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Beschreibung

»Ein Licht in dunklen Zeiten.« Noam Chomsky

Enthält ein Interview mit Bernie Sanders!

Seit 2010 mischt Jacobin als Sprachrohr der neuen amerikanischen Linken die intellektuelle Szene in den USA auf. In dem Magazin treten junge Autorinnen und Autoren offen für den Sozialismus ein, und das im Land des Hyperkapitalismus. Mit polemischen Artikeln entwickelte sich Jacobin schnell zu einem einflussreichen Ideengeber für Occupy Wall Street und die Bewegung um Bernie Sanders. Inzwischen erscheint die Zeitschrift in einer Auflage von 30.000 Exemplaren, online erreicht sie jeden Monat rund eine Million Leser.

Dieser Band versammelt erstmals eine Auswahl von Beiträgen auf Deutsch. In den Texten zur Identitätspolitik und zu Black Lives Matter, zum Stand des Kapitalismus und der Kapitalismuskritik sowie zum »Zombie-Marxismus« und dem Aufstieg Donald Trumps zeichnen sich die Konturen eines politischen Programms ab, das fraglos auch hierzulande die Diskussionen um eine strategische Neuausrichtung der Linken befruchten wird.

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Seitenzahl: 304

Veröffentlichungsjahr: 2018

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3Jacobin

Die Anthologie

Herausgegeben von Loren Balhorn und Bhaskar Sunkara

Aus dem Englischen von Stephan Gebauer

Suhrkamp

7Jacobin

Die Anthologie

Übersicht

Cover

Titel

Inhalt

Informationen zum Buch

Impressum

Hinweise zum eBook

5Inhalt

Cover

Titel

Inhalt

Einleitung:

Jacobins

erstes Jahrzehnt.

Loren Balhorn

»Dann sollen sie Diversität essen.«.

Ein Interview mit Walter Benn Michaels über Identitätspolitik

Ein Zombie namens Marx.

Mike Beggs

Vier Zukünfte.

Peter Frase

Rot und Schwarz.

Seth Ackerman

Weggefährten.

Bhaskar Sunkara

Zurück in keine Zukunft.

Alyssa Battistoni

Im Namen der Liebe.

Miya Tokumitsu

Den globalen Kapitalismus beseitigen.

Sam Gindin

Der neue Geltungskonsum.

Adam Stoneman

Wie wir die Freiheit erlangen.

Keeanga-Yamahtta Taylor

Wie der Donald an die Macht kam.

Charlie Post

»Demokratischer Sozialismus bedeutet, dass wir eine Wirtschaft aufbauen müssen, die nicht nur den Reichsten, sondern allen nützt.«.

Ein Interview mit Bernie Sanders

»Strategisch gesprochen, sind 1000 gut positionierte Arbeiter unendlich viel mehr wert als 10 ‌000 Universitätsstudenten.«.

Bhaskar Sunkara, Gründer und Herausgeber von

Jacobin,

im Gespräch mit Loren Balhorn

Textnachweise

Fußnoten

Informationen zum Buch

Impressum

Hinweise zum eBook

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9Einleitung: Jacobins erstes Jahrzehnt

Loren Balhorn

11Vor zehn Jahren, als gerade die ersten Fäden des Jacobin-Netzwerks verknüpft wurden, schienen die Aussichten für eine Erneuerung der sozialistischen Bewegung oder eine wie immer geartete radikale Massenpolitik in den Vereinigten Staaten düster. Mehrere große Protestwellen ‒ von den Antiglobalisierungsmärschen Ende der Neunziger und in den ersten Jahren unseres Jahrhunderts bis zur Antikriegsbewegung und den Kundgebungen für die Rechte von Einwanderern in den Bush-Jahren ‒ waren gekommen und gegangen, ohne der Linken eine stabile Organisation zu hinterlassen. Obwohl verschiedene winzige radikale Gruppen wichtige Beiträge zu diesen Bewegungen leisteten, verhalf ihr Einsatz der Linken nicht zu größerem Einfluss. Während sich der Irakkrieg in die Länge zog, konnte die kleine amerikanische Linke keine nennenswerten »Schlachten« für sich entscheiden.

Im Jahr 2008 segelte der talentierte Zentrist Barack Obama auf einer Welle der Ablehnung gegen die Politik der Regierung Bush an die Macht. Obamas Status als erster schwarzer Präsident in einem Land mit einer langen rassistischen Vergangenheit hatte große Symbolkraft, aber seine tatsächliche Politik war weit entfernt von jenem »Sozialismus«, für den ihn seine rechten Gegner kritisierten. Nach dem Crash von 2007/08 erwarteten auf der Linken viele eine Radikalisierungswelle, die es ermöglichen würde, die um sich greifende Empörung in neue soziale Bewegungen zu kanalisieren und den Sozialismus oder zumindest einen milden linken Reformismus wieder ins Bewusstsein der breiten amerikanischen Öffentlichkeit zu bringen.

Wie wir mittlerweile wissen, löste die Krise stattdessen 12eine beängstigende Reaktion der amerikanischen Rechten aus, verkörpert von der rechtskonservativen Tea Party, einer von Hass und Paranoia angetriebenen Bewegung, in der die vielen Klagen einer wütenden Mittelschicht zu einer politischen Abrissbirne verschmolzen, mit der die öffentliche Debatte zertrümmert und die Öffentlichkeit verleitet wurde, die zentristischen Demokraten fälschlich mit einer »linken Agenda« zu identifizieren. Die Linke war in die Defensive geraten und sah sich außerstande, die amerikanische Politik in die von ihr angestrebte Richtung zu lenken.

In diesem Klima rief Bhaskar Sunkara mit einer kleinen Gruppe von Freunden Jacobin ins Leben, ein zu jener Zeit bescheidener Versuch, sozialistische politische Vorhaben so darzustellen, dass sie für Millionen Amerikaner, die unter wirtschaftlicher Stagnation, einer erdrückenden Schuldenlast und einem allgemeinen Gefühl des politischen Unbehagens litten, verständlich und relevant sein würden. Möglicherweise hatten sie die Geschichte auf ihrer Seite: Der Kapitalismus steckte in der schwersten Krise, an die sich die meisten der lebenden Amerikaner erinnern konnten, die gesellschaftliche Polarisierung und die Ungleichheit nahmen zu, und die Kräfte des Status quo schienen unfähig, einen Ausweg zu finden. Andererseits waren dies die Vereinigten Staaten, wo es anders als in Westeuropa keiner linken Kraft jenseits der Demokratischen Partei gelungen war, im Lauf der Jahrzehnte einen festen Platz in der politischen Landschaft zu erobern, wo es nicht gelang, sozialistische oder auch nur sozialdemokratische politische Vorhaben in der Arbeiterbewegung zu verankern, und wo marktfundamentalistische Vorstellungen in den 13Augen eines großen Teils der Gesellschaft einfach ein Gebot des gesunden Menschenverstands waren. Jacobin war keineswegs der erste Versuch, einem amerikanischen Publikum sozialistische Ideen nahezubringen. Was unterschied diese Publikation also von ihren Vorläufern?

Es ist nie einfach, zwischen objektiven Bedingungen und subjektiven Interventionen zu trennen, und es wird wohl einige Jahrzehnte dauern, bis die Historiker zu einer nüchternen Einschätzung des überraschenden Wachstums des amerikanischen Sozialismus in den vergangenen Jahren gelangt sein werden, aber es kann kein Zweifel daran bestehen, dass das Talent und die Innovationen des Jacobin-Teams einen Beitrag dazu geleistet haben. Während der Großteil der winzigen amerikanischen Linken im Jargon und in Klischees gefangen blieb und sich darauf beschränkte, ein ums andere Mal vergangene Schlachten neu zu inszenieren, die für den Durchschnittsamerikaner keinerlei Relevanz mehr haben, machte sich Jacobin daran, das sozialistische Projekt durch eine unverbrauchte Sprache und Ästhetik zu bereichern, und schreckte nicht davor zurück, sich gelegentlich auch einmal über sich selbst lustig zu machen, was in einer von Ironie, Sarkasmus und Zynismus geprägten Kultur insbesondere der Jugend ein großes Plus ist.

Die erste Ausgabe von Jacobin ging Ende 2010 in Druck, fast zwei Jahre nach dem Amtsantritt von Obama und kurz nach dem spektakulären Aufstieg der Tea Party bei den Zwischenwahlen zum Kongress, der einer Reihe reaktionärer Politiker auf allen Regierungsebenen Einfluss verschaffte. Zum Glück für die Herausgeber der neuen Zeitschrift fiel ihre Ankunft mit dem Erwachen 14des Widerstands gegen den Neoliberalismus in der Bevölkerung zusammen. Das erste Lebenszeichen dieses Widerstands war die massenhafte Erhebung der öffentlich Bediensteten in meinem Heimatstaat Wisconsin Anfang des Jahres 2011: Zehntausende Staatsangestellte besetzten das Kapitol in der Hauptstadt Madison, um gegen das (am Ende erfolgreiche) Vorhaben von Gouverneur Scott Walker zu protestieren, die Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes zu zerschlagen. Nach einer kurzen Ruhephase explodierte die Wut über wirtschaftliche Stagnation und Ungleichheit im selben Jahr erneut in der Bewegung Occupy Wall Street, die vielen Amerikanern die Augen dafür öffnete, dass die amerikanische Politik das Land in die 99 Prozent und das 1 Prozent spaltete. Die Occupy-Bewegung löste sich rasch wieder auf, und ihre unmittelbare politische Bedeutung wurde von vielen Beobachtern seinerzeit überschätzt, aber sie lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Funktionsweise des Kapitalismus und brachte einige der Themen hervor, mit denen sich Jacobin von da an beschäftigte.

In den ersten Jahren seines Bestehens war das Magazin noch eher klein, aber es entwickelte einen neuartigen Stil für zugängliche sozialistische Texte, erreichte sukzessive größere Lesergruppen und baute sein soziales und kulturelles Kapital in der amerikanischen Mainstream-Politik aus. Eine vielfältige Gruppe von Beitragenden, darunter linke Sozialdemokraten, Trotzkisten und Kommunisten verschiedener Strömungen, sicherte Jacobin die begeisterte Anhängerschaft der bestehenden linken Leserschaft. Gleichzeitig lockte die Zeitschrift dank ihres Humors, ihrer Verweise auf die amerikanische Kultur sowie den 15Sport und ihres vom Kreativteam um Remeike Forbes ‒ der auch das Cover für diesen Band entworfen hat ‒ gestalteten attraktiven Designs eine wachsende Zahl von Mainstream-Lesern an und machte die journalistische und literarische Welt auf sich aufmerksam.

Jacobin war intelligent, sah gut aus und setzte sich ernsthaft mit der etablierten Politik auseinander und konnte daher auch mit größeren Mainstream-Publikationen interagieren. Je mehr das Magazin wuchs, desto größer wurde der Reiz, für ein junges und interessiertes Publikum schreiben zu können, weshalb es auch für prominente Vertreter der amerikanischen und internationalen Linken attraktiv wurde. Innerhalb weniger Jahre gesellten sich zur ursprünglichen Gruppe junger, relativ unbekannter Autoren um Peter Frase, Seth Ackerman und den Gründer Bhaskar Sunkara eine Vielzahl bekannter und etablierter Autoren wie Corey Robin und Liza Featherstone sowie hin und wieder Prominente wie die Basketballlegende Kareem Abdul-Jabbar.

Die inhaltlichen und personellen Entwicklungen der Zeitschrift werden von den zusammengestellten Texten in diesem Band gespiegelt. In ihnen reflektieren die Autorinnen und Autoren die unterschiedlichen Konstellationen, die das Magazin in der letzten Dekade beschäftigt haben. Zugleich handelt es sich um programmatische Beiträge, die Grundsätze ‒ die politische Stoßrichtung gewissermaßen ‒ verdeutlichen, denen sich Jacobin verpflichtet fühlt. Und, wie jeder weiß, der sich in konkreten politischen Kämpfen engagiert: Manche Abzweigungen erweisen sich als Sackgassen, manche Überlegungen entpuppen sich als fruchtlos oder gar falsch, manche Vorhersagen lie16gen daneben. Eine Korrektur durch die Geschichte ist das Risiko, das man zu tragen bereit sein muss, wenn man sich auf gesellschaftliche und politische Auseinandersetzungen einlässt. Doch sie ist einer der wichtigsten Faktoren, um zu lernen und voranzukommen. Auch davon zeugen die hier versammelten Beiträge. Wie Alyssa Battistoni in ihrem Text in diesem Band schreibt: »Wir werden Dinge ausprobieren müssen, und sie werden nicht immer funktionieren. Es gibt keine Gewissheit. Aber wir müssen damit anfangen, dass wir begreifen, was auf dem Spiel steht.«

Die Tatsache, dass Jacobin von einer günstigen politischen Konjunktur und dem außergewöhnlichen Talent seiner Autoren profitierte, genügt natürlich nicht, um seinen Erfolg zu erklären. Das Magazin ragt unbestreitbar aus der Masse heraus, indem es scharfsinnige, mit Verve geschriebene Analysen und Kritiken der amerikanischen (und internationalen) Politik und des öffentlichen Lebens veröffentlicht, welche die Probleme und Mängel des heutigen Kapitalismus beleuchten und eine gleichermaßen plausible und ambitionierte Vision einer sozialistischen Zukunft entwerfen. Die Jacobin-Redaktion kann sich nicht nur auf ein stabiles Reservoir talentierter Autorinnen und Autoren stützen, sondern hat auch eine außergewöhnliche Fähigkeit unter Beweis gestellt, diese Stimmen in einem Magazin zu bündeln, das sich auf dem schmalen Grat zwischen einer vierteljährlich und monatlich erscheinenden Publikation bewegt, um umfangreichere politische und strategische Analysen mit pointierteren Impressionen zu verbinden, die für die Ausgewogenheit der einzelnen Ausgaben sorgen und Jacobin für ein großes Publikum attraktiv machen.

17Darüber hinaus hat die Redaktion dem Magazin einen unterhaltsamen Charakter verliehen: Sie kann Scherze über sich selbst und ihr Publikum machen und legt Bescheidenheit und Bodenständigkeit an den Tag, ohne die sozialistische Politik zu verleugnen. Das hebt Jacobin von anderen linken Publikationen in den Vereinigten Staaten ab, die dem Vokabular und den Vorstellungen früherer Generationen verhaftet bleiben, und trennt sie von etablierten linksliberalen Publikationen wie The Nation, die am Progressivismus des 20. Jahrhunderts festhalten und vor einer direkten Konfrontation mit dem Kapitalismus zurückschrecken. Jacobin ist radikal, eine unterhaltsame Lektüre und sieht gut aus. Und obendrein bietet die Zeitschrift einem linksgerichteten Publikum eine zuversichtliche und wagemutige Zukunftsperspektive an, ohne einen Hehl daraus zu machen, wie weit ein sozialistisches Projekt von seiner Verwirklichung entfernt ist und wie viel Arbeit noch vor uns liegt. Dieser ehrliche, scharfsichtige Zugang zur sozialistischen Politik ist vermutlich eines der attraktivsten Merkmale von Jacobin.

Die Onlineausgabe, die einen ähnlichen Zugang wählt wie Mainstream-Publikationen und jeden Tag mehrere Artikel veröffentlicht, bindet die Leserschaft zwischen den Erscheinungsterminen der Druckausgaben an das Magazin. Die Stärke von Jacobin ist zweifellos das geschriebene Wort, aber die vom Internet ermöglichte augenblickliche Übermittlung des Inhalts und die virale Verbreitung über die sozialen Medien sind zu wichtigen Kommunikationskanälen geworden, die eine wendige, mit der Funktionsweise der Medien vertraute Publikation wie Jacobin zu nutzen versteht. Anstatt die Druckmedien aufzugeben 18und die gängige Einschätzung zu übernehmen, dass »niemand mehr liest«, hat Jacobin die leicht zugängliche und kostengünstige Plattform im Internet genutzt, um ein herkömmliches Printmedium, eine laufende Buchreihe (in Kooperation mit dem etablierten linken Verlag Verso Books in London) und ein wachsendes Netz von Lesegruppen und Veranstaltungen in New York und an anderen Orten auf eine solide Grundlage zu stellen und Schritt für Schritt auszubauen.

Jacobin ist nicht die einzige neue linke Publikation, die aus dem Milieu kritischer New Yorker Intellektueller hervorgegangen ist (man denke zum Beispiel an die Literaturzeitschrift n+1), aber es ist zweifellos die erfolgreichste. Vor allem aber ist es Jacobin als einziger sozialistischer Publikation gelungen, sich als politisches Projekt mit einer klaren Zukunftsvision zu positionieren. Das Jacobin-Team hat seiner wachsenden Bedeutung damit Rechnung getragen, dass es vor Kurzem die Zeitschrift Catalyst ins Leben gerufen hat, deren Aufgabe es ist, eingehendere und anspruchsvollere Analysen und Strategien zu entwickeln, die in der Ausbildung einer neuen Generation sozialistischer Organisatoren und Theoretiker genutzt werden können. Indem Jacobin und jetzt Catalyst einen gleichermaßen anspruchsvollen und populären Zugang wählen, können sie an den Kampf früherer Generationen amerikanischer Sozialisten anknüpfen, deren beharrlicher Einsatz in der Arbeiterbewegung und in den sozialen Initiativen von vielen mittlerweile verschwundenen Magazinen und Zeitschriften begleitet wurde.

In ihrer Blütezeit hatte die Sozialistische Partei Amerikas, obwohl sie nie eine wirkliche Chance auf die Macht 19hatte, Zehntausende Mitglieder und erreichte mit Zeitungen und anderen Publikationen Hunderttausende Amerikaner. Die Kommunistische Partei baute in den dreißiger Jahren einen ähnlichen Apparat auf, und als nach 1968 die Neue Linke auftauchte, wurde ihr Aufstieg von erfolgreichen Publikationen wie Ramparts und dem Guardian begleitet. Heute ist der amerikanische Sozialismus noch immer weit vom Aufbau eines solchen politischen Ökosystems und einer vergleichbaren Lebenswelt entfernt, die einer Massenbewegung in zermürbenden politischen Kämpfen und periodischen Niederlagen Rückhalt geben könnte. Sollte wieder ein solches Ökosystem entstehen, so werden Sunkara und seine Mitstreiter zweifellos einen wichtigen Platz darin einnehmen.

Obwohl die kleinen Erfolge des Sozialismus gezeigt haben, dass er seit einigen Jahren junge Amerikaner mit seiner politischen Botschaft mobilisieren kann, hätte wohl niemand erwartet, dass Bernie Sanders' Bewerbung um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten die Botschaft so großen Bevölkerungsmassen nahebringen würde wie seit fast einem Jahrhundert nicht mehr. Sanders' mutige Selbstbeschreibung als »demokratischer Sozialist« bewegte Tausende Amerikaner dazu, den Begriff zu googeln, darüber zu lesen und zu dem Schluss zu gelangen, dass auch sie Sozialisten waren. Wenn ihnen erst einmal bewusst geworden war, dass sie Sozialisten waren, war es nur noch ein kleiner Schritt für sie, zu regelmäßigen Lesern und Abonnenten des maßgeblichen sozialistischen Magazins der USA zu werden, und Tausende taten genau das.

Jacobin und die neue sozialistische Bewegung in den 20Vereinigten Staaten reiten auf dieser Welle (und haben geholfen, sie zu erzeugen). In den vergangenen zwei Jahren haben sie große Fortschritte gemacht, obwohl sie noch in den Kinderschuhen stecken. Der Wahlkampf von Sanders weckte großes Interesse an sozialistischen Ideen, von denen viele Parteien auf der Linken profitiert haben, aber Jacobin und die Demokratischen Sozialisten Amerikas ‒ eine Organisation, der viele Redakteure und Autoren des Magazins nahestehen ‒ übten die stärkste Anziehungskraft aus. Beide haben ihre Anhängerschaft in den letzten Jahren verdreifacht oder sogar vervierfacht, und die Organisationen sowie die größere Bewegung, die sie vertreten, beginnen sich als sichtbare und wachsende sozialistische Strömung in der amerikanischen Politik zu engagieren. Aufgerüttelt von der Absurdität und Grausamkeit der Präsidentschaft von Donald J. Trump beginnen immer mehr Amerikaner zu denken, dass der »amerikanische Traum« möglicherweise nicht das ist, was man ihnen in der Schule erzählt hat, und halten stattdessen nach radikaleren Lösungen Ausschau.

Der Sozialismus ist noch weit davon entfernt, eine bedeutende Rolle in der amerikanischen Politik zu spielen, aber seine Chancen, sich im Leben der Vereinigten Staaten bemerkbar zu machen, sind heute besser als je zuvor. Für jene, die besser verstehen und genauer verfolgen möchten, wie er sich entwickelt, gibt es keinen besseren Ausgangspunkt als die Seiten von Jacobin.

Mai 2018

21»Dann sollen sie Diversität essen.«

Ein Interview mit Walter Benn Michaels über Identitätspolitik

23Das Klischee dürfte ihm nicht gefallen, aber Walter Benn Michaels ist durchaus mit Kontroversen vertraut. Anfang der achtziger Jahre schrieb er gemeinsam mit dem Literaturwissenschaftler Steven Knapp einen Artikel mit dem Titel »Against Theory«, in dem sie argumentierten, literarische Werke hätten lediglich die von ihren Autoren beabsichtigte Bedeutung.1 Im Jahr 2006 löste er mit The Trouble with Diversity eine Kontroverse aus, die nicht auf den Elfenbeinturm beschränkt blieb.2 In dem Buch stellte er die These auf, eine Konzentration auf kulturelle Diversität bei gleichzeitiger Abwendung vom Problem der wirtschaftlichen Gleichheit habe den Widerstand gegen den Neoliberalismus untergraben.

Der Neoliberalismus wird oft als einheitliche, homogene Ideologie dargestellt. Hingegen unterscheiden Sie zwischen einem »linken« und einem »rechten« Neoliberalismus. Wo liegt der Unterschied und welcher der beiden Neoliberalismen dominiert gegenwärtig in der amerikanischen Politik?

Walter Benn Michaels: Wenn ich zwischen linkem und rechtem Neoliberalismus unterscheide, will ich damit nicht sagen, einer der beiden bekenne sich nicht zu vom Wettbewerb geprägten Märkten und zur Aufgabe des Staates, diesen Wettbewerb aufrechtzuerhalten. Der Unterschied zwischen beiden Richtungen besteht in meinen Augen darin, dass sich die »linken Neoliberalen« selbst nicht als Neoliberale betrachten. Sie glauben, ihr Kampf gegen 24Rassismus, Sexismus und Homophobie stelle eine Kritik am Neoliberalismus dar. Aber wenn man sich die Geschichte der neoliberalen Idee ansieht, erkennt man rasch, dass der Neoliberalismus eben aus einem Bekenntnis zu diesem Kampf hervorgeht.

Zu den ersten wichtigen amerikanischen Arbeiten auf dem Gebiet der neoliberalen Ökonomie zählt TheEconomics of Discrimination.3 In diesem Buch versuchte Gary Becker zu zeigen, dass sich die Akteure in vom Wettbewerb geprägten Volkswirtschaften keine Diskriminierung leisten können. Michel Foucault sah die Anfänge des Neoliberalismus in Europa in dem Horror angesichts der Taten des nationalsozialistischen Staates und der Erkenntnis, dass man dem Staat eine sehr viel befriedigendere Legitimierung verschaffen könne, indem man ihn zum Hüter des Marktwettbewerbs statt zum Hüter des Volkes ernannte. Und die heutige neoliberale Orthodoxie besagt, dass soziale Gerechtigkeit vor allem auf der Verteidigung des Eigentums und dem Kampf gegen Diskriminierung beruht. Das ist der Kern des Neoliberalismus. Die rechten Neoliberalen verstehen das, die linken Neoliberalen verstehen es nicht.

Im MittelpunktIhrerArbeit steht die These, dass wir uns auf gleichberechtigte Ausbeutung zubewegen oder dass dies zumindest das ideologische Ziel der herrschenden Klasse ist. Was erklärt also die Verschiebung gegenüber dem historischen Vorgehen des Kapitals, das heißt dem Einsatz von ethnischen Gegensätzen, um die Arbeiterklasse besser ausbeuten zu können?

25Ich denke, es steht außer Frage, dass es so ist. Im 19. Jahrhundert und über weite Strecken des 20. Jahrhunderts war der Kapitalismus klassisch imperialistisch, und der Imperialismus ist ohne Rassismus, ohne klares Bekenntnis zur Überlegenheit der europäischen und amerikanischen Weißen, eigentlich nicht möglich. Aber zu den Dingen, die offenkundig geworden sind ‒ wenn wir die Frage des Rassismus und die Frage der Diskriminierung im Allgemeinen beiseitelassen ‒, gehört die Tatsache, dass sich die Bedingungen für das Kapital im 20. Jahrhundert radikal geändert haben. Selbstverständlich gibt es unterschiedliche Erklärungen dafür. Selbst jene auf der Linken, die zustimmen, dass die sinkende Profitrate eine zentrale Rolle gespielt hat, sind sich nicht darüber einig, ob dies eine strukturelle Notwendigkeit oder eine kontingente Entwicklung ist. Aber es besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass der Neoliberalismus mit einer Internationalisierung einherging, die nicht auf Imperialismus reduziert werden kann, und dass er vor allem die Notwendigkeit der Mobilität nicht nur des Kapitals, sondern auch der Arbeitskräfte mit sich brachte.

Bekanntlich gewann Stalin zwar die Diskussion, verlor jedoch den Krieg um die Frage, ob der Sozialismus in einem Land möglich war. Hingegen hat nie jemand auch nur eine Millisekunde lang geglaubt, den Neoliberalismus könne es nur in einem Land geben. Eine einfache Interpretation würde lauten, die Bedingungen der Mobilität von Arbeit und Kapital hätten nach dem Zweiten Weltkrieg einen außergewöhnlichen Anstieg der Immigration erforderlich gemacht. In den Vereinigten Staaten leben heute rund 38 Millionen Menschen, die im Ausland gebo26ren wurden; das entspricht etwa der Bevölkerung Polens. Dies ist ein Ergebnis der Abstimmung von Kapitalmobilität und Arbeitskräftemobilität, und wenn man beginnt, eine solche multiethnische oder multinationale Erwerbsbevölkerung aufzubauen, die wir heute als multikulturelle Bevölkerung bezeichnen würden, braucht man natürlich Technologien, um sie zu steuern.

In den Vereinigten Staaten intensivierte sich diese Entwicklung mit dem Immigration Act von 1965, der in der Praxis den ausdrücklichen Rassismus des Einwanderungsgesetzes von 1924 verwarf und durch im Wesentlichen neoliberale Kriterien ersetzte. Bis dahin hatte es fast ausschließlich von ethnischen ‒ oder, um den damals bevorzugten Begriff zu verwenden, »nationalen« ‒ Kriterien abgehangen, ob ein Mensch in die Vereinigten Staaten einwandern durfte. Wenn ich mich richtig erinnere, lag zum Beispiel die Quote für Einwanderer aus Indien im Jahr 1925 bei 100 Personen. Ich weiß die Zahl der indischen Einwanderer in die USA seit 1965 nicht aus dem Gedächtnis, aber seit damals wandern vermutlich jeden Tag innerhalb von anderthalb Stunden 100 Inder ein. Der damit einhergehende Antirassismus ist offenkundig zu begrüßen, aber er diente vor allem dazu, die Grenzen für Menschen zu öffnen, die der amerikanischen Wirtschaft zugutekommen würden. Es handelt sich vielfach um hoch qualifizierte Arbeitskräfte ‒ um Ärzte, Rechtsanwälte und Geschäftsleute. Ein hoher Prozentsatz der asiatischen Einwanderer in den siebziger und achtziger Jahren gehörte in ihren Herkunftsländern der Oberschicht und der oberen Mittelschicht an und erlangte diesen Status rasch auch in den Vereinigten Staaten. Gleichzeitig stieg die Zahl gering 27qualifizierter mexikanischer Einwanderer, die Jobs übernahmen, für die sich sonst niemand gefunden hätte ‒ oder zumindest nicht zu dem Preis, den das Kapital zu zahlen bereit war. In gewissem Sinn erfordert der Internationalismus des neoliberalen Prozesses also eine Form von Antirassismus, und der Neoliberalismus hat in zweierlei Hinsicht tatsächlich sehr guten Gebrauch von der Form des Antirassismus gemacht, den wir entwickelt haben, das heißt vom Multikulturalismus.

Erstens gibt es kein einziges amerikanisches Unternehmen, dessen Personalabteilung sich nicht darauf verpflichtet, die Unterschiede zwischen den Kulturen zu respektieren, und bemüht ist, dafür zu sorgen, dass die Kultur der Mitarbeiter ungeachtet ihres Lebensstandards respektiert wird. Zweitens sind Multikulturalismus und Diversität besonders wirksame Legitimierungswerkzeuge, denn sie besagen, dass das Ziel der sozialen Gerechtigkeit in einer neoliberalen Volkswirtschaft nicht darin besteht, die Unterschiede zwischen Reichen und Armen zu verringern ‒ tatsächlich wächst der Unterschied zwischen Reichen und Armen in der neoliberalen Wirtschaft in der Regel eher, als dass er schrumpfen würde ‒, sondern darin, dass keine Kultur mit Neid betrachtet werden sollte und dass eine Vergrößerung der wirtschaftlichen Unterschiede im Grunde in Ordnung ist, solange die zunehmend erfolgreichen Eliten so wie die zunehmend erfolglosen Nichteliten aussehen. In diesem Modell der sozialen Gerechtigkeit lautet das Ziel also nicht, dass die Reichen nicht so viel und die Armen mehr verdienen sollten, sondern dass die Reichen verdienen können, so viel sie wollen, solange ein angemessener Prozentsatz von ihnen 28Frauen sind oder Minderheiten angehören. Das ist eine lange Antwort auf Ihre Frage, aber es handelt sich um eine wichtige Frage. Die Essenz der Antwort ist eben, dass die Internationalisierung, die neue Mobilität von Kapital und Arbeit, einen Antirassismus hervorgebracht hat, der nicht dem Widerstand gegen oder auch nur der Kritik am Kapital, sondern dessen Legitimierung dient.

Sie haben das Problem identifiziert, nämlich die wachsende soziale Ungleichheit und die zunehmende Klassenausbeutung in den letzten Jahrzehnten, aber Sie haben auch etwas getan, was in Ihrem Buch nicht so klar wird: Sie erkennen objektive wirtschaftliche Kräfte an ‒ die Krise der Sozialdemokratie, die Stagflation, die kapitalistische Restrukturierung, die Zerschlagung der Gewerkschaften usw.

Das Buch habe ich vor vier oder fünf Jahren geschrieben, und heute weiß ich mehr über diese Dinge als damals. Es stimmt, das Buch ist in gewissem Sinn eine Reaktion auf sehr gut sichtbare Dinge an der Oberfläche, aber damals wusste ich sehr viel weniger darüber, wie es zu der Situation gekommen war. Zu den nützlichen Dingen ‒ für mich ist es zweifellos nützlich, aber ich glaube, dass es zumindest einigen Linken die Auseinandersetzung mit diesen Fragen erleichtert ‒ zählt die Verbreitung des Begriffs des Neoliberalismus, der es uns erleichtert hat, die Geschichte des Kapitalismus und insbesondere die Ereignisse seit dem Zweiten Weltkrieg einzuordnen. Zum Beispiel versteht man den Postmodernismus besser, wenn man ihn als offizielle Ideologie des Neoliberalismus betrachtet, 29und dazu muss man verstehen, was der Neoliberalismus ist. Natürlich war das anderen sehr viel früher bewusst als mir.

Wo wir bei den Postmodernisten sind: Sie konzentrieren sich in Ihrem Buch auf die akademische Welt, aber man könnte einwenden, dass Korrelation nicht gleich Kausalität ist. Uni-Forscher mögen zu viel Zeit damit verbringen, über Hybridität und Differenz zu schreiben, und identitätspolitische Bewegungen mögen auf den Straßen demonstrieren, aber verhindert das tatsächlich die Entstehung von Klassenbewegungen …?

Ich weiß nicht, ob es sie verhindert. Meine These war nie, dass es die Entstehung von Klassenbewegungen verhindert. Ich wollte nie eine Theorie dazu aufstellen, was die Entstehung von Klassenbewegungen in den Vereinigten Staaten verhindert hat, und ich wollte keinesfalls andeuten, dass es an dem liegt, was jemand in einer Literaturvorlesung tut. Obwohl man in Anbetracht der Klassenposition der Studenten in diesen Vorlesungen vermutlich sagen kann, dass die philologischen Abteilungen und die Eliteuniversitäten im Allgemeinen sehr viel dazu beitragen, die obere Mittelschicht mit ihrem imponierenden antirassistischen Pro-Homosexuellenehe-Bewusstsein auszustatten. Aber bedeutsamer ist, dass sich die akademische Welt, wenn es um den Respekt für die Differenz geht, kaum von der Unternehmenswelt unterscheidet. Jedes große amerikanische Unternehmen nimmt in verschiedenen Identitätskategorien ähnlich sorgfältige Unterscheidungen und Unterteilungen vor wie die Mitarbeiter an den Universitäten.

30Unternehmen tun Dinge, über die Forscher und Dozenten nie nachdenken würden. Ich weiß von keiner kulturtheoretischen Bullshit-Vorlesung, in der ernsthaft darüber gesprochen wurde, dass wir unser erstgeborenes und zweites Kind verschiedenen Kulturen zurechnen sollten, aber es gibt Unternehmen, die tatsächlich über eigene Organisationen verfügen, die sich mit den Kulturen der erstgeborenen, mittleren und jüngsten Kinder beschäftigen. Daher denke ich, dass die amerikanischen Unternehmen der akademischen Welt in nichts nachstehen.

Es stimmt, dass die Universitäten in gewissem Sinn die Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Wirtschaft sind, aber in diesem Bereich haben uns die Unternehmen überholt. In der Tat gibt es zahlreiche Parallelen zwischen Akteuren innerhalb und außerhalb der akademischen Welt, was die Auseinandersetzung mit diesen Themen anbelangt. Und wenn man sich dem zentralen Anliegen der Nichtdiskriminierung zuwendet ‒ dem wir uns alle einschließlich der breiten amerikanischen Öffentlichkeit verpflichtet fühlen ‒, so hat es sich in das wichtigste Kriterium der politischen Moralität verwandelt. Die amerikanische Gesellschaft bekennt sich heute sowohl rechtlich als auch politisch zu dem Grundsatz, dass Diskriminierung das Schlimmste ist, was man tun kann. Es ist nicht ganz so schlimm, jemandem einen Hungerlohn zu zahlen, während es vollkommen inakzeptabel ist, einer Person aufgrund ihrer ethnischen Zughörigkeit oder ihres Geschlechts einen Hungerlohn zu zahlen. Diese Vorstellung ist in gewissem Sinn in der Denkweise des liberalen Kapitalismus verankert, aber in den letzten 30 oder 40 Jahren hat sie sich weiter durchgesetzt. Und unter diesem Gesichts31punkt geht die akademische Welt eigentlich nur in dieselbe Richtung wie die amerikanische Gesellschaft im Allgemeinen.

Am deutlichsten sieht man das am Beispiel der gleichgeschlechtlichen Ehe. Wann waren die Stonewall-Unruhen? 1969? Es ist also ein paar Dekaden her, und die Vorstellung, die Homosexuellenrechte sollten das Recht auf die gleichgeschlechtliche Ehe beinhalten, galt damals als … ich weiß nicht, ob diese Möglichkeit überhaupt jemandem in den Sinn kam. Ich bin alt genug, um es schon erlebt zu haben, und vielleicht entging es mir damals, aber ich bezweifle, dass sich seinerzeit irgendjemand damit befasste, und sei es auch nur als utopische Fantasie. Und jetzt wird die gleichgeschlechtliche Ehe Realität; es gibt sie in mehreren Bundesstaaten. Das wurde nicht in erster Linie von Leuten an den Unis herbeigeführt, sondern ist die Folge einer gesellschaftlichen Verschiebung. Und auf der einen Seite ist es tatsächlich eine bewundernswerte Veränderung; ich glaube, es steht außer Zweifel, dass die Gesellschaft freier und gerechter wird, wenn man gleichgeschlechtliche Ehen erlaubt. Aber auf der anderen Seite ist es eine Verschiebung, die dem Kapitalismus in keiner Weise widerspricht.

In den vergangenen Dekaden haben mit bemerkenswerter Geschwindigkeit bedeutsame soziale Veränderungen stattgefunden, die jedoch in keiner Weise dem Kapitalismus abträglich sind. Der Kapitalismus hat kein Problem damit, dass Homosexuelle heiraten, und Leute, die sich selbst als Neoliberale betrachten, verstehen das sehr gut. Daher glaube ich, das Wichtigste ist hier, dass mein Buch viele Beispiele aus der akademischen Welt enthalten mag, 32was jedoch nichts daran ändert, dass man überall in der amerikanischen Gesellschaft Beispiele für die außergewöhnliche Macht und die Hegemonie des Modells der Nichtdiskriminierung finden kann, die Seite an Seite mit der Verteidigung des Eigentums als Grundlage der sozialen Gerechtigkeit betrachtet wird. Das kann man an einer Studie sehen, die in jüngster Zeit Anlass zu so vielen spöttischen Kommentaren gegeben hat ‒ ich meine die Studie, die gezeigt hat, dass die Progressiven nicht so progressiv sind, wie sie glauben.4 Es stellt sich heraus, dass die Leute, wenn man sie auf die Vermögensumverteilung anspricht, sehr viel weniger egalitär denken, als sie selbst glaubten. Personen, die sich selbst als »extrem progressiv« bezeichnen, haben trotzdem Probleme mit der Umverteilung des Reichtums. Und jemand, der, wenn ich mich recht entsinne, in Stanford unterrichtet, erklärte, es sei falsch, so darüber zu denken, denn während es zutreffe, dass die Bereitschaft zur Umverteilung mit wachsendem Wohlstand sinke, würden die Menschen in vielerlei Hinsicht »progressiver« ‒ in Bezug auf Homosexuellenrechte, Antirassismus und die sogenannten »sozialen Fragen«, sofern diese Fragen nicht mit einer Verringerung der durch den Kapitalismus heraufbeschworenen Ungleichheit verknüpft würden, das heißt mit der Forderung, reichen Progressiven ihr Geld wegzunehmen.

Die Wahrheit ist, dass es heute schwer ist, eine politische Bewegung zu finden, die den Neoliberalismus wirklich ablehnt. Am ehesten gilt das noch für die Tea Party. In meinen Augen kann man die Tea Party nicht richtig ernst nehmen ‒ sie ist zu unausgereift und verwässert ‒, aber sie stellt dennoch eine reale Gegenreaktion auf den Neolibe33ralismus dar. Und es ist nicht einfach eine Reaktion der alten rassistischen Rechten. Es fällt auf, dass die amerikanische Linke im Wesentlichen versucht, die Tea Party möglichst schnell auf eine Gruppe von Rassisten zu reduzieren. Die Linken sind begeistert, wenn irgendwo ein Nazi erklärt, er unterstütze die Tea Party, oder wenn ein Mitglied der Tea Party eine rassistische Äußerung macht, was häufig genug passiert. Aber man kann die wahren politischen Bestrebungen der Tea Party nur verstehen, wenn man ihren Widerstand gegen die illegale Einwanderung versteht. Denn wer befürwortet die illegale Einwanderung? Soweit ich weiß, gibt es nur eine Gruppe, die dafür ist. Man kann als Marxist dafür sein, aber soweit ich weiß, sind die einzigen Leute, die sich offen für die illegale Einwanderung aussprechen, die neoliberalen Ökonomen.

Die neoliberalen Ökonomen befürworten vorbehaltlos offene Grenzen, soweit diese möglich sind. Milton Friedman sagte vor Jahren: »Man kann nicht zugleich einen Wohlfahrtsstaat und offene Grenzen haben.«5 Aber damit wollte er natürlich sagen: »Öffnet die Grenzen, um dem Wohlfahrtsstaat den Garaus zu machen.« Im Internet kann man sich eine gute Analyse von Gordon Hanson herunterladen, die von der Denkfabrik Council on Foreign Relations in Auftrag gegeben wurde.6 Darin erklärt Hanson, die illegale Einwanderung sei der legalen vorzuziehen, da sie sich den Marktbedingungen sehr gut anpasse.

Daher fallen die heftigen Proteste gegen die illegale Einwanderung auf, vor allem zu einer Zeit, da sie rückläufig ist. Warum regen sich die Leute also derart darüber auf? Sie stören sich nicht etwa daran, weil die Zahl der illegalen Einwanderer steigt ‒ was nicht der Fall ist ‒, sondern weil 34sie verstehen, dass einer der wichtigsten Ausdrücke des Triumphs des Neoliberalismus in den Vereinigten Staaten eine ausgeprägte Toleranz gegenüber der illegalen Einwanderung ist und dass es sich bei der illegalen Immigration um jene Art von extremer Arbeitskräftemobilität handelt, die der Neoliberalismus braucht. Deshalb funktioniert sie seit Jahren als Politik gut, obwohl das ein begrifflicher Widerspruch ist. Die Regierung Bush bekannte sich lautstark zum Kampf gegen die illegale Einwanderung, ohne jedoch dagegen vorzugehen, und die Obama-Regierung würde dasselbe tun, würde sie nicht von der Tea Party zum Handeln gezwungen. Da haben wir also diese Leute, die die illegale Einwanderung verurteilen, und sogar jemand wie der rechte Fernseh- und Radiomoderator Glenn Beck wird sagen: »Einwanderung gut, illegale Einwanderung schlecht«, aber seine Reaktion richtet sich nicht, wie er glaubt, gegen den Sozialismus, sondern gegen den gegenwärtig existierenden Kapitalismus, ohne dass es ihm bewusst wäre.

Tatsächlich hat Beck eine interessante Fixierung auf den Kommunismus entwickelt, obwohl es nicht nur in den USA, sondern fast in der ganzen Welt meines Wissens keinen einzigen Kommunisten gibt. Aber man kann es bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, denn Leute wie Beck sehen in der illegalen Einwanderung eine Form von Kapitalismus, die sich am Ende in eine Bedrohung für die Mittelschicht und bis zu einem gewissen Grad sogar für die obere Mittelschicht verwandelt, und sie können sich diese Entwicklung nur als »Kommunismus« vorstellen. Sie hängen derart an einer bestimmten Art von Kapitalismus, den der Neoliberalismus tatsächlich zerstört, dass 35sie angesichts der Wirkung des Neoliberalismus einen »Kommunismus« zu sehen glauben.

Aber gibt es nicht ein Problem mit Forderungen wie »Schließt die Grenzen«, »Stellt den Wohlfahrtsstaat wieder her« und so weiter? Der Wohlfahrtsstaat war offensichtlich eine goldene Ära der menschlichen Zivilisation …

Ich kenne niemanden, der sich dafür ausspricht, »die Grenzen zu schließen«.

Aber zumindest gegen offene Grenzen, gegen eine der Mobilität des Kapitals entsprechende Mobilität der Arbeitskräfte. Das ist im Grunde ein nostalgischer Blick zurück statt eines Blicks in die Zukunft; anstatt die Arbeiterbewegung den globalen Gegebenheiten anzupassen, indem man die Gewerkschaften und andere Vehikel der politischen Repräsentation der Arbeiterklasse internationalisiert.

Zweifellos sollte die Arbeiterbewegung das tun, obwohl wir wissen, dass sie es nicht tut. Manche Leute sind der Meinung, eine Begrenzung der Einwanderung könnte dabei helfen, die Gewerkschaften wiederaufzubauen, was offensichtlich falsch ist, und ich sage keineswegs, dass die Diagnose der Tea Party richtig ist. Die Leute von der Tea Party glauben, die Einwanderer nähmen ihnen ihr Geld weg. Aber die Einwanderer sind nicht diejenigen, die ihnen das Geld wegnehmen. Es ist der Neoliberalismus. Und das gilt sogar, obwohl die obere Mittelschicht in der Tea 36Party unverhältnismäßig stark vertreten ist. Es gibt eine Debatte darüber, aber eine Umfrage durch die New York Times und CBS News hat gezeigt, dass zumindest ein Teil der Mitglieder der Tea Party wohlhabender sind als die meisten Amerikaner, dass sie eher den reichsten 20 Prozent angehören als der Mitte.7