IRRLICHT 2: Freier Fall - Hendrik Thomsen - E-Book

IRRLICHT 2: Freier Fall E-Book

Hendrik Thomsen

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Beschreibung

Nach den Geschehnissen der letzten Tage würde Trish alles geben, um in ihr früheres Leben zurückkehren zu können. Zac hingegen klammert sich weiterhin an jeden Strohhalm, den Toby's dubiose Pläne ihm zu bieten scheinen. Wie sie die Dinge auch wenden, die Straßen von Xinjia II sind für die beiden zu gefährlich geworden – sie müssen sich bedeckt halten. Doch auch in Tobys Safehouse fällt ihnen die Decke auf den Kopf. Der Luxus des Appartements kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihre Zukunft nun in den Händen eines zwielichtigen Hehlers liegt, und der letzte Kontakt ist schon viele Stunden her. Als der Druck unerträglich wird, bricht Zac die Nachrichtensperre, forscht nach und erlebt einen Schock: Tobys Laden steht in Flammen. IRRLICHT "Freier Fall" ist der zweite Teil einer Spannungsgeladenen Cyberpunk-Serie

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Seitenzahl: 300

Veröffentlichungsjahr: 2026

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IRRLICHT 2

(FREIER//FALL)

45 – Toby –

Toby kämpfte gegen das Gefühl an, auf eine Sammlung toter Kanäle zu starren. Das Fenster zeigte nur eine leere Ausgabemaske und einen Timer, sonst nichts. Aber das Schweigen war natürlich Teil des Systems. Anders als auf dem Handelsplatz, wo ein unbedacht veröffentlichtes Angebot einen leicht selbst zum Ziel einer Untersuchung machen konnte, erweckte keiner seiner Kontakte unnötig Aufmerksamkeit. Anfragen wie die, welche er vor einer Stunde in das verborgene Verteilernetzwerk gespeist hatte, schienen einfach in der Leere zu verhallen. Auch, wenn sie in Wirklichkeit empfangen, abgewogen oder verworfen wurden. Ohne Geduld lief nichts. Die Wahrscheinlichkeit, dass alle seine Kontakte tot waren oder in Verhörzellen schmachteten, war genauso hoch wie die, dass sie einfach nichts wussten, oder dass es wirklich keine Informationen über Muhamadin gab. Vielleicht war er tatsächlich auf der falschen Fährte. Er schob das Fenster an die Seite seines Sichtfelds, zog an der Zigarra und stellte irritiert fest, dass sie schon wieder ausgegangen war. Er klopfte auf seine Brusttasche, aber das fehlende Gewicht verriet ihm sofort, dass das Cigliq-Etui darin auch leer war.

Die Untätigkeit machte ihn kribbelig, also stand er auf, ging zu der halbdurchsichtigen Scheibe und ließ den Blick über die bunte Kundschaft des Toby’s wandern. Das Glas vibrierte sanft unter den Bässen, die gegen die andere Seite anbrandeten. Von der Empore hatte er einen perfekten Rundumblick. Das Geschäft lief gut. Alle Nischen waren besetzt, die meisten Gäste hatten die Privatsphäre hochgeregelt und genossen den sicheren Raum, den er ihnen bot. Er rief die Statistik auf. Die Token-Trading-Gebühren sahen gut aus, ebenso wie die Nutzung der Schließfächer. Verdammt, sogar die Tanzfläche war gut gefüllt. Er hatte in einen DJ aus Fleisch und Blut investiert und es bisher noch nicht bereut. Anders als ein Quarreen musste der zwar ab und zu eine Pause einlegen, aber er verstand es wirklich außerordentlich gut, Stimmung zu machen.

Die tanzenden Menschen da unten amüsierten sich wirklich. Offenbar war das Toby’s sogar bei der Sorte von Nachtschwärmern beliebt, die sich im eher legalen Ende des Sumpfbewohner-Spektrums befanden. Wahrscheinlich wollten sie sich mit dem Besuch seines Ladens einen verruchten Anstrich geben. Ab und an fragte er sich, ob das dicke Blut hier drinnen sich dadurch nicht allzu sehr verwässerte, doch andererseits brachte dieses Gemisch auch immer wieder frischen Wind und das eine oder andere Talent mit sich. Und das wussten wiederum einige seiner professionelleren Gäste durchaus zu schätzen. Zum Beispiel Flavio, der seit einiger Zeit diesen jungen Kerl im Schlepptau hatte …

Ganz kurz meinte er ein Gesicht zu sehen, das ihm bekannt vorkam, aber dann war es gleich wieder weg. Sein Nacken spannte sich an. Mit einer Geste rief er eine Kamera auf, die ihr vergrößertes Bild direkt an das Glas seiner Smartbrille sendete. Er suchte den entsprechenden Bereich ab, fand aber niemanden. Er musste sich getäuscht haben. Nichts. Nur viele zufriedene Kunden. Ja, es lief wirklich gut. Trotzdem. Es fehlte etwas. Ihm fehlte etwas. Die Straße? Die Aufbruchsstimmung von früher? Es lief gut. Hatte er sich das nicht so gewünscht?

In der Ecke seines Sichtfeldes blinkte ein kleiner blauer Punkt. Endlich! Toby öffnete die Nachricht. Sie war von Ming. Also war der Schlangenmensch nicht tot. Er stellte sich diesen unwahrscheinlichen, kleinen Kerl vor, wie er unter den Augen mehrerer Polizeistaffeln seiner Tätigkeit nachging, ohne die geringste Aufmerksamkeit zu erregen. Irgendwo in den Raum zwischen dicht gepackten Titancontainern gequetscht und unhörbar atmend. Die Nachricht war relativ kurz. Der Mann bot Informationen über ein Treffen Muhamadins mit den Hán Yè. Toby rieb sich das Kinn. Die Hán Yè? Wenn die Triaden mit der Sache zu tun hatten, hatte er vielleicht etwas Handfestes gegen Muhamadin in der Hand, auch wenn die Spur damit in eine völlig andere Richtung lief, als er erwartet hatte. Er pingte Splice an. Zum wievielten Mal? Der Junge war schon seit Stunden nicht erreichbar. Eigentlich hatte er ihm auch versprochen, ihn nach der Unterbrechung durch Zac und Trish mit seinem CC-Projekt in Ruhe zu lassen. Aber möglicherweise war der Diver in der Lage, etwas aus Mings Andeutung herausbekommen, bevor der anfing, Geld zu kosten. Tobys Blick wurde von etwas auf der Tanzfläche angezogen. Zwischen den Nachtschwärmern schob sich eine große Frau mit langen, schwarzen Haaren hindurch. Ihre Schultern waren breit und wirkten im Kontrast zu dem armfreien, schwarzen Kleid, das sie trug, wie weißer Marmor. Ihr folgte ein etwas kleinerer Kerl. Ein Glatzkopf in einer silbrigen, hautengen Montur – der Unterkleidung für ein militärisches Exoskelett. Sein Gesicht wurde von einem rötlichen Bart und einem unverschämten Grinsen verunstaltet. Garret. Also doch!

Er war mit zwei Schritten auf der Treppe, das Menü des Haussystems zugriffsbereit. Mit einem Blinzeln konnte er die Musik stoppen und mehrere Spotlights zielgenau auf den Eindringling schalten. Ein weiterer Befehl, und zu den Spotlights würde sich das automatische Waffensystem gesellen. Er zögerte. Das Fadenkreuz der Kamera lag immer noch auf der glänzenden Bowlingkugel von einem Kopf. Wie konnte Garret es wagen, hier aufzutauchen? Wie war er überhaupt an der Tür vorbeigekommen? Genervt rief er den Eingang an.

„Louis? Was macht der Typ hier drin?“ Er schaltete das Bild zu seinem neuen Mitarbeiter durch. „Der darf hier nicht rein.“ Er hastete die Treppe hinunter und schob sich zielstrebig durch die Menschenmassen, die ihm respektvoll Platz machten, sobald sie ihn erkannten.

Louis Stimme klang zögerlich in seinem Ohr. „Er ist nicht auf der Blacklist, glaube ich. Das System ist nicht auf ihn angesprungen.“

Toby schnaufte. „Scheiße. Er steht drauf. Er muss draufstehen!“ Er öffnete die Liste, aber was er sah, stimmte nicht mit seiner Erinnerung überein. Das war irgendeine ältere Version. „Was soll das? Splice?“ Er öffnete den Kanal, aber er bekam nur die gleiche Mitteilung wie zuvor:

 

BIN BESCHÄFTIGT! System könnte etwas glitchen - brauche grade viel Rechenpower.

 

Seine Hände verkrampften sich zu Fäusten. War das sein Ernst? „Louis? Mach dicht! Wir haben geschlossene Gesellschaft.“

Er schloss den Kanal, sobald er sich nah genug an Garret herangearbeitet hatte. Seine Stimme konnte hier den Sound aus den Boxen übertönen, ohne angestrengt zu klingen. „Ich dachte, ich hätte dir Hausverbot erteilt.“

Die Frau, die Garret begleitete, musterte Toby mit kaltem Blick. Sie war wahnsinnig blass. Ihr Kopf schien über dem hochgeschlossenen Kragen zu schweben wie eine Totenmaske.

Garret drehte sich um. Sein Grinsen wurde noch breiter. „Toby, altes Haus! Ich war mir sicher, dass das nur ein Missverständnis sein kann. Du bist doch nicht nachtragend? Man behauptet sogar, du seist ein echter Profi?“

Toby fühlte Hitze in sich aufsteigen. Die kleine Geschäftsstelle, die er im vierten Distrikt aufgebaut hatte, war noch immer ein glimmender Trümmerhaufen. Garret hielt ein bewaffnetes Überfallkommando offenbar für eine gängige Geschäftspraktik.

„Können wir uns in meinem Büro unterhalten?“

Garret warf einen Blick auf die kleine Panzerglaskugel oberhalb der Tanzfläche. Dann sah er seine Begleitung an, bevor er sich wieder ihm zuwandte. „Weißt du, ich hab hier bloß ein paar Kleinigkeiten zu erledigen, dann gehen wir schon wieder. Wenn dir persönlicher Kram auf einmal wichtiger ist als das Geschäft, dann muss ich dich bitten, mit meiner Anwältin zu reden.“ Die Frau zog mit einer kalkweißen Hand ihren Kragen etwas herunter und entblößte das Tattoo einer kleinen Friedenstaube an ihrem Hals.

Toby wurde heiß und kalt. „Was fällt dir ein, so ein Ding hier reinzubringen?“

„Sag nicht so etwas Gemeines, Toby. Victoria ist doch kein Ding! Wir haben ein Geschäftsabkommen: Ich helfe ihrer armen strahlenkranken Familie in Westeuropa, und dafür bekomme ich ihre Dienstleistungen.“

Toby schnaubte. „Das passt zu dir, verzweifelte Menschen auszunutzen …“

„Nun hör aber auf, Victoria handelt gemäß ihrer eigenen tiefsten Überzeugung. Wenn sie ihr Versprechen einlöst, geschieht das freiwillig und außerdem ist es für sie sowas wie … ein künstlerisches Statement, nicht wahr?“

„Halt die Klappe.“ Die Frau hatte eine tiefe Stimme und einen seltsamen Akzent. Aber sie lächelte über Garrets Aussage. Garret war ein wahnsinniges Arschloch, und Louis würde heute seinen letzten Tag hier haben. Toby kramte in seinen Erinnerungen nach Tertium-5-Knochenmark-Sprengstoff.

Der Farbe ihrer Haut nach zu urteilen, hatte sie schon vor Monaten mit dem Anreichern angefangen. Die langen Haare sahen bei näherer Betrachtung auch gar nicht besonders echt aus. Die meisten Friedensboten sprengten irgendwann ein selbstgewähltes Ziel in die Luft. Rache für einen längst vergangenen Krieg ohne Sieger, der in Europa immer noch Opfer forderte. Ihm war nicht klar gewesen, dass manche auch solche Abkommen schlossen.

„Hat Morra dir inzwischen den Laufpass gegeben, dass du dich mit so einem Freak abgibst?“ Toby hielt den Zorn in seiner Stimme mit Mühe unter Kontrolle. Garrets Grinsen überzeugte ihn, dass er jeden Rest von Verstand verloren haben musste.

„He, du profitierst davon, wenn ich hier bin! Ich bringe gute Geschäfte mit. Vielleicht komme ich jetzt ja sogar häufiger mal vorbei? Aber erst muss ich was erledigen.“

Toby starrte der Glatze hinterher, bis sie zwischen den Menschen verschwand. Die lebende Bombe folgte ihm und schirmte ihn vor weiterer Beobachtung ab. Tobys Kiefer mahlten. Er hatte die Dinge wirklich zu lange schleifen lassen. Was war nur los mit ihm? Vielleicht wurde er langsam zu alt für das alles.

 

46 – J. Jansen –

Er fühlte keinen Schmerz, obwohl er das Gefühl hatte, dass er es müsste. War da nicht eben … der Boden, auf dem er kauerte, war nicht hart, auch nicht weich, er hatte überhaupt keine richtige Struktur. Alles verschwamm. Das Rauschen in seinen Ohren pulsierte im Takt seines Herzschlags. War es das jetzt? War das das Ende? Jan war nicht bereit, zu sterben. Aber was für eine Art von Leben war das? Was für einen Sinn hatte seine Existenz? Wodurch war sie definiert? Wann hatte sie begonnen? Es gab Antworten auf diese Fragen, aber er konnte sie nicht greifen. Dabei war es, als habe er es gerade eben noch gewusst.

„Wer bist du?“

Jan schreckte hoch. Die Stimme war direkt hinter ihm.

„Woran erinnerst du dich?“

Mit einer schnellen Drehung war er auf den Beinen.

In geringer Entfernung stand ein kleiner Tisch. Jan war sich absolut sicher, dass dort gerade eben noch gar nichts gewesen war.

An dem Tisch saßen zwei Männer, einer davon mit dem Rücken zu ihm.

„M-Mein Name ist Jansen. Professor Jan Jansen.“ Jan war sich nicht sicher, ob er selbst geantwortet, oder die Worte nur gehört hatte. Der Mann, der die Fragen stellte, war seltsam undeutlich, obwohl er nicht weit weg war. Die Stimme kam ihm jedoch sehr bekannt vor. „S-Svedenborg?“

Der Mann saß regungslos da. Er trug einen dunklen Anzug. Der andere wandte ihm immer noch den Rücken zu, er steckte in undefinierbarer, grauer Kleidung. Er wirkte wie ein Gefangener. Beide waren geisterhaft, ihre Konturen entzogen sich seiner Wahrnehmung. Jan ging auf den Tisch zu.

Auf der grauen Platte lag etwas Kleines. Der Gefangene sagte noch etwas, aber er konnte seine Worte nicht verstehen. Als würden sie von der Umgebung verschluckt. Er hielt sein Haupt gesenkt, vielleicht flüsterte er nur? Jan sah den Mann im Anzug an und erschrak. Sein Gesicht war kein Gesicht.

Jan erkannte zwar Augen, Nase und Mund, aber sein Gehirn war bei bestem Willen nicht in der Lage die Eindrücke zu einem sinnvollen Bild zusammenzufügen. Das Gefühl war schwer zu ertragen. „Svedenborg, bist du das?“

Der Mann reagierte nicht. Er hob nur die Hand und legte den Finger auf den Gegenstand, der auf dem Tisch lag. Einen kleinen, roten Druckknopf. „Nochmal von vorne.“

Der Mann zerplatzte in Millionen von Scherben. Die Explosion erfasste Jan und alles um ihn herum. Wieder fand er sich in einem brüllenden Malstrom wieder. Der monströse, hämmernde, kreischende, siedend heiße Lärm zerfetzte seine Sinne, verbrannte ihn völlig – dann war es vorbei.

Er lag da und hörte seinen keuchenden Atem. Von fern hallte immer noch sein Schreien nach. Er blinzelte die Schlieren weg. Ein Tischbein. Der Boden aus Glas. Er drückte sich hoch und stand auf. Die beiden Männer saßen sich immer noch gegenüber, als wäre nichts geschehen.

„Ich werde dir ein paar Fragen stellen, und du wirst mir unvoreingenommen und unmittelbar antworten. Ich bin dein bester Freund. Du kannst mir vertrauen.“

Svedenborgs Stimme. Aber Jan konnte ihn nicht ansehen. Mit dem Mann stimmte etwas ganz und gar nicht. Er war kein Mensch, eher eine abstrakte Skulptur. Jan wollte etwas sagen, aber nun hob der andere den Kopf, und Jan hätte sich am liebsten wieder abgewandt. Auch er hatte kein Gesicht. Anders als sein Gegenüber war es bei ihm jedoch immer noch verschwommen und nebelhaft, wie aus weiter Entfernung, obwohl der Rest klar zu erkennen war. Seine Zeigefinger steckten in silbernen Hülsen, an denen dünne Spiralkabel angebracht waren. Er schien auch ein feines Stirnband zu tragen, von dem weitere Leitungen abgingen, wie bei einem Lügendetektor aus einem uralten Film. Sie verschwanden irgendwo unter dem Tisch.

„Ja. Frag, was du willst.“

Jan blieb beinahe das Herz stehen. Das seltsame Kribbeln im Hinterkopf war ihm vertraut, seit er seinen ersten Quarreen-Avatar hatte sprechen hören. Mit seiner eigenen Stimme.

„Wer bist du? Woran erinnerst du dich?“

Jan starrte auf den roten Knopf, um keinen der beiden ansehen zu müssen. Die Stimme des anderen klang gänzlich entspannt. Seine Stimme.

„Mein Name ist Jan Jansen. Ich bin Professor für Neuro-Informatik und …“ Seine Stimme verwandelte sich in unverständliches Quietschen, so, als werde eine Aufnahme schnell vorgespult. „… Jahren für den OCEAN-Konzern, ich habe schon länger nichts eigenes mehr veröffentlicht, weil … weil … Ich weiß nicht, warum. Weißt du es?“

Jan konnte keinen klaren Gedanken fassen, alles entschlüpfte ihm. Was zum Teufel war hier los?

„Was verbindest du mit dem Namen Celleste?“ Der Gefangene straffte sich. In Jan zog sich etwas zusammen.

„Ich wünschte, ich könnte darüber sprechen … Es tut mir alles so leid …“

Die Svedenborg – Skulptur beugte sich ruckartig vor. „Sie hat dich geliebt, nicht wahr? Und du hast sie auch geliebt.“

Jans Kopf schwirrte. Celleste … Der Gefangene wirkte aufgewühlt, er drehte den Kopf hin und her, als suche er einen Ausweg.

„Ich weiß nicht, warum sie es getan hat. Ich wünschte, ich wüsste es … bitte?“

„Bitte, was?“

„Ich weiß nicht …“

Mit einem Mal stand der Svedenborg-Mann da, übergroß. Sein Schatten fiel bleischwer auf Jan und sein anderes Ich. Jan taumelte.

Svedenborgs Stimme donnerte: „Hör mir zu!“ Er beugte sich herab und flüsterte dem anderen etwas ins Ohr. Der sprang auf, warf die Hände vor das verschwommene Gesicht und stolperte zurück, so dass die Kabel von Fingern und Stirn abrissen.

„Nein! Nein! Das ist nicht wahr! Celleste – Ich glaube dir nicht! Nein!“

Das Svedenborg-Ding stand unbeweglich da. Hinter ihm waberten Schatten wie wild gewordene Schlangen. Sein Gesicht war ein strudelndes Chaos. Er griff nach dem Druckknopf und die Welt zersprang. Jan stürzte in die Tiefe.

Weißes Glas. Er lag auf dem Boden und etwas floss heiß in seinen Mund. Hinter seinen Augen pochte ein glühender Klumpen. Er stützte sich auf die Arme und würgte, dann spuckte er Blut aus. Rote Schnecken krochen über das Glas.

„Wer bist du? Woran erinnerst du dich?“

Jan hob den Kopf. Ein paar Meter entfernt stand ein kleiner Tisch. Zwei Männer saßen daran.

 

47 – Splice –

Das Zirpen des Timers riss Splice aus seinen Gedanken. Er schaltete die UV-Quelle ab und griff nach dem nächsten Patchkabel. Die Bilder verfolgten ihn noch immer. Die Perspektive von [HIDARIME], seiner Hauptdrohne, war ihm zu tröstender Normalität geworden. Sie gab ihm das Gefühl, nicht wirklich in dem blassen, kränklichen Körper eingesperrt zu sein, der da am Boden kauerte. Es hatte ihm den Magen umgedreht, zu sehen, wie dieser abstoßende Fleischsack ihn hinterrücks betrog, eine Leitung nach der anderen aus seinem eigenen Hinterkopf zerrte, bis die Abreißsicherung nachgab, krampfhaft und ruckartig, wie getrieben von … von was? Was war das gewesen? Oder wer?

Dabei wusste er, wer es gewesen war. Die Protokolle zeigten rein gar nichts. Kein Stream kam in sein Netz, ohne dass er es bemerkte. Es gab keine Erklärung für den Übergriff, keine Spur eines Eindringens bis in sein persönliches Subsystem, der Kontrollübername seines Motorkortex. So etwas sollte vollkommen unmöglich sein. Aber genau das war der Hinweis. Das SIE es waren. Das Cholegtiv3. SIE hatten ihn aufgehalten. Hatten verhindert, dass er sich die Akte des Mädchens ansah.

Adrenalin pulste durch Splices Adern. Dass er sich hier knechten ließ, dass er in diesem Drecksloch für einen schmierigen Möchtegern arbeitete, das hatte vor allem anderen den einen Zweck, ihm Mittel und Wege zu verschaffen, um dem Cholegtiv3 auf die Schliche zu kommen. Mit IHNEN in Kontakt zu treten war, was ihn überhaupt am Laufen hielt. Er spürte einen alten Stich – Sie hatten ihm eine einzige Chance geboten und die hatte er vorbeiziehen lassen. Seitdem jagte er ihnen nach wie einem Geist, der nichts als Hohn für ihn übrig hatte … Und nun waren sie da. Direkt vor seinen Augen. Und sie entzogen sich ihm noch immer. Ja, sie arbeiteten gegen ihn. Was war es, das er nicht sehen sollte? Was war die Rolle der kleinen Sumpf-Schlampe? Was wusste Muhamadin?

Während er weiterarbeitete, rollte der Text aus einer alten Bloomcrest-Akte über ein Seitendisplay, ein Text über die unehrenhafte Entlassung eines Arztes, der aussichtsreiche Kandidaten für den IT-Arbeitsmarkt durch traumatisierendes Verhalten unbrauchbar gemacht hatte. Einer von Splices Crawlern hatte das ausgegraben, weil es in Zusammenhang mit seinen jüngsten Suchvorgängen stehen könnte. Aber worin diese Verbindung bestand, das würde nur ein weiterer Tauchgang zutage fördern können. Er würde die Akte ein zweites Mal öffnen müssen und er war sich absolut nicht sicher, ob der Klebstoff ausreichte, um seinen Körper an einer erneuten Sabotage zu hindern. Vielleicht musste er seine eigenen Arme fesseln.

Splice verriegelte die letzte Verbindung und tropfte den Klebstoff hinein. Er schaltete die UV-Quelle an, wandte ihr den Hinterkopf zum Aushärten zu und warf einen Blick auf Tobys Com-Kanal. Vier Pings in der letzten halben Stunde. Toby hatte ihm Ruhe versprochen und bisher hatte er sich schlicht geweigert, die Störung zu beachten, aber vielleicht … Er hielt inne. Toby – Er hatte die Kleine in ein Safehouse gebracht, wie eine Trumpfkarte in seinem Ärmel. Dabei konnte er nicht einmal ahnen, welche Bedeutung sie wirklich hatte. Toby hatte noch immer zu viele Geheimnisse, aber dieses mittelalterliche Intercom, das über uralte Zombie-Satelliten lief – dadurch schützte er sie insbesondere vor Divern. War das nur sein Geschäftsethos, oder steckte auch hier das Cholegtiv3 dahinter? War das Zufall? Oder eine Syzygie? Splice recherchierte schon eine ganze Weile, wie man die Vorkriegstechnologie umpolen könnte. Es gab ein paar Taktiken, die sich nur äußerst schwer umsetzen ließen. Zwar würde ein Audioanruf reichen, aber wie sollte er Kontakt zu dem Gerät aufbauen?

Tobys ganze Art ging ihm auf den Sack. Die Zeit rückte näher, in der sich ihre Wege trennen mussten. Er ging die Pings der letzten halben Stunde durch. Offenbar hatten sich einige personae-non-grata mit einem Hack der Türliste Zugang zum Toby’s erschlichen. Splice checkte das System. Es besaß ein automatisches Programm, dass derartige Zugriffe verhindern sollte, aber das war durch seinen Blackout außer Kraft gesetzt gewesen. Er startete es wieder und stellte so die Sicherheit wieder her.

„Ich kümmere mich darum, Toby, mach dir nicht ins Hemd.“ Er schickte die Meldung, ohne auf das wütende Keuchen zu achten, das als Antwort kam. Der selbstverliebte Fleischsack nahm sich viel zu wichtig. Er stellte den Kanal stumm und ließ sich gleich darauf in die Tiefen von Tobys Haussystem sinken. Die Codes waren nicht perfekt, aber auch nicht schlecht – Splice hatte fast zwei Wochen für den Zugriff auf alle Schichten gebraucht. Er ließ seine Crawler ausschwärmen, durchkämmte jeden Winkel, aber er fand keine Spuren. Keine Liste, die ihm nicht bekannt war, kein Register, dessen Funktion er nicht verstand. Splice fluchte. Aber das Spiel fing gerade erst an. Sie wollten nicht, dass er der Kleinen zu nahekam? Er würde ihnen beweisen, dass er sie trotzdem finden konnte. Es war nicht allzu lange her, dass der Hehler seinen Safehouse-Kontakt angerufen haben musste, um die neuen Gäste anzumelden.

Splice ergriff die Verbindung zu Tobys persönlichem System, dem Mikrocomputer, den dieser unprofessioneller Weise in seiner Brille mit sich umhertrug. Er schlüpfte am Nachrichtenparser vorbei direkt ins Dateisystem. Keine komplizierte Sache, im Prinzip waren die Dinger alle gleich. Splice rutschte den Nachrichtenverlauf hinab. Timecodes zeichneten sich undeutlich ab, er griff aufs Geratewohl zu und stoppte. Ein Anruf. Die Nachricht war verschlüsselt, natürlich. Aber die interessierte ihn gar nicht. Nur die Verbindungsdaten … Er lehnte sich zurück, und fühlte den Code. Ein wenig hin- und herwenden, dann hatte er den Schlüssel.

Er setzte einen Phasencrawler darauf an und der suchte summend die dazugehörigen Kanäle ab. Eine private Leitung über dreizehn Interkontinentalrelais, die wieder ganz in der Nähe endete, relativ gesehen. Trotzdem war die Adresse zu weit weg, um zu einem Safehouse gehören zu können, dass sich schnell genug erreichen ließ. Splice ging einen Anruf weiter und fühlte. Er konnte sich einen wohligen Schauer nicht verkneifen. Dies war ganz sein Element. Toby gegenüber hatte er die Wirksamkeit der Sicherheitssysteme bestätigt, aber wenn der kleine Hehler ernsthaft glaubte, Splice würde ein System verwalten, dass er nicht vollständig unter Kontrolle bringen konnte, war er selbst schuld. Diese Verbindung war sehr viel besser codiert. Es dauerte fast eine Minute, den ersten Schlüssel zu erspüren. Auch der Phasencrawler arbeitete länger als sonst. Statt einer einfachen Leitung zeichnete er ein ganzes Netzwerk aus Abertausenden von Kanälen. In jeder Mikrosekunde kamen weitere hinzu, die Verbindung wechselte ununterbrochen den Kurs, schlug Haken und verzweigte sich. Und bei jedem Richtungswechsel wurde ein neuer Schlüssel gültig. Splice grinste. Ein wirklich guter Algorithmus. Teuer, wahrscheinlich. Das musste es sein.

Ein anderer Diver hätte hier vielleicht aufgegeben. Aber Splice entspannte sich, spürte dem letzten schwachen Glühen des Sali in seinen Adern nach, und ergriff im Geiste das ganze verdammte Knäuel auf einmal. Er war nicht irgendein Diver. Ganz langsam wandte er das zuckende Gespinst hin und her, betastete es, fühlte, schmeckte … bis er einen Knoten fand, der sich von allen anderen abhob. Ganz wenig nur, aber spürbar. Er suchte die Kennung dieses Knotens heraus und ein Subsystem identifizierte ihn als tertiären Versorgungspunkt für den Pan-Tao Tower. Ein Bereich im oberen Drittel. Splice setzte einen Crawler auf die dort gemeldeten Unternehmen an. Ganz oben gab es eine Reihe Büros der Y-Axis Bank, darunter die Verwaltung der Amun Habib Carta, drei Etagen überteuerter Luxus-Appartements und dann – das Paradise Inn Hotel. Bingo.

Als er aus seinem Tauchgang erwachte, waren von Toby bereits zwölf weitere Pings eingegangen. Draußen war irgendetwas los.

 

48 – Toby –

Der DJ ließ die Tanzfläche unter einem elektronischen Wummern erzittern, das Toby in den Zähnen schmerzte. Den Leuten schien es zu gefallen, aber ihm war nicht nach Feiern zumute.

Er griff mit geübter Hand an eine bestimmte Stelle hinter dem Tresen und zog eine Kapsel hervor, auf der ein kleines, silbernes Label klebte. Pica-Fume.

Er sah den schlicht, aber elegant gekleideten Mann an, den er mit seinem vermeintlichen Diebstahl alarmiert hatte, und hob die Augenbrauen. Der andere entspannte sich, als er ihn erkannte.

„Tut mir leid, Chef, LiqPro haben heute nicht geliefert. Morgen kriegen wir wieder Arturo Guang rein.“

Simon war gut in seinem Job. Er war nicht nur der Koordinator der Sicherheit, sondern auch der Nachtclub-Manager des Toby’s, solange es ruhig war. In den fünf Jahren seiner Karriere hatte er außerdem nichts von seinem Talent als Barkeeper verloren. Ein Multitalent. Toby war froh, dass er ihn hatte, aber er konnte seine Enttäuschung anscheinend dennoch nicht verbergen, denn Simon hob entschuldigend die Hand.

„Ich kann gerne hinten nachsehen, aber ich bin mir ziemlich sicher.“

Toby schnaufte resigniert. „Mach mir wenigstens einen Jasmine Petal. Nur ein Finger MouTai.“

Der Keeper ging an die Arbeit und Toby ließ den Blick auf das Separee fallen, in das Garret mit seinen Partnern verschwunden war. Wahrscheinlich grinste der Kerl immer noch über das ganze Gesicht. Ob er selbst die Liste manipuliert hatte? Oder war er im Kielwasser von jemand anderem reingekommen?

Er rief nacheinander alle Micro-Cams auf, die den Innenraum des Toby’s überwachten. Es gab nicht viele, offiziell gar keine – er machte schließlich Werbung damit, dass er jedermanns Privatsphäre schützte. Außer Garret war niemand auszumachen, der nicht hierhergehörte. Aber durch das allgemeine Getümmel konnte er nicht genug sehen, um sicher zu sein. Ohne Splices Analyse war es zunächst ziemlich sinnlos, Hypothesen aufzustellen. Wenn der sich nicht in der nächsten Minute meldete, würde Toby ihn sich persönlich vorknöpfen. Simon schob ihm ein Glas rüber und Toby nahm einen Schluck. Wenigstens Absynth MouTai war noch vorhanden. Der Vorrat war auch nicht unbedingt in Gefahr, bei immerhin 400 YIT pro Flasche. Das blaue Licht blinkte auf. Splice. Toby drehte sich zur Bar.

„Was war da los? Was fällt dir ein, ohne Vorwarnung dicht zu machen!?“ Der Petal brannte in seiner Kehle. Splice klang abwesend.

„Ich kümmere mich darum, Toby, mach dir nicht ins Hemd.“

„Erzähl! Das ist hier keine Kundenhotline! Was war mit meinem System los?“

„Toby! Das musst du dir ansehen!“ Louis Stimme quäkte quer durch das Gespräch. Ein Videostream begleitete den Anruf. Auf der Straße vor dem Club hatte sich ein Team schwarz gepanzerter Kampfeinheiten breit gemacht. Drei Fahrzeuge. Sie bauten eine Straßensperre auf und räumten den ganzen Platz vor dem Toby’s.

„Splice, siehst du das auch? Hallo? Was zur Hölle ist da los?“ Er winkte Simon heran. „Mach deine Leute bereit! Keine Ahnung, wie ernst das ist, aber du weißt schon.“

Der Barkeeper wies auf sein Auge, um zu zeigen, dass er den Stream von Louis auch gesehen hatte. „Klar, Chef. Bin dran.“

Toby schnappte sich sein Glas und die Pica-Fume Kapsel und hastete die Treppe hoch. Splice blieb stumm, dafür redete Louis zu schnell und zu undeutlich, um etwas zu verstehen. Wieso hatte er diesen Hohlkopf überhaupt eingestellt? Toby öffnete einen bestimmten Kanal aus seiner externen Kontaktliste. Warteschleifenmusik. Na toll.

Er verschloss die Tür der Empore und verdunkelte das Glas. Dann zog er das Videobild über sein komplettes Sichtfeld auf. „Wer sind die Typen, Louis?“ Zwischen den Kampfeinheiten stand ein hagerer Mann in langem Mantel, der den Laden abschätzig taxierte. Er hatte ein Megafon in der Hand. Neben ihm ging eine Monitor-Drohne in Stellung. Als der Mann das Megafon hob, schaltete Toby das Außenmikrofon zu.

„Hausbesetzer in illegalem Anbau Nummer 1872/9g! Sie verbergen gestohlenes Eigentum. Sie haben vier Minuten, um die Herausgabe zu organisieren und durchzuführen, danach werden wir unverzüglich stürmen.“ Auf der Drohne flammte ein Adresscode auf. Der Mann senkte das Megafon. Es sah nicht so aus, als erwarte er tatsächlich eine Reaktion. Stattdessen drehte er sich zu einer anderen Person um, die ihm eine schwarze Platte hinhielt und quittierte darauf scheinbar etwas mit seinem Daumenabdruck. Weiter hinten gingen bereits weitere Einheiten in Stellung, und aus der Heckklappe eines der Einsatzfahrzeuge kletterte eine Art schwarzer Container auf Roboterbeinen. Eine technologische Manifestation der Ungeduld.

„Die sind kein Problem für uns, Toby, die Versiegelung hält bombensicher …“ Toby würgte Louis ab.

„Splice! Wer sind die? Ich brauche Informationen, jetzt!“ Der Diver ließ einen lakonischen Spruch hören, aber es schien, als mache er sich endlich an die Arbeit. Auf dem anderen Kanal dudelte die Warteschleife weiter und tat ihren Beitrag zur Unwirklichkeit der Szenerie. Toby rief den Adresscode auf, den die Monitordrohne anzeigte. Sobald die Verbindung sich aufbaute, sprang der Auto-Scrambler an, um die neugierigen Softwarefühler draußen zu halten, die das Signal begleiteten. Er räusperte sich.

„Guten Abend, die Herren. Ich denke, wir können das auch ganz konfliktfrei lösen. Sagen Sie mir erstmal, was genau Sie vermissen, und ich werde nachsehen, ob es sich hier befindet.“

Der Mann draußen drehte sich nicht mal um, als er antwortete. „Wer auch immer Sie sind, ich habe Ihnen vier Minuten eingeräumt. Verschwenden Sie die Zeit nicht mit dummen Spielchen. Sie wissen, wovon ich spreche.“ Er gab seinen Männern unhörbare Anweisungen und tippte sich an die Schläfe. Ein Ruck ging durch den schwarzen Container, und die Beine nahmen eine marginal andere Haltung ein, durch die er auf seltsame Art und Weise sehr viel bedrohlicher wirkte. Auf dem anderen Kanal begann die fürchterliche Warteschleife von vorne.

Dann öffnete sich ein Fenster. Nung Phat. Ein Koreaner in den mittleren Jahren. Sein uniformierter Quarreen mit dem wandfüllenden silbernen Stern im Hintergrund zeigte die übliche Mischung aus Misstrauen und Neugier.

„Ja?“

Toby bemühte sich um ein ruhiges Auftreten. „Phat, mein Freund. Ich wollte dich nur informieren, dass SecTex ein Aufmerksamkeitsproblem hat.“

„Was meinen Sie?“ Er klang neutral. Von Berufswegen emotionsgefiltert. Vielleicht lag er in der Realität noch im Bett.

„Offenbar scheint nicht jeder zu wissen, wessen Zuständigkeitsbereich der Plutos Corner ist.“

Er übermittelte das Video von der Straße und registrierte, wie sich Nung Phats Augenbrauen hoben. Jetzt kam Leben in ihn.

„Irgendeine Ahnung, was die wollen?“

„Mich interessiert mehr, wer das ist. Und dich sollte das auch interessieren.“

Nung machte ein paar eigenartige Geräusche, Äußerungen, die sein Avatar nicht korrekt interpretieren konnte.

„Ich bin gerade nicht im Dienst, aber ich werde eine Untersuchung veranlassen.“

„Ich hoffe, du meinst …“

„Natürlich. SecTex Anti-Riot-Einheiten drei und fünf sind in der Nähe. Können in wenigen Minuten da sein.“

Immerhin. Damit wären sie in einer weitaus besseren Position.

„Beeilt euch, die Jungs sind nicht sehr geduldig.“

Nung breitete die Hände aus. „Dann solltest du mit ihnen verhandeln! Kannst du kein Angebot machen, bis wir da sind?“

„Hrmpf.“ Toby wechselte den Kanal.

„Hören Sie, ich bin sicher, wir können eine vernünftige Vereinbarung treffen.“

Ein weiteres Fenster erschien. Splice hatte das Gesicht des Mannes gefunden. Leiter der Sicherheitsabteilung bei CCC Semiconductors. Das sagte Toby gar nichts. Musste eine Scheinfirma sein.

„Es gibt hier einige Gegenstände, deren Herkunft mir nicht hundertprozentig bekannt ist. Vielleicht möchten Sie hereinkommen, und wir erörtern die Angelegenheit unter vier Augen? Ich kann Ihnen bestimmt ein Angebot machen, bei dem wir alle gewinnen, Herr … Scherbakow.“

Der Kerl sah auf, als Toby seinen Namen nannte. Sein Blick war direkt in die Kamera gerichtet, aber er verzog keine Miene.

„Vielen Dank, aber ich glaube, meine Kollegen hier würden mich doch gerne begleiten. Ich denke, Sie wissen sehr wohl, worum es geht. Und wenn Sie das tatsächlich nicht tun, werden wir es gerne selbst suchen. Wenn Sie sich entscheiden, uns hineinzulassen, können wir die Schäden an Einrichtung und Personal gering halten. Noch zwei Minuten.“

Toby schürzte die Lippen und schaltete auf Stumm.

„Phat? Das wird nichts, der Kerl ist glatt wie ne Schnecke. Deine Teams sollten sich lieber beeilen.“

Natürlich waren sie hinter dem Holokern her. Alles andere wäre zu schön, um wahr zu sein. Aber das Teil war zerstört und er hatte noch viel zu wenig herausgefunden, um eine vernünftige Verhandlungsgrundlage zu haben. Die Zeit lief, und er rang um einen klaren Gedanken.

„Ist das, worum es geht, dir den Einsatz auch wert?“ Die Stimme des SecTex Supervisors bekam eine süßliche Note. „Meine Unterstützung ist, so wie es aussieht, gerade im Preis gestiegen. Angebot und Nachfrage, du verstehst?“

„Das ist nicht dein Ernst. Wir haben einen Deal, Phat.“ Toby sah am Videofenster vorbei nach unten in den Club. Während bei den alten Hasen die Geschäfte wie üblich weiterliefen, schauten die jüngeren nervös zur Empore hinauf. Vor den Displays, auf denen standardmäßig die Straßenaussicht zu sehen war, wurden nervöse Blicke gewechselt, hier und da blitzten private Holodisplays auf. Perfekt. Wahrscheinlich waren sie schon in irgendwelchen Newsstreams zu sehen. Nicht lange, bis die ersten Boons auf die Idee kamen, hier oben bei ihm anzuklopfen.

„Noch eine Minute, falls sie nicht aufgepasst haben.“ Scherbakow hatte eine Vorfreude in der Stimme, die Toby gar nicht gefiel. Er wandte sich an Nung.

„Ok, wir können drüber sprechen. Und jetzt beeilt euch gefälligst!“

 

49 – J. Jansen –

Kalt … Es war so kalt! Seine Hände verkrampften sich, so als steckten sie in Eiswasser. Er stützte sich auf und rutschte ein weiteres Mal aus. Schmerz stach durch die Taubheit seines Gesichts. Jan wollte nicht mehr kämpfen. Er wollte ganz und gar taub werden, aber er konnte nicht.

Celleste – was hatte der Mann über Celleste gesagt?! Die Fragen hatten aufgehört. Nebel umwaberte ihn, und durch die Schwaden sah er den kleinen Tisch, diese Szene wie aus einem Verhörraum. Er flackerte, sprang hin und her und verschwand, dann erschien er wieder, rauschend wie ein degenerierendes Hologramm. Eine Stimme wehte herüber.

„… ist es meine traurige Pflicht, Sie über das Dahinscheiden meines geschätzten Freundes und Kollegen Jan Jansen zu informieren. Professor Jansen war für uns alle bis zuletzt eine Inspirationsquelle von unschätzbarem Wert …“

Ein übelkeiteregendes Knacken ging durch das Eis unter ihm. Das Geräusch war mehr zu fühlen als zu hören. Es hallte wie aus unauslotbarer Tiefe. Jan starrte auf das Weiß des Eises unter ihm, die dünne Schicht Schmelzwasser, die es bedeckte. Dann flackerte es, und direkt vor ihm tauchte die Vision wieder auf. Ein Tisch und zwei Männer, unbewegt und unbeeindruckt von der unwirtlichen Umgebung. Jan schleppte sich darauf zu.

„… hat sein Leben lang gekämpft. Trotzig hat er jede Prognose über die ihm verbleibende Zeit übertroffen und immer neue revolutionäre Durchbrüche in der Ortotronik, Neuroinformatik, Psychologie und nicht zuletzt der Philosophie errungen …“

Wieder knackte es bedrohlich, aber es war nicht mehr weit. Jan schob sich voran. Je näher er kam, desto klarer wurde das Eis. Bald konnte er hindurchsehen. In der Tiefe schimmerte etwas.

„… wäre er letzten Endes den Folgen des Guiyang-Syndroms erlegen. In philanthropischer Voraussicht ließ er eine vollständige Extraktion vornehmen. Wenn wir auch von seiner Person für immer Abschied nehmen mussten, sein Wissen – ja, seine Weisheit wird uns erhalten bleiben. Dies sei uns ein Trost …“

Jans Arme wischten durch das Schmelzwasser. Die Sicht verschwamm immer wieder, aber da unten war etwas Riesiges, Strukturiertes … Es erstreckte sich bis in weite Ferne, türmte sich auf bis knapp unter das Eis, wie eine Landschaft. Aber es war keine. Es bewegte sich. Ein schwarzer Berg aus sich windenden Schatten. Jan blickte auf und erkannte, dass direkt vor ihm die Spitze dieses Berges war. Das Svedenborg-Ding. Es war mit dem Schatten verbunden. Eine Erweiterung, eine Projektion.

Und das Ding sprach die ganze Zeit. Es klang geschäftsmäßig, als diktiere er etwas. Den Text einer Rede?

„… mehr als alles andere war er ein Freund. Der zweite große Verlust in meinem Leben, nachdem Celleste … Was ist? Ich bin beschäftigt … Ah …“ Er machte eine Pause, lauschte auf etwas. Als er weitersprach, klang er alarmiert. „Aktivieren Sie Aktionsplan 4.2! Ich übernehme die Verantwortung. Informieren Sie Scherbakow, dass er sich bereithalten soll!  … Wollen Sie mir etwa widersprechen? Gut. Das ist die beste Gelegenheit für einen Test der Prototypen …“

Die Stimme verstummte und die Gestalt verschwand, als habe es sie nie gegeben. Jans Herz machte einen Satz.

„Komm zurück!“

Was hatte er gesagt? Was war das mit Celleste!?

„S-Svedenborg!“

Seine Stimme brach. Verzweifelt hob er die Faust und ließ sie mit aller Kraft auf das Eis niedersausen. Wasser klatsche in sein Gesicht und ein tiefes Knacken wie von Knochen durchdrang seinen Arm, aber er stemmte sich hoch und schlug gleich noch einmal zu. Das Wasser gurgelte und spritzte um ihn her, sein Herz donnerte, Hitze stieg in ihm auf.

„Komm wieder her!!“

Ein dritter Schlag und diesmal dröhnte es in der ganzen Eisfläche. Risse zeichneten sich ab, sprangen weiter und weiter, verbreiterten sich, bis schwarze Flüssigkeit hervorsprudelte und alles überspülte.

Unter Jan bebte es. Er zuckte zusammen, starrte in das Schwarz. Etwas Großes bewegte sich, kam näher und stieß von unten gegen die Eisfläche. Es schlängelte umher, tastete, zuckte und dann stemmte es sich mit so unmenschlicher Kraft dagegen, dass der Boden unter Jan knirschend in Bewegung kam. Er zog sich auf die Knie um sich aufzurichten, aber der Untergrund schwankte und er rutschte weg. Er stürzte und dann peitschte etwas heran, wand sich um seinen Arm und um seine Beine, zog ihn, zerrte ihn über das Eis. Jan wurde hin- und her geschleudert, erhaschte einen Blick auf die blutrote Spur, die er hinterließ, auf die in zackige Schollen zerberstende Fläche. Und dann rutschte er über eine Kante und überall war Wasser. Es drang ihm salzig in Mund und Nase – Wasser? Nein, das war amniotische Flüssigkeit! Er wurde tiefer gezogen, von schwarzen Schlangen, die sich immer fester um ihn wanden. Tiefer, auf den Schatten zu …

 

50 – Splice –