Irrfahrer - Erepheus - E-Book

Irrfahrer E-Book

Erepheus

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Beschreibung

Die Erzählungen "Irrfahrer" und "Hinter den Masken" handeln von der immerwährenden Suche nach dem, was man einerseits vermisst und andererseits häufig genug nicht benennen kann, bis man es (oftmals zu spät) findet.

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Seitenzahl: 160

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Über den Autor

Erepheus stammt aus dem anhaltischen Wittenberg, entschied sich aber schon früh für seine Wahlheimat Leipzig. Hier war er einige Zeit für das Haus des Buches tätig, übernahm für ein Literaturmagazin die Aufgabe des Lektors und arbeitete in verschiedenen Verlagen. Darüber hinaus brachte er auf Lesungen und Festivals bereits eigene Werke zu Gehör. Die Liebe zu Literatur und Sprache spiegelt sich auch in seinem beruflichen Alltag wider, in dem er seit vielen Jahren als freier Dozent für Deutsch als Fremdsprache wirkt. Seine subtilen Texte sind durch ihre klare Sprache charakterisiert und führen oft in unerwartete Abgründe. Dabei geht es ihm stets um die Verortung des Einzelnen im alltäglichen Geflecht aus Beziehungen, Schicksalen und Zufällen.

Nach Split EP, der gemeinsamen Debüt-Veröffentlichung mit Holger Warschkow, in der er sich der Lyrik und Kurzprosa widmete, liegt nun mit Irrfahrer sein erster Erzählband vor.

INHALT

H

INTER DEN

M

ASKEN

I

RRFAHRER

HINTER DEN MASKEN

I. Elsie Tyler

In London, Baker Street Nummer 118, befindet sich das Büro des Knight, jener Schachzeitschrift, die dem allmächtigen British Chess Magazine seit fünf Jahren ein Dorn im Auge ist. Brüllender Lärm umspült es, wie das Meer eine Felssäule einschnürt, und die Hitze im Juni verwandelt es in ein Treibhaus.

Ein himmelblaues, weiß durchkreuztes Fenster kniet auf der Kante eines massiven Schreibtischs und wirft dem etwas abgerückten Stuhl eine unbeschwerte Miene entgegen. Ein anderes hängt lässig zwischen einem dunkelbraunen, hölzernen Schrank und einem Kopierer, der in bequemer Höhe auf Bedienung wartet. Das blütenlose Grün schaut dem Donnern auf der Baker Street hinterher. Halb versteckt hinter der stämmigen Breite eines riesigen Regals brummt ein kleiner Kühlschrank wie ein eingeklemmtes Insekt.

Zwei Glastüren ziehen die ideelle Verbindung zwischen Produzent und Konsument als unsichtbare Linie durch den Raum. Auf der einen ist von außen Editorial Staff, auf der anderen ganz in weiß Chief Editor zu lesen. Die Linie wird unterbrochen von einem buchenfarbenen Schreibtisch, an dem Elsie Tyler thront, umgeben von den Insignien ihrer Kompetenz: ein Telefon, Kalender, Computer, Korrekturfahnen. Louis Wannfeld, der Herausgeber, hat einmal gesagt, ein anderer an Elsies Tisch würde den Knight mehr verändern, als zehn Redakteure. Und der Ritterschlag schwebt noch immer über der Szene wie der Titel zu einem alten Meisterwerk.

Den Rücken hält sie gerade, die Beine angewinkelt und unter sich Spann auf Ferse gekreuzt. Die Füße stecken in weißen Turnschuhen, die Oberschenkel spannen einen roten Rock. Er wird in Hüfthöhe von einer seidenen Bluse abgelöst. Ihre Arme ruhen auf dem Schreibtisch. Der zarte, Flaum überzogene Hals ist leicht nach vorn geneigt. Das Gesicht geschminkt, konzentriert und in einen blonden Rahmen aus dauergewelltem Haar aufgespannt. An den Fingern glänzen goldene Ringe, am linken Handgelenk eine filigran gearbeitete Uhr.

Elsie Tyler liest einen Artikel über das Erstickte Matt. Louis hat ihn vorhin hereingebracht und sie um die Berichtigung der orthografischen Fehler gebeten. Jetzt erfährt sie, dass das Wort Matt aus dem Arabischen kommt und sterben bedeutet. Das wusste sie längst und wundert sich, warum es ihr dann so schwerfällt, dem Text zu folgen.

Sie erinnert sich an ein Kindermärchen, weil ihr rot lackierter Nagel die schwarzen Zeilen auf dem weißen Papier unterstreicht. Und stößt prompt auf die stepmother, die falsch ist, weil der Satz Instead of breaking step bother your head heißen muss. Im Wegstreichen des Buchstabens trifft sie wie eine buddhistische Erleuchtung der moralische Aufruf, auch sich selbst durch einen kühnen Handstreich aus dem Leben zu befördern. Und der Schmerz, der sie darauf durchzuckt, wirft den Atem um und erzwingt zitternde Sekunden, ihn wiederherzustellen.

Suizid hielt Elsie Tyler für den Namen einer Krankheit, bis sie begriffen hatte, dass Louis Wannfeld sie doch nicht liebte. Zunächst hatten seine Komplimente und Aufmerksamkeiten Elsie auf einen romantischen Frühling hoffen und aufreizende Blüten austreiben lassen. Dann hielt sie ihm den Strauß Wünsche entgegen wie einem strahlendwarmen Sonnenschein und er belichtete bloß Gut und Böse gleichermaßen. Sie ahnte, dass der Frühling keiner werden würde, und versuchte noch, das Unmögliche zu erzwingen, indem sie Panik heuchelte, wenn er Termine versäumte, es lächerlich fand, was er den Lesern bot, oder ihm vorhielt, ihr gegenüber so gleichgültig zu sein. Zuletzt musste sie sich schicken in den Winter des Missvergnügens, weil er trotz ihrer Not unverbindlich liebenswürdig blieb. Diese Frechheit hatte ihr den Atem genommen, im wahrsten Sinn des Wortes. Seitdem fehlt er ihr, wenn sie zum Beispiel dem Bus hinterherrennen oder in den dritten Stock zum Büro hinaufsteigen muss: sie bleibt stehen und schließt die Augen. Kaum absurder kann es Elagabals Feinden vorgekommen sein, dass sie unter Millionen duftender Rosenblätter jämmerlich erstickten.

Seitdem vergleicht sich Elsie oft mit der bösen Stiefmutter im Märchen, für die der Platz nicht gedacht ist, auf dem sie thront. Denkt, auch sie gehöre nicht hierher. Und findet immer, dass es in dem Fall besser sei, sie streiche sich heraus wie einen falschen Buchstaben und mache den Satz wieder sinnvoll. Auch der Artikel über ihren Erstickungstod – nein, natürlich über das Matt im Spiel – hat die Wirkung, dass sich Elsie wie eine Erbschleicherin fühlt und etwas gutmachen will.

Sie lehnt sich nachdenklich zurück und trommelt mit dem stumpfen Ende des Bleistifts gegen die Oberlippe. Da färbt sich die Glastür vor ihren Augen dunkel, wird im selben Moment geöffnet und Jack Sutherland strömt herein wie ein überraschender Einfall. Er wirft ihr einen halben Blick und ein How are you entgegen, das so viel Antwort ist, dass sie nicht einmal zu nicken braucht. Dann schließt er die Tür und legt seine Mappe vors kniende Fenster.

Elsie sieht ihm geduldig zu, wie er die Post durchblättert, die er mitgebracht hat: ein weißer Umschlag landet auf seinem, die übrigen Papiere auf ihrem Schreibtisch.

„Hallo Jack“, unterbricht sie endlich seine geistige Abwesenheit.

„Oh, hallo Elsie“, erwidert er überrascht.

„Vielleicht liegt es am Reisen“, denkt sie, „dass er so zerstreut ist.“ Denn als Redakteur des Knight ist Jacks Aufmerksamkeit irgendwo zwischen Schachvergleichen in Cambridge, Open in Biel oder Berlin, Turnieren im Simultanschach und Exklusivinterviews mit Adams, Miles, Nunn und wie sie alle heißen, PCA-Terminen mit Nigel Short und Vertretern des Chess Collectors International auf der Strecke geblieben. „Wenn ich so viel unterwegs wäre“, meint sie, „hätte ich auch keine Luft mehr für Smalltalk.“

„Möchtest du eine Tasse Kaffee?“ Jacks graugrüne Augen sehen aus, als hätten sie etwas verloren, an das sie sich unmöglich erinnern können.

„Gern“, sagt Elsie und holt sich mit einem Blick auf ihre Uhr die Erlaubnis für die Unterbrechung. „Gern.“ Jack läuft hinüber zur Kaffeemaschine. Seine eingefallenen Wangen sind vom Dreitagebart dunkel eingefärbt, die schwarzen Haare ungekämmt. Ein verschwitztes Hemd verhängt den hageren Oberkörper. Er hat eine ausgewaschene Jeans an den Beinen und seine Füße stecken barfuß in braunen Sandalen.

„Heute keine Rosen?“, fragt Elsie nicht etwa enttäuscht, sondern nur, um die Pause zu füllen.

„Nein, komme grade erst von Paddington Station, war noch nicht zu Haus.“

Das hätte sie sehen können.

„Und wo hast du geschlafen?“

„Im Zug, wo denn sonst.“

Elsie muss sich für Jack Sutherland verantwortlich fühlen, auch wenn sie genau weiß, wie sehr es ihn ärgert. Denn seine angeborene Unfähigkeit zu jeder Art von Egoismus rührt an ihr Herz. Und darüber hat sie keine Macht, hätte sie auch nicht, wenn sie – wie Jack hofft – endlich ein Kind bekäme. Sie bedauert aufrichtig, dass die Umstände ihn gezwungen haben, in einem Zug zu übernachten, und fühlt sich hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis, ihn die Unbequemlichkeit vergessen zu lassen, und dem Wissen, dass jede solche Anstrengung das genaue Gegenteil zur Folge hat.

Ihr ratloses Schweigen investiert Jack in den Kaffee. Denn Kaffee gehört zu jenen drei Leidenschaften, in denen er es zur Autorität gebracht hat. Mit Pulver und Wasser erweckt er selbst tote Geschmacksnerven zum Leben. Und Elsie, die es schon erfahren hat, versteht nicht einmal wie.

Seine zweite Leidenschaft sind die Rosen. Im Juni bringt er Elsie regelmäßig duftende Zentifolien oder langstielige Damaszenerrosen aus dem Garten mit, vor zwei Jahren auch eine Peace. Da konnte sie fasziniert beobachten, wie sich das Kanariengelb auf wundersame Weise ins schönste Karminrot verwandelte, das ihr je untergekommen war. Sie bedankt sich mit kleinen Zetteln, auf die sie etwas schreibt wie: Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, niemandes Schlaf zu sein unter so viel Lidern. Und Jack lächelt, beruhigt Elsies Gewissen.

Die Maschine gluckert und drei leere Tassen stehen auf dem Kühlschrank. Jack zündet sich eine Zigarette an – die dritte Leidenschaft – und dreht sich zu Elsie, die es als Stichwort nimmt, sich erhebt ohne Zögern und zum Fenster geht. Als sie es öffnet, quillt ein Hupen und Quietschen und Lärmen ins Zimmer und dazwischen schlägt St. Marylebone mysteriös dreimal hintereinander einen tiefen Ton.

Genau in dem Augenblick öffnet sich die weiß beschriftete Tür und Louis tritt ins Büro – auch er verfolgt von einer Kohlendioxid- und Nikotinverbindung, nur dass sie bei ihm von den Zigarren stammt. „Jack“, ruft Louis so laut, als befänden sie sich auf der Straße, „wie war er?“ Dann geht er blicklos an Elsie vorbei und setzt sich mitten auf Jacks Schreibtisch.

„Passabel“, entgegnet Jack monoton, gerade als Elsie hinübereilt, um Louis’ Tür zu schließen.

Eifersüchtig bemerkt sie: „Ich hoffe, euch ist bewusst, ihr bringt mich systematisch um mit eurer Qualmerei! Als die einzigen Männer in meinem Leben, mit denen ich weder verwandt noch verschwägert bin, solltet ihr mehr Rücksicht auf meine Lunge nehmen!“ Und beißt sich dann zu spät auf die schönen Lippen, weil ihr wieder einfällt, dass sie etwas gutzumachen hat.

Die Männer ignorieren die Bemerkung und Jack fährt fort: „Anders, als erwartet.“

„Und was soll das heißen?“, fragt Louis im vollen Brustton eines Schauspielers, während Elsie in Louis’ Büro eine King Edward verglühen sieht, rauchend und schmauchend wie The Rocket.

„Dass er sich nicht wie eine Furie gebärdet hat“, antwortet Jack immer noch monoton und wendet sich zum Kühlschrank, um den Kaffee in die Tassen zu füllen.

„Hat er nicht?“, flüstert Louis plötzlich und seine Augen wandern eilig zu Elsie, ob sie es auch nicht gehört hat.

Elsie setzt sich wieder auf den von falschen Buchstaben erschütterten Thron und fragt beschäftigt: „Und wie hat sich unser lieber Michael Adams stattdessen gebärdet?“

„Zuvorkommend, was seine Gastfreundschaft, und bescheiden, was sein Talent angeht“, erwidert Jack und auch Elsie weiß nun, dass sie die Wette gegen Louis gewonnen hat. Aber nach einem Anflug von Jubel überkommt sie diesmal sofort die Stiefmutter von vorhin.

„Und dass Leko gewonnen hat, macht ihm nichts aus?“, zieht Louis das Gespräch von Elsie weg und die Stirn in euphemistische Falten.

„Wenn ich das wüsste“, murmelt Jack nachdenklich und bringt eine der drei Tassen zu Elsie.

„Soll ich dir jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen oder fängst du endlich an, in ganzen Sätzen zu sprechen?“

„Wenn Louis ungeduldig ist, kann er es nicht verbergen“, huscht es durch Elsies Kopf und sie fragt sich, ob das eine Folge davon sei, wenn einem sonst alles gelinge.

„Da ist im Grunde nicht viel zu sagen“, erklärt Jack und reicht Louis ebenfalls eine Tasse. Mit der eigenen in der Hand setzt er sich auf seinen quietschenden Stuhl.

Elsie hat plötzlich die Idee, dass Jacks Bräune nicht von der Sonne, sondern vom Koffein herstamme. Oder vom Nikotin. Oder beides.

Da nimmt Jack einen vorsichtigen Schluck, zieht an der Zigarette und sagt: „Er ist ein seltsamer Kauz, dieser Adams. Als ich ihn wegen des Turniers in Paris fragte, wehrte er gleich ab und meinte, dass alles seine Richtigkeit gehabt habe. Ich entgegnete, dass ihm doch ein grober Fehler unterlaufen sei, und da hat er mich ganz erstaunt angesehen, einen Moment nachgedacht und gegrinst. ‚Nein, Mr. Sutherland‘, meinte er, ‚Sie müssen sich irren.‘ Ich bat ihn, mir das zu erklären, und er holte ein Schachbrett, stellte die Figuren wie im Endspiel gegen Leko auf und – ob ihr’s glaubt oder nicht – erzählte mir ein Märchen.“

„Ein Märchen?“, fragt Elsie und Louis winkt ihr mit der linken Hand zu, wie man eine Fliege verscheucht. Sie verdreht ihre blauen Augen und greift nach dem Poststapel.

„Er erzählte mir das Märchen von Schneewittchen. Und jedesmal, wenn einer in der Geschichte etwas sagte oder tat, dann zog Adams die entsprechende Figur auf seinem Brett. Bis endlich der weiße Turm, das war das Heim der sieben Zwerge, Schneewittchen, sprich den weißen Läufer, zu früh begraben wollte und so dummerweise den Weg für die schwarze Dame freimachte.“ Wie er jetzt die Dame erwähnt, muss Jack zu Elsie hinüberschauen. Doch sie ist beschäftigt und erwidert den Blick nicht.

„In dem Moment“, fährt er zu Louis gewandt fort, „das heißt, als Adams diesen Spielstand in Paris erreicht hatte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, weil er plötzlich verstand, dass die böse Stiefmutter auf keinen Fall gewinnen darf.“

Louis öffnet stumm seinen Mund und sieht Jack an, als hätte er gerade etwas Unanständiges gesagt. Jack lächelt flüchtig und meint: „So war es. Darum hat Adams statt des Läufers den Bauern geschlagen, seine Dame verloren und ein Remis eingefahren.“

„Blasphemie!“, schreit Louis nach einer Pause. Dann fährt er verwirrt mit der Hand durch seine dünnen, blonden Haare. „Das kann es doch nicht geben! Ein so kluger Kopf, ein so erfahrenes Talent und denkt, er befindet sich in einer Märchenstunde, wenn er um die Weltmeisterschaft spielt? Ich glaube dir kein Wort!“

„Vielleicht hat ihn das Café de la Régence dazu verführt. Es ist immerhin ein mythischer Ort“, vermutet Jack, ohne zu ahnen, was er damit anrichtet. Denn Louis springt plötzlich auf und schnaubt, als wäre es sein kluger Kopf, der nicht mehr richtig funktioniert. Und weil ihm neben dem Begreifen auch noch die Worte fehlen, schlägt er bloß die Arme wie Flügel im Takt.

Da übernimmt es Elsie, ihn an den Boden zu erinnern, an dem er ja doch kleben bleibt, indem sie naiv bemerkt: „Also, ich finde es heldenhaft, wegen eines Kindermärchens auf den Titel zu verzichten.“

Und Louis hält sofort inne, fährt mit einem Stöhnen herum und zusammen, als hätte sie ihn mit aller Kraft in den Bauch geboxt.

„Es war ein Witz“, sagt sie und hebt die Arme wie vor einer Waffe, „reg dich nicht auf!“

„Ihr habt doch keine Ahnung“, fällt es Louis wieder ein, „was das bedeutet. Stellt euch bloß mal vor, Adams erzählt das! Die ganze Welt wird über den englischen Schachsport lachen wie über Mr. Bean. Meint ihr vielleicht, da will noch einer was vom Knight wissen, lesen, kaufen?“

„Also, kommt das Interview nicht mit rein?“ Aber Jack reicht die Antwort, die Louis in Form von zwei hochgezogenen Brauen gibt.

„Ach, komm, Louis“, beruhigt Elsie, „du übertreibst. Jeder, der davon erfährt, wird es sympathisch finden und höchstens denken, dass er einem Engländer gar nicht so viel Romantik zugetraut hätte.“ Es hört sich ein wenig bissig an.

Jack nippt schlürfend an seinem Kaffee und beobachtet Louis.

„Ich meine“, sagt Elsie, „niemand wird uns dafür verantwortlich machen.“

Louis’ Weltsicht erfordert ein dickes Fell gegenüber dem, was andere die Wirklichkeit nennen. Er hat damit seine Erfahrung gemacht und Strategien entwickelt, die den Widersprüchen ihre Schlagkraft nehmen.

„Ich werde darüber nachdenken“, erklärt er langsam, „aber, wenn das Interview nicht mit reinkommt, will ich ein anderes haben.“ Jack atmet Rauch aus, dem Louis nachsieht, als er schließt: „Und zwar mit Nigel Short über das bevorstehende Turnier anlässlich von Stauntons Todestag.“

„Bis wann?“, fragt Jack tonlos und er und Louis sehen Elsie an.

„Nächste Woche?“, fragt sie zurück.

Louis wiederholt: „Nächste Woche also.“ Dann lässt er sich auf Jacks Schreibtisch fallen und greift nach der Tasse Kaffee, die ihn entschädigt für so viel Aufregung. „Und wie hast du reagiert, als Adams dir gegenüber diese Behauptung gemacht hat?“

„Was hätte ich tun sollen?“

„Jacks Angewohnheit, mit der Gegenfrage zu antworten“, denkt Elsie.

„Konnte ihn schlecht wie einen Verrückten behandeln. Habe genickt und das Thema gewechselt.“

Jetzt kann Louis sogar wieder lachen: „Besser als jeder Tartakower, dieser Adams. Meint ihr, das ist eine Folge davon, wenn einem sonst alles gelingt?“

Elsie sieht Louis erstaunt an und hat wie so oft die Angst, er lese in ihren Gedanken.

„Jedenfalls ist er dafür nicht das einzige Beispiel.“

Ihre Blicke huschen zu Jack hinüber: entweder, sie sind sich mit den Jahren allesamt ähnlicher geworden, als es ihr bewusst ist, oder irgendetwas Seltsames geht vor. Ihr kommt die Stiefmutter in den Sinn und Leko und Jacks Rat, sie solle ein Kind bekommen. Dann auch King Edward und der Küster von St. Marylebone. Aber sie wird nicht schlau daraus und vertieft sich wieder in die Post.

„Hoffentlich ist er zum Staunton-Turnier fit“, sagt Louis, dessen Gedanken bei Adams geblieben sind, und nimmt einen großen Schluck aus seiner Tasse, „wäre sonst keine gute Werbung für uns als Gastgeber.“

Dann schaut er eine Sekunde lang durch Jack hindurch: „Meinst du, du könntest die Sache mit Schneewittchen rekonstruieren?“ Setzt fort, ohne eine Antwort abzuwarten: „Ich denke nämlich gerade an Petrow. Der hat ein Endspiel erfunden, das exakt Napoleons tatsächlichen Rückzug von Moskau beschreibt. Vielleicht kann man mit Adams’ Märchen auch so was anfangen.“

Im Reden ist er immer leiser, nachdenklicher geworden und umso lauter wirkt der Schrei, den Elsie plötzlich ausstößt, während sie angewidert einen Brief in die Mitte des Raumes wirft. Louis, der aus allen Wolken fällt, zieht ruckartig die Beine an und schwappt Kaffee auf seine linke Wange. Jack schaut bloß ruhig vom Brief hinüber auf Elsies verzerrten, schönen Mund, runzelt die Stirn und fragt endlich, was los sei.

Denn er war Privatdetektiv gewesen, bevor ihn Louis vor drei Jahren einstellte, und hat die Gleichgültigkeit gegenüber Gefühlsausbrüchen dieser Art noch nicht verlernt. Aber Elsie antwortet nicht und Jack muss den blauen Brief aufheben, der eben über den Schreibtisch geflogen kam.

„Ralph“, sagt er nach einem Blick auf den Absender, „wieder Ralph Linderman.“

„Gott, Elsie! Musst du mich so erschrecken“, erleichtert sich Louis und lässt die Beine wieder sinken, „das geht nun wirklich zu weit!“

„Du hast doch keine Ahnung“, fährt sie ihn weinerlich an, bricht ab, weil sie nicht klingen will wie er. „Zu viele Ähnlichkeiten machen entbehrlich“, denkt sie und sieht Jack an: „Ich werde ihn bestimmt nicht öffnen.“

„Den Brief?“ Da hat Jack schon das Messer zur Hand und den Umschlag mit drei kurzen Schnitten zerteilt. Er fischt einen weißen Bogen Papier heraus, entfaltet ihn, liest.

„Und? Lies vor!“, fordert Louis.

Jack sieht zu Elsie hinüber und kratzt sich den Bart mit Daumen und Zeigefinger. Aber sie erhebt keinen neuen Einspruch und er beginnt: „Sehr geehrte Redaktion, mit großer Enttäuschung habe ich feststellen müssen, dass Sie auch auf meinen letzten Brief nicht reagieren wollen. Ich finde kaum eine Antwort mehr, die Ihr Verhalten erklärbar machte. Sollten Sie der Ansicht sein, dass keine Notwendigkeit besteht, mein Anliegen zu bearbeiten, möchte ich Sie darauf hinweisen, dass mir Einiges möglich scheint, Sie zu zwingen. Ich möchte Ihnen mit diesem Brief ein letztes Mal Gelegenheit geben, über Ihr Verhalten nachzudenken und entsprechende Schritte einzuschlagen. Bitte sehen Sie dieses Entgegenkommen als ein Zeichen meines guten Willens und lassen Sie uns weiteren Missverständnissen gemeinsam aus dem Weg gehen! Mit hochachtungsvollen Grüßen, Ralph Linderman.“

„Schau an“, sagt Louis und reibt seine Nasenwurzel.

„Meinst du nicht, wir...“, will Jack wissen.

„Nein!“, besteht Elsie laut.

„So wütend war er noch nie“, sinniert Louis, jetzt mit dem Hinterkopf beschäftigt.

„Ja“, stimmt Jack ihm zu und zündet sich eine Zigarette an.