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Die Kommissare Lisa Luft und Heiko Wüst wollen auf der Landesgartenschau in Ellwangen einfach einmal durchatmen. Doch dann liegt eine Frau in der Jagst, die der römischen Blumengöttin Flora ähnelt - mit einem Pfeil in der Brust. Das Ermittlerduo übernimmt den Fall und stößt auf dem Gelände auf Römer in Rüstung mit tödlichen Geschossen, auf spirituelle Sinnsucher mit handfestem Motiv und auf verdächtig schweigsame Gärtner. Zwischen Rosenduft und Römerkult jagen Luft und Wüst einem grausamen Rätsel hinterher.
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Seitenzahl: 335
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Wildis Streng
Jagstleuchten
Kriminalroman
Blutrote Lilien Des Nachts streift die junge Laurine, der römischen Blumengöttin Flora ähnlich, über das Gelände der Ellwanger Landesgartenschau. Sie hat eine Verabredung – aber nicht mit ihrem Freund, der ahnungslos mit anderen Limes-Fans in einem nahen Römerlager sitzt. Kurz darauf wird Laurine in der Jagst gefunden, tödlich getroffen von einem Pfeil. Das hohenlohisch-westfälische Ermittlerduo Lisa Luft und Heiko Wüst ist zu Besuch auf der Gartenschau und übernimmt sofort die Ermittlungen. Die Spur führt zu Laurines Partner und den Römern, die den Umgang mit tödlichen Geschossen meisterhaft beherrschen. Doch auch eine esoterische Gemeinschaft und auffallend schweigsame Gärtner geben Rätsel auf. Zwischen Blumenbeeten und Limes-Kult stoßen die Kommissare inmitten inszenierter Spektakel auf ein grausames Geheimnis.
Wildis Streng wurde in Crailsheim geboren und ist dort aufgewachsen. Nach dem Abitur studierte sie Germanistik und Malerei in Karlsruhe. Seit 2006 unterrichtet sie in Crailsheim Deutsch und Bildende Kunst am Gymnasium. In ihrer Freizeit widmet sie sich der Malerei, Fotografie und dem Schreiben. Sie veröffentlichte bereits über zehn Kriminalromane rund um das sympathische Ermittlerduo Lisa Luft und Heiko Wüst.
www.wildisstreng.de
Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Satz/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © nambitomo / iStock.com
ISBN 978-3-7349-3540-4
Für Fritz Hornung, meinen Freund aus Ingelfingen.
Der Zenturio Horstus zupfte an seiner wollenen Tunika. Und das nicht, weil es etwa kalt gewesen wäre in dieser lauen Frühsommernacht. Vielmehr hatte sich eine der Lederschnüre gelöst, und der raue Stoff rieb unangenehm auf der Haut. Das Feuer brannte anheimelnd, ein Scheit knackte in der bronzenen Schale, und Funken stoben glitzernd auf. Schwert und Schild ruhten auf einer ausgebreiteten Decke, und das Metall spiegelte den warmen Schein der Flammen wider, ebenso das Silber des Vollmondes, der in diesem Moment wieder hinter einer wattigen Nachtwolke hervorkam. Horstus hustete und trank einen Schluck Wein. Der hiesige Met, der in den germanischen Landen üblich war, schmeckte herb und war mit dem römischen Landwein nicht zu vergleichen. Jener glitt süß und ölig die Kehle hinab.
Vom Fluss herauf drang das Quaken mehrerer Frösche – bis eben waren sie ruhig gewesen, nun setzte ein regelrechtes Konzert ein, warum auch immer. Trotzdem war die Nacht friedlich. Er würde …
»Horschd!«, gellte plötzlich ein Schrei.
Der Zenturio schloss die Augen, wünschte sich weit weg.
Aber dann wieder: »Horschd!« Nicht zu ignorieren.
Edelgarta, die Femina, die auch dabei sein wollte beim Lager, obwohl ihr Platz eigentlich im Haus sein sollte. Zu Hause in Schrezheim.
Sie baute sich vor ihm auf, und es blieb Horstus nichts anderes übrig, als zu ihr aufzublicken. Sie thronte über ihm, stämmig und mit verschränkten Armen über dem großen Busen, der von ihrer wollenen Tunika verhüllt wurde.
»Wo isch n dr Ernschd?«, erkundigte sie sich nach einem seiner Soldaten, ihrem Mann.
»Ernstus isch ufs Klo«, antwortete er seufzend und nahm noch einen Schluck Wein, bevor er wieder ins Feuer starrte.
Kriminalkommissar Heiko Wüst fixierte die Wildsau, vielmehr den präparierten Tierschädel an der Wand. Es war nicht seine Idee gewesen, seine Schwiegereltern in spe einzuladen. Vielmehr hatte Maria sich selbst eingeladen, als sie mitgekriegt hatte, dass »bei ihnen in Schwaben« die Landesgartenschau stattfand. Er hatte es in all den Jahren seiner Beziehung mit Lisa nicht geschafft, deren Mutter beizubringen, dass sie in Hohenlohe lebten – und nicht in Schwaben. Wobei sie in diesem Fall fast recht hatte, denn die Landesgartenschau fand immerhin in Ellwangen statt, was zwar nur wenige Kilometer entfernt, aber dennoch in Schwaben lag, genauer: auf der Ostalb. Nicht zu verwechseln mit anderen schwäbischen Regionen, aber … ach. Das würde sie wirklich überfordern.
Heiko musterte Maria, die so deplatziert wie nur möglich in ihrem fliederfarbenen, teuer aussehenden Sommerkleid mit passenden Schühchen auf einem hölzernen Stuhl in der Scheune vom »Ludwig« in Alexandersreut saß. Ihr perfekt geschnittener Bob wippte bei jeder ihrer energischen Bewegungen mit.
»Und, Mutter, hat dir der Bloohts geschmeckt?«, fragte Lisa und legte der zierlichen Frau eine Hand auf die Schulter.
»Interessant, ein bisschen wie Flammkuchen … aber dass es keine Teller gibt … macht man das hier so?«
»Wir essen nie von Tellern in Hohenlohe, meistens haben wir große Blätter oder, wie jetzt, Servietten«, frotzelte Heiko und zwinkerte Lisa zu, die milde lächelnd die Augen verdrehte.
»Also ich fand’s super«, warf Roland ein, der Vater seiner Verlobten, den Heiko eigentlich ganz sympathisch fand.
»Und es ist hier auch so laut«, beschwerte sich dessen Frau. »Man versteht kaum sein eigenes Wort.«
»Das Bloohts-Essen ist nun mal beliebt«, meinte Lisa, »und Hohenloher sind selten leise.«
»Wie sprichst du das aus?«, fragte Maria.
»Blooz«, schaltete sich Heiko ein.
»Ploohts«, versuchte Maria, immerhin gutwillig, und Heiko rang sich ein Lächeln ab.
»Das freut mich echt total, dass ihr da seid«, fuhr Lisa fort.
»Wir wollen unbedingt eine japanische Ecke im Garten«, erklärte Roland.
»Einen Zen-Garten«, präzisierte seine Frau.
Kein Wunder, dachte Heiko. Wenn er mit Maria zusammenwohnen müsste, bräuchte er auch einen Zen-Garten zur Beruhigung, und dann wäre er ununterbrochen am Rängele ziehen. Das sprach er aber nicht laut aus.
Stattdessen lächelte er und sagte: »Hm!« Denn diese hohenlohische Universaläußerung konnte glücklicherweise alles bedeuten, in diesem Fall irgendeine Form von Teilhabe am Gespräch.
»Aber dass wir auch morgen ganz früh losgehen!«, mahnte Maria. »Also, ich hoffe, das ist okay für euch?«
»Natürlich, Mama«, versicherte Lisa, während Heiko bei der vorbeieilenden Bedienung noch Rahmblootz orderte, für alle, als Nachtisch.
Das Landesgartenschaugelände in Ellwangen, das Heiko morgen besuchen würde, war längst geschlossen – bis auf das römische Lager, das zu Schau- und Lernzwecken errichtet worden war. Trotzdem waren noch mehrere Personen auf den Jagstwiesen unterwegs. Eine, die eigentlich nicht hier sein sollte, war Laurine.
Es war einfacher als gedacht gewesen, durch den Campingplatz auf das Areal am Fluss vorzudringen. Niemand hatte die hübsche junge Frau im zarten weißen Blumenkleid aufgehalten. Sie hatte nicht einmal über die Übergangstür klettern müssen; sie war unverschlossen gewesen. Selbst Sebastian hatte sie nicht bemerkt. Die Römer saßen gesellig an ihrem Lagerfeuer bei einem guten Landwein zusammen. Laurine war zum Flussufer geschlichen, zu ihrem Lieblingsplatz. Und dort war sie ihm begegnet, dem mondbeschienenen Gott. Sie, die selbst die Verkörperung der römischen Göttin war, fühlte sich von ihm magisch angezogen – obwohl sie im Grunde körperlich nicht zueinanderpassten. Aber das spielte keine Rolle, die Anziehung war geistiger, seelischer Natur.
Sie hatte sich zuerst einen Blumenkranz für die Haare geflochten, im Licht des Mondes und alte Weisen summend, aus Lilien, Rosen und Nelken. Die Blumen der Reinheit, denn das war sie, rein und göttlich. Dann war sie zu ihrem Platz gegangen, und er hatte sie bereits erwartet. Auf einer Bank aus Erde und Sand, um die sich schlangenförmig die Jagst wand. Es war kein romantischer Strand – es war viel mehr. Der Ort war mystisch, getaucht ins Mondlicht, das ihre Körper überzog wie frische Sahne. Umspült von einem teils ruhig fließenden, teils wirbelnden, belebten und lebenden Fluss. Sie ließen sich nieder, rissen sich gegenseitig die Kleider vom Leib, sie tauchten ineinander ein, verschmolzen zu einer Einheit; er, der Mondträger, und sie, Flora, die Göttin der Blumen und der Fruchtbarkeit. Danach war er gegangen, wie er gekommen war, doch das machte ihr nichts aus. Sie ruhte in sich nach dieser Begegnung, war allein mit sich und dem Fluss.
Ivan Kostić straffte sich, obwohl es eigentlich nichts zu straffen gab. Denn da war niemand, den er hätte einschüchtern können. Von diversen Einsätzen in Clubs war er anderes gewohnt. Er war sozusagen der Nachtwächter des Geländes oder eher die Security, wie das heute so hieß. Der Job war denkbar langweilig, wenngleich durchaus ästhetisch – und manchmal unterhaltsam. Vorher hatte er das römische Lager besucht, wo er sich mit den Männern und der einen Frau unterhalten hatte, die für die Dauer der Landesgartenschau hier campierten und so taten, als würde die Ellwanger Landesgartenschau zur Zeit des Römischen Reiches stattfinden. Super für Kinder, das war klar, und eines Tages würde er mit seinem Kleinen auch herkommen und ihn bei Favonius und Sebastianus, den beiden Jungen der Truppe, zum Bogenschießen schicken. Wirklich nette Kerle, alle miteinander, wenn auch ein bisschen durchgeknallt.
Ansonsten passierte nicht viel in diesen Nächten, sie waren friedlich, und manchmal hatte er durchaus Mühe, nicht einzuschlafen, wenn er sich doch einmal auf einer der zahlreichen Sitzgelegenheiten niederließ. Ab und zu war es aber auch spannend, wie eben, als er das am Flussufer kopulierende Paar beobachtet hatte. Er hatte sie in Ruhe gelassen, da die beiden den Ort offenbar aus einem sehr freudvollen Anlass aufgesucht hatten und zumindest nichts Verbrecherisches vorhatten. Zudem war der Anblick wirklich berauschend gewesen – die junge Dame war ausnehmend gut aussehend.
Eine Eule rief, ein Todesvogel, hatte seine Oma immer gesagt. Ivan fröstelte plötzlich und schlenderte weiter in Richtung der Pferdeweide.
Laurine ging vorwärts, stetig. Erst hatte das Wasser ihre Knöchel berührt, zart, wie ihr Liebhaber vorhin. Sie fühlte den Sand unter ihren Zehen, bewegte sie leicht. Ein Windhauch zupfte an ihrem Kleid, ebenso liebevoll. Sie lief weiter in die Jagst hinein, bis zu den Knien, und achtete darauf, nicht zu straucheln. Der Himmel war inzwischen wolkenlos, und der volle Mond übergoss ihre Haut ungehindert mit seinem Licht. Sie breitete die Arme aus, watete immer tiefer ins Wasser. Endlich reichte es bis über ihr Geschlecht, und sie verharrte, genoss den Kuss des Mondlichts.
Und so wie sie regungslos dastand, bot sie das perfekte Ziel für den durch die Nacht surrenden Pfeil, der sie augenblicklich tötete.
Heiko gähnte. Es war selbstverständlich, dass er Weckle holen ging, beim Mack in den Hirtenwiesen. Denn man musste den Gästen ja ein Frühstück bieten. Nach kurzer Zeit kehrte er mit seiner Beute in jenes Einfamilienhaus im Crailsheimer Stadtteil Tiefenbach zurück, das er mit Lisa seit einigen Jahren bewohnte.
Lisa stellte soeben einige Brotaufstriche auf den Tisch, die Katze Garfield strich dabei um ihre Beine, Heiko immer etwas misstrauisch im Blick. Unter dem Tisch hatte sich bereits Rauhaardackel Sita bereitgelegt, um sich herunterfallende Essensreste zu schnappen, und die Kaninchen Alfred und Birka scharrten energisch in der Einstreu ihres Luxusgeheges im Wohnzimmer.
Lisa lächelte ihren Verlobten an und strich sich eine Strähne ihres blonden Haares hinter die Ohren. »Da bist du ja, mein Bärchen. Hast du alles gekriegt?«
Heiko trat zu ihr und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Ja, und ich hoffe, ich halte heute durch.«
Spielerisch knuffte Lisa ihren Hohenloher. »Streng dich ein bisschen an, so schlimm ist sie jetzt auch wieder nicht. Du kannst dich ja an Papa halten.«
Heiko brummte und bewies damit, dass der Kosename »Bärchen« recht gut zu ihm passte.
Zur selben Zeit wunderte sich ein kleines pelziges Tierchen darüber, was da an seinen Damm gespült worden war. Ein Holzstamm war es nicht, dazu war es zu hell, und Rinde hatte es auch nicht. Der Biber schnupperte und lag flach im Wasser, der paddelförmige Schwanz bewegte sich langsam und vorsichtig. Der Nager näherte sich dem Ding, das so früh am Morgen noch keinem aufgefallen war. Es war anscheinend einer dieser Menschen, die hier überall herumliefen. Die waren ja schon lange in der Nähe umtriebig, aber seit ein paar Wochen gab es eine richtige Invasion. Sie waren so laut und anstrengend, dass er sich erst in der Dunkelheit, wenn alles ruhig war, blicken ließ. Und nachts tat er eben, was Biber so tun – aber dieses Ding war ihm tatsächlich entgangen. Das Tier blinzelte, das Tageslicht lag nun hell über der Landschaft, und vereinzelt tummelten sich Menschen in grünen Fellen auf den Wegen rund um die Jagst. Er hatte keine Lust auf die Zweibeiner. Leicht verstimmt tauchte der Biber ab und unterirdisch weiter in seinen Bau.
Sie hatten gut gefrühstückt und waren in Rolands altem Mercedes – Heikos BMW M3 war ein Zweisitzer – von Satteldorf über Crailsheim, Jagstheim, Randenweiler, Jagstzell und andere größere und kleinere Dörfer nach Ellwangen gefahren. Lisa hatte ihre Eltern besonders auf die imposante Wallfahrtskirche Schönenberg sowie das Schloss aufmerksam gemacht. Beide Gebäude erhoben sich imposant zu ihrer Linken und dominierten die Stadt.
In Ellwangen angekommen, stellten sie das Auto im Parkhaus ab und fanden mithilfe der guten Beschilderung schnell den Weg zu einem der Eingänge der Ellwanger Landesgartenschau. Heiko war gottfroh, dass Lisa ihre Mutter zu ordentlichem Schuhwerk hatte überreden können. Vor ein paar Jahren auf der Muswiese waren sie alle wegen Marias mit Ackerdreck verklebten Schühchen beständig aufgehalten worden. Damenschuhe – das war ein Thema, das ihm sowieso schleierhaft war. Zugegeben, manche davon sahen gut aus. Doch wenn sie wehtaten, drückten, die Zehen zu einem spitzwinkligen Dreieck zusammenquetschten und man ergo damit nur schlecht laufen konnte – warum taten die Frauen sich so was an?
Am Eingang bezahlten sie den Eintritt und ließen sich von der Dame im Kassenhäuschen zwei Landesgartenschaupläne überreichen.
»Das ist aber …«, sinnierte Lisa, während sie die komplexe Karte entfaltete.
»Lang gezogen?«, schlug Heiko vor. »Verläuft halt an der Jagst entlang.«
»Das ist also die Jagst«, schlussfolgerte Roland und fuhr auf dem Plan mit dem Finger das gewundene blaue Band nach.
»Die fließt weiter nach Crailsheim«, erklärte Heiko und deutete unbestimmt nach Nordwesten.
»Ich freue mich ja so, dass wir das miteinander machen«, meinte Maria und schenkte der Runde ein Lächeln, sogar Heiko.
Vielleicht war sie doch ganz nett und meinte nicht alles immer so, wie sie …
»Also! Was machen wir zuerst?«, fuhr seine Schwiegermutter in spe fort und studierte zusammen mit ihrer Tochter den Plan.
»Eine Wellness-Wiese!«, seufzte Lisa. »Da müssen wir unbedingt hin!«
Sicher selbst gesiedete Schafmilchseifen, selbst gesammelte Kräutertees und selbst getöpferte Gartenschilder, schauderte Heiko innerlich. Da musste er wohl durch.
»Und hier sind die Schaugärten, da ist doch sicher ein Zen-Garten dabei«, redete Lisa weiter.
Auch Roland entfaltete soeben seine Karte, und Heiko stellte sich zu ihm, um ebenfalls einen Blick darauf zu werfen.
»Ein römisches Lager«, murmelte er. »Das schauen wir dann aber auch an!«
»Doch als Erstes wäre der Aussichtsturm nicht schlecht, da kann man sich einen Überblick verschaffen«, schlug sein künftiger Schwiegervater vor, eine Idee, die letztlich allgemeine Zustimmung fand.
Parameshvari alias Theona Leuzinger-Haberstock saß in ihrer Jurte auf der Wellness-Wiese mit dem Schild am Eingang: »Das innere Leuchten«. Der Auftritt war professionell gestaltet, und für die Dauer der Landesgartenschau hatten sie sich in einem Zelt auf dem angrenzenden Campingplatz einquartiert. Sie trug ein weißes Leinengewand; das frisch mit Henna gefärbte Haar trug sie zu einem lockeren Zopf gebunden. Um den Hals hing ihr Talisman, ein Mondstein aus Indien, gekauft in dem Ashram, in dem sie ihre Ausbildung erhalten hatte. Eine ihrer Ausbildungen, um genau zu sein, denn sie war so vieles. Nicht dass sie sich etwas darauf eingebildet hätte. Sie verfügte einfach über verschiedene Gaben, die sie gerne an die Menschen weitergab – um ihnen zu helfen.
Sie rückte das Preisschildchen an der Kindron-Schale aus nepalesischem Speckstein zurecht und beschloss, die tibetanischen Glücksarmbänder noch farblich zu sortieren. Soeben kam Robert herein, sie betrachtete wohlwollend seinen sehnigen Körper. Er war in ihrem Alter. Sie könnte auch Jüngere haben, wenn ihr danach wäre, sie hätte durchaus Chancen. Aber Robert und sie hatten eine besondere Verbindung, eine geistige, die sich körperlich manifestierte. Sie streichelte ihm übers Haar, spielte kurz mit dem eingeflochtenen silbernen Mond in einer seiner langen dunklen Rastalocken und murmelte fast lautlos einen Segen für ihren treuen Gefährten.
Heiko, Lisa, Maria und Roland hatten sich inzwischen zielstrebig entlang der Jagst vorangearbeitet. Es herrschte bereits eine unterschwellige Wärme, die einen schönen Sommertag verhieß. Lisa war froh, dass sie ein Kleid angezogen hatte, ein grünes mit weißen Blumen, passend zur Landesgartenschau. Auch Maria hatte sich schick gemacht, trug ein hellblaues Etuikleid mit Schuhen, die jedoch trotz ihrer Geländetauglichkeit auf das Outfit abgestimmt waren. Roland und Heiko waren definitiv »casual« gekleidet, Heiko in Jeans und Shirt, Lisas Vater im gestreiften Freizeithemd.
Am nordöstlichen Flussufer folgten sie einem schön gestalteten Weg unter Bäumen. Laut Plan war der Aussichtspunkt auf dieser Seite der Jagst gelegen, aber bereits von hier konnten sie sehen, was alles geboten war. Und das, obwohl das Gelände der Landesgartenschau an dieser Stelle zur Stadt hin nur schmal war. Auf der anderen Seite des im Licht der Morgensonne glitzernden Flusses blühten Tausende, ach was, Millionen bunter Blumen. Zelte und Pavillons waren aufgestellt worden und boten verschiedene Attraktionen für die Besucher. Die Seite der Jagst, auf der sie sich befanden, war ruhiger, und sie folgten der Strecke einen knappen Kilometer, bis sie ihr Ziel erreichten – den Turm. Es handelte sich um eine architektonisch überaus interessante Konstruktion mit wabenförmigen Elementen, die futuristisch anmutete und wirklich cool aussah.
»Mir ist schon vom Hochschauen schwindelig«, raunte Lisa und blickte nach oben, und Heiko erinnerte sich an ihre latente Höhenangst. »Ich bleibe hier unten«, beschloss seine Verlobte.
Kurz versuchten die drei anderen, sie zu überzeugen, aber Lisa winkte lachend ab. Schlussendlich bestiegen Maria, Roland und Heiko den Turm. Über Ecken ging es nach oben, immer höher. Heiko bemühte sich nach Kräften, nicht zu schnaufen, das wäre eines Polizisten nicht würdig gewesen – obwohl er schon ein klein bisschen aus der Puste kam und in nächster Zeit definitiv etwas für seine Kondition würde tun müssen.
»Herrlich, euer Hohenlohe«, schwärmte Maria mit Blick auf die Landschaft und lag schon wieder falsch, denn diesmal befanden sie sich ja am Rand der Ostalb. Aber immerhin hatte sie sich bemüht.
Er schenkte ihr ein Lächeln, das hielt, bis sie vollends oben angekommen waren. Und von dort war der Anblick wirklich überwältigend. Sie waren die Einzigen auf der Plattform, offenbar war Rolands Idee, gleich zu Beginn hierherzukommen, gut gewesen. Von ihrem erhöhten Standpunkt aus erkannte man deutlich, dass sich das Landesgartenschaugelände an der Jagst entlangzog, nach links einen halben Kilometer, nach rechts wohl einen knappen Kilometer. Dekorativ und überwältigend bunt wie orientalische Teppiche lagen die Blumeninseln zwischen metallenen, in der Morgensonne glitzernden Pavillons. Die Jagst war ein ebenso funkelndes, irisierendes Band, mal graugrün, mal weiß aufblitzend bei bewegtem Wasser, mal silbern. Rechter Hand entdeckten sie das römische Lager, das Heiko innerlich als Programmpunkt nun definitiv festlegte. Weiter hinten konnte man weitere Zelte ausmachen, geradeaus ebenfalls Stände, die einen Weg säumten, dahinter lag offensichtlich ein Campingplatz. Ganz am Ende des Geländes, hinter dem Wellenbad, wirkte es besonders quirlig, in dieser Ecke schien sehr viel geboten zu sein. Und dazwischen überall bunt leuchtende Tupfen, Blumen in allen Farben, die auf das Auge einprasselten und wie byzantinische Mosaike aussahen.
Nach links hin wurde es ruhiger, die Jagst gewundener. Pferde und Kühe grasten auf einer großzügigen Weide, wie Heiko verwundert feststellte, damit hätte er nun eher nicht gerechnet. Der Fluss war naturnah umgeleitet worden und von zahllosen Bäumen gesäumt. Nur hinten links schien irgendwas los zu sein, auch in unmittelbarer Nähe des Aussichtsturmes. Aber da gab es ebenso weite Strecken, die einfach nur ruhig und schön waren. Das war etwas für ihn, hoffentlich würden sie irgendwann mal in diese Richtung gehen.
»Machen die hier auch Kunstprojekte?«, ergriff Maria das Wort.
»Bestimmt«, mutmaßte Heiko. »Warum?«
»Dahinten im Fluss scheint es eine Installation zu geben, dort an dem Biberdamm.« Marias spitz ausgestreckter Finger wies in eine bestimmte Richtung. »Etwas Weißes. Das ist Kunst, oder?«
Heiko folgte ihrem Blick, kniff die Augen zusammen. Zückte dann sein Handy, um die Szene mit der Kamera etwas heranzuzoomen. Und schluckte schwer, als ihm klar wurde, dass das keine Kunstinstallation sein konnte.
»Das ist …«, rang er nach Worten und wandte sich hilfesuchend an Roland, der zum Glück tatsächlich sofort begriff. Heiko wollte unbedingt vermeiden, dass seine Schwiegermutter in spe auf diesem Turm kollabierte.
»Das sieht wie eine Installation aus«, befand also auch ihr Gatte. »Komm, Maria, wir gehen schon mal runter, Heiko kommt bestimmt gleich nach.«
Heiko wartete, bis Roland und Maria das Plateau unter ihm erreicht hatten. Zwar war ihm die Nummer des Ellwanger Polizeipostens bekannt, allerdings bezweifelte er, dass die schnell genug eintreffen würden. Am besten wäre es also, die 112 anzurufen, dann käme er womöglich gleich beim Roten Kreuz raus.
»Grüß Gott, hier ist die Leitstelle, wie kann ich Ihnen helfen?«, meldete sich eine freundliche männliche Stimme, die nach einem Herrn mittleren Alters klang.
Heiko beschrieb die Lage und erklärte, dass man besser gleich die Polizei mitschicken solle, so wie das aussehe.
Im römischen Lager war bereits einiges los. Edelgarta servierte soeben den mit Honig gesüßten Brei aus Hafer und Bohnen, ein typisches Essen für Gladiatoren. Ihr Sohn Favonius, der im wirklichen Leben Jürgen hieß und auf die 40 zuging, fand den Brei seiner Mutter ganz köstlich.
Horstus alias Horst seufzte. Die Edelgart war Ernsts Frau – und anders als seine Gattin (die sich daheim im nicht allzu fernen Neunstadt während der Lagerzeit mit einem Anruf pro Tag begnügte) wusste sie nicht, was sich gehörte. Dass man nämlich die Männer auch mal in Ruhe ließ und nicht bei jedem Scheiß mitmachen musste. Denn dieses Lager war Männersache, definitiv. Man spielte mit Waffen und hatte coole Klamotten an. Man blickte ins Lagerfeuer, schweigend – eigentlich, denn das gestaltete sich äußerst schwierig, wenn so eine Henne die ganze Zeit dazwischengackerte. Auf Ernsts matte Einwände, Frauen seien früher schließlich auch nicht mit den Kriegern durch die Lande gezogen, hatte Edelgarta entgegnet, dass sie die Domina des Zeltes sein könnte und dass auch die kleinen Mädchen sehen sollten, wie Römerinnen einst gelebt hatten. Außerdem könne sie den Ernst nicht so lange allein lassen, der würde darben und verhungern. Dass Ernst darben oder gar verhungern könnte, war bei seinem Leibesumfang hingegen unwahrscheinlich. Eher musste sie da schon ihren Spargeltarzan von Sohn füttern, der Geschichte studiert hatte und fast nur am Klugscheißen war. Außerdem genoss er es, sie alle auf Latein zuzutexten, was wenig hilfreich war, weil ihre Kenntnisse der alten Sprache nur bruchstückhaft waren.
Am liebsten war Horstus – neben Ernst, wenn er denn mal allein war – Sebastian. Der kam dem, was einen römischen Krieger ausmachte, am nächsten: gut aussehend und athletisch, ein bisschen wie ein amerikanischer Footballspieler, fand er zumindest. Jetzt allerdings drückte der Adonis arg unrömisch auf seinem Handy herum, die Stirn gerunzelt, der Haferbrei unangetastet.
»Isch alles guad?«, erkundigte sich Horstus bei seinem Kameraden.
»Die Laurie hat meine Nachricht seit gestern nicht angeschaut«, antwortete Sebastian.
»Die schloafd sicher noch«, vermutete Horst. »Bua, iss was, dass was wirsch.« Er klopfte ihm auf den Rücken und lächelte ermutigend.
Heiko hatte Lisa flüsternd in Kenntnis gesetzt und auch Roland, der daraufhin verkündet hatte, er und Maria würden sich mal nach Zen-Gärten umschauen, da würde es doch bestimmt was geben. Ein anschließender Anruf beim Ellwanger Polizeiposten ergab, dass der Kollege unterwegs zu ihnen sei und auch der Crailsheimer Spurensicherer zusätzlich zu den Aalenern angefordert sei. Sie dürften sich in ihrer Funktion als benachbarte Kriminalkommissare schon mal umschauen.
Als sie vor Ort eintrafen, waren bereits einige Sanitäter zugange, die mit Gummistiefeln durchs Wasser wateten.
»Bitte weitergehen«, blaffte der eine, bevor er vor sich hin murmelte: »Blöde Gaffer!«
»Polizei«, erwiderte Heiko.
»Jaja!« Dann winkte der Rettungshelfer entnervt ab und wandte sich dem Kollegen zu, der soeben den bleichen Körper erreichte und den Kopf schüttelte, nachdem er die Leiche kurz in Augenschein genommen hatte. »Nix anfassen, das ist ein Fall für die Bullen«, erklärte er und watete zurück zum Ufer, wohl um Heiko jetzt wirklich zusammenzufalten.
Dieser hielt ihm allerdings wortlos seinen Polizeiausweis vor die Nase. »Meine Kollegin Lisa Luft, und ich bin Heiko Wüst. Der Polizeiposten Ellwangen meinte, wir sollen schon mal ran, bis die Kollegen da sind.«
»Ach so, nix für ungut, ihr wisst ja, wie die Leut sind«, brummte der Sanitäter und lächelte in Lisas Richtung.
Theona Leuzinger-Haberstock rief nach ihrem Gefährten. Er wirkte heute anders als sonst, unaufmerksam und zerstreut.
»Geht es dir gut, Geliebter?«, fragte sie. »Falls du ein paar Bachblüten zur Entspannung möchtest, ich hätte da was … Oder möchtest du eine kurze Cannabis-Öl-Schläfen-Massage?«
Robert strich sich eine Strähne seiner inzwischen gelösten Rastafrisur aus dem Gesicht und schenkte ihr ein Lächeln, das irgendwie unecht anmutete – er verheimlichte ihr etwas –, oder war er nur müde?
»Alles okay, Theona«, versicherte er.
Sie schliefen wenig in diesen Nächten, immerhin war gestern Vollmond gewesen, da hatten sie sich lange und ausgiebig geliebt, Chandrabushana und Parameshvari, vereint unter dem Mondschein. Ihr Wohnmobil auf dem Campingplatz war ein sehr mystischer Ort, wenn sie könnte, würde sie dort für immer wohnen, dachte sie. Obwohl ihr Einfamilienhaus in Stimpfach mit dem Jacuzzi und der Sauna im Keller natürlich auch nicht schlecht war, zumal es inzwischen abbezahlt war.
»Sicher?« Sie sah ihn prüfend an, doch er senkte den Blick.
»Sind das tibetanische Seiden-Gebetsfahnen?«, erkundigte sich eine Dame um die 30.
Theona Leuzinger-Haberstock log wie gedruckt und erklärte der Kundin, die seien aus tibetischer Seide und von einem Lama gesegnet worden. Dabei waren sie feinstes Polyester, kamen aus China und waren nur von ihr kartonweise mit einem Segen besprochen worden, aber das zählte ja auch.
Luise kramte in ihrer Damenhandtasche und reichte ihrer Freundin Sieglinde, die soeben hatte niesen müssen, ein Taschentuch. Die Arme litt an Heuschnupfen, bestand jedoch trotzdem darauf, sich regelmäßig draußen zu bewegen – weil mit ihren knapp 80 Jahren gehörten sie ja wohl noch nicht zum alten Eisen, und – wie pflegte sie zu sagen: »Dahamm sterwa d’ Lait.«
»Gsundheit«, wünschte Luise, während sich ihre Freundin die Nase putzte.
Dann knüllte Sieglinde das Tuch zusammen und stopfte es in ihre Rocktasche. »Sigsch du des genau?«, fragte sie und starrte angestrengt aufs gegenüberliegende Ufer, wo sich ein faszinierendes Schauspiel abspielte.
Eine Leiche war wohl gefunden worden, eine echte! Weiß gewandete Spurensicherer streiften umher, dazwischen standen ein Polizist und ein paar weitere Leute, dazu noch ein kleiner Dackel, den ein Pärchen mitführte.
»Ha, i glaab, des Maadle is verschossa worra«, folgerte Luise, nachdem sie mit zusammengekniffenen Augen eine Weile konzentriert gestiert hatte.
»Verschossa? Also noh! Ja, mit was?«
»Mit am Pfeil, glaab i, doa sicht mer jedafalls sou an Schdorchl.«
»Wie, an Indianerpfeil?«
»Scht«, mahnte Luise und blickte sich um. »Indianer deff mer doch nimmi soocha.«
»Wie, wieso deff mer des nimmi soocha?«
»Weecha denna amerikanischa Ureiwohner.«
»Sigsch du doahanna amerikanische Ureiwohner?«, hielt Sieglinde trocken dagegen.
Luise grinste. »Noh. Aber wenn doahanna etz a amerikanischer Ureiwohner wär …«
»Also i glaab net, dass des Maadle von am amerikanische Ureiwohner umbroochd worra is.«
»Noh, des gwieß net, awwer …«
»I sooch Indianerpfeil«, beschloss Sieglinde und verschränkte die Arme.
»Sou a jungs Maadle«, klagte Luise, das Thema wechselnd.
»Moonsch, dass die jung wor?«
»Ha, a schääs Klaadle hat’s ou, richtig romantisch. Des kennda mir in unserm Alter nimmi ouziecha.«
»Vielleicht wor’s ein Mord aus Liebe? Eifersucht?«, mutmaßte Sieglinde und dachte an die letzte Tatort-Folge, die ihr fast zu brutal gewesen war.
»Jedafalls schood um sou a jungs Maadle«, fuhr Luise fort.
»Arch schood!«
Beide schwiegen eine Weile, neben ihnen machte jemand Handyfotos.
»Moonsch, dass die doahanna etz ermittla?«, fragte Luise weiter.
»Bestimmt. Und wahrscheinlich is des Pärle von dr Kripo.«
»Wie kummsch ’n doa druff?«
»Ha, Kriminalbollizei rennt doch immer in Zivil ummanander.«
»Wer waaß? Spannend uff alli Fäll!«, fand Luise.
»Haja, mir hewwa ja a Dauerkarta«, fiel Sieglinde ein, und ihre Augen leuchteten dabei.
Nach einer weiteren Dreiviertelstunde war Uwe angekommen, zusammen mit einem Kollegen aus Ellwangen, und watete in Gummistiefeln und weißem Spurensicherer-Outfit durch die seichte Jagst.
»Am Biberdamm«, murmelte er, als er zu Lisa, Heiko und dem Ellwanger Kollegen, der sich als Ralf Steinacker vorgestellt hatte, zurückkehrte.
»Wie lange schon tot?«, erkundigte sich Steinacker.
Uwe wiegte den Kopf. »Schwer zu sagen, man müsste die Temperatur der Jagst miteinbeziehen, die den Körper ja weiter runterkühlt. Ist wohl irgendwann heute Nacht passiert.«
»Und deine Mutter hat die Leiche entdeckt?«, wandte sich Ralf an Lisa – unter Polizisten war man gleich beim Du.
»Ja, sie hat halt was Weißes im Wasser gesehen, und Heiko hat dann mit der Handykamera rangezoomt.«
»Und dabei den Pfeil entdeckt«, bestätigte Heiko. »Ich hab mir gleich gedacht, dass da nichts mehr zu machen ist.«
Uwe und seine Kollegen hatten bald alles am Fundort fotografiert und gesichert, anschließend bargen sie die Leiche, brachten sie an Land – hinter einen eilig aufgestellten Sichtschutz, der neugierige Blicke fernhalten sollte. Das funktionierte allerdings nur von der einen Seite her. Am nordöstlichen Jagstufer bildete sich eine beständig anwachsende Menschentraube.
»Die war noch keine 30«, stellte Lisa fest, als sie in das jugendliche, außergewöhnlich schöne, aber von einem erschrockenen Ausdruck gezeichnete Gesicht der toten Frau blickte.
Das war Heiko noch nicht aufgefallen, er war vollkommen fokussiert auf den langen hölzernen Pfeil, der tief in die Brust eingedrungen war und ganz offensichtlich die Todesursache darstellte. Das zumindest legte der knallrote Blutfleck auf dem weißen Kleid mit dem zarten Blumenmuster nahe, der fast den gesamten Oberkörper überzogen hatte und inzwischen im Jagstwasser bräunlich verwaschen war.
»Ein Treffer direkt ins Herz«, vermutete er.
»Das müssen die Ulmer Pathologen rausfinden«, erwiderte Uwe, »aber ich würde sagen, ja.«
»Sieht aus, als wäre das kein Zufallstreffer gewesen.«
»Der Mörder weiß, wie man mit Pfeil und Bogen umgeht«, stimmte der Spurensicherer zu.
»Hat man eine Handtasche gefunden? Einen Geldbeutel oder so was?«, erkundigte sich Lisa.
Doch Uwe schüttelte den Kopf. »Bisher nicht. Eine Vermisstenmeldung dürfte es nach dieser kurzen Zeit auch noch nicht geben, da wartet man ja normalerweise 24 Stunden.«
Ein Kollege der Aalener Spurensicherung näherte sich der Leiche. Er legte einen Blütenkranz neben den leblosen Körper auf einer Folie ab. »Das hatte sich am Biberdamm verfangen.«
»Blumen«, brummte Heiko, wurde allerdings von Lisa umgehend korrigiert. »Lilien, Rosen und Nelken.«
»Hatte sie den auf?«, hakte Heiko nach.
»Vermutlich. Es sind ein paar Haare dran, schon gesichert.«
»Laurie!«, drang plötzlich ein markerschütternder Schrei vom Weg herüber.
Alle Köpfe wandten sich in die entsprechende Richtung, und da … kam ein Römer angerannt. Ein überaus gut aussehender, durchtrainierter römischer Soldat in Rüstung und mit Helm, allerdings ohne Waffen.
»Laurie! Ist das Laurie?« Der Mann erreichte das Absperrband, schüttelte brüsk den Polizisten ab, der ihn zurückhalten wollte, und schlüpfte ohne weitere Diskussion einfach durch.
Allerdings stellten sich ihm Ralf und Heiko in den Weg, was ihn endlich doch zögern ließ.
»Ist das Laurie?«, fragte er noch einmal.
»Wer sind Sie überhaupt?«, wollte Lisa wissen, die inzwischen zu der Gruppe getreten war.
»Sebastian Hartmann«, stellte sich der Römer vor.
»Und wie kommen Sie darauf, dass das … Laurie sein könnte?«
Der junge Mann nahm den Helm ab und strich sich durch die vollen mittelbraunen Haare. Seine braunen Augen blickten ehrlich besorgt drein – oder spielte er nur?
»Die haben erzählt, da sei eine ermordete Frau in der Jagst, mit einem weißen Kleid. Und meine Freundin schaut seit gestern ihre Nachrichten nicht an und mag Kleider und …«
Lisa und Heiko tauschten einen Blick.
»Waren Sie denn mit Ihrer Freundin verabredet?«, forschte Lisa.
»Verabredet? Ich? Nein, aber wir wohnen nicht weit von hier, und sie geht gerne auf dem Gelände spazieren, sie mag Blumen, und ich …«
»Haben Sie denn ein Foto von Ihrer Freundin?«, unterbrach Lisa mit einem milden Lächeln.
Der junge Legionär zückte sein Handy und scrollte ein bisschen herum, bevor er Lisa und Heiko eine Aufnahme zeigte, die eindeutig die Tote abbildete – eine ausnehmend hübsche junge Frau mit offenem rotblondem Haar, hellem Teint und sanften grünen Augen.
Lisa fasste ihn sanft am Arm. »Lassen Sie uns mal kurz da rübergehen«, sagte sie und führte Sebastian Hartmann zu einer nahe stehenden Bank, während der bereits aufschluchzte und rief: »Sie ist es, gell?«
Heiko folgte seiner Verlobten und Partnerin.
»Ist sie es?«, fragte der Freund des Opfers noch einmal, hoffnungsvoll Heikos Blick suchend.
Der kämpfte mit seinem inneren Beamten und dem Polizeijargon – »mutmaßlich« … »Ergebnis steht noch aus« … »noch keine Identifizierung« … –, antwortete dann allerdings ohne weitere Umschweife: »Ja.« Dann fügte er hinzu: »Es tut mir leid.«
»Auch meine herzliche Anteilnahme«, beeilte sich Lisa zu versichern. »Sie war Ihre Verlobte?«
Sebastian heulte auf, schüttelte den Kopf und schniefte schließlich: »Meine Freundin und WG-Partnerin.«
»Wie heißt Ihre Freundin mit vollem Namen?«, erkundigte sich Heiko, absichtlich das Präsens verwendend, um die Emotionen nicht noch höher kochen zu lassen.
»Laurine Krämer. Laurie.«
»Können Sie sich vorstellen, was die Laurie nachts hier gemacht hat, in einem Sommerkleid und mit einem Blumenkranz im Haar?«
Der Mann wiegte den Kopf und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. »Wir haben uns gestern nicht gesehen. Aber die Laurie war esoterisch drauf, die hatte so Anwandlungen, ist nachts bei Vollmond rumgelaufen und so Zeug.«
»Sie selbst haben keine … esoterischen Anwandlungen?«, hakte Heiko nach.
Ein heftiges Kopfschütteln folgte als Antwort, daraufhin ein Aufschluchzen. »Entschuldigen Sie, ich …«
»Vollkommen verständlich«, beruhigte Heiko ihn. »Fühlen Sie sich denn in der Lage, mit uns zu reden?«
Sebastian schniefte erneut und nickte, bevor er mit zitternder Stimme fortfuhr: »Ab und zu war die Laurie auch bei dieser Esoteriktussi. Wenn ihr mich fragt, verarscht diese alte Kuh die Leute. Anders als die Laurie, die hat sich da wirklich was dabei gedacht.«
»Welche alte Kuh?«
»Parma-irgendwas heißt die, hat auf der Wellness-Wiese ein Zelt mit so Spezialprodukten für Esoteriker. Die Laurie ist über ihre Mutter Edith zu ihr gekommen. Die Edith ist praktisch Vollzeitjüngerin von dieser Parma-Tussi.«
»Und Sie selbst halten sich lieber an die Römer«, stellte Heiko fest.
»Das ist so ein Männerdings, mit Spielen mit Waffen und Verkleiden mit coolen Klamotten, wisst ihr … Ich kann’s noch gar nicht fassen … meine Laurie!« Wieder schluchzte er auf, diesmal heftiger, und barg sein Gesicht in den Händen.
Ralf gesellte sich nun zu ihnen und betrachtete den Mann mit verschränkten Armen, zunächst schweigend.
»Der Freund des Mordopfers«, informierte Heiko ihn leise.
»Sie sind also bei den Römern«, wandte sich Ralf an den jungen Mann und fügte hinzu: »Habt ihr nicht auch diesen Bogenschießstand?«
Sebastian hob den Blick. »Ja, aber wieso …?«
»Das vertiefen wir jetzt nicht weiter«, schaltete sich Heiko ein und winkte einen Sanitäter herbei, der sich um den Freund der Toten kümmern sollte, welcher jetzt völlig zusammenbrach.
Als der Mann im Krankenwagen versorgt wurde, seufzte Ralf auf. »Keine Ahnung, wie wir einen Mord stemmen sollen, bei uns auf dem Revier grassiert die Sommergrippe, und die Aalener sind durchgetaktet. Würde es euch stören, wenn ich eure Unterstützung anfordern würde? Immerhin wart ihr die Ersten vor Ort und müsstet nicht eingearbeitet werden.«
»Klar, Amtshilfe und so«, erwiderte Heiko. »Wäre schon sinnvoll, Ellwangen ist nicht weit, und bei uns in Hohenlohe ist es grad zum Glück friedlich.«
Ralf nickte erfreut. »Mir ist gleich ins Auge gefallen, dass die vermeintliche Tatwaffe genauso ein Pfeil ist wie die, mit denen die Römer drüben im Lager schießen.«
»Tatsächlich?«, wunderte sich Lisa. »Dann ist der Mörder womöglich schnell gefunden.«
»Vielleicht sollten dann die Spurensicherer direkt im römischen Lager weitermachen«, überlegte Heiko und winkte Uwe und seine schwäbischen Kollegen heran, um sie entsprechend zu instruieren. »Und wir kommen gleich mit.«
Der Legionär Ernstus beobachtete seinen Sohn Favonius, wie er sich dem Kind zuwandte – einem Jungen – und ihm erklärte, wie er den Pfeil auf die Sehne legen sollte, damit er abgeschossen werden konnte auf die bunte, in nicht allzu weiter Entfernung aufgestellte Zielscheibe. Die kleinen Finger waren ungeschickt und rutschten mehrere Male ab, bevor es dem Jungen endlich gelang, den Pfeil ein paar Meter weit fliegen zu lassen, immerhin in die ungefähre Richtung des Ziels. Sein Sohn war geduldig mit dem Kind, der würde bestimmt mal ein guter Vater werden.
Horstus erklärte derweil einem Mädchen, wie die Römer früher die Schilde in der Schlacht benutzt hatten, und Edelgarta unterhielt sich angeregt mit einer Mutter über antike Frisuren und wie sie zeitgenössisch neu interpretiert werden konnten.
Der Knabe legte gerade einen zweiten Pfeil auf, als ein herrisches »Halt!« die Luft durchschnitt und sich mehrere Männer in weißen Ganzkörperanzügen näherten, im Schlepptau ein Pärchen mit Hund. Alle erstarrten, der Junge verzog ängstlich das Gesicht, ließ den Bogen fallen und rannte zu seiner Mutter.
Heiko erkannte sofort, dass die Pfeile, die in den Schießscheiben steckten, eine frappierende Ähnlichkeit mit demjenigen aufwiesen, der Laurine Krämer ins Jenseits befördert hatte. Der hölzerne Schaft war mit mehreren Schwungfederteilen kreuzförmig bestückt. Sie waren ungefähr einen halben Meter lang und sahen selbst gebaut aus, zeugten aber durchaus von Kunstfertigkeit.
Er trat auf einen jungen Mann zu, der etwas unschlüssig dreinblickend einen Bogen in den Händen hielt und ebenso wie Sebastian wie ein römischer Soldat gekleidet war. Allerdings wirkte er deutlich schmächtiger als der Freund des Mordopfers.
»Wir müssen uns dringend mit Ihnen unterhalten, und den Schießstand müssten Sie bitte sperren«, informierte Lisa die Gruppe. Sie war hinter Heiko getreten, zusammen mit Sita, die aufgeregt am Boden schnupperte.
»Wer sen ihr eigentlich, und was isch denn bassiert?«, erkundigte sich der Römer, dem sich Heiko genähert hatte.
»Kriminalpolizei samt Spurensicherung. Es hat ein Verbrechen gegeben, und wir müssten uns mal Ihren Schießstand genauer anschauen«, antwortete Heiko bereitwillig – was im Grunde nicht nötig gewesen wäre, weil Uwe und seine Kollegen schon begonnen hatten, den Stand abzusperren und Spuren zu sichern.
Wenige Minuten später hatten die Kommissare alle Anwesenden um die Reste eines kleinen Feuers versammelt. Zwei ältere Männer, der jüngere, schmächtige und eine Matrone positionierten sich rund um die bronzene Schale, in der die Flamme vor sich hin kokelte.
»Wüst und Luft von der Kriminalpolizei«, stellte Heiko sich und Lisa offiziell vor.
»Was isch ’n los?«, blaffte der dickere der beiden älteren Römer.
»Wir haben da unten am Fluss eine Leiche gefunden, die einen Pfeil in der Brust stecken hatte.«
Heiko beobachtete die Römertruppe. Alle – mit Ausnahme von dem jungen Kerl, der schockiert wirkte – blickten interessiert drein.
»Wen denn?«, fragte schließlich die Frau, die sich mit verschränkten Armen neben den Dicken gestellt hatte.
»Wie wen?«, entgegnete Heiko.
»Na, wen ihr gfonda henn.«
»Zunächst einmal müssten wir wissen, wer Sie eigentlich sind. Und ob Sie eine Laurine Krämer kennen.«
Dem Schmächtigen entfuhr ein lang gezogener Schmerzenslaut. »Ist sie das? Die Laurie?«
»Und Ihr Name war noch mal …?«, ergriff Lisa das Wort.
Der Mann schluckte, was gut an seinem ausgeprägten Adamsapfel zu sehen war, und leckte sich die Lippen, bevor er antwortete: »Jürgen Langer mein Name. Ich bin Lauries Mitbewohner.«
»Ihr Partner?«, wunderte sich Lisa, hatte doch gerade schon Sebastian Hartmann angegeben, mit dem Mordopfer liiert gewesen zu sein.
»Nein, wir sind nur Freunde und wohnen zusammen. Mit dem Sebastian und der Cynthia.«
»Cynthia …?«
»Die hat nichts mit dem Lager am Hut, die ist Reiseverkehrskauffrau.«
»Und nicht auf der Landesgartenschau, nehme ich an?«, fuhr Lisa fort und hielt Sita mit einem scharfen Ruck an der Leine davon ab, gegen die Bronzeschale zu pinkeln.
»Nein, aber der Sebastian, der ist allerdings …«
»Den kennen wir schon«, unterbrach Heiko und wandte sich dann an die drei älteren Römer, um sich nach ihren Namen zu erkundigen.
»Edelgart und Ernst Langer«, antwortete die Frau.
»Und i ben dr Horschd. Horschd Waldmann«, stellte sich der Letzte in der Runde vor, eindeutig auf Ellwangerisch.
»Und was macht ihr hier?«
»Mir senn dr ›Interessenskreis Römische Kultur‹. Und mir henn zur Landesgartenschau a Lager«, erwiderte Edelgart Langer.
»Waren Sie denn gestern Nacht auch alle hier? Oder gehen Sie über Nacht nach Hause?«
»An de Wochenende semmer emmer do. Onder dr Woch bloß i ond dr Jürgen, do isch dr Sebaschdian em Gschäft«, erklärte die Frau weiter, die es wohl gewohnt war, für die Männer zu antworten.
»Aber gestern Nacht waren Sie alle hier?«, vermutete Lisa.
Alle nickten.
»Ist jemandem von Ihnen etwas aufgefallen?«, erkundigte sich Heiko.
»Nix«, sagte Edelgart schnell.
»Mir henn ons a Weile mit dem Security onderhalda«, warf ihr Mann Ernst ein.
»Ach, wie heißt der?«
»Ivan, glaub i, a Kroat. Aber der wird etz schloofa, der isch emmer bloß nachts do.«
»Aha«, brummte Heiko und machte sich gedanklich Notizen, dass sie mit diesem Ivan unbedingt reden müssten. »Und sonst, ist euch irgendwas aufgefallen? War jemand da, der nicht da sein sollte?«
»Oder war jemand weg, der eigentlich da sein sollte?«, ergänzte Lisa.
Die vier Zeugen tauschten undeutbare Blicke, was auf Heiko seltsam wirkte.
»Nun?«, beharrte er.
»Wann meinet Se denn genau?«, hakte Edelgart nach.
Heiko zuckte die Achseln, immerhin kannten sie noch nicht den genauen Todeszeitpunkt. »Gestern Abend halt.«
»Mir warad alle amol gschwend weg, aufm Klo odder so«, erläuterte Ernst sinnend.
»Wo geht man hier auf die Toilette?«, wollte Lisa wissen.
»Driieba aufm Campingplatz, do koa mer au duscha. Isch ganz nett do«, fand Horst Waldmann. »Ond mir durfad au die sanitäre Olaga benutza.«
