14,99 €
Isabels Leben ändert sich schlagartig: Sie hat Krebs, Darmkrebs. Ihr erster Gedanke: Wie wird das jetzt die Menschen in meinem Umfeld treffen? Schnell wird ihr klar, dass das die falsche Fragestellung ist. Ihr Leben lang hat sie andere vor ihre eigenen Bedürfnisse gestellt und war immer für sie da. Sie selbst hat oft zurückgesteckt und hinuntergeschluckt. Nun macht sich Isabel auf eine Erkundungsreise ihres Selbst und lernt, mithilfe ihrer inneren Familie (Mutter, Kind und Teenager) mehr Raum einzunehmen. "Das ist es, ich möchte ein Licht sein, aber mich nicht selber verlieren, wie ich das bisher tat."
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 318
Veröffentlichungsjahr: 2023
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2023 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-885-9
ISBN e-book: 978-3-99131-886-6
Lektorat: Theresia Riegler
Umschlagfotos: Cordula Flückiger-Wetzel; Arkadi BojarÅ¡inov | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Widmung
„Meinem Grosi“ MarthaDössegger
Vorwort
Es ist der 11. Mai 2022, mein 55. Geburtstag. Schnapszahl reiht sich an Schnapszahl. Heute steht eine schwierige Entscheidung an, mit der ich bereits seit Tagen kämpfe und hadere. Mein Kopf will einen anderen Weg einschlagen als mein Herz. Das Dilemma ist omnipräsent. Heute muss die Entscheidung, vermutlich eine der schwersten in meinem Leben, her, diese Deadline habe ich mir gesetzt. Deadline … darf ich das Wort überhaupt in den Mund nehmen? Ja, definitiv ja, aber lass mich ein gutes halbes Jahr zurückblättern …
Einleitung
„Ich habe leider keine guten Nachrichten für Sie … wir haben einen Tumor gefunden. Sie haben Darmkrebs!“
Es war ja ein Tag, wie jeder andere. Mir ging es weder schlechter noch besser als seit vielen Jahren, in denen ich mit Darmkrämpfen, x Darmspiegelungen und einer Blutarmut gelebt habe.
Die Vorbereitung auf die Darmspiegelung, dieses fürchterliche Salz in mich zu zwingen, war schrecklich. Aber ich war froh, es bald hinter mir zu haben, zuhause wartete Leo, unsere Bulldogge, und ein feiner Porridge auf mich!
Ich wurde von meiner Ärztin auf den Routineeingriff vorbereitet und in einen sanften Tiefschlaf katapultiert, aus dem ich eine halbe Stunde später aufwachen würde … Das geschah auch genau so, jedoch war das nachfolgende Gespräch so ganz anders als erwartet. Ich wurde ins Büro der Ärztin geführt und sie erklärte mir unverschnörkelt, dass ich Darmkrebs hätte. Als ich diese Diagnose hörte, fühlte ich gar nichts, ausser, dass ich meinen Eltern keinen Kummer machen möchte. Der Zeitpunkt war gerade denkbar ungünstig. Mein Vater lag im Spital und kämpfte um sein Leben. Wir, meine Eltern, mein Bruder mit Familie und ich mit Familie sind alle aufeinander angewiesen, unterstützen und ergänzen uns. Ich kann da nicht aus der Reihe tanzen … Mir kamen die Tränen, als ich der Ärztin erklärte, dass meine Eltern diese Nachricht mehr schocken würde als mich. Völlig desorientiert wartete ich vor der Praxis auf das Auto des Roten Kreuzes, das mich heimbringen sollte und besprach währenddessen den Anrufbeantworter meines liebsten Hampi, mit dem ich seit 2009 verheiratet bin. Der Wagen kam um die Ecke und obwohl der Mann bestimmt nur nett sein wollte, konnte ich sein Geplapper nicht ertragen. Ich erklärte ihm, dass ich nicht sprechen möchte, weil ich gerade die Krebsdiagnose erhalten hätte.
„Ou, das ist aber blöd“ war sein Kommentar und er plapperte weiter über Belanglosigkeiten und Corona. Das fand ich sehr rücksichtslos, aber ich sagte natürlich nichts, sondern verkrampfte mich innerlich einfach, so wie immer, wenn ich reagieren müsste und um des Friedens willen den Mund halte! Zuhause telefonierte ich mit Medgate, dem Telefondienst meiner Krankenkasse, weil ich nicht wusste, wo ich mich zuerst hinwenden sollte. Mein Hausarzt war besetzt. Ich konnte mit einem sehr einfühlsamen Arzt sprechen, der mir erklärte, wie das weitere Vorgehen aussehen würde oder könnte. Erst nach einer guten halben Stunde konnte ich mit meinem Mami sprechen und es war ein Schock. Mein Herz brach in dem Moment, als ihre Stimme brach. Der Schmerz, die Verzweiflung, die durch das Telefon zu mir drangen, tat mir 100-mal mehr weh als die Diagnose selber. Meine Liebsten leiden zu sehen, das kann ich nicht. Nach dem Telefonat schrieb ich meinem Bruder, dass er zu unserem Mami gehen möge. Er ist ein grosser, starker Mann und seine Umarmung tröstet wirklich. Dennoch kann sie die Angst nicht wegwischen. Danach legte ich mich hin, bereit, auszuruhen und mich zu sammeln, jedoch hat Hampi in dieser Zwischenzeit meine Nachricht erhalten und sich sofort auf den Heimweg aufgemacht. Der Schreck, der Schock, die Hilflosigkeit sitzen tief. Dennoch scheint die Welt keinen Deut anders zu sein als noch am Morgen, als keine Diagnose, kein medizinischer Ausdruck (Colonkarzinom) genau diese Welt der lieben Gewohnheit aus den Angeln gehoben hatte.
Als Hampi zuhause war, besprachen wir die surreale Situation, die plötzliche Veränderung bei einem Glas Wein, obwohl ich daran dachte, dass der Krebs gewisse Lebensmittel absolut nicht mag und ich künftig eigentlich nur noch diese essen sollte … Danach legte sich Hampi hin, schlief eine Weile und ich machte einen Spaziergang mit Leo, tankte frische Luft und fühlte mich frei, so frei!
Dieses Gefühl von Freiheit mag irritieren, aber ich spüre, was es in mir auslöst. Ich „muss“ gerade gar nichts anderes als für mich da sein, für mich Entscheidungen treffen … Ich lasse mich nicht auf Horrorvisionen ein, lasse die Gedanken weiterziehen, die aufkommen und mir von Geschichten von anderen Krebskranken,die ich gekannt habe, erlebt habe, die vom Krebs aufgefressen wurden, erzählen … Ich will keine Gedanken hegen, die mich kränker machen, als ich es bin. Meine beste Erkenntnis auf diesem Spaziergang war, dass ich nichts muss, ich muss nicht einmal gesund werden. Ich kann, ich darf, aber ich muss nicht, denn das verursacht nur Stress … Es kommt mir vor, als wäre dieser 19. November der Tag 0. Jetzt fängt ein neues Leben an, jetzt wird alles anders!
Tag 1
Mitten in der Nacht erwachte ich und es dauerte ein paar Sekunden bis ich dachte: „Ui, ich habe ja jetzt Krebs.“ Ich spüre noch nichts anderes als vor Tag 0 … Ich konnte nicht mehr einschlafen und überlegte mir, dass ich schon über Jahre immer sagte: Wenn mich mal eine schwere Krankheit treffen sollte, dann will ich mit Rüdiger Dahlke zusammenarbeiten. Ich lud also nachts um 3 Uhr sein Hörbuch über Krebs herunter und bin dem Internet enorm dankbar, dass dies möglich ist! Ich lauschte der Stimme von Rüdiger Dahlke und als er die Fragen in den Raum stellte, ob ich denn je über mich hinausgewachsen sei und dass dies mein Krebs nun für mich mache, da wurde ich schon sehr nachdenklich. Es war immer mein Credo, für alle da sein zu wollen. Ich sagte stets:Wenn du jemanden brauchst, ist nie jemand da. Der Arzt hat Ruhetag, es ist Sonntag oder Nacht. Ich möchte immer für meine Klienten da sein. Ich bin Tierheilpraktikerin und seit 1998 mit meiner rollenden Praxis unterwegs. Das war mir so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich zwar merkte, wie mich das Thema auffrass und dennoch wollte ich stur daran festhalten, es war ja meine Überzeugung. Hätte ich diese mal geworkt. Ich habe 2017 die Ausbildung als Coach von The Work of Byron Katie abgeschlossen. Wie the Work angewendet wird, ist recht einfach, deshalb entspricht es mir sehr, aber es geht tief, es ist ein meditativer Prozess, 4 Fragen zu beantworten. Es ist gar nicht leicht, das so schnell zu erklären: Nimm eine vergangene oder gegenwärtige Situation, die dich aufregt, aufwühlt, betrifft. Schreib in Form einer Feststellung auf, was dich ärgert. Z.B.Dieser rücksichtslose Autofahrer hat mir die Vorfahrt genommen. Nun kommen die 4 Fragen: 1. ist das wahr? 2. Kann ich wirklich wissen, dass es wahr ist? 3. Wie reagiere ich, wenn ich diesen Gedanken denke? 4. Wer wäre ich, wie ginge es mir, wenn ich diesen Gedanken nicht hätte? Ja, das ist «the Work» und mehr darüber findet sich im Internet.
Ich war seit Langem ausgelaugt und es wurde mir einfach zu viel, immer präsent zu sein, nicht für mich und meine Bedürfnisse, sondern für diejenigen, die meine Präsenz nutzten, egal ob am Abend, Sonntag oder in den Ferien. Ich mache niemandem einen Vorwurf, denn das ist ganz allein meine Verantwortung! Ich habe mich selber immer kleiner gemacht, immer weniger Raum eingenommen und dafür meinen Klienten und meinen Liebsten allen Raum gelassen … Und nun zeigt mir mein Krebs, dass er sich ausdehnen kann, so, wie ich es mir nehmen sollte, er zeigt mir, wie man das macht, wie man sich Aufmerksamkeit verschafft! Er ist Egoist genug!
Es soll nicht abgedroschen tönen, denn ich meine, was ich schreibe, aus tiefem Herzen und es ist heute Tag 1. Ich weiss nicht, wie lange dieser Abenteuergeist in mir wirksam ist. Jetzt aber nehme ich ihn an, gern sogar! Er soll wirken! Er soll mich beflügeln. Heute denke ich:Auf mich wartet ein grosses Abenteuer. Endlich geht es mal um mich und das Leben nimmt eine Wendung. Alles, das so vor sich hindümpelte, alles Eingefahrene wird mit einem Mal völlig verändert …
Als wir am Nachmittag bei meinem Vater im Spital sassen, vergass ich für längere Momente völlig, dass etwas anders ist, dass es um mich gehen sollte. Mein Paps liegt da, hat Schmerzen, kann schlecht atmen und schaut wie ein gehetztes Tier. Es bricht einem das Herz, ihn so zu sehen! Ist das, was auf uns wartet? Ist das der Weg des Körpers, bis er loslassen kann? Es ist schrecklich und ich bin enorm dankbar, dass ich meine Mitgliedschaft bei EXIT habe!
Tag 2
Durchgeschlafen! Seit langer Zeit! Ich stand erst um 7 Uhr auf und es fühlt sich an wie Ferien. Ein Hochgefühl bemächtigte sich meiner und ich spazierte mit Leo zur COOP-Tankstelle, um Gipfeli zu holen. Heute ist ein Tag nur für uns, dachte ich … Aber Hektik kam auf, warum auch immer … Ich wollte einiges an Bürokratie erledigen, wollte ein Telefonat machen und kam nicht durch … Alltägliches, das einen Tag verzerren kann … Danach fühlte ich mich sehr müde, hatte Kopfweh und Schmerzen im Bauch. Ich frage mich, ob das von der Untersuchung kommt. Es schmerzt mich alles, ich bin gebläht und ich denke, es ist gut, wenn das „Rösslispiel“ beginnt … Mein Papi ist in einer schlimmen Verfassung. Heute wird der Darm entleert, weil der Arme so starke Schmerzen und einen ganz aufgeblasenen Bauch hat. Eventuell wird sogar operiert. Es ist schrecklich, dem zuzusehen. Und wo blieb ich heute? Irgendwie auf der Strecke. Ich bin k. o., als hätte ich einen Tag durchgearbeitet, dabei ist Sonntag!
Tag 3
Heute warte ich sehnlich auf meine Termine, auf einen Anruf, darauf, dass es für MICH losgehen darf. Ich möchte für mich sein, bei mir sein, heute mal nicht für andere rumrennen, aber es wird schwierig, weil ich eben nicht allein bin. Wir sind ja alle miteinander verbunden und dadurch auch in gewisse Aufgaben eingebunden. Mir graut es vor den vielen Nachrichten, die ich beantworten will und gar nicht muss … das Leid aus den Augen der anderen zu sehen. Ich muss jedoch nicht mit ihnen leiden, sie auch nicht retten, ich darf aber mit ihnen fühlen, weil jeder nun seinen eigenen Prozess durchmacht!
Als ich beim Zahnarzt im Wartezimmer sass, las ich die Nachricht von meiner lieben „Channelfrau“. Ich kenne sie schon lange und wenn ich Fragen an die geistige Welt habe, wende ich mich an sie. Nun war sie gerade selber erkrankt, leidete an Corona und sie schrieb, dass sie mir keine Nachricht aus der geistigen Welt übermitteln könne … Das traf mich so, als hätte mich der Himmel fallen lassen, als stünde ich allein da. Ich habe ihre Nachricht so verstanden, als gäbe es aus der geistigen Welt keine Antwort, als wollten sie nicht. Erstmals seit der Diagnose musste ich weinen, ausgerechnet beim Zahnarzt. Nun denn, es gibt Schlimmeres. Ich fühle mich plötzlich so müde und kraftlos. Ich hätte gerne etwas Mut zugesprochen bekommen, die Idee von „du schaffst das“, den Weg, meine ich. Ich habe mir überlegt, dass ich nichts, aber auch gar nichts zu verlieren habe, nicht einmal das Leben, denn dieses habe ich ja gelebt. Das ist so erleichternd! Alles ist gut, wenn man daran denkt, dass heute heute ist, dass der Augenblick zählt und nur der Moment …Nach dem Mittagessen kamen zwei Telefonate rein und es war cool, sie nicht abnehmen zu müssen. Das freute mich so. Dass es im Moment nur um mich geht, das zeigt sich gerade gar nicht. Ich würde mich gerne zurückziehen und einfach mal für mich sein, aber das scheint nicht möglich zu sein. Der Alltag ist tatsächlich das, was einen am Leben am meisten schlaucht! Am Nachmittag holte ich Mami ab und wir fuhren ins Spital. Wir wären ohne Notlüge nicht einmal auf den Parkplatz gekommen! Zu sehen, wie die alten Menschen an Rollatoren, an Krücken, in Rollstühlen in langen Schlangen vor dem Impfzelt auf den Booster warten, war so schlimm für mich … Wo sind wir da reingeraten – in was für einer Welt, was für einer Zeit leben wir? Will ich da überhaupt weitermachen?
Als ich am Krankenbett meines Papi stand, wurde mein Herz wieder weit und leicht aus Liebe, obwohl er so krank und schwach aussah. Er lag im Bett mit Sauerstoff und Infusionen, mit Katheter und es ist einfach schrecklich, ihn so zu sehen. Wirklich fürchterlich! Wir konnten jedoch ein paar Themen austauschen, die mich natürlich brennend interessieren. Ob er sich bewusst ist, dass er die Entscheidung in Händen hält, um loszulassen? Ja, wir glauben, dass er aufräumt, sich viele Gedanken macht zwischen den Ängsten und den Schmerzen. DAS sollte doch niemand mitmachen müssen, oder? Für mich ist die Frage betreffend EXIT so klar wie niemals zuvor. Auch das ist eine Entscheidung, MEINE und die ist richtig. Er schenkte mir ein Taschentuch, das von seinem Grossvater stamme … Ich weinte, es war ein so berührendes Geschenk. Es ist so viel Liebe da!
Tag 4
Ich geniesse gerade den Modus „wie Ferien“ extrem. Heute früh konnte ich für zwei Klienten arbeiten, eine dritte Anfrage war zu viel. Ich spürte, dass es mir zu viel wird, die Auseinandersetzung mit einem neuen „Fall“. Ich will jetzt mein Abenteuer erleben und konzentriere mich auf dieses Gefühl, das ich hatte, als wir in Peru waren, hoch über dem Titicacasee, und ich mich fühlte, als wäre ich nie kraftvoller gewesen. Das war wunderbar und ich spürte, dass ich Abenteuer erleben will, keine graue Suppe, in der ich dümple. Das ist mir so klar geworden! Ich meditiere viel mit den Ideen von Rüdiger Dahlke. Er ist mir diesbezüglich ein langjähriger Begleiter. Ich liebe seine Meditationen, sie machen mir klar, was da abgelaufen ist und weshalb sich hier eine Zelle entschieden hat, aus der Reihe zu tanzen und nun versucht, alles Terrain einzunehmen.
Ich habe mich immer kleiner gemacht, immer weniger Raum eingenommen … Mal schauen, wie es weitergeht. Ich bin gespannt, neugierig und so dankbar, innerlich so voller Freude, dass es mal um mich geht. Ich habe gar nichts zu verlieren, weshalb ich auch keine Angst habe. Ich bin einfach nur neugierig und happy, dass ich noch ein Abenteuer bestreiten darf. Ich spüre, wie eintönig und lasch mein Leben geworden ist … und ich fand es gut so … Plötzlich regen sich andere Kräfte. Das tägliche Einerlei, dieses Dahinwabern auf einer mittelmässigen Linie hat mir nie entsprochen und doch habe ich mich da hineingezwungen, um des lieben Friedens willen, aus Angst vor Ablehnung, vor Kritik, vor „Nichtgefallen“. Ich wollte Hampi gefallen, wollte wichtig und richtig für ihn sein, ich habe mir hier eine rechte Zwangsjacke angezogen, ohne mir dessen bewusst zu sein, ohne dass Hampi mich dazu gedrängt hätte. Nein, ICH bin meinem Muster gefolgt und habe mich dabei ins „Aus“ manövriert. Für meine Eltern würde ich einfach alles tun und so oft habe ich gedacht, wie schön es wäre, sich auf der Welt ausbreiten, ausdehnen zu können, auszuwandern und dass es nicht möglich sei, wegen meiner lieben Eltern und weil ich einfach nah bei ihnen sein will … Meine Eltern haben niemals erwähnt, dass sie nicht möchten, dass ich auswandere oder was auch immer. Das waren meine Ideen, meine Überzeugung, um zu gefallen. Meine Praxis, wo ich für alle da sein wollte, immer, rund um die Uhr und mich damit stresste, die Welt gesund machen zu wollen, sollen … Es tönt überheblich, wenn ich das so lese, denn was glaube ich eigentlich? Gott zu sein? Nein, ich habe einfach alle Verantwortung übernommen, ob sie gefragt wurde oder nicht.
In der Zwischenzeit war ich auf einem Spaziergang mit Gabrielle, meiner besten Freundin. Ich merke, dass ich gerade nicht so offen bin für die Probleme der Welt. Es ist DAS, was mich krank machte, und jetzt muss ich dem Einhalt gebieten, zumindest für den Moment, mir MEINEN Raum nehmen, um nicht Opfer zu sein. Während des Spaziergangs kam das Telefon, dass ich um 12 Uhr zum CT kommen müsse, nüchtern. Um einmal mehr nichts essen! Also, gehen wir das nun an und ich bin gespannt, was herauskommt. Ich habe Angst, das muss ich sagen, denn irgendwie würde es mich sehr überfordern, wenn doppelt und dreifach schlechte Nachrichten da wären. Ich fürchte in meinem angeborenen Pessimismus, dass es so sein wird. Es könnte aber auch sein, dass ich fliegen kann. What if I fall? But what if I fly? Ich will und werde fliegen, ein weiteres Mal. Ich bin schon einmal geflogen! Ich hatte in meinem Leben viele wichtige Entscheidungen zu treffen und ich habe sie immer für mich entschieden, vor allem früher. Wo ich plötzlich nachgelassen habe, mich untergeordnet habe, mich unterbuttern liess, ist effektiv in den Beziehungen, die mich als Erstes unter dem Deckmäntelchen des religiösen Glaubens in eine „richtige“ Richtung bringen wollten! Was ging da schief? Ich habe mich um der Liebe willen in eine Ecke zurückgezogen, die immer kleiner wurde. Um welcher Liebe willen? Um die Liebe, die nur existiert, wenn ich funktioniere? So, wie es mir das Leben in manchen Situationen offensichtlich und schmerzlich zeigte? Ja, vor lauter Angst, nicht mehr zu gefallen, habe ich mich völlig aufgegeben. Ich will das nicht mehr. Ich will auch mal NICHT gefallen, unbequem sein. Gerade hadere ich mit meiner Mutter, also nicht offiziell, sondern innerlich. Es ist so viel mit Papi und die Köpfe rauchen und es ist eine schwere Zeit. Jeder sagt, dass ich für mich schauen muss, aber ich scheine für alle weiterhin funktionieren zu sollen, einfach so! Es ist selbstverständlich, die Besuche im Spital, die Telefonate hier und da … Ich will mich da raus wickeln, mich entwickeln! Aber das geht Schritt für Schritt … und vor allem geht es nicht darum, darauf zu hoffen, dass andere mich schonen, sondern dass ich sage: Sorry, das ist mir jetzt zu viel.
Das CT war eine kurze Angelegenheit und ziemlich unspektakulär. Dennoch ist jetzt der Moment, der alles Weitere bestimmt. Ich war so niedergeschlagen und mutlos, so ausser mir und fand nicht zurück. Ich war wütend auf Hampi und beschuldigte mich selber … Ich wäre gerne zum Vielfrass geworden, aber Fressen ist jetzt definitiv nicht mehr das, was helfen, ablenken, beschönigen kann. Ich habe Angst davor, erneut zu versagen, dieses Ding nicht zu schaffen, dass ich mich unterkriegen lasse, sodass es heissen könnte, ich sei selber schuld. Hätte, hätte, Fahrradkette! Das bringt also gar nichts, diese Gedanken kann ich locker weiterziehen lassen. Ich muss irgendwas Gutes tun, denken, viel mehr meditieren … Ich mache nicht genug … Ich bin lasch. So wird das nie was … Auch diese Gedanken sind ständig da und sollten weiterziehen dürfen. Sie bringen gar nix. Da steck ich manchmal fest. Das Muster von der „Macherin“ ist stark!
Tag 5
An Schlaf war nicht zu denken in dieser Nacht und mein Darm schmerzt und zwickt wie mein ganzer restlicher Körper, sodass ich überall Metastasen wähne! Die Lungen kitzeln so blöd … Ich fürchte mich davor, eine Riesenhorrorbotschaft zu bekommen … Es ist zum Mäuse melken. Hampi schien heute Morgen so stark, ich selber fühle mich ausgelaugt, abgelöscht, verängstigt …
Hampis Motivationsnachricht vom Parkplatz seiner Arbeitsstelle, die er mir täglich zukommen lässt und die ich so liebe, die mich beflügelt, weckte mich wieder. Seine Stimme brach und mit ihr mein Herz. Ich muss was tun. Ich muss ihm den Schmerz nehmen!!! Ich muss meinem Paps den Schmerz nehmen, meinem Mami … Ich sollte jetzt stark sein für alle!
Aber das geht nicht. Es tut mir so leid, dass ich Ursache bin und nicht Wirkung. DAS war bisher mein Daseinszweck. Wirkung sein! Täter zu werden entspricht mir so gar nicht. Das fühlt sich schrecklich an. Ich werde mich heute wieder motivieren und im Moment bleiben, mich daran erinnern, dass ich gar nichts zu verlieren habe. Der Corona-Kampf macht gerade alles andere eh nicht sooo erstrebenswert. So viel Druck und Angst und Unsicherheit! Das wabert durch die ganze Welt!
Auch in mir waberte alles, bis das Telefon von der Ärztin, die die Darmspiegelung durchführte, kam, das besagte, dass die Biopsie der Oberfläche des Krebses nicht bösartig sei. Sie sei jedoch trotzdem überzeugt, dass er bösartig sei. Irgendwie flackerte Hoffnung auf und dann kam die Karte von einer lieben Kollegin:Erlaube dir, an Wunder zu glauben!, die mir Mut machte. Danach konnte ich mit Mami telefonieren und es tat gut, zu diskutieren und sich auszutauschen. Ich werde von so vielen lieben Menschen getragen. Da ist so viel Licht, das fliesst! Das ist wunderbar und ich bin einfach dankbar und gehe weiter meinen Weg! Die Stunden bis hin zu meinem Gesprächstermin mit dem Arzt, der mich operieren würde, verliefen friedvoll und gut. Ich entschied mich, um 14 Uhr noch spazieren zu gehen und war um 15.15 Uhr bei Gabrielle. Wir fuhren in die Schanz und mein Herz klopfte laut, als wir ins Medical Center eintraten. Herr Schmid wuselte schon herum und ich hatte Papiere auszufüllen und bald sassen wir vor Herrn Schmid, der mich erst einmal fragte, wie es mir gehe. Mein Herz tat sich auf und ich muss sagen, Herr Schmid ist ein wunderbarer, einfühlsamer Mensch. Ich spüre, wie stark das Gefühl hochkommt, dass ich gemocht werden will. Wie schnell mein Innerstes sich darauf einschiesst sich zu überschlagen, nur um ihm zu gefallen. Ich darf diese Gedanken loslassen, sie weiterziehen lassen, weil es keine Rolle spielt, ob er mich mag oder nicht, weil ICH ihn mag. Das Gefühl, das er mir vermittelt, ist FRIEDEN und das ist die absolute Hauptsache. Diese Erkenntnis ist wiederum eine wunderbare, denn daran scheiterte ja alles. Daran, dass ich mich überschlug, um gemocht zu werden. Herr Schmid erklärte mir, dass wir es zwar mit einem grossen Tumor zu tun hätten, der jedoch gut entfernt werden könne, ohne künstlichen Darmausgang, ohne Diät danach, ohne Chemotherapie, ohne Medikamente … Ein grosses Glück, ein Wunder, ja, wahrlich. Diese Karte, die mir geschickt wurde! Ich habe auch Karten gezogen und mich etwas trösten lassen dadurch, aber der Zweifel war doch sehr präsent in mir und die Angst vor etwas, das sich nicht bestätigt hat. Kartenziehen entspricht mir sehr. Ich habe verschiedenste Decks von Krafttierkarten, Tarotkarten und Karten, die man als Impulsgeber verwendet und das sind sie stets für mich. Deshalb ziehe ich Karten, um Impulse zu erhalten. Ich darf immer wieder erkennen, dass ich um einiges mehr Vertrauen haben darf! Hampi, mein Mami, wir sind alle so erleichtert, auch Gabrielle und es ist wahrlich eine Fülle, die sich mir schenkt, wenn ich sehe, wie viele Menschen mir bisher tragen geholfen haben. Das macht so viel aus! Hampi und ich feierten bei einer letzten Flasche NOA und genossen einen entspannten Abend. Was für ein Geschenk! Ein neues Leben, aus dem man etwas machen muss, soll, darf … Mein Leben will wieder pulsieren, meine Kraft rauschen und mein Blut strömen!
Tag 6
Mir wird plötzlich klar, wie es funktioniert, dieses Geben und Nehmen! Es ist zwar üblich und es wäre auch wohltuend, wenn eine Gabe zumindest mit einem DANKE vergolten würde, aber manchmal kriegt man sooo viel zurück, dass das eigene Geben von vor langer Zeit, plötzlich und im Überfluss vergolten wird. Ich habe so daran gedacht, dass heute einer ehemaligen Klientin, Eva’s Geburtstag ist. Ich habe Eva viele Behandlungen geschenkt, die nie vergolten wurden. Sie war auch an Krebs erkrankt und gestorben. Meine Erkenntnis: man sollte immer und viel geben und sich um den Rest keine Gedanken machen. Ob jemand etwas verdient oder nicht ist nicht immer offensichtlich, aber es kommt immer irgendwie zurück!!!
Der Besuch bei Mami, ein Kaffee, eine Kerze, ein Stück Kuchen … Es fühlte sich an, als sei ein Festtag und das ist es ja auch! Ein neues Leben wurde mir geschenkt! Ich habe ein bisschen Angst, dass ich es vergeige, nicht achtsam genug bin, dabei bin ich in der Achtsamkeitsakademie tätig … Der Spitalaufenthalt bei Pa ist anstrengend, weil er sich windet. Er sollte bei uns zuhause sein, es muss ihm gut gehen, er sollte nicht leiden müssen. Der Weg nach Aarau ist mühsam zu diesen blöden Besuchszeiten. Wir müssen immer wieder warten und kommen spät nach Hause.
Tag 7
Ich bat Hampi, mich zu wecken, damit ich richtig viel Zeit habe, zu meditieren, mich auf das Work vorzubereiten, gemütlich zu frühstücken, noch etwas zu schreiben … Alles andere hatte wieder Vorrang. Ich wusste nicht, wie es geschah, aber es war 8 Uhr, bevor ich wusste, was los war! Da waren so viele Mails zu beantworten. Ich weiss, ich sollte jetzt mich und meine Bedürfnisse an erste Stelle setzen, sollte meditiert haben, gemütlich Tee getrunken haben, meine Morgenseiten geschrieben haben … Das ist ein wichtiger Punkt, den es zu ändern gilt! Ich habe mit der Praxis meines Hausarztes telefoniert und alle sind erstaunt ob meiner positiven Einstellung. Wenn man sich bewusst macht, dass man nichts verlieren kann, ist es einfach, positiv zu sein und wenn man weiss, dass es kein grosses Leid gibt. Dafür bin ich so dankbar! Vielleicht wäre es echt eine Möglichkeit, Krebspatienten Mut zuzusprechen! Ich weiss, wenn das mein Weg ist, wird er mir aufgezeigt werden. Selima, mein Schutzengel, schaut da schon! Den Nachmittag durfte ich zuhause verbringen, mit Kalligraphie üben, Trimilinen, Meditieren, Mittagsschläfchen … Ja, so ein Nachmittag gefällt mir. So gefällt mir mein Leben sowieso! Einfach nicht immer herumrennen müssen!
Tag 8
Ich stehe da, es ist ca. 14 Uhr, Samstag, und alles hat richtig gut begonnen. Ich erwachte erst um 7 Uhr und genoss es, zu duschen, die Haare zu waschen mit meinem neuen Shampoo, ohne Gedöns, dann machte ich für Leo Zmorge und mir einen Smoothie und dann gingen wir Gipfeli holen. In der Zeit bis Hampi aufstand, konnte ich das Administrative für den Spitaleintritt erledigen. Dann gab es Kaffee und die Gipfelispitze, die immer mir gehört, und mit dem Hervorleuchten der Sonne zog es mich an allen Haaren hinaus. Hampi gar nicht, er fühlte sich völlig müde und ich riet ihm, ein Bad zu nehmen. Ich selber spazierte der Nase nach gen Rupperswil und weil der Zug nach Lenzburg gerade fuhr, setzte ich mich dort einfach rein. Herrlich. In Lenzburg gab es ein Käffeli und ich fühlte mich voller Abenteuerlust und Seligkeit. Dann hörte ich Hampis Nachricht ab, dass Leo die Pralinen, die ich gestern erhalten habe, erwischt habe, die Schachtel aufgebissen und sich daran gütlich getan. Ich war so wütend, ich hätte ihn erschlagen können und mich auch, weil ich nicht daran gedacht hatte, die Pralinen panzersicher zu verwahren. Dann hörte ich die Nachricht betreffend Papi ab und plötzlich rollte eine Welle von Überforderung über meinen Kopf. Ich stehe permanent in der Verantwortung, für alle da zu sein. Entscheidungen, Ratschläge, Pläne, Erklärungen, alles ist an mir und es ist mir völlig klar, dass ICH es bin, die sich abgrenzen muss, die die Emotionen kommen und wieder ziehen lassen kann, die nicht ihre Gedanken ist und die sicher nicht die Überforderung auf andere projizieren muss. DAS ist nämlich mein Lernen. Hier ist der Krebs zuhause. Das gefällt ihm. Wo ich keinen Raum einnehme, weil ich mich weder wehre noch klar Stellung beziehe, da breitet sich der Krebs aus. Alle und auch ich haben das Gefühl, nach 4 Tagen Zittern sei nun alles gut und ich hätte nichts anderes vor, als meine Aufgabe von 54 Jahren, nämlich Verantwortung für alle ausser für mich zu übernehmen, fortzusetzen. Ich kann jetzt üben, das Ruder rumzureissen. Noch scheint es mir nicht zu gelingen. Ich bin voller Stress, total überfordert, völlig am Limit. In mir vibriert alles, ich zittere innerlich, weil ja auch mein Hämoglobin und das Eisen nun nicht einfach wieder da sind … Ich weiss einfach nicht, wie ich es bewerkstelligen soll, mich klar zu positionieren, meinen Raum einzunehmen, für mich da zu sein. Es sind einfach nicht genügend Stunden da, um mir selber auch einen Moment zu gönnen! Ich kann das niemandem sagen, aus Rücksicht, aber auch, weil es nicht um die anderen geht, sondern um mich. Projektion ist eine Abwehrstrategie! Ich darf meine Emotionen erkennen, ihnen Raum geben und sie weiterziehen lassen! Ich übe!!! Jetzt gehe ich mich hinlegen. Ein Zopf wird vorbereitet und wir dürfen bald zu Sybille und Patrick, liebe Freunde, die uns eingeladen haben. Ich bin stolz auf mich, dass ich zu meinem Mann gesagt habe, dass ich nicht fahren möchte, weil mich das Wetter zu sehr belastet. Es regnet, nieselt und es wird finster sein! Ich habe das Gefühl, dass ich seit dem positiven Ergebnis des CT nur noch jammere und mich als Opfer fühle, weil ich mich nicht abgrenzen kann. Ich bin aber reine Schöpferkraft und darf mich ausdehnen, mir Raum geben, mich ernst, wichtig nehmen, mit allem, was jetzt gerade ist. Nicht wehren, nicht hadern, nicht zwingen. Alles ist gut!
Tag 9
Ich habe gehört, dass an diesem Tag die Energien stark verändert werden, viel Licht generiert wird und im ganzen Universum, aber auch in uns drin einiges abgeht. Ich habe es gespürt. Ich war unendlich müde, so müde, wie ich schon Jahre nicht mehr war. Ich legte mich schon um 10 Uhr hin und auch nach dem Essen, bis ich zu Paps ins Spital fuhr. Mein Bauch drangsalierte mich, als wäre nun definitiv kein Platz mehr für das Geschwür. Die Geburt bahnt sich an, nicht wahr! Ich war niedergeschlagen und kraftlos, energielos, mutlos. Paps traf ich recht gut an. Er war stabil am Körper und sein Gesicht wirkte erstmals nicht krank, sondern pumperlgsund. Um 20 Uhr musste ich ins Bett, ich war einfach k. o. und schlief bis um 5.30 Uhr durch.
Tag 10
Ich bin nach 10 Stunden guten Schlafs voller Kraft und Energie erwacht. Ich fühle mich wohl und bereit, vieles anzugehen. Beim Duschen hüpfte mir der Gedanke ganz intensiv in den Kopf: Warum lebst du nicht dein Leben? Das hat mich Christian Frautschi gefragt, das ist mindestens 6, 7 Jahre her oder noch länger! Er fragte mich, warum ich das Leben meiner Eltern leben würde! Ich verstand nur Bahnhof und dachte lange darüber nach, aber ich konnte es nicht wirklich fassen und schon gar nicht ändern. Er bat mich damals, den Eltern einen Brief zu schreiben, ihn jedoch zu verbrennen und eine Weile täglich einen Liter Brennnesseltee zu trinken. Heute weiss ich, dass das die Frage gewesen wäre, die mich vielleicht um den Krebs gebracht hätte. Warum lebe ich das Leben der anderen und nicht meines? Ich habe ja nur das Eine! Ich kann den anderen nicht helfen, ihr Leben zu leben, wenn ich es für sie übernehme. Das geht nicht. So hart es in MEINEN Ohren tönt, die Eltern würden ja nie etwas von mir verlangen, was mich einschränken würde und dennoch ist da unterschwellig meine Erwartung an mich, verantwortlich zu sein. Ich habe damals das Leben meines Bruders gelebt, weil er krank war und ich die Verantwortung übernahm, ihn schützen zu müssen. Ich habe immer das Leben meiner Mutter geteilt, einfach, um sie zufrieden zu sehen. Sie hat mir jetzt gesagt, dass ich nicht sterben könne, weil sie mich brauche. Das ist zwar nett gemeint, kommt jedoch absolut nicht so an. Man ist sogar in Krankheit und Tod gezwungen, für andere da zu sein? Das Abgrenzen fällt mir nicht leicht. Ich weiss noch nicht genau, wie der Weg geht, weil er einem schmalen Pfad folgt. Wenn ich aber auf mein Herz höre, finde ich MEINEN Weg!
Bei meiner lieben Lehrerin, bei der ich u. a. meine medialen Weiterbildungen gemacht und auch einige wertvolle Therapien besucht habe, war es nicht ohne, muss ich sagen, wirklich nicht! Es geht jetzt wirklich um die radikale Veränderung, um null Kompromiss und um die natürliche Abgrenzung mithilfe meiner wahren inneren Mutter. Ganz krass, wie sich die beiden Zettel angefühlt haben, meine erlernte innere Mutter und meine wahre innere Mutter. Die erlernte liess mich so fühlen: bedroht, kriege kaum Atem, Angst, Kloss im Hals, bewegungslos, verwirrt, orientierungslos, blockiert, Nackenverspannung!
Die wahre innere Mutter vermittelt mir: alles ist einfach, ich bin einfach, präsent, wie ein Baum, eine Lichtsäule, eine angenehme Neutralität, ein inneres verschmitztes Lächeln, ich muss nichts, kein Zwang, kein Drang, etwas zu tun, ich bin hoch aufgerichtet, gross.
Ich bin aufgefordert, mich mit meiner wahren inneren Mutter zu verbinden. Sie kann mir raten, sie kann mich leiten, führen, unterstützen, sie weist mir den Weg. DAS ist es ja, was mich fürchten liess, diese Verwirrung, in der ich keine klaren Entscheidungen treffen kann. Jetzt geht es effektiv einfach um mich, um nichts und niemand anderes, und dafür darf ich diese „Ausrede Krebs“ ja auch nutzen. Ich muss nicht einmal für jeden da sein, sondern darf mich zuerst um mich kümmern. Dass die Traumen vom Keller, in den ich als Kind eingesperrt wurde, wenn ich eine Bestrafung verdient hatte, eine so tiefe Bedeutung für einen Krebs haben, war mir nicht bewusst … Wir wohnten in einem alten Bauernhaus und der Naturkeller war kühl, feucht, dunkel und voller Tiere, die mich ängstigten. Diese Traumen müssen auch gelöst werden, auf Körperebene z. B. mit Farbtherapie oder mit feiner Cranio. Ich habe sogar eine Therapeutin in Lenzburg gefunden, die sich für mich sehr wohlig anfühlt …
Und nun geh ich auf einen Spaziergang mit Leo! Voller Spass fuhr ich dann per Velo ins Spital, obwohl es geschneit hat wie verrückt. Im Spital erfuhr ich, dass Paps kurzfristig, also am nächsten Morgen, nach Rheinfelden in die REHA gefahren wird. Das war ein Schock für uns alle. Auch die weite Anreise! Pa war natürlich voller Angst, voller Schock und ich fuhr mit dem Velo heim und fühlte mich nicht wirklich entlastet, gar nicht, und doch fühlte ich mich mir nah. Nach dem Nachtessen erhielten wir die Nachricht, dass Denise im Spital ist und Leo nicht hüten kann. Oh je, das war nicht gut. Was tun? Luzia steht zuoberst auf der Liste, weil Leo sich an sie gewöhnt hat und dort wohl und gut betreut ist! Ich rief also Luzia an und wir besprachen nicht nur Leo, auch ein bisschen mich und Luzia begann zu weinen. Ich habe meine Freundin noch nie weinen sehen, hören … Ich war sehr berührt und Hampi sprach den einzig richtigen Satz: Das sind wahre Freunde!!! Ich habe noch lange daran gedacht und mein Herz fühlt sich warm und berührt an, auch heute noch. Luzia entschuldigte sich, ihre Emotionen „nicht im Griff zu haben“, aber wenn ich mir diese wunderbare Entwicklung anschaue, dann bin ich ihr sehr dankbar dafür. Schade, dass wir alle immer versuchen uns zusammenzureissen. Wir verhindern dadurch viel Schönes!
Tag 11
Ich erwachte schon früh, auch mitten in der Nacht dachte ich an Paps, las mich dann wieder etwas in die Ruhe und als ich mich erneut fallenlassen wollte, fragte ich meine wahre innere Mutter um Unterstützung. Was ist zu tun, um schlafen zu können? Sie meinte: lass dich einfach in meine Arme sinken, ich wiege dich in Schlaf und genauso war es! Es war himmlisch, das kann ich erst jetzt sagen, da ich es erst jetzt in der Rückschau so erklären kann! Emotionen … ein Thema, das mich in letzter Zeit viel begleitet! Wenn wir uns einen Trigger vorstellen, der eine Emotion auslöst, nimmt diese Emotion an Intensität zu. Es geht eine Welle los, die ausfliessen möchte. Durch Verdrängen, Unterdrücken der Emotion: Traurigkeit, Sorge, Angst, Wut … verhindern wir, dass die Welle weiter- und auslaufen kann. Wenn wir Emotionen annehmen und sie akzeptieren, kann die Welle ausfliessen und das lymbische System muss keine Verknüpfungen machen. So können Traumen heilen! Eine Emotion bleibt rein biochemisch max. 90 Sekunden im Körper, wenn wir sie nicht festklammern! So kann eine stressauslösende Situation ausgehalten und angenommen werden, damit sie sich erlösen kann. Nur 90 Sekunden, das schafft man, oder?! Heute habe ich die EXIT-Patientenverfügung ausgefüllt. Es ging darum, meine Werte zu definieren, meine Ansicht über Leben und Tod. Es war ganz einfach, es in Worte zu fassen, weil ich mir bewusst bin, dass wir ein Stück Natur sind, dem Werden und Vergehen unterworfen. Wir haben die Möglichkeit, mit unserem physischen Körper Erfahrungen zu machen und zu erkennen, wie Emotionen funktionieren, wie Resonanz und Projektion funktioniert … nur diese polare Welt gibt uns diesen Rahmen … und irgendwann haben wir genug der Erfahrungen gesammelt und dürfen loslassen, im Bewusstsein, dass der Körper vergeht, wir jedoch ewiges Sein sind! Mir gibt diese Vorstellung Frieden und der innere Frieden sollte auch unser Leitstern sein. Meine Wegweiser sind Achtsamkeit, Absichtslosigkeit, Akzeptanz und Authentizität. Ich glaube nicht, dass es schon so weit ist, aber ich habe mir viel darüber Gedanken gemacht und glaube, dass ich bereit wäre, loszulassen, jedoch weiss ich, dass das der einfachere Weg wäre. Dann könnte ich das Abenteuer meines Lebens gar nicht mitmachen. Ich will es doch, will mich neu orientieren, neu ausrichten, neu erfinden und neu betrachten, neu aufstellen im Leben und neu hinausblicken aus meinem Dasein, das sich bisher zurückgezogen hat, aus Rücksicht, aus Angst vor Strafe und auch aus Furcht vor Disharmonie, vor „der Stimme“, die mich runtermacht, einteilt, hinhält. Diese innere Stimme hat mich ein Leben lang zur Schnecke gemacht. Sie sagte Sätze wie: Hast du dich schon mal im Spiegel betrachtet? Siehst du eigentlich, wie dick du bist? So kann man dich sicher nicht gernhaben. Hast du schon mal bemerkt, wie negativ du bist? Glaubst du wirklich, du könntest etwas bewirken auf dieser Welt? Ich fürchtete diese Stimme immer schon. Sie ist so mächtig, dass ich vor ihr zusammenkauere und zittere … Was ist das, in mir drin, das mich so hasst? Ich habe viel mit dieser inneren Stimme gearbeitet. Sie sieht aus wie Frl. Rottenmeier, hager, streng, böse … aber was will sie? Sie glaubt, nur durch Disziplin und Kontrolle Sicherheit im Leben zu finden und drängt mich immer mehr dazu, kontrolliert und diszipliniert zu sein. Das jedoch bringt mich immer weiter von mir selber weg. Es ist ein Teufelskreis!
