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200 Jahre Deutsche Grammatik 2019: Grund genug für einen umfangreich bebilderten Sammelband über Jacob Grimms „Deutsche Grammatik“. Jacob und Wilhelm Grimm sind allgemein bekannt durch ihre „Kinder- und Hausmärchen“, durch den Protest der „Göttinger Sieben“ oder als Begründer des Grimm’schen Wörterbuchs. Jacob Grimms monumentale Arbeit zur Geschichte der deutschen Sprache ist hingegen nur in Fachkreisen bekannt. Von 1816 bis 1840 untersuchte und verglich er in seiner „Deutschen Grammatik“ die Entwicklung der germanischen Sprachen, er entdeckte die Gesetze des Sprachwandels und bestimmte die historischen Stufen der deutschen Sprache: Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch und Neuhochdeutsch. Insgesamt über 20 Jahre widmete er sich diesen Forschungen und 1840 lag die „Deutsche Grammatik“ in vier Bänden mit einem Umfang von annähernd 5.000 Seiten vor. Der vorliegende Sammelband befasst sich mit der „Deutschen Grammatik“ anlässlich des 200-jährigen Jubiläums ihres Erscheinens im Jahre 1819. Die Beiträge illustrieren, unter welchen Bedingungen dieses Werk entstand. Dabei werden bisher wenig bekannte Blicke hinter die Kulissen gewährt,die zeigen, wie verschiedene Lautgesetze im Einzelnen entdeckt wurden oder welche Schwierigkeiten es beim Druck der Bände gab. Es wird untersucht, wie die „Grammatik“ aufgebaut ist und wie sie im Zusammenhang mit der Sprachwissenschaft ihrer Zeit zu verstehen ist. Ein Beitrag ist dem Einfluss dieses Werks auf die deutsche Sprachwissenschaft gewidmet, aber auch die Irrtümer, die Jacob Grimm bei der Ausarbeitung unterliefen, werden nicht ausgespart. Zudem wird gezeigt, wie sich die hessische Mundart in den frühen Briefen der Brüder Grimm niederschlägt und wie in ihren späteren Arbeiten mit diesem Phänomen der Mundart umgegangen wird. Der größte Teil der „Deutschen Grammatik“ ist in Kassel entstanden. In einem abschließenden Beitrag werden die inzwischen vergessenen Entstehungsorte dieses wissenschaftlichen Großprojektes in Erinnerung gerufen.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Jacob Grimms „Deutsche Grammatik“
Ein Kasseler Beitrag zur Geschichte der deutschen Sprache
Herausgegeben von Holger Ehrhardtunter Mitarbeit von Marie-Louise Lange
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Band 41 in der Reihe
Die Region trifft sich – die Region erinnert sich
der Kasseler Sparkasse
Herausgegeben von Holger Ehrhardtunter Mitarbeit von Marie-Louise Lange
Titelbild: Jacob Grimm, Radierung von Ludwig Emil Grimm, 1815. Wilhelm Grimm bemerkt zu dem Bildnis am 9. November 1816: „das Bild des Jacob, das der Lui 1815 hier gezeichnet und eben fertig radirt hat.“ Es entstand genau zu dem Zeitpunkt, als Jacob Grimm seine Arbeiten an der „Deutschen Grammatik“ aufnahm.
Bild Buchrückseite: Kurfürst Wilhelm I. fährt durch das Wilhelmshöher Tor in Kassel, aquarellierte Bleistiftzeichnung von Ludwig Emil Grimm, 1. Oktober 1820
Grafische Gestaltung der Printausgabe: atelier grotesk, Kassel
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019
Gesamtherstellung: euregioverlag, Kassel
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk, Fernsehen und sonstige elektronische Medien, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger jeder Art, auszugsweisen Nachdruck oder Einspeicherung und Rückgewinnung in Datenverarbeitungsanlagen aller Art, sind vorbehalten.
© 2019 euregioverlag
D-34127 Kassel, Naumburger Str. 40
www.euregioverlag.de
ISBN 978-3-933617-80-4
Mit freundlicher Unterstützung durch die
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Ingo Buchholz
Von der Geschichte der Sage zur Geschichte der Sprache
Zur Entstehung und Verlagsgeschichte von Jacob Grimms „Deutscher Grammatik“
Holger Ehrhardt
Jacob Grimms „Deutsche Grammatik“
Walter Haas
Grimms Grammatikwerkstatt
Die Grimm-Benecke-Adversarien und ihre Bedeutung für die Überarbeitung der „Deutschen Grammatik“ 1819–1822
Philip Kraut
Jacob Grimms Irrtümer in der „Deutschen Grammatik“
Michail L. Kotin
Der Einfluss von Jacob Grimms „Deutscher Grammatik“ auf die deutsche Sprachwissenschaft
Hans-Werner Eroms
„als ein Stündgen“ – (Nord)hessische Mundart im Briefwechsel der Familie Grimm
Bezüge zur „Deutschen Grammatik“, zum „Deutschen Wörterbuch“ und zu den „Kinder- und Hausmärchen“
Andrea Linnebach
Die Entstehungsorte der „Deutschen Grammatik“
Holger Ehrhardt
Autorinnen und Autoren
Bildnachweis
Die Brüder Grimm sind durch ihre „Kinder- und Hausmärchen“ und als Begründer des Grimm’schen Wörterbuchs zu Weltruhm gelangt. Jacob Grimms mehr als zwanzig Jahre währende Forschungen zur Geschichte der deutschen Sprache und seine vier Bände umfassende „Deutsche Grammatik“ sind hingegen nur in Fachkreisen bekannt. Dies war für uns Grund genug, den vorliegenden Sammelband diesem Aspekt seines Werkes zu widmen.
Der erste Teil der „Deutschen Grammatik“ erschien im März 1819, vor genau 200 Jahren. Das Interesse an sprachhistorischen Forschungen war unter den Zeitgenossen so groß, dass der Band bereits acht Monate nach seinem Erscheinen vergriffen war. Mit einer Fülle neuer Erkenntnisse über die Entwicklung der deutschen Sprache ragte die „Deutsche Grammatik“ weit über die sprachwissenschaftliche Literatur ihrer Zeit hinaus und unter den Zeitgenossen rief sie ein ungeteilt positives Echo hervor. Heinrich Heine bemerkte 1837: „Der einzige Jakob Grimm hat für Sprachwissenschaft mehr geleistet als eure ganze Französische Akademie seit Richelieu. Seine ‚Deutsche Grammatik’ ist ein kolossales Werk, ein gotischer Dom, worin alle germanischen Völker ihre Stimmen erheben, wie Riesenchöre, jedes in seinem Dialekte.“ Durch dieses Werk galt Jacob Grimm zu Lebzeiten und auch darüber hinaus als erste Autorität in seinem Fach.
Allerdings musste Ludwig Denecke, der Gründungsdirektor des Kasseler Brüder-Grimm-Museums, 150 Jahre später feststellen, dass der Erfolg und die Wirksamkeit der „Deutschen Grammatik“ in der populären Wahrnehmung unbeachtet geblieben waren, auch an der Stätte ihrer Entstehung. Bis heute hat sich daran kaum etwas geändert und dies zeigt sich beispielsweise auch an den Entstehungsorten des Grimm’schen Werkes. Während es das Kasseler „Märchenhaus“ in der Marktgasse sogar zum Postkartenmotiv geschafft hat, sind die meisten Orte, an denen die „Deutsche Grammatik“ zwischen 1816 und 1840 entstanden ist, heute vergessen.
Daran wird sich nun Entscheidendes ändern: Ich danke dem Herausgeber, Prof. Dr. Holger Ehrhardt, und den Autorinnen und Autoren für ihre Beiträge, in denen verantwortungsvoll ein bedeutendes Stück Geschichte von Kassel und der Region aufgearbeitet worden ist. Sie vermitteln anschaulich und verständlich viele neue Entdeckungen und Einsichten, sowohl einem breiten Publikum als auch der Fachwelt.
Ingo Buchholz
Vorstandsvorsitzender der Kasseler Sparkasse
Der Abbruch des Kopp’schen Hauses auf dem Wilhelmshöher Platz/Brüder-Grimm-Platz, Fotografie, 1910/11. Im Haus des Bankiers Jordis arbeiteten Achim von Arnim und Clemens Brentano im Winter 1807/08 mit den Brüdern Grimm am zweiten und dritten Band von „Des Knaben Wunderhorn“
Zur Entstehung und Verlagsgeschichte von Jacob Grimms „Deutscher Grammatik“
Holger Ehrhardt
Weil das populärste Werk der Brüder Grimm, die „Kinder- und Hausmärchen“, bis zu den letzten Ausgaben (1857 die „Große“ bzw. 1858 die „Kleine Ausgabe“) unverändert unter dem Namen Brüder Grimm erschien, wird leicht übersehen, dass die Zeit des gemeinsamen Forschens und Publizierens nur wenige Jahre dauerte. 1806/07 begannen Jacob und Wilhelm Grimm in Kassel ihr gemeinsames „Studium der alten Sage, Dichtkunst und Sprache“ 1 sowie ihre Sammlungen von Volksüberlieferungen, Märchen und Sagen, mittelhochdeutschen Handschriften, volkskundlichen oder mythologischen Stoffen. Als „Brüder Grimm“ veröffentlichten sie zuerst ab 1812 eine Edition der „Beiden ältesten deutschen Gedichte aus dem achten Jahrhundert“ sowie den ersten und 1815 den zweiten Band der „Kinder- und Hausmärchen“. Im selben Jahr erschienen auch „Der arme Heinrich“ und die „Lieder der alten Edda“. Die letzten gemeinsamen Veröffentlichungen waren dann die beiden Bände „Deutsche Sagen“ (1816 und 1818).2
Während dieser Zeit gab es auch schon nicht gemeinschaftliche Projekte. Die Übersetzung der „Altdänischen Heldenlieder, Balladen und Märchen“ (1811) oder die Edition der „Goldenen Schmiede von Conrad von Würzburg“ (1815 bzw. 1816)3 hatte Wilhelm Grimm allein vorgenommen. Hier mochte wohl das gelten, was Jacob Grimm später zur Arbeitsweise bei den „Altdeutschen Wäldern“ mitteilte: „In dergl. Fällen pflegt zwar jeder des andern Arbeit durchzulesen und seine Anmerkungen und Verbeßerungen vorzuschlagen, allein es hängt vom Herausgeber ab, was er davon brauchen will.“4 Zwar enthielt diese von 1813 bis 1816 gemeinsam herausgegebene Zeitschrift fast ausschließlich Beiträge, die entweder von Jacob oder von Wilhelm stammten,5 doch für Außenstehende wurde erst deutlich, dass die brüderlichen Projekte ein Ende gefunden hatten, als die „Deutsche Grammatik“ 1819 allein unter dem Namen Jacob Grimms erschien.
Wilhelm Grimm erklärte diese Arbeitsteilung mit unterschiedlichen charakterlichen Veranlagungen: „[I]ch habe vor fremden Fächern große Achtung, aber ich kann nicht so leicht jene besondere Neigung dafür bekommen, wie für andere einmal liebgewonnene. Darin unterscheide ich mich sehr vom Jacob, der mit viel mehr Leichtigkeit und Geschick etwas neues ergreifen und sich ihm hingeben kann.“6 Mit dem Abstand von über 40 Jahren, erst nach dem Tod seines Bruders, ging Jacob Grimm in einem Akademievortrag auf die Gründe ein, weshalb die gemeinsamen Arbeiten ein Ende gefunden hatten:
Nach diesen gemeinschaftlichen, mit aller lust gepflognen arbeiten trat aber eine wendung ein, die nun wieder getrennte und von einander abweichende schritte forderte. Dasz jeder seine eigenthümlichkeit wahren und walten lassen sollte, hatte sich immer von selbst verstanden, wir glaubten solche besonderheiten würden sich zusammenfügen und ein ganzes bilden können. schon beim Hildebrandlied, noch mehr bei der Edda, lernte ich einsehen, dasz unserm besten willen und wissen dabei auch erhebliche schwierigkeiten entgegentraten. offen, wie ich war, und geneigt meinungen aufzustecken oder zu bestreiten, schien es mir dasz vor dem publicum eine ansicht, von wem auch sie ausgegangen, überwiegen oder weichen müsse, er aber gerechter und schonender gesinnt, nicht ohne stärkeres selbstgefühl auf dem behaupteten beharrend, wollte lieber, dasz nebeneinander und dem leser zur wahl hingestellt würde, was zwischen dem herausgeben unvermittelt bliebe.7
Jacob Grimm am Schreibtisch, Federzeichnung von Ludwig Emil Grimm, 1817
Die leicht überzeichneten und karikierenden Darstellungen Ludwig Emil Grimms, die seinen am Schreibtisch sitzenden und in Zettelkästen vertieften Bruder8 zeigen, verstellen den Blick davor, dass „eine gewisse halbwehmütige Zurückgezogenheit“9 seine Arbeit an der „Grammatik“ begleitete. Ein Brief, den Wilhelm Grimm nach dem Erscheinen des ersten Teils der Grammatik an Achim von Arnim geschrieben hatte, gibt Aufschluss darüber, wie stark sich dieser Rückzug auch auf die brüderliche Kommunikation ausgewirkt hatte. Zu einer Passage, in der Wilhelm die Grammatik seines Bruders lobte, schrieb Jacob: „Das ist das erste Wort, was ich vom Wilhelm über die Grammatik höre, ich wollte, er hätte mir dabei geholfen, so wäre einiges vielleicht besser geworden. Das eifrigere und langsamere Arbeiten hat beides seinen Vortheil, aber die daher entspringenden Ansichten lassen sich oft nicht zusammen bringen. Es wäre Dir darüber viel zu schreiben.“10 – Dieses Gefühl des vereinsamten Arbeitens hat Jacob Grimm bis an sein Lebensende nicht verloren und immer wieder beklagt.
Das grammatische Interesse Jacob Grimms lässt sich schon lange vor 1819 finden: 1810 hatte er gegenüber Benecke geäußert, es müsse „das historische Bilden der Gesammtsprache erforscht“ werden, eine „Geschichte unserer Sprache“11 wäre ihm lieber als ein Wörterbuch. Erste Veröffentlichungen zu grammatischen Fragen finden sich 1813 in den „Altdeutschen Wäldern“, wo Jacob beispielsweise über das dunkle, nur im Hildebrandslied vorkommende „sunu fatarungo“ sprachvergleichende Betrachtungen anstellte:
Die Form fatarung wäre doch nicht so ganz ohne Analogie. Wir finden im isl. die Wörter brädrungr und systrungr von Geschwisterkindern […]. sunu dürfte sich wohl auch als pl. rechtfertigen lassen, nur wäre fatarungo kein gen. pl. des Subst. sondern nom. pl. m. des Adjectivs (wie sich die alten Adj. auch sonst zuweilen auf o oder u, nicht blos im neutr. endigen).12
In dieser Zeitschrift – und zwar in einem Gastbeitrag Beneckes mit dem Titel „Ueber einen vorzüglich der ältern deutschen Sprache eigenen Gebrauch des Umlautes“13 – wurde auch ein auffälliges lautliches Phänomen, der mittelhochdeutsche i-Umlaut, behandelt: Zuerst hatte der Münchener Bibliothekar Bernhard Docen in der Edition einer Münchener Handschrift des „Titurel“ darauf verwiesen.14 Er vermutete, dass sich bei weiblichen Substantiven im Genitiv und Dativ Singular ein Umlaut und nach dem Konsonant ein „e“ befinden könne. Es gebe aber auch Fälle, in denen dieser Umlaut nicht erfolge. Benecke mahnte in den „Göttingischen gelehrten Anzeigen“ an, keine vorschnellen Regeln aufzustellen zu wollen,15 vermutete aber seinerseits erstens, „daß man aber die zweyte Form [d. h. den Umlaut] ausdrucksvoller fand, um den Genitiv und Dativ zu bezeichnen, und sie also vorzüglich in diesem Falle brauchte“16 und zweitens, dass diese umgelauteten Formen auch „als Nominative des Singulars gebraucht wurden“.17 Jacob Grimm widersprach dem, denn er hielt die fraglichen Umlaute „für geumlautete Casus“18 und erklärte für die Koexistenz von zwei Formen (z. B. Wörter – Worte bzw. Männer – Mannen), dass die umgelauteten „den Begriff verrücken, [d. h. …] etwas bestimmteres, schärferes“ aussagen oder „merklich verschieden“19 seien. Wie Benecke plädierte auch er dafür, diese Phänomene keiner Regel zu unterwerfen; mit Blick auf das Altisländische verwies Jacob Grimm allerdings auf eine bemerkenswerte These von Rasmus Rask, der „nicht mit Unrecht diese Trübung durch eine Zurückwirkung der dunkelen Beugungsendung“20 erklärt hatte. Die Vielzahl der in diesem Aufsatz beigebrachten Belege aus verschiedensten althochdeutschen, altniederdeutschen und mittelhochdeutschen Quellen zeigte Jacob Grimms umfassende grammatische Beobachtungen. Überdies ließ sich in seinem Aufsatz „Grammatische Ansichten“ das Projekt der „Deutschen Grammatik“ schon schemenhaft erkennen, als er schrieb: „Eine solche große, historische Grammatik wird zugleich ein Licht der Geschichte der Poesie werden und sie überall begleiten“.21
Jacob Grimm im Wilhelmshöher Tor am Fenster lesend, Bleistiftzeichnung von Ludwig Emil Grimm, 10. November 1814
Neben den unterschiedlichen Neigungen der Brüder trug ganz bestimmt auch die Änderung ihrer äußeren Lebensverhältnisse dazu bei, dass Jacob Grimm nun an diesen Plan denken konnte. Auf eigenen Wunsch schied er aus dem zeitraubenden kurhessischen diplomatischen Dienst aus und seinem Ersuchen um Anstellung als zweiter Bibliothekar der Kurfürstlichen Bibliothek wurde stattgegeben. Er trat die Stelle am 18. April 181622 an. Der Dienst war angenehm und ließ den Brüdern Grimm – Wilhelm war bereits ein Jahr früher als Bibliothekssekretär angestellt worden – genügend freie Zeit. Sie mussten täglich nur drei Stunden anwesend sein.23 Damit war die nötige Muße für das grammatische Großprojekt gegeben. Tatsächlich lassen sich in der Folgezeit die ersten brieflichen Hinweise auf Jacobs Arbeit an diesem Werk finden. Am 31. August 1816 bemerkte er gegenüber Benecke, er sei „nicht begierig noch mehr Gedichte zur Herausgabe auf [s]ich zu nehmen“24, überdies war er über die Druckfehler im letzten Band der „Altdeutschen Wälder“ so verärgert, dass er die Zeitschrift einstellte. Im November berichtete er vom intensiven Studium und von einer neuen Auffassung des Umlautes:
Ich bin die letzten Monate über recht fleißig gewesen u. habe namentlich meine grammatischen Sammlungen neu durchgearbeitet, den ganzen Otfried beinahe wieder durchgelesen und zwar sehr genau. Der vielbesprochene Umlaut in unserer alten Sprache ist mir nun völlig klar geworden, d. h. ich kann ihn historisch begründen und beweisen. Man braucht sich nur die Frage zu beantworten: wie haben die Feminina zit (tempus) worolt (mundus) dad oder dat (facinus) im Genitiv oder jedem andern obliquen Falle? Offenbar bei Otfried, und häufig in der Evang. harmonie etc. etc. ziti (temporis) dati (facinoris), worolti etc. etc. Im 12 u. 13 Jahrh. verschwand das i der Endung, (wurde zum e) und trat gewißermaßen in den Wurzelvocal zurück, der nun umlautete, oder richtiger umlauten konnte. Dieselbe Erscheinung ist beim i des Verbum.25
Das Phänomen konnte drei Jahre später, während der Überarbeitung des ersten Bandes der „Deutschen Grammatik“, noch weiter geklärt werden. Die mit Benecke gewechselten Adversarien geben hierüber genauere Auskunft.26
Über den genauen Beginn der Arbeiten an der „Deutschen Grammatik“ gibt es nur ungefähre Angaben, die sich aus den Briefen Jacob Grimms rückschauend ergeben.28 Im oben erwähnten Schreiben an Benecke vom 19. Novermber 1816 bemerkte Jacob Grimm, er habe „die letzten Monate“ seine grammatischen Sammlungen durchgesehen. Am 27. Februar 1817 resümierte er: „Diesen Winter über bin ich recht fleißig gewesen und habe besonders die Grammatik der ältesten deutschen Sprachdenkmäler durchgenommen und manches überraschende gefunden.“29 Die Vorarbeiten zur Grammatik dürften also auf den Herbst 1816 zu datieren sein.30 Ein Jahr später, im Herbst 1817, begann die Ausarbeitung des Druckmanuskripts: „Ich arbeite seit einem halben Jahre auf das anhaltendste aus längst gereiften Materialien eine deutsche Grammatik aus, die mich fast nicht zu Atem kommen läßt.“31
Um den Jahreswechsel 1817/18 muss sich Jacob Grimm mit seinem Projekt an die Dieterich’sche Buchhandlung in Göttingen gewandt haben. Aus dem Antwortschreiben des Verlags geht hervor,32 dass er eine Auflage von 300 Exemplaren ins Auge gefasst hatte, die der Verlag jedoch aus Kostengründen auf 400 erhöhen wollte. Jacob Grimm sollte die Korrekturen gratis besorgen und man plante jede Woche drei Korrekturbogen ein. Ein Honorar in Höhe von einem Louisd’or pro Bogen wurde erst für den zweiten Band vereinbart.33 Jacob Grimm erklärte sich mit der Auflagenhöhe einverstanden und einigte sich mit dem Verlag, dass nur ein Bogen pro Woche nach Kassel geschickt werden solle, damit größere Sorgfalt auf Satz und Korrektur gelegt werden könne. Zu den vereinbarten 20 Freiexemplaren auf Druckpapier und zwei Exemplaren auf Velinpapier kamen noch zwei weitere, die „auf großes Royal-Papier in Quart-Format abzudrucken“34 seien und zu denen Jacob Grimm das Papier selbst liefern wolle.35 Das Druckmanuskript sollte um den 20. Januar 1818 nach Göttingen gesendet werden.
Am 6. Februar kam der erste Korrekturbogen in Kassel an. Der Verlag musste jedoch schon bei den Ligaturen drucktechnische Schwierigkeiten einräumen:
Den Buchstaben æ haben wir nicht, und wir müssen Sie bitten dafür gelten zu lassen. Ueberhaupt müssen wir sehr bedauern, dass Sie eine Schrift gewählt haben, von der wir nur einige Seiten über einen Bogen setzen können. Von einer sehr prompt gehenden Correctur wird daher die Förderung des Werks sehr abhängen; es kömmt daher darauf gar nichts an, ob die Couverts mit der Fahr oder Reitpost gehen, wenn nur kein Posttag überschlagen wird.36
Aus einem Brief an Savigny geht hervor, dass Jacob Grimm geplant hatte, die Ausarbeitung schon Ostern 1818, also im März, abzuschließen. Schuld an der Verzögerung seien der Druck und andere darauf zu verwendende Arbeiten, womit wohl die Schwierigkeiten mit den richtigen Drucktypen gemeint waren. Zum Inhalt teilte er mit:
Einiges Aufsehen soll es schon machen, denn ich leite unsere heutige Sprache aus der ältesten gothischen her und durch alle erlittenen Veränderungen hindurch, was bisher noch niemand versucht hat, geschweige, daß es einem gelungen wäre […]. Das Werk soll nicht sowohl eine Grammatik, wie eine Geschichte der Sprache sein und keine Sprache in der Welt hat eine solche Geschichte, wie die deutsche.37
Jacob Grimm widmete also das Jahr 1818 ausschließlich der „Grammatik“. Nicht nur wegen der zu geringen Zahl an Drucklettern, sondern auch, weil er „gar nicht vorgearbeitet, sondern blos vorgesammelt“38 hatte, schrieb er seine Kapitel bogenweise: „[A]ußer den Stunden, welche die Bibliothek braucht, tue ich beinahe nichts Andres als arbeiten an meiner Grammatik, wo ich die schwierigsten Materien von Bogen zu Bogen in den Druck arbeiten muß.“39 Im September 1818 waren erst zwei Drittel des Buches fertig,40 doch Jacob Grimm schrieb bereits an der Vorrede, unter die er das Datum 29. September 1818 setzte. Hier äußerte er sich auch über das voraussichtliche Erscheinungsdatum des Buches: „Der Druck dieses Buchs hat sehr langsamen Fortgang und wird über ein volles Jahr dauern.“41
Der Göttinger Verleger Heinrich Dieterich, Stich von E. L. Riepenhausen nach einem Gemälde von Jakob Wilhelm Christian Roux, um 1825
Schließlich kamen die gedruckten Exemplare seiner „Deutschen Grammatik“ am 2. März 1819 in Kassel an. In seinem Tagebuch hielt er dazu fest: „es ist daran gedruckt worden von Ende Januar 1818 bis März 1819. 13 Monate lang.“42 Im Begleitbrief zu den übersandten Freiexemplaren musste der Verlag eingestehen, dass der Faktor der Buchdruckerei vergessen hatte, die zwei vereinbarten Exemplare auf Velin-Papier abziehen zu lassen. Abweichend von der Vereinbarung vom 13. Januar 1818 erhielt Jacob Grimm nun zwei Freiexemplare im Quartformat (die Handexemplare), 19 auf Druckpapier, zwei auf Schreibpapier und einen Aushängebogen.43 Savigny gegenüber machte er seinem Ärger Luft: „Der Verleger hat höchst ärgerlicherweise das ausgehaltene Velinexemplar abzuziehen vergessen und so muß ich dann eins auf Schreibpapier senden, das sich übel ausnimmt und noch dazu von dem Buchbinder mißhandelt worden ist.“44
Noch ein weiterer Missklang trübte die Freude über das fertiggestellte Werk. Nachdem dem Kurfürsten Wilhelm I. ein Geschenkexemplar der „Grammatik“ überreicht worden war, erwiderte dieser lediglich, „er hoffe, daß [Jacob Grimm] über solchen Nebengeschäften den Dienst nicht versäume.“45
Mit der Übersendung der Freiexemplare des ersten Teils wurde Jacob Grimm vom Verlag auch gebeten, das Manuskript zum zweiten Band einzusenden. Der wiegelte ab, verwies wegen anderer unaufschieblicher Arbeiten auf die Zeit nach Ostern 1820 und mahnte an: „Es wäre mir lieb, wenn Sie Sich mittlerweile entschlößen, die in Ihrer Druckerei fehlenden und oft unersetzlichen alten Buchstaben gießen zu laßen.“46 Am 7. Juli 1819 fragte der Verlag erneut nach dem zweiten Teil,47 aber auch noch im Oktober 1819 hatte Jacob Grimm seine Pläne nicht geändert und sann über „die hunderterlei Dinge“48 nach, die er im zweiten Teil der Grammatik behandeln wolle. Offenbar gegen Ende Oktober teilte der Verlag dann überraschend mit, dass die „Grammatik“ verkauft und eine neue Ausgabe des ersten Teils bald nötig sei.49 Auch davon ließ sich Jacob Grimm zunächst nicht zu anderen Plänen bewegen, denn er schrieb noch im Dezember 1819 nach Göttingen: „Ich wünsche dem Buch umständliche und seine vielen Mängel berichtigende Recensionen, womit ich ganze Blätter selbst füllen wollte. Die Zeit, wann ich Ihnen Ms. liefern kann, hoffe ich in einigen Monaten mit Bestimmtheit anzuzeigen“. Er vergaß nicht, an die besonderen Lettern zu erinnern: „Sobald die Buchstaben eingehen, senden Sie mir doch die Probe davon“.50
Im Lauf des Dezembers änderte Jacob Grimm jedoch seine Meinung. Er schrieb an Karl Lachmann, der mittlerweile eine Korrespondenz mit ihm angeknüpft hatte, dass er den zweiten Teil nun wohl zugunsten einer Zweitauflage des ersten Teils liegen lassen müsse: „Einestheils ist mir freilich lieb, daß ich so manches besser machen kann, doch würde es nach einigen Jahren noch besser gegangen seyn. Gleichwohl wird kaum eine Seite stehen bleiben. Ich ordne alles schicklicher und lasse die Buchstabenlehre billig vorausgehen.“51 Am 10. Januar teilte er dem Verlag seinen neuen Entschluss mit, vor dem zweiten Teil erst eine überarbeitete zweite Ausgabe des ersten Teils erscheinen zu lassen.52 Dort war man über diesen Entschluss und die Aussicht auf raschen Druckbeginn sehr erfreut,53 die gewünschten Drucktypen trafen jedoch erst im April ein, wobei die beiden Lettern für O nicht gut gelungen waren.54 Auf das Blatt dieser Mitteilung der Dieterich’schen Buchhandlung schrieb Jacob Grimm diejenigen 18 Drucktypen, die er vermutlich bestellt hatte: ð ƀ þ â ê î ô û å ů è á é í ó ú ẏ ę.55
In der weiteren Korrespondenz ging es zunächst ausschließlich um diese drucktechnischen Fragen. Die Administration des Verlags teilte ein Schreiben des Jenaer Schriftgießers Francke mit, der Probleme bei der Herstellung der – zur Darstellung aspirierter Laute nötigen – ƀ und ð zu haben schien. Jacob Grimm wurde gebeten, es damit so genau nicht zu nehmen.56 Seine Antwort fiel ablehnend aus und in diesen Tagen muss er auch den Entschluss gefasst haben, von der Frakturschrift Abstand zu nehmen und die Neuauflage in lateinischen Lettern drucken zu lassen. Der Verlag ging auf diesen Vorschlag ein, zwar mit dem Hinweis, dass die gerade hergestellten Lettern dann weggeworfen seien, man jedoch „dann andern Druck-Inconvenienzen“57 entgehe. Sogar ein polnisches Alphabet lag bereit und man wollte die noch fehlenden Lettern nicht mehr bei Francke in Jena, sondern in Leipzig gießen lassen.
Jacob Grimm, Bleistiftzeichnung von Ludwig Emil Grimm, 1818. Das Bild sollte, worauf der Vermerk Wilhelm Grimms hinweist, vor den ersten Band der „Deutschen Grammatik“ gesetzt werden
Welche Sorgfalt Jacob Grimm auf die „darstellung der laute in sämmtlichen deutschen sprachen“ gelegt hatte, erläuterte er in den Vorbemerkungen zum ersten Buch der Neuauflage des ersten Teils.58 Dementsprechend wurde dieser Frage von Seiten des Verlags auch große Aufmerksamkeit geschenkt und am 8. September 1820 nach Kassel gemeldet, dass die nötigen Lettern nun sehr bald vollständig wären: æ und œ kämen aus einer anderen Göttinger Druckerei und die übrigen schwer beschaffbaren solle „ein hies. geschickter Künstler in Buxbaum schneiden“59, um den Druck nicht um weitere drei Monate zu verzögern. Am 18. September hatte der Verlag jeweils 25 Exemplare von þ und ð bestellt und versicherte, für die Gleichheit der nun aus Buchsbaum zu schnitzenden Typen Sorge zu tragen.60
Am 21. September 1820 sandte Jacob Grimm das Manuskript zum ersten Bogen der Neuausgabe nach Göttingen.61 Lachmann erfuhr die Einzelheiten dieser Verzögerungen:
Was solange misrieht und sich hinhielt, dachte ich, wird nicht so schnell ins Werk gerichtet und setzte die Ausarbeitung aus; auf einmahl wurde ein Beschluß gefaßt, der alle Anstände beseitigte, und nun wartete und wartet der Druck auf Manuscript, ich lieferte die ersten Bogen und arbeite nun etwa zwei oder drei Bogen voraus und darf nicht einhalten. An sich ist mir dieser Eifer nicht unwohlthätig, der Arbeit sogar selbst förderlich, man nimmt alles besser ins Auge und Concepte zu solchen Wortkrämereien im voraus zu machen wäre jedermann langweilig, mir unmöglich, weil ich immer denke, ich lerne zu und schreibe den letzten Augenblick besser auf, als ich es Monate oder Wochen früher hätte thun können; eine Art Concept ist mir auch die erste Ausgabe, wiewohl ich keinen Buchstaben davon brauchen werde. Aber jener Beschluß wird Sie verwundern. Nachdem jenaer und erfurter Formschneider so elende und ungleiche accentuierte Buchstaben geliefert hatten, daß nichts davon zu leiden war, schlug ich vor lateinische Schrift zu nehmen, wo sich Accente, Circumflexe, æ, œ, ä, ö, ü vorfinden. Ein Paar andere liefert ein göttinger Künstler in Holz, zwar nicht ausnehmend sauber, doch liegt mir mehr an Correctheit als Eleganz.62
Im selben Brief wurde auch erwähnt, dass Benecke in Göttingen noch vor dem Abdruck letzte Korrekturen las. Ende November waren erst vier Bogen gedruckt. Jacob Grimm ging nun ausführlich auf seine Arbeitsweise und die Schwierigkeiten des Druckes ein: Er schreibe leidenschaftlich ohne Entwurf nieder und ohne Korrektur zu lesen, sende er die Manuskripte zum Verlag. Bei den Korrekturbogen ändere er kaum etwas, weil er wenig Zeit habe und den Setzer nicht plagen möchte, daher würde manches umständlich und nicht elegant formuliert sein. Auch sah er vom Kursivdruck alter Wörter oder einem Wechsel von lateinischen und deutschen Lettern ab, weil es zu aufwändig gewesen wäre. Überdies ließ er – außer bei Satzanfängen und Eigennamen – die Großbuchstaben weg.
Am 14. Januar 1821 monierte Jacob Grimm gegenüber Lachmann die Langsamkeit des Drucks, erst der elfte Bogen werde abgezogen. So konnte er nun allerdings auch langsamer schreiben und hatte mehr Zeit für gründlichere, jedoch aufwändigere Korrekturen. Insgesamt resümierte er über seine Methode, dass „in allen Kleinigkeiten Gründlichkeit fruchtbar und segensreich ist, und Vollständigkeit in Dingen, deren Wichtigkeit anfangs unscheinlich war, […] auf einmahl etwas Bedeutendes“63 entdeckt. Pro Woche wurde nun ein Bogen geschrieben, der in der darauffolgenden gedruckt wurde. Im Februar war der Druck bis Seite 224, dem Kapitel über angelsächsische Vokale, fortgeschritten,64 am 1. April bis zum zwanzigsten Bogen, d. h. bis Seite 320.65
Die von einem Göttinger Künstler hergestellten Lettern aus Buchsbaum waren entgegen den Versicherungen des Verlags schlecht ausgefallen und verursachten beim Druck der „Grammatik“ viel Ärger.66 Die zur Darstellung altsächsischer Konsonanten benötigten Lettern ƀ und ð ragten mit ihren Mittellängen deutlich unter die Grundlinie.
Auch Lachmann, dem die Aushängebogen zugingen, fand diese beiden Lettern „scheußlich“, zudem passe das ʒ nicht zur übrigen Schrift. Er riet, für den Rest des Buches neue Lettern einzufordern.67 Jacob Grimm fand jedoch einen anderen Weg: „die unterträglichen ƀ und ð habe ich bald aufgegeben und in dh, bh aufgelöst, freilich inconsequent, da ich gerade das üblichere th auf þ zurückführe.“68 Obwohl so nun Abhilfe geschaffen war, kam Jacob Grimm noch in der Vorrede auf das Problem zurück: „Die verlagsbuchhandlung hat, nach mislungenem versuch, unvorhandene typen gießen zu laßen, um nicht länger aufzuhalten, zu einzelnen holzstöcken greifen müßen, welche unsauber ins auge fallen, für einige buchstaben gar nicht einmahl gebraucht werden konnten“.69
Jacob Grimm, „Deutsche Grammatik“, 1. Teil, 2. Auflage (1822), S. 217. Die aus Holz geschnittenen Drucktypen passten nicht zur Schriftgröße der anderen Buchstaben
Ärgerlich – bis heute – bleiben auch die Zirkumflexe, die „im druck oft so stumpf [sind], daß sie [wie Gravis] aussehen.“70 Im Sommer trat eine Pause ein, vom 14. Juli bis zum 3. August 1821 hatte Jacob Grimm, wie er in sein Tagebuch schrieb, „nichts an der Gramm. zu Stande bringen können.“71 Viele Besuche hatten ihn an der Arbeit gehindert.72 Endlich, am 11. September, war das erste Buch „Von den Buchstaben“ zu Ende geschrieben.73
Welche persönliche Aufopferung hinter der Ausarbeitung der „Deutschen Grammatik“ stand, wird auch daran sichtbar, dass Jacob Grimm seit 1817, abgesehen von einigen Tagesausflügen nach Göttingen, keine Reise mehr unternommen hatte, auch kaum gelesen hatte. Er wünschte sich nun „einige monate in eine andere lebensordnung, und nicht nach handschriften reisen, wir [er] sonst that, sondern aus allen büchern heraus.“74
Im Druck nahm das erste Buch 595 Seiten ein und der Verlag erwog auf Anraten Beneckes, das zweite Buch „Von den Wortbiegungen“ in einer neuen Abteilung unter einem besonderen Titel zu drucken,75 auch mit Hinblick auf schnellen Absatz des ersten Teils. Jacob Grimm lehnte diese Teilung ab. Im Oktober wurde „bereits tapfer ins zweite buch eingerückt“.76 Störende Besuche und eine ernste Erkrankung Wilhelms verhinderten jedoch eine zügige Weiterarbeit, so dass der Verlag im November ohne Manuskript war.77 Am 24. November gab Jacob Grimm Hoffmann von Fallersleben Einblicke in sein Tagesgeschäft: „Leider muß ich täglich einige Seiten, wöchentlich einen Bogen Grammatik zus. schreiben und meine Zeit auf äußerste berathen; ein Paar Stunden Ausweichung bringen mich aus meinen Concepten heraus. […] das Buch ist noch unfertig und wird erst Ostern erscheinen, jetzo sind 700 Seiten gedruckt, es gibt ihrer aber über tausend und dies Drittel steckt noch in der Feder.“78 Im Dezember gab es keine Unterbrechungen: „Meine druckerei geht ihren gang fort, ich habe mich sogar schon durchs adjectivum gearbeitet.“79 So war das Buch zum Jahreswechsel bis zur Seite 752 gedruckt. Druckbogen gingen inzwischen auch an Hoffmann von Fallersleben, der sich mit altniederländischen Handschriften befasste und der darin die niederländische Buchstabenlehre finden konnte.80
Am 29. März 1822 schrieb die Dieterich’sche Buchhandlung nach Kassel:
Wie sehr würden wir uns gefreut haben, Ihre Grammatik zur Messe mitnehmen zu können! Das wird aber schwerlich angehen, wenn noch 6. Bogen fehlen, und Sie mancherley Verhinderungen haben. Des Nachfragens wo diese N. A. so lange bleibt, ist kein Ende.
Schicken Sie doch ja den Titel u. die Vorrede; sie sollen zum Voraus gedruckt werden. Von Nachlieferungen sind wir keine Freunde, am wenigsten von einzelnen Bogen. Können Sie daher nicht mehr Mspt als bisher liefern, so daß wir wenigstens einen halben Bogen mehr pr. Woche stellen, so wird die Versendung nicht in der Messe, sondern erst nach unserer Rückkehr von hier aus statt finden können, was sehr zu beklagen wäre. – Den 22. Apr. geht die Buchhändler-Messe an, – Himmelfahrt sind schon viele abgereist.
Da wir uns auf Ihren Eifer für das Buch, und auf Ihre Freundschaft für uns, rechnen können, so wäre es unnöthig zu dem hier Gesagten, Bitten um beschleunigte Lieferungen Ihrer Seits fügen zu wollen. Sie thun ja, was möglich ist.81
Das geplante Erscheinungsdatum des Buches konnte also nicht gehalten werden. Äußerliche Gründe hatten die Ausarbeitung der Neuausgabe verzögert: Der Kurfürst hatte den Brüdern Grimm die Wohnung gekündigt und sie mussten sich auf mühsame Wohnungssuche begeben. Wilhelm Grimm war seit Jahresbeginn dreimal erkrankt, schließlich verzögerte sich der Umzug mehrmals. Jacob Grimm schrieb an Lachmann, er „arbeite fort so gut [er] unter solchem apparat und krankengeläufe“ könne. Zu seinem „ärger und des verlegers betrübnis wird das buch zur messe doch nicht fertig, es hängt nur an 3–4 bogen, [er] zwinge sie aber nicht heraus“.82
Am 20. Juni 1822 konnte Jacob Grimm dann in sein Tagebuch schreiben: „mit dem Ms. der Grammatik fertig worden“83 und am 4. Juli „kam die fertige Grammatik an“84, die nun 1.084 Seiten umfasste. Die Vorrede, meldete er Lachmann, gefalle ihm nicht, sie sei schnell geschrieben und enthalte Bekanntes und Unbesonnenes.85 In seinem Schreibkalender notierte Jacob Grimm auf dem vorderen Vorsatzblatt das von der Verlagsbuchhandlung erhaltene Honorar:
Als zweiter Bibliothekar an der Kurfürstlichen Bibliothek bekam Jacob Grimm ein Gehalt von 600 Reichstalern.87 Sein Honorar für die Grammatik betrug also mehr als ein Jahresgehalt. Dafür hatte er von Herbst 1816 bis Juni 1822, fast sechs Jahre, gearbeitet.
Der Verlag hatte am 24. Juni 1822, als das Ende des ersten Bandes nach Kassel gesandt wurde, angefragt, ob Jacob Grimm „nun unverzüglich an den zweyten Band gehen, oder Sich einige wohlverdiente Ruhe gönnen“88 wolle. Der unfreiwillige Wohnungsumzug und die Verheiratung ihrer Schwester Lotte im Juli hatten die Gewohnheiten Familie Grimm stark geändert: Jacob, Wilhelm und Ludwig Emil Grimm führten nun in der Fünffensterstraße 1291/2 wieder einen „halbstudentischen Haushalt“.89 Jacob hatte sich auch nichtgrammatischen Arbeiten zugewandt: Im Juni hatte er sich bei Benecke nach alten Märchenausgaben von Perrault erkundigt,90 im September bei Wigand nach Weistümern.91 Zudem waren unerfreuliche Bibliotheksarbeiten zu erledigen, weil die Wilhelmshöher Privatbibliothek Wilhelms I. in kurzer Frist in die Kurfürstliche Bibliothek im Fridericianum eingestellt werden sollte.92 So bekannte Jacob gegenüber Lachmann mit Blick auf die „Grammatik“ im September, er sei „die Zeit über faul gewesen und habe sogar was anders für den Winter im Sinn“.93 In diesem Jahr erschienen auch andere Publikationen: eine Antikritik, ein grammatischer Aufsatz sowie einige Rezensionen. Den dritten Band der „Kinder- und Hausmärchen“ hatte Wilhelm alleine besorgt, auch wenn er unter dem Namen „Brüder Grimm“ publiziert wurde.
Im November begann Jacob Grimm mit den Vorbereitungen zum zweiten Teil der „Grammatik“, Lachmann wurde von Beginn an mit einbezogen: „In der Wortbildungslehre brauche ich wieder einige neue Namen, rathen Sie mir zu dem, was Ihnen gefällt. Mit der Scheidung in Wurzeln und Bildungen komme ich nicht aus, Wurzel für das genommen, was durch das vorhandene oder vermuthliche Ablautsverhältnis der starken Verbalform bestimmt wird, Bildung für das erkennbar hinzutretende.“94 Als sich der neu für die Dieterich’sche Buchhandlung tätige Universitätsrat F. W. Ulrich im Januar 1823, kurz nach seinem Dienstantritt, an Jacob Grimm wandte, um nach dem zweiten Teil der „Grammatik“ zu fragen,95 wollte dieser zunächst sichergestellt wissen, dass alle nötigen Drucktypen vorhanden seien: „Der Druck des zweiten Bandes mag mit Ostern beginnen, wenigstens arbeite ich darauf hin. Mittlerweile könnten ja die benöthigten Typen statt der fatalen und abgenutzten Holzstöcke gefertigt werden, namentlich das þ und ʒ. Der Setzer weiß was sonst nöthig thut. ë statt des beßeren ė könnte allenfalls beibehalten werden.“96
Am 13. April 1823 begann Jacob Grimm laut Tagebucheintrag mit der Ausarbeitung des zweiten Teils seiner Grammatik, der Wortbildung.97 Eine Woche später wies er den Verlag, der offenbar erneut angefragt hatte, noch einmal auf die Notwendigkeit guter Drucktypen hin:
Ew. Wohlgeboren
beehre ich mich zu erwiedern, daß ich nur auf die Nachricht warte, in der Druckerei sey alles im Stande, um den Anfang des Ms. zu übersenden. Ehe die Typen da sind, kann nicht begonnen werden, und sobald sie eintreffen, bitte ich um einen Probedruck derselben, damit ich mich danach richten kann. Mit Satz und Correctur wird es völlig wie bisher gehalten; Hr. Hofrath Benecke wird gleichfalls wieder die Güte haben, jeden Bogen vor dem Druck nochmahls zu revidieren.98
