Also, the role of »Work« will be played by Me, sleeping.

I heard Me, sleeping is probably gonna win it this year, and

like, they fucking better –

Oh, fuck, it’s starting,

Lights dim. Me, dimmer.

Curtain up, frown down.

Spotlight.

I’m sorry, you know I don’t know this part, right?

Like, I don’t think I’ve ever known this part.

I’m sorry, the director’s yelling something at me but I can’t hear them over the maracas?

This is a very maracas-heavy musical.

Oh, I’m sorry, those aren’t maracas, they’re giant prescription pill bottles shaking,

and so many heads shaking, the medication I’m supposed to take every morning.

What is »morning«?

Somebody, please tell me, why are there so many songs in this musical titled »Empty«?

Why is the audience always empty?

You know, I’m sick of playing to an empty house.

And I’m sick.

And I’m sick.

And I’m sick.

But I’ll tell you this, I’ll never get tired of watching that dream sequence in the third act.

You know, that monologue by Me, sleeping.

It’s what sustains the show.

It’s what makes being awake alright.

And then, just like, the slowest curtain.

Diesen Text ansehen und -hören:

https://youtu.be/qU8Fx_gz12k

KAPITEL 1:

STERBEN GEHT DEUTLICH SCHÖNER

[Emotionen]

Gefühle sind die menschliche Universalsprache. Der Psychologe Paul Ekman hat sechs Basisemotionen identifiziert, die man durch charakteristische Gesichtsausdrücke kulturübergreifend überall auf der Welt äußern und verstehen kann: Freude, Trauer, Ärger, Angst, Überraschung und Ekel. Sie entstehen im limbischen System, einem vergleichsweise alten Teil des Gehirns, und haben uns, evolutionär gesehen, vor allem dabei geholfen, nicht auszusterben. Stattdessen fliehen wir vor Gefahren, finden Trost und Halt in der Gemeinschaft oder können Freude mit anderen teilen und uns mit ihnen verbinden.

Doch obwohl alle Menschen Emotionen empfinden und erkennen können, gibt es keine gemeingültige oder umfassende Definition. Forscher*innen können sich darauf einigen, dass jedem Gefühl ein äußerer Reiz vorangegangen sein muss, den wir bewusst oder unbewusst wahrnehmen, der eine Gefühlsempfindung in uns auslöst und eine Handlungsbereitschaft zur Folge hat.

Wir sehen also einen Bären (Wahrnehmung eines äußeren Reizes), bekommen Angst (Gefühlsempfindung) und fliehen vor der drohenden Gefahr (Handlungsbereitschaft). So weit, so einfach. Das Empfinden einer Emotion wird jedoch noch einmal in drei Teilprozesse unterteilt: eine gedankliche (kognitive) Komponente (»Oh nein! Ein Bär! Der ist gefährlich!«), eine körperliche (physische) Komponente (Zittern, beschleunigter Herzschlag) und letztendlich das subjektive Gefühlserleben (Angst). Doch was ist zuerst da? Das Gefühl? Der Gedanke? Die körperliche Reaktion? Darüber wird in der Wissenschaft seit Jahrzehnten gestritten.

Unser Alltagsverständnis sagt ganz klar: »Ich habe Angst, also zittere ich.« Gedanken schwirren da irgendwo mit rum. Einigen Theorien gehen jedoch davon aus, dass Emotionen die Folge der Wahrnehmung einer körperlichen Reaktion sind: »Ich zittere, aha, also habe ich wohl Angst.« Ein schönes Beispiel hierfür ist das sogenannte Hängebrücken-Experiment von Dutton und Aron, 1974: Männliche Versuchspersonen wurden über eine gefährlich schwankende Brücke geschickt. Die körperliche Reaktion (in dem Fall den beschleunigten Herzschlag) »übersetzten« sie fälschlicherweise in so etwas wie Verknalltheit. Sie nahmen die Versuchsleiterin am Ende der Brücke als attraktiver wahr als Probanden, die nicht über die Brücke gegangen waren.

Die kognitive Komponente, also die Zuschreibung von Ursachen für die Emotion wird in neueren Theorien besonders wichtig: Wir sehen einen Bären im Zoo, gleichen diese Wahrnehmung mit bereits vorhandenem Wissen ab (»Ah cool, ein Bär hinter einem Zaun! Nicht gefährlich!«) und empfinden keine Angst und keine körperliche Veränderung. Also doch erst der Gedanke?

Der heutige Stand der Wissenschaft ist ein klassischer Kompromiss und geht davon aus, dass die Wahrnehmung und Bewertung, die körperliche Reaktion und das empfundene Gefühl sich gegenseitig beeinflussen.

DER TAG, AN DEM DIE ANGST DAS FÜRCHTEN LERNTE

Helen Seidenfeder

Svenja sitzt am Fenster, das Handy in der Hand,

sie drückt den roten Hörer, schaut aus dem Fenster wie gebannt

und sie spürt den heißen Atem,

der ihren Lungen schnell entweicht,

aus ihren Augen fließt der Kummer,

er tropft und trifft auf Kleidung, wo ein Zittern Stoff erreicht.

Und in ihren Gedanken erklingt der Vorwurf:

Du hast es wieder nicht geschafft,

den Zahnarzttermin wahrzunehmen,

kostet dich mehr als deine Kraft.

Dabei ist es doch ganz einfach, dabei müsste sie nur gehen,

dabei weiß sie um die Fakten, kann sich und das Gefühl

gerade selber nicht verstehen.

Und doch ist da was im Innern, das sie hält, das sie besitzt,

das sie unausweichlich merken lässt, dass im Kopf –

wie ein Gewitter – etwas gehörig knallt und blitzt.

Und ja …:

Im Schädel weich geborgen, von Knochen fest umrahmt,

lebt – zwischen den Substanzen – ein Männlein, das ermahnt,

in Windungen geboren – und in den Kern geschlüpft,

haust neben Glücksgefühlen die Angst, die uns oft schützt.

Und was wären wir auch ohne Angst, das Männlein,

das dort lebt,

ein Mensch ohne Bedenken, jemand, der in Krisen schwebt,

ein Mensch in stetem Feuer, gefährdet durch sich selbst,

weil alles, was ihm schadet, ihn nicht in Atem hält.

Und doch ist da dieser Makel, ein kleiner Fehler im System,

die Angst, die einmal alarmiert, an vielen Orten steht,

und Angst, die ist auch lähmend, sie hemmt und zieht zurück,

sie zeigt dir Schreckensbilder, weckt den Zweifel, der verwirrt,

und sie dringt in deine Träume, saugt die Hoffnung dort heraus,

sie wächst in Menschenköpfen

und baut in Zentren dort ein Haus.

Dabei kennen wir sie ewig, die Angst, die in uns steckt,

’ne Situation oder ein Ding, das die Angst früh in uns weckt,

und ich denk an dunkle Keller oder Monster unterm Bett,

an Geister in den Häusern, an Stimmen im Skelett

und an Ängste vor dem Schlafengehen,

ja vor ’nem bösen Traum,

an Spinnen an den Wänden und ’nen fensterlosen Raum.

Ich denk an Ängste vorm Verlorengehen und davor zu verlieren,

Angst, der Welt nicht zu genügen, und vor bestimmten Tieren,

wir haben Angst, uns zu beschämen,

und Angst, nicht geliebt zu sein,

Angst, Schmerzen zu erleiden,

Angst vor all der Wahrheit hinter dem vertrauten Schein.

Und so kennt jeder das Gefühl,

das einen dann und wann beschleicht,

das Beben tief im Körper, das das Herz ganz schnell erreicht,

wir kennen den Schweiß in geschlossenen Händen

und die Enge in der Brust,

die Angst auch vor dem Scheitern,

weil man funktionieren will und muss.

Aber was ist mit all den Menschen,

wo die Angst den Kopf regiert,

wo die Angst laut ihre Kreise dreht und fleißig expandiert,

wo Gedanken nicht mehr leise sind und sich vertreiben lassen,

wo Menschen in dem Angstgefühl

keinen Weg mehr für sich fassen.

Da sind Schulden auf den Konten

aus Angst, Briefe aufzumachen,

Menschen, die alles kontrollieren,

um ihr Leben zu überwachen,

da sind Menschen, die nicht zum Zahnarzt gehen,

dabei haben sie doch Schmerzen,

Menschen, die sich nicht verlieben wollen

aus Angst vor ’nem gebrochenen Herzen.

Da sind Menschen, die vor Enten fliehen,

ganz echt und nicht aus Spaß,

Menschen, die nie den Führerschein machen,

aus Angst vor Schuld und Gas,

und Menschen, die sich vor Leistung scheuen,

denn sie könnten daran scheitern,

Menschen, die nicht gewillt sind,

Annahmen zu überdenken und Konstrukte zu erweitern.

Und so lebt die Angst in jedem,

aber in manchem ein bisschen mehr,

starke Ängste abzulegen, ist furchtbar, furchtbar schwer

und manchmal belächeln wir fremde Ängste,

sie scheinen uns absurd,

aber Angst ist nicht immer rational –

und dafür tragen wir keine Schuld.

Und die Angst hat viele Gesichter,

die meisten kennen nur ein paar,

gleich ist dieses Männlein tief im Schädel –

in Windungen geborgen – klein und dunkel, immer da,

und es geht doch nicht um die angstmachende Sache,

sondern um das Gefühl, das uns vereint,

darum, dass die Angst uns gleichsam schützt –

und uns Dinge auch verneint.

Und wen die Angst fast ganz besitzt,

dem zeigt die Wissenschaft ’nen Weg,

einen Pfad aus dunklen Schatten, einen schmalen hellen Steg,

an dessen Ende sich die Angst verliert,

in Mut und auch Vertrauen,

um in Köpfen vieler Menschen neue Brücken aufzubauen.

Denn: Wir sind frei, neu zu sehen, und frei, neu zu denken,

frei, uns anzunehmen und Vertrauen zu schenken,

wir sind frei, auch zu prüfen und zu hinterfragen,

frei, nicht zu glauben, was die Ängste uns sagen.

Und was da auch zweifelt, schau, nimm dir den Mut,

denn auch, was nicht perfekt ist, ist trotzdem genug.

Und so war Svenja ganz oben – und oft auch ganz unten,

von Ängsten gezeichnet und aus dem Leben verschwunden,

von Mündern getröstet und von Händen getragen,

von Mut neu beschwingt, um es einmal zu wagen,

die Furcht – an manchen Tagen – das Fürchten zu lehren.

Diesen Text anhören:

https://satyr-verlag.de/audio/is_seidenfeder.mp3

[Angststörungen]

Das Bärenbeispiel zeigt uns, dass Angst grundsätzlich etwas Gutes und Sinnvolles ist. Auch wenn wir (hoffentlich) nicht mehr täglich wilden Tieren ausgesetzt sind, kann sie nach wie vor als Alarmanlage verstanden werden. Wir kennen die Angst vorm Alleinsein und der Dunkelheit als Kind, Prüfungsangst oder die Angst vor Verlust, die Angst vor Krankheit oder vor dem Tod. Neben diesen existenziellen Themen hält uns eine gute Prise Angst hin und wieder auch von Dummheiten ab: Wir versuchen eben nicht, fünf Stufen einer Treppe auf einmal zu nehmen oder im Trampolinpark den Ninja-Parcours unter einer Minute zu springen, obwohl wir letztens erst einen Bänderriss hatten. Ängste kommen und gehen, sie verändern sich (als Achtjährige hätte wir den Ninja-Parcours sicher gemacht!). Mal sind sie ausgeprägter, mal sind wir fast sorglos schwebend. Im Normalfall lernen wir ganz gut, mit unseren Ängsten zu leben.

Wenn Angst jedoch wiederholt in Situationen auftritt, in denen die meisten Menschen keine Gefahr oder Bedrohung sehen – wenn sie also unverhältnismäßig ist und der oder die Betroffene darunter leidet –, wird sie zur Störung (vgl. Kapitel 3). Und das ist gar nicht mal so selten: In Deutschland sind etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung von einer Angststörung betroffen, Frauen häufiger als Männer. Die International Classification of Disease (ICD-11 vgl. Kapitel 3) greift die meisten Ängste im Abschnitt Anxiety or fear-related disorders (»Angststörungen oder mit Angst in Verbindung stehende Krankheiten«) auf. Dieser umfasst u. a. phobische Störungen, die auf konkrete Auslöser bezogen sind, aber auch andere Angststörungen, wie z. B. die Panikstörung und die Generalisierte Angststörung, welche sich in Form von diffusen, unspezifischen Ängsten zeigen.

Eine Phobie kann so gut wie von jedem Objekt oder jeder Situation ausgelöst werden. Die häufigsten Formen sind jedoch die Agoraphobie (Angst vor Menschenmengen und öffentlichen Plätzen), die Soziale Phobie (Angst vor sozialen Situationen), spezifische Tierphobien (z. B. Angst vor Spinnen, Insekten, Hunden) und situative Phobien (z. B. Flugangst, Höhenangst).

Panikstörungen hingegen sind nicht objektgebunden und durch spontan auftretende Angstattacken gekennzeichnet. Sie beginnen plötzlich, erreichen innerhalb weniger Minuten ihren Höhepunkt und dauern mindestens einige Minuten an. Die Angst äußert sich häufig durch extreme körperliche Symptome wie Zittern, Herzrasen oder Magen-Darm-Beschwerden. Betroffene von Panikstörungen vergleichen die Angstattacken oftmals sogar mit dem Eindruck, sterben zu müssen.

Bei der Generalisierten Angststörung verselbstständigt sich durch chronischen Stress oder kritische Lebensereignisse entstandene Erwartungsangst (Sorge) und verbindet sich mit einer wahrgenommenen Unfähigkeit, bevorstehende Ereignisse und Situationen kontrollieren zu können. Die Angst durchsickert alle Lebensbereiche, die Realität wird zunehmend als bedrohlich wahrgenommen. Die Angst vor dem Bären und allen anderen Gefahren im Wald ist also so groß, dass sich die betroffene Person den ganzen Tag den Kopf darüber zerbricht, wie sie die Kontrolle über die lauernden Gefahren behält. Sie läuft Slalom durch den Wald, sorgt sich darum, dass ihr selbst und ihren Liebsten nichts passiert und wie sie die Bärenfalle bezahlen soll. In diesem Fall machen also die Gedanken das Gefühl, denn die eigentliche Begegnung mit dem Bären findet gar nicht statt. Womöglich gibt es nicht mal Bären im Wald.

Die Ursachen für Angststörungen sind vielfältig. Die Angst kann erlernt, durch Traumata entstanden sein oder eine genetische Komponente haben. Auch Ursachen im vegetativen Nervensystem sind möglich, also jenem Teil des Nervensystems, das unsere körpereigenen Abläufe wie Atmung und Verdauung steuert und das wir nicht bewusst kontrollieren können. Dieses ist bei manchen Angstpatient*innen labiler als bei gesunden Menschen und reagiert deshalb besonders schnell und heftig auf Reize. Wie bei allen psychischen Störungen kann von einer Kombination aus biologischen, psychischen und sozialen Faktoren ausgegangen werden (Biopsychosoziales Modell, vgl. Kapitel 3).

DEMENTOR ODER DEPRESSION

Laander Karuso

Dementor oder Depression,

welchen Unterschied macht das schon?

Ihr Sog kennt kein Entrinnen.

Ihr Kuss so kühl,

man bekommt das Gefühl,

nie mehr glücklich sein zu können.

Nur: Depressionen gibt es wirklich.

MEIN GRAUER PLANET

Veronika Rieger

Aus den Falten meiner Kleidung rinnen Bäche, schwarzbraunschlammige Flüsse aus Brackwasser, die Pfützen auf der Fußmatte bilden, als ich die Klingel drücke.

Mein kleiner Planet ist ein Ohrensessel aus schwarzgrauem Stoff.

Ich bin 19 und habe mir Essen bestellt, irgendetwas bestellt, ich hatte keinen Hunger, ich habe nicht mal nachgesehen, ob ich etwas bestellt habe, das ich mag, ich wusste nur: Wenn es an der Tür klingelt, dann musst du aufstehen, zum allerersten Mal heute aufstehen, dann schaffst du es vielleicht, die Füße auf den Boden zu stellen, der sich mir jede Sekunde wieder unter den nackten Sohlen wegreißen kann, aber wenn es klingelt, dann wirst du aufstehen.

Um 6 Uhr abends habe ich Essen bestellt, meinen Planeten kurz verlassen und das Essen danach unangerührt weggestellt, alles nur, damit ich aufstehe.

Ich bin 13 und habe ein Jugendzimmer bekommen, weg mit den Birkenholzmöbeln, meine Mutter dachte, Tapete wechseln würde mir guttun. Ich bin 13 und liege auf meinem Bett, starre auf diesen neuen grauen Planeten auf der anderen Seite des Zimmers und höre auf zu atmen. Ich habe es vergessen, einfach vergessen, wie es geht, das schwarze Loch in meiner Brust hat alle Kraft implodieren lassen, die es bräuchte, um nur den Brustkorb zu heben, und ich habe aufgehört, einfach aufgehört zu atmen, bis mich mein erster Freund an den Schultern rüttelt, damit ich kurz vor dem Ersticken in meinen eigenen Gedanken nach Luft schnappe. Ich bin 13 und bin übervoll von etwas, das mir die Luft nimmt.

Mit 20 stehe ich an der Bar mit den Hunderten anderen Lachenden und versuche, die Leere mit Shots zu füllen, Neues in die Papes zu streuen, um mich zu zerstreuen, egal, irgendwann nach Hause torkeln, es ist eh egal; wenn ich dann im Nachtlichterspiel auf meinem Planeten sitze, drehen auf dem Plattenteller meiner Gedanken die immer gleichen Vorwürfe Runde um Runde. Wenn Insomnia dir sagt, dass du ein Nachtmensch bist, dann sagen alle, wie geheimnisvoll und schön das klingt. Wenn du nachts durch regennasse Straßen läufst, dann sagen dir alle, wie schön das klingt; in meinen Ohren klingt nur das Echo des hundertsten »Mir geht’s gut« von heute; ich bin die Geisel meiner eigenen Gedanken und treibe mich gnadenlos durch die Nacht.

Mit 16 verstehe ich, dass schöne Mädchen auch schön sind, wenn sie traurig sind.

Wenn du aber nie das schöne, sondern immer nur das schlaue Mädchen bist, dann musst du einfach mehr arbeiten, damit sie endlich stolz auf dich sind, damit dich endlich jemand sieht. Ich bin 16 und habe gelernt, dass man Leere mit Arbeit vollstopfen kann, bis man ihre ausfransenden Kanten nicht mehr fühlt. Man muss einfach mehr arbeiten, einfach immer mehr arbeiten, du fragst: »Wie geht’s dir?« »Ich bin superbeschäftigt«, sag ich. Du sagst: »Wer es zu was bringen will, der muss so sein.«

Mit 20 packen wir uns Glitzer auf die Wangen, es ist alles okay, wir ziehen den roten Lippenstift nach, es ist alles okay, viel zu okay. Kleb dir ein Lächeln ins Gesicht und sag noch mal: »MIR. GEHT. ES. GUT.« In der Uni haben sie gelästert, als ich ohnmächtig wurde, jetzt schau in den Spiegel, sag noch mal »ES GEHT MIR GUT« und zeig ihnen, dass du eigentlich so stark bist, wie sie denken, sie haben dir nur nicht aufgeholfen, weil starke Menschen eben keine Hilfe brauchen.

Ich bin 15 und halte eine Freundin davon ab, ihre Haut weiter wie ihre Jeans zu zerschneiden. Wir sind nur suizidale Kinder, die anderen suizidalen Kindern erklären, dass Suizid nicht die Antwort ist. Ich bin gerade mal 16 und begrabe eine Freundin, die die Antwort doch darin gesucht hat und nicht wiederkam.

Es ist mein 21. Geburtstag und meine Mutter sagt: »Wenn du so erschöpft bist, solltest du weniger arbeiten.« Meine Mutter sagt: »Wenn du müde bist, dann schlaf doch.« Meine Mutter sagt: »Wenn du so viel Zeit hast, um Serien zu schauen, dann kannst du doch nicht so überarbeitet sein.«

Ich sag, es ist okay, mir geht es gut. Aber nachts um halb vier die fünfte Staffel anzufangen, ist besser, als weiter die starren, zerbombten, putzrieselnden Löcher über meinem Bett zu betrachten. Und meine Leere ist der nasskalte Fleck rechts oben in der Ecke über meinem Planeten, der langsam weiter runterrinnt, wenn ich ihn nicht beachte. Dann verschwindet er vielleicht.

Ich bin 21 und fünf Wochen und der nasse Fleck hat sich ausgebreitet. Die stetig tropfende Leere rann irgendwann in Bächen die Wand hinab, ich hab es nicht gesehen, ich wollte es auch nicht sehen und setzte alles unter Wasser. Mein kleiner grauer Planet ist die einzige Erhebung, die aus dem dreckigen Brackwasser herausragt, meine letzte Rettung, während an mir meine Erinnerungsstücke wie Treibholz im Strudel meiner Gedanken vorbeischwimmen.

Ich bin 21 und sechs Wochen und erleide Schiffbruch in meinem Zimmer. Die haushohen Wellen übermannen mich, drücken mich unter Wasser, nehmen mir die Luft. Mein kleiner grauer Planet ist ein zerfetztes Segelschiff ohne Rettungsboote und ich frage mich, ob Menschen eine Sollbruchstelle haben. In den Wellen krachen Erinnerungen wie Masten auf mein Boot, auf denen jemand fein säuberlich Daten eingebrannt hat: Ich bin 19, 13, 20, 16, 5, 18 und möchte nichts, nichts anderes, als aus diesem Meer an Leere aufzutauchen. Ich bin 21 und ich seh im dreckigen Wasser meine Zukunft und sie macht mir Angst.

Aus den Falten meiner Kleidung rinnen Bäche, schwarzbraunschlammige Flüsse an Brackwasser, die Pfützen auf deiner Fußmatte bilden, als ich die Klingel drücke.

Ich bin 21 und habe zum ersten Mal jemandem von der Leere auf meinem grauen Planeten erzählt und sie gab mir einen Namen für dieses Gefühl; ich bin 21 und sie brachte mich durch die Tür mit der goldenen Klinke, immer wieder, bis ich wieder Hoffnung hatte; ich bin 21 und jemand hat mir einen Rettungsring gegeben und mich schwimmen gelehrt.

Als ich 23 war, diskutierte meine Heimat darüber, ob ich ein Gefährder sei, weil mir jemand schwimmen beibrachte. Aber wenn mich dieser Rettungsring Hoffnung, den ich mir so hart erarbeitet habe, so gefährlich macht, dann notiert mich auf jeder Liste, überprüft mich, nehmt mich, markiert mich als gefährlich. Aber dann tragt Rechnung für alle die, die noch immer so sehr Angst haben, nach einem Rettungsring zu rufen und wegen euch untergehen, statt schwimmen zu lernen.

Ich bin 23 und habe meinen kleinen grauen Planeten vor die Tür gesetzt, ein paar Tage stand er da noch und bekam Flecken vom Regen, vielleicht hat ihn jemand mitgenommen, es ist nicht mehr wichtig. Aber ertrinkend in meiner Leere habe ich meine Zukunft gesehen. Und in dieser Zukunft, da lebe ich.

[Depression]

Empfindungen wie Erschöpfung, Mutlosigkeit und Trauer in bestimmten Phasen unseres Lebens oder nach spezifischen Ereignissen kennen wir alle. Sie gehen vorüber, sobald wir die Auslöser verarbeitet haben. Bei einer Depression handelt es sich aber nun um einen anhaltenden Zustand psychischer Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit und Leere. Auch körperliche Symptome wie Schlaf- oder Appetitlosigkeit bis hin zu Schmerzzuständen können auftreten. Hinzu kommen negative Gedanken, die sich wie ein Netz ausbreiten und zu erheblichen Einschränkungen im Denken, Fühlen und Handeln der Betroffenen führen können.

Wer depressiv erkrankt ist, ist also nicht einfach nur traurig oder deprimiert. Wer unter einer Depression leidet, befindet sich in einem andauernden Zustand der Hoffnungs- und Ausweglosigkeit. Die »typisch depressive Person« gibt es jedoch nicht. Die Symptome werden von außen nicht selten als nachvollziehbare Reaktionen auf bestehende Lebensprobleme gedeutet anstatt als Ausdruck einer ernst zu nehmenden Erkrankung mit guten Behandlungsaussichten.

Sätze wie »Kopf hoch, das wird schon wieder«, »Tu dir einfach mal was Gutes« oder »Reiß dich mal zusammen, jede*r ist schließlich mal traurig« können extrem kontraproduktiv wirken und die Depression sogar verstärken, da die betroffene Person sich selbst die Schuld für ihr subjektiv wahrgenommenes Unvermögen gibt. Wird die Depression nicht behandelt, bessert sie sich in der Regel nicht von selbst.

Depressionen können unterschiedliche Ursachen haben und auch völlig unabhängig von äußeren Umständen auftreten. Neben einer genetischen Veranlagung, einem Mangel oder einem Ungleichgewicht bestimmter Botenstoffe im Gehirn, hormonellen Einflüssen und psychischen Faktoren wie Stress, Einsamkeit oder Überforderung können auch erlernte »ungünstige« Denkmuster oder belastende traumatische Erlebnisse wie häusliche Gewalt oder Missbrauchserfahrungen ursächlich sein (Biopsychosoziales Modell, vgl. Kapitel 3). Eine Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1) ergab, dass etwa 8 von 100 befragten Personen zwischen 18 und 79 Jahren innerhalb der letzten 12 Monate die Diagnose Depression erhalten haben. Tendenz steigend. Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens eine Depression zu entwickeln, beträgt zwischen 7 und 18 Prozent, Frauen sind auch hier etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Im Internet findet sich eine Fülle von Selbsttests, wie sie z. B. die Stiftung Deutsche Depressionshilfe oder psychenet.de, das Hamburger Netz psychische Gesundheit, anbieten.

Diese Tests ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Diagnose, sollten aber als dringender Warnruf verstanden werden, sich medizinischen oder therapeutischen Rat zu suchen, da sie erste Anzeichen für eine Depression aufzeigen können.

ANGST I–V

Maria Victoria Odoevskaya

I.

Es gibt Komplimente, die ich hasse.

Du hast dir ja echt Mühe gegeben, du bist nicht wie andere Mädchen, also für ’ne Frau bist du echt, hätte ich dir gar nicht zugetraut.

Vor allem aber, dass ich mutig sei.

Meistens nach einem Auftritt, meistens nach Rausfliegen in der Vorrunde, meistens nach einem Text, den ich schon so gut kenne, dass ich mir selbst im Vortrag nicht mehr zuhöre – dass ich mich auf eine große Bühne traue und so. Ich frage sie dann, wovor ich denn Angst haben sollte. Was kann mir denn passieren.

Ich habe keine Angst. Nirgendwo bin ich so sicher wie auf einer Bühne. Unter dem Scheinwerfer werde ich unsichtbar, weil ich nicht sehe, wer mich anschaut. Niemand kann mich unterbrechen, das Mikrofon macht jedes Wort außer meinem zu einem schwachen Rascheln. Mir kann nichts passieren.

Ich habe keine Angst. Hast du denn keine – nachts alleine auf der Straße, du bist doch so – und du hast wirklich erst am Wochenende für die Klausur gelernt – und was ist, wenn man dich erwischt – dass du dich wirklich angelegt hast mit – dann sprecht es doch aus, sagt mir doch noch einmal, in was für einer Welt ihr lebt, dass ihr mich auf der anderen Seite eurer Feigheit sehen müsst.

II.

»Aber … hast du denn keine Angst? Tut das nicht weh?«

Du lächelst, streichst dir über den Unterarm, deinen Unterarm, deinen verdammten unversehrten Unterarm. Es ist dir jetzt schon unangenehmer, als es mir je sein wird.

Ich schaue dir in die Augen, deine ausweichenden Augen; ich lächle, es fällt mir viel leichter als dir. Ich öffne meine Faust, die roten Sicheln meiner Nägel musst auch du noch sehen, und drücke die Kippe auf meiner Handfläche aus.

»Nein.«

Ich habe keine Angst. Was kann mir denn passieren.

III.

Ich habe keine Angst.

Ich habe keine Angst.

Die Angst hat mich.

Was kann mir denn passieren, was kann mir denn passieren – es ist doch schon längst passiert.

Angst ist nichts anderes als »Was, wenn«; »Was, wenn« war ein Luftzug um den Saum meines Kleides, Kühle in nackten Kniekehlen, was wenn –

es sich zum »Nein« verhärtet

und meine Sehnen durchtrennt?

Was, wenn meine Welt keinen Horizont mehr hat, weil ich längst über ihren Rand gefallen bin?

Was, wenn ich nicht auf die andere Seite meiner Feigheit treten kann, weil sie grenzenlos ist?

Was, wenn ich alles sagen kann, was ich will, und es niemanden gibt, dem ich noch irgendetwas zu sagen habe?

Was, wenn der Fall über den Rand der Welt mich zerschlägt und ich nicht einmal daraus etwas lerne?

Was, wenn er mich nicht zerschlägt,

weil ich unbesiegbar bin,

seit die Angst mich besiegt hat?

Was dann?

IV.

Ich habe Angst.

Ich habe Angst, auf vernarbtem Gewebe irgendwann keine

Schmerzen mehr zu spüren.

Ich habe Angst, dass man mich erwischt.

Ich habe Angst, dass man mich nie erwischt.

Ich habe Angst, die Wahrheit zu sagen.

Ich habe Angst, dass Lügen mein einziges Talent ist.

Ich habe Angst, dir das alles zu erzählen, weil mein Atem dich zu Eis erstarren ließe.

Ich habe Angst, irgendwann keine Angst mehr zu haben, weil es dann darauf nicht mehr ankommt, weil es ohne Angst auf nichts mehr ankommt, und was dann?

Ich habe Angst vor dem Blick auf die Gleise beim Warten, ich habe Angst vor dem Schwindel, ich weiß, dass nicht ich es bin, die mich vor die Wagenräder stoßen würde, aber ihre Präsenz ist eine ständige Kühle in meinen nackten Kniekehlen und was ist, wenn sie sich verhärtet und meine Sehnen durchtrennt?

Ich habe Angst,

irgendwann keine Angst mehr zu haben.

V.

Passieren kann mir nichts.

Zu einem schwachen Rascheln wird

jedes Wort,

unterbrechen

kann mich niemand,

ich werde

unsichtbar,

nirgendwo

bin ich so schrecklich sicher

wie unter den Scheinwerfern

meines Panikraums,

eine große Bühne,

ich höre mir selbst nicht mehr zu und nichts

kann mir passieren.

Ich kann alles sagen, was ich will,

weil es darauf nicht mehr ankommt.

Jede Lüge und jede Wahrheit

wird unter Scheinwerfern zur Fiktion.

Und ihr werdet mir Komplimente geben

und fragen: »Tut das nicht weh?«

Und ich halte meinen Mut an der Kehle

und meine Angst bei der Hand

und falle über den Rand meiner Feigheit

und sage:

»Nein.«

SVV

Stef

Narben zieren ihre Arme, feine Linien wie gemalt.

Ein Bild spricht tausend Pinselstriche,

Faust geballt, denn sie ist stark, sie ist stark, sie ist stark.

Außer sie ist es nicht.

Pinselstrich nennt sie das Gefühl, wenn der Pinsel wieder ihre Haut berührt.

Einen Pinsel hat sie immer verwahrt im kleinen Döschen in der Tasche, außerdem darin ein Bild ihrer Familie, kleiner Bruder, kleine Schwester, Mutter, drei Gründe, niemals weiter zu gehen als ein Bild weit. Sie fühlt sich wie eine Künstlerin, die impressionistische Furchen auf einer Leinwand hinterlässt, nur mit einer Farbe malt: rot wie die Liebe, der Protest, die Revolution; rot wäre alles, was sie sähe, wenn sie nicht so schwarzsähe.

Jeder Pinselstrich fällt schwer. Erleichtert, es ist, als ob sich unter ihrer Haut die Farbe staut, in der Tube festklemmt, also muss sie anderweitig aufmachen.

»Selbstverletzendes Verhalten« nennt man das.

Flecken zieren seine Wände, unförmige kleine Unfälle.

Ein Bild spricht tausend Aufschläge;

Faust geballt, denn er ist stark, er ist stark, er ist stark.

Außer er ist es nicht.

»Kleiner Unfall«, sagt er dazu, wenn er mal wieder mit dem Kopf durch die Wand will.

Er weiß nicht, wie es angefangen hat oder wann oder wieso. Er weiß nur, dass all der Frust in seinem Schädel nicht weggeht, als ob da ein Labyrinth wäre, aus dem nicht rausgefunden werden kann, der einzige Ausweg ist, die Wände einzuschlagen.

Seinem Freund verspricht er immer, es sich aus dem Kopf zu schlagen. Damit aufzuhören. Keine Unfälle mehr zu bauen.

»Selbstverletzendes Verhalten« nennt man das.

Wieso wird mit den beiden nicht darüber gesprochen, woher das kommt?