Löwenweisheit - Erepheus - E-Book

Löwenweisheit E-Book

Erepheus

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Beschreibung

Dostojewski, sagt man, besaß ein immenses Selbstbewusstsein. Hört, hört! Einmal soll er sogar einen stolzen Löwen durch nichts als bloßes Anstarren dazu gebracht haben, in solche Wut und Raserei zu verfallen, dass ...so beginnt die Geschichte. Weil aber Geschichten, anders als die krude Wirklichkeit, nur gehört und niemals gesehen werden, bleibt jeder Zuhörer bei seiner eigenen Vorstellung von einem in Raserei brüllenden Löwen und man kann das wahre Ende der Geschichte übergehen, solange er nämlich nicht auch einen wütenden Löwen von Angesicht zu Angesicht gesehen hat. Sieh, sieh! Erst der Blick rahmt die Zeit, hält sie fest, formt sie, macht sie erfahrbar. Darum ist, was ich vorstellen will, keine Geschichte, sondern ein Bild. Ein Bild vor der Geschichte. Ein Bild, das ich sehe.

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Seitenzahl: 185

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Über den Autor

Erepheus stammt aus dem anhaltischen Wittenberg, entschied sich aber schon früh für seine Wahlheimat Leipzig. Hier war er einige Zeit für das Haus des Buches tätig, übernahm für ein Literaturmagazin die Aufgaben des Lektors und arbeitete in verschiedenen Verlagen. Darüber hinaus brachte er auf Lesungen und Festivals bereits eigene Werke zu Gehör. Die Liebe zu Literatur und Sprache spiegelt sich auch in seinem beruflichen Alltag wider, in dem er seit vielen Jahren als Deutschlehrer wirkt. Seine subtilen Texte sind durch ihre klare Sprache charakterisiert und führen oft in unerwartete Abgründe. Dabei geht es ihm stets um die Verortung des Einzelnen im alltäglichen Geflecht aus Beziehungen, Schicksalen und Zufällen.

Nach Split EP, der gemeinsamen Debüt-Veröffentlichung mit Holger Warschkow, in der er sich der Lyrik und Kurzprosa widmete, sowie den Erzählbänden Irrfahrer und Layamon und dem Gedichtband 2020 liegen mit Löwenweisheit zwei weitere Erzählungen aus seiner Feder vor.

INHALT

D

IE

H

ÖLLE DES

K

ONSTANTIN

K.

L

ÖWENWEISHEIT

DIE HÖLLE DES KONSTANTIN K.

Erstes Protokoll

Konstantin K. klagt seit mehr als drei Wochen über den Verlust der Druck- und Schmerzempfindlichkeit in beiden Unterarmen. Für die Symptomatik konnten sowohl sein Hausarzt als auch das renommierte Universitätsklinikum physische Ursachen weitgehend ausschließen. Insbesondere die Abgrenzung der betroffenen Körperbereiche stimmt nicht mit den tatsächlichen Nervenbahnen überein. Der Befund impliziert vielmehr die Diagnose einer hysterischen Anästhesie. Zu ihrer Überprüfung stellte sich der Patient am Vierten des Monats in der oben genannten Praxisgemeinschaft vor. Da Herr K. in diesem Zusammenhang auch an einer psychotherapeutischen Sprechstunde teilgenommen hat, übernimmt die Krankenkasse eine Probatorik von vier Sitzungen.

Herr K. betritt den Behandlungsraum mit gesenktem Blick und in vorgebeugter Haltung. Seine Arme hängen steif herab und bewegen sich nicht im Rhythmus seiner wenigen langsamen Schritte. Als wären nicht sie, sondern der Körper ein Pendel, das zwischen zwei festgefügten Säulen schwingt. Oder aber wie ein Turner, der sich am Barren wiegt, während seine Arme starr das Körpergewicht halten. Herr K. trägt ein langärmliges, schwarzes Kapuzenshirt, dunkelblaue Jeans und auffällig gepflegte, moderne Sportschuhe. Seine halblangen Haare sind sorgsam frisiert und vermitteln den Eindruck, als wären sie erst vor Kurzem geschnitten worden.

Auf seinen Namen angesprochen reagiert Konstantin K. mit zustimmendem Brummen und kurzem Nicken. Während er sich dann dem angebotenen Stuhl schweigsam nähert, wagt er vorsichtige Seitenblicke auf die Einrichtung des Raumes. Schließlich lässt er sich wortlos auf den vorderen Teil der Sitzfläche nieder und behält die vorgebeugte Körperhaltung bei. Auf die Frage, ob er etwas trinken möchte, erfolgt zunächst ein leichtes Kopfschütteln. Dann scheint ihm klar zu werden, dass er zum Trinken seine Hände benutzen müsste und dass darum in der unbekümmerten Frage ein verborgener Sarkasmus gelegen haben könnte, denn er schaut plötzlich mit skeptischem Blick auf, ohne aber den Kopf ganz anzuheben oder seinen möglichen Gedanken zu formulieren.

Wie es ihm gehe.

Konstantin K. nimmt sich einige Sekunden Zeit, bevor er höflich erklärt, dass er sich gut fühle und sich anschließend für die Frage bedankt, was einerseits durch die Gefasstheit und andererseits mit dem Wissen um seine nicht grundlose Anwesenheit in der Praxis den Eindruck vermittelt, dass er lieber nicht gefragt worden wäre.

Was er von Beruf sei.

Jetzt antwortet Herr K., ohne zu zögern: „Ich bin Steuerberater und arbeite als Abteilungsleiter in einer großen Kanzlei.“ Seine ruhige, tiefe Stimme klingt vertrauenerweckend und seine Artikulation ist überraschend deutlich, fast mechanisch. Er spricht außerdem betont und leise, sodass beim Zuhören das angenehme Bild der Integrität entsteht.

Ob es ihm Freude mache, in seinem Beruf zu arbeiten.

Wieder reagiert Konstantin K. sofort: „Ich bin gut in dem, was ich tue. Mein Chef vertraut mir vollkommen und mein Team leistet wirklich hervorragende Arbeit.“ Aber mit einem Mal wirkt die Antwort trotz der warmen Stimme und ihrer verlässlichen Anmutung ein wenig einstudiert, vielleicht weil sie der eigentlich emotionalen Frage ausweicht. Als würde sich Herr K. lieber an Fakten als an Gefühle halten.

Wie lange er schon für die Kanzlei arbeite.

„Seit vier Jahren. Zuerst habe ich eine Ausbildung zum Steuerfachangestellten gemacht. Dann habe ich mich zum Steuerfachwirt weitergebildet und sieben Jahre in einer kleineren Kanzlei gearbeitet. Nach meiner Steuerberaterprüfung habe ich in die jetzige Kanzlei gewechselt und dort vor einem Jahr die Leitung einer Abteilung übernommen, die sich um die Jahresbilanzen und die Buchhaltung für unsere Zahnärzte kümmert. Es ist ein interessanter Aufgabenbereich, der auch sehr herausfordernd sein kann.“ Der Eindruck festigt sich, dass Herr K. gern über seine Arbeit spricht, wenn auch aus einer betriebswirtschaftlichen Perspektive. Er ist offensichtlich stolz auf seine beruflichen Leistungen und erfährt Anerkennung dafür.

Inwieweit die Arbeit für ihn interessant und herausfordernd sei.

Konstantin K., erneut mit einer Frage nach seinen Gefühlen konfrontiert, zögert. Seine Arme weisen wie zwei Eisenketten senkrecht zu Boden und beugen den gesamten Oberkörper, als hingen unsichtbare Gewichte an ihnen. Überraschend beginnt ein Finger seiner rechten Hand, einen Rhythmus gegen das Stuhlbein zu schlagen. Doch das Klopfen wird Konstantin K. nicht bewusst. „Meine Arbeit macht mir viel Spaß. Ich bin sehr glücklich, wenn sich die Zahlen zusammenfinden und ihre ganz eigene Welt entstehen lassen. Dann bin ich ein Besucher in einem wunderbaren Universum, wo alles seinen Platz besetzt und eine Aufgabe erfüllt. Es ist ein sehr ästhetisches Gefühl der Freude und so interessant, weil das Ergebnis jedes Mal neu und überraschend ist.“ Das Fingerklopfen verstummt, nachdem es einiges von ihrer früheren Souveränität aus seiner Stimme verscheucht hat. Nun schwanken die Sätze leicht im Tempo und gleichen Wellen, die kommen und gehen. Auch die Artikulation verwischt ein wenig und die Worte erscheinen noch leiser, als kosteten sie ihn Kraft.

Ob er ein Hobby habe.

Konstantin K. richtet sich auf und reagiert weniger zögerlich. Daher und weil sein Finger nicht zittert, wirkt er erleichtert, über ein anderes Thema sprechen zu können. Doch die gerade aktivierte Erinnerung an das ästhetische Gefühl der Freude erfüllt ihn noch und übt unverkennbar ihren Einfluss auf seine Antwort aus. „Ich weiß nicht, ob man das als Hobby bezeichnen würde.“ Er beendet die Feststellung mit einem nachdenklichen Brummen. „Ich gehe nämlich gern in den Park, weil ich dort sitzen und an nichts denken kann. Das ist wie ein kleiner Urlaub: ruhig und entspannend. Dann sehe ich beispielsweise den Vögeln zu, wie sie frei und völlig unaufgeregt über den Himmel fliegen. Es ist wunderschön zu sehen, wie harmonisch ihr gemeinsamer Flug funktioniert, und auch irgendwie erleichternd, dass ich keine Verantwortung dafür trage.“ Er macht eine kleine Pause, vielleicht um das Bild, das er vor sich sieht, wirken zu lassen. „Oder ich höre mit geschlossenen Augen dem Rauschen der Bäume zu. Oder ich betrachte die Blumen, wie sie sich im Licht sonnen. Das alles existiert, ohne dass ich dafür verantwortlich bin.“ Wenn seine Arme die starren Masten eines Schiffes sind, dann sind seine Augen jetzt der Ausguck und sein Blick geht weit in die Erinnerung. „Mir fällt auf, dass ich nie die Vögel oder die Bäume gezählt habe. Ich zähle nämlich sonst fast alles: Treppenstufen, Heftklammern, Wochentage. Das ist so eine Marotte von mir. Aber die Vögel, die Bäume und die Blumen im Park habe ich tatsächlich noch nie gezählt.“ Herr K. wählt seine Worte langsam und mit großem Bedacht, was zu der Empfindung führt, er kontrolliere sich sehr. Seine Körperhaltung lässt vermuten, dass er unter der Anstrengung leidet, die ihn die Kontrolle kostet. So vermittelt er insgesamt ein Gefühl der Schwere, die nicht nur an seinen Armen zu ziehen, sondern auch auf seinen Schultern zu lasten und seine Worte niederzudrücken scheint.

Ob er mit dem Zählen ein bestimmtes Ziel verbinde.

Konstantin K. entgegnet, dass er automatisch zähle, besonders wenn er nichts zu tun habe, oder sich ablenken wolle.

Wovon er sich ablenke.

Nach einer Antwort suchend zögert er und bemerkt wieder nicht, wie ein Finger der rechten Hand seiner Kontrolle entkommt. Das treibende Klopfen kulminiert in dem Satz: „Vielleicht von Dingen, die nicht sofort zu lösen sind, wie beispielsweise eine Frage des Steuerrechts.“ Diesem Satz folgen ein abschätziges Brummen und die Stille seiner zu Boden weisenden Hände. Herr K. lässt bisher den Anspruch erkennen, einer als unvorteilhaft empfundenen Umwelt mit einem hohen Maß an Selbstoptimierung begegnen zu wollen, und zur gleichen Zeit die Enttäuschung darüber erahnen, diesem Maßstab nicht immer gerecht zu werden.

Auf die anschließende Frage nach seiner Symptomatik erklärt er, er fühle seine Arme nicht mehr. Ob die kompletten Arme betroffen seien. Er hebt die Schultern, als wollte er andeuten, dass er es nicht wisse. Dann erwidert er jedoch, die Oberarme könne er spüren. Ob seine Unterarme manchmal kribbelten oder andere Empfindungen auslösten. Konstantin K. verneint. Sie seien wie zwei Holzbalken, hätten kein Innen oder Außen, keine Temperatur und in sich auch kein Gewicht. Ihre Last spüre er nur in den Oberarmen und Schultern. Er glaube, dass Pinocchio sich so habe fühlen müssen, als er sich langsam in einen Menschen verwandelt habe. Oder besser: von einem Menschen wieder zurück in eine Holzpuppe. Ob sich die Taubheit in seinen Armen auch hin und wieder ausbreite und zurückgehe wie bei Pinocchio. Die Frage bewirkt einen langen Seitenblick aus dem Fenster.

„Vor vierundzwanzig Tagen sind meine Unterarme plötzlich taub geworden. Seit dem Tag hat es sich weder verbessert, verschlechtert noch sonst irgendwie verändert.“ Verhaltene Wut spricht aus seinen Worten, die eruptiv hervorbrechen wie Wellen gegen Klippen schlagen, oder vielleicht Ungeduld über seinen Zustand.

Ob er seine Unterarme bewegen könne.

„Seltsamerweise. Ich kann meine Arme beugen und meine Hände und Finger bewegen. Aber es ist so, als könnte ich das nicht kontrollieren, als würden meine Finger das von sich aus und vor allem nicht dann tun, wenn ich es will.“ Herr K. sieht zu Boden und seine Stimme verebbt wie bei ausbleibender Flut.

Dann verneint Konstantin K. die Frage, ob er diese oder ähnliche Symptome früher schon einmal gehabt habe. Auch in seiner Familie sei seines Wissens niemals ein vergleichbarer Fall aufgetreten.

Ob er, abgesehen von seinen Unterarmen, weitere Beschwerden habe.

„Das Übliche bestimmt: Rückenschmerzen vor allem, hin und wieder Gelenk- oder auch Bauchschmerzen, manchmal Verdauungsprobleme, eine vielleicht stärker werdende Herbst- und Winterdepression und in letzter Zeit häufiger den Wunsch, mich mal richtig zu entspannen.“

Auf die Frage, ob er Medikamente nehme, schüttelt Herr K. den Kopf.

Warum er gerade jetzt zum Arzt gegangen sei.

Herr K. blickt wieder zu Boden, überlegt und trommelt mit dem Finger seiner rechten Hand nervös gegen das Stuhlbein. Als führte der ein Eigenleben, noch unbemerkter als die Arme. Die sich auch unter dem schwarzen, langärmligen Kapuzenshirt nicht vergessen lassen. Weil ihr Gewicht so schmerzhaft an den Schultern zieht. Endlich antwortet Konstantin K. mit einer undeutlichen, ängstlichen Stimme wie ein Echo unter Wasser: „Es ist zu schwer geworden.“

Was zu schwer geworden sei.

„Alles“, flüstert er. Herr K. kapselt sich in seine unbequeme Körperhaltung ein und das Gefühl, er werde innerlich zerrissen, springt auf wie Puffmais: die nach vorn fallenden Schultern, die zu Boden ziehenden Arme, der wie autonom vor sich hin trommelnde Finger und schließlich der abwesende Blick. „Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht“, setzt Konstantin K. mit fremder, tonloser Stimme fort, „aber ich finde, dass das Leben harte Arbeit ist. Egal, was ich mache, oder mit wem ich zusammen bin, immer bin ich dazu verpflichtet, mich zu kontrollieren. Ich darf nicht ein einziges Mal unachtsam sein, denn, wenn ich es wäre, käme etwas zum Vorschein, was mir niemand wieder verzeiht.“ Das Geständnis hat eine enorm erschütternde Wirkung. Es fühlt sich an wie die finstere, eiskalte Leere des Weltalls, oder genauer: Als stürzte man durch diese Leere in einem endlosen Fall.

Was das sei, was ihm niemand wieder verzeihen würde.

Herr K. hebt den Kopf aus der Versteinerung des Körpers, wie ein Wanderer den Gipfel eines Felsens erklimmt, und sieht in Gedanken auf einen weit entfernten Punkt der inneren Landschaft. Seine hellblauen Augen sind dunkel umrändert und voller Furcht. Gleichzeitig spiegelt sich in seinem Blick größte Hilflosigkeit, als stünde er wirklich an einer steil abfallenden Klippe. Seine Gesichtshaut ist stumpf und blass, die Wangen sind glattrasiert und geben nicht den geringsten Hinweis auf nachwachsende Barthaare. Der Finger seiner rechten Hand trommelt ihn weiter. „Als Steuerberater trägt man eine große Verantwortung. Stellen Sie sich vor, ich würde meinen Mandanten falsche Informationen geben oder auch nur, weil ich es zufällig nicht besser weiß oder unkonzentriert bin, einen unrichtigen Eindruck vermitteln!“ Langsam und vorsichtig tastet sich seine Stimme voran und das Klopfen wird schwächer. „Das könnte für alle die fatalsten Auswirkungen haben und Verluste in Millionenhöhe nach sich ziehen. Kontrolle schützt uns vor solchen Fehlern. Ohne sie würde wahrscheinlich alles den Bach runtergehen. Letztlich wäre sogar niemand sicher und alles könnte geschehen.“ Konstantin K. hält inne. Seine Stimme möchte zu ihrer anfänglichen Entschlossenheit zurückkehren, wie es einen Soldaten heimwärts zieht. Das Zittern des Fingers ist vorüber. „Die Kontrolle muss bei einem selbst beginnen, weil jeder Einzelne verlässlich zu sein hat, damit alle verlässlich sind. Das heißt, man muss in erster Linie seine eigenen Handlungen kontrollieren. Und das bedeutet vor allem die Kontrolle über das, was man sagt. Das wiederum setzt eine Kontrolle der Gedanken voraus, denn sie bestimmen das Handeln.“ Herr K. scheint zu glauben, dass Kontrolle keineswegs bloß die Einflussnahme einer staatlichen Verwaltung auf ihre Bürger wie beispielsweise bei der Prüfung von Pässen und Fahrkarten bedeute, sondern in einem strengeren Sinn die Gewalt über sich selbst sei. Das Wort, das vom französischen contre-rôle abstammt und dort ursprünglich ein Gegenstück bezeichnete, wie etwa dann, wenn zwei Zahnräder ineinandergreifen und sich auf diese Weise regulieren, wird von Herrn K. mit schwellender Stimme auf den Begriff einer intrapersonalen Überwachungsinstanz foucaultscher Prägung eingeengt. „Wer sich soweit kontrollieren kann, ist ein bemerkenswertes Mitglied der Gesellschaft. Ich bin fest davon überzeugt, dass Kontrolle der Grundpfeiler unserer Zivilisation ist. Wenn man…“

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbreche, aber Sie sagten vorhin, dass Sie Ihre Unterarme seit vierundzwanzig Tagen nicht mehr spüren. Können Sie mir sagen, was vor vierundzwanzig Tagen genau passiert ist?“

Herr K. senkt den Kopf und schweigt. Das ruft die irritierende Vorstellung hervor, er wäre darüber enttäuscht, bei einer Grundsatzrede unterbrochen worden zu sein. Dann nickt er mehrmals leicht mit dem Kopf, was wiederum Anlass zu dem Glauben gibt, er würde die Richtigkeit einer inneren Ansicht bestätigen, oder er hätte einen Entschluss gefasst. Schließlich erklärt er kategorisch: „Nichts, was mit meinen Armen zu tun haben kann.“ Daraufhin beugt sich Herr K. weiter vor, sodass er jetzt fast die Knie mit seinem Kopf berührt. Gleichzeitig rutscht er auf der Sitzfläche zurück. Dann richtet er den Oberkörper auf, sodass er sich anlehnen kann. Aber seine Augen fixieren noch immer den Boden und seine Arme haben die ganze Zeit wie zwei schwere Kuppelstangen senkrecht nach unten gewiesen.

„Wenn ich richtig rechne, war vor vierundzwanzig Tagen ein Sonntag. Erinnern Sie sich, was Sie an dem Tag gemacht haben?“

Es sei nicht einfach, das in die richtigen Worte zu bringen, flüstert Konstantin K. mehr zu sich als zu seinem Gegenüber. Er wisse nicht einmal, wo er da überhaupt beginnen solle, und sicher lohne es sich auch gar nicht.

Warum er denke, es…

Aber Konstantin K. unterbricht die Frage und verstärkt so den Eindruck, dass er eigentlich mit sich selbst spricht: „Was passiert ist, kann niemand wiedergutmachen. Es wird für immer zwischen uns stehen. Heute ahnen sie, wer ich wirklich bin, und haben Angst vor mir. Das höre ich, wenn sie mit mir sprechen, und ich sehe es auch in ihren Augen. Sie haben recht, ja. Aber ich konnte es wirklich nicht kontrollieren. Wenn ich es hätte kontrollieren können, hätte ich es doch auch getan. Nein, es war unmöglich.“ Der zitternde Finger führt sein eigenes Leben, die Stimme verschwindet wie ein vorbeirauschender Wind in der Ferne, seine Augen starren in eine leere Tiefe.

Was er nicht habe kontrollieren können.

Herr K. atmet tief ein und richtet sich dabei etwas auf. Er hebt sogar die Arme und kurz scheint es, als wollte er sie in den Schoß legen. Seine Hände sind die eines Menschen, der viel am Schreibtisch sitzt: eher klein, etwas länglich und weich. Die Nägel sind ebenso gepflegt wie seine Wangen und seine Frisur und der Anschein bewusster Sorgfalt wird von der Reglosigkeit der Arme noch verstärkt. Ähnlich der starren Eleganz einer Schaufensterpuppe. Da fällt auf, dass es der rechte Ringfinger ist, der immer wieder seiner Kontrolle entgeht. Der Ehering ist silbern und glatt. „Ich wollte mich kontrollieren.“ Kürzere Pause. „Ich wollte meine Handlungen kontrollieren.“ Gefolgt von einer kraftlosen Wortwelle. „Ich wollte die Situation kontrollieren.“

Ob er die Situation beschreiben könne.

„Mein Sohn hatte Konfirmation. Wir hatten ungewöhnlich viel Besuch in der Wohnung. Es war völlig chaotisch.“ Herr K. schüttelt den Kopf wie ein Pferd, das vor einer Bedrohung zurückscheut.

Wie die Gegenwart der vielen Leute auf ihn gewirkt habe.

Seine Antwort klingt wie ein Seufzen: „Wenn so viele Leute da sind, muss ich mich noch mehr kontrollieren. Oder anders gesagt, ist mein inneres Gleichgewicht dann so sehr in Gefahr, dass ich mich zusätzlich zu meiner normalen Selbstkontrolle noch mehr kontrollieren muss.“ Das schnelle Zittern des Ringfingers stört das Zuhören inzwischen fast so sehr, wie man sich beim Einsatz eines Abbruchhammers nur schlecht konzentrieren kann.

Wie sich diese starke Kontrolle für ihn anfühle.

„Wie ein Gefängnis. Als wäre ich in einem winzigen Raum eingesperrt, der mir nicht nur alle Bewegung unmöglich macht, sondern mir auch die Luft zum Atmen abdrückt.“ Seine Stimme springt in wütenden Stößen gegen die erinnerten Gefängnismauern und fällt zwischen den Gedanken in dunkle Täler hinab. „Aber das muss ich ertragen, um niemanden zu verletzen.“ Herr K. hebt den Kopf leicht an. Sein umherschweifender Blick ist erschöpft und er spricht auch nicht weiter. Sogar die Hand verlangt nach Ruhe und stellt ihr Zittern endlich ein. Nach einer Weile sieht Herr K. wieder zu Boden.

„Glauben Sie, dass ein Mensch wertvoll ist, wenn er es schafft, sich zu kontrollieren?“

Konstantin K. antwortet mit einem kurzen Nicken. Dann wird ihm möglicherweise bewusst, dass es sich bei der Frage um eine seiner eigenen Aussagen handelt, und vielleicht auch, dass in dem freien Zitat aus dem ursprünglichen Bemerkenswert ein Wertvoll geworden ist. Denn er drückt sich jetzt aus Vorsicht oder Ablehnung so fest an die Lehne des Stuhles, dass sich die Muskeln seiner Oberschenkel anspannen.

„Und heißt das im Umkehrschluss, dass ein Mensch, der sich nicht kontrolliert, nicht wertvoll ist?“

Herr K. schweigt und es könnte sein, dass er sich in einer Zwickmühle befindet. Denn einerseits ist die Bejahung der gestellten Frage notwendig, um das eigene stark kontrollierte Verhalten zu rechtfertigen. Andererseits könnte eben diese Selbstkontrolle verbieten, so etwas einem anderen Menschen gegenüber zu behaupten, weil die wertende Aussage das Gegenüber einschließen und verletzen würde.

„Ich weiß nicht, was in anderen Menschen vorgeht.“ Konstantin K. scheint erschöpft.

„Ich möchte Sie noch bitten, an Menschen zu denken, die Ihnen wichtig sind. Versuchen Sie zu formulieren, was diese Menschen heute zu Ihnen sagen würden.“ Es folgt eine so große Pause, dass kaum noch mit einer weiteren Äußerung gerechnet werden kann. Herr K. wirkt erneut wie versteinert und seine Arme scheinen Anker, die ihn im wirren Gestrüpp der Erinnerungen festhalten.

An wen er im Moment denke.

Konstantin K. schreckt zusammen, als er in seinen Gedanken unterbrochen wird. „An meine Frau, ich habe an meine Frau gedacht.“ Herr K. richtet sich leicht auf, was die Aufmerksamkeit erneut auf seine angespannten Oberschenkel lenkt. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie mich für einen Versager hält. Sie hat schon vor einiger Zeit aufgehört, nach meiner Meinung zu fragen, und entscheidet jetzt alles allein, auch ohne mir Bescheid zu geben. Selbst im gleichen Zimmer benimmt sie sich, als wäre ich überhaupt nicht anwesend.“ Das Verhalten der Ehefrau scheint auf den ersten Blick keine ungewöhnliche Reaktion auf die Symptomatik ihres Mannes zu sein, falls sich sein Benehmen ihr gegenüber nicht deutlich von dem im Behandlungsraum unterscheidet. „Ja, ich glaube, wenn sie an mich denkt, muss es ihr wie ein großes Gewicht vorkommen, das auf ihr lastet. Neulich kam sie zum Beispiel ins Wohnzimmer, um die Blumen zu gießen, und als sie mich endlich in einem der Sessel bemerkte, erschrak sie so sehr, dass etwas Wasser aus der Gießkanne schwappte.“ Herr K. ist selbst die Verkörperung dieses Gewichts: Sein Kopf und seine Schultern biegen sich unter der enormen Last. Und es wäre wohl keine Überraschung, wenn noch der Stuhl, auf dem er hier sitzt, ächzte. „Aber am schlimmsten ist es, wie sie mich seit der Konfirmation ansieht. Ich spüre die Angst in ihren langen, fragenden Blicken. Manchmal fühle ich sie sogar hinter mir, wie sie sich in mich bohren und wissen wollen, wer ich bin.“ Wahrscheinlich ist eine gewisse Angst der Ehefrau nicht zu leugnen. Doch Herrn K. gelingt es nicht, die Ursache dieser Angst vollständig zu reflektieren. Er sieht sie allein in seiner eigenen Furcht, sich nicht kontrollieren zu können, und nicht beispielsweise in einer aufrichtigen Sorge um seine Gesundheit.

An wen er außerdem gedacht habe.

„An meine Kinder. Ich glaube, dass sie sich inzwischen für mich schämen, wenn sie an mich denken. Denn ich gehe davon aus, dass es für Kinder in ihrem Alter immens wichtig ist, Eltern zu haben, die in keiner Weise peinlich sind.“ Aus der psychotherapeutischen Sprechstunde geht hervor, dass Herr K. einen Sohn und eine Tochter im Alter von 14 und 11 Jahren hat. „Aber mein Verlust der Kontrolle, der in aller Öffentlichkeit und insbesondere im Beisein der Freunde meiner Kinder stattfand, muss für sie eine so große Blamage darstellen, dass sie sich ganz sicher wünschen, wir wären nicht verwandt. Seit der Konfirmation gehen sie mir jedenfalls aus dem Weg, wann immer sie können, und im Gegensatz zu den verängstigten Blicken meiner Frau sehen mich meine Kinder gar nicht mehr an.“

Ob er mit seinen Kindern über den Kontrollverlust geredet habe.

„Natürlich nicht. So etwas würde ich nicht tun. Es ist schlimm genug, dass sie damals alles miterleben mussten. Ich will sie nicht auch noch daran erinnern.“

„Haben Sie an weitere Menschen gedacht?“