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Islam E-Book

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Beschreibung

In this book, experts give an introduction to all important Islamic topics: The Beginnings, Muhammad, Hadit, Koran, Systematics: Theology, Philosophie, Ethics and Education, Law, Piety: Rite, Sufism, Religious order, Folk Religion, Shia, Culture: Historiography, Literature, Art and Architecture, Science; Challenges of modernity: Politics and Human Rights, Economics and Globalization, Women, Refomism and Islamism, Dialogue with non-Muslims. The strength of this introduction, which is to be used as a reference book, is the close connection between past and present: All topics are focused on systematically and historically as in their presence significance. This connection allows a deeper understanding of current debates for students and for non-professional interested people.

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Seitenzahl: 1462

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Rainer Brunner (Hrsg.)

Islam

Einheit und Vielfalt einer Weltreligion

Verlag W. Kohlhammer

Umschlagabbildung: Yeni Cami (Neue Moschee), Istanbul, Foto: Rainer Brunner

1. Auflage 2016

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-021822-2

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-030498-7

epub: ISBN 978-3-17-030499-4

mobi: ISBN 978-3-17-030500-7

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

Im vorliegenden Band führen ausgewiesene Fachleute in alle wichtigen islamkundlichen Themenfelder ein: Die Anfänge: Muhammad, Hadit, Koran; Systematik: Theologie, Philosophie, Ethik und Bildung, Recht; Frömmigkeit: Ritus, Sufismus, Ordenswesen, Volksreligion, Schia; Kultur: Historiographie, Literatur, Kunst und Architektur, Wissenschaften; Herausforderungen der Moderne: Politik und Menschenrechte, Wirtschaft und Globalisierung, Frauen, Reformismus und Islamismus, Dialog mit Nichtmuslimen. Die Stärke dieser Einführung, die auch als Nachschlagewerk zu nutzen ist, liegt in der engen Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart: Alle Themen werden systematisch und historisch wie in ihrer Gegenwartsbedeutung in den Blick genommen. Dieser Brückenschlag ermöglicht ein vertieftes Verstehen aktueller Debatten nicht nur für Studierende der Islamwissenschaft und benachbarter Fächer, sondern auch für interessierte Laien.

PD Dr. Rainer Brunner ist Directeur de recherche am Centre national de la recherche scientifique, Paris.

Inhalt

Verzeichnis der Karten

Verzeichnis der Abbildungen

Vorbemerkung

Geographie des islamischen Raumes

Anton Escher

Anmerkungen zur Geschichte der Islamwissenschaft

Sabine Mangold-Will

Geschichte des Vorderen Orients im Überblick

Lutz Berger

Muḥammad

Andreas Görke

Der Hadith

Jens Scheiner

Der Koran

Nicolai Sinai

Rationale Theologie

Sabine Schmidtke

Philosophie

Heidrun Eichner

Bildung und Ethik im Islam

Sebastian Günther

Recht I: vormodern

Christian Müller

Recht II: Moderne (seit 19. Jh.)

Mathias Rohe

Frömmigkeitsvorstellungen im Islam

Norbert Oberauer

Sufismus und Volksreligion

Rüdiger Seesemann

Die Schia

Rainer Brunner

Historiographie

Konrad Hirschler

Arabische Literatur

Beatrice Gründler, Verena Klemm, Barbara Winckler

Kunst

Silvia Naef

Architektur im islamischen Orient

Lorenz Korn

Die Naturwissenschaften im Islam

Ulrich Rebstock

Politik, Demokratie, Menschenrechte

Sabine Damir-Geilsdorf

Wirtschaft und Islam

Heiko Schuß

Geschlechterverhältnisse in muslimischen Gesellschaften

Bettina Dennerlein

Islam und Nichtmuslime

Johanna Pink

Reformismus, Islamismus und Salafismus in der arabischen Welt

Guido Steinberg

Islam und abendländische Kultur

Felix Körner

Islam in Europa und Amerika

Albrecht Fuess

Muslimische Gesellschaften in Afrika

Roman Loimeier

Südasien

Jan-Peter Hartung

Südostasien

Thoralf Hanstein, Fritz Schulze

Index

Umschrift und Aussprache arabischer und persischer Namen und Wörter

Autorinnen und Autoren

Verzeichnis der Karten

Die islamische Welt: Muslime, relativ und absolut 14

Mittlere jährliche Niederschläge und aride Monate im islamischen Raum 19

Bevölkerungsdichte und Urbanisierungsgrad im islamischen Raum 2010 22

Detailkarte zur Problematik Wasser im Nahen Osten 25

Detailkarte zur Problematik Erdöl und Erdgas im Nahen Osten 28

Diagramme zur Problematik Erdöl und Erdgas im Nahen Osten 29

Die kolonialen Machtansprüche im islamischen Raum zu Beginn des 20. Jahrhunderts 39

Verzeichnis der Abbildungen

Inschrift, Indien, Agra oder Delhi, 18. Jh. Doha, Museum für islamische Kunst. Foto: S. Naef, 2010 382

Istanbul, Topkapı-Palast, Harem, Wohnräume der Königinmutter, Wanddekoration aus Kacheln mit Inschriften und Blumenmotiven (17. Jahrhundert); Trompe-l’Oeil-Deckenfresko, 18. Jahrhundert. Foto: S. Naef, 2011 384

Weihrauchspender in Vogelform, Iran oder Zentralasien, 12.–13. Jahrhundert, Kuwait, Tareq Rajab Museum. Foto: S. Naef, 2004 385

Wandbild aus Kacheln, Iran, 17. Jahrhundert, Paris, Musée du Louvre. Foto: S. Naef, 2006 386

Maḥmūd Muḫtār, Rückkehr vom Fluss, Ende 1920er/Anfang 1930er Jahre. Kairo, Maḥmūd-Muḫtār-Museum. Foto: S. Naef, 1989 389

Samīr aṣ-Ṣāʾiġ, Libanon, 1938-, Güte (Niʿma), Siebdruck, 2004. Genf, Privatsammlung 390

Samarkand (Usbekistan), Rigistan-Platz (15.–17. Jahrhundert). Foto: L. Korn 402

Ribat-i Šaraf (Iran), Karawanserei (12. Jahrhundert). Foto: L. Korn 404

Kairo (Ägypten), Minarett der Moschee Altunbugha al-Maridani (1340). Foto: L. Korn 405

Aleppo (Syrien), Madrasat al-Firdaus (1235–41). Foto: L. Korn 407

Riyad (Saudi-Arabien), King Faisal Centre for Research mit Moschee (Entwurf Kenzo Tange, 1980). Foto: L. Korn 410

Geographie des islamischen Raumes

Anton Escher

1  Konzepte und Ausmaß des islamischen Raumes

1.1  Zur Definition und Bezeichnung

Die geographische Konzeption des islamischen Raumes als eine durch den Islam einheitlich geprägte Kulturlandschaft, ist unter der Bezeichnung »Orient«1 erstmals im Jahr 1908 bei Ewald Banse2 zu finden. Als erster Geograph begreift er den Orient, wo die Menschen angepasst an die von Wassermangel gekennzeichnete Natur über die Kontinente Afrika und Asien hinweg leben und wirtschaften, als sowohl physische wie kulturelle Ganzheit. Die um die zentralasiatische Region erweiterte Abgrenzung des »Orients«3, als der von muslimischen Gesellschaften dominierte altweltliche Trockengürtel, umfasst exakt die Staaten Nordafrikas, des Nahen Ostens und Zentralasiens. Heute haben sich dafür zahlreiche Bezeichnungen eingebürgert. Sie reichen von Orient, Naher Osten und Mittlerer Osten über die französischen Ausdrücke Proche Orient oder Moyen Orient, den englischsprachigen Begriffen Near East,Middle East, Greater Middle Eastbis hin zu Middle East, North Africa and Central Asia (MENACA). Je nach Autor werden unter diesen Formulierungen unterschiedlich viele Nationalstaaten subsumiert. Das Kunstwort MENACA gilt im Gegensatz zum Begriff Orient4 als sachlich-rationale Markierung und findet bei mehreren internationalen Organisationen, wie z. B. den Vereinten Nationen und der Weltbank Verwendung. Obwohl der Begriff »Middle East« auf die strategisch militärische Aufteilung der Welt aus englisch-amerikanischer Perspektive zurückgeht und Mitte des 19. Jahrhunderts im British India Office erdacht sowie vom amerikanischen Militärstrategen A. T. Mahan5 benutzt wurde, ist er inzwischen als Eigenbezeichnung aš-šarq al-ausaṭ in den arabischen Sprachgebrauch eingegangen. Er wird oftmals – im Sinn einer Rückübersetzung aus dem Arabischen – zur Bezeichnung des islamischen Raumes gemäß der Konzeption der MENACA-Region verwendet. Zu dieser zählt das »Regional Office for the Middle East, North Africa and Central Asia« (ROMENACA) der Vereinten Nationen derzeit 28 Staaten auf zwei Kontinenten (vgl. Tab. 1). Der Fokus liegt im Folgenden auf eben diesen Ländern, sodass mit dem Begriff »islamischer Raum« auf die dazugehörigen Staaten der arabischen Welt und Zentralasiens verwiesen wird. Insgesamt wird in diesem Band darunter ein weiter gefasster geographischer Bereich verstanden: Entsprechend einem kulturellen Begriffsverständnis6 wird der islamische Raum durch Nationalstaaten repräsentiert, die überwiegend von muslimischer Bevölkerung bewohnt werden. Demzufolge zählen neben den Staaten des altweltlichen Trockengürtels auch die in Südostasien liegenden (Insel-)Staaten wie Indonesien, Malaysia, Brunei, Bangladesch oder die Malediven dazu, die in diesem Band in gesonderten Beiträgen behandelt werden7 und daher in der folgenden Betrachtung größtenteils ausgeklammert bleiben. Sicherlich können darüber hinaus einige Staaten am südlichen Rand der Sahara wie Senegal, Mali, Niger und Nigeria zum islamischen Raum hinzugerechnet werden.

Tabelle 1  Anzahl der Muslime in den Ländern der MENACA-Region im Jahr 2010

LandGeschätzte Anzahl an Muslimen Anteil an Gesamtbevölkerung Pakistan178,10 Mio. 96,4 %Ägypten 80,02 Mio. 94,7 %Iran 74,82 Mio. 99,7 %Türkei 74,66 Mio. 98,6 %Algerien 34,78 Mio. 98,2 %Marokko 32,38 Mio. 99,9 %Irak 31,11 Mio. 98,9 %Sudan 30,86 Mio. 71,4 %Afghanistan 29,05 Mio. 99,8 %Usbekistan 26,83 Mio. 96,5 %Saudi-Arabien 25,49 Mio. 97,1 %Jemen 24,02 Mio. 99,0 %Syrien 20,90 Mio. 92,8 % Tunesien 10,35 Mio. 99,8 %Somalia  9,23 Mio. 98,6 %Kasachstan  8,89 Mio. 56,4 %Aserbaidschan  8,80 Mio. 98,4 %Tadschikistan  7,01 Mio. 99,0 %Jordanien  6,40 Mio. 98,8 %Libyen  6,33 Mio. 96,6 %Kirgisien  4,93 Mio. 88,8 %Turkmenistan  4,83 Mio. 93,3 %VAE  3,58 Mio. 76,0 %Mauretanien  3,34 Mio. 99,2 %Kuwait  2,64 Mio. 86,4 %Oman  2,55 Mio. 87,7 %Libanon  2,54 Mio. 59,7 %Qaṭar  1,17 Mio. 77,5 %Dschibuti  0,85 Mio. 97,0 %Gesamt746,46 Mio.88,5 %

1.2  Theoretische Konzepte zum Verständnis des islamischen Raumes

Zur Beschreibung der politischen, religiösen und sozialen Organisation des islamischen Raumes lassen sich drei Basiskonzepte ausmachen: dār al-islām, ʿaṣabīyaund Nationalstaat.

Der islamische Raum kann als dār al-islām, als »Haus des Islams«, bezeichnet werden. Damit wird ein Begriff benutzt, der seit dem neunten Jahrhundert in variierenden Bedeutungen unter Muslimen verwendet wurde. Meist wird dār al-islām heute als Gebiet gedeutet, in dem Muslime in Frieden und Sicherheit ihre Religion ausüben können, während zu der Zeit, als die Begrifflichkeit entstand, Herrschaft und politische Macht – also weitaus mehr als ungestörte Religionsausübung – damit verbunden wurde. Der Begriff fasst vor allem die Regionen zusammen, in denen Muslime die dominante Bevölkerungsmehrheit stellen und die politische und kulturelle Hoheit innehaben. Für Muslime besteht latent die Aufforderung, im Gebiet des dār al-islām zu leben. Dabei ist festzuhalten, dass der islamische Raum auch die Welt zahlreicher Christen8, Juden und Andersgläubiger ist. Die Anhänger der »Religionen des Buches« (d. h. Christen und Juden) wurden im Gegensatz zu denen anderer Religionen in der Vergangenheit im dār al-islām toleriert, allerdings nur unter Zahlung der »Kopfsteuer« und Unterordnung unter die muslimische politische Souveränität.

Karte 1:  Die islamische Welt: Muslime, relativ und absolut

Ibn Ḫaldūn9 skizziert für den islamischen Raum des altweltlichen Trockengürtels eine gesellschaftliche Wirklichkeit, die hauptsächlich aus umherziehenden Nomaden und sesshaften Städtern besteht. Das Band zwischen den Menschen, die in Stämmen organisiert sind, ist die ʿaṣabīya, die totale Solidarität und die gegenseitige Verpflichtung der Gruppenmitglieder untereinander sowie die Treue zum gemeinsam bestimmten Anführer der Gruppe. Die absolute Loyalität zum Stamm, der sich über Blutsverwandtschaft definiert, aber auch soziale Verwandtschaft integriert, steht über jeder anderen Verpflichtung. »Der Zusammenhalt der Asabiya-Mitglieder fragt nicht nach Recht oder Unrecht, er fragt nach Zusammenhalt.«10 Ibn Ḫaldūn charakterisiert die umherziehenden Nomaden aufgrund ihrer Gruppensolidarität als stärker und mächtiger als die Bewohner der Städte, die durch die Zunahme von Bequemlichkeit, Luxus und Intrige ihre gesellschaftliche Ordnung zerstören. Dies führt, so der Historiker, zum Verfall autokratischer Macht und zur Ablösung der Herrschaft durch die vitaleren ʿaṣabīya-Gruppen.

Grundlegend für das Verständnis des islamischen Raumes ist heute der territorial abgegrenzte Nationalstaat, wie er sich im 20. Jahrhundert nach dem Rückzug europäischer Kolonisation ausdifferenziert hat. Die politisch-islamische Öffentlichkeit, die man auch als umma islāmīya, als »Gemeinschaft der Gläubigen«, titulieren kann, spricht sich seither ausnahmslos in mannigfachen Zusammenhängen für die Doktrin der Territorialität der Nationalstaaten aus. Der Islam ist für die umma die entscheidende Identität, und die territorialstaatliche Verfassung einer Gesellschaft ist die dafür verbindliche räumliche Ordnung. Obwohl die Nationalstaaten bereits seit geraumer Zeit bestehen, war und ist für zahlreiche Stämme und ethnische Gemeinschaften die Autonomie das höchste Gut. Sie haben ihren auf überlieferten Werten und Normen basierenden Zusammenhalt nie aufgegeben. Demzufolge ist das Konzept der ʿaṣabīyaals politische Organisationsform nicht mit dem Konzept des Nationalstaates vereinbar. Die Staaten des islamischen Raumes sind weitgehend autokratisch organisiert, unabhängig davon, ob sie sich als parlamentarische Monarchie, laizistische Republik oder islamischer Gottesstaat definieren. Der territoriale Nationalstaat und seine Behörden erweisen sich weltweit als Ordnungsmacht, welche die Landschaft gestaltet, verbindliche Gesetze festlegt und den Alltag der Bürger reguliert. Vor diesem Hintergrund sollte eine Geographie des islamischen Raumes auf der Grundlage der nationalstaatlichen Konzeption geschrieben werden.

1.3  Der islamische Raum: muslimisch dominierte Staaten und Bevölkerung11

Ausgehend von der Arabischen Halbinsel breitete sich der Islam, getragen von arabischen Stämmen, zwischen dem siebten und 13. Jahrhundert in weiten Teilen Nordafrikas, Vorderasiens und Zentralasiens sowie nach dem Untergang des osmanischen Reiches weiter in Richtung Osten aus. Heute kann die Ausdehnung des islamischen Raumes anhand der dominant muslimisch geprägten Staaten und/oder hoher muslimischer Bevölkerungsanteile bzw. der Verbreitung muslimischer Gemeinschaften festgemacht werden. Im Jahr 2010 gibt es auf der Welt schätzungsweise 1,62 Milliarden Muslime, die damit nahezu ein Viertel der Weltbevölkerung (6,9 Milliarden) ausmachen. Weltweit gesehen leben die meisten Muslime in Indonesien (204,85 Mio.), gefolgt von Pakistan, Indien und Bangladesch. Dementsprechend lebt mit über 60 Prozent die Mehrheit aller Muslime in der Region Asien-Pazifik. Hingegen zählen die Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens nur rund ein Fünftel, die Staaten südlich der Sahara 15 Prozent, Europa 2,7 Prozent und die Länder der neuen Welt lediglich 0,3 Prozent aller Muslime (vgl. Tab. 2).

Tabelle 2  Anzahl der Muslime nach Regionen im Jahr 2010

RegionGeschätzte Anzahl an MuslimenAnteil aller MuslimeAnteil an Gesamt­bevölkerungAsien-Pazifik1.005,51 Mio. 62,1 %24,8 %Nordafrika, Middle East 321,87 Mio. 19,9 %91,2 %Subsahara-Afrika 242,54 Mio. 15,0 %29,6 %Europa  44,14 Mio.  2,7 % 6,0 %Amerika   5,26 Mio.  0,3 % 0,6 %Welt1.619,31 Mio. 100 %23,4 %

Tabelle 3  Die zehn Länder mit der größten Anzahl an Muslimen im Jahr 2010

LandGeschätzte Anzahl an MuslimenAnteil an GesamtbevölkerungIndonesien204,85 Mio.88,1 %Pakistan178,10 Mio.96,4 %Indien177,29 Mio.14,6 %Bangladesch148,61 Mio.90,4 %Ägypten 80,02 Mio.94,7 %Nigeria 75,73 Mio.47,9 %Iran 74,82 Mio.99,7 %Türkei 74,66 Mio.98,6 %Algerien 34,78 Mio.98,2 %Marokko 32,38 Mio.99,9 %

Vergleicht man weiter die absoluten Zahlen auf Länderebene, zeigt sich, dass beispielsweise in dem afrikanischen Staat Nigeria etwa so viele Muslime wie in den arabischen Staaten Irak, Saudi-Arabien und Syrien zusammen leben. Die Länder, die zur MENACA-Region zusammengefasst werden, zählen im Jahr 2010 746,46 Millionen und damit knapp die Hälfte aller Muslime. Sie machen mit Anteilen von 80 bis 99 Prozent in den meisten dieser Staaten, wie auch im Senegal, in Niger oder Mali, den dominantesten Bevölkerungsanteil aus. Lediglich der Libanon weist nach Schätzungen im Jahr 2010 mit ca. 59,7 Prozent Muslimen umfangreiche christliche Denominationen und andere Religionsgruppen auf. Die Vereinigten Arabischen Emirate, Oman sowie Qaṭar haben aufgrund ihrer zahlreichen nicht-muslimischen Gastarbeiter eine Sonderstellung inne (vgl. Tab. 1). Auch die südostasiatischen Staaten wie Indonesien (88,1 %), Malaysia (61,4 %) und Brunei (51,9 %) sowie die Länder der Balkanhalbinsel Albanien (82,1 %) und Kosovo (91,7 %) verfügen über eine muslimische Bevölkerungsmehrheit. Im Gegensatz zu den Ländern Süd-, Ost- und Westeuropas, wo der Anteil der Bevölkerung mit muslimischem Glauben im Mittel bei 6,9, 6,2 bzw. 6,0 % liegt, beträgt der Anteil in Nordeuropa nur 3,8 %. Demzufolge liegt Deutschland, wo 4,2 Millionen Muslime wohnen, mit einem Anteil von 5 Prozent etwa im europäischen Durchschnitt. Den geringsten Bevölkerungsanteil haben Muslime mit 0,6 Prozent in Amerika (vgl. Tab. 3). Sie spielen allerdings in den lateinamerikanischen Staaten Suriname (15,9 %), Guyana (7,2 %) und auf den Inseln Trinidad und Tobago (5,8 %) eine bedeutende Minderheitenrolle. Nahezu 90 Prozent aller Muslime sind Sunniten, die übrigen Schiiten12. Etwa drei Viertel der Schiiten leben in den Staaten Iran, Irak, Pakistan und Indien. Dabei beträgt ihr Bevölkerungsanteil in Iran ungefähr 93 Prozent, im Irak nahezu 70 Prozent und im Libanon über ein Viertel. Insgesamt wird prognostiziert, dass die absolute und relative Zahl der Muslime in fast allen Staaten der Erde aufgrund von Geburtenüberschüssen, Missionstätigkeit, Übertritten und Migration zunimmt. Laut Schätzungen werden Muslime im Jahr 2030 26,4 Prozent der Weltbevölkerung (8,3 Mrd.) ausmachen.

2  Die sozioökonomischen Dimensionen des islamischen Raumes

Aus europäischer Perspektive kann man folgende Elemente als charakteristische geographische Strukturphänomene für den in sich sehr diversifizierten islamischen Raum definieren: die Landschaften des altweltlichen Trockengürtels, Landwirtschaft und Nomadismus, Altstädte und Metropolen, Wasser und Erdöl, Migration und Diaspora sowie Tourismus. Schließlich lässt sich die gesellschaftliche und menschliche Entwicklung der Staaten des islamischen Raumes mit Hilfe des komplexen Indikators »Human Development Index« (HDI) charakterisieren.

2.1  Die Landschaften des altweltlichen Trockengürtels

Der islamische Raum ist generell durch zwei Großlandschaftstypen gekennzeichnet: Der stark gegliederte, von intensiven Reliefunterschieden geprägte Hochgebirgsraum mit größeren und kleineren Beckenräumen, der sich von Kleinasien bis zum Hindukusch erstreckt, steht den Tafel- und Schollengebieten in Nordafrika (abgesehen vom Atlasgebirge) und Arabien, wo sich die Steppen, Wüstensteppen sowie Wüsten aus Fels, Kies und Sand entfalten, entgegen. Die Stromtiefländer des Nils sowie an Euphrat und Tigris vermitteln zwischen diesen Gegensätzen. Aride Trockenklimate dominieren den nordafrikanischen und arabischen Raum, während sich bei den Gebirgen des Nordens subtropische und kontinentale Einflüsse mischen. Hier prägen sich kalte Höhenklimate aus. Lediglich im südlichen Arabien trifft man auf tropische Einflüsse. Gerade die orographischen Verhältnisse, d. h. die Höhenstrukturen auf der Erdoberfläche, stellen einen bedeutenden Faktor für die Niederschlagsverteilung dar. Gebirge wie die marokkanischen Atlasketten wirken als Barrieren und teilen die Region in humide Küstenebenen und Gebirgslandschaften auf der dem Atlantischen Ozean zugewandten sowie semiaride Steppen und Wüsten auf der vom Meer abgewandten Seite. So verzeichnet der Mittlere Atlas einen durchschnittlichen Jahresniederschlag von über 1100 mm, wohingegen die Südseite des Hohen Atlas nur Werte von 100 mm aufweist. Analog zum Verlauf der Gebirge kommt es in Nordafrika zu einer klimatischen Nord-Süd-Teilung und im vorderasiatischen Raum zu einer West-Ost-Teilung. Während in den Randgebieten Kleinasiens ausreichende Niederschläge von 750 bis 900 mm im jährlichen Mittel fallen, dünnen diese auf den Hochebenen der östlichen Gebirge bis unter 100 mm aus. In zeitlicher Perspektive treten die Niederschläge hauptsächlich in den Wintermonaten auf, weshalb man von einem mediterranen Winterregenklima spricht, das sich vor allem an den Küstenebenen des Mittelmeeres ausbreitet.

Karte 2:  Mittlere jährliche Niederschläge und aride Monate im islamischen Raum

2.2  Konventioneller Regenfeldbau und angepasste Bewässerungslandwirtschaft

Die klimatischen Gegebenheiten haben einen unmittelbaren Einfluss auf die landwirtschaftlichen Nutzungsstrategien. Wasser steht als Niederschlag nur marginal, räumlich und zeitlich sehr ungleich verteilt und lokal begrenzt zur Verfügung. Hinzu kommt die hohe jährliche Variabilität der Niederschläge, die einen gesicherten Regenfeldbau erst bei einem Jahresmittel von 400 mm zulässt. Heute noch lebt gut die Hälfte der erwerbstätigen Bevölkerung im islamischen Raum von der Landwirtschaft. Im Laufe der Geschichte wurden meist auf lokaler Organisationsebene differenzierte Techniken angewandt, um Regenfeldbau in den klimatischen Gunstregionen zu betreiben, Wasser zu sammeln, zu speichern und für Bewässerungswirtschaft verfügbar zu machen. Die beiden charakteristischen Kulturpflanzen des Raumes sind der mediterrane Ölbaum und die wüstenfeste Dattelpalme. In allen Berg- und Gebirgsregionen findet man einen ausgeprägten Terrassenfeldbau, wie die Landwirtschaft des Jemen hervorragend belegt. Eine weitere, die Landschaft prägende agrarische Nutzung ist die Oasenwirtschaft mit ihrem dreigeteilten Stockwerkbau von Dattelpalmen und Fruchtbäumen (z. B. Granatäpfel, Oliven oder Feigen) sowie je nach Wasserverfügbarkeit von Getreide, Futterpflanzen oder Gemüse. Von existenzieller Bedeutung für die Menschen sind die großen Flussoasen wie der Nil in Ägypten, Euphrat und Tigris im Mittleren Osten sowie Amudarja und Syrdarja in Zentralasien. Die Flüsse entspringen in niederschlagsreichen Regionen und ermöglichen als sog. Fremdlingsflüsse das Leben in den Trockenräumen. In den klimatisch günstigeren Gebirgs- und Bergregionen, wo man herkömmlich Maulbeerbäume, verschiedene Nussbäume (z. B. Walnuss und Mandel) und partiell Feigenbäume kultivierte, wurden im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts auf der Basis wirtschaftlicher Zusammenarbeit und mit Hilfe des Kapitals von Gastarbeitern Obstbäume (z. B. Apfel, Birne und Kirsche) eingeführt.

2.3  Nomadismus, Weidewirtschaft und Tierhaltung

In den klimatisch weniger begünstigen Regionen, in denen kein Regenfeldbau mehr möglich war bzw. ist, kam es zur Herausbildung des Nomadismus. Darunter ist eine »komplexe Daseinsäußerung einer Vielzahl ethnisch verschiedener und räumlich disjunkt auftretender Bevölkerungsgruppen« im Sinne einer »überlebenssichernden ­›Antwort‹ auf die (…) bestehende physische und soziopolitische Ausstattung und deren räumliche Differenzierung«13 zu verstehen. Nomadismus ist eine »sozio-ökologische Kulturweise«, wobei die Nomaden mit domestizierten Nutztieren (Schaf, Ziege, Rind oder Kamel) saisonal in transportablen Behausungen, die meist aus Zelten bestehen, fruchtbare Weidegründe aufsuchen. Indem sich der Nomadismus in unterschiedlichen Formen von Voll- und Halbnomadismus über Bergnomadismus und Transhumanz14 in nahezu allen Staaten des islamischen Raumes ausprägte, kann er als eine kulturell charakteristische Lebensform des altweltlichen Trockengürtels bezeichnet werden. Die jungen Nationalstaaten verfolgten unisono eine Politik der Sesshaftmachung der Nomaden, da deren unstete Lebensweise und die Loyalität zum Stamm als Gefahren für den Nationalstaat angesehen wurden. In vielen Staaten wie beispielsweise im Irak oder in Jordanien sind die ehemaligen Stammeskrieger als Militärangehörige in die Staatsorganisationen eingebunden. Heute lebt die Kulturweise des Nomadismus als mobile Tierhaltung in angepassten Variationen fort. Die ehemaligen Nomaden sind partiell sesshaft geworden und in den meisten Fällen in die Gesellschaft integriert. Inzwischen trifft man auf zahlreiche Rinder- und Schaffarmen, die mit ihren Tieren in geregelter Weidewirtschaft die fragile Natur nutzen. Auch die moderne Kleintierhaltung, insbesondere Hühnerfarmen, hat inzwischen, oftmals durch die finanziellen Überweisungen von Gastarbeitern initiiert, eine große Verbreitung gefunden.

2.4  Altstädte, Stadtentwicklung und Metropolen

Der islamische Raum war bereits in seiner Frühzeit von Städten geprägt und strukturiert. Im Verlauf der arabischen Eroberungen, die Mitte der 630er-Jahre einsetzten, gilt die Epoche ab dem zehnten Jahrhundert als »islamischer Augenblick der Geschichte«15, da sich seit diesem Zeitpunkt Herrschafts- und Fernhandelsstädte zwischen Ostasien und Europa etablierten. Alle Altstädte verfügen über einen mit Handelsbauten ausgestatteten Bazar, der als charakteristisches Kulturprodukt der islamischen Welt interpretiert wird.16 Im Laufe des 20. Jahrhunderts kam es zur Abwanderung der angestammten Bevölkerung sowie zur Verlagerung von Funktionen in die im Zuge des planmäßigen Ausbaus der Städte während der Kolonialzeit erschlossenen, suburbanen Erweiterungsgebiete. Dies ging mit einem gesellschaftlichen Bedeutungsverlust der Altstädte einher. Aufgehalten wurde der soziale Niedergang und bauliche Verfall der Altstädte jedoch durch den zunehmenden internationalen Tourismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Heute zählen die meisten historischen islamischen Städte wie Fès, Marrakesch, Algier, Tunis, Kairo, Damaskus, Aleppo, Sanaa, Isfahan, Buchara, Chiwa und Samarkand, um nur einige zu nennen, zum Weltkulturerbe der UNESCO. Viele Altstädte unterliegen einer globalen Dynamik, was beispielsweise anhand der Investitionen von Ausländern in marokkanischen Altstädten zum Ausdruck kommt, die in erheblichem Maße zur Restaurierung der ehemals verfallenden Bausubstanz beitragen.17

Karte 3:  Bevölkerungsdichte und Urbanisierungsgrad im islamischen Raum 2010

Die bereits Ende des 19. Jahrhunderts einsetzende und dauerhaft anhaltende Landflucht der einheimischen Bevölkerung, das starke Bevölkerungswachstum sowie die gemäßigte Industrialisierung trugen zur Expansion der Städte bei. Heute kann man zwischen hochverstädterten Ländern mit 82 bis 99 Prozent städtischer Bevölkerung (Golfstaaten, Libanon und Jordanien), den überdurchschnittlich verstädterten Ländern mit 66 bis 77 Prozent (Libyen, Algerien, Oman, Iran, Irak und Türkei) sowie den durchschnittlich verstädterten Staaten wie Marokko, Syrien, Kasachstan, Turkmenistan und Ägypten mit einem Anteil von 43 bis 57 Prozent städtischer Bevölkerung unterscheiden. Schließlich sind die nur gering verstädterten Länder mit einer Rate zwischen 23 und 36 Prozent zu nennen: Usbekistan, Kirgisien, Sudan, Jemen, Tadschikistan und Afghanistan.18 Der Grad der Verstädterung kann als Spiegel der sich grundlegend wandelnden Gesellschaften angesehen werden. Zunehmend zerbrechen die schützenden Familienbande und Clanorganisationen, und die Menschen finden sich in den Armenvierteln der Millionenstädte wie Casablanca, Algier oder Kairo wieder, wo sie meist nur im informellen Sektor, z. B. als Schuhputzer, Müllsammler, Handwerker oder Dienstleister aller Art, ihren Lebensunterhalt verdienen können. Gleichzeitig entstanden in allen großen Metropolen der islamischen Länder »Gated Communities«, d. h. geschlossene und bewachte Stadtviertel für die reichen Bevölkerungsschichten.19

In jüngster Zeit überzieht die neoliberale Stadtentwicklung die Länder des islamischen Raumes, insbesondere die erdölreichen Staaten. Sie haben in den letzten Jahrzehnten einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, der sich in baulichem Wachstum niederschlägt. Viele der größten Unternehmen der Welt haben mittlerweile einen Sitz in Dubai.20 Bis zum Beginn der Immobilienkrise im Jahr 2008 schossen die Gebäude wie Pilze aus dem Boden. Die Stadtentwicklung der Golfstaaten treibt mit künstlich aufgeschütteten Inseln in Form von Palmen und Erdteilen, bebaut mit Eigenheimen für Millionäre, eigenwillige Stilblüten bis hin zu Indoor-Sportanlagen zum Skifahren in der Wüste. Die sozialen Folgen dieser Entwicklung sowohl für die einheimische Bevölkerung als auch für die auf den Baustellen der Golfsaaten temporär beschäftigten Gastarbeiter sind noch nicht abzusehen. Die Ausbeutung von aus Indien, Bangladesch, Pakistan oder China stammenden Wanderarbeitern, die zu sehr niedrigen Löhnen und unter schlechten Bedingungen beschäftigt werden, rückte angesichts der Baumaßnahmen für die Weltmeisterschaft 2022 in Qaṭar ins öffentliche Interesse und wird international als »moderne Form der Sklaverei« kritisiert.

2.5  Wasser, oder die Politik der Staudämme und Tiefbrunnen

Moderne technisch ausdifferenzierte Bewässerungswirtschaft in den Küstenstreifen, Flusstälern, Becken und Ebenen mit Hilfe von Stauseen, Kanälen und Tiefbohrungen prägt die Landschaft der islamischen Staaten. Wegen der steigenden Nachfrage nach Trink-, Brauch- und Bewässerungswasser aufgrund des Bevölkerungswachstums und der abnehmenden Wasserressourcen sowie der regional oftmals ausbleibenden Niederschläge übernahmen die Nationalstaaten die Aufgabe des Wassermanagements. Wasser ist nicht mehr natürlich gegeben und wird nicht mehr durch überliefertes Wasserrecht verteilt, sondern vom Staat mittels technischer Einrichtungen wie Staudämmen und Tiefbrunnen zur Verfügung gestellt, was in allen Ländern das natürlich vorhandene Wasserregime veränderte. Die ungezählten Brunnenbohrungen senken den Grundwasserspiegel drastisch ab und haben gravierende Auswirkungen auf die natürliche Vegetation sowie die traditionelle Wassergewinnung. Heute finden wir Staudämme jeglicher Größenordnungen an allen Strömen und Flüssen. So notiert das Informationssystem der UN derzeit allein in der Region Mittlerer Osten 1127 Staudämme.21 Das türkische Beispiel des Güneydoğu Anadolu Projesi (GAP) in Südostanatolien verdeutlicht die umfassenden Eingriffe an den Flüssen Euphrat und Tigris sowie die grundlegende Neugestaltung einer ganzen Region. Die jährliche Abflussmenge beider Flüsse von rund 84 Mrd. Kubikmetern Wasser soll durch insgesamt 22 Staudämme temporär zurückgehalten, über 19 Elektrizitätswerke geführt und schließlich auf 1,64 Mio. ha neue Bewässerungsflächen verteilt werden. Bis 2008 wurden 15 Dämme gebaut, bis 2014 sollte der Bau abgeschlossen werden.22 Die Maßnahmen ermöglichen eine frühzeitige Regulierung von Extremereignissen: Intensivem Starkregen mit Hochwasser und extremen Trockenzeiten, wie sie aufgrund der klimatischen Verhältnisse wechselweise in der Region immer wieder auftreten, kann entgegengewirkt werden. So ermöglicht die Technik der Staudämme ein zunächst berechenbares und effizientes Wirtschaften für Bewässerung und Stromerzeugung und damit zur Nahrungssicherung, zugleich aber erweisen sich die staatlichen Großprojekte als außen- und innenpolitisches Machtinstrument. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass völkerrechtliche Grundsätze nicht bindend und teilweise widersprüchlich sind, wurde Wasser politisch instrumentalisiert und als Mittel zur Problemlösung eingesetzt.23 Beispielsweise hat die türkische Regierung nunmehr die Macht, den Anrainerstaaten Irak und Syrien »das Wasser abzudrehen«, was in der Vergangenheit bereits für Konflikte sorgte. Diese beiden Staaten haben ihrerseits die Ströme ebenso mehrfach aufgestaut, um ihre landwirtschaftliche Nutzfläche zu erweitern und elektrischen Strom zu gewinnen. Die Kritik an den großen Staudammprojekten betrifft verschiedene Facetten: Landverbrauch für Wasserflächen, kostenintensiver Infrastrukturausbau, Rekultivierung und damit Vernichtung von bestehenden Bewässerungsflächen, limitierte Nutzungsmöglichkeit der Stauseen aufgrund permanenter Sedimentation durch die Zuflüsse sowie strategische Umsiedlungen der Anrainer und (insbesondere für den Fall das GAP-Projektes) die gesteigerte Militärpräsenz (innerhalb der kurdischen Siedlungsgebiete) zum Schutz der technischen Einrichtungen. Ein weiteres außerordentliches Beispiel für die Konflikte um Wasser in der Region sind die diskriminierenden Strategien und Praktiken Israels zur Sicherung der im palästinensischen Westjordanland liegenden Wasserressourcen. Die erheblichen Entnahmen von Trink- und Bewässerungswasser am Jordan durch Israel und Jordanien sowie die Nutzung des Yarmūk-Wassers zur Bewässerung des Jordantales tragen zur dramatischen Abnahme des Jordanpegels bei.

Karte 4:  Detailkarte zur Problematik Wasser im Nahen Osten

In umfangreichen Projekten fördert Saudi-Arabien fossiles Grundwasser zur Bewässerung der Wüste und profiliert sich als Getreideexporteur. Libyen versucht im »Great Man River-Project«, fossiles Grundwasser, das in der zentralen Sahara gewonnen wird, für die Bewässerung der Küstenebenen zu nutzen. Die umfangreichen Vorkommen von fossilem Wasser in Nordafrika könnten zumindest mittelfristig eine Lösung für die Wasserknappheit dieser Region darstellen. Schließlich leisten sich die reichen Golfstaaten inzwischen höchst kostspielige Meerwasserentsalzungsanlagen, um die Trinkwasserversorgung ihrer Bevölkerung zu gewährleisten. Wasser, Wassermanagement und Wasserkonflikte24 werden für die Staaten des islamischen Raumes in Zukunft ein existenzielles Thema bleiben.

2.6  Erdöl und Erdgas, die problematischen Bodenschätze des islamischen Raumes

Der islamische Raum ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts durch die Erkundung, Entdeckung und Ausbeutung der fossilen Energiereserven Erdöl und Erdgas gekennzeichnet. Heute verfügen Saudi-Arabien, Iran, Irak, Kuwait, die VAE sowie Libyen, Qaṭar, Algerien und Nigeria über knapp 70 Prozent der weltweiten Erdöl- und 44 Prozent der Erdgasreserven25. Alle genannten Staaten gehören der einflussreichen Organization of Petroleum Exporting Countries (OPEC) an, dem 1960 gegründeten weltweiten Energiekartell.26 Zu berücksichtigen sind auch die Vorkommen der zentralasiatischen Staaten, welche die der gesamten Nordsee übertreffen. Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan wird aufgrund ihrer Öl- und Gasreserven eine boomende Zukunft vorausgesagt.27 Die weltweite Erdölfördermenge von 27,1 Mrd. Barrel im Jahr 2009 wird zu fast einem Drittel von den islamischen OPEC-Staaten bestritten, wobei allein auf Saudi-Arabien 12 Prozent der Weltfördermenge entfallen. Die geopolitischen Implikationen für die Region lassen sich aufgrund der Rohstoffvorkommen, der Förderqualität und des Rohstofftransports sehr gut verstehen, denn die größten Ölverbraucher USA, China, Japan, Russland und Deutschland könnten derzeit ohne (das kostengünstig förderbare) Erdöl und Erdgas ihren Wohlstand nicht halten. Die Macht über diese Ressourcen ist in der Regel eine der zentralen Erklärungen für die Unterstützung diktatorischer Regime durch westliche Länder. Beispielsweise gilt die USA seit 1945 als enger Verbündeter Saudi-Arabiens und »tauscht« Zugang zu Öl gegen Sicherheitsgarantien. Unter den zwanzig Ländern mit den größten Kapazitäten für Ölraffinerie steht nur Saudi-Arabien an Platz zehn, die anderen islamischen Förderländer tauchen in der Liste nicht auf. Somit sind nicht nur die Fördergebiete im Fokus der mächtigen Industriestaaten28, sondern auch die Verladeterminals und die Transportwege (Schifffahrtswege und Pipelines) des kostbaren Gutes. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Suez-Kanal und der Straße von Hormus; durch letztere wird ein Fünftel der Weltproduktion transportiert. Die Diskussion um die Endlichkeit der Erdölvorkommen trägt weiter zur Brisanz des Themas bei. Die Schwankungen des Erdölpreises zeigen die Bedeutung des Rohstoffes für fast alle Bereiche der modernen Weltwirtschaft wie Verkehr, Handel und Industrieproduktion. Volkswirtschaft, Investitionsverhalten und Planungsgebaren der reichen Ölstaaten werden durch den Überfluss nachhaltig verändert. So wird in dem jüngsten Arab Development Challenge Report der UN hervorgehoben, dass die hohen Einnahmen aus Erdöl- und Erdgasexporten zu einem enormen Wirtschaftswachstum beigetragen haben, das nicht nur mit Rentenökonomie und einer ungewöhnlich schnellen Deindustrialisierung einherging, sondern auch die Stellung der Arabischen Region in der globalen Produktionshierarchie gestärkt hat29. Die sozialen und gesellschaftlichen Folgen all dessen sind nicht abzuschätzen; die verhängnisvollste Kombination der letzten Jahrzehnte war vermutlich die zwischen der islamistischen Wahhābīya und dem Reichtum an Erdöl. Ohne letzteres hätten die Herrscher Saudi-Arabiens ihre Auffassung des Islams kaum so effizient in vielen Teilen der Welt verbreiten können.

Karte 5:  Detailkarte zur Problematik Erdöl und Erdgas im Nahen Osten

Karte 6:  Diagramme zur Problematik Erdöl und Erdgas im Nahen Osten

2.7  Migration, Diaspora und Global Communities

Für viele Menschen in den peripheren Gebieten der islamischen Welt war Auswanderung bzw. Arbeitswanderung die einzige Möglichkeit der Existenzsicherung. Inzwischen ist Migration für die Menschen, die von der ökonomischen Entwicklung des islamischen Raumes ausgeschlossen sind, zur beliebten Strategie geworden, um am Wohlstand teilzuhaben. Auf Grund des enormen Bevölkerungswachstums der letzten Jahrzehnte tragen politische Verfolgung, ökonomische Unsicherheiten, regionale Unterentwicklung, hohe Arbeitslosigkeit und aufkommende Armut sowie kriegerische Auseinandersetzungen zur Auswanderung bei. Die ständige Nachfrage nach Arbeitskräften, die Aussicht auf ein selbstbestimmtes Leben und die bessere Bezahlung in europäischen Ländern sowie in den Staaten am Arabischen Golf stehen dem gegenüber. Zur plakativen Darstellung der Migration und deren Modifikationen kann man sechs unterschiedliche Phasen ausmachen. Die erste große Migrationswelle aus den heutigen Staaten Libanon, Syrien und Palästina in die Neue Welt begann Ende des 19. Jahrhunderts. Christliche Gruppen verließen nach gewalttätigen Übergriffen das Osmanische Reich und suchten ihr Glück in der Neuen Welt. Später schlossen sich auch alle anderen ethnischen Gruppen dieser Migrationsbewegung an. Nach den Weltkriegen erfuhr die Migration in die Neue Welt, vor allem nach Lateinamerika, einen erneuten Aufschwung. Aufgrund der zahlreichen Kriege und Verfolgungen verließen Libanesen, Syrer und Palästinenser ihre Heimat und zogen zu ihren Verwandten nach Amerika und Afrika. Seit den 1970er Jahren wurde auch Australien Ziel von Migration.

Nach der Unabhängigkeit der nordafrikanischen Staaten Mitte des 20. Jahrhunderts begaben sich zahlreiche Menschen aus Marokko, Algerien, Tunesien und Libyen sowie Ägypten insbesondere in den Staaten der ehemaligen Kolonialmächte wie Frankreich oder ­Italien auf Arbeitssuche. Gleichzeitig warb Deutschland bis Mitte der 1970er Jahre »Gastarbeiter« aus der Türkei an. Der Zuzug von Arbeitsmigranten aus diesen Ländern erweiterte sich in andere Länder Europas wie die Niederlande und Spanien. Zu Beginn der 1990er Jahre intensivierten sich die Migrationsströme in die Länder am Golf. Die ölreichen Staaten sind nicht nur für Arbeiter aus den arabischen Anrainerstaaten attraktiv, sondern auch für Gastarbeiter aus Indien, Pakistan und Südostasien. Zugleich setzte ein stetiger Zufluss von Arbeitsmigrantinnen aus Südostasien ein, die in den arabischen Ländern vornehmlich als Kindermädchen und Haushaltshilfen beschäftigt werden.

Seit der Jahrtausendwende ist eine unregelmäßige Migration sowie starke Diversifizierung der Zielländer auszumachen. Gleichzeitig entstand das Phänomen der Diaspora bzw. des transnationalen sozialen Raumes, d. h. es bildeten sich sogenannte »Global Communities«. Dies sind ethnische Gruppen, »deren Angehörige in mehreren Staaten der Welt in sozialer Gemeinschaft (meist ökonomisch erfolgreich) verstreut leben und insbesondere den mentalen, religiösen und kulturellen Bezug zu ihrem Herkunftsort u. a. als Identität stiftendes Element nutzen.«30 Die ehemaligen Migranten haben sich zwischenzeitlich in den Gastländern über die Generationen hinweg etabliert und leben eine mehrfache Identität; sie wohnen in zwei oder mehreren Staaten und kehren regelmäßig in ihre Geburtsländer zurück. Dort tätigen sie vor allem im Wohnungsbau erhebliche Investitionen, um ihre Verdienste anzulegen und für die wachsende Familie vorzusorgen. In manchen Ländern wie z. B. Marokko entstehen aufgrund dieses Trends umfangreiche Geistersiedlungen. Darüber hinaus transportieren die »einheimischen Ausländer« einen neuen Lebensstil in ihre Heimatländer, wenn sie ihren Urlaub regelmäßig als Familienbesuch im Land ihrer Vorväter verbringen.

2.8  Internationaler Tourismus und Binnentourismus

Eine wichtige ökonomische Einkommensquelle und ein planungstechnisches Instrument für zahlreiche Staaten des islamischen Raumes sind der nationale, der innerislamische und der (westliche) internationale Tourismus. Marokko, Tunesien und Ägypten sowie die Türkei setzen in hohem Maße auf ihr touristisches Potenzial und bauen zunehmend die notwendige Infrastruktur wie Hotelanlagen, Badestrände und Golfplätze aus. Während in der Vergangenheit der klassische Badetourismus in Tunesien, der Rundreisetourismus zu den Königsstädten in Marokko oder der Kulturtourismus zu den Pyramiden der Pharaonen in Ägypten vorherrschte, haben sich in jüngerer Zeit neue, alternative Formen des Tourismus entwickelt, bei denen die peripheren Gebiete erschlossen werden. Darunter fallen der Trekking- und Gebirgstourismus, der Wüstentourismus mit Safarireisen sowie der aufkommende Golftourismus. Mit solchen Alternativen soll der Massentourismus als Instrument der Armutsbekämpfung genutzt und die entlegenen Räume in die Weltwirtschaft integriert werden. Mit der Erschließung der Peripherie erhofft man sich, die in den Staaten Nordafrikas bestehenden Disparitäten zwischen der Stadt und dem Land bzw. zwischen der Küste und dem Landesinneren abzubauen.

Das Tourismuspotenzial des Nahen Ostens ist ebenso umfangreich, und es bestehen grundsätzlich die gleichen Entwicklungschancen, wie sie der Maghreb aufweist. Die latente politische Instabilität im Nahen Osten seit dem sogenannten »Arabischen Frühling« 2011 trägt jedoch in hohem Maße dazu bei, dass die Länder ihre touristischen Möglichkeiten nur bedingt nutzen können. Insgesamt geht der westliche Tourismus in allen islamischen Ländern stark zurück, und seine Erholung wird von der politischen Stabilität der Länder abhängen. Allerdings darf der innerarabische Tourismus, der von den Golfstaaten ausgeht und die arabischen Mittelmeeranrainerstaaten zum Ziel hat, nicht unterschätzt werden. Ebenso ist der Binnentourismus, der sich auf die Sommermonate beschränkt, in allen Staaten von großer Bedeutung.

2.9  Die gesellschaftliche und soziale Entwicklung im islamischen Raum

In der gesamten Region (außer Palästina) lebten im Jahr 2010 rund 720 Millionen Menschen und damit fast doppelt so viele wie noch 1980. Als Hauptgründe für dieses explosive Bevölkerungswachstum sind der Rückgang der Sterberate, die günstigere Relation von Ärzten zu Einwohnern sowie die Verbesserung der Kindbettversorgung zu nennen. Allerdings hat sich inzwischen das Bevölkerungswachstum stark verlangsamt, wie die Beispiele Marokko, Tunesien, Türkei und Iran zeigen, die nur noch eine Wachstumsrate von etwa 1,5 Prozent zu verzeichnen haben. Urbanisierung, erhöhte Geburtenkontrolle und insbesondere die Stärkung der sozialen Stellung der Frauen31 spielen hier eine wichtige Rolle.

Der in vielen Ländern der Region zu beobachtende gestiegene Wohlstand und die verbesserte menschliche Entwicklung lassen sich anhand des Human Development Index (HDI) ablesen.32 Qaṭar und die VAE verfügen über einen HDI, der den Wert 0,8 übersteigt und fallen somit in die Gruppe der sehr hochentwickelten Länder, zu denen auch Deutschland mit einem HDI von 0,92 zählt. In der Klasse der hochentwickelten Länder finden sich überdies die ölexportierenden Staaten Baḥrain, Kuwait, Saudi-Arabien und Libyen mit Werten zwischen 0,7 und 0,8. Weiterhin gehören Kasachstan, Libanon, Iran, Aserbaidschan, Oman, die Türkei, Algerien und Tunesien in diese Kategorie. Als Länder mittleren Entwicklungsstandes gelten im Jahr 2013 in absteigender Reihenfolge Jordanien, Turkmenistan, Palästina, Ägypten, Usbekistan, Syrien33, Kirgisien, Tadschikistan, Marokko sowie der Irak. Unterhalb von 0,5 wird von einem niedrigen Entwicklungsstand gesprochen. Hierzu zählen auch Mauretanien, Jemen, Sudan und Afghanistan. Doch bedeutet selbst ein relativ hoher Wert nicht, dass es in diesen Ländern keine Entwicklungsdefizite gibt, denn er bildet weder die Ungleichverteilung von Einkommen innerhalb der Bevölkerung noch geschlechterbezogene Disparitäten ab. So hat z. B. Saudi-Arabien einen HDI von 0,782, der geschlechtsbezogene Index beträgt jedoch nur 0,682. Dies bedeutet, dass Frauen bei Bildung, Einkommen und Lebenserwartung benachteiligt sind. In zahlreichen Staaten trifft man auf ein schwaches Gesundheitssystem, fehlende Bildung und eine wachsende Analphabetenrate. Besondere Probleme sind die meist fehlende Gleichberechtigung von Männern und Frauen sowie ein großes Entwicklungsgefälle zwischen den ländlichen Regionen und städtischen Einzugsbereichen. Die angestrebte menschliche und gesellschaftliche Entwicklung wird in vielen Staaten unterbrochen und zurückgeworfen, da politische Instabilität, ethnische Konflikte und Kriege jegliche Verbesserung zunichtemachen. Im Jahr 2013 fällt der niedrigste Wert der Region mit 0,374 auf das krisengeschüttelte Afghanistan. Im Jemen hat die Zahl der Kinder mit Mangelerscheinungen seit 1990 sogar zugenommen, fast die Hälfte der Kinder ist untergewichtig und in ihrem Wachstum gehemmt, was sich auf die Entwicklung des Landes und die Gesellschaft insgesamt auswirkt.

Insgesamt weisen die meisten Staaten des islamischen Raumes zwar über die Jahre ein tendenziell steigendes, jedoch vergleichsweise sehr niedriges Pro-Kopf-Einkommen auf, das in den meisten Fällen unter dem Weltdurchschnitt bleibt. Festgehalten werden kann, dass die Staaten des islamischen Raumes im internationalen Vergleich auf der Basis des HDI in zahlreichen Dimensionen zurückgefallen sind. Ein weiteres substanzielles Problem aller islamischen Länder ist die rapide ansteigende Ungleichheit der Einkommensverteilung und die damit einhergehende zunehmende gesellschaftliche Fraktionierung.34 Die daraus resultierende Verarmung breiter Bevölkerungsschichten in den ländlichen Regionen wie auch in den Metropolen35 bringt die Menschen an den Rand des Existenzminimums. Bei einer weiteren Verschärfung der geschilderten Zustände wird diese gesamtgesellschaftliche Problematik zu einer explosiven Spannung beitragen.

3  Die soziopolitische Dynamik im islamischen Raum

3.1  Innerislamische Bewegungen und panislamische Bestrebungen

Der Islam ist eine Religion der Gemeinschaft, deren Organisationen und Institutionen auf den sozialen und politischen Zusammenhalt aller Muslime abzielen. Regeln und Normen des Islams erzeugen eine Dynamik zum Erhalt des religiösen Zusammenschlusses, wie z. B. der Fastenmonat Ramadan, der Familien und Verwandtschaft an einen Tisch bringt, oder die Pilgerfahrt (ḥaǧǧ), die Muslime aus allen Ländern in Mekka vereint. Hinzu kommen ungezählte lokale, regionale und nationale Pilgerziele jenseits des religionsgesetzlich verbindlichen ḥaǧǧ. Man kann diese Dynamik als Bestrebung zur Zusammenführung des islamischen Raumes im Sinne der umma islāmīyabegreifen. Jeder Muslim ist gehalten, einmal im Leben die Pilgerfahrt nach Mekka auf sich zu nehmen. In den letzten Jahrzehnten lässt sich eine deutliche Zunahme der Pilgerfahrten nach Mekka erkennen: von 1,8 Millionen im Jahr 1995 stieg ihre Zahl 2011 auf 2,9 Millionen an, obwohl das Gastland Saudi-Arabien aus logistischen und sicherheitstechnischen Gründen die Zahl der Pilger begrenzt und regional kontingentiert. Ausgehend von der Pilgerfahrt nach Mekka wurde bereits 1924 eine Konferenz einberufen mit dem Ziel, die organisatorischen Probleme in den Griff zu bekommen. Dieser Versammlung folgten bald weitere Veranstaltungen, von denen besonders der »Allgemeine Islamische Kongress« von 1931 in Jerusalem und die Gründung der »Liga der islamischen Welt« 1962 erwähnenswert sind. Am wichtigsten ist derzeit die »Organisation der islamischen Konferenz«, die man 2011 in »Organisation für islamische Zusammenarbeit« umbenannte. Sie wurde 1969 mit Sitz in der saudi-arabischen Hafenstadt Dschidda ins Leben gerufen und verfügt über 57 Mitgliedsstaaten.36 Die bei der Gründung verfolgten Ziele waren der Entkolonialisierung geschuldet; sie wurden 2008 durch Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaat, verantwortungsbewusste Regierungsführung sowie die politische Lösung des Palästinakonfliktes ersetzt.

Religiöse Institutionen der Nationalstaaten und religiöse Bruderschaften mit regionalen Niederlassungen tragen zur verstärkten Vernetzung und zur intensiveren Kommunikation im islamischen Raum bei. Nicht nur die von Saudi-Arabien unterstützten Wahhabiten und Salafisten versuchen mit kämpferischer Missionstätigkeit, Menschen in aller Welt für ihre Vorstellungen des Islams zu gewinnen. Die Tablighi Jamaʿat37kann als weiteres Beispiel für eine solche international tätige Missionsorganisation angeführt werden. Globalisierung und Digitalisierung haben bewirkt, dass der Austausch zwischen den Menschen der islamischen Welt sehr stark gewachsen ist und die islamische Welt näher zusammenrückt. Dies kommt unter anderem darin zum Ausdruck, dass sich seit dem letzten Jahrzehnt ein großer Teil der islamischen Gesellschaften bei Alltagsroutinen verstärkt dem Islam zuwendet.

3.2  Die Arabische Liga und arabische Kultur

Die arabische Welt umfasst pragmatisch gesehen alle Mitgliedsstaaten der Arabischen Liga und damit die Kernländer des islamischen Raumes. Der Staatenbund wurde 1945 in Kairo gegründet und verfügt über 22 Mitgliedsstaaten. Zahlreiche Unterorganisationen versuchen die Aufgaben und Ziele der Liga umzusetzen, deren Organisationsstruktur mit der der Europäischen Union vergleichbar ist. Ihre wichtigsten Ziele sind die Förderung der Solidarität, Unabhängigkeit, Souveränität und Außeninteressen der Mitgliedsländer sowie die Anerkennung Palästinas als unabhängigen Staat. Innerhalb der arabischen Welt wurde im Jahr 1981 der Golf-Kooperationsrat (Gulf Cooperation Council, GCC) ins Leben gerufen, dem die ölreichen Golfstaaten Baḥrain, Qaṭar, Kuwait, Oman, Saudi-Arabien und die VAE angehören, um als »einzige Einheit« für die »Sicherheit und Stabilität« in der Region zu sorgen. Unter anderem erwägen die Mitgliedsstaaten nach dem Vorbild der EU die Einführung einer gemeinsamen Währung.38

Die arabische Hochsprache, die Sprache des Korans, der klassischen Literatur, der Radio- und Fernsehnachrichten sowie der wöchentlichen Predigten ist das grundlegende Band der arabischen Welt. In 23 Staaten von Marokko bis Irak ist Arabisch Staatssprache mit über 250 Millionen Sprechern. Trotz der zahlreichen regionalen, miteinander oft kaum kompatiblen Dialekte verständigt man sich in einem »Medium Arabic«, das in Presse, Funk, Fernsehen und Film Verwendung findet. Der überaus hohe Konsum von arabischen Fernsehserien und die zahlreichen Informationskanäle, allem voran der in Qaṭar angesiedelte Nachrichtensender Al-Jazeera, tragen zur sprachlichen Homogenisierung der arabischen Bevölkerung über die Staaten hinweg bei. Die moderne arabische Kultur entwickelt sich in materieller, praktischer und intellektueller Hinsicht. Ob nun die marokkanische Fliesenproduktion als arabisches Design in zahlreichen Staaten auftaucht oder ob die marokkanische Jugend vorzugsweise libanesische Musik hört und dabei die in Marokko noch vor fünfzehn Jahren nicht gebräuchliche arabische Wasserpfeife raucht – es handelt sich um arabische Kultur. In vielen Ländern, insbesondere in Ägypten, Libanon und Syrien sowie Marokko und Tunesien, haben sich eigenständige arabische Filmproduktionen und arabische Filmkultur etabliert. Die arabische Welt ist dennoch ethnisch nicht homogen, wie die Berberbevölkerung in den nordafrikanischen Staaten Marokko und Algerien oder nomadischen Tuareg der Sahara exemplarisch belegen.

3.3  Die türkische Welt oder die Turkstaaten

Die »turksprachigen Länder« oder auch »Turkstaaten« definieren ihre Gemeinsamkeit ebenfalls über ihre Sprache sowie über Aspekte ihrer Kultur und ihrer Geschichte. Nach dem Niedergang des Osmanischen Reiches zum Ende des Ersten Weltkrieges etablierte sich im ehemaligen Kerngebiet des Vielvölkerstaates die moderne Türkei. Aufgrund einer rigorosen, an Europa orientierten Nationalisierungspolitik spielen die zahlreichen unterschiedlichen Ethnien und Sprachgemeinschaften, die auf dem Staatsgebiet der Türkei existieren, heute nur eine untergeordnete politische Rolle. Einzig die Kurden bilden eine Ausnahme. Die nach dem Zerfall der Sowjetunion in der multiethnischen Region entstandenen turksprachigen Staaten Aserbaidschan und Turkmenistan verfügen über ein ethnisch relativ homogenes Staatsvolk von 85 bzw. 90 Prozent mit vielen kleinen Minderheiten. Kasachstan weist mit 23,5 Prozent und Usbekistan mit (vermutlich) 30 Prozent einen relativ hohen Anteil eingewanderter russischer Bevölkerung auf, während die über hundert Minderheiten, die in jedem der beiden Staaten leben, sehr klein sind. In Kirgisien und Tadschikistan besteht die größte Minderheit aus jeweils ca. 15 Prozent Usbeken.

Im Jahr 1992 kamen Aserbaidschan, Kasachstan, Turkmenistan, Usbekistan, Kirgisien und die Türkei erstmals zu einem »Gipfel turksprachiger Länder« zusammen. Allerdings zeigte sich auf den anschließenden jährlichen Treffen, dass die Gemeinsamkeiten von bestehenden Interessenskonflikten überwogen werden. Erst nach der Jahrtausendwende rückten die Turkstaaten enger zusammen. Das zehnte Gipfeltreffen 2010 in Istanbul erzeugte schließlich feste Strukturen für ihre Zusammenarbeit. Bereits ein Jahr zuvor wurde der Cooperation Council of Turkic Speaking States (CCTS) gegründet. Seine Mitglieder Kasachstan, Aserbaidschan, Kirgisien und die Türkei wollen damit nicht nur die wirtschaftlichen Beziehungen, sondern auch die kulturelle Zusammenarbeit sowie den Tourismus in der türkischen Welt voranbringen. Die Mitgliedsstaaten bekräftigen, die Charta der Vereinten Nationen einzuhalten und ihren Beitrag für Frieden und Stabilität in ihrer Region zu leisten. Zudem sollen die Bereiche Handel und Investition, Wissenschaft, Technologie, Bildung, Kultur, Massenmedien und der Schutz der Menschenrechte gefördert werden. Als potenzielle Mitglieder stehen die anderen zentralasiatischen Staaten bereit. Dementsprechend äußerte sich der türkische Außenminister beim Gipfeltreffen in Istanbul im Oktober 2011 euphorisch: »Ich hoffe, dass das 21. Jahrhundert das Jahrhundert der turksprachigen Länder sein wird.«39

3.4  Die »Iran-Connection« – oder die Islamischen Republiken Iran, Afghanistan und Pakistan?

Die Ausdehnung des historischen Raumes »Greater Iran«, der heute noch kulturelle Ähnlichkeiten aufweist, reicht vom Euphrat bis zum Indus und vom Arabischen Meer bis zum Aralsee. Innerhalb dieses Gebietes trifft man auf die iranischen Sprachen Persisch, Urdu, Paschto und Belutschi, die nicht nur in Iran, sondern auch in Afghanistan und Pakistan gesprochen werden. Anlass für das Treffen der Staatsoberhäupter der drei Republiken im Jahr 2012 war allerdings weniger deren sprachliche Verbundenheit, als vielmehr die von ihnen allen subjektiv empfundene Bedrohung durch die USA. Diese gemeinsame Feindschaft lässt die drei Staaten zur »Iran-Connection«40, wie das Treffen von amerikanischen Analysten bezeichnet wurde, zusammenrücken.

Die Staaten zwischen Europa und Indien zählen zu den bunten Vielvölkerstaaten, die nicht nur Probleme der Nationalisierung nach innen, sondern auch erhebliche Schwierigkeiten an ihren Außengrenzen haben. In Iran leben über 60 Prozent Perser, die übrige Bevölkerung setzt sich aus zahlreichen Minderheiten wie Aserbaidschanern, Kurden und Luren zusammen. Zu den unzähligen weiteren ethnischen Gruppen zählen Araber, Belutschen, Turkmenen, Kaschgai und Georgier. Schließlich sind noch die nichtmuslimischen Gruppen wie Aramäer, Armenier und Juden zu erwähnen. In Afghanistan stellen die Paschtunen mit etwa 35 Prozent die wichtigste Gruppe dar. Ihnen folgen die gleichfalls sunnitischen Tadschiken mit ca. 33 Prozent. Die schiitischen Hazara machen etwa neun Prozent der Bevölkerung aus. Die Usbeken, eines der vielen Turkvölker Zentralasiens, kommen auf fast zwölf Prozent. Die vielen weiteren Ethnien erreichen nur jeweils vier Prozent oder weniger. Belutschen und Paschtunen leben in Afghanistan und Pakistan, da ihre Stammesgebiete durch die Grenzziehung der beiden Staaten zerteilt wurden. Pakistan wiederum ist ethnisch entlang dem Indus in die Ethnien der Paschtunen (15 % Anteil) und Belutschen (3,5 %) sowie in Sindhi (24,8 %) und Punjabis (45 %) gegliedert. Es ist offensichtlich, dass sich die erstgenannten beiden Gruppen nach Afghanistan orientieren, während die Punjabis in Pakistan tonangebend sind. Dazu kommen noch die Sarakis (8,4 %) und die Muhajirs (7,6 %) sowie weitere ethnische Gruppen. Die Stämme, die in den Bergregionen Afghanistans und Pakistans leben, ordneten sich dem Nationalstaat noch nie bzw. nur bedingt unter. Sie sehen sich autonom gegenüber den hoheitlichen Ansprüchen des Zentralstaates.

3.5  Majlis Bahasa oder die Sprachengemeinschaft Brunei-Indonesien-Malaysia

Die muslimisch dominierten Staaten Brunei, Indonesien und Malaysia haben sich 1972 zum Language Council of Brunei-Indonesia-Malaysia oder kurz formuliert zum Majlis Bahasa zusammengeschlossen. Dabei handelt es sich um eine regionale Organisation, die sich vornehmlich um die Pflege und Entwicklung der malaysischen und indonesischen Sprache bemüht. Der Islam in Südostasien galt lange Zeit als offen, tolerant und unpolitisch. Er adaptierte religiöse Traditionen, die dort vorherrschend waren: »In einem gewissermaßen ›interaktiven Prozess‹ wurden auf diese Weise hinduistische, buddhistische oder animistische Elemente integriert, wodurch sich ein heterogener, moderater, toleranter Islam (…) herausbildete.«41 Es kam zu einem raffinierten Prozess der wechselseitigen Beeinflussung zwischen den lokalen Religionen und dem Islam, der das orthodoxe Normensystem des letzteren veränderte, was besonders im Alltag, z. B. in den Verhaltensregeln zum Ausdruck kommt. Allerdings treten seit Anfang des 21. Jahrhunderts immer deutlicher separatistische Strömungen »für die Errichtung eines islamischen Staates auf den Süd-Philippinen und im indonesischen Archipel«42 hervor, weshalb sich das Bild eines friedlichen und toleranten Islam in Südostasien zunehmend wandelt.43

3.6  Geographie der Gewalt im islamischen Raum

Man kann die Geographie der Gewalt im 21. Jahrhundert im islamischen Raum trotz ihrer komplexen Dynamik vereinfacht unter fünf unterschiedliche Aspekte fassen: Der Konflikt um das Territorium Palästinas, die Energie- und Sicherheitsinteressen der industriellen Weltmächte, das Problem der Ethnien ohne Nationalstaat, das allgemeine Aufbegehren gegen autoritäre Regime sowie der Staatszerfall durch Stammesautonomie.44

Das Territorium des Staates Israel ist vom Völkerbund 1922 als »nationale Heimstätte für das jüdische Volk« legitimiert und von den Vereinten Nationen 1947 als »ehemaliges britisches Mandatsgebiet Palästina« dem zukünftigen Staat Israel zugesagt worden. Auf dem restlichen Gebiet, mit Ausnahme der Stadt Jerusalem, sollte ein palästinensischer Staat entstehen. Nach der Proklamation des Staates Israel kam es in den Jahren 1948, 1967 und 1973 zu kriegerischen Auseinandersetzungen. 1987 und 2000 versuchte die palästinensische Bevölkerung ihre staatenlose Situation gewaltsam durch Aufstände (intifāḍa) zu verändern. Selbstmordattentate und Raketenbeschüsse durch Palästinenser hatten auf israelischer Seite gezielte Tötungen, flächendeckende Bombardements, Zerstörung von Wohnhäusern und den Bau von Betonmauern zur Folge. Das Westjordanland zerfällt in zahlreiche Teilgebiete mit abgestufter palästinensischer Autonomie und wird von Israel mit abweisenden Sperrmauern und jüdischen Siedlungen verbaut; auch kaufen Israelis schrittweise das arabische Ostjerusalem auf. Die Infrastruktur des mit 1,5 Millionen Bewohnern übervölkerten Gazastreifens wird immer wieder zerstört, was einen normalen Alltag unmöglich macht. Darüber hinaus sind inner-palästinensische Auseinandersetzungen an der Tagesordnung, denn das Westjordanland wird von der gemäßigten Fataḥ-Partei regiert, der Gazastreifen dagegen von der radikalen Ḥamās gelenkt. Das Problem der palästinensischen Flüchtlinge im Westjordanland und im Gazastreifen sowie in den umliegenden arabischen Ländern ist nach wie vor ungelöst.

Karte 7:  Die kolonialen Machtansprüche im islamischen Raum zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Mit dem Ende der Kolonialherrschaft war kein Ende der internationale Einflussnahme auf die ölreichen Länder des Raumes abzusehen. Im Gegenteil bekam sie nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 unter der Führung der USA eine neue Qualität: Die Interessen an günstiger fossiler Energie und die Verfolgung von islamistischen Terroristen wurden gebündelt und führten zu den kriegerischen Interventionen in Afghanistan und im Irak.

Weitere Konflikte der Region sind darauf zurückzuführen, dass bei der Genese der Nationalstaaten in der Regel auf die kolonial vorgegebenen territorialen Grenzen zurückgegriffen wurde. Im Gegensatz dazu spielten Ethnien oder Lebensformen bei der Grenzziehung keine Rolle. Die drei bekanntesten Beispiele der Ethnien ohne Staat sind die Kurden, Tuareg und Sahraoui. Die Kurden in den Staaten Türkei (ca. 20 Mio.), Iran (ca. 6 Mio.), Irak (ca. 5 Mio.) und Syrien (ca. 1,5 Mio.) haben bis heute, trotz mehrfacher Zusagen der Völkergemeinschaft, keinen eigenen Nationalstaat. Die Tuareg sind ein Berbervolk von insgesamt zwei bis drei Millionen Menschen, die hauptsächlich in den Staaten Mali, Algerien, Niger und Libyen leben. Um ihre nomadische Lebensform beibehalten zu können, zettelten sie immer wieder Aufstände gegen die Kolonialmächte und später gegen die Zentralregierungen der Nationalstaaten an, deren Grenzen ihre Weidegründe und Transportrouten zerschnitten haben. Auch die Sahraoui, die nomadischen Bewohner der ehemaligen spanischen Sahara (der heutigen Westsahara) erstreben einen eigenen Staat. Die kleine Gruppe von 0,67 Mio. Menschen ist aber nicht in der Lage, gegen die High-Tech-Grenzanlagen des marokkanischen Staates anzukommen.

Mit der Gründung von Nationalstaaten haben sich in der Region durchweg autokratische Regime etabliert. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wächst im islamischen Raum allerdings eine Generation heran, die sich in der Zivilgesellschaft engagiert und politisch partizipieren will, wobei fast zwei Drittel der gesamten Bevölkerung jünger als 30 Jahre ist. Abgesehen von den geschätzten 15 Prozent an wohlhabenden Arabern verarmt der größte Teil der Einwohner zusehends. Die alltäglich gespürte Armut war neben dem Ärger über ineffiziente Behörden und die korrupte Justiz einer der Auslöser für die Mobilisierung größerer Gruppen gegen die langjährigen Herrscher in Libyen, Tunesien, Ägypten und Syrien. Es ist zu hoffen, dass sich in diesen Ländern nicht das Szenario des ehemaligen Nationalstaats Somalia wiederholt, der, im Jahr 1960 als Nachfolgestaat von Britisch- und Italienisch-Somali Land gegründet, seit dem Ende der autoritären Regierung im Jahr 1991 im Zerfall begriffen ist. Der Teil des Landes am Horn von Afrika hat sich als Somali-Land unabhängig gemacht, die übrigen Landesteile befinden sich in der Hand lokaler Kriegsherren, regionaler Stammeshäuptlinge, islamistischer Führer und krimineller Piratenchefs. Hierbei spielt es keine Rolle, dass die meisten Bewohner des Landes derselben Ethnie (Somali) und derselben Religion (Islam) angehören.

4  Islamisierung und Expansion sowie Homogenisierung und Fraktionierung des islamischen Raumes im 21. Jahrhundert

Der islamische Raum verdichtet, fraktioniert und expandiert. Die intensive Islamisierung der muslimischen Gesellschaften drückt sich nicht nur in zunehmend religiös begründeter Alltagspraxis der Menschen aus, sondern auch in der veränderten Organisation gesellschaftlicher Institutionen. Die islamischen Praktiken und ihre Begründungen differieren von Ort zu Ort und stehen oftmals in Widerspruch zueinander. Einerseits produziert die Medialisierung der islamischen Welt eine Homogenisierung, die andererseits durch die extreme Fraktionierung und vielfältige Diversifizierung der Bevölkerung ihre Gegenlager erzeugt. Ethnien, Stämme und Clans treten verstärkt hervor und werden insbesondere entlang ihrer religiösen Grenzen verschärft wahrgenommen. Der zentralistisch organisierte Nationalstaat steht für den islamischen Raum zur Disposition. Es bleibt abzuwarten, ob die Länder ihre derzeitige staatliche Integrität erhalten oder in lokale Herrschaftsregionen zerfallen; sicher vorherzusagen ist aber eine zunehmend islamistische Zukunft.

Lesehinweise

Eine lesenswerte zusammenfassende Darstellung des islamischen Raumes, bei der geographische Aspekte berücksichtigt werden, ist bei Eickelman: The Middle East and Central Asia zu finden. Aufgrund der Schilderungen des Naturraums und der kulturellen sowie historischen Zusammenhänge sind die Publikationen von Ehlers: Der Islamische Orient und von Nohlen und Nuscheler: Handbuch der Dritten Welt. Nordafrika und naher Osten empfehlenswert, deren statistische Daten allerdings veraltet sind. Eine aktuellere und übersichtliche Einführung in Geschichte, Politik, Religion, Gesellschaft und Wirtschaft der arabischen Staaten bietet Weiss: Die arabischen Staaten sowie das Büchlein Nordafrika und Vorderasien von Grindt, Escher und Zimmermann. Eine populärwissenschaftlich fundierte und kritische Einführung in die Entwicklungsprobleme der arabischen Staaten gibt Meyer: Die Arabische Welt im Spiegel der Kulturgeographie. In der 2/2014 erschienenen Ausgabe der Geographischen Rundschau Wandel im Arabischen Raum werden die Rahmenbedingungen des »Arabischen Frühlings« zusammenfassend dargestellt und in einzelnen Aufsätzen die aktuellen Entwicklungen in Ägypten, Marokko, Libyen, Tunesien, der Türkei, Syrien und im Jemen analysiert.

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