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Beschreibung

Der pädagogische Bestseller ‹Dummheit ist lernbar› von Jürg Jegge wurde im deutschsprachigen Raum 200 000 Mal verkauft. Nur Alexander Neills ‹Antiautoritäre Erziehung› toppte die Zahlen. Nachdem bekannt wurde, dass Jegge Schüler sexuell missbraucht hat, suchen die Autorinnen und Autoren durch eine Re-Lektüre nach Erklärungen, wieso ‹Dummheit ist lernbar› zur Geburtsurkunde eines ‹neuen Pestalozzi› werden konnte. Die Beiträge des vorliegenden Bandes beschäftigen sich nicht mit der Person Jegge, sondern mit dessen pädagogischen Schriften. Die grosse Bekanntheit, breite Akzeptanz und die unkritische Auseinandersetzung mit dem Buch nähren die Annahme, dass ‹Dummheit ist lernbar› die Leserinnen und Leser von links bis rechts faszinierte, trotz der darin enthaltenen vernichtenden Lehrer- und Schulkritik sowie der Verachtung gegenüber «Unterschichtseltern». Was aber hat diese Faszination und Bewunderung ausgelöst? Allein dieser Frage wegen drängt sich eine Re-Lektüre auf. Aus dem Inhalt – Zur Wahrnehmung des Buches bei und nach seinem Erscheinen – Zum Kontext der Emanzipationspädagogik der 1970er-Jahre – Zur Sprache von ‹Dummheit ist lernbar› – Über Jegges Bezugnahmen auf die Psychoanalyse – Jürg Jegge – Verteidiger von Kinderrechten? – Zum Vorrang der emotionalen Gemeinschaft in Jegges Pädagogik – ‹Dummheit ist lernbar› neu und wiedergelesen – Zur Ästhetik von Jegges Publikationen – Der pädagogische Zirkel – Analogien zur Odenwaldschule: Warum erfreuen sich die Täter einer streitbaren Lobby? Mit Beiträgen von Patrick Bühler, Nicole Gönitzer, Hans-Ulrich Grunder, Andreas Kaiser, Veronika Magyar-Haas, Damian Miller, Petra Moser, Jürgen Oelkers, Peter Schneider, Urs Strasser, Brigitte Tilmann

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Seitenzahl: 331

Veröffentlichungsjahr: 2018

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DAMIAN MILLER, JÜRGEN OELKERS (HRSG.)

IST DUMMHEIT LERNBAR?RE-LEKTÜREN EINES PÄDAGOGISCHEN BESTSELLERS

Der Zytglogge Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.

Mit freundlicher Unterstützung durch:

© 2018 Zytglogge Verlag AG, Basel

Alle Rechte vorbehalten

epub: 978-3-7296-2246-3

Damian Miller, Jürgen Oelkers (Hrsg.)

Ist Dummheitlernbar?

Re-Lektüren einespädagogischen Bestsellers

Inhaltsverzeichnis

EinleitungDummheit ist lernbar – Fragen und ZusammenhängeJürgen Oelkers und Damian Miller

Offener Brief an Jürg JeggeMarkus Zangger

Zur Wahrnehmung von Dummheit ist lernbarnach seinem ErscheinenHans-Ulrich Grunder

Dummheit ist lernbar im Kontext der deutschenEmanzipationspädagogikJürgen Oelkers

Zur Sprache von Dummheit ist lernbarDamian Miller

Corrective Emotional ExperienceJürg Jegge und die Heilung durch ÜbertragungPeter Schneider

«Helfen können nur echte zwischenmenschliche […]Beziehungen» – Jürg Jegges emotionale kompensatorischeTherapiePatrick Bühler

Jürg Jegge – Verteidiger von Kinderrechten?Nicole Gönitzer

Zum Vorrang der emotional(isiert)en pädagogischenBeziehung in Jürg Jegges Schrift Dummheit ist lernbarVeronika Magyar-Haas

Dummheit ist lernbar erstmals gelesenAnnet Belser, Lehrerin

Dummheit ist lernbar – endlich ganz gelesenAndreas Kaiser, Lehrer

Dummheit ist lernbar – Wie das Buch meinen Unterricht prägte.Ein persönlicher RückblickUrs Strasser

Subversive Bilder wider WillenDie gekrümmten Gurken des Jürg JeggePetra Moser

Dummheit ist lernbar als Schutz vor EntdeckungHugo Stamm

Odenwaldschule, Jürg Jegge und andere –haben wir seit 2010 etwas gelernt?Ein Gespräch mit Brigitte Tilmann

Biografische Angaben zu den Autorinnen und Autoren

EinleitungDummheit ist lernbar – Fragen und Zusammenhänge

Jürgen Oelkers und Damian Miller

Jürg Jegges Buch Dummheit ist lernbar, sein Erstlingswerk, erschien im Spätsommer 1976. Das Buch wurde schnell bekannt und erzielte zahlreiche Auflagen. 1980 veröffentlichte der Kösel-Verlag in München eine Fassung für den deutschen Buchmarkt. Auch Übersetzungen liegen vor. Bis 2016 wurden mehr als 200 000 Exemplare verkauft.

Das Buch war im ganzen deutschsprachigen Raum in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung etabliert und galt als Bezugspunkt oder besser Beweisgrund für eine schülerzentrierte, empathische Pädagogik, die institutionelle Grenzen im Namen des Kindes herausfordern und erfolgreich überwinden kann. Dafür sprachen vor allem die Fallbeispiele und Geschichten des Buches, die anschaulich machten, was eine Pädagogik vom Kinde aus leisten konnte.

Jegges Fallbeispiele in Dummheit ist lernbar dienten dem Darmstädter Pädagogen Ludwig Pongratz1 in seinem Buch Sackgassen der Bildung (2010) als Ausgangspunkt, um das Feld der pädagogischen Theoriebildung zu erklären. Es genüge nicht, in der Theorie bei einzelnen Beispielen zu verharren, man müsse sich über diese «erheben» und einen grösseren Verstehenszusammenhang schaffen.2 In Anlehnung an Klaus Mollenhauer erklärt Pongratz, dass an Geschichten wie denen von Albert und Heini in Jegges Buch eine Quintessenz der Pädagogik bzw. eine allgemeine Einsicht mitgeteilt werde, die sich sonst kaum mitteilen liesse. Das Erzählen solcher Beispiele, schreibt Pongratz, lasse «Bildsamkeit» erkennen und stelle nicht einfach eine Literarisierung der Pädagogik dar. Sie gehörten zur Sache wie die Kasuistik zur Rechtswissenschaft. «Die Geschichten, die Jegge erzählt (ebenso wie Makarenko, Neill, Pestalozzi, Salzmann), sind nicht nur Geschichten über Kinder, sondern zugleich Geschichten über den Erzieher/Lehrer.»3

Aber was ist, wenn die Geschichten manipuliert wurden und ihnen gar kein authentischer Realitätsgehalt zukommt? Mollenhauer wie Pongratz übernehmen die Geschichten ohne jede Prüfung, teilen einfach die Autorensicht und mehr noch, sie überhöhen sie als Beschreibung für eine vorbildliche Praxis. Dabei geraten die nicht passenden Bezüge aus dem Blick, Makarenkos rigorose Militärerziehung, Pestalozzis Unfähigkeit zu unterrichten und seine befürwortende Haltung zu körperlicher Züchtigung oder Neills fragwürdige Experimente mit der Psychoanalyse.

Am 5. April 2017 erschien Markus Zanggers Buch über die «dunkle Seite» von Jürg Jegge. Als ehemaliger Schüler Jegges berichtet er über jahrelangen sexuellen Missbrauch, den er über sich ergehen lassen musste. Wie sich danach herausstellte, war er nicht der Einzige. Man muss von systematischem Missbrauch ausgehen. Und Zangger berichtet auch, dass die Geschichten in Dummheit ist lernbar vom Autor des Buches manipuliert worden sind. Es waren also höchstens Jegges Fiktionen von «Bildsamkeit».

Zanggers Bericht über sein Martyrium wurde von den Deutschschweizer Medien stark beachtet. Jürg Jegge musste sich erklären und gestand in mehreren Interviews den Missbrauch. Die pädagogische Schweiz war erschüttert und Fragen wurden laut, wie ein dezidierter Reformpädagoge entgegen seinen Grundsätzen zum Sexualtäter werden konnte. Die Diskrepanz zwischen Wort und Tat könnte grösser nicht sein. Der verantwortliche Pädagoge hat verschiedene seiner Schutzbefohlenen nicht geschützt, sondern erniedrigt.

Die öffentliche Diskussion um sexuellen Missbrauch in der Schule hat zumindest Teile der Schweizer Pädagogik in ihrem Selbstverständnis getroffen. Jegge war über Jahrzehnte der führende Sprecher einer Alternativschulbewegung, die sich nun selbst entwertet zu haben schien. Wer Jegge verteidigte, nahm seine kindzentrierte Reformpädagogik in Schutz und argumentierte, dass er auch Gutes getan habe. Genannt werden dann sein Buch Dummheit ist lernbar und seine spätere Gründung des Projekts «Märtplatz».

Im DOK-Film «Das System Jegge – Missbrauch im Schatten der Reformpädagogik» des Schweizer Fernsehens (SRF) von Karin Bauer, der am 05.10.2017 gesendet wurde, werden Einwohner von Embrach, ehemalige Weggefährten, Vorgesetzte und Opfer über ihre damaligen Erfahrungen und Ahnungen interviewt. Bauer zeigt, dass und wie es Jegge gelang, in aller Öffentlichkeit ein geschlossenes System aufzubauen.

In einer Filmsequenz ist Markus Zangger mit Walti, einem Bewohner des Bauernhofs, in welchem Jegges «Schule in Kleingruppen» anfangs der Achtzigerjahre untergebracht war, im Gespräch.

Walti sagt zu Markus Zangger: «Ich seh ebe au die Andere […] 1000 hätt er villicht ghulfe, weisch.»

– Zangger: «Ich kenn die 1000 nöd.»

Walti entgegnet: «Villicht sind ihr 20 gsii», er sehe eben auch die andere Seite, dass Jegge praktisch den ganzen Lohn für die Schüler gegeben habe.

Markus Zangger spricht von Berechnung und klärt in Bezug auf die 20, die missbraucht worden sind: «[U]nd das rechtfertigt, wenn er 1000 ghulfe hätt? Nei. Die Rechnig dörf mer nöd mache minere Meinig nah.»

Walti kontert mit den Händen eine ausbalancierende Waage gestikulierend: «Moll, ich mach die Rechnig.»4

Diese Rechnung ist bekannt, man trifft sie genauso bei den Missbrauchsfällen an der Odenwaldschule, einer von der UNESCO-ausgezeichneten Vorzeigeschule der deutschen Reformpädagogik.5 In ihrem Bericht über die Untersuchung der Missbrauchsfälle haben die beiden Juristinnen Claudia Burgsmüller und Brigitte Tilmann 132 Fälle dokumentieren können. Elf Männer starben durch Selbsttötung. Mit einer Dunkelziffer ist naturgemäss zu rechnen.6

Der abwägenden Kalkulation von Nutzen und Kosten von Walti im DOK-Film unterliegt die Formel: Wie viel öffentlich Gelobtes rechtfertigt ein sexuell missbrauchtes Kind? Eine solche Abwägung und Rechnung mündet in die Verhandelbarkeit der Menschen- und insbesondere der Kindeswürde. Diese Kalkulation ist nicht nur im Fall Jegge nachweisbar, auch an der Odenwaldschule sollte nicht alles schlecht gewesen sein und es soll auch gute Seiten gegeben haben.

Von solchen Rechnungen und Zurechtlegungen lebt das System sexuellen Missbrauchs, das schnell zusammenbrechen würde, gäbe es keine Fassade der vorbildlichen Pädagogik, die Fragen verbietet. Und wer viel Gutes sieht, kann das Schlechte leicht marginalisieren oder eben viele gute Taten gegen wenige Missgriffe verrechnen.

Im Fall Jegge sollen es weniger als zehn Opfer sexueller Gewalt gewesen sein (innerhalb von 15 Jahren). Das zumindest behauptet er selbst,7 die Dunkelziffer kann auch hier nicht ermittelt werden. Wegen Verjährung der Straftaten, die Jegge vorgeworfen werden, ist nicht weiter ermittelt worden.8

In einem vergleichbaren Sinne wie Walti lässt ein ehemaliger Lehrerkollege von Jegge im DOK-Film verlauten: «Nachträglich go d’Moralkeule schwinge, find ich also ziemli denebed.»9

Im Interview in der NZZ, wo Jegge von diesen nicht mehr als zehn Fällen berichtet, beteuert er: «Aber es war nicht so, dass ich immer wieder ‹Frischfleisch› geholt hätte.»10

Jegges Wortwahl passt überraschend genau zu derjenigen der Jünger von Stefan George, die vom «pädagogischen Eros» schwärmten, sich den Ritualen von Männerbünden unterwarfen und nach «Süßschaften» fahndeten. Lehrer der 1910 gegründeten Odenwaldschule gehörten zu diesen Zirkeln, darunter der Musiklehrer Wolfgang Held, einer der Haupttäter.11 Der DOK-Film von Karin Bauer bestärkt die These, wonach das Schweigen des sozialen Umfeldes, trotz Verdacht, in den verschiedenen Ebenen eines Systems die Täter schützt.12 Das konsequente Schweigen – das Niederschweigen – ist bekannt nicht nur aus der katholischen Kirche,13 sondern auch aus anderen Konfessionen, geschlossenen weltanschaulichen und religiösen Gemeinschaften, Heimen, Familien, Vereinen, Knabenchören usw.

Bauers Film endet mit dem Satz: Die Dokumentation zeige, «wie der ehemalige Starpädagoge ein geschlossenes System schuf, das bis heute durch Schweigen dominiert wird»14.

Die Parallelen zur Odenwaldschule sind erdrückend. Seinerzeit schrieben Simon und Willeke (2010) von einem Schweigekartell und fragten, weshalb sich Staatsanwälte und Journalisten diesem angeschlossen hätten.

Jegge berichtet selbst in Dummheit ist lernbar, wie die Schulbehörde ihm Auflagen machte, die zusammengefasst eine strikte Trennung von Schule und Freizeit, Schulzimmer und Privatwohnung verlangt haben.15 Es gab auch Eltern, denen es suspekt vorkam, dass die Kinder auffällig viel Freizeit und sogar Ferien mit Jegge verbrachten. Zanggers Mutter hegte den Verdacht, dass etwas nicht stimmen könne. Die Mutter des Schülers S. wandte sich mit konkretem Verdacht, aber ohne formelle Anzeige, erfolglos an die Polizei.16 Solche allgemeinen Polizeiberichte wurden nach fünf Jahren vernichtet.

Aufgrund der Aussagen im Film lässt sich das Ausmass der Missbrauchsfälle rekonstruieren. Eindeutig klar ist, dass sexuelle Handlungen an Minderjährigen in den 70er-Jahren ein Offizialdelikt waren bzw. dem Strafrecht unterstanden. Davon zeugen verschiedene Bundesgerichtsentscheide – basierend auf Art. 191 StGB: BGE 104 IV 217, BGE 98 IV 199, BGE 97 IV 25.

Das Schweigen der betroffenen Kinder und Eltern sowie anderer Akteure lässt sich, trotz der massiven Mängel an Jegges Schulführung und seiner Unterrichtspraxis, die der Bericht Untersuchung Jürg Jegge17 nachweist, auch mit dem durchschlagenden Erfolg von Dummheit ist lernbar erklären. Ein Jahr nach dem Erscheinen der Erstausgabe, also 1977, erhielt Jegge eine Ehrengabe des Kantons Zürich18, die Laudatio lobte seine genauen Beobachtungen und die erzieherische Fantasie für neue Lösungen. Einem Ausgezeichneten, dem Lehrer der Nation, begegnet man nicht mit Argwohn, schaut nicht genau hin, weil das Unkonventionelle sein Erfolgskonzept zu sein schien, und vor allem äussert man nicht öffentlich Kritik. Jegge kokettierte wiederholt damit, wie sein Buch zu einer Kehrtwende seiner Wahrnehmung in der Öffentlichkeit führte.

Prominenz schützt, das zeigen die Fälle des englischen Starmoderators Jimmy Saville, des deutschen Schauspielers Klaus Kinski oder auch des englischen Fotografen David Hamilton. Alle haben jahrzehntelang sexuelle Gewalt ausgeübt und konnten dabei mit Schutz durch Schweigen rechnen. Auch der Reformpädagoge Gerold Becker war prominent genug, um jeden Verdacht von sich abhalten zu können.

Bauers Film beginnt mit den Aussagen: «Ich han es Gspüri gha, öppis isch, aber ich han nöd chönne säge was […] Mer hätt gmunkled, dass die Schüler die ganz Nacht dihei bim Jürg ii de Wohnig sind. Aber niemer hätt sich getraut do nöcher anezluege.»19

Jegge wird mit einem alten Fernsehfilm zitiert: «Die Chind sind zimmli vill mit mir zämme, sie sind bi mir diheime bispillswiis […] Und jetzt laht sich mitne therapeutisch schaffe.»20

Sein «therapeutisches Schaffen» war das «Dureschnuufä» – der sexuelle Missbrauch.21 Laut R., dem damaligen Projektleiter in der Erziehungsdirektion des Kantons Zürich, überzeugte Jegge mit seinen Vorstellungen, die Kinder zu unterrichten: «Will de Jürg hätt chönne klarmache mit dene Bricht mit sinere ganze Art, dass zur Befreiig vom Chind de Versuch genau nötig isch.»22 Von den Beanstandungen der lokalen Behörde hätten sie nichts gewusst, obwohl sie im Buch zu lesen waren.

Im DOK-Film spricht Jegges Lehrerkollege lächelnd abschätzig über den Strassenmeister und die Betriebsleiter, die ihn zu beaufsichtigen hatten.23 Wer so über die Kontrollinstanzen redet, suggeriert, dass diese Laien kaum eine Ahnung von der Schule gehabt haben. Zu bedenken ist indes, dass gerade die lokale Behörde, also die Laien, Jürg Jegge massiv kritisierte.24

Der ehemalige Bezirksschulpfleger und Sonderschullehrer G. meinte, Jegge sei für sie als junge Lehrer eine Autorität gewesen, er wurde hochgejubelt und man hatte eine gewisse Ehrfurcht vor ihm: «Er isch besser usbildet gsii und d’Erziehungsdirektion stellt ihn aa. Mer hätt wiene Ehrfurcht gha und gar nöd studiert.»25

Der damalige Projektleiter R. erinnert sich: «Es git Lüüt wo sich Überlegige gmacht händ, dass mer ihn schützt, will er populär gsi isch, das isch ja es Muster i de Gsellschaft.»26

Dieses Muster konnte man an der Odenwaldschule geradezu idealtypisch nachvollziehen. Mehr als zehn Jahre – 1999 bis 2010 – wurde der sexuelle Missbrauch niedergeschwiegen. Im Artikel «Der Lack ist ab», in dem der Autor Jörg Schindler über den sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule berichtete, erschien 1999 in der «Frankfurter Rundschau».27 Die Zeitung hatte damals eine Auflage von über 200 000 Exemplaren. Doch nichts geschah. Erst nach dem entschiedenen Auftreten des Opfervereins «Glasbrechen» elf Jahre später unter dem damaligen ersten Vorsitzenden Adrian Koerfer – «Sprecher der Sprachlosen»28, dem Bericht der beiden Juristinnen Burgsmüller und Tilmann, dem Erscheinen von Jürgen Dehmers’ (Andreas Huckele) Buch Wie laut soll ich denn noch schreien29 sowie den massiven Recherchen der deutschen Leitmedien und zwei Dokumentarfilmen konnte das System des öffentlichen Schweigens gebrochen werden.

Aber damit war nur das Ende der Odenwaldschule eingeleitet. Die Geschichte selbst ging weiter und sie bewegt die deutsche Pädagogik bis heute. Es gibt Parallelen zum Fall Jegge, aber auch Unterschiede. Sie haben vor allem mit der Rolle von Hartmut von Hentig zu tun, der bis vor wenigen Jahren als die Galionsfigur der deutschen Reformpädagogik schlechthin gefeiert wurde. Hentig war der Lebenspartner von Gerold Becker, dem Haupttäter an der Odenwaldschule. Die Juristinnen Burgsmüller und Tilmann schrieben im Untersuchungsbericht, dass sich Gerold Becker in einem fortgesetzten Erregungszustand befunden und den abhängigen Kindern seine Bedingungen und die Bedeutung seiner Sexualität aufgezwungen habe.30 Hentig hat seine eigene Beteiligung immer bestritten, aber er handelte gleichwohl aktiv, nämlich tat alles, um die Taten seines Freunds Becker zu erklären und den Spiess umzudrehen, also aus Opfern Mitschuldige zu machen. Zunächst jedoch riet er seinen Anhängern in einem nicht-öffentlichen Rundschreiben zum «Aussitzen» des Skandals, in vier Jahren könne man «in Ruhe auf all dies zurückblicken und ‹lernen›».31

Inzwischen hat Hentig (2016) in einem Riesenbuch (1393 Seiten) seine Verteidigungsstrategie von 2010 elaboriert, die verbliebenen Anhänger hinter sich geschart und mit ihrer Hilfe ein Rollback gestartet.32 Die Strategie besteht darin, den Täter Gerold Becker als grossen Pädagogen zu feiern, die Aussagen der Opfer zu erschüttern und sich selbst Nichtwissen zu attestieren. Das ist seine Art von Niederschweigen.

Aber wie kann man versuchen, einen über Jahrzehnte tätigen Päderasten zu entlasten oder um Verständnis für seine pädophile «Natur» zu werben, wenn man als pädagogischer Denker mit christlichen Wurzeln33 glaubwürdig bleiben will? In dem Buch geht es um die Liebe seines Lebens, doch selten hat eine Apologie monströsere Züge angenommen. Für den Freund wird jede Evidenz verweigert und alles wird bestritten, was dem selbst konstruierten Bild widersprechen könnte.34

Als Täter wusste Gerold Becker genau, was er zu tun hatte. Er suchte das Vertrauen bedürftiger Jungen, die er mit persönlichem Charisma, emotionalen Zuwendungen und Geschenken an sich zu binden wusste, um sie dann bei jeder sich bietenden Gelegenheit sexuell auszubeuten. Die meisten Täter gehen so vor, aber kein anderer hat einen solchen Freund und Verteidiger gefunden, der sexuellen Missbrauch verurteilt und gleichzeitig die Freundschaft über den Tod hinaus bewahren will.

An entscheidender Stelle schreibt Hentig: «Sexuelle Handlungen an und mit Kindern sind falsch, auch wenn sie mit deren Einwilligung geschehen. Wer sie vollzieht, begeht ein schweres Unrecht, für das es keine Entschuldigung gibt.»35 Damit unterstellt von Hentig, dass es Einwilligungen wie unter Erwachsenen geben könne, während aber pädophile Täter Kinder ausbeuten und von sich abhängig zu machen suchen.

Becker hatte am 18. März 2010 mit Wissen seines Freundes eine kurze Erklärung in eigener Sache veröffentlicht und um Entschuldigung gebeten. Die Bitte um Entschuldigung bezieht sich auf seine Zeit als Mitarbeiter der Odenwaldschule (1969 bis 1985), also nicht auf davor und danach, und sie bezieht sich auf Schüler, die er durch «Annäherungsversuche oder Handlungen sexuell bedrängt oder verletzt habe».36 Aber dann dürfte es auch in den Folgejahren für ihn keine Entschuldigung geben.

Hentig schreibt weiter: Sexuelle Handlungen an und mit Kindern «werden ‹abscheulich›, wenn Täuschung, Gewalt und Erniedrigung im Spiel sind».37 Sonst offenbar nicht, dann sind sie nur falsch.

«Die Feststellung der Schuld, der Verfolgung und Ahndung der Taten obliegt der öffentlichen Gerichtsbarkeit. Die kindlichen und jugendlichen Opfer der Straftaten haben mein tiefstes Mitgefühl», schreibt Hentig weiter.

Straftaten sind also nur die vom Gericht festgestellten, alle anderen Taten gegen die sexuelle Integrität der Kinder lassen sich bestreiten und diesen Kindern gegenüber gilt das Mitgefühl des grossen Pädagogen nicht. Hentig wie Becker wussten von den Verjährungsfristen, kein Gericht hat sich je mit Beckers Taten befassen können. Mit dieser Argumentationslinie, die bloss auf die Gerichtsbarkeit zielt, kann Hentig die Aussagen der Opfer infrage stellen und Beckers Andenken schützen. Gerold Becker soll einfach kein ordinärer Täter sein.

Was die Lehrer der Odenwaldschule ihren Opfern angetan haben und wie schwer es für diese war, ins Leben zurückzufinden, beschreibt Max Mehrick.38 An der Elly-Heuss-Knapp-Schule in Darmstadt missbrauchte der inzwischen verstorbene Lehrer Erich Buß zwischen 1960 bis in die 1990er-Jahre über 35 Kinder sexuell. Auch da erwies sich das Schweigen als Erfolgsgarantie des Täters: «So gab es bereits in den 1970er-Jahren Hinweise an die damalige Schulleiterin, dass es zu handfesten sexuellen Übergriffen des Lehrers auf die Schüler gekommen ist. Diese Hinweise gab die Schulleiterin zwar ans Schulamt weiter. Doch als die Schulbehörde ihr sagte, ohne Anzeige könne man nichts machen, verfolgte sie die Sache schulintern trotz ihres Verdachtes nicht mehr weiter.»39

Man will auf keinen Fall einen Skandal provozieren, das könnte dem Ruf schaden, usw. und schweigt sich aus. Dieses Schweigen nennt Wilhelm Heitmeyer «Schweigepanzer».40 Den Kindern wird bis heute nicht geglaubt: «Nach wie vor muss ein betroffenes Kind häufig bis zu acht Erwachsene ansprechen, achtmal den Mut aufbringen, von seinem Leid zu berichten, bevor ihm geglaubt wird.»41

Der Schriftsteller Christian Kracht berichtete im Mai 2018 in seiner Poetikvorlesung an der Goethe-Universität Frankfurt, wie er als Zwölfjähriger in den 70er-Jahren in einem kanadischen Internat vom onanierenden Pater Keith Gleed mit dem Gürtel ausgepeitscht und sexuell missbraucht wurde. Zuvor musste sich der Bub ausziehen. Als sich Kracht an seine Eltern wandte, schrieben sie das ihnen Anvertraute Christians «überhitzte[r] Phantasie» zu.42

Wenn ein Kind den Mut nicht aufbringt und daran zerbricht, in der Schule versagt, aggressiv wird, sich selbst verletzt usw., dann wird sein Problem privatisiert und den Eltern wird die Ursache, also die Schuld, zugeschrieben43 – schwieriges Elternhaus, lautet das Stigma. Oder es wird psychologisiert: Das Kind ist zu sensibel, zu wenig belastbar, depressiv, es ist halt in der Pubertät, selber schuld usw. Das Schweigen und die Intransparenz der Verantwortlichen in Institutionen erweisen sich überdies als Nährboden für Mobbing- und Gewaltdynamiken44 und andere Sadismen in Institutionen.

Am Ende des DOK-Films spricht Walti davon, dass jeder Mann solche «Erfahrungen» im Leben mache. Ein Mann hätte dies mit ihm jeweils beim Töfffahren gemacht.

Die Kinder, die Jegge missbrauchte, waren schulpflichtig. Es bestand somit nicht nur eine emotionale Abhängigkeit, sondern ein institutioneller Zwang, sich in die Schule zu begeben. Die Kinder waren Jegge somit mehrfach ausgeliefert, zumal die Übergriffe vor allem in seiner Privatwohnung stattgefunden haben. Dieses Arrangement führt zu einer fatalen Ausweglosigkeit der Kinder, sie standen mit dem Rücken zur Wand. Sie können sich nicht wehren. Wenn sie etwas erzählen, glaubt man ihnen nicht. Also bleibt nur noch das Verstummen, später Alkohol- und Drogensucht. Die Kosten für Therapien und Invalidenrenten übernimmt die Öffentlichkeit. Finden sie als Erwachsene Jahre später den Mut, die Gewalt und den Missbrauch anzuklagen, dann laufen sie Gefahr, erneut Erniedrigung zu erleben. Auch deswegen weigern sich viele Betroffene, an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie riskieren üble Nachrede bei vordergründigem Mitleid, was beides die Situation verschlimmert.

Hartmut von Hentig zielt in seinen Entlastungsversuchen vor allem auf Andreas Huckele, ein Opfer von Becker, der die Verbrechen Beckers in einem Buch öffentlich gemacht hat und deswegen besonders gefährlich ist.45 Die Strategie der Therapeutisierung der Opfer stammt von Becker und ist in der Odenwaldschule mehrfach angewandt worden. Hentig zitiert aus einem Brief, in dem Gerold Becker an eine dritte Person schreibt, ihm sei berichtet worden, dass Andreas Huckele wegen Schwierigkeiten in seiner Ehe in einer Therapie gewesen sei und die Therapie Auslöser für seine Verhaltensänderung, also die Anklagen gegen ihn, Becker, gewesen sein könnte. Hentig spekuliert, dass vor Gericht ein «Einblick in die Protokolle der Therapeutin» auch Aufschluss über das «false memory syndrom»46 hätten geben können. Es gab jedoch nie eine Anklage und die Metapher des Gerichts dient nur der Ablenkung. Die Leiden von Andreas Huckele erhalten das Etikett «Verkorkstheit»47, nur um die Taten abzuschwächen und Sympathien für Becker zu bewahren.

Hentig sieht bei Huckele eine «fortgesetzte, freiwillige, freundliche Zuwendung zum Täter» und die lasse sich «schwer mit ‹Trauma› in Einklang» bringen.48 Aber das geht nur, wenn die von Huckele «gnadenlos genau geschilderten Gewalttaten»49 ausgeblendet werden.

Von Hentig geht noch weiter. Wenn in den Beziehungen zu Becker Gewalt im Spiel war, hätte sie abgewehrt oder denunziert werden müssen. Da beides nicht geschah, «war wohl etwas anderes Ursache des beklagten Verschweigens: die Angst vor der eigenen Verantwortung».50 Mit Rückgriff auf Ivan Illich schreibt Hentig, «dass der Mensch seine Menschenwürde – das was ihn vor allen anderen Kreaturen auszeichnet – verliert, wenn er die Verantwortung für sich abgibt oder sie ihm abgesprochen wird. Das macht ihn zum Animal, das der Notwendigkeit oder dem Instinkt unterworfen ist, das ohne freie Entscheidung ist. Auch der KZ-Häftling habe sie noch als Forderung an sich selbst […] Sie bleibe ihm, auch wenn die Gewalt ihn zerbreche».51

Missbrauchte bleiben als verletzte Menschen zurück, verpfuschte Leben, leidende Geschwister und zerstörte Familien.52 Das Leiden wird privatisiert, die Missbrauchten und ihre Familien werden allein gelassen. Wer sagt denn schon, wenn sie oder er in der Berufslehre, Schule, im Beruf und im Privaten versagt: «Ich wurde sexuell missbraucht, ich bin ein Opfer von Gewalt.» Sie alle müssen privat damit fertig werden.

Man denke daran, wie lange es dauerte, bis Opferhilfestellen eingerichtet wurden oder welchen politischen Widerstand es gab, bis Verdingkinder und administrativ Versorgte finanzielle Wiedergutmachung geltend machen konnten. Der Bund musste durch eine Volksinitiative gezwungen werden, Verantwortung für den Machtmissbrauch der Behörden zu übernehmen. Das Parlament lehnte 2004 einen Vorstoss für eine Wiedergutmachungszahlung ab.

Als gefeierter Pädagoge der Nachkriegszeit benutzt Hartmut von Hentig seine Berühmtheit, die Lustgier seines Freunds Gerold Becker zu decken und die Opfer in ein schlechtes Licht zu rücken. Auch Jegge konnte seine Berühmtheit als «neuer Pestalozzi» und «Pädagoge der Nation» für sich nutzen.

Der öffentliche Ruhm schützte auch den Schulsozialarbeiter T., um 21 Kinder im Alter von 8,5 bis 15 Jahren im Zeitraum von 1998 bis 2011 sexuell zu missbrauchen: «Der Mann galt als Pionier der Schulsozialarbeit, wurde von Medien porträtiert und gewann Auszeichnungen. Bei seiner Tätigkeit in den Kantonen Bern, Basel-Land und Solothurn schaute offensichtlich niemand genau hin, wenn der Mann Berufliches mit Privatem vermischte und Buben mit nach Hause nahm.»53 Der Sozialarbeiter betreute 1999 eine Konfirmandenklasse, nahm einen Jungen für ein Wochenende mit in den Jura, dort sei es zum Missbrauch gekommen. Der Junge berichtete das Erlebte einer Mitarbeiterin der Kirche. Es geschah nichts. Ein Vater hat aber schon jahrelang vor dem Sozialarbeiter gewarnt, jahrelang sei nichts passiert.54

Andreas Guggenberger, ein von Jegge missbrauchter Schüler, suchte 1989 Hilfe bei einer Fachstelle für Alkoholprobleme in Zürich und sprach über den Missbrauch. Auch da wurde nichts unternommen. So blieb der Missbrauch 28 Jahre lang durch Schweigen geschützt.55

Der Schüler S. habe von Jegge rund 14’000 Franken erhalten. Die Reporterin fragt S., ob es Schweigegeld war, S. bejaht.56 Ob noch andere Missbrauchte mit Geld zum Schweigen gebracht wurden, weiss man nicht.

Der Kapuzinerpater, der 22 Kinder missbrauchte und mit dem sicheren Schutz und Schweigen seiner Oberen rechnen konnte, verbringt seinen Lebensabend im Klosterviertel in Wil.57

Die soeben skizzierten Fälle erfuhren eine juristische Beurteilung oder eine Aufklärung durch eine Expertenkommission. Der Fall Jegge ist verjährt, somit ist die Justiz nicht mehr zuständig und von einer unabhängigen Expertenkommission ist bis zur Drucklegung dieses Buches keine Rede. Niemand scheint zurzeit an der Dunkelziffer der Fälle und an Transparenz interessiert zu sein.

In Deutschland gab es nach öffentlichem Druck ein Interesse, die Causa Odenwaldschule, den Fall Erich Buß, das Canisius-Kolleg und die zahlreichen Missbrauchsfälle in Kirchen oder Sportvereinen wissenschaftlich aufzuarbeiten und die Akteure und Mechanismen des Missbrauchs transparent zu machen.

Zu den öffentlichen Reaktionen zählen auch symbolische Korrekturmassnahmen. Hartmut von Hentig sind der Comenius-Preis und der Trapp-Preis der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft aberkannt worden. Bis heute liest man nichts von einer Aberkennung der Ehrungen und Auszeichnungen oder Rückgabeforderungen der Gelder, die Jürg Jegge bekam. In der Chronik 1985 bis 2015 des Märtplatz steht: 2011 erhält Jürg Jegge den Doron Preis, eine Auszeichnung für «überdurchschnittliches, uneigennütziges privates Engagement».58

Die Analyse verschiedener Fälle sexualisierter Gewalt in pädagogischen Institutionen zeigt, dass mit der Wahl wohlklingender pädagogischer Slogans59 (Scheffler, 1971) wie «das Kind steht im Zentrum», «Bedürfnisse des Kindes», «Werte-Erziehung», «Wertschätzung», «Respekt», «Gesamtheitlichkeit», «Kindorientierung», «Ganzheitlichkeit», «Persönlichkeitsbildung» usw. Täter und Institutionen sich der Transparenz und Verantwortung entziehen können. Wer sich öffentlich so vernehmen lässt, scheint es nur gut machen zu können.

Die Diskussionen um die Odenwaldschule, die Versuche zur Rehabilitierung Hentigs und in der Schweiz der Fall Jegge legen auch den Schluss nahe, dass sexuell missbrauchte Kinder als Kollateralschaden für eine an sich «gute Idee» in Kauf genommen werden können. Die Stabilität von Illusionen, Ideologien und Systemen scheint wichtiger zu sein als die Unversehrtheit des einzelnen Kindes.

«Ganzheitlichkeit» bedeutet in der pädagogischen Literatur, dass Körper und Geist als Einheit betrachtet und gefördert werden, Denken und Handlung nur ganzheitlich gebildet werden können. Dieses Bekenntnis lässt sich scheinbar – wenn es um sexualisierte Gewalt an Kindern geht – ausser Kraft setzen: Hier die guten Ideen – dort die menschlichen Schwächen. Die Odenwaldschule wurde nicht geschlossen, weil das Konzept der «Lebensgemeinschaftsschule» durch die Behörden und Fachleute als zu riskant erkannt wurde, sondern weil sie insolvent war.

Der Schweigepanzer verhindert Transparenz, genaues Hinsehen und polizeiliche Ermittlungen. Die Verantwortlichen wollen keinen Skandal, der Ruf der Schule, des Heims, der Firma soll nicht beschädigt werden. Die Sorge gilt auch dem unter dem Verdacht Stehenden. Ein Gemeinderat meinte in Zusammenhang mit dem Schulsozialarbeiter T.: «Man stelle sich vor, es ist dann nicht so. Ein solcher Vorwurf bleibt an einem Menschen haften.»60

Vorzeitige Verurteilungen gilt es durch professionelle polizeiliche Abklärungen zu verhindern. Juristisch gilt die Unschuldsvermutung. Frühzeitige Ermittlungen werden nicht in der Öffentlichkeit ausgetragen. Gibt es keine sorgfältigen Abklärungen, bleiben die Kinder in den Händen der Täter. Auf der anderen Seite muss zwingend verhindert werden, dass Männer wie auch Frauen in pädagogischen Berufen, die sehr gute und vertrauenswürdige Arbeit leisten, unter Generalverdacht gestellt werden. Solange aber Kinder achtmal den Mut aufbringen müssen, bis man ihnen glaubt61, so lange sind sie, wie Tilman Jens schreibt «Freiwild».62

Der vorliegende Band mit den Re-Lektüren von Dummheit ist lernbar aus verschiedenen Perspektiven mutmasst nicht, dass man etwas hätte merken müssen und dass man den Missbrauch hätte verhindern können. Das lässt sich hinterher immer leicht behaupten und erklärt doch nichts.63

Es geht in diesem Buch nicht um die Person Jegge bzw. andere Akteure, sondern um die kritische Auseinandersetzung mit seinen pädagogischen Schriften, deren Aufbau und Gehalt sowie deren Rezeption. Den Schriften soll nicht a priori eine spezifische, auf sexuellen Missbrauch angelegte Intention unterstellt werden, aber der vorliegende Band soll dazu beitragen, in jedem Fall genau hinzusehen und Transparenz zu fordern, ohne sich von schönen pädagogischen Slogans und Floskeln blenden zu lassen und dort naives Vertrauen zu haben, wo Misstrauen notwendig wäre. Es soll auch auffordern, Kinder ernst zu nehmen, bevor sie verstummen und seelisch zerbrechen. Gewalt und sexueller Missbrauch sind in einem demokratischen Rechtsstaat keine Privatsache.

Aus Sicht der Erziehungswissenschaft stellten sich neben der moralischen Verurteilung des Täters im Zusammenhang mit Dummheit ist lernbar folgende Fragen:

1.Wieso gab es keine kritischen Diskussionen, sondern eine uneingeschränkt euphorische Rezeption?

2.Warum kann man glauben, dass Jegge trotz allem im Kern recht hatte?

3.Welche Rolle spielt die suggestive Sprache und die anklagende Rhetorik in solchen Texten?

4.Welche Rolle spielen mediale Führungsfiguren in pädagogischen Reformdiskussionen?

5.Warum ist das Buch später nicht ein zweites Mal gelesen und immer nur vom ersten Eindruck her wahrgenommen und kommentiert worden?

6.Warum kann ein schlecht komponiertes und wenig durchdachtes Buch Bestseller-Status erlangen?

Diesen Fragen zum Inhalt, zur Struktur und zum Kontext von Dummheit ist lernbar will der vorliegende Sammelband nachgehen. Er ist gedacht als Beitrag der heutigen Erziehungswissenschaft zur Aufklärung einer Geschichte, deren dunkle Seiten öffentlich nie jemand vermutet hat.

Markus Zangger, ehemaliger Schüler von Jürg Jegge und Autor des Buches Jürg Jegges dunkle Seite, beschreibt in seinem offenen Brief, wie die Fallgeschichten in Dummheit ist lernbar entstanden sind und wie Jegge die Abhängigkeit der Schüler subtil ausnutzte, steigerte und verlängerte. Zangger stellt Jegge in seinem persönlichen Brief Fragen, und will sie doch nicht beantwortet haben, weil er bereits ahnt, dass er lediglich Ausflüchte erfahren wird.

Hans-Ulrich Grunder fragt in seinem Beitrag, wie Jegges Buch in der Lehrerverbandspresse, der Tages- und Wochenpresse in der deutschsprachigen Schweiz sowie in der Erziehungswissenschaft wahrgenommen wurde. Dazu unterbreitet Grunder eine rezeptionshistorische Quellenstudie. Er bettet seine Untersuchung in den deutschsprachigen bildungspolitischen Kontext der 1970er- und 80er-Jahre. Es gab verschiedene Reformprojekte in den Kantonen und auf privater Basis. Die weitaus grösste Beachtung fand Jegge in der Lehrerverbandspresse. Ein Beitrag in der NZZ im Jahr 1977 empfahl das Buch als «Pflichtlektüre». Populäre Wochenzeitschriften schenkten ihm ebenfalls Aufmerksamkeit. In erziehungswissenschaftlichen Schriften blieb Jegge dagegen weitgehend unbeachtet.

Jürgen Oelkers beginnt seine Re-Lektüre mit dem Verhältnis zwischen Jegge und dem Erziehungswissenschaftler und Schulkritiker Hans-Jochen Gamm. Gamm, der eigentlich nie ein Vorwort für ein Buch geschrieben hatte, tat dies exklusiv für Dummheit ist lernbar. Mit seinem Vorwort legte Gamm die öffentliche Wahrnehmung Jegges fest – als mutiger Querdenker mit einem tadellosen Praxisnachweis. Jegges Buch fand in Deutschland aufgrund der Fallbeispiele Beachtung in Fachkreisen, nicht jedoch wegen seiner theoretischen Einschübe, die sich aus Fragmenten des damaligen kritischen Schuldiskurses zusammensetzen.

Damian Miller beschäftigt sich in seinem Aufsatz mit der sprachlichen Beschaffenheit von Dummheit ist lernbar, die eine Erklärung sein kann, weshalb Jegges Buch unwidersprochen blieb und sich grosser Zustimmung erfreute. Neben dem Klappentext und der Einleitung, die mit Metaphern und angebotenen Deutungsmustern die Wahrnehmung der Leserinnen und Leser vorbereiten, verleihen die Fallbeispiele dem Buch eine hohe Glaubwürdigkeit. Überraschend war die Erkenntnis, dass Dummheit ist lernbar Stilmerkmale eines Volksmärchens aufweist. Märchen lässt sich nicht widersprechen.

Peter Schneider bestätigt aus der Sicht eines Psychologen die Einschätzung der Herausgeber: Wer mit einer «Hermeneutik des Verdachts» Jegges Buch liest, geht leer aus. Unterricht ist und bleibt ein Geflecht von Beziehungen und ungeklärter Übertragungen, die, soweit sie nicht zum schulischen Misserfolg beitragen, nicht weiter problematisch sind. Schneider stellt fest, dass der Unterricht in schulischen Institutionen nicht den Ort für therapeutische Beziehungen bietet, ja sogar traumatisierend wirken kann. Schneider fällt auf, dass Jegge die Schüler so lange wie möglich in der neuen Jegge-Familie halten wollte.

Patrick Bühler beschäftigt sich mit Jegges Collage zu dessen therapeutischen Aktivitäten mit den Schulversagern. Anhand verschiedener psychoanalytischer Fragmente teilt Jegge seine private Auffassung von therapeutischen Aktivitäten mit. Mit diesem Schreibstil fügt sich Dummheit ist lernbar in das damalige Genre populärer pädagogischer Pamphlete. Bühler zeigt auch, dass Jegges Schulmodell weder innovativ noch einzigartig war, es gab lange vor ihm Konzepte und Schulen, die sich von der strafenden Erziehung verabschiedeten und auch therapeutische Massnahmen vorsahen. Ebenso sahen sie kreative Aktivitäten sowie gemeinschaftliche Aktivitäten vor. Jegge benutzt psychoanalytisches Vokabular, kümmert sich aber nicht um dessen Inhalt und knüpft an den damaligen Psychoboom an. Vagheit und Unbestimmtheit und einfache Rhetorik verliehen dem Buch den Anschein von ehrlichem Bemühen für die Benachteiligten.

Die Rechtswissenschaftlerin Nicole Gönitzer liest Dummheit ist lernbar aus rechtlicher Sicht, denn Jegge bezieht sich auf die Verfassung sowie auf die Rechte der Kinder. Gönitzer fragt, ob denn Jegge als Verteidiger der Kinderrechte gedeutet werden könne. Sie beginnt ihre Analyse der Lektüre vom Schluss des Buches her, denn gegen Ende von Dummheit ist lernbar kritisiert Jegge mit einem Verweis auf die Verfassung, dass die Schulen nichts zur Verwirklichung des Rechts beitragen. Gönitzer zeigt, dass Jegge Fragmente des damaligen Diskurses um das Recht des Kindes aufgreift, aber die Antwort schuldig bleibt, was er damit konkret meint und vor allem, wie er die Rechte realisiert.

Veronika Magyar-Haas beschäftigt sich mit Jegges Strategie der Emotionalisierung auf verschiedenen Ebenen des Buches. Im Gestus des Empörten und moralisch Erhabenen, richtet er sich persönlich-direkt an die Leserinnen und Leser und kritisiert er die Struktur sowie die Akteure des Bildungswesens und plädiert für Authentizität in der pädagogischen Beziehung. Durch die unausweichliche Emotionalisierung des pädagogischen Verhältnisses sowie der Leserinnen und Leser reiht sich Dummheit ist lernbar in die Traditionslinie des pädagogisches Kitschs.

Die junge Lehrperson Annett Belser liest Dummheit ist lernbar circa 40 Jahre nach Erscheinen zum ersten Mal. Sie berichtet darüber, wie sie zu Beginn der Lektüre in einen Sog gezogen wird und wie sich ihre Lektüreerfahrung im Verlauf verändert. Der Titel Dummheit ist lernbar erinnert sie an einen Fahrstuhl, der in die falsche Richtung fährt. Die Berichte von Ruedi, Vreni usw. weckten ihr Mitgefühl, weil sie sie als fürchterlich ungerecht empfindet. Es widerstrebt ihr, dass die Lehrperson therapeutische Massnahmen vornimmt. Skeptisch wird sie bei Jegges apodiktischer Ursachenzuschreibung, die keinen Zweifel aufkommen lassen will.

Andreas Kaiser kennt Dummheit ist lernbar aus dem Lehrerseminar und liest das Buch von Jegge als langjähriger Realschullehrer und als Gesamtleiter einer Sprachheilschule. Auch ihn überkommen beklemmende Gefühle bei der Lektüre der Fallbeispiele, auch wenn sie ihm übertrieben erscheinen. Kaiser fällt auf, dass sich Jegge bei den Fallbeispielen oft ins Zentrum des Geschehens setzt. Überdies hält Kaiser fest, dass ein Lehrer und eine Lehrerin aufgrund des Bildungsauftrags niemals ein Freund oder eine Freundin sein kann, ein Lehrer oder eine Lehrerin darf auch keine freundschaftlichen Worte sprechen, wenn dann nur «freundliche» Worte.

Urs Strasser erklärt, wie Jegge in den Siebzigerjahren eine Antwort auf Fragen gab, die viele Menschen, die im Bildungswesen tätig waren, beschäftigten: Wie soll Schulversagen erklärt werden und welche Rollen spielen die Schulen und der familiäre Hintergrund? Überdies wird wiederholt deutlich, welch wichtige Bedeutung die Fallbeispiele hatten, dass diese Beispiele Dummheit ist lernbar mit hoher Glaubwürdigkeit ausstatteten.

Hugo Stamm begleitete Markus Zangger bei der Aufarbeitung seiner Erfahrungen mit Jürg Jegge und zeichnete die Schilderungen Zanggers auf. Stamms Beitrag verweist darauf, dass Dummheit ist lernbar einen wichtigen Beitrag dazu leistete, die öffentliche Wahrnehmung auf das Buch und nicht auf Jegges Praxis zu lenken.

Petra Moser beschäftigt sich mit der Ästhetik in Jegges Buch Die Krümmung der Gurke. Menschen – nicht stapelbar aus dem Jahr 2006. Diese Publikation ist bebildert. Es gibt 19 Fotografien, über den Text verteilt, die den Inhalt veranschaulichen sollen. Die Fotografien zeigen Gurken: Gurken werden vermessen, liegen im Bach, sind in bittere Flüssigkeit eingelegt oder werden mit Nadeln gespickt. Einige Sätze in seinem Buch offenbaren ihren Doppelsinn erst vor dem Hintergrund von Zanggers Enthüllungen. Moser zeigt, dass nun insbesondere die Gurkenbilder nach der Aufdeckung der Missbrauchsfälle einen schalen Nachgeschmack hinterlassen. Bilder sind mehrdeutig.

Brigitte Tilmann war Präsidentin des Oberlandesgerichts Frankfurt und führte zusammen mit der Juristin Claudia Burgsmüller die Untersuchung der sexuellen Missbräuche an der Odenwaldschule. In ihrem Gespräch «Odenwaldschule, Jürg Jegge und andere – haben wir seit 2010 etwas gelernt?» mit Damian Miller und Jürgen Oelkers berichtet sie über die Parallelen der bekannt gewordenen Missbrauchsfälle. Das Schweigen der Mitwisser und Verantwortlichen bildet ein gemeinsames Muster und schützt die Täter. Sie berichtet über die Widerstände und Schwierigkeiten, denen man bei der Aufklärungsarbeit begegnet. Am Ende des Gesprächs schlägt sie verschiedene Massnahmen vor, wie sexuellem Missbrauch präventiv begegnet werden kann.

Die Herausgeber und die Autorinnen und Autoren bedanken sich für die professionelle und umsichtige Betreuung durch den Verlag.

 

Literatur

Andresen, Sabine: Beziehungsqualität und Schulreform. In: Damian, Miller; Jürgen, Oelkers (Hrsg.): Reformpädagogik nach der Odenwaldschule – wie weiter? Beltz, Weinheim, 2014, S. 333–345.

Bauer, Karin: Das System Jegge – Missbrauch im Schatten der Reformpädagogik. In: SRF DOK, 05.10.2017; https://www.srf.ch/sendungen/dok/das-system-jegge-missbrauchim-schatten-der-reformpaedagogik [abgerufen am 02.05.2018].

Bucheli, Roman: Der Schriftsteller Christian Kracht ist als Kind sexuell missbraucht worden. In: Neue Zürcher Zeitung, 15.05.2018; https://www.nzz.ch/feuilleton/der-schriftsteller-christian-kracht-ist-als-kind-sexuell-missbraucht-worden-ld.1386509 [abgerufen am 24.05.2018].

Budliger, Michael: Untersuchung Jürg Jegge. Mit Unterstützung von Monika Gisler und Adrin Gantenbein. Zürich, 30. Mai 2018. https://www.zh.ch/internet/de/aktuell/news/medienmitteilungen/2018/untersuchungsbericht-juerg-jegge-liegt-vor/_jcr_content/contentPar/downloadlist/downloaditems/1796_1530102813195.spooler.download.1530102523072.pdf/Jegge_Untersuchungsbericht_und_Anhaenge.pdf [abgerufen am 08.07.2018].

Burgsmüller, Claudia; Tilmann, Brigitte: Abschlussbericht über die bisherigen Mitteilungen über sexuelle Ausbeutung von Schülern und Schülerinnen an der Odenwaldschule im Zeitraum 1960 bis 2010; https://robertcaesar.files.wordpress.com/2010/12/odenwaldschule-abschlussbericht-17-dezember-2010.pdf [abgerufen am 02.05.2010].

Dehmers, Jürgen: Wie laut soll ich denn noch schreien? Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 2011.

Encke, Julia: Das Ende des geheimen Deutschlands. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.05.2018; http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/missbrauch-im-namen-stefan-georges-15586303.html [abgerufen am 20.05.2018].

FAZ: Von Hentig wollte Missbrauchsskandal «aussitzen». In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.12.2010; http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/odenwaldschule-von-hentig-wollte-missbrauchsskandal-aussitzen-1572564.html [abgerufen am 02.05.2018].

Fittkau, Ludger: Jahrzehnterlange Missbrauch – und jahrelanges Versagen. In: Deutschlandfunk, 23.09.2016; http://www.deutschlandfunk.de/darmstaedter-grundschule-jahrzehntelanger-missbrauch-und.680.de.html?dram:article_id=366653 [abgerufen am 02.05.2018].

Galbiati, Sabina: Aargauer Schüler wurde so lange gemobbt, bis die Eltern die Schulaufsicht einschalteten. In: Aargauer Zeitung, 15.05.2018; https://www.aargauerzeitung.ch/aargau/kanton-aargau/aargauer-schueler-wurde-so-lange-gemobbt-bis-die-eltern-die-schulaufsicht-einschalteten-132567965 [abgerufen am 16.05.2018].

Galliker, Dominik.: Warnung ohne Folgen. In: Tagesanzeiger, 25.07.2013; https://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Warnung-ohne-Folgen/story/23344001 [abgerufen am 04.05.2018].

Gyr, Marcel: Interview mit Jürg Jegge. «Ja, ich hatte sexuellen Kontakt mit meinem Schüler». In: Neue Zürcher Zeitung, 07.04.2017; 2017a; https://www.nzz.ch/schweiz/missbrauchs-vorwuerfe-an-juerg-jegge-ja-ich-hatte-sexuellen-kontakt-mit-meinem-schueler-ld.777640 [abgerufen am 02.05.2018].

Gyr, Marcel: Jürg Jegge geht straffrei aus. In: Neue Zürcher Zeitung, 05.10.2017; 2017b; https://www.nzz.ch/schweiz/staatsanwaltschaft-wird-strafuntersuchung-gegen-juerg-jegge-wohl-einstellen-ld.1320200 [abgerufen am 02.05.2018].

Gyr, Marcel: Wie die Reformpädagogik Täter schützte. In: Neue Zürcher Zeitung, 19.04.2017; 2017c; https://www.nzz.ch/schweiz/juerg-jegge-wie-die-reformpaedagogik-taeter-schuetzte-ld.1287535 [abgerufen am 06.05.2017].

Heitmeyer, Wilhelm: Sozialer Tod. Sexuelle Gewalt in Institutionen: Mechanismen und System. In: Sabine, Andresen; Wilhelm, Heitmeyer (Hrsg.): Zerstörerische Vorgänge. Missachtung und sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Institutionen. Beltz, Weinheim, 2012, S. 22–35.

Hentig, Hartmut von: Ist Bildung nützlich? In: Akzente, Jg. 58, Heft 1, 2011, S. 76–95.

Hentig, Hartmut von: Noch immer Mein Leben. Erinnerungen und Kommentare 2005 bis 2015. WaMiKi Verlag, Berlin, 2016.

Jürg, Jegge: Dummheit ist lernbar. Erfahrungen mit «Schulversagern». Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1987.

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Treitler, Wolfgang: Sehr gut. Novelle. Achínoam Verlag, Perchtoldsdorf, 2018.

Weingartner, Dominik: Kommentar: Reue der Kirche kommt Jahrzehnte zu spät. In: Tagblatt, 27.03.2018; http://www.tagblatt.ch/ostschweiz/kommentar-reue-der-kirche-kommt-jahrzehnte-zu-spaet;art509574,5252425 [abgerufen am: 04.05.2018].

Zangger, Markus: Jürg Jegges dunkle Seiten. Die Übergriffe des Musterpädagogen. Wörterseh, Gockhausen, 2017.

1 Pongratz wurde 1992 auf eine Professur für Allgemeine Pädagogik und Erwachsenenbildung an die TU Darmstadt berufen. Dort lehrte bis 1993 Hans-Jochen Gamm, dem Jegge für Dummheit ist lernbar wesentliche Inspirationen verdankt und der das Vorwort für sein Buch schrieb.

2 Siehe Pongratz, 2010, S. 9.

3 Mollenhauer, 1983, S. 102.

4 Bauer: DOK, Das System Jegge – Missbrauch im Schatten der Reformpädagogik, 2017, ab Min. 12:25.

5 In dieser Einleitung wird auf die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule und auf die Verteidigungsstrategie des Hartmut von Hentig Bezug genommen. Der Grund liegt in den vielen Parallelen und gemeinsamen Mustern der beiden Fälle. Von Hentig war ebenfalls ein «Starpädagoge» und Lebensgefährte eines der Haupttäter an der Odenwaldschule. Im Unterschied zum Fall Jürg Jegge sind die Missbräuche und die Hintergründe der beteiligten Personen der Odenwaldschule in weiten Teilen untersucht und es liegen öffentlich zugängliche Dokumentationen und Publikationen vor.

6 Burgsmüller & Tilmann, 2010, S. 9.

7 Gyr, 2017a.

8 Gyr, 2017b.

9 Bauer: DOK, Das System Jegge – Missbrauch im Schatten der Reformpädagogik, 2017, ab Min. 48:34.

10 Gyr, 2017a.

11 Encke, 2018.

12 Vgl. Miller/Oelkers, 2014, S. 11.

13 Bspw. Treitler, 2018, S. 28ff.

14 Bauer, 2017.

15 Vgl. Jegge, 1987, S. 204f.

16 Bauer, 2017, ab Min. 33:22.

17 Budliger, 2018.

18 Lexikon Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftsteller der Schweiz: https://lexikon.a-d-s.ch/edit/detail_a.php?id_autor=871